Esther und die stille Souveränität Gottes (II)

Bist du Teil einer religiösen Minderheit, die unter Vorherrschaft einer anderen Kultur lebt? Deren Sichtweise sich in fast allen Belangen von deinen unterscheidet? Wie sähe deine Beziehung zu dieser Kultur unter diesen Umständen aus? Würdest du dich zurückziehen, anpassen, protestieren oder kritisieren?
Das sind Fragen, die Tim Keller in seiner vierteiligen Predigtreihe „Esther and the Hiddenness of God“1 (dt. etwa „Esther und der verborgene Gott“) stellt. Und das sind Fragen, die sich auch heute viele von uns stellen.
Gott wird mit keiner Silbe erwähnt
Im Buch Esther sind die Juden in Gefahr. Sie sind eine religiöse Minderheit, die in Persien lebt, einer Gesellschaft die durch geistliche und moralische Werte beherrscht wird, die sich sehr stark von ihren eigenen Werten unterscheiden. Sie haben keinen König, keine Armee, und kein Land. Und mächtige Akteure wollen sie vernichten.
In der Vergangenheit sandte Gott, wenn sein Volk in Schwierigkeiten war, wundersame Zeichen und Wunder. Hier jedoch scheint er komplett abwesend zu sein. Gott wir mit überhaupt keiner Silbe erwähnt – keine Vision, kein Traum, keine Prophezeiung, kein Gebet.
Ist das Zufall? Oder könnte genau das die Aussage sein?
Eine Verkettung von „Zufällen“
Die Geschichte von Esther ist eine der realistischsten biblischen Berichte über die Vorsehung Gottes, und zwar genau deswegen, weil Gott abwesend scheint. Sie zeigt uns, wie der unsichtbare Gott oft durch die menschliche Geschichte wirkt – „nicht indem er durch Wunder eingreift“, wie Karen Jobes beobachtet, „sondern durch ganz gewöhnliche Ereignisse“.2
„In der Geschichte von Esther ist es Gott nicht so wichtig, äußerlich und sichtbar in Erscheinung zu treten, sondern seine Souveränität zu zeigen.“
Im Buch Esther wird eine Verkettung von „Zufällen“ geschildert, die dazu führen, dass die Juden gerettet werden: ein betrunkener und prahlerischer König, eine Königin mit Selbstachtung, ein Schönheitswettbewerb, ein wunderschönes Mädchen, ein belauschter Anschlagsplan, und eine rechtzeitige Schlaflosigkeit. Gott gebraucht sogar moralisch fragwürdige Entscheidungen, um für sein Volk alle Dinge zum Besten dienen zu lassen.
Und durch diese undurchsichtigen und scheinbar unbedeutenden Mittel bringt er seine Absichten voran. In der Geschichte von Esther ist es Gott nicht so wichtig, äußerlich und sichtbar in Erscheinung zu treten, sondern seine Souveränität zu zeigen.
Besessen von Äußerlichkeiten
Gott ist es nicht wichtig, in Erscheinung zu treten. Uns schon. Das ist die bittere Ironie.
Das Buch Esther beginnt mit einem Fest, das der König im Palast veranstaltet. Es ist ein solch opulenter Palast, dass seine Beschreibung nur mit dem Tempel und der Stiftshütte verglichen werden kann. (Die ursprünglichen Zuhörer hätten diese Anspielung wahrgenommen.) Sechs Monate lang stellt der König seine Macht, seinen Reichtum, seine Majestät und seine Großzügigkeit vor seinen Beamten und Dienern zur Schau, in der Hoffnung, ihre Unterstützung und Loyalität für den Feldzug zu gewinnen, den er gegen Griechenland führen würde.
Am letzten Tag, als die ganze Stadt versammelt ist, befiehlt er der Königin, vor ihm zu erscheinen, um ihre Schönheit zur Schau zu stellen. Von Feministinnen gefeiert für ihre Selbstachtung und von Fundamentalisten gerügt für ihren Ungehorsam, weigert sie sich, vor diesem betrunkenen Publikum zu erscheinen und wird deswegen ihrer Stellung enthoben. Die Botschaft ist klar: Die Dreistigkeit des Königs sollte man fürchten.
Der König richtet einen internationalen Schönheitswettbewerb aus, um die Königin zu ersetzen und zwingt „schöne, unberührte junge Mädchen“ (Est 2,4; NeÜ) in seinen Harem, um sich einer einjährigen „Schönheitspflege“ zu unterziehen. Die „Siegerin“ ist am Ende ein jüdisches Mädchen namens Esther. Sie ist jung, fügsam, und hat Angst – ein vorausgreifender Gegensatz zu der Esther, wie sie später auftritt.
Es hat sich nicht viel verändert
Diese ganze Szene – vom Fest bis hin zum Schönheitswettbewerb – ist ein Spektakel. Es wurde aufgeschrieben, um zu zeigen, wie sehr die persische Kultur Äußerlichkeiten liebt. Männer werden an Reichtum und Macht gemessen, Frauen an Schönheit und Sexualität – oder wie Keller es ausdrückt: Ein Mann an der Größe seines Geldbeutels, eine Frau an der Größe ihres Kleides.
Es hat sich nicht viel verändert, oder? Die Welt sagt uns, Dinge und Menschen anhand äußerlicher Maßstäbe zu messen. Sie sagt uns, dass das, was wir haben – Geld, Schönheit, Talent, Macht – wichtiger ist als das, wer wir sind. Sie verlangt „Schönheitspflege“, um mehr Anerkennung und attraktivere Körper zu bekommen.
Wenn wir jedoch diese von Äußerlichkeiten getriebene Herangehensweise übernehmen, dann verpassen wir Gottes tägliche Treue, weil wir nur nach außergewöhnlichen Wundern Ausschau halten, und nicht nach der alltäglichen Vorsehung. Keller merkt dazu an:
„Wenn man eine der zehn Plagen sieht, dann weiß man: Das ist Gott! Wenn man jedoch sieht, wie König Xerxes sich betrinkt und sich großkotzig benimmt, dann sagt niemand: ‚Wow. Hier ist Gott am Wirken!‘ Aber das Buch Esther möchte euch sagen: ‚Lasst euch nicht irreführen. Gott ist am Wirken‘“.
Wenn wir in politischen Entscheidungen, in der Medizinethik im Bereich Gesundheitsfürsorge oder in alltäglichen Ereignissen Gott heute nicht am Wirken sehen, dann dürfen wir nicht die Schlussfolgerung ziehen, dass er nicht am Wirken ist. Keller sagt dazu:
„Seine Stille ist nicht gleichbedeutend mit Abwesenheit, seine Verborgenheit nicht mit ‚im-Stich-lassen‘“.
Denn das Buch Esther lehrt, dass er in seiner Vorsehung die Rettung seines Volkes bewirkt.
Lache angesichts der Tage, die da kommen
Die Geschichte von Esther verkehrt die Erwartungen ins Gegenteil. Dinge scheinen unausweichlich, sind es aber nicht. Menschen scheinen mächtig, sind es aber nicht. Äußerlichkeiten sind nicht das, was sie zu sein scheinen.
„Das Buch Esther lehrt, dass Gott in seiner Vorsehung die Rettung seines Volkes bewirkt.“
Das Buch Esther wird einige Zeit nach den Ereignissen niedergeschrieben. Die ursprünglichen Zuhörer wissen, dass König Xerxes als besiegter Herrscher von seinem Feldzug nach Griechenland zurückkehrt. Sie wissen, dass Gott Esther gebraucht, um sie zu retten. Sie wissen, wie derjenige, der versucht sie zu vernichten, selbst vernichtet wird. Natürlich wissen sie auch, dass die Geschichte voller Ironie, Satire und Humor ist. Ein Kommentator schreibt dazu:
„Der Autor lehrt uns, uns über genau die Mächte lustig zu machen, die einst unsere Existenz bedrohten – und wieder bedrohen werden – und lässt uns dabei ihre Trivialität wie auch ihre Macht erkennen. ‚Wenn ich überhaupt über vergängliche Dinge lache‘, sagte Byron, ‚dann ist es deswegen, damit ich nicht weine.‘ Juden haben diese Art von Lachen gelernt.“
Esther weist zudem auf Jesus hin. Er ist kein Retter, wie ihn die Menschen erwarteten. Er ist aus Nazareth, nicht aus Jerusalem. Er wird als Sohn eines Zimmermanns gesehen, nicht als König. Auf Äußerlichkeiten basierend wird er nicht geschätzt, sondern verspottet werden. Dann sehen sie ihn am Kreuz eines Verbrechers und begraben ihn in einem ausgeborgten Grab.
Was für ein Witz.
Aber das ist nicht das Ende der Geschichte. Äußerlichkeiten sind nicht das, was sie scheinen. Die Geschichte des Evangeliums macht wie die Geschichte von Esther eine der grundlegendsten Prinzipien biblischer Hermeneutik klar, was Jobes wie folgt ausdrückt:
„Ohne göttliche Offenbarung ist das menschliche Erleben naturgemäß vieldeutig und kann nicht auf rechte Weise verstanden werden.“
Diese göttliche Offenbarung ist die Auferstehung. Die Mächte, die danach strebten, Jesus zu vernichten, werden selbst durch ihn vernichtet – eine Umkehrung, die uns lehrt, selbst den größten Feind (1Kor 15,50–58) zu verspotten. Gegen jede menschliche Erwartung nimmt Jesus den Tod auf sich, den wir verdient haben, damit wir das Leben in Anspruch nehmen können, das er verdient hat.
Das Heute ist ebenfalls nicht das Ende der Geschichte. Die Mächte, die am Ruder scheinen, sind nicht am Ruder. Die unausweichliche Flugbahn ist nicht unausweichlich. Jobes schreibt:
„Verborgen unter der Oberfläche selbst scheinbar unbedeutender menschlicher Entscheidungen und Ereignisse ist eine unsichtbare und unkontrollierbare Macht am Werk, die weder erklärt noch aufgehalten werden kann“.
Bethany L. Jenkins ist stellvertretende Leiterin im Bereich Medien bei The Veritas Forum, schreibt Beiträge bei The Gospel Coalition, und ist Senior Fellow am The King’s College. Bevor sie begann, mit gemeinnützigen Organisationen zusammenzuarbeiten, arbeitete sie im Kongress, im Außenministerium, an der Wall Street und in einer großen Kanzlei. Sie erwarb ihren Bachelor an der Baylor University und ihren Jura-Abschluss an der Columbia Law School. Sie ist aktives Mitglied der Redeemer Presbyterian Church.
Dieser Beitrag erschien zuerst bei The Gospel Coalition. Übersetzung und Wiedergabe mit freundlicher Genehmigung. Mehr Ressourcen von The Gospel Coalition.

1 Tim Keller, Esther and the Hiddenness of God, URL: https://gospelinlife.com/downloads/esther-and-the-hiddenness-of-god/ (Stand: 23.11.2020).
2 Karen Jobes. The NIV Application Commentary: Esther, Grand Rapids, MI: Zondervan, 1999. Weitere Zitate von Jobes stammen ebenfalls aus diesem Kommentar und wurden für diesen Artikel aus dem Englischen übersetzt.
https://www.evangelium21.net/media/2415/esther-und-die-stille-souveraenitaet-gottes

Brauchen wir das Alte Testament?

Die Bezeichnung ‚Altes Testament‘ erweckt gelegentlich den Eindruck, dass es inzwischen überholt oder gar minderwertig ist. Manche Texte aus dem Alten Testament irritieren und es scheint heute leichter zu sein, Worte aus dem Neuen Testament zu verstehen. Brauchen wir heutzutage noch das Alte Testament? Hier einige Aspekte: Ein Blick ins Neue Testament zeigt, dass es hier zahlreiche Anspielungen auf alttestamentliche Texte gibt. Schon die Weihnachtsgeschichte wirft die Frage auf, wer eigentlich David ist und warum es erwähnenswert scheint, dass Josef zu dem Haus und der Nachkommenschaft Davids gehörte. Nur mit der entsprechenden alttestamentlichen Hintergrundinformation wird wirklich deutlich, was es mit dem Retter Jesus auf sich hat. Zudem wird das Alte Testament häufig im Neuen zitiert. Der Apostel Paulus benutzt alttestamentliche Texte als Werkzeug und autoritative Quelle, anhand derer er seine Aussagen begründet oder unterstreicht. Und auch Jesus selbst verwendet beim Sterben einen alttestamentlichen Leidenspsalm, indem er am Kreuz die Frage stellt: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Das Alte Testament war die Bibel in neutestamentlichen Zeiten. Neben inhaltlichen Anspielungen und Zitaten setzt das Neue Testament kulturelle Elemente und theologische Themen als bekannt voraus und erklärt sie nicht von Neuem. Was hat es mit der Schöpfung auf sich? Wie wertvoll ist das menschliche Leben? Was zeichnet Gottes Wesen aus? Fragen wie diese werden im Alten Testament beantwortet. Hier beginnt Gottes Geschichte mit der Menschheit, in die sich das Neue Testament einordnet. Hier stellt sich Gott zum ersten Mal als der fürsorgliche, treue Vater vor. Hier werden erste Erfahrungen von Gottes Liebe gemacht, die am Kreuz ihren Höhepunkt findet. Das Evangelium ist nur auf dem Hintergrund des Alten Testaments in seiner Fülle und Tiefe zu verstehen. Deswegen brauchen wir das Alte Testament! Es ist alles andere als überholt und minderwertig – vielmehr bietet es den notwendigen Verstehenshintergrund des Neuen, das große Ganze. 

Die Ketuvim: Ihr Aufbau und ihre Botschaft

Die „Ketuvim“, das sind die folgenden Bücher der Hebräischen Bibel bzw. des Alten Testaments: Ruth, Psalmen, Hiob, Sprüche, Prediger, Hoheslied, Klagelieder, Daniel, Esther, Esra-Nehemia, 1.+2. Chronik.

Die Arbeit verwendet einen literaturwissenschaftlichen und kanonischen Ansatz (strukturell-kanonischer Ansatz).

Ketuvim

Zum einen wird jedes der elf biblischen Bücher untersucht. Im Vordergrund steht jeweils die literarische Gesamtanlage und deren Effekt auf die Übermittlung der Botschaft.

Zum andern wird auch der Kanonteil „Ketuvim“ als Ganzes in den Blick genommen. Dabei wird die Frage nach der Anordnung der Bücher und deren Einfluss auf das Verständnis der Buchgruppe untersucht. Auch historische Fragen, die Kanonordnungen und den Kanonabschluss betreffen, werden behandelt.

Ausführliche Zusammenfassung

Ausgangspunkt und Problemstellung (Kap. 1.1)

Den Ausgangspunkt für die vorliegende Untersuchung bildet die Frage nach der theologischen Einheit des AT: Inwieweit fügt sich die Vielzahl der im AT redenden Stimmen zu einem organischen Ganzen zusammen? Auf welche Weise können in einer theologischen Gesamtdarstellung des AT, einer „AT-Theo­lo­gie“, die verschie­denen Themen so voneinander abgegrenzt und zu einem Ganzen zusammengeordnet werden, dass jeder Einzelaspekt den ihm gebührenden Ort erhält?

Forschungsüberblick (Kap. 1.2)

Zur Strukturierung des Forschungsüberblicks stelle ich die Frage, mit welchen Methoden oder mit welchem Raster die verschiedenen Entwürfe zur AT-Theologie die Gesamtheit des alttestamentlichen Stoffes zu erfassen und wiederzugeben versuchen und inwieweit dies jeweils gelingt.

Es zeigt sich, dass grundsätzlich drei Dimensionen der Stoffstrukturierung zur Ver­fügung stehen, nämlich die systematische, die historische und die literarische. AT-Theologien können danach unterschieden werden, welche der Dimensionen als Grundachse des „theologischen Koordinatensystems“ verwendet wird. Nicht selten kommen allerdings auch zwei oder sogar alle drei Dimensionen zur Anwendung.

  1. Systematisch strukturierte Entwürfe stehen vor dem Problem, nicht gleichzeitig eine logische Abgeschlossenheit und eine vollständige Durchdringung des alttestamentlichen Materials erreichen zu können. Immer wieder problematisch ist vor allem die theologische Integration der Weisheit und des Kultes. Dies gilt sowohl für Ansätze, die ein Raster von außen vorgeben, wie z.B. Theologie – Anthropologie – Soteriologie, als auch für Ansätze, die ihr Raster aus dem AT selbst erheben wollen, etwa in der Form einer „Mitte“. Wird die Theologie in einer losen Folge von Themen präsentiert, entsteht dieses Problem nicht. Allerdings mangelt es dann oft an einer methodischen Rechtfertigung für die Wahl der Themen.
  2. Historisch strukturierte Entwürfe können entweder an der biblischen Geschichts­dar­stel­lung entlang entwickelt werden oder an einer mit Mitteln der historisch-kri­ti­schen Methode rekonstruierten Fassung. Wird der zweite Weg gegangen, ergeben sich komplexe hermeneutische Fragestellungen zum Verhältnis von Glaube und Geschichte. Dahinter steht als Grundproblem, dass die historisch-kritische Methode mit dem Handeln Gottes in der Geschichte nicht angemessen umzugehen vermag. Für Entwürfe, die sich an der biblischen Selbstdarstellung der Geschichte orientieren, stellen vor allem die nicht-historiographischen Bücher ein Problem dar. Diese müssen um der Erfüllung des Rasters willen historisch eingeordnet werden, ohne dass sich daraus substantielle hermeneutische Implikationen ergäben.
  3. Mit der literarischen Dimension zu arbeiten bedeutet grundsätzlich, literarische Einheiten des Alten Testaments zum Gegenstand der Untersuchung zu machen und diese mit angemessenen literaturwissenschaftlichen Methoden zu interpretieren.

Nach M. Sternberg werden in den biblischen Texten drei verschiedene Interessen verfolgt und auf kunstvolle Weise miteinander verwoben, nämlich ein ideologisches, ein historiographisches und ein ästhetisches Interesse. So formen z.B. viele Texte Geschichte zu einer Erzählung, aus der sich eine Botschaft für den Glauben ergibt. Dies bedeutet, dass für die Erforschung alttestamentlicher Texte prinzipiell alle drei der eingangs genannten Dimensionen zu berücksichtigen sind und für die Frage nach der Botschaft speziell das Verhältnis von Inhalt und literarischer Form der einzelnen Bücher.

Wie können aber die Botschaften der einzelnen Bücher in eine Gesamtdarstellung vereinigt werden? Hinweise dafür, dass das AT nicht nur eine Sammlung von literarischen Einheiten ist, sondern auch insgesamt als literarische Einheit betrachtet werden kann, liefern neuere Erkenntnisse im Bereich der kanonischen Schriftauslegung: Verschiedene Ausleger beobachten im Kanon, speziell in der Form, wie er in der Hebräischen Bibel vorliegt (TNK-Struktur), makrostrukturelle Merkmale, etwa kanonische Abschlussphänomene oder die literarisch-theo­lo­gi­sche Zusammengehörigkeit von Buchgruppen und Kanonteilen.

Methode (Kap. 1.3.1, 1.3.3, 1.3.6)

In der Fluchtlinie der oben beschriebenen aktuellen Entwicklungen aus den Bereichen „AT-Theologie“ und „kanonische Schriftauslegung“ steht der von mir vertretene und mit H. Koorevaar als strukturell-kanonisch bezeichnete Ansatz. Er geht davon aus, dass der Aufbau der Hebräischen Bibel hermeneutisch signifikant ist. Dies bedeutet, dass der theologische Ort eines jeden Buches aus seinem literarischen Ort im Kanon abgeleitet werden kann; die Struktur des Kanons wird zum Schlüssel für die Entwicklung eines organischen Gesamtgefüges der alttestamentlichen Botschaft. Damit bietet der strukturell-kanonische Ansatz eine neue Perspektive für die Aufgabe einer theologischen Gesamtdarstellung des AT.

  1. Der Ansatz ist insofern kanonisch, als er den biblischen Text im Sinne seines Trägerkreises auslegt, nämlich der nachexilischen bzw. frühjüdischen community of faith als realer bzw. intendierter Leserschaft. Nicht historisch-genetische Rekonstruktionen, sondern die aus der kanonischen Endgestalt der einzelnen Bücher in synchroner Leseweise erhobenen Botschaften bilden die Bausteine der Theologie.
  2. Strukturell bedeutet, dass die biblischen Bücher nicht als Materialsammlungen anzusehen sind, die auf mögliche Glaubenssätze hin zu durchforsten wären, sondern als literarische Ganze mit bestimmten theologischen Aussageabsichten, die durch ein sorgsames Nachvollziehen des textlichen Gesamtverlaufs erkannt werden können. Mit anderen Worten: Um die Gesamtbotschaft eines Buches erfassen zu können, ist es wichtig, seinen Aufbau zu verstehen. Eine Struktur zu erkennen bedeutet nachzuvollziehen, wie sich die einzelnen Aspekte eines Textes zu einem gedanklichen Ganzen zusammenfügen.
  3. Die Kombination strukturell-kanonisch weist zusätzlich auf die Bedeutung der kanonischen Makrostruktur als hermeneutischem Schlüssel zur Integration der buchweise erarbeiteten Botschaften in eine Gesamtstruktur alttestamentlicher Botschaft.

Die strukturell-kanonische Untersuchung kann um Studien ergänzt werden, bei denen Einzelthemen longitudinal durch die einzelnen Bücher und Buchgruppen verfolgt werden.

Zur Frage der zu Grunde gelegten Buchreihenfolge (Kap. 1.3.2)

Dass der Reihenfolge von Büchern im Kanon Bedeutung zugemessen wird, ist schon vom Standpunkt der Rezeptionsseite her gerechtfertigt: Es ist davon auszugehen, dass Kontext, gleich welcher Art, die Rezeption eines Textes mitbestimmt. Ein literarischer Kontext weckt bestimmte Erwartungen, er kanalisiert die Wahrnehmung; bestimmte Gedankengänge werden vorgebahnt.

Vom Standpunkt der Produktionsseite her ist zudem unstrittig, dass in der Bibel über die einzelnen Bücher hinausgehende größere intendierte literarische und thematische Zusammenhänge vorhanden sind, etwa in der Buchgruppe von Gen-Kö. Auch in anderen Bereichen legt sich dies nahe, nämlich bei den Prophetenbüchern, bei den Weisheitsbüchern oder bei der Chronik als „kanonischem Abschlussphänomen“. Dies gibt zu der berechtigten Erwartung Anlass, makrostrukturelle Zusammenhänge auch an den übrigen Stellen zu finden.

Die strukturell-kanonische Methode benötigt eine feste Buchreihenfolge zum Ausgangspunkt. Es muss darüber reflektiert werden, welche der historisch belegten Kanonanordnungen für die Aufgabenstellung geeignet ist. Ich entscheide mich für die Anordnung der Ketuvim nach dem babylonischen Talmud (Traktat bab. Baba Bathra 14b). Damit wird nicht beansprucht, die einzig mögliche Entscheidung getroffen zu haben. Eine Legitimation ergibt sich vielmehr auf drei unterschiedlichen Ebenen: Die Reihenfolge nach bBB 14b ist es wert, auf ihre hermeneutischen Implikationen hin zu untersucht werden, …

  1. … weil sie wie jede Reihenfolge als eine spezielle Art von Kontext die Rezeption des Textes mitbestimmt;
  2. … weil sie durch die jüdischen Rabbanan autorisiert und von hohem Alter ist, weil sie mit frühen Belegen zur Kanongestalt kompatibel ist (Sirachprolog; Megillot noch nicht gruppiert) und weil sie in Einklang mit dem steht, was die interne Evidenz der Hebräischen Bibel erwarten lässt (z.B. Endstellung der Chronik);
  3. … weil sie einer der besten Kandidaten für eine ursprüngliche intendierte Anordnung des Hebräischen Bibelkanons ist – falls es eine solche je gegeben hat.

Methodische Überlegungen zur Arbeit mit Strukturen (Kap. 1.3.4)

Weil die Arbeit mit literarischen Strukturen und deren konturierender Wirkung auf die Textfläche für den strukturell-kanonischen Ansatz besondere Bedeutung hat, gleichzeitig aber in der Forschung Strukturanalysen nicht immer in befriedigender Weise gehandhabt werden, bespreche ich diesbezügliche methodische Überlegungen in einem eigenen Abschnitt. Ich gehe davon aus, dass ein Autor, wenn er sich seinen Lesern verständlich machen will, einen Text nicht völlig beliebig ge­stal­ten kann, sondern zu einem bestimmten Grad an literarische und kulturelle Konventionen sowie an gewisse Grundsätze menschlicher Rationalität gebunden ist. Auf dieser Grundlage lassen sich Kriterien entwickeln, mit denen es möglich ist, Strukturvorschläge, die von Rezipienten zu einem Text gemacht werden, auf ihre Plausibilität hin zu überprüfen. Ich formuliere sechs „Prüfsteine gegen strukturellen Wildwuchs“:

  1. Die angenommene Struktur soll hermeneutisch signifikant sein.
  2. Kriterien zur Strukturbildung sollen nachvollziehbar, relevant im Sinne des Textes, konsistent und schlüssig sein.
  3. Innerhalb eines Buches sollen Strukturen von oben nach unten entwickelt werden, d.h. von den übergeordneten zu den untergeordneten Gliederungsebenen.
  4. Der Text soll flächendeckend in die Interpretation einbezogen sein.
  5. Die angenommene Struktur soll den Erwartungen und Möglichkeiten des „intendierten Lesers“ entsprechen.
  6. Die angenommene Struktur soll den Text besser und einfacher erklären als mögliche Alternativen.

Die Buchreihenfolge der Ketuvim nach bab. Baba Bathra 14b: ihre Bedeutung im Vergleich mit anderen Reihenfolgen (Kap. 2)

In Kap. 2 trage ich verschiedene Argumente zusammen, die die Bedeutung der Buchreihenfolge von Baba Bathra 14b untermauern. So ergibt der Vergleich zwischen der „hebräischen“ und der „griechischen“ Kanonstruktur, dass von internen Kriterien her der ersteren der Vorzug zu geben ist. Innerhalb der jüdischen Tradition ist außerdem – trotz der Tatsache, dass für die Anordnung der Ketuvim viele Varianten vorliegen – der Beleg von Baba Bathra 14b von übergeordneter Bedeutung. Von ihm aus lässt sich auch das Verständnis der verschiedenen Varianten erhellen. Außerdem wird der These eines noch bis in christliche Zeit hinein offenen alttestamentlichen Kanons widersprochen, und ein möglicher Kanonabschluss in der Makkabäerzeit oder in der persischen Zeit wird diskutiert. Die Ausführungen zeigen: Wenn es eine ursprüngliche intendierte Anordnung der Ketuvim gab, dann ist Baba Bathra 14b auf jeden Fall einer der Kandidaten mit den größten Erfolgschancen.

Aufbau und Botschaft der einzelnen Bücher der Ketuvim (Kap. 3.3)

Im Hauptteil der Arbeit analysiere ich zunächst die Ketuvim Buch für Buch, indem ich jeweils die Botschaft aus einer Zusammenschau von Formen und Inhalten erarbeite. Dies hier jeweils zusammenzufassend darzustellen ist aus Platzgründen nicht möglich. Stattdessen folgen einige thesenartig formulierte Sätze zu jedem der elf Bücher:

  • Dass Gottes Güte im Handeln von Menschen Gestalt gewinnt, zeigt im Buch Rutha. die Gegenüberstellung der Zentralverse der beiden inneren Struktureinheiten (2 12 und 3 9, Verbindungswort @n“K‘ Flügel). Anfang und Ende des Buches, die oft literarkritisch ausgeschieden werden, stellen Richterzeit und Davidszeit einander gegenüber und deuten damit an, dass sich die Erlösungsthematik von der familiären auf die nationale Ebene ausweitet.
  • Der Psalter ist nicht eine bloße Sammlung von Liedern, sondern vielmehr ein in sich strukturiertes Buch göttlicher Weisung, mit dem der betende Leser die Geschichte des Königreiches Gottes von der Einsetzung Davids bis hin zu Gottes endzeitlicher Weltherrschaft nachvollziehen und auf sein eigenes Leben übertragen kann.
  • Die Antwort auf die Problemstellung des Hiobbuches ist in der Gottesrede zu suchen und zu finden (nicht etwa in der Himmelsszene des Prologs).
  • Im Sprüchebuch bildet der rhetorisch durchformulierte Abschnitt Kap. 1-9 die theologische Grundlage, auf der die anderen sechs Hauptteile des Buches zu verstehen sind.
  • Das Predigerbuch ist keine Sentenzensammlung, sondern ein literarisches Ganzes, das aus drei in sich konzentrisch aufgebauten Einheiten 1 3 – 3 9,
    3 10 – 8 17 und 9 1 – 12 7
  • Das Hohelied ist ebenfalls kein „Liederstrauß“, sondern eine durchdachte Komposition von fünf zueinander parallel aufgebauten Zyklen, nach dem Muster „sie verlangt nach ihm – sie sieht ihn kommen und preist ihn – er preist ihre Schönheit und verlangt nach ihr – sie lädt ihn ein“.
  • Das zentral stehende dritte Kapitel der Klagelieder öffnet das Buch dahingehend, dass es auch über die Erinnerung an die historische Zerstörung Jerusalems hinaus für die Glaubensgemeinschaft von Relevanz ist.
  • Im Danielbuch sind die Kapitel 2 bis 7 und 7 bis 12 jeweils konzentrisch angeordnet, wobei Kap. 7 eine Scharnierfunktion zwischen den beiden Teilen zukommt.
  • Das Thema des Estherbuches „Das Los wendet sich“ wird durch einen kon­zentrischen Aufbau des mittleren Hauptteils mit einer konsequent antithetischen Gegenüberstellung der Abschnitte unterstrichen. Dies gilt mit Ausnahme des Dialogs Esther – Mor­de­chai in 4 1-17, der in sich eine Umkehrung beschreibt (und der die theologische Kernstelle 4 14 enthält), von der Umkehrung der Verhältnisse in der persischen Welt aber nicht betroffen ist.
  • In Esra-Nehemia werden die Missionen unter Serubbabel (Esr 1-6), Esra (Esr 7‑10) und Nehemia (Neh 1-6) zunächst für sich dargestellt, während in Neh 7-12 Elemente aller drei Missionen zu einer konzentrisch aufgebauten Gesamtschau vereint sind mit dem Ziel, hinter den einzelnen historisch-par­ti­ku­la­ren Restaurationsbemühungen das größere Ganze der von Gott veranlassten Wiederherstellung Judas sichtbar zu machen.
  • Die Chronik stellt die davidisch-sa­lo­mo­ni­sche Zeit mit den beiden Schwerpunkten „Haus Davids“ und „Haus Gottes“ (Gottesherrschaft und Gottesgemeinschaft) als normative Epoche dar, an der sich die auf das Kyrusedikt hin Heimgekehrten orientieren sollen.

Aufbau und Botschaft des Kanonteils Ketuvim nach der Buchreihenfolge von bab. Baba Bathra 14b (Kap. 3.4)

Die Reihenfolge der Ketuvim nach Baba Bathra 14b ist:

Ruth – Psalmen – Hiob – Sprüche – Prediger – Hoheslied – Klagelieder – Daniel – Esther – Esra-Nehemia – Chronik

Um den Gesamtaufbau des Kanonteils zu erarbeiten, suche ich nach Beziehungen zwischen den für die einzelnen Bücher erarbeiteten zentralen Botschaften. Es ergibt sich eine weisheitliche Reihe Hi–Spr–Pred–Hld, bei der Hi als Vorbereitung, Spr als Grundlegung, Pred als Erweiterung und das Hld als Schluss- und Höhepunkt angesehen werden kann, sowie eine national-his­to­ri­sche Reihe Klg–Dan–Est–EsrNeh, die einen Bogen vom Beginn des Exils über das Leben unter der Fremdherrschaft bis hin zur Restauration spannt. Beide Reihen beginnen mit Leid und enden mit Freude. Einen Rahmen um die Reihen bilden die Bücher Ps und Chr, die beiden historisch und theologisch umfassenden Werke der Ketuvim, die in ihren zentralen Themen eng beieinander liegen. Vor diesem Rahmen steht das Buch Ruth, das sich u.a. wegen seiner Hinführung auf David gut als Einleitung in die Gruppe eignet.

  • Hinführung: Ruth
  • Hauptbotschaft I: Ps
  • Weisheitliche Reihe von Leid zu Freude: Hi – Spr – Pred – Hld
  • National-historische Reihe von Leid zu Freude: Klg – Dan – Est – EsrNeh
  • Hauptbotschaft II: Chr

Die Gesamtbotschaft der Ketuvim kann von Ps und Chr her kurz auf „zwei Häuser“ und „zwei Wege“ zugespitzt werden:

Gottes Handeln symbolisiert in zwei Häusern:

  • das Haus der Herrschaft Gottes: Haus Davids (Königtum) – Gottes Herrschaftsanspruch
  • das Haus der Gemeinschaft mit Gott: Haus Gottes (Tempel) – Gottes Gemeinschaftszuspruch

Die Antwort des Menschen symbolisiert in zwei Wegen:

  • der Weg des Frommen zu Gott hin
  • der Weg des Gottlosen von Gott weg

Die weisheitliche Reihe beschreibt den Weg des Einzelnen mit Gott, in einer Entwicklung von Leid zu Freude, die national-historische Reihe den Weg des Volkes, ebenfalls in einer Entwicklung von Leid zu Freude.

Die Ketuvim und die weisheitlich-schriftgelehrte Sichtweise (Kap. 4.3)

Zur Charakterisierung der drei Kanonteile werden in der Forschung gelegentlich die drei Personengruppen Priester, Propheten und Weise angeführt. Ich argumentiere dafür, dass für die Ketuvim tatsächlich eine weisheitlich-schriftgelehrte Sicht­weise charakteristisch ist, die vor allem an ihrem indirekten Zugang zur Gotteserkenntnis (durch Beobachtung von Natur und Gesellschaft, durch Schriftbezug) erkannt werden kann, an dem sie sich deutlich von den beiden anderen Kanonteilen unterscheidet. Auch andere Aspekte des Phänomens „Weisheit“ treten in den Ketuvim gehäuft auf.

Die Ketuvim: ihr Aufbau und ihre Botschaft

Exodus 2.Mose

Die grosse Flucht

Im 2. Buch Mose erleben wir, wie Gott sein Volk rettet und ihm die Zehn Gebote gibt.

Die frühen griechischen Übersetzer des AT gaben dem 2. Buch Mose den beschreibenden Titel Exodus. Im Griechischen bedeutet der Ausdruck Exodus einfach »hinausgehen«. Angesichts des gewaltigen Erlösungswerkes Gottes hinsichtlich seines Volkes kann man das wohl schlicht Untertreibung nennen.

Autor und Abfassungszeit

Geschrieben von Mose ca. 1445 bis 1405 v. Chr.

Dass Mose der Autor von 2. Mose ist, steht ausser Frage. Mose befolgte Gottes Anweisungen und »schrieb alle Worte des HERRN nieder« (24,4). Ähnliche Aussagen über Moses Autorschaft finden sich auch an anderen Stellen in der Schrift.

Schlüsselpersonen im 2. Buch Mose

Mose – Autor des Pentateuch und Befreier Israels aus der ägyptischen Sklaverei (2–40)

Miriam – Prophetin und ältere Schwester von Mose (2,7; 15,20-21)

Die Tochter des Pharao – Die Prinzessin rettete Mose, als er noch ein Baby war, aus dem Fluss und adoptierte ihn (2,5-10)

Jethro – Ein Schafhirte aus Midian, er wurde Moses Schwiegervater (3,1; 4,18; 18,1-12)

Aaron – Moses Bruder und der erste Hohepriester Israels (4,14–40,31)

Pharao – Ein nicht namentlich bekannter Führer Ägyptens zur Zeit des Exodus (5,1–14,31)

Josua – Ein Mitarbeiter Moses und militärischer Führer, der Israel in das verheissene Land führte

Hintergrund und Umfeld

Die 18. Dynastie Ägyptens, während der Israels dramatischer Auszug stattfand, war eine politisch und wirtschaftlich starke Periode der ägyptischen Geschichte. Obwohl Mose als Sklave geboren wurde, fand er sich bald in einer schnell wachsenden und expansiven Gesellschaft wieder. Was militärische, wirtschaftliche und politische Stärke betraf, war Ägypten eine sog. Supermacht. Gott benutzte sowohl das Erziehungs- und Regierungssystem Ägyptens, als auch die Zeit in der Wildnis im Exil in Midian, um Mose zuzurüsten. Als Mose dann so weit war, vertrat er sein Volk vor dem mächtigen Pharao Amenothep II und führte sein Volk während der Zeit der Wüstenwanderung.

Exodus beschreibt die jungen Jahre Moses und Details hinsichtlich des Auszugs Israels aus Ägypten. 2. Mose schliesst damit ab, dass Gott dem Volk die Zehn Gebote gibt und es die Stiftshütte am Fusse des Berges Sinai baut. Trotz des schrecklichen Götzendienstes, den Israel beging, als Mose auf dem Berg war, fuhr Gott zu diesem Zeitpunkt fort, das Volk in das verheissene Land zu führen.

Schlüssellehren im 2. Buch Mose

Bündnisverheissungen – Gott verspricht Abraham, sein Erbe für immer zu bewahren (12,1-3.7.31-42; 1Mo 17,19; 3Mo 26,45; Ri 2,20; Ps 105,38; Apg 3,25)

Das Wesen Gottes – Menschen werden Gott zwar nie völlig verstehen und begreifen, sie können ihn aber persönlich kennen lernen (3,7; 8,15; 34,6-7; 2Sam 22,31; Hi 36,26; Mt 5,48; Lk 1,49-50)

Die Zehn Gebote – Grundwahrheiten in Bezug auf Gott (20,1-17; 23,12; 3Mo 19,4.12; 5Mo 6,14; 7,8-9; Neh 13,16-19; Jes 44,15; Mt 5,27; 19,18; Mk 10,19; Lk 13,14; Röm 13,9; Eph 5,3.5)

Gottes Wesen im 2. Buch Mose

Gott ist zugänglich – 24,2; 34,4-7

Gott ist herrlich – 15,1.6.11; 33,18-23; 34,5-7

Gott ist gut – 34,6

Gott ist gnädig – 34,6

Gott ist heilig – 15,11

Gott ist langmütig – 34,6

Gott ist barmherzig – 34,6.7

Gott ist mächtig – 6,3; 8,15; 9,3.16; 15,6.11-12

Gott ist vorhersehend – 15,9-19

Gott ist treu – 34,6

Gott ist einzigartig – 9,14

Gott ist weise – 3,7

Gott ist zornig – 7,20; 8,2.12.20; 9,3.9.23; 10,13.22; 12,29; 14,24.27; 32,11.35

Christus im 2. Buch Mose

Als Gott das Volk Israel aus der ägyptischen Sklaverei befreite, legte er ein neues Fundament, indem er ihm das Gesetz gab. Im 2. Buch Mose finden wir zwei Schwerpunkte: 1) einen Bericht der Erlösung des Volkes Gottes; 2) die Bildung der erwählten Nation, durch welche Christus in die Welt kommen würde. Das Gesetz bereitete Israel darauf vor, Christus zu empfangen, seinen verheissenen Messias und König.

Schlüsselworte im 2. Buch Mose

Erlöst: Hebräisch natsal – 3,8; 5,18; 21,13; 22,6.9.25; 23,31 – dieses Verb bedeutet entweder »abkratzen, plündern« oder »entreissen, befreien«. Das Wort wird oft benutzt, um zu beschreiben, wie Gott Israel aus der Sklaverei befreit (3,8) oder rettet (6,6). Manchmal beschreibt es auch, wie Gottes Volk von Sünde und Schuld befreit wird (Ps 51,16). Die Verse in Kap. 18,8-10 verdeutlichen hingegen Gottes Überlegenheit und Triumph über die ägyptischen Götter.

Weihen: Hebräisch qadash – 28,3.41; 29,9.33.35; 30,30; 32,29 – dieses Verb bedeutet »heilig machen«, »etwas als abgesondert erklären« oder »zur Seite stellen«. Das Wort beschreibt, wie etwas oder jemand dem Herrn hingegeben oder für ihn ausgesondert wird. Indem Gott Israel aus der ägyptischen Sklaverei befreite, sonderte er es ab. Durch sein gewaltiges Befreiungswerk demonstrierte er, dass Israel sein Volk, und er sein Gott war (6,7). Die von Gott veranlasste Waschung am Berg Sinai veranschaulicht, dass Gott und das Volk in einer speziellen Beziehung zueinander standen (19,10).

Waschung: Hebräisch rachats – 2,5; 19,10; 29,4.17; 30,18.21; 40,12.30 – Waschung oder Bad. Dieser Begriff wurde sowohl im religiösen wie auch im kulturellen Bereich benutzt. Einem Gast die Füsse zu waschen war ein sehr alter Brauch und ein Zeichen von Gastfreundschaft, das wir auch im NT noch vorfinden (1Mo 18,4; Joh 13,5). Rituelle Waschungen zählten zu den wichtigen Bestandteilen, um die Priester für ihren Dienst in der Stiftshütte vorzubereiten (40,12). Das Waschen mit Wasser symbolisierte auch geistliche Reinigung, welche nötig war, um in die Gegenwart Gottes treten zu können (Ps 26,6; 73,13). Die atl. Propheten versinnbildlichten damit auch Busse (Jes 1,16; Hes 16,4). Im NT beschreibt Paulus die Erlösung in Christus mit den Worten »Bad der Wiedergeburt« (Tit 3,5).

Gliederung

Israel in Ägypten (1,1 – 12,36)

  • Die Bevölkerungsexplosion (1,1-7)
  • Die Unterdrückung unter den Pharaonen (1,8-22)
  • Die Heranbildung eines Befreiers (2,1 – 4,31)
  • Die Konfrontation mit dem Pharao (5,1 – 11,10)
  • Die Vorbereitung auf den Auszug (12,1-36)

Israel auf dem Weg zum Sinai (12,37 – 18,27)

  • Der Auszug aus Ägypten und die Angst (12,37 – 14,14)
  • Die Überquerung des Roten Meeres und die Freude (14,15 – 15,21)
  • Die Reise zum Sinai und das Murren (15,22 – 17,16)
  • Die Begegnung mit Jethro und das Lernen (18,1-27)

Israel lagert am Sinai (19,1 – 40,38)

  • Das Gesetz Gottes wird erteilt (19,1 – 24,18)
  • Das Heiligtum Gottes wird beschrieben (25,1 – 31,18)
  • Die Anbetung Gottes wird befleckt (32,1-35)
  • Die Gegenwart Gottes wird bestätigt (33,1 – 34,35)
  • Das Heiligtum Gottes wird gebaut (35,1 – 40,38)

Zur gleichen Zeit an einem anderen Ort auf der Erde …

Das Eisenzeitalter beginnt in Syrien und Palästina. Die mediterranen und skandinavischen Völker perfektionieren die Kunst des Schiffsbaus.

Häufig auftauchende Fragen

1. Warum finden wir in den historischen Überlieferungen Ägyptens keine Hinweise auf die vernichtenden Plagen, die Niederlage der Armee und den Auszug der Israeliten?

Das Fehlen dieser Berichte in den ägyptischen Überlieferungen sollte uns nicht erstaunen. Die meisten dieser Berichte existieren in Form offizieller Inschriften auf Gräbern oder Denkmälern antiker Herrscher. Öffentliche Gedenkstätten dieser Art wurden selten dazu benutzt, um an demütigende Niederlagen und Katastrophen zu erinnern. Interessanterweise stellt die Art und Weise, wie die Bibel sowohl über die Erfolge wie auch über die Niederlagen des Volkes Gottes berichtet, einen aussagekräftigen Beweis für ihre Echtheit dar. Die Bibel präsentiert uns einerseits etliche Beispiele von Versagen, andererseits aber auch zahlreiche Beispiele von echten Glaubenstaten.

2. Was sollen wir im 21. Jhdt. von den uns berichteten Wundern im 2. Buch Mose halten? Tatsachenberichte wie z.B. der brennende Dornbusch, die Plagen, Gottes Gegenwart in der Wolken- bzw. Feuersäule, die Teilung des Roten Meeres oder das Manna, um nur einige zu nennen.

Der wissenschaftliche Materialismus, in dem viele Menschen des 21. Jhdts. stecken, erschwert ihnen den Zugang zu sog. Wundern. Werden die Naturgesetze als höchste Instanz angesehen, dann übersteigt der Gedanke an ein über alles erhabenes Wesen, das auch die Naturgesetze ausser Kraft setzen kann, die Vorstellungskraft der Leute bei weitem. Beispiele von Wundern üben wenig Überzeugungskraft aus, wenn jemand bereits der festen Meinung ist, dass es keine Wunder geben kann.

Wunder können Gottes Existenz veranschaulichen, aber nicht beweisen. Die Menschen verfügen über einen ausgesprochenen Einfallsreichtum, wenn es darum geht, Gottes Wirken in der Vergangenheit wegzudiskutieren. Es ist nicht so, dass Menschen im 21. Jhdt. nicht an Wunder glauben könnten, sondern vielmehr so, dass sie schlicht und einfach nicht daran glauben.

Für uns Christen klärt sich alles anhand des Glaubens. Als wir Christen wurden, mussten wir ein ganz zentrales Wunder im Glauben annehmen: Gott kam im Fleisch auf diese Welt, Jesus Christus lebte, starb und ist von den Toten auferstanden, um in Ewigkeit als Herr und Heiland zu regieren. Im Lichte dieses Wunders geben die Wunder aus Exodus keinen Anlass zu Spekulationen, sondern bewirken bei uns Anbetung und Staunen. Sie verdeutlichen, wie sehr es Gott am Herzen liegt, mit Menschen zu kommunizieren. Sogar die Christen des 21. Jhdts. werden durch Gottes überwältigende Macht gedemütigt und von Ehrfurcht ergriffen.

3. Stellen die Zehn Gebote Erwartungen und Forderungen von gestern dar, oder repräsentieren sie Gottes ewiggültigen Standard?

Die Leute erliegen einem schwerwiegenden Irrtum, wenn sie darüber reden, »die Zehn Gebote zu brechen«. Die Geschichte verdeutlicht auf eindrückliche Art und Weise, dass es die Leute waren, die an den Zehn Geboten »zerbrachen«. Egal, welche Streitfragen hinsichtlich der Auslegung und Anwendung der Zehn Gebote im Raum stehen mögen; sie repräsentieren Gottes absoluten und unveränderlichen Standard.

Der Titel »Zehn Gebote« rührt von Mose her (34,28). Es wird klar betont, dass Gott selbst gesprochen und die Zehn Gebote geschrieben hat. Deshalb sind auch alle Theorien, dass Israel sich Rechtsgrundlagen und -bestimmungen von Nachbarvölkern ausgeliehen haben soll, zu verwerfen.

Man kann die Zehn Gebote in zwei Hauptkategorien unterteilen: die Vertikale – die Beziehung zwischen den Menschen und Gott (20,2-11); und die Horizontale – die zwischenmenschlichen Beziehungen (20,12-17). Die Zehn Gebote gewähren echte und saubere Theologie, aufrichtige Anbetung und bieten idealen Schutz für den Namen Gottes, den Sabbat, die Familienehre, das Leben selbst, die Ehe, Eigentum, die Wahrheit und jede Form von Tugend.

Kurzstudium zum 2. Buch Mose/einige Fragen

  • Welches sind die Höhepunkte in Moses jungen Jahren?
  • Welche verschiedenen Mittel setzte Gott im 2. Buch Mose ein, um sich selbst zu offenbaren?
  • Welche zehn Plagen haben Ägypten heimgesucht?
  • Welcher Zusammenhang besteht zwischen den Plagen und den Göttern Ägyptens?
  • Wie können wir anhand des Gesetzes, das in den Zehn Geboten zusammengefasst ist, erkennen, dass wir Gottes Hilfe nötig haben?
  • Welche der Zehn Gebote bestimmen unsere Beziehung zu Gott, und welche unsere Beziehung zu den Mitmenschen?

Fortsetzung: 3. Mose (Levitikus)

Autor: John MacArthur
Quelle: Basisinformationen zur Bibel

Die göttliche Autorität des Alten Testaments

Was zunächst das Alte Testament betrifft, so ist zunächst noch einmal daran zu erinnern, daß dessen Zeugnis in der Urkirche nicht nur in fester Schriftform vorlag (»es steht geschrieben«; Mose oder einer der Propheten »haben geschrieben«), sondern daß es eigentlich der »heilige« Gott selbst ist, der in dem von Menschen »Geschriebenen« zu Wort kommt. Weil Gott heilig ist, gelten die Schriften als »heilig« (Röm 1,2). Was sie »lehren«, gilt uns, »damit wir durch die Geduld und durch die Tröstung (die Gott uns in ihnen zuspricht) an der Hoffnung festhalten« (Röm 15,4). Daß alle Schriften prophetisch auf Christus verweisen (Lk 24,27), dient »uns« Christen zur Bekräftigung unseres Glaubens an den Messias Jesus als Gottes Sohn, in dem Gott das seinem Volk zugedachte Heil vollendet hat. Jede zitierte Schriftstelle ist insofern als Christuszeugnis immer auch Zeugnis des heilsgeschichtlichen Handelns Gottes in der Geschichte Israels, seines wirkkräftigen »Redens« einst zu den Vätern und jetzt zu uns (Hebr 1,1f.). Darum ist die Schrift von göttlicher Autorität, so daß Paulus im Streit um die jeweils höchste Autorität von Menschen in der Gemeinde von Korinth die Grundregel aktuell zur Geltung bringt: »nicht über das hinaus, was geschrieben steht!« 1Kor 4,6).
Ulrich Wilckens Die Autorität des Alten Testaments (Theologie des Neuen Testaments, 2014, Bd. 2, S. 61)

„Es ist vollbracht.“

tetelestai – das letzte Wort Jesu nach Joh. 19,30. Auf Deutsch nach Luther: „Es ist vollbracht.“ Aber es ist viel mehr als das. Im griech. Wort steckt „telos“, das Ziel, das Ende. tetelestai: etwas ist zu seinem Ziel gekommen, etwas ist vollendet. Zum Ziel gekommen und vollendet ist der große Heilsplan, der in Gen 3,15 zum ersten Mal angekündigt wurde: „er wird dir den Kopf zertreten, und du wirst ihn in die Ferse stechen“. Irgendwann würde dieser Plan vollendet und zu seinem Ziel gekommen, irgendwann würde der Tod, der Teufel und die Sünde besiegt werden. Mit dem letzten Atemzug des Sohnes Gottes am Kreuz auf Golgatha kam dieser Plan zu seinem Ziel. Es ist vollbracht.

Gute-Laune-Gedichte?

Große literarische und musikalische Schönheit gibt es nicht ohne einen Schuss Traurigkeit, Melancholie, Moll, Blues. Denn vieles im Leben ist nun einmal traurig, und auch Gotteslieblinge sind nicht davon ausgenommen. Deshalb handelt es sich bei den meisten Psalmen nicht um Gute-Laune-Gedichte, sondern um Krisenbewältigungslyrik. Die Schlüsselbegriffe sind das Substantiv «Gott», das Verb «hilf» sowie die Adverbien «warum» und «trotzdem». Markus Spieker in ‚Jesus. Eine Weltgeschichte.‘

Bonhoeffer und das Alte Testament

„Ich spüre übrigens immer mehr, wie alttestamentlich ich denke und empfinde, so habe ich in den vergangenen Monaten auch viel mehr A.T. als N.T. gelesen. Nur wenn man die Unaussprechlichkeit des Namens Gottes kennt, darf man auch einmal den Namen Jesus Christus aussprechen; nur wenn man das Leben und die Erde so liebt, daß mit ihr alles verloren und zu Ende zu sein scheint, darf man an die Auferstehung der Toten und eine neue Welt glauben; nur wenn man das Gesetz Gottes über sich gelten läßt, darf man wohl auch einmal von Gnade sprechen, und nur wenn der Zorn und die Rache Gottes über seine Feinde als gültige Wirklichkeiten stehen bleiben, kann von Vergebung und von Feindesliebe etwas unser Herz berühren. Wer zu schnell und zu direkt neutestamentlich sein und empfinden will, ist m.E. kein Christ.“
Widerstand und Ergebung, 1983, S. 86)

Einführung in das Buch der Sprüche

1. Einleitung

Es ist auf den ersten Blick erkennbar, dass das Buch der Sprüche eine besondere Ansprache an den Leser hat. Dieses Buch gehört weder zu den Gesetzesbüchern, noch zu den geschichtlichen oder prophetischen Büchern. Man kann es – wie in den meisten modernen Bibelausgaben – zu den poetischen Büchern (Hiob bis Hohelied) zählen. Zugleich bildet es zusammen mit den Büchern Hiob und Prediger eine eigene Gattung, die manchmal als Lehr- oder Weisheitsbücher bezeichnet werden.1

J.N. Darby beginnt seine Auslegung zu diesem Buch mit den Worten: „Im Buch der Sprüche lässt Gott sich herab, seine Weisheit auf die Umstände unseres praktischen Lebens anzuwenden. Nach seiner vollkommenen Einsicht zeigt Er uns die Folgen all der Wege, auf denen der Mensch gehen mag. Denn die in diesem Buch niedergelegten Aussprüche werden oft in einer Weise gegeben, dass sie mehr Erkenntnis und Willen als Vorschriften darstellen. Es ist ein großer Segen, in dem Labyrinth dieser Welt, wo ein verkehrter Schritt so bittere Folgen nach sich ziehen kann, ein Buch zu besitzen, das den Weg der Klugheit und des Lebens anzeigt – und das verbunden mit einer Weisheit, die von Gott kommt“.2

Der Zweck des Buches wird in Sprüche 1,1–7 beschrieben. Zusammengefasst geht es darum, uns Weisheit und Verständnis zu vermitteln, damit wir glücklich und zur Ehre des Herrn leben und vor den Fallstricken der Sünde bewahrt bleiben. Man hat die Sprüche mit Recht „kurze Sätze aus langer Erfahrung“ oder „Lebensregeln von oben für das Leben hier unten“ genannt. Andere haben von einem „Schatzbuch der Weisheit“ gesprochen.

In Jeremia 18,18 werden drei Personengruppen genannt, die das Volk damals unterwiesen: erstens die Priester (durch das Gesetz), zweitens die Propheten (durch das gesprochene und geschriebene Wort) und drittens die Weisen (durch guten Rat). Im Buch der Sprüche reden die Weisen.

Das Buch der Sprüche ist universal, d.h. wir finden weder einen geschichtlichen Kontext noch wird eine konkrete Empfängeradresse genannt. Die Aussagen sind vielmehr generell gültig – unabhängig von der Zeit, dem Umfeld, der Kultur oder dem geschichtlichen Hintergrund. Um es zu verstehen benötigt der Leser keine Kenntnis der Geschichte Israels. Das Buch der Sprüche ist darüber hinaus sehr umfassend, d.h. es behandelt fast jeden Bereich des täglichen Lebens. Es ist nicht weiter schwierig, die Belehrungen dieses Buches zu verstehen. Deutlich schwieriger ist es hingegen, sie im täglichen Leben zu praktizieren.

Salomo schreibt in Prediger 12,11: „Die Worte der Weisen sind wie Treibstacheln, und wie eingeschlagene Nägel die gesammelten Sprüche; sie sind gegeben von einem Hirten“ (Pred 12,11). Weisheit durch Sprüche zu vermitteln, war im Altertum – und besonders im Orient – sehr populär. Gerade in einer Zeit, wo die wenigsten Menschen lesen und schreiben konnten, war das Lernen von weisen Sprüchen eine besondere Form der Unterweisung. Dabei geht der Unterricht in zwei Richtungen. Zum einen ermutigen uns die Sprüche, bewusst zur Ehre unseres Herrn zu leben und unser Leben mit positiven Inhalten zu füllen. Zum anderen werden wir vor unmoralischem, verkehrtem und unweisem Handeln gewarnt.

In 2. Timotheus 3,16–17 betont Paulus nicht nur die göttliche Inspiration des ganzen Wortes Gottes (und besonders des Alten Testaments), sondern er zeigt zugleich auf, dass es zur Lehre, zur Überführung, zur Zurechtweisung und zur Unterweisung zu einem gerechten Leben gegeben ist. Jemand hat einmal gesagt, dass die Bibel nicht zuerst „Futter für den Verstand“, sondern „Werkzeug zum Leben in der Gottseligkeit“ ist. Das wird beim Lesen der Sprüche mehr als deutlich. Es geht hier besonders um Unterweisung und Zurechtweisung.

Das Neue Testament zitiert das Buch der Sprüche einige Male direkt, an anderen Stellen wird darauf angespielt. Sowohl unser Herr selbst als auch die Apostel haben es als „Heilige Schrift“ und Gottes Wort anerkannt.

2. Verfasser

Das Buch der Sprüche besteht aus acht verschiedenen Abschnitten (siehe Gliederung), die offensichtlich zu unterschiedlichen Zeiten geschrieben bzw. zusammengestellt wurden und das von mindestens drei verschiedenen Autoren, die namentlich erwähnt werden. Es sind Salomo, Agur und Lemuel. Der Titel schreibt das Buch Salomo zu und es wird deutlich, dass er tatsächlich den größten Teil geschrieben hat. Neben den drei namentlich genannten Autoren werden noch die „Worte der Weisen“ erwähnt (Spr 22,17; 24,23), die vermutlich von Salomo gesammelt wurden.

  1. Salomo: Er wird in diesem Buch dreimal ausdrücklich erwähnt (Spr 1,1; 10,1; 25,1). David war als Psalmdichter bekannt, Salomo als Spruchdichter. 1. Könige 5 spricht von der großen Weisheit, die Gott Salomo gegeben hatte und sagt ausdrücklich, dass er 3.000 Sprüche redete und 1005 Lieder dichtete (1. Kön 5,12). Etwa 1.000 dieser Sprüche sind in seinem Buch erhalten geblieben. Er hat sie – vom Heiligen Geist – inspiriert – aufgeschrieben. Salomo war ein Sohn Davids. Seine Mutter war Bathseba (2. Sam 12,24).3 Er ist eine der tragischsten Figuren im ganzen Alten Testament. Er begann seine Laufbahn als der weiseste aller Menschen, ist in seiner Regierung als Friedenskönig ein herrliches Vorausbild auf den großen „König des Friedens“ – Jesus Christus – und endete im Ungehorsam und Götzendienst. Dieser Götzendienst war eine Folge seiner ungebremsten Gier nach fremden Frauen (1. Kön 11,1–13).
  2. Agur und Lemuel: Sprüche 30 wurde von Agur geschrieben, Sprüche 31 von Lemuel (Spr 30,1; 31,1). Über die Identität beider Männer wissen wir nichts. Es ist denkbar, dass es Salomo selbst war, der die Worte dieser Männer gesammelt und aufgeschrieben hat. Da das Alte Testament keinen israelischen König mit Namen Lemuel nennt, vermuten einige Ausleger, dass es um einen arabischen König geht, der möglicherweise ähnlich wie Hiob außerhalb von Israel mit Gott lebte. Andere haben die Ansicht geäußert, dass es sich um ein Pseudonym für Salomo handelt, der immer im ersten Teil des Kapitels den Rat seiner eigenen Mutter niederschreibt und im zweiten Teil eine Beschreibung von ihr gibt. Beides sind Vermutungen, die nicht belegt werden können.4
  3. Die Weisen: Sprüche 22,17 und 24,23 spricht von „Worten der Weisen“. Nach Kapitel 1,6 kann das entweder ein Hinweis auf Salomo sein oder bezieht sich auf andere, nicht bekannte Spruchdichter. Es spricht einiges dafür, dass es sich um damals bekannte Sprüche von unbekannten Weisen handelte, die Salomo aufgeschrieben hat. Einige Ausleger verbinden diese Weisen mit den in 1. Könige 5,11 genannten Personen. „Und er war weiser als alle Menschen, als Ethan, der Esrachiter, und Heman und Kalkol und Darda, die Söhne Machols“. Die Frage ist letztlich von untergeordneter Bedeutung. Wichtiger ist, dass ihre Aussagen Teil des inspirierten Wortes Gottes sind.

3. Verfassungszeit und Verfassungsort

König Salomo regierte von ca. 971–931 v.Chr. in Jerusalem. Der größte Teil der Sprüche wurde ganz sicher zu dieser Zeit geschrieben. Zur Zeit des gottesfürchtigen Hiskias (Regierungszeit von ca. 726–697 v.Chr.) wurden weitere Sprüche von Salomo gesammelt (Spr 25,1). Man kann davon ausgehen, dass die Redaktion des Buches spätestens nach der Regierungszeit Hiskias abgeschlossen war.

Ein Verfassungsort wird nicht genannt. Da jedoch beide Könige in Jerusalem regierten, kann man davon ausgehen, dass der allergrößte Teil in Jerusalem geschrieben wurde.

Es bleibt eine offene Frage, zu welchem Zeitpunkt seines Lebens Salomo die Sprüche geschrieben hat. Es ist jedoch sehr wahrscheinlich, dass es weder ganz zu Beginn noch ganz am Ende seiner Regierungszeit war. Salomo hat insgesamt drei Bibelbücher geschrieben, die inhaltlich miteinander verbunden sind. Es handelt sich um die Bücher Sprüche, Prediger und Hohelied.5 Jüdische Rabbiner haben die Ansicht geäußert, dass er das Hohelied am Anfang seiner Regierungszeit schrieb, die Sprüche in der Mitte seines Lebens und den Prediger ganz am Ende, nachdem er bittere Erfahrungen mit sich selbst gemacht hatte. Dem kann man sehr gut folgen, wenn man den Inhalt dieser drei Bücher vergleicht. Das Hohelied passt sehr gut in die Zeit der Jugend und der frischen Liebe, die Sprüche in die Zeit der Reife des Mannesalters und der Prediger zeigt die Enttäuschungen und Erfahrungen des Alters („Eitelkeit der Eitelkeiten“).6

Trotz der persönlichen negativen Entwicklung des Autors sind und bleiben die Sprüche Teil des unfehlbares Wortes Gottes. Einerseits hat Gott Salomo trotz seiner verkehrten Wege dazu benutzt, um für alle nachfolgenden Generationen wichtige Lehren zu übermitteln! Andererseits ist das Fehlverhalten Salomos eine ernste Warnung für uns – und das unabhängig davon, ob er – wie manche Ausleger vermuten – am Ende seines Lebens zurechtgekommen ist.7

4. Die Sprüche im Vergleich zu anderen Weisheitsbüchern

Wie bereits erwähnt ist das Buch der Sprüche nicht das einzige Weisheitsbuch in der Bibel. Die Bücher Hiob und Prediger zählen ebenfalls dazu. Neben diesen dreien sind in der Weltliteratur andere Weisheitsbücher bekannt, die sich jedoch von den biblischen Büchern deutlich unterscheiden. Ägypten hatte weise Männer (2. Mo 7,11; 1. Kön 5,10). Edom war für seine Weisheit bekannt (Jer 49,7; Obd 1,8). Auch in Babylon war große Weisheit vorhanden (Jes 47,10; Dan 1,20; 5,8). So gibt es Buchfunde mit ägyptischer und babylonischer Weisheitslehre und Spruchsammlungen, die bis auf das Jahr 2.000 v.Chr. zurückgehen. Es gibt Anweisungen eines Königs an seinen Sohn, in denen er ähnlich wie im Buch der Sprüche angesprochen wird (z.B. mit der Formulierung: „höre, mein Sohn“). Es ist jedoch nicht davon auszugehen, dass Salomo einfach Gedankengut aus diesen Weisheitsbüchern übernommen hat. Er hat vielmehr unter der Leitung des Heiligen Geistes geschrieben. Gewisse Ähnlichkeiten stellen die Inspiration dieses Bibelbuches in keiner Weise in Frage. Gott leitete Salomo und die übrigen Schreiber der Sprüche genauso, wie Er es wollte. Sie schrieben genau das, was sie schreiben sollten.

Darüber hinaus sind die Unterschiede zwischen menschlichen und außerbiblischen Spruchsammlungen und dem Buch der Sprüche beachtlich. Die heidnische Spruchweisheit enthält in der Regel eine Vielzahl von sittlicher Belehrung unterschiedlicher Qualität, in welcher der wahre Gott keine Rolle spielt. Das Buch der Sprüche hingegen zeigt uns, dass die Furcht des Herrn der Beginn jeder wirklichen Weisheit ist (Spr 1,7; 9,10). Anders als in der altorientalischen Weisheit ist der Ausgangpunkt der biblischen Weisheit, die Beziehung zu Gott. In den Sprüchen geben nicht Menschen ihre Lebenserfahrung an andere weiter, sondern gibt Gott denen, die Ihn kennen, seine Weisheit für ihr Leben. Die Weisheit im Buch der Sprüche schließt dabei geistigen Scharfsinn und menschliches Geschick keineswegs aus, doch der Kern ist die Beziehung zu Gott. Damit steht und fällt jede angewandte Weisheit.

5. Der (die) Empfänger

Es ist offensichtlich, dass das Buch der Sprüche einen sehr persönlichen Charakter hat. Es richtet sich nicht an ein Volk (das Volk Israel) oder eine Volksgruppe (die Juden), sondern an Individuen. Die Anrede lautet häufig „mein Sohn“ oder „meine Söhne“ – besonders im ersten Teil des Buches (Kapitel 1–7). Das kann sich auf leibliche Söhne beziehen, muss es aber nicht. Es kann durchaus sein, dass damit ursprünglich Schüler Salomos gemeint waren, die am Königshof waren, um dort zu lernen. Es war damals nicht unüblich, dass Lernende von ihren Lehrern als „Söhne“ angeredet wurden.

Es gibt durchaus Argumente dafür, dass es vor allem um Unterweisung in der Familie geht. Ein Hauptargument ist die Tatsache, dass wiederholt von „Müttern“ die Rede ist (Spr 1,8; 6,20; 23,22.25). Auch Lemuels Mutter lehrte ihren Sohn einen Spruch (Kap 31.1.2). Dennoch ist die Lehrer-Schüler Beziehung nicht von der Hand zu weisen. So oder so ist die Anwendung für uns klar. Jeder, der dieses Buch liest, wird reichlich belehrt und unterwiesen, wie er seinen Weg in der „Furcht des Herrn“ und zu seiner Ehre gehen kann.

Die Einleitung nennt konkret vier Zielgruppen:

  1. Unerfahrene (Einfältige) sollen klug werden
  2. Jünglinge (Jugendliche) sollen Erkenntnis und Besonnenheit lernen
  3. Weise sollen an Kenntnis zunehmen
  4. Verständige sollen sich weisen Rat erwerben

Das Buch der Sprüche spricht Leser in jedem Alter an. Jüngere Leute finden hier eine Fundgrube an Hinweisen für die unterschiedlichsten Lebenssituationen. Eltern und ältere Personen sollen sich beim Lesen erstens die Frage stellen, inwieweit sie selbst die Lehren der Sprüche praktizieren. Zweitens ist das Buch ein Prüfstein, ob wir – in unseren Familien und Versammlungen – solche Lehrer sind und die praktischen Belehrungen dieses Buches an die nächste Generation weitergeben.

6. Die Form der Niederschrift

Es wird jedem Leser sofort klar werden, dass das Buch der Sprüche in einer besonderen Form niedergeschrieben ist, die wir sonst – jedenfalls nicht so ausgeprägt – in keinem anderen Buch der Bibel finden.8 Das muss beim Lesen unbedingt beachtet werden. Dazu sind zwei Überlegungen anzustellen. Erstens müssen wir über die Tatsache nachdenken, dass es sich um „Sprüche“ handelt und zweitens, dass die Schreiber weitgehend in poetischer Form schreiben.

6.1. Sprüche

Anders als sonst üblich, ist der Titel des Buches in diesem Fall biblisch inspiriert. Es handelt sich um „Sprüche“ (Spr 1,1; Spr 10,1; 25,1). Das hebräische Wort für „Spruch“ kommt wahrscheinlich von einem Verb, das „gleich sein“ oder „ähnlich sein“ bedeutet. Ein Spruch ist folglich eine Belehrung, die einen Vergleich anstellt oder einen Gegensatz aufzeigt. Ein Spruch ist eine knappe und eindrucksvolle Darstellung einer Wahrheit, die so klug in Worte gefasst ist, dass sie sich leicht einprägt. Solche „Sprüche“ finden wir auch an anderen Stellen in der Bibel, allerdings an keiner Stelle so ausgeprägt wie in diesem Buch. Häufig sind solche Sprüche wie Redewendungen oder Sprichworte zu verstehen und manche dieser Sprüche finden wir selbst im alltäglichen Deutsch wieder (z.B. Spr 26,27). Einige Male wird das Wort „Spruch“ tatsächlich mit „Sprichwort“ übersetzt (z.B. 5. Mo 28,37; 1. Sam 10,12; 1. Kön 9,7) oder mit „Gleichnis“ (z.B. Hes 17,2; 21,5; 24,3). Es geht folglich um gleichnishafte Belehrung, ein Stilmittel, das unser Herr selbst häufig benutzt hat (Mt 13,3.24), allerdings in der Regel mit einer längeren Illustration. Im Buch der Sprüche ist das anders. Sehr häufig enthält ein Vers allerdings nur einen einzigen Spruch mit seiner Bedeutung. An manchen Stellen gibt es jedoch auch etwas längere Abhandlungen. Die Sprüche leben also von Vergleichen und Gegensätzen wie z.B. dem Guten und dem Bösen, dem Klugen und dem Törichten, dem Fleißigen und dem Faulen. Auf diese Weise werden wichtige Belehrungen gegeben.

Einige Ausleger sehen das hebräische Wort für „Spruch“ als Ableitung von einem Wort an, das „herrschen“ bedeutet. Danach ist ein Spruch eine Art „Machtwort“ oder „Kraftwort“ (vgl. Pred 12,11) und steht im Gegensatz zu leerem Geschwätz. Es sind Worte, die wichtige Denkanstöße geben. Wir denken dabei an die Worte unseres Herrn – auf den Salomo hinweist – die stets mit Kraft waren (vgl. Mt 7,29). Es fällt auf, dass unser Herr in 1. Korinther 1,24 sowohl die Weisheit von Gott als auch die Kraft Gottes genannt wird. Beides kann nicht voneinander getrennt werden.

Man hat die Belehrung in Spruchform mit einem Schnappschuss verglichen. Mit einem einzigen Foto wird ein bestimmter Teil der Realität dargestellt. So zeigt jeder Spruch einen bestimmten Aspekt angewandter Weisheit im Leben. Ein einziges Bild kann nie die ganze Wirklichkeit zeigen, sondern jeweils einen ganz bestimmten Aspekt. Genauso ist es, wenn wir die Sprüche lesen.

6.2. Poesie

Ähnlich wie die Psalmen ist das Buch der Sprüche in poetischer Form geschrieben. Viele Sprüche bestehen aus zwei Satzteilen, die entweder Vergleiche anstellen oder zwei Dinge einander gegenüberstellen. In der hebräischen Poesie kommt es dabei – anders als in der klassischen europäischen Dichtkunst – nicht so sehr auf Reim, Rhythmus oder Versmaß an. Eine Einteilung in Strophen – nach unserem traditionellen Verständnis – ist im Hebräischen ebenfalls unbekannt. Ein wesentliches Stilelement der orientalischen Dichtkunst ist hingegen der sogenannte poetische Parallelismus. Gemeint ist, dass eine Sachaussage neben eine andere gestellt wird, um sie zu verdeutlichen. Dabei gibt es verschiedene Arten des Parallelismus. Die wichtigsten sind:

  1. Der synonyme (gleichartige) Parallelismus, d.h. ein Gedanke wird mit unterschiedlichen Worten zweimal ausgedrückt. Der erste Teil des Satzes und der zweite sind in der Aussage mehr oder weniger identisch. Die Wiederholung verstärkt jedoch die Aussage. Ein Beispiel ist Sprüche 1,9: „Denn sie werden ein anmutiger Kranz für dein Haupt und ein Geschmeide für deinen Hals sein“. Ein weiteres Beispiel ist Sprüche 23,27: „Denn die Hure ist eine tiefe Grube, und die Fremde ein enger Brunnen“.
  2. Der antithetische (gegensätzliche) Parallelismus, d.h. der Gedanke eines Satzes wird durch einen Gegensatz im Nachsatz betont. Zwei Aussagen stehen sich also inhaltlich gegenüber, um die eigentliche Aussage zu unterstreichen. Ein Beispiel ist Sprüche 10,1: „Ein weiser Sohn erfreut den Vater, aber ein törichter Sohn ist der Kummer seiner Mutter“. Ein weiteres Beispiel ist Sprüche 10,7: „Das Andenken an den Gerechten ist zum Segen, aber der Name der Gottlosen verwest“. Diese Art der Belehrung finden wir ausgeprägt in den Kapiteln 10 – 15.
  3. Der synthetische (verbindende) Parallelismus, d.h. der Nachsatz ergänzt und erweitert die eigentliche und vorhergehende Aussage. Ein Beispiel ist Sprüche 3,6: „Erkenne ihn auf allen deinen Wegen, und er wird gerade machen deine Pfade“. Ein weiteres Beispiel ist Sprüche 16,7: „Wenn die Wege eines Mannes dem Herrn wohlgefallen, so lässt er sogar seine Feinde mit ihm in Frieden sein“.
  4. Der parabolische (allegorische, symbolische oder bildhafte) Parallelismus, d.h. eine Aussage wird durch ein Symbol oder ein Bild näher erklärt. Diese Form vereinigt die Sachaussage mit einer Bildaussage. Ein Beispiel ist Sprüche 10,26: „Wie der Essig den Zähnen, und wie der Rauch den Augen, so ist der Faule denen, die ihn senden“. Ein weiteres Beispiel ist Sprüche 25,25: „Frisches Wasser auf eine lechzende Seele: So ist eine gute Nachricht aus fernem Land“.
  5. Der repetierende (stufenartige oder mehrgliedrige) Parallelismus, d.h. verschiedene Satzaussagen werden hintereinander angeordnet, um die Aussage zu verstärken. Ein Beispiel ist Sprüche 30,15: „Der Blutegel hat zwei Töchter: Gib her, gib her! Drei sind es, die nicht satt werden, vier, die nicht sagen: Genug“! Ein weiteres Beispiel ist Sprüche 30,18.19: „Drei sind es, die zu wunderbar für mich sind, und vier, die ich nicht erkenne: der Weg des Adlers am Himmel, der Weg einer Schlange auf dem Felsen, der Weg eines Schiffes im Herzen des Meeres, und der Weg eines Mannes mit einer Jungfrau“.

Da die Weisheit in der Regel in einer sehr komprimierten Form dargestellt wird, kommen sehr viele Sprüche mit zwei Zeilen aus, wobei die zweite Zeile die erste weiter erklärt, vervollständigt und unterstreicht. Manche Verse bestehen jedoch aus drei Zeilen (z.B. Spr 1,27; 6,13; 27,22), andere sogar aus vier (z.B. Spr 30,9.14.15.17.19) und manche aus noch mehr Zeilen.

7. Zweck der Niederschrift

Der Zweck des Buches wird gleich zu Beginn angegeben: „Sprüche Salomos, des Sohnes Davids, des Königs von Israel: um Weisheit und Unterweisung zu kennen, um Worte des Verstandes zu verstehen, um zu empfangen einsichtsvolle Unterweisung, Gerechtigkeit und Recht und Geradheit; um Einfältigen Klugheit zu geben, dem Jüngling Erkenntnis und Besonnenheit. Der Weise wird hören und an Kenntnis zunehmen, und der Verständige wird sich weisen Rat erwerben; um einen Spruch zu verstehen und verschlungene Rede, Worte der Weisen und ihre Rätsel“ (Spr 1,1–6). Das Endziel folgt in Vers 7: „Die Furcht des Herrn ist der Anfang der Erkenntnis“. Das Buch der Sprüche lehrt uns, in Ehrfurcht (Ehrerbietung, Gottesfurcht) vor dem Herrn zu leben.

Die einleitenden Verse zeigen dabei mindestens sechs Gründe auf, warum Gott uns das Buch der Sprüche gegeben hat:

  1. um Weisheit und Unterweisung (Zurechtweisung, Zucht) zu kennen
  2. um Worte des Verstandes (der Einsicht) zu verstehen
  3. um einsichtsvolle Unterweisung, Gerechtigkeit und Recht und Geradheit zu empfangen
  4. um dem Einfältigen (Unerfahrenen) Klugheit zu geben
  5. um dem Jüngling Erkenntnis (Wissen) und Besonnenheit (Gedanken) zu geben

Mit einem Satz: Der Leser soll durch den Gebrauch von Sprüchen und Gleichnissen die geistliche Fähigkeit entwickeln, ein Leben in Weisheit zu führen.

Es gibt drei verschiedene Ausdrücke, die das Ziel der Belehrung deutlich machen:

Weisheit

Das ist das Schlüsselwort des ganzen Buches. Das Wort kommt im Alten Testament fast 150 Mal vor, davon allein über 40 Mal im Buch der Sprüche. Dabei bedeutet Weisheit im biblischen Sinn etwas völlig anderes als das, was die griechischen Philosophen darunter verstanden9 oder wir heute darunter verstehen. Der biblische Begriff Weisheit beschreibt ursprünglich die praktische Fähigkeit eines Menschen, z.B. eines Handwerkers, eines Sängers, eines Seemanns oder eines Verwalters. Es geht dabei nicht zuerst um das notwendige Wissen, sondern vor allem um die Fähigkeit, es richtig einzusetzen. Wer weise ist, ist für seine Arbeit „geschickt“ oder „erfahren“. Geistliche Weisheit beschreibt folglich die Fähigkeit, mit Einsicht so zu leben, dass Gott Freude an unserer Lebensführung hat. Ein weiser Mensch erkennt, was Gott von ihm möchte. Er erkennt den Weg und die Aufgaben Gottes für sein Leben. Wer im biblischen Sinn weise ist, lebt in der Beziehung zu Gott und in Gemeinschaft mit Ihm. Weisheit führt dazu, unseren Herrn anzuerkennen, Ihm zu vertrauen, Ihn anzubeten, Ihm zu gehorchen und Ihm zu dienen.

Weisheit ist keine lebensfremde Philosophie, sondern die Anleitung zu einer praktischen Lebensgestaltung zur Ehre Gottes. Es geht um die Frage, wie wir ein Leben zur Ehre Gottes führen können. Gott möchte, dass wir fähig sind, in unterschiedlichsten Lebenssituationen zu erkennen, was richtig und was falsch ist, was Ihm Freude macht und was gegen seinen Willen ist. Genau das wird uns im Buch der Sprüche gezeigt – und zwar nicht in komplizierten Erklärungen, sondern treffend, einprägsam und klar.

Verständnis

Dieses Wort kommt – in verschiedenen Abwandlungen – im Buch der Sprüche ebenfalls häufig vor. Es wird an anderen Stellen mit Verstand, Einsicht oder Klugheit übersetzt. Dabei geht es um die Fähigkeit, zwischen verschiedenen Dingen zu unterscheiden, z.B. zwischen Wahrheit und Lüge, Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit, Schein und Wirklichkeit. Wer verständig ist, kann analytisch denken und differenzieren. Das wird z.B. in folgender Aussage deutlich: „Wenn du den Verstand rufst, deine Stimme erhebst zum Verständnis, …dann wirst du die Furcht des Herrn verstehen und die Erkenntnis Gottes finden… Dann wirst du Gerechtigkeit verstehen und Recht und Geradheit, jede Bahn des Guten (Spr 2,1–9). Wer dieses Verständnis hat, trifft die richtigen Lebensentscheidungen.

Unterweisung

Dieses Wort wird an anderen Stellen mit Zucht, Züchtigung oder Zurechtweisung übersetzt. W. Kelly schreibt: „Unterweisung in Verbindung mit Weisheit ist ein Ausdruck, der den Gedanken an Erziehung, Korrektur oder Warnung enthält. Dadurch wird das moralische Ziel der Unterweisung offenbar – im Gegensatz zu bloßer Anwendung oder Zurschaustellung von Intellekt“.10

Wir haben es nötig, von Gott in dem Sinn unterwiesen zu werden, dass Er uns vor Fehlverhalten warnt und – wenn erforderlich – korrigiert. Unterweisung ist – wie Zucht – zuerst positiv zu verstehen. Gott zieht uns in die richtige Richtung. Wenn diese Art der Unterweisung jedoch ohne Ergebnis ist, wendet Gott Zucht im Sinn von Züchtigung an.

Die Furcht des Herrn

Dieser Ausdruck ist ein weiteres Schlüsselwort des ganzen Buches. Er kommt vierzehn Mal vor. Gemeint ist damit nicht die Angst vor Gott, sondern Gottesfurcht, Respekt und Ehrfrucht. Es geht um eine innere Haltung des Herzens, die von Ehrfurcht und Verehrung geprägt ist. Das Buch der Sprüche will uns diese innere Haltung Gott gegenüber lehren. Es spricht über den Wert, die Ausprägungen, die Voraussetzungen und die Folgen dieser „Furcht des Herrn“. Man könnte es mit den Worten Hiob so sagen: „Siehe, die Furcht des Herrn ist Weisheit, und vom Bösen weichen ist Verstand“ (Hiob 28,28).

  • „Die Furcht des Herrn ist der Erkenntnis Anfang; die Narren verachten Weisheit und Unterweisung“ (Spr 1,7).
  • „… darum, dass sie Erkenntnis gehasst und die Furcht des Herrn nicht erwählt“ (Spr 1,29).
  • „…dann wirst du die Furcht des Herrn verstehen und die Erkenntnis Gottes finden“ (Spr 2,5).
  • „Die Furcht des Herrn ist: das Böse hassen. Hoffart und Hochmut und den Weg des Bösen und den Mund der Verkehrtheit hasse ich“ (Spr 8,13).
  • „Die Furcht des Herrn ist der Weisheit Anfang; und die Erkenntnis des Heiligen ist Verstand“ (Spr 9,10).
  • „Die Furcht des Herrn mehrt die Tage, aber die Jahre der Gesetzlosen werden verkürzt“ (Spr 10,27).
  • „In der Furcht des Herrn ist ein starkes Vertrauen, und seine Kinder haben eine Zuflucht“ (Spr 14,26).
  • „Die Furcht des Herrn ist ein Born des Lebens, um zu entgehen den Fallstricken des Todes“ (Spr 14,27).
  • „Besser wenig mit der Furcht des Herrn, als ein großer Schatz und Unruhe dabei (Spr 15,16).
  • „Die Furcht des Herrn ist Unterweisung zur Weisheit, und der Ehre geht Demut voraus“ (Spr 15,33).
  • „Durch Güte und Wahrheit wird die Missetat gesühnt, und durch die Furcht des Herrn weicht man vom Bösen“ (Spr 16,6).
  • „Die Furcht des Herrn ist zum Leben; und gesättigt verbringt man die Nacht, wird nicht heimgesucht vom Übel“ (Spr 19,23).
  • „Die Folge der Demut, der Furcht des Herrn, ist Reichtum und Ehre und Leben“ (Spr 22,4).
  • „Dein Herz beneide nicht die Sünder, sondern beeifere sich jeden Tag um die Furcht des Herrn“ (Spr 23,17).

Zusagen im Buch der Sprüche

Das Buch der Sprüche wird nicht zuerst dadurch charakterisiert, dass es viele Zusagen (Verheißungen) Gottes enthält. Die Zielrichtung ist anders, nämlich Unterweisung zu einem Leben in praktischer Gerechtigkeit. Dennoch gibt Gott demjenigen, der sich unterweisen lässt, eine ganze Reihe von Zusagen. Es fällt auf, dass die Sprüche achtmal das Wort „Glückselig“ (glücklich) gebrauchen. Jeder dieser Verse ist eine besondere Zusage Gottes an Menschen, die seine Ansprache in diesem Buch ernst nehmen:

  • „Glückselig der Mensch, der Weisheit gefunden hat, und der Mensch, der Verständnis erlangt“ (Spr 3,13).
  • „Nun denn, ihr Söhne, hört auf mich: Glückselig sind, die meine Wege bewahren!“ (Spr 8,32).
  • „Glückselig der Mensch, der auf mich hört, indem er an meinen Türen wacht Tag für Tag, die Pfosten meiner Tore hütet!“ (Spr 8,34).
  • Wer seinen Nächsten verachtet, sündigt; wer sich aber der Elenden erbarmt, ist glückselig“ (Spr 14,21).
  • „Wer auf das Wort achtet, wird Gutes finden; und wer auf den Herrn vertraut, ist glückselig“ (Spr 16,20).
  • „Wer in seiner Lauterkeit gerecht wandelt, glückselig sind seine Kinder nach ihm!“ (Spr 20,7).
  • „Glückselig der Mensch, der sich beständig fürchtet; wer aber sein Herz verhärtet, wird ins Unglück fallen“ (Spr 28,14).
  • „Wenn kein Gesicht da ist, wird ein Volk zügellos; aber glückselig ist es, wenn es das Gesetz hält“ (Spr 29,18).

8. Themen

Im Buch der Sprüche werden sehr viele Themen des täglichen Lebens behandelt. Die Aussagen sind zum großen Teil in das gesamte Buch verstreut, so dass es eine Fleißaufgabe ist, eine Übersicht zu gewinnen. Die Sprüche schreiben ausführlich über das Leben des Menschen, über seinen Charakter, sein Denken, sein Reden, sein Handeln, sein Agieren und Reagieren, seine Beziehungen und vieles mehr. Sie schreiben über das Ehe- und Familienleben (Mann und Frau, Eltern und Kinder) ebenso wie über das Arbeitsleben (Arbeitgeber und Arbeitnehmer). Wir begegnen ganz unterschiedlichen Menschen, wie z.B. einem Narren und einem Weisem, einer zänkischen, gottlosen und verdorbenen Frau und einer anmutigen, guten und tüchtigen Frau, einem Faulen und einem Fleißigen. Die Sprüche reden über zeitnahe Probleme, wie z.B. Genusssucht, Gewinnsucht, Völlerei, Alkohol, sexuelle Eskapaden, Jugendkriminalität, Heuchelei, Reichtum usw. Ein ganz besonderes Thema ist das Reden des Menschen, das böse, falsch, gefährlich und kränkend oder gut, richtig, helfend und heilend sein kann.

In allem geht es um ein Leben in Gottesfurcht, praktischer Gerechtigkeit und Weisheit. Der Wert wirklicher Weisheit und eines gottesfürchtigen Lebens wird gerade dadurch unterstrichen, dass Gegensätze aufgezeigt werden. Einige dieser Gegensätze sind:

Positiver BegriffNegativer Begriff
ArmutReichtum
DemutStolz und Hochmut
EhreUnehre
EhrlichkeitBetrug
ErkenntnisUneinsichtigkeit
ErmutigungVerleumdung
FleißFaulheit
FreigiebigkeitGeiz
FreudeTrauer
FreundschaftFeindschaft
FriedenStreit, Neid
GehorsamUngehorsam
GerechtigkeitUngerechtigkeit und Bosheit
GlückUnglück
GüteGrausamkeit
LebenTod
LiebeHass
LobKritik
NüchternheitTrunkenheit
OrdentlichkeitUnordentlichkeit
ReinheitUnreinheit
SelbstbeherrschungWut, Zorn
TreueUntreue, Unzuverlässigkeit
TugendSchande
VertrauenMisstrauen
WahrheitLüge
WeisheitTorheit
ZufriedenheitMissgunst

9. Gott im Buch der Sprüche

Der Name Gottes wird im Buch der Sprüche häufig erwähnt. Dabei fällt auf, dass es überwiegend um Jahwe (den Herrn) geht (insgesamt 87 Mal), während der Name Gottes (Elohim) nur selten erwähnt wird. Der Name Jahwe (Herr) steht dafür, dass Gott ewig und unveränderlich ist („ich bin der ich bin“) und zeigt uns Gott in Beziehung zu seinen Geschöpfen, besonders zu seinem irdischen Volk Israel. Im Gegensatz dazu spricht das Buch Prediger ca. 40 Mal über Gott (Elohim), während der Name Jahwe überhaupt nicht erwähnt wird. Das unterstreicht, dass im Buch der Sprüche Menschen angesprochen werden, die eine Beziehung zu Gott haben und zu seiner Ehre leben wollen.

Wir finden im Buch der Sprüche jedoch nicht nur den unveränderlichen Gott, sondern das Buch spricht ebenfalls über die Person seines Sohnes – über Christus. Die im Buch der Sprüche sehr häufig erwähnte Weisheit deutet an vielen Stellen direkt auf Ihn hin, der die personifizierte Weisheit ist. Dies ist ganz besonders in den Kapiteln 8 und 9 der Fall, die man gar nicht anders lesen kann, als dabei an unseren Herrn zu denken. Das Neue Testament macht klar, dass Er uns „Weisheit von Gott“ geworden ist (1. Kor 1,30) und dass in Ihm alle Schätze der Weisheit und der Erkenntnis verborgen sind (Kol 2,3). Darüber hinaus finden viele praktische Hinweise (z.B. über den Gerechten, den Gehorsamen, den Freund, den Armen) ihre vollständige Erfüllung in seinem Leben auf der Erde. Christus steht also auch im Buch der Sprüche als Vorbild vor uns.

Sehr deutlich wird dieser Christus-Bezug, wenn wir die ersten Verse der Sprüche mit Jesaja 11,1–3 vergleichen. „Und ein Reis wird hervorgehen aus dem Stumpf Isais, und ein Schössling aus seinen Wurzeln wird Frucht bringen. Und auf ihm wird ruhen der Geist des Herrn, der Geist der Weisheit und des Verstandes, der Geist des Rates und der Kraft, der Geist der Erkenntnis und der Furcht des Herrn; und sein Wohlgefallen wird sein an der Furcht des Herrn“. Diese Verse kann man kaum lesen, ohne dabei an das Buch der Sprüche zu denken.

Ein weiterer Bezug zu unserem Herrn wird deutlich, wenn wir an den Verfasser des größten Teils der Sprüche denken. Zum einen ist Salomo in seiner Regierung ein deutliches Vorausbild auf den Herrn Jesus als der wirkliche „Friedefürst“ (Jes 9,5). Zum anderen sagt unser Herr selbst im Neuen Testament: „Mehr als Salomo ist hier“ (Mt 12,42). Salomo war weise und lehrte Weisheit. Unser Herr hingegen ist die Weisheit in Person. In Lukas 11,49 sagt Er von sich selbst: „Darum hat auch die Weisheit Gottes gesagt…“. Er ist die Weisheit und Weisheit in Ihm.

10. Gliederung und Übersicht

Es ist nicht ganz einfach, im Buch der Sprüche eine klare Struktur zu erkennen. Dennoch hat Gott dieses Buch genauso schreiben lassen wie alle anderen Bücher auch und Er verfolgt damit einen genauen Plan. L.M. Grant schreibt: „Wie wenig wir auch die vollkommene Einheit des Buches mit allen Themen zu erfassen vermögen – sie existiert dennoch. Und tatsächlich, wenn wir daran glauben, dass dieses Buch von Gott inspiriert ist, dann glauben wir auch an die vollkommene Anordnung dieses Buches und die vollständige Einheit mit dem Rest der Schrift. Gold liegt nicht immer an der Oberfläche der Erde: Vielmehr ist meistens harte und fleißige Arbeit nötig… aber mit welchem Lohn! Wie weitgehend unentdeckt ist in dieser Weise das Buch der Sprüche – und andere Bücher ebenfalls.“11

In Prinzip hat das Buch der Sprüche drei Teile. Eine Einleitung, die uns die Absicht der Sprüche zeigt (Kap 1,1–7), einen Hauptteil, der die Grundlagen eines weisen und gottesfürchtigen Lebens zeigt (Kap 1,8 – 29,27) und einen Schluss, der uns Beobachtungen Agurs und Lemuels mitteilt (Kap 30 – 31). Wenn man dabei den Hinweisen über die Autoren folgt, kann man folgende etwas detaillierte Einteilung vornehmen.

1. Einleitung – Titel und Zweck des Buches (Kap 1,1–7)

Der Prolog gibt die Absicht des Buches an und zeigt zugleich, wer die Empfänger sind. Der Leser soll Weisheit, Zurechtweisung, Verständnis, Erkenntnis und Besonnenheit lernen und im täglichen Leben praktizieren. Die Adressaten sind Einfältige (d.h. Unerfahrene)12 und Jugendliche ebenso wie Weise und Verständige. Vers 7 weist auf die Quelle der Weisheit hin, nämlich die Furcht des Herrn.

2. Erste Worte Salomos – Der Wert der Weisheit (Kap 1,8 – 9,18)

Hier lernen wir etwas über die Bedeutung der Weisheit. Sie wird wiederholt der Torheit gegenübergestellt. Weisheit im täglichen Leben hat einen hohen Stellenwert. Dieser Teil des Buches zeichnet sich durch die Anrede „mein Sohn“ aus und zeigt ganz besonders die Vater-Sohn bzw. Lehrer-Schüler Beziehung. Salomo warnt vor vielen aktuellen Gefahren (z.B. schlechte Gesellschaft, schlechte Moral, Faulheit, Falschheit und Stolz). Der Höhepunkt dieses Teiles ist ohne Frage Kapitel 8, in dem uns die personifizierte Weisheit (Jesus Christus) vorgestellt wird (vgl. 1. Kor 1,30; Ko 2,3).

3. Weitere Sprüche Salomos – Wandel in Gottesfurcht und Weisheit (Kap 10,1 – 22,16)

Dieser Teil beschreibt die Prinzipien der Weisheit und besteht aus insgesamt 375 einzelnen Sprüchen. In der Regel erfolgt die Belehrung zweizeilig und zwar in Gegensätzen (Kap 10 – 15) oder indem der Nachsatz die eigentliche Aussage verstärkt (Kap 16 – 22). Häufig gebrauchte Worte sind „aber“ bzw. „und“. Während wir in den ersten Kapiteln etwas über den Charakter des Weisen lernen, geht es in diesem Teil besonders um sein Verhalten.

4. Sprüche der Weisen (Kap 22,17 – 24,34)

Hier fällt auf, dass die Sprüche häufig etwas länger sind als vorher und die einzelnen Verse häufig einen gewissen inneren Zusammenhang haben. Die einzelnen Verse haben einen deutlich mahnenden Charakter und das Verb steht häufig in der Befehlsform (positiv wie negativ). Ein Schlüsselwort in diesem Teil ist das Wort „Herz“, d.h. es geht um das Innere des Menschen, seine Motive und seine Zuneigungen, die zu Entscheidungen werden.

5. Unter Hiskia gesammelte Sprüche Salomos (Kap 25 – 29)

Die Sprüche in diesem Teil behandeln verschiedene wichtige Themen. Die Belehrung erfolgt zum einen durch Vergleiche und zum anderen durch Gegensätze.

6. Worte Agurs (Kap 30)

Der Schreibstil in diesem Kapitel ist – ebenso wie in Kapitel 31 – deutlich anders. Agur war ein demütiger Mann, der eine tiefe Abneigung gegen Arroganz und Stolz hatte. Er zieht wichtige Schlussfolgerungen aus Beobachtungen der Natur und des menschlichen Zusammenlebens.

7. Worte Lemuels (Kap 31)

Die Worte Lemuels schließen das Buch ab. Sie beinhalten die Unterweisungen einer Mutter an ihren Sohn, der einmal Verantwortung übernehmen soll. Ihre Ratschläge warnen u.a. vor dem falschen Umgang mit Frauen und Alkohol und beschreiben dann – wenn es denn noch die Worte Lemuels sind – das Lob der tüchtigen Frau13. Stilistisch betrachtet ist dieser letzte Text ein besonderes „Kunstwerk“, denn die Anfangsbuchstaben dieser 22 Verse entsprechen den 22 Konsonanten des hebräischen Alphabets.14

Fußnoten

  • 1 Man kann das Alte Testament unterschiedlich einteilen. In den meisten Deutschen Bibelausgaben werden die Sprüche den poetischen Büchern zugerechnet (Hiob – Hohelied). In den Hebräischen Bibeln sind sie Teil der sogenannten „Schriften“.
  • 2 J.N. Darby: The Book of the Proverbs (in: Synopsis of the Books of the Bible)
  • 3 Salomo ist ein Beweis für Gottes Gnade und für die Tatsache, dass Gott auf den krummen Lebenslinien eines Menschen immer noch gerade schreiben kann. Bathseba war durch Ehebruch und Mord Davids Frau geworden und David bekam dafür eine gerechte Strafe. Dennoch macht Gott seine Gnade groß, indem gerade Bathseba die Mutter des Königs Salomo wurde.
  • 4 Weil der Stil im letzten Teil des Kapitels deutlich anders ist, als im ersten Teil, gehen einige Ausleger davon aus, dass Lemuel nur den ersten Teil geschrieben hat und der Lobgesang über die tüchtige Frau von einem anderen Verfasser stammt. Auch das ist nicht zu belegen.
  • 5 Hinzu kommt noch Psalm 127 (und eventuell Psalm 72, der entweder für oder von Salomo geschrieben wurde).
  • 6 Dabei fällt auf, dass die „innere Reihenfolge“ dieser drei Bücher genau entgegengesetzt verläuft, denn man kann in der Abfolge dieser drei Bücher Salomos ein gewisses geistliches Wachstum erkennen. Im Prediger geht es um den Menschen „unter der Sonne“, der keine besondere Offenbarung Gottes zu erkennen gibt. Das Buch endet mit dem Hinweis: „Fürchte Gott“ (Pred 12,13). Das führt direkt zum Buch der Sprüche, denn dort geht es gerade um die „Furcht des Herrn“. In Hohelied finden wir schließlich die Beziehung der Liebe zwischen einer Braut und ihrem Bräutigam (d.h. zwischen einem Gläubigen und Christus). Man kann diese drei Bücher mit der Stiftshütte vergleichen: Der Prediger schreibt über den Vorhof (unter der Sonne). Die Sprüche zeigen das Heiligtum, in dem der Leuchter Licht gibt (ein Hinweis auf die Weisheit). Das Hohelied bringt uns schließlich in das Allerheiligste, wo wir etwas über die Grundlage für unsere Beziehung zu Christus (die Liebe) erfahren.
  • 7 Das kann man vermuten, wenn man den Prediger liest. Es ist kaum anzunehmen, dass Salomo dieses Buch nach seinem tiefen Fall geschrieben hat, ohne wieder mit Gott im Reinen gewesen zu sein.
  • 8 In einigen Passagen kommt diese besondere Form ebenfalls in den Psalmen und im Buch des Predigers vor.
  • 9 Von dieser Weisheit schreibt Paulus an die Korinther: „Ich will die Weisheit der Weisen vernichten, und den Verstand der Verständigen will ich wegtun“ (1. Kor 1,19).
  • 10 W. Kelly: The Book of Proverbs
  • 11 L.M. Grant: The Book of Proverbs
  • 12 Das Wort hat hier eine andere Bedeutung als im Neuen Testament (Mt 6,22; Lk 11,34; Röm 16,19). Gemeint ist jemand, der offen für alles ist (Gutes und Böses). Er ist deshalb unverständig und steht in der Gefahr, ein „Tor“ oder ein „Narr“ zu werden.
  • 13 Es ist nicht ganz sicher, ob diese Beschreibung tatsächlich von Lemuel (bzw. seiner Mutter) stammt oder von einem – uns nicht genannten – anderen Verfasser. Da sonst im Buch der Sprüche durchweg der Autor genannt wird, neige ich dazu, ersteres anzunehmen.
  • 14 Man spricht hier von einem akrostichischen Gedicht, ähnlich wie in Psalm 119, wo jeder Abschnitt der Reihenfolge des hebräischen Alphabets folgt.
    https://www.bibelkommentare.de/kommentare/765/einfuehrung-in-das-buch-der-sprueche

Die Sprüche Salomos

Nicht nur in den USA ist Weisheit zu einer Art Industrie mutiert. Radio-Moderatoren und Kolumnisten rekrutieren unter Ratsuchenden treue Anhänger. Professionelle Berater unterstützen Firmen jeder Größe bei der Lösung heikler Probleme.
Bis heute strebt die Menschheit nach Weisheit, die die Zeiten überdauert. Als Christen wissen wir, dass Weisheit ein Geschenk Gottes ist. Eines, das wir vor allem in der Heiligen Schrift finden. Im Alten Testament gelten als Hauptreferenz in Sachen Weisheit sicher die Sprüche Salomos. Profitieren wir also davon und prüfen wir, wie wir dieses Buch richtig verstehen und anwenden können.
Was ist Weisheit?
Das Buch der Sprüche – vom Heiligen Geist inspiriert – soll uns weise machen (Spr 1,2). Um das Buch zu verstehen, beginnen wir also am besten mit der Klärung des Begriffes „Weisheit“. Einfach ausgedrückt bedeutet Weisheit „Geschick“ oder „Expertise“. Weise Menschen leben klug. Sie vermeiden absehbare Probleme und gehen mit andern Problemen einsichtig um. Ähnlich wie man es bei verschiedenen kleinen Tieren beobachten kann, beherrschen weise Männer und Frauen ihre Einflussbereiche trotz ihrer Einschränkungen (Spr 30,24–28).
„Das Buch der Sprüche ergänzt die Botschaft der anderen biblischen Bücher durch die Erinnerung, dass unser Alltag die Arena darstellt, in der wir unserem Schöpfer ganzheitlich dienen.“
Gemäß dem Buch der Sprüche beginnt Weisheit mit der „Furcht des Herrn“ (Spr 1,7) und kennzeichnet Menschen, die Gottes Anweisungen gehorchen (Ps 34,12–17; Apg 5,29). Zur Furcht des Herrn gehört eine intellektuelle Komponente: Wir müssen Gottes Gebote studieren und auswendig lernen, um seinen Willen zu erkennen und ihm zu folgen (5Mose 6,4–9). Aber die Furcht des Herrn ist auch eine emotionale Antwort, die sich in unserer Liebe zum Vater und unserem vertrauensvollen Gehorsam gegenüber seinen Geboten zeigt (Mk 10,28–31; Jak 2,14–26; 1Joh 4,16). Satan kann zwar die Bibel zitieren, aber er liebt Gott nicht und rebelliert sinnlos gegen ihn (Mt 4,1–11). Jesus bezeichnete den reichen Mann deshalb als „Narren“, weil er seinen Schöpfer nicht anerkannt hatte – nicht etwa, weil es dem Mann völlig an Lebensweisheit mangelte (Lk 12,13–21).
Die Sprüche Salomos verwenden Weisheit als Synonym für Gerechtigkeit. Schon der Prolog weist darauf hin, dass die Sprüche zu Weisheit und Gerechtigkeit führen sollen (Spr 1,3). Weise Lehre und rechtschaffener Lebenswandel bringen Leben hervor (Spr 12,28; 13,14), aber der Gottlose und der Narr folgen dem breiten Weg in den Tod (Spr 10,14; 11,7). Beides gilt: Ohne Heiligkeit können wir nicht weise sein, und ohne nach Weisheit zu streben, können wir nicht heilig sein (siehe auch Mt 6,33).
Das Buch der Sprüche ergänzt die Botschaft der anderen biblischen Bücher durch die Erinnerung, dass unser Alltag die Arena darstellt, in der wir unserem Schöpfer ganzheitlich dienen. Die meisten von uns werden weder geopolitischen Einfluss ausüben noch den Kurs der Kirche lenken. Und trotzdem ist Gott zutiefst um unser Leben besorgt, und er behält unser Tun und Lassen sorgfältig im Auge (Spr 5,21). An diesen großen Zusammenhang erinnern uns die Sprüche und helfen uns praktisch im Gehorsam gegenüber Gottes Anordnungen. Wenn wir uns beispielsweise an der Frau oder dem Mann unserer Jugend erfreuen (Spr 5,15–20), werden wir nach Wegen suchen, die emotionale und sexuelle Beziehung mit unserem Ehepartner zu genießen, und so weniger geneigt sein, unser Eheversprechen zu brechen.
Solche Abschnitte erinnern daran, dass Gott die Beziehungen zwischen „gewöhnlichen“ Menschen heiligt. Als Christen sind wir keine „Einzelkämpfer“, sondern teilen unser Leben in der Gemeinschaft mit anderen Gläubigen. Sünden zu bekennen (z.B. Spr 28,13) – wozu die Sprüche vielfach auffordern – erweist uns vor Gott und unseren Nächsten als authentische Personen. Weise Menschen suchen Christen, um ihnen gegenüber über ihr Leben Rechenschaft zu geben. Sie suchen eine Gemeinde, in welcher Sünden auf eine gesunde Art bekannt und Lasten gegenseitig getragen werden (Gal 6,2). Laut Sprüche 15,22 sind jene Menschen Narren, die Entscheidungen treffen, ohne auf gottesfürchtige Freunde zu hören. Unserem westlichen Individualismus zufolge sollen wir selber entscheiden. Aber die Sprüche lehren kein Privatleben; nur Einfaltspinsel meinen, unbeschadet auf den bewährten Weisheitsschatz verzichten zu können, der in der Gemeinschaft mit Gottes Volk zu finden ist (Spr 1,8; 4,1–6; 24,6).
Wie man das Buch der Sprüche liest
Betend zu lesen ist der Schlüssel zur Weisheit (Jak 1,5). Auch für die richtige Auslegung der Sprüche gilt es als literarischer Grundsatz, Gattung und Hintergrund dieses Buches zu berücksichtigen. Vier Prinzipien sollen uns vor Fehlinterpretationen der Weisheit der Sprüche bewahren:
Ein einzelnes Sprichwort deckt nicht sämtliche Umstände dieses Lebens ab. Von einem uninspirierten Sinnspruch erwarten wir nicht, dass er ausnahmslos gilt. Genauso wenig sind die biblisch-inspirierten Sprichwörter Salomos allzeit gültig. Dr. R.C. Sproul erklärt diesen Sachverhalt anhand der beiden Sprichwörter „Erst denken, dann lenken“ und „Wer zögert, hat verloren“. Einerseits gibt es umsichtig abzuwägende Entscheidungen – wie etwa die Wahl des Ehepartners –, und andererseits handeln wir geistesgegenwärtig-sofort, wenn es etwa darum geht, unseren Zweijährigen nicht allein die Strasse überqueren zu lassen. Dementsprechend werden wir enttäuscht und verwirrt sein, wenn wir erwarten, dass ein Sinnspruch Salomos in ausnahmslos jedem Fall zutrifft. Ob wir einem Dummkopf nach seiner Torheit antworten sollen oder nicht (Spr 26,4–5), hängt immer davon ab, mit welcher Person wir es zu tun haben.
Recherchiere das vorliegende Thema gründlich. 4. Mose 35,9–28 sah nicht die Todesstrafe für jeden Totschlag vor, sondern ausschließlich für vorsätzlichen Mord. Zur Festlegung der angemessenen Strafe mussten die Zuständigen ermitteln, ob das Verbrechen geplant war. Die richtige Auslegung der Sprüche und der Gesetze Gottes setzt die Kenntnis der Umstände voraus, auf welche sie sich beziehen.
„Wir werden enttäuscht und verwirrt sein, wenn wir erwarten, dass ein Spruch Salomos in ausnahmslos jedem Fall zutrifft.“
Lies die einzelnen Sprichwörter, indem du alle mitbedenkst. Der Kontext ist entscheidend: Ein einzelner Sinnspruch lässt sich nur vor dem Hintergrund der anderen Sprüche richtig auslegen. Alle „Worte der Weisen“ sollen auf unseren „Lippen Bestand haben“ (Spr 22,17–18). „Gewöhne den Knaben an den Weg, den er gehen soll, so wird er nicht davon weichen, wenn er alt wird!“ (Spr 22,6) heißt, dass gottesfürchtige Eltern gewöhnlich gottesfürchtige Kinder erziehen. Es müssen aber auch noch andere Bedingungen aus den Sprüchen erfüllt werden, damit das Kind auf dem geraden, schmalen Pfad bleibt. Kinder müssen auf die gottgegebene Weisheit ihrer Eltern und der Ältesten hören und ihr Herz Gott zuwenden, wenn sie treu bleiben wollen (Spr 1,8–9.32–33; 3,5–6; 7,1–3). Ignorieren wir die anderen Sprüche, dann fixieren wir uns vielleicht so sehr auf das „Gewöhne den Knaben“, dass wir annehmen, unsere Kinder würden durch eine wohldurchdachte und gezielte christliche Erziehung automatisch zu gläubigen Menschen. Der Kontext der Sprüche führt uns dann weiter zu einem Jüngerschaftstraining für Fortgeschrittene. Denn früher Gelerntes nützt nichts, wenn es heute nicht mehr angewendet wird. Lesen wir „Gewöhne den Knaben“ im Zusammenhang mit den anderen Sprüchen, hilft uns das außerdem, nicht automatisch die erzieherischen Fähigkeiten anderer herabzuwürdigen, deren Kinder nicht glauben. Das Buch der Sprüche und die gesamte Bibel belegen, dass auch gottesfürchtige Eltern manchmal ungläubige Kinder haben. Und selbst Väter und Mütter, die ihren Kindern fleißig Gottes Wort beibringen (5Mose 6,4–9), können ein Herz aus Stein nicht gegen ein Herz aus Fleisch tauschen.
Behalte das Ende im Blick. Zahlreiche Sprichwörter sprechen dem Volk Gottes Erfolg zu – und tatsächlich vermeiden gläubige Menschen gewöhnlich einiges an Schwierigkeiten und leben mit anderen in Frieden (Spr 12,21; 16,7). Aber selbst wenn gottesfürchtige Männer und Frauen oft „Reichtum, Ehre und Leben“ finden (Spr 22,4), kennen wir doch auch treue Diener, die leiden. Das Buch der Sprüche anerkennt diese Tatsache. Es ist also möglich, Gott zu fürchten und trotzdem in Armut zu leben (Spr 15,16; 19,1). Umgekehrt gibt es ebenso Zeiten, in denen Menschen durch Bosheit irdische Schätze sammeln (Spr 10,2).
Wenn wir diese Wahrheiten vergessen und solche Verse, die den Rechtschaffenen Erfolg verheißen, als absolut deuten, dann werden wir enttäuscht, sobald die reale Erfahrung nicht den Erwartungen entspricht. Wir könnten auch dem Irrtum der Freunde Hiobs aufsitzen, die seine Nöte als Beweis auffassten, dass er sich versündigt haben muss.
Auch wenn die Sprüche keine automatischen Versprechen für unser gegenwärtiges Leben bedeuten, heißt dies nicht, dass es keine Garantie für den endgültigen Erfolg der Rechtschaffenen gibt. Die Bibel verweist im Hinblick auf Gottes Gerechtigkeit (1Mose 18,25; Offb 16,5) auf die Zeit, in der Gott seine Leute rehabilitiert und die Gottlosen vernichtet. Gott hält die Gerechtigkeit aufrecht, indem er das seinen Heiligen zugefügte Unrecht in einem Leben wiedergutmacht, welches das Grab überdauert. Diese Hoffnung zeigt sich in den Sprüchen etwas schemenhaft (Spr 10,2b.25; 11,21; 16,4), eher als eine notwendige Konsequenz als eine direkte Lehre. Dennoch werden sich die Verse, die den Rechtschaffenen großen Segen verheißen, in einem finalen Sinn bestätigen – und auf diesen Tag freuen wir uns (Dan 12,1–3; Offb 20,11–15).
Das Buch der Sprüche und Jesus Christus
Mit dem Hinweis auf ein Leben nach dem Tod deutet das Buch der Sprüche auf den Einen, der die Gerechtgesprochenen als solche rehabilitieren und sie für ihren Dienst belohnen wird. Wenn unerschütterliche Liebe und Gerechtigkeit einem König Bestand geben (Spr 20,28), dann ist als Rechtfertiger der Heiligen nur ein Herrscher qualifiziert, der diese Voraussetzungen selbst vollkommen verkörpert. Wir sprechen von Jesus Christus, dem Messias und Herrn, der sich nicht nur der Weisheit der Sprüche, sondern auch der Weisheit Gottes vollkommen unterworfen hat (1Kor 1,24). Salomo verstarb als Narr (1Kön 11), doch Jesus Christus fürchtete Gott immer und mied das Böse (Spr 3,7; 1Petr 2,22). Wenn wir das Buch der Sprüche im Zusammenhang der umfassenderen Offenbarung der Unterweisung Gottes lesen und wir uns dieser Weisheit unterwerfen, werden wir zur Ehre Gottes weise leben.
Robert Rothwell ist Editor von Tabletalk, Professor am Reformation Bible College und Absolvent des Reformed Theological Seminary in Orlando, Florida (USA).
Dieser Beitrag erschien zuerst bei Ligonier Ministries. Übersetzung und Wiedergabe mit freundlicher Genehmigung. Mehr Ressourcen von Ligonier Ministries.
https://www.evangelium21.net/media/2483/die-sprueche-salomos