Ein paar Prozente weniger fernsehen und dafür die ganze Bibel lesen

Tim Challies schreibt im lesenswerten Bibelkunde-Buch “Visual Bibel Guide” (S. 85):
Um die Bibel kennenzulernen, musst du sie fleißig studieren. Und um die Bibel fleißig zu studieren, musst du sie sorgfältig lesen. Auf viele wirkt es wie eine beängstigende Aufgabe, die Bibel ganz zu lesen. Der durchschnittliche Amerikaner liest nur fünf Bücher im Jahr. Da scheint es für Christen eine Strapaze zu sein, die sechsundsechzig Bücher der Bibel jedes Jahr zu lesen. Wenn wir es aber ins rechte Licht rücken, stellt das jährliche Lesen der gesamten Bibel eine sehr kleine Verpflichtung dar im Vergleich dazu, womit wir sonst typischerweise unsere Zeit verbringen. Der durchschnittliche Leser benötigt etwa fünfzehn Minuten am Tag, um in einem Jahr die gesamte Bibel zu lesen. Im Vergleich dazu verbringt der durchschnittliche, erwachsene Amerikaner pro Tag fünf Stunden und vier Minuten vor dem Fernseher. Wenn der durchschnittliche Amerikaner sich also nur fünf Prozent der Zeit nähme, in der er oder sie fernsieht, und sie dem Bibellesen widmete, würde er oder sie die gesamte Bibel in einem Jahr durchlesen. Es macht also Mühe, die Bibel zu lesen, nicht hauptsächlich, weil sie verwirrend oder schwierig zu lesen ist, sondern weil wir ihr keine Priorität einräumen. R. C. Sproul stimmt dem zu: „Hierin liegt also das wahre Problem unserer Nachlässigkeit. Wir versagen in unserer Pflicht, Gottes Wort zu studieren, nicht so sehr, weil es schwer zu verstehen ist, nicht so sehr, weil es fade oder langweilig ist, sondern weil es uns Mühe macht. Unser Problem besteht nicht in einem Mangel an Intelligenz oder Leidenschaft. Unser Problem besteht darin, dass wir faul sind.”

„Das Licht auf dem Leuchter“ – die reformierte Tradition über die Bibel

Menschen irren, machen Fehler, und selbst die Schlausten können nur sehr begrenzt in die Zukunft blicken. Wir sind fehlbar, müssen lernen und tasten öfter im Nebel herum als es uns lieb ist. Selbst die Spitzenforschung tut sich oft schwer damit, Antworten auf große Herausforderungen zu finden. So gibt es bis heute keinen Impfstoff gegen HIV, das AIDS-Virus. Und was die heiß ersehnten Impfstoffe gegen das neue Coronavirus wirklich leisten werden, bleibt abzuwarten.

Gott als der Schöpfer und Herr der Welt kann nicht irren. Er braucht nichts zu lernen, weiß die Zukunft und kennt sämtliche Antworten auf alle großen und kleinen Fragen. Gott ist Licht, sein Wesen ist frei von allem Dunklen und Bösen, von aller Falschheit und Lüge. Daher ist auch seine Rede vollkommen. Gottes Wort ist klar, führt keineswegs in die Irre und ist daher „Licht auf meinem Wege“ (Ps 119,105).

Das helle Licht der Bibel, des geschriebenen Wortes Gottes, öffnete um 1520 den Reformatoren die Augen. Sie erkannten in Bibeltexten den hellen Charakter Gottes und die strahlenden Wahrheit des Evangeliums. In Zürich trat Ulrich Zwingli 1519 seinen Dienst am Großmünster an. Er begann programmatisch mit einer Predigtreihe durch das ganze Matthäus-Evangelium. Über viele Monate hinweg legte der Pfarrer jeden Vers aus und ließ den Menschen das Licht der göttlichen Botschaft aufleuchten. Den Startschuss zur Reformation in der Schweiz gab also die konsequent biblische Predigt.

Im Jahr 1522 – auf der Wartburg hatte Luther gerade das Neue Testament übersetzt – erschein Zwinglis Die Klarheit und Gewissheit des Wortes Gottes. Der Reformator warnt davor, sich die Heilige Schrift „zurechtzubiegen“: „Das ist der Hauptfehler, wenn man seine Meinung nach der Schrift bekräftigen will und sein eigenes Vorurteil zur Schrift bringt.“ Das eigene „Verstandeslicht“ könne sicher nicht „die göttliche Klarheit überbieten“.

Heinrich Bullinger begann seine Dekaden, eine Reihe von insgesamt 50 Lehrpredigten, ebenfalls mit dem Wort Gottes. Der Nachfolger Zwinglis in Zürich betont: „Alles, was uns von Gott, von seinen Werken, von seinen Urteilen, von seinem Willen und seinen Geboten, von Christus und vom Glauben an Christus und vom Führen eines heiligen Lebens zu wissen Not tut, ist uns vollständig im Wort Gottes gegeben.“

Nicht zufällig beginnt auch das Zweite Helvetische Bekenntnis (1566) mit dieser Feststellung zum Wesen des geschriebenen Wortes: „Wir glauben und bekennen, dass die kanonischen Schriften der heiligen Propheten und Apostel beider Testamente das wahre Wort Gottes sind…“ Im 2. Kapitel hält der Autor Bullinger fest: „Darum anerkennen wir in Sachen des Glaubens keinen anderen Richter als Gott selbst, der durch die heiligen Schriften verkündigt, was wahr und falsch sei, was man befolgen und was man fliehen müsse…“ Auch er gebraucht die biblische Metapher des Lichts: „Gottes Wort ist gewiss und keinem Irrtum unterworfen. Es ist klar, lässt niemanden im Dunkeln tappen, es legt sich selbst aus und öffnet selbst das Verständnis. Es erhellt die menschliche Seele mit allem Heil und allen Gnaden, füllt sie mit Gottvertrauen, demütigt sie…“

Die Hochschätzung der Bibel zeigt sich auch im Hugenottenbekenntnis aus Frankreich von 1559, das weitgehend aus der Feder von Johannes Calvin stammt: „Wir glauben, dass das in diesen Büchern enthaltene Wort von Gott ausgegangen ist, von dem allein es seine Autorität empfängt, und nicht von Menschen.“ Die Bibel ist Menschenwort und Gotteswort, was einzig von dieser Schriftensammlung gesagt werden kann. Deshalb, so Calvin, müssen „Gewohnheiten“ oder Traditionen, „Menschenweisheit“, Beschlüsse der Kirche und sogar „Visionen“ und „Wunder“ unbedingt an ihrem Maßstab „geprüft, geordnet und verbessert werden“.

Die reformierten Bekenntnisse beginnen meist mit Artikeln über das Wesen Gottes und Gotteserkenntnis oder über seine Offenbarung, Wort Gottes und Heilige Schrift. Beide Lehrpunkte hängen ja zusammen. Da um 1600 die rationalistische Bibelkritik einsetzte, widmete das englische Westminster-Glaubensbekenntnis von 1647 den Kennzeichen der Bibel ein langes erstes Kapitel. Ihre Autorität beruht „völlig auf Gott, der die Wahrheit selbst ist, als ihrem Autor“. Die Heilige Schrift ist „der oberste Richter, vor dem alle Religionsstreitigkeiten zu entscheiden sind und alle… Lehren der Menschen… zu prüfen sind“. In dieser Tradition hält übrigens auch das Glaubensbekenntnis der deutschen Baptisten genau zweihundert Jahre später fest, dass die Bibel „alleinige Regel und Richtschnur des Glaubens und Lebenswandels“ sein muss.

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Schließlich ist noch das Belgische oder Niederländische Bekenntnis (1561) zu nennen, das dem genannten Bekenntnis Calvins in vielen Abschnitten ähnelt. Autor Guido de Brès stammte aus der Wallonie, dem französischsprachigen Teil des heutigen Belgiens. Nach intensivem Bibelstudium wandte er sich dem evangelischen Glauben zu, der in der damals von Spanien beherrschten Region aber massiv unterdrückt wurde. De Brès  musste ein unstetes Leben führen, kehrte 1559 in die belgische Heimat nach Tournai zurück, wo er heirate und als Pastor arbeitete. In dieser Zeit entstand auch seine Bekenntnisschrift. 1566 wirkte de Brès in Valenciennes (heute Nordfrankreich). Der Ort wurde von den spanischen Truppen erobert. Diese setzten den Pastor mit einem Kollegen gefangen. Am 31. Mai 1567 starb de Brès am Galgen den Märtyrertod.

Eingangs erläutert de Brès das Wesen und die Erkenntnis Gottes, es folgen gleich fünf Artikel zur Bibel. Mehrfach bezeichnet er sie als „heiliges und göttliches Wort“. Er skizziert die klassische Inspirationslehre, nennt die Bücher des protestantischen Kanons und betont, „dass auf ihnen unser Glaube beruhen und begründet und festgestellt werden kann“. Schließlich folgt mit Artikel 7 eine sehr gute zusammenfassende Darstellung der Genügsamkeit und Vollkommenheit der Bibel: „Wir glauben auch, dass diese Heilige Schrift vollkommen den ganzen Willen Gottes umfasst und dass in ihr all das in vollem Maße gelehrt wird, was von den Menschen geglaubt werden muss, damit sie die Seligkeit erlangen.“

Da die „heilige Lehre“ in der Heiligen Schrift „in allen ihren Beziehungen und Teilen vollendet und abgeschlossen ist“, muss sich jeder „sorgfältig hüten, dass er ihr nicht etwas hinzufügt oder wegnimmt, wodurch menschliche Weisheit mit göttlicher Weisheit vermischt werden könnte. Deshalb sind mit diesen göttlichen Schriften und dieser Wahrheit Gottes keine anderen Schriften der Menschen, von welcher Heiligkeit sie auch seien, keine Gewohnheit, nicht irgendeine Menge noch das Alter, noch Vorschrift der Zeiten oder die Nachfolge von Personen, noch irgendwelche Konzile, keine Beschlüsse und Satzungen der Menschen endlich zusammenzustellen oder zu vergleichen, da ja die Wahrheit Gottes vorzüglicher ist als alle Dinge.“

Licht nach der Dunkelheit  – lateinisch „post tenebras lux“ – wurde zu einem beliebten Motto der reformierten Christen. Die Reformatoren lutherischer und reformierter Prägung betonten einhellig, dass das Ziel ihrer Reformen war, den Leuchter wieder auf den Tisch zu stellen (s. ganz o. die Darstellung der Reformatoren aus dem 17. Jhdt. mit Luther und Calvin der Mitte). Damals wie heute muss der helle Schein Gottes, des Evangeliums und der Bibel vor dem Ausblasen bewahrt werden. Im 16. Jhdt. untersagte die römische Kirche Laien das Bibelstudium, heute leugnen viele evangelische Theologen, die Bibel habe irgendwelchen Anteil an Gottes Absolutheit und Vollkommenheit – „göttlich ist nur Gott“, so z.B. Siegfried Zimmer. Nein, auch das Reden Gottes, in welcher Form auch immer, ist göttlich. Gott ist Licht, und sein Wort ist eine Leuchte. Evangelische berauben sich ihres Wesenskerns, wenn sie daran nicht festhalten. Holger Lahayne
http://lahayne.lt/2020/12/02/das-licht-auf-dem-leuchter-die-reformierte-tradition-uber-die-bibel/

Die Bibel ist immer auslegungsbedürftig.

„Die Bibel ist immer auslegungsbedürftig. Und bei der Auslegung ist niemand von uns objektiv. Wir bringen alle unsere Prägungen und Vorerwartungen mit. Deshalb werden sich unsere Auslegungsergebnisse nie vollständig decken. Wer das leugnet, macht die Bibel zum Spaltpilz statt zur Einheitsstütze. Aber heißt das, dass die Bibel zur Einheit der Kirche gar nichts beitragen kann, weil sie keine klaren und objektiv für alle geltenden Aussagen macht? Martin Luther war da anderer Meinung. Er sprach davon, dass die Bibel in ihren zentralen, heilsentscheidenden Aussagen so klar ist, dass auch einfache Leser ihre Botschaft verstehen können. Auch der Theologe Heinzpeter Hempelmann schreibt: „Christlicher Glaube und christliche Kirche haben seit nunmehr fast 2000 Jahren sehr genau gewusst, wovon im Neuen und Alten Testament die Rede ist, und genau dies hat diese religionsgeschichtlich einzigartige Bewegung zur Bewegung gemacht und bis heute in Bewegung gehalten.“ Wenn wir dies heute mit unseren Methoden nicht mehr einzuholen wissen, bedeutet dies „nicht die Profillosigkeit der biblischen Schriften, sondern weist im Gegenteil hin auf die methodische Insuffizienz einer alt- und neutestamentlichen Exegese, die dringend einer Revision ihrer wissenschaftstheoretischen und methodologischen Grundlagen bedarf.“ Es liegt also nicht nur an der Bibel, sondern auch an unserem Umgang mit der Bibel, wenn sie ihre Klarheit und damit auch ihre einende Kraft verliert.“ Zeitschrift AUFATMEN Thema Brückenbau Teil 2 Markus Till FB 260221

Trinität

Die christliche Trinitätslehre ist nicht einfach; sie ist Schwerarbeit für unsere grauen Zellen. Sie besagt ja, dass Gott ein Gott ist, der jedoch von Ewigkeit an in drei Personen existiert. Dies ist kein Tritheismus, bei dem drei separate Götter harmonisch zusammenwirken. Es ist auch kein Unipersonalismus, also die Vorstellung, dass Gott mal die eine, mal die andere Gestalt annimmt, die dabei immer Manifestationen des einen Gottes sind. Nein, die Trinitätslehre besagt, dass es einen Gott gibt, der gleichzeitig in drei Personen existiert, die einander kennen und lieben. Gott ist nicht prinzipiell mehr Einer als Drei, und er ist nicht prinzipiell mehr Drei als Einer. Das ist ein Mysterium und eine Herausforderung für unseren Verstand. Doch so „schwierig“ sie auch ist, die Trinitätslehre ist eine wahre Schatzkammer des Lebens. Keller, Timothy. Jesus: Seine Geschichte – unsere Geschichte Seite 21

https://bibelkreismuenchende.wordpress.com/2012/05/07/trinitatslehre-1113-oder/

Die Einzigartigkeit der Bibel und ihre Einheit

Dieser Punkt entspringt direkt der Einzigartigkeit der Entstehung der Bibel. Wie konnten so viele Verfasser aus so vielen Generationen von solch total verschiedenen Hintergründen und Umgebungen ohne jede Absprache ein Werk schreiben, das so vollkommen in seiner Einheit ist? Betrachten wir es von einer anderen Seite: Stellen wir uns vor, dass zehn der berühmtesten Schriftsteller der Erde, die dieselbe Lebensweise haben, derselben Generation angehören, dieselbe Kultur haben, dieselben Auffassungen vertreten, am selben Ort wohnen, sich in der gleichen Gemütsverfassung befinden und dieselbe Sprache sprechen, dass diese also etwas schreiben wollen über ein umstrittenes Thema – würde das Geschriebene dann miteinander übereinstimmen? Das ist unmöglich. Aber wie kommt es dann, dass das in der Bibel wohl der Fall ist?

Beachten wir, dass die Bibel über Hunderte von umstrittenen Themen spricht (Themen, über die sehr unterschiedliche Meinungen bestehen). Die Autoren der Bibel schreiben über Geschichte, Theologie, Philosophie, über den Kosmos, die Natur und über den Menschen; sie schreiben „gewagte“ Prophezeiungen, Lebens- und Reisebeschreibungen. Sie scheuen sich nicht, die schwierigsten und tiefsinnigsten Themen anzuschneiden. Darüber konnten sie unmöglich miteinander beraten. Aber woher kommt dann diese Harmonie und Einheit in der Bibel? Oft haben Menschen gemeint, Unterschiede und Widersprüche gefunden zu haben (wir werden noch einigen begegnen). Aber es scheint, dass sie dann nicht gewissenhaft genug gelesen oder den Kontext (d.h. den Textzusammenhang) und den Hintergrund des Geschriebenen außer Acht gelassen haben. Wo sie (oft sehr naiv) Widersprüche zu sehen glaubten, stellten sich diese oft nur als verschiedene Aspekte ein und desselben Themas heraus, die einander wunderbar ergänzen. Alle Streitigkeiten über die Bibel haben nur dazu geführt, dass ihre perfekte Harmonie sich noch deutlicher abzeichnete.

Natürlich behaupten wir hier Dinge, die im Grunde noch bewiesen werden müssen. Aber wir müssen einmal irgendwo anfangen, und die Harmonie der Bibel kann sich erst als echt erweisen nach ihrem gründlichen Studium. Der Leser muss hier selbst auf Entdeckungsreise gehen. Er wird dabei feststellen, was Millionen vor ihm entdeckten: Die Bibel ist eine wunderbare Einheit. Sie besteht nicht aus wahllos zusammengewürfelten verschiedenen Werken, sondern da ist eine Einheit, die das Ganze miteinander verbindet. Das ist auch wichtig für die Bibelauslegung. Genau wie jeder Teil des menschlichen Körpers nur richtig erklärt werden kann im Zusammenhang mit dem Rest des Körpers, so kann auch der einzelne Teil der Bibel nur im Zusammenhang mit dem Rest der Bibel richtig ausgelegt werden. Es gibt wohl kaum eine Regel in der Exegese (Bibelauslegung), die so oft übertreten wird wie diese (und das völlig achtlos).

Der „rote Faden“, der sich durch die ganze Bibel zieht, verdeutlicht ihre Einheit. Von der Genesis bis zur Offenbarung geht es um die großen Fragen „Wer ist Gott?“ und „Wer ist der Mensch?“. Darauf folgt die wichtige Frage: „Gibt es die Möglichkeit einer Verbindung zwischen Gott und dem Menschen, und wenn ja, wie?“ Die Einzigartigkeit der Bibel besteht darin, dass sie in der Beantwortung dieser Fragen nicht auf ein liturgisches Programm oder eine Reihe religiöser Verpflichtungen hinweist – ein Mensch kann den Forderungen Gottes sowieso nie ganz gerecht werden –, sondern auf eine Person: Jesus Christus; Er ist der einzig wahre Weg für den Menschen zu Gott. Das ganze Alte Testament weist im Grunde, sei es durch Bilder, sei es durch direkte Verheißungen, auf diese Person hin, und das Neue Testament zeigt uns die Erfüllung der Verheißungen und die Bedeutung und Folgen des Kommens Christi. In dieser Einheit ihrer Thematik ist die Bibel einzigartig. Nur dadurch ist es auch möglich geworden, aus der Bibel eine zusammenhängende und konsequente christliche Lehre aufzubauen.

Aus So entstand die Bibel, CLV, 1992, von Prof. Dr. W.J. Ouweneel und W.J.J. Glashouwer http://www.clv.de

https://www.fbibel.de/die-einzigartigkeit-ihrer-entstehung-a10902.html

https://bibelkreismuenchende.wordpress.com/2021/02/14/die-einzigartigkeit-der-bibel/

Die Einzigartigkeit der Bibel

Die Einzigartigkeit ihrer Entstehung
Wir werden sieben einmalige Kennzeichen der Bibel aufzeigen, und dann dürfen Sie selbst Ihre Schlussfolgerungen daraus ziehen. Erstens: Niemand kann leugnen, dass die Bibel einzigartig ist in ihrer Entstehungsweise. Nehmen Sie irgendein Buch und prüfen Sie, wie es entstanden ist. Normalerweise entschließt sich jemand, ein Buch zu schreiben: Er sammelt Material, entwirft ein Schema für das Buch, schreibt oder diktiert den Inhalt und lässt das Ganze vervielfältigen oder drucken. Handelt es sich jedoch um ein Buch, das von mehreren Autoren geschrieben wird, müssen sie sich erst zusammensetzen und einen Plan entwerfen, der zeigt, wie das Buch aussehen soll. Sie müssen absprechen, wer welchen Beitrag zu dem Buch liefern soll, und meistens gibt es noch einen oder mehrere Redakteure, die von allen Beiträgen ein zusammenhängendes Ganzes machen.
Aber die Bibel ist in dieser Hinsicht vollkommen einzigartig. Sie wurde von mehr als vierzig Schreibern verfasst, die sich gegenseitig nicht kannten. Das war auch kaum möglich, denn sie schrieben das Buch in einem Zeitraum von mindestens 1500 Jahren, vielleicht noch viel mehr, wie wir später zeigen werden. Es ist ein großes Wunder, wie die Bibel langsam, über mehr als fünfzig Generationen, zu dem Buch wurde, das wir heute haben. Ohne irgendeinen Plan oder Entwurf fügte sich von Jahrhundert zu Jahrhundert ein Teil zum anderen, bis die Bibel komplett war. Die Schreiber der Bibel kamen aus sehr unterschiedlichen Milieus und Kulturen. Da gab es zum Beispiel Mose, den Politiker (unterrichtet in den Weisheiten Ägyptens); Josua, den General; Salomo, den König; Amos, den Hirten; Nehemia, der am Königshof lebte; Daniel, den Staatsmann; Petrus, den Fischer; Lukas, den Arzt; Matthäus, den Zöllner, und Paulus, den Rabbiner.
Sie haben an ganz verschiedenen Orten und unter ganz unterschiedlichen Umständen geschrieben. Mose schrieb in der Wüste, Jeremia in einem Kerker, David auf den Bergen und in seinem Palast, Paulus im Gefängnis, Lukas während der Reise, Johannes, als er im Exil auf der Insel Patmos lebte, andere während der Spannungen eines militärischen Feldzugs.
Sie schrieben in verschiedenen Gemütsverfassungen: der eine in großer Freude, der andere in Trauer und Verzweiflung. Sie verfassten ihre Bücher in drei verschiedenen Weltteilen: Asien, Afrika und Europa. Sie schrieben in drei Sprachen: das Alte Testament größtenteils in der hebräischen und kleine Teile in der (verwandten) aramäischen Sprache, das Neue Testament war griechisch abgefasst. Und aus allen diesen verschiedenen Quellen und Zeiten entstand ein Buch. Mose verfasste fünf Bücher. Als David regierte, waren wieder ein paar dazugekommen. Kurz nach der babylonischen Gefangenschaft, zur Zeit des Schriftgelehrten Esra, war das Alte Testament, Buchstabe für Buchstabe, Wort für Wort, Satz für Satz, nahezu fertig. Vierhundert Jahre vor Christi Geburt war das Buch fertiggestellt, das wir heute unverändert vor uns haben. Wie es uns der Geschichtsschreiber Flavius Josephus berichtet, respektierte man das sogenannte Alte Testament so sehr, dass niemand es gewagt hätte, im Laufe der Jahrhunderte etwas hinzuzufügen oder hinwegzutun.
Die Entstehung des Neuen Testaments ist fast noch wunderbarer als die Entstehung des Alten Testaments. Soweit wir wissen, hat Christus selbst nie auch nur einen Satz als göttliche Offenbarung geschrieben! Und seine Jünger, die ja Juden waren, hätten niemals gewagt, dem Alten Testament auch nur einen Satz hinzuzufügen. Sogar fünfzig Jahre nach der Geburt Christi hatte man aller Wahrscheinlichkeit nach noch keinen Buchstaben des Neuen Testaments geschrieben. Aber dann geschah das Wunder. Ohne dass vorher ein Plan verfasst wurde, entstehen die Bücher des Neuen Testaments. Sie werden geschrieben von ganz unterschiedlichen Menschen, die oft weit voneinander entfernt leben. Hier entsteht eine Lebensbeschreibung von Jesus Christus, dort entsteht ein Brief, etwas weiter wird ein wundervoller Aufsatz geschrieben (wie z.B. der Hebräerbrief). Wieder irgendwo anders entsteht ein neutestamentarisches Werk mit prophetischer Bedeutung. Diese Schriften kursieren und werden gesammelt von Christengemeinden, die wohl kaum Schwierigkeiten haben mit der Frage, welche Bücher nun zu dieser Kollektion gehören und welche nicht. Ihre Ehrfurcht vor diesen Schriften ist so groß, dass das Neue Testament sofort von nahezu allen Christen anerkannt wird und fast niemand die Dreistigkeit hat, irgendetwas hinzuzufügen oder hinwegzutun. Man beachte: Die Verfasser der vier Evangelien setzten sich nicht erst zusammen und kamen nach ernstem Gebet und vielen Überlegungen zu der Überzeugung, dass Matthäus über Christus als den König schreiben würde, Markus ihn als Diener zeigen sollte, Lukas ihn als wahren Menschen und Johannes ihn als Gottes Sohn darstellen würde. Nichts dergleichen. Auch die anderen Schreiber kamen nicht zusammen, um festzulegen, dass beispielsweise Paulus und Johannes mehr über die christliche Lehre (und das jeder von einem anderen Gesichtspunkt aus) und Jakobus und Petrus mehr über das praktische Christsein schreiben sollten. Davon kann keine Rede sein. Aus einem tiefbewegten Bedürfnis heraus versuchte jeder, einen bestimmten Aspekt zu beleuchten – aber als alle Werke fertiggestellt waren, war eine wunderbare Einheit entstanden.
Aus So entstand die Bibel, CLV, 1992, von Prof. Dr. W.J. Ouweneel und W.J.J. Glashouwer

Die Klarheit der Schrift (kurz und knapp)

Die Klarheit der Schrift

A. Bedeutung der Klarheit der Schrift

Die Klarheit der Schrift bedeutet, dass die Bibel in einer solche Weise geschrieben ist, dass ihre Lehren von allen verstanden werden können, die sie lesen wollen, indem sie Gottes Hilfe suchen und bereit sind, dem Wort Gottes Folge zu leisten.

B. Argumente für die Klarheit der Schrift

Die Klarheit und Deutlichkeit der Schrift ist als selbstverständlich vorausgesetzt, weil nicht nur einzelne, etwa besonders begabte Personen, sondern alle Christen die Schrift lesen, auf Grund der Schrift glauben und auf Grund der Schrift über Wahrheit und Irrtum urteilen sollen!

Die Klarheit der Schrift wird nicht nur als selbstverständlich vorausgesetzt, sondern in ihr auch noch sehr ausdrücklich gelehrt, um „Dunkelheitsgedanken“ zu wehren, die nicht nur Ungläubige, sondern auch ernste Christen haben:

Wir selbst haben die Stimme gehört, als wir mit ihm auf dem heiligen Berg waren – diese Stimme, die vom Himmel kam. Darüber hinaus haben wir die Botschaft der Propheten, die durch und durch zuverlässig ist. Ihr tut gut daran, euch an sie zu halten, denn sie ist wie eine Lampe, die an einem dunklen Ort scheint. Haltet euch an diese Botschaft, bis der Tag anbricht und das Licht des Morgensterns es in euren Herzen hell werden lässt. (2. Petrus 1,18-19)

Dein Wort ist meines Fußes Leuchte und ein Licht auf meinem Wege. (Psalm 119,105)

C. Auswirkungen der Klarheit der Schrift

In keinem Falle haben wir die Freiheit zu behaupten, dass die Lehre der Bibel zu irgendeinem Thema verwirrend sei oder gar nicht richtig verstanden werden könne. In keinem Fall sollten wir denken, dass anhaltende Meinungsverschiedenheiten über ein Thema im Laufe der Kirchengeschichte bedeuten würden, dass wir unfähig wären, selbst zu einer richtigen Schlussfolgerung zu jenem Thema zu gelangen.

Vielmehr sollten wir, wenn eine echte Sorge um irgendein solches Thema in unserem Leben aufkommt, aufrichtig Gottes Hilfe erbitten und dann zur Bibel greifen, sie mit unserer ganzen Fähigkeit und all unseren Kräften erforschen, und zwar in dem Glauben, dass Gott uns befähigen wird, sie richtig zu verstehen.
http://www.lgvgh.de/wp/die-klarheit-der-schrift/6610

Was ist Inspiration?

Einleitung
In einem anderen Artikel hatten wir gesehen, dass bestimmte Bücher für kanonisch erklärt wurden, weil sich herausstellte, dass sie göttliche Autorität haben. Nun wollen wir noch einen Schritt weitergehen und zeigen, dass bestimmte Bücher deshalb göttliche Autorität haben, weil sie von Gott inspiriert wurden. Hinter dem Problem „kanonisch oder apokryph“ steckt also in Wirklichkeit die Frage nach der „Inspiration“. Darum werden wir uns nun mit diesem Thema befassen. Die Frage nach der Inspiration ist heute eine der fundamentalsten und aktuellsten Themen im christlichen Lager, weil viele andere Fragen, wie die Glaubwürdigkeit, Unfehlbarkeit und absolute Autorität der Bibel, direkt damit zusammenhängen. Vermittelt die Bibel uns göttliche Botschaften in menschlicher, also unvollkommener Form? Oder sind etwa alle einzelnen Wörter von Gott eingegeben und damit wichtig und unfehlbar? Waren die Bibelverfasser nur „Schreibmaschinen“, die blindlings registrierten, was Gott ihnen diktierte? Die Beantwortung dieser Fragen ist für die heutige Theologie von sehr großer Wichtigkeit, darum wollen wir uns jetzt mit ihnen befassen. Die Ausgangsbasis für unsere Forschungen ist natürlich die Bibel selbst, denn sie sagt ja an vielen Stellen von sich, dass sie von Gott inspiriert ist (wenn dieses Wort in unserer deutschen Übersetzung auch so nicht vorkommt). Die göttliche Eingebung ist nicht einfach eine Art „poetische Eingebung“, von der die Bibelverfasser Gebrauch machten, sondern vom Heiligen Geist getrieben, schrieben sie Worte nieder, die von Gott kamen. Am besten lässt sich das erkennen, wenn wir einige der betreffenden Schriftstellen, die im Neuen Testament von der Inspiration reden, näher betrachten.

Biblische Schlüsseltexte

Die wichtigste Stelle finden wir in 2. Timotheus 3,16:

2Tim 3,16: Denn alle Schrift, von Gott eingegeben, ist nütze zur Lehre, zur Aufdeckung der Schuld, zur Besserung, zur Erziehung in der Gerechtigkeit.

Wir sehen, dass hier „der Schrift“ (ein für die Bibel bekannter Ausdruck: siehe u.a. Johannes 7,38.42; 10,35; Galater 3,8.22; auch für einzelne Bibelstellen gebraucht: siehe u.a. Lukas 4,21; Johannes 19,37; Apostelgeschichte 8,35) ein besonderes Kennzeichen gegeben wird. Dieses Kennzeichen ist, dass die Schrift „von Gott eingegeben“ ist. Im Griechischen ist das nur ein Wort: theopneustos, welches buchstäblich „gottgehaucht“ bedeutet. Das heißt erstens, dass die Schrift oder die „heiligen Schriften“ (2. Timotheus 3,15) von Gott „ausgehaucht“, d.h. von ihm ausgegangen sind; es sind seine Worte und so aufgeschrieben, wie er wollte. Und zweitens sind es Worte, die er „eingehaucht“ hat, d.h., er hat sie durch Menschen (Propheten und Apostel) schriftlich festlegen lassen: Das ist „der Odem des Allmächtigen“ (vgl. Hiob 32,8).

Die Inspiration ist also Gottes Werk, welches durch die Bibelverfasser ausgeführt wurde. Die Art und Weise wird uns in 1. Petrus 1,10.11 näher erklärt:

1Pet 1,10.11: Nach dieser Seligkeit haben gesucht und geforscht die Propheten, die von der Gnade geweissagt haben, die auf euch kommen sollte, und haben geforscht, worauf oder auf was für eine Zeit der Geist Christi deutete, der in innen war und zuvor bezeugt hat die Leiden, die über Christus kommen sollten, und die Herrlichkeit danach.

Hieraus lernen wir also Folgendes:

  1. dass die Inspiration durch das Wirken des Heiligen Geistes, der in den Bibelverfassern wirkte, geschah;
  2. dass die Autoren beim Niederschreiben der unfehlbaren Wahrheit, deren Erfüllung gesichert ist, vom Heiligen Geist geleitet wurden, und dass
  3. die Inspiration durch den Heiligen Geist so geschah, dass die menschlichen Verfasser manchmal selber nicht begreifen konnten, was diese von Gott eingegebenen Worte eigentlich bedeuteten.

In 2. Petrus 1,21 finden wir noch eine weitere wichtige Stelle, die über Inspiration spricht:

2Pet 1,21: Denn es ist noch nie eine Weissagung aus menschlichem Willen hervorgebracht; sondern von dem Heiligen Geist getrieben haben Menschen im Namen Gottes geredet.

Hier erkennen wir, dass die Bücher der Bibel nicht in eigener Initiative des Verfassers geschrieben wurden, sondern dass die Propheten (im weiteren Sinn eine Bezeichnung für alle Bibelverfasser) vom Heiligen Geist „getrieben“, ja sogar buchstäblich „getragen und mitgeführt“ wurden wie die Blätter vom Wind. Inspiration ist „Getriebenwerden“ vom Heiligen Geist. Es soll durch seine Kraft geschehen, nicht nach den Überlegungen der Bibelverfasser, damit diese nicht ihre eigenen Gedanken niederschrieben, sondern die Gedanken Gottes, von ihm selbst stammend, zum Ausdruck brachten. Dann heißt es auch, „dass keine Weissagung in der Schrift eine Sache eigener Auslegung ist“ (2. Petrus 1,20); es handelt sich um die Worte Gottes selber. Darum haben diese Worte auch göttliche Autorität, wie wir in 2. Timotheus 3,16 gesehen haben: „Denn alle Schrift, von Gott eingegeben, ist nütze zur Lehre, zur Aufdeckung der Schuld, zur Besserung, zur Erziehung in der Gerechtigkeit.“

Wir können unsere Definition von Inspiration noch etwas präzisieren: Die Bibel wurde in diesem Sinne inspiriert, dass vom Heiligen Geist getriebene Männer „gottgehauchte“ Worte geschrieben haben, die für die Menschen göttliche Autorität besitzen. Wir müssen beachten, dass 2. Timotheus 3,16 sagt, dass die Schrift inspiriert ist und nicht die Verfasser. In manchen Fällen werden die Bibelverfasser auch noch andere Bücher geschrieben haben, ohne dass diese deshalb als inspiriert anzusehen sind. Und die Verfasser haben, obwohl sie gläubig waren, auch manches falsch gemacht. Wir brauchen dabei nur an Mose, David oder Petrus zu denken. Nur die Bücher der Bibel, die sie verfassten, sind „gottgehaucht“; trotzdem waren die Autoren beim Schreiben ganz einbezogen, denn sie wurden „vom Heiligen Geist getrieben“, und wir lesen, dass „der Geist Christi in ihnen“ war. Es gibt also drei Elemente im Prozess der Inspiration:

  1. Die göttliche Verfasserschaft. Das Wort ist von Gott ausgegangen, „ausgehaucht“, es sind buchstäblich seine Worte, die in der Schrift niedergelegt sind; er selbst ist Quelle und Ursache der Heiligen Schriften.
  2. Das menschliche Werkzeug. Gott gebrauchte die Menschen, um sein göttliches Wort niederzuschreiben; diese Menschen fungierten nicht als „Schreibmaschinen“, denn sie hatten ihren eigenen Stil und Wortschatz (wie wir noch sehen werden). Gott gebrauchte ihre Persönlichkeit, um seine Gedanken zu offenbaren. Die Bibelverfasser hatten verschiedene Ausdrucksformen, wie beispielsweise eine Flöte und eine Oboe verschiedene Töne von sich geben; aber es war Gott, der diese Instrumente „bespielte“, damit sie die Melodien hervorbrachten, die er wollte (vgl. 1. Korinther 14,7 in anderem Zusammenhang).
  3. Das geschriebene Ergebnis. Das Produkt des „Bespielens“ Gottes und des „Getriebenseins“ der Verfasser ist ein geschriebenes Buch von göttlicher Autorität. Dieses Buch hat laut 2. Timotheus 3,16 das letzte Wort in dogmatischen, moralischen und anderen Fragen. Nicht alles, was die Bibelverfasser gesagt oder geschrieben haben, hat diese Autorität; denn genau genommen sind nicht die Verfasser inspiriert, sondern die „heiligen Schriften“, die sie niedergeschrieben haben, sind „gottgehaucht“.

Unterschied zwischen Offenbarung und Erleuchtung

Es gibt noch eine andere sehr wichtige Schriftstelle über Inspiration. Diese wirft gleichzeitig ein Licht auf die zwei Begriffe „Offenbarung“ und „Erleuchtung“. Zwischen diesen beiden Begriffen und der Inspiration gibt es einen krassen Unterschied. In 1. Korinther 2,10-16 lesen wir:

1Kor 2,10-16: Uns aber hat es Gott offenbart durch seinen Geist; denn der Geist erforscht alle Dinge, auch die Tiefen der Gottheit. Denn welcher Mensch weiß, was im Menschen ist, als allein der Geist des Menschen, der in ihm ist? So weiß auch niemand, was in Gott ist, als allein der Geist Gottes. Wir aber haben nicht empfangen den Geist der Welt, sondern den Geist aus Gott, dass wir wissen können, was uns von Gott geschenkt ist. Und davon reden wir auch nicht mit Worten, welche menschliche Weisheit lehren kann, sondern mit Worten, die der Geist lehrt, und deuten geistliche Sachen für geistliche Menschen. Der natürliche Mensch aber vernimmt nichts vom Geist Gottes; es ist ihm eine Torheit, und er kann es nicht erkennen; denn es muss geistlich verstanden sein. Der geistliche Mensch aber ergründet alles und wird doch selber von niemand ergründet. Denn, wer hat des Herrn Sinn erkannt, oder wer will ihn unterweisen? Wir aber haben Christi Sinn.

In dieser wichtigen Stelle wird der Reihe nach über das gesprochen, was wir schon in Offenbarung, Inspiration und Erleuchtung eingeteilt haben. Bei allen drei Bezeichnungen spielt der Heilige Geist die entscheidende Rolle.

  1. Erstens hat Gott, durch seinen Geist, den Gläubigen die Wahrheit offenbart (entfaltet, enthüllt, bekanntgemacht). Gott kennt ja die Tiefen seiner selbst und ist demnach auch imstande, sie uns zu offenbaren.
  2. Zweitens sehen wir dann, dass der Heilige Geist die Wahrheit nicht nur entfaltet, sondern auch in den Personen gewirkt hat, zu denen die Offenbarung kam, also hier in den Aposteln. Sie haben den Geist aus Gott empfangen, so dass sie nicht nur die Wahrheit hörten, sondern auch wussten, was ihnen von Gott aus Gnade geschenkt worden war. Darum redeten sie mit Worten, die ebenso von diesem Geist gewirkt, d.h. inspiriert waren. Weil es derselbe Gott ist, der dies alles bewirkt, sind die Schriften dieser Apostel also ebenso rein, ebenso inspiriert und autoritativ wie die Offenbarung, die sie bekamen.

Wir stoßen in 1. Korinther 2,13 noch auf eine Übersetzungsschwierigkeit. Es scheint aber, dass wir den Schluss von Vers 13 („und deuten geistliche Sachen für geistliche Menschen“) im Zusammenhang gesehen am besten folgendermaßen übersetzen sollten:

  1. „so dass wir geistliche Sachen durch geistliche Worte mitteilen“; oder
  2. „und deuten Geistliches (Sachen) für Geistliche (Menschen)“.

In der ersten Übersetzung geht es um die Inspiration: Die geistlichen Dinge, über die die Verfasser der Bibel reden, sind nicht in menschlich-unvollkommener Form verfasst, sondern in geistlichen, also von Gott inspirierten Worten. Die „Form“ ist ebenso autoritativ und unfehlbar wie der „Inhalt“ (falls wir diese Begriffe wirklich voneinander trennen können), denn beide sind geistlich, von Gottes Geist gewirkt. In der zweiten Übersetzung geht es um die Erleuchtung: Nicht jeder Mensch kann geistliche Wahrheiten verstehen, sie können nur geistlich denkenden Menschen zugänglich gemacht werden. Das bedeutet (wie die Verse 14-16 weiter erklären), dass der Geist Gottes nicht nur für die Offenbarung von Gottes Wahrheit und für die Inspiration der heiligen Schriften nötig ist, sondern dass auch diejenigen, die Gottes Wort empfangen, seinen Geist brauchen. Der Bibelleser muss „geistlich“ sein, erleuchtet vom Heiligen Geist, denn die Wahrheit kann nur „geistlich“, durch das Licht des Heiligen Geistes, beurteilt und verstanden werden. Wer diese geistliche Erleuchtung besitzt, hat „Christi Sinn“ (das rechte Verständnis).

Die Inspiration unterscheidet sich also von der Offenbarung und der Erleuchtung. Gott hat „vorzeiten manchmal und auf mancherlei Weise geredet zu den Vätern durch die Propheten“ (Hebräer 1,1) – das ist eine Offenbarung; aber wenn alle diese Propheten ihre gesamten Offenbarungen einfach aufgeschrieben hätten, wären daraus nicht ohne weiteres „Heilige Schriften“ entstanden. Dazu war außer der Offenbarung die „Inspiration“ notwendig. Offenbarung ist die göttliche Enthüllung der Wahrheit, Inspiration ist die göttliche Niederschrift der Wahrheit. Einerseits wurde den Propheten viel offenbart, was nicht in inspirierten Schriften festgelegt wurde; andererseits gibt es eine Menge inspirierter Schriften in der Bibel, die keine neue Offenbarung enthalten. Aber es besteht auch ein Unterschied zwischen Inspiration und Erleuchtung. Die Inspiration der Schrift ist nicht zugleich eine Garantie dafür, dass diejenigen, die darin lesen, sie auch verstehen werden. Dazu ist Erleuchtung des Herzens und des Verstandes notwendig (vgl. Lukas 24,31.32.45). Wie wir schon sahen, verstanden sogar die Bibelverfasser nicht alles, was sie niederschrieben. Und doch waren ihre Schriften vollkommen inspiriert. Es gibt wohl verschiedene Stufen der Erleuchtung, nicht aber eine abgestufte Inspiration. Die Apostel waren mehr erleuchtet als David, und dieser war wiederum mehr erleuchtet als Bileam. Aber die Worte, die wir in der Schrift von Bileam, David und Paulus vorfinden, sind alle gleich inspiriert, gleich göttlich und von gleicher Autorität.

Merkmale der Inspiration

Wir haben nun auf drei Aspekte der Inspiration hingewiesen (Gott als Autor, das menschliche Werkzeug und das geschriebene Resultat); ferner erklärten wir die Unterschiede zwischen Inspiration einerseits und Offenbarung plus Erleuchtung andererseits. Wir wollen jetzt etwas näher auf die Art und die Charaktereigenschaften der Inspiration eingehen und erläutern zuvor zwei Hauptmerkmale:

  1. Die Inspiration ist wörtlich, das heißt, die einzelnen Wörter des ursprünglich geschriebenen Bibeltextes sind von Gott inspiriert;
  2. Die Inspiration ist allumfassend, das heißt, jeder Teil des Bibeltextes ist von Gott inspiriert.

Anmerkung: Diese zwei Merkmale zusammen bedeuten, dass jedes Wort des ursprünglich geschriebenen Bibeltextes inspiriert ist; wir sprechen hier nachdrücklich über den „ursprünglich geschriebenen“ Text, weil in den späteren Handschriften und Übersetzungen Fehler vorkommen können. Was lehrt die Bibel selber über ihre wörtliche Inspiration? Sie macht sehr deutlich, dass nicht nur ihr Inhalt (ihre Botschaft, ihr kerygma = Verkündigung), sondern auch ihre Form (ihre Wörter) von Gott inspiriert ist. Im Alten Testament lesen wir mehrere hundert Male, dass das Wort des Herrn (Jahwe) zu den Propheten kam. Mose schrieb alle Worte Jahwes nieder (2. Mose 24,4). David sagte: „Der Geist des Herrn hat durch mich geredet, und sein Wort ist auf meiner Zunge“ (2. Samuel 23,2). Und zum Propheten Jeremia sprach Jahwe: „Tritt in den Vorhof am Hause des Herrn und predige denen, die aus allen Städten Judas hereinkommen, um anzubeten im Hause des Herrn, alle Worte, die ich dir befohlen habe, ihnen zu sagen, und tu nichts davon weg“ (Jeremia 26,2). Das waren dieselben Worte, die Jeremia später in ein Buch schreiben musste: „Nimm eine Schriftrolle und schreibe darauf alle Worte, die ich zu dir geredet habe über Israel, über Juda und alle Völker von der Zeit an, da ich zu dir geredet habe, nämlich von der Zeit Josias bis auf diesen Tag“ (Jeremia 36,2). Im Neuen Testament ist es ebenso. Wir sahen schon in 1. Korinther 2,13, dass die Inspiration „nicht mit Worten, welche menschliche Weisheit lehren kann“, geschieht, „sondern mit Worten, die der Geist lehrt, und deuten geistliche Sachen für geistliche Menschen“. In Offenbarung 22,19 warnt Johannes: „Und wenn jemand etwas davon tut von den Worten des Buches dieser Weissagung, so wird Gott abtun seinen Anteil vom Baum des Lebens.“ Und letztlich bezeugt uns der Herr Jesus in Matthäus 5,18 selber, dass diese wörtliche Inspiration sogar Buchstaben und Lesezeichen unantastbar macht: „Denn ich sage euch wahrlich: Bis dass Himmel und Erde vergehe, wird nicht vergehen der kleinste Buchstabe noch ein Tüpfelchen vom Gesetz, bis dass es alles geschehe.“

Ebenso souverän bezeugt die Schrift in 2. Timotheus 3,16 von sich selbst, dass ihre Inspiration allumfassend ist und dass kein Teil der Bibel davon ausgeschlossen ist: „Denn alle Schrift, von Gott eingegeben, ist nütze zur Lehre, zur Aufdeckung der Schuld, zur Besserung, zur Erziehung in der Gerechtigkeit.“ Darum kann Paulus in Römer 15,4 schreiben:

Röm 15,4: Denn was zuvor geschrieben ist, das ist uns zur Lehre geschrieben, auf dass wir durch Geduld und den Trost der Schrift die Hoffnung festhalten.

So verstehen wir auch die unverbrüchliche Einheit der Schriften, die deswegen zusammengefasst werden können als „die Schrift“ (Einzahl!), über die Jesus in Johannes 10,35 sagte: „Und die Schrift kann doch nicht gebrochen werden.“ Die allumfassende Inspiration der Schrift macht sie zu einem unverbrüchlichen, einzigen Ganzen, so dass es absolut nicht gestattet ist, auch nur etwas von ihren Worten hinwegzutun oder hinzuzufügen (vgl. 5. Mose 4,2; Offenbarung 22,18.19).
Aus So entstand die Bibel, CLV, 1992, von Prof. Dr. W.J. Ouweneel und W.J.J. Glashouwer

Ist die Bibel zuverlässig?

Frage: „Ist die Bibel zuverlässig?“

Antwort:
Wenn wir dieselben Kriterien verwenden, mit denen wir andere historische Werke beurteilen, ist die Bibel nicht nur zuverlässig, sie ist sogar viel zuverlässiger, als alle anderen vergleichbaren Schriften. Verlässlichkeit ist eine Frage der Wahrhaftigkeit und des akkuraten Kopierens. Schriften, die historisch und sachlich korrekt und über die Zeit vertrauensvoll erhalten wurden, würde man als zuverlässig bezeichnen. Höhere Niveaus der historischen Verifikation und stärkere Sicherheit in der Überlieferung machen es einfacher zu bestimmen, ob ein antikes Werk vertrauenswürdig ist. Mit diesen Maßgaben können wir überlegen, ob die Bibel verlässlich ist.

Wie mit allen historischen Werken, kann auch in der Bibel nicht jedes einzelne Detail direkt bestätigt werden. Die Bibel kann nicht deshalb als unzuverlässig bezeichnet werden, weil sie Teile enthält, die nicht bestätigt werden können oder noch nicht bestätigt werden konnten. Es ist vertretbar zu erwarten, dass sie dort akkurat ist, wo man dies überprüfen kann. Dies ist der primäre Test der Verlässlichkeit und hier hat die Bibel eine herausragende Erfolgsbilanz. Es wurden nicht nur viele der historischen Details bestätigt, sondern bestimmte Teile, die einmal angezweifelt wurden, konnten durch spätere archäologische Entdeckungen verifiziert werden.

Zum Beispiel bestätigten archäologische Funde 1920 die Existenz von Städten wie Ur, so wie in 1. Mose 11 beschrieben. Einige Skeptiker zweifelten dies vorher an. Gravuren, die in einem ägyptischen Grabmal entdeckt wurden, schildern die Amtseinführung eines Vizekönigs, die exakt mit der biblischen Beschreibung der Zeremonie bzgl. Joseph übereinstimmt (1. Mose 39). Tontafeln, die ins Jahr 2300 v.Chr. datieren wurden in Syrien gefunden und geben starken Nachweis für die Geschichten, das Vokabular und die Geographie im Alten Testament. Skeptiker zweifelten die Existenz des Volks der Hittites an (1. Mose 15,20; 23,10; 49,29), bis eine Hittite Stadt mit kompletten Aufzeichnungen in der Türkei gefunden wurde. Es gibt dutzende anderer Fakten im Alten Testament, die durch archäologische Entdeckungen unterstützt werden.

Aber noch wichtiger ist, dass kein Fakt, der im Alten oder Neuen Testament geschrieben steht, jemals als falsch nachgewiesen werden konnte. Diese historische Verlässlichkeit ist essentiell für unser Vertrauen gegenüber anderen Aussagen in der Heiligen Schrift.

Sogar die „wundersamen“ Vorkommnisse in 1. Mose haben eine nachweisliche Basis, auf die wir uns heute berufen können. Antike babylonische Aufzeichnungen beschreiben eine Verwirrung der Sprachen, gemäß dem Bibelbericht über den Turm von Babel (1. Mose 11,1-9). Diese selben Aufzeichnungen beschreiben eine weltweite Flut, ein Ereignis welches tatsächlich in hunderten Formen in allen Kulturen der Welt präsent ist. Die Stelle, wo einst Sodom und Gomorra (1. Mose 19) lagen, wurde gefunden und geben Nachweis über eine Zerstörung durch gewaltsames Feuer. Sogar die Plagen von Ägypten und der darauffolgende Auszug aus Ägypten (2. Mose 12,40-41) haben archäologischen Halt.

Dieser Trend setzt sich im Neuen Testament fort, wo die Namen von diversen Städten, Politikern und Ereignissen wiederholt durch Historiker und Archäologen bestätigt wurden. Lukas, der Autor von seinem Evangelium und dem Buch Apostelgeschichte wurde als erstklassiger Historiker beschrieben, aufgrund seiner Aufmerksamkeit gegenüber Details und akkurater Berichterstattung. In beidem, in Alten und Neuen Testament-Schriften wird die Bibel als zuverlässig bewiesen, wo man dies überprüfen kann.

Akkurates Kopieren ist ein ebenso wichtiger Faktor in der Verlässlichkeit der Bibel. Die Schriften des Neuen Testaments wurden innerhalb ein paar Dekaden der beschriebenen Ereignisse verfasst, was viel zu früh für Legenden oder Mythen gewesen wäre. Tatsächlich kann der Basisrahmen des Evangeliums auf ein formelles Bekenntnis nur ein paar Jahre nach der Kreuzigung von Jesus zurückdatiert werden, gemäß Paulus Beschreibung in 1. Korinther 15,3-8. Historiker haben Zugang zu einer enormen Menge von Manuskripten, die beweisen, dass das Neue Testament verlässlich und zügig kopiert und verteilt wurde. Dies gibt ausreichend Nachweis, dass was wir heute lesen, die Originalschriften korrekt repräsentiert.

Auch das Alte Testament zeigt allen Beweis, verlässlich überliefert worden zu sein. Als die Toten Meer Schriftrollen in den 1940ern entdeckt wurden, waren diese 800 Jahre älter als alle anderen verfügbaren Manuskripte. Im Vergleich von früheren und späteren Manuskripten konnte man das akribische Vorgehen bei der Überlieferung erkennen, was wiederum unserer Zuversicht bestärkt, dass die Bibel heute die Originaltexte repräsentiert.

All diese Faktoren geben objektive Gründe dafür, die Bibel als zuverlässig anzuerkennen. Gleichzeitig ist es extrem wichtig diese selben Faktoren bei der Prüfung anderer Texte, die wir in Geschichtsbüchern lesen, anzuwenden. Die Bibel hat weit mehr empirische Unterstützung, eine kürzere Zeit zwischen der Originalniederschrift und den überlebten Kopien und eine größere Anzahl von Quellenmanuskripten als jedes andere antike Werk.

Zum Beispiel gibt es zehn Kopien der Werke von Julius Caesar, die früheste 1000 Jahre nachdem er das Werk schrieb, und daher gibt es keinen Weg zu wissen, wie gut diese Kopien das Original repräsentieren. Es gibt acht Kopien der Werke des Historiker Herodotus, das früheste 1400 Jahre nachdem er es schrieb. Archäologen fanden 643 Manuskript-Kopien der Arbeit von Homer, welche uns zu 95% Sicherheit über den Originaltext geben.

Für das Neue Testament gibt es derzeit mehr als 5000 Manuskripte, mit den frühesten Kopien zwischen 200 bis 300 Jahre nach Verfassung und manche sogar weniger als 100 Jahre später. Dies gibt uns mehr als 99% Sicherheit über den Inhalt des Originaltextes.

Kurz gesagt, wir haben nicht nur objektive Gründe zu behaupten, dass die Bibel zuverlässig ist, sondern wir können sie nicht einmal für unzuverlässig erklären, ohne alles was wir über die antike Geschichte wissen komplett über Bord zu werfen. Wenn die Heilige Schrift einen Test der Glaubwürdigkeit nicht besteht, dann, weil dies auch keine anderen Aufzeichnungen aus dieser Ära bestehen. Die Verlässlichkeit der Bibel ist bewiesen in historischer Genauigkeit sowohl als auch durch akkurate Überlieferung.

Titus

Ein geschätzter Bote

In der Welt wird es immer dunkler! Angesichts dieser Umstände ermutigt Paulus Titus, die Christen zu unterweisen, so dass sie ihr Leben in der treuen Hingabe an Christus führen.

Der Apostel Paulus versandte oft Briefe, um dadurch den Einflussbereich seines Dienstes zu erweitern. Er sandte aber auch Personen. Titus war einer dieser treuen und zuverlässigen Boten des Paulus. Er ging dorthin, wo Paulus selbst nicht hingehen konnte. Während Paulus‘ Gefangenschaft waren es Männer wie Titus und Timotheus, die seinen Dienst weiterführten. Aber selbst wenn Paulus frei war, war ihm bewusst, dass die Arbeit seine persönlichen Möglichkeiten bei weitem übertraf. Durch den Einsatz von Titus konnte er seinen Wirkungskreis ausbauen. Paulus benutzte diesen Brief, um Titus für die bevorstehende Missionsreise zuzurüsten und er machte ihm Mut, das Evangelium klar zu verkünden.

Autor und Abfassungszeit

Verfasst von Paulus ca. 62 bis 64 n. Chr.

Der Titusbrief (wie auch der 1. und 2. Timotheusbrief ) ist der dritte Pastoralbrief. Die Autorschaft des Apostels Paulus (1,1) ist so gut wie unbestritten. Paulus schrieb den Titusbrief zwischen seinen beiden Haftzeiten in Rom
(d.h. 62-64 n. Chr.), als er in den Gemeinden Mazedoniens wirkte.

Schlüsselpersonen im Titusbrief

Paulus – schrieb an Titus, um ihn zu ermutigen und ihn hinsichtlich seiner Führungsposition innerhalb der Gemeinde zuzurüsten (1,1 – 3,15).

Titus – ein griechischer Gläubiger, den Paulus nach Kreta sandte, um der dortigen Gemeinde als Hirte vorzustehen und ihr zu dienen (1,4 – 3,15).


Hintergrund und Umfeld

Obwohl Lukas in der Apostelgeschichte Titus nicht namentlich erwähnt, lernte Titus, der Heide (Gal 2,3), Paulus wahrscheinlich vor oder während dessen erster Missionsreise kennen und wurde von ihm zu Christus geführt (1,4). Der junge Älteste kannte sich bereits mit Judaisten aus, diesen falschen Lehrern in der Gemeinde, die u.a. darauf bestanden, dass alle Christen, ob heidnischen oder jüdischen Hintergrunds, an das mosaische Gesetz gebunden seien. Titus hatte Paulus und Barnabas einige Jahre zuvor zum Konzil nach Jerusalem begleitet, wo es um diese Irrlehre ging (Apg 15; Gal 2,1-5). Titus, der während der dritten Missionsreise in der Gemeinde von Korinth diente, wird im 2. Korintherbrief neunmal erwähnt (2,13; 7,6.13.14; 8,6.16.23; 12,18). Paulus bezeichnet ihn dort als »meinen Bruder« (2Kor 2,13), »meinen Gefährten und Mitarbeiter« (2Kor 8,23) und »mein echtes Kind« (Tit 1,4).

Später wirkte Titus eine Zeit lang mit Paulus auf der Insel Kreta und blieb dort zurück, um das Werk fortzuführen und zu festigen (1,5). Paulus wählte dieselbe Strategie, als er Timotheus in Ephesus zurückliess (1Tim 1,3). Sobald Artemas oder Tychikus (3,12) dort eintrafen, um die dortige Arbeit zu leiten, sollte Titus zu Paulus nach Nikopolis kommen. In dieser griechischen Stadt in der Provinz Achaja wollte Paulus überwintern (3,12).

Paulus informierte Titus mit dem Brief über seine zukünftigen Pläne und gab ihm Anweisungen für seinen Dienst in Kreta.

Schlüssellehren im Titusbrief

Gottes souveräne Erwählung der Gläubigen – vor Grundlegung der Welt war Gott bereits bestens mit dem Leben und der Zukunft seiner Kinder vertraut (1,1.2; 5Mo 7,6; Mt 20,16; Joh 6,44; 13,18; 15,16; Apg 22,14; Eph 1,4; 1Th 1,4; 1Tim 6,12).

Gottes rettende Gnade – Jesus Christus ist das grosse Gnadengeschenk Gottes an eine gefallene Menschheit (2,11; 3,5; Ps 84,12; Joh 1,14; 3,16-18; Röm 5,15.17; Eph 1,6; 1Tim 2,5-6; 4,10; Hebr 4,16; Jak 1,17; 1Pt 5,10; 1Joh 2,2).

Die Gottheit Christi und sein zweites Kommen – bei der Wiederkunft Jesu Christi wird die ganze Herrlichkeit seiner Gottheit offenbar (2,13; Röm 8,22.23; 1Kor 15,51-58, Phil 3,20-21; 1Th 4,13-18; 2Pt 1,1; 1Joh 3,2.3).

Das stellvertretende Sühneopfer Christi – Christus gab sich selbst zum Opfer, so dass die Gläubigen in ihm die Vergebung der Sünde haben (2,14; Jes 53,4-12; Joh 15,13, Apg 4,12; Röm 5,8-11, 8,32; 2Kor 5,18-19; Gal 1,4; Hebr 10,14; 1Pt 3,18, 1Joh 2,2; 4,10).

Die Wiedergeburt durch den Heiligen Geist und die Erneuerung der Gläubigen – die Errettung bewirkt eine geistliche Reinigung von Sünden und verleiht die Gabe eines neuen, vom Heiligen Geist gewirkten, gestärkten und geschützten Lebens als Gottes eigene Kinder und Erben (3,5; Hes 36,25-29; Joel 3,1; Joh 3,3-6; Röm 5,5; 8,2; Eph 5,26; Jak 1,18, 1Pt 1,23; 1Joh 2,29; 3,9; 4,7, 5,1).

Gottes Wesen im Titusbrief

Gott ist freundlich – 3,4-6

Gott ist Liebe – 3,4-7

Gott ist barmherzig – 1,18; 3,5

Gott hält seine Versprechen – 1,2

Gott ist wahrhaftig – 1,2

Christus im Titusbrief

Die Gottheit Christi wird im Titusbrief sehr stark betont: »Indem wir die glückselige Hoffnung erwarten und die Erscheinung der Herrlichkeit unseres grossen Gottes und Heilandes Jesus Christus« (2,13). Im gesamten Brief verweist Paulus immer wieder auf Gott und Christus als den Retter, indem er sowohl die Gottheit Christi als auch den Erlösungsplan hervorhebt (1,3-4; 2,10.13; 3,4.6).

Schlüsselworte im Titusbrief

Gott unser Retter: Griechisch tou sôteros hemôn theou – 1,3; 2,10; 3,4 – Dieser Ausdruck (oder ähnliche) kommen in den Pastoralbriefen oft vor. In jedem dieser Verse beschreibt dieser Begriff Gott den Vater. Die Schreiber des AT reden vom Retter-Gott (s. Ps 24,5; Jes 12,2; 45,15.21) und dasselbe trifft auch auf einige NT-Schreiber zu (Lk 1,47; Jud 25). In den Pastoralbriefen wird der Sohn mit Retter angesprochen (1,4; 2,13; 3,6; 2Tim 1,10) und im Kapitel 2,13 wird der Sohn »unser Gott und Retter« genannt, wodurch Jesus eindeutig als Gott identifiziert wird.

Bad der Wiedergeburt: Griechisch loutron palingenesias – 3,5 – dieses Wort für »Bad« kann für den eigentlichen Behälter (Badewanne) stehen. Epheser 5,26, die einzige andere ntl. Stelle, wo dieser Ausdruck vorkommt, spricht vom Vorgang des Sich-Badens. Auch im Titusbrief geht es um den Vorgang des Badens. Einfach ausgedrückt heisst es hier, dass die Wiedergeburt durch den Vorgang des Sich-Waschens charakterisiert bzw. davon begleitet wird. An anderer Stelle in der Schrift wird das Wirken des Heiligen Geistes als reinigend und läuternd beschrieben (Hes 36,25-27; Joh 3,5). Das gr. Wort für »Wiedergeburt« bedeutet wortwörtlich »von neuem geboren werden« – und verweist auf das Wirken des Heiligen Geistes (s. Joh 3,6; Röm 8,16; Gal 4,6). Unsere Errettung durch Gott ist also ein einmaliges Ereignis, bei dem aber zwei Aspekte berücksichtigt werden müssen: 1) Das Bad der Wiedergeburt und 2) die Erneuerung durch den Heiligen Geist.

Gliederung

Gruss (1,1-4)

Grundsätze für effektive Evangelisation (1,5 – 3,11)

  • Unter Leitern (1,5-16)
  • In der Gemeinde (2,1-15)
  • In der Welt (3,1-11)

Schlussfolgerung (3,12-14)

Segenswunsch (3,15)

Zur gleichen Zeit an einem anderen Ort auf der Erde …

Rom brennt und die Christen werden als die Schuldigen hingestellt, obwohl allgemein bekannt ist, dass Nero ein Brandstifter ist.

Häufig auftauchende Fragen

1. Woran erkennen wir, dass der an Titus gerichtete Brief wahrscheinlich für einen ausgedehnteren Hörerkreis als nur für die Christen auf Kreta und Titus selbst bestimmt war?

Die Verse Titus 2,11-13 bilden das Herzstück des Briefes. Sie betonen Gottes souveränes Ziel mit der Berufung von Ältesten (1,5) und mit dem Aufruf an sein Volk zu einem gerechten Leben (2,1-10): Dadurch soll das Zeugnis aufgestellt werden, das Gottes Plan und den Zweck der Errettung darstellt. Wie immer hatte der Apostel eine breite Hörerschaft vor Augen, denn die Botschaft des Evangeliums ist universeller Natur. Er fasste den Heilsplan Gottes in drei Eckpunkten zusammen: 1) Errettung von der Schuld der Sünde (V. 11), 2) der Macht der Sünde (V. 12) und 3) der Gegenwart der Sünde (V. 13).

»Gnade Gottes«, dieser Ausdruck bezieht sich nicht nur auf die göttlichen Eigenschaften der Gnade, sondern auf Jesus Christus selbst, die fleischgewordene Gnade und Gottes absolut gnädige Gabe an die gefallene Menschheit (vgl. Joh 1,14). Der Ausdruck »für alle Menschen« spricht nicht von der Allver söhnung, wie einige irrtümlicherweise lehren. »Alle Menschen« wird so verwendet wie der Begriff »Menschenliebe« in 3,4 und bezieht sich auf die Menschheit im Allge meinen als eine Kategorie und nicht auf jeden einzelnen Menschen.Das Opfer Jesu Christi reicht aus, um jede Sünde jedes Gläubigen zu begleichen (Joh 3,16-18; 1Tim 2,5.6; 4,10; 1Joh 2,2). Paulus macht in der Einleitung dieses Briefes deutlich, dass die Errettung nur durch »den Glauben der Auserwählten« (1,1) effektiv wird. Paulus war sich des universellen Charakters des Evangeliums sehr wohl bewusst, trotzdem werden aus der Menschheit nur diejenigen errettet, die glauben (Joh 1,12; 3,16; 5,24.38.40; 6,40; 10,9; Röm 10,9-17).

2. Wie kann man anhand des Abschnitts im Kapitel 3,1-11 zum Schluss kommen, dass Evangelisation wirklich wichtig ist?

Wer den Brief liest wird leicht feststellen, dass Paulus mit Titus mehr im Sinn hatte, als ihn bloss nach Kreta zu schicken, um die dortige Gemeinde zu leiten. Paulus verfolgte ein evangelistisches Ziel. Er wollte, dass durch Titus’ Arbeit mehr Menschen zum Glauben an Jesus Christus kämen. Damit das wirklich stattfinden konnte, konzentrierte sich Paulus stark auf die evangelistische Zurüstung der Gläubigen in Kreta, so dass auch sie diesen Auftrag wahrnehmen konnten. Paulus suchte prinzipiell keine Gemeindeleiter, die ausschliesslich den Hirtendienst verrichten wollten (1,5-9), sondern er schaute sich nach Leitern um, die Christen gleichzeitig auch für die Evangelisation an ihren heidnischen Nachbarn zurüsteten. Im 2. Timotheus 2,2 lässt sich die Vorgehensweise von Paulus am klarsten erkennen.

In seiner Abschlussrede ermahnt er Titus, er solle die Gläubigen unter seiner Obhut an folgende Dinge erinnern: 1) eine korrekte Einstellung gegenüber der ungläubigen Obrigkeit (3,1) und auch gegenüber den Menschen allgemein (3,2), 2) an ihren früheren Zustand, als sie noch verloren in ihren Sünden waren (3,3), 3) an die barmherzige Rettung durch Jesus Christus (3,4-7), 4) ein glaubwürdiges Zeugnis angesichts der ungläubigen Welt zu sein (3,8) und 5) an ihre Verantwortung, falsche Lehrer und sektiererische Menschen innerhalb der Gemeinde abzuweisen (3,9-11). Alle diese Punkte tragen entscheidend zu einer effektiven, evangelistischen Tätigkeit bei. Das Zeugnis einer Gruppe von rechtschaffenen Gläubigen, die demütig und voller Mitgefühl sind, ist das beste Aushängeschild für das Evangelium und übt eine gewaltige Anziehungskraft aus.

Kurzstudium zum Titusbrief/einige Fragen

  • Während du dich mit dem Titusbrief beschäftigst, solltest du dir Kreta mal auf einer Landkarte anschauen.
  • Vergleiche 1. Timotheus mit Titus. Welche Gemeinsamkeiten fallen dir auf?
  • Wie fasst Paulus das Evangelium für Titus zusammen?
  • Welches sind laut Paulus’ Anweisungen an Titus die Hauptpunkte, wenn es um Gemeindeleitung geht?
  • Welchen Stellenwert misst Paulus den Charaktereigenschaften eines Gemeindeleiters zu?
  • Zu welcher Gruppe von Christen gehörst du und wie ernst nimmst du die dir übertragene Verantwortung?


Autor: John MacArthur
Quelle: Basisinformationen zur Bibel