Die Bedeutung der Bibel

Jede Stelle der Schrift ist von unendlicher Einsicht; darum was du erkennst, mache nicht hochmütig geltend, bestreite nicht dem anderen seine Einsicht und wehre ihn nicht ab! Denn es sind Zeugnisse, und jener sieht vielleicht, was du nicht siehst – So ist immer voranzuschreiten in der Erkenntnis der Heiligen Schrift. Martin Luther

»Auge um Auge…« ein biblisch-jüdisches Racheprinzip?

Viele Menschen erklären die Politik Israels gegen die Palästinenser mit typisch jüdischer Rachsucht – und sitzen damit einem christlich inspirierten Vorurteil auf. Denn eines der hartnäckigsten antijüdischen Vorurteile drückt sich in den Worten ‘Auge um Auge’ aus. Mit dieser angeblich aus der Thora stammenden Formel wird Juden bis heute vorgeworfen, Rache sei das Prinzip ihres Verständnisses von Gerechtigkeit, ihr Gott sei – im Unterschied zum ‘christlichen’ Gott – ein grausamer und rachsüchtiger Gott und Frieden mit dem Volk und Staat Israel sei deshalb niemals möglich.« Dieses sogenannte »alttestamentarische« (im Klartext: jüdische) Vergeltungsgesetz wird aus Unkenntnis meist falsch interpretiert und als antijüdisches Klischee missbraucht.

Selbst wenn man die Bibelstelle im 2. Buch Mose 21, 23-24 im herkömmlichen Sinn als ein Maß für die Begrenzung der Rache interpretiert, so wäre dieses Gebot durchaus positiv zu werten. Es entspricht dem Grundsatz der Verhältnismäßigkeit zwischen Vergehen und Strafe und wurde ein zentrales Element unseres abendländischen Rechtssystems, das eine Eskalation der Gewalt verhindern soll. Dagegen ist in manchen Kulturen schon die Wiederherstellung der beispiels-weise durch das außereheliche Verhältnis einer Tochter verletzten Familienehre nur durch die Ermordung dieser Tochter möglich. Wenn nach islamischem Recht (Scharia) einem Dieb die Hand abgehackt wird, fehlt jede Verhältnismäßigkeit.

Bei dem so oft zitierten biblischen Prinzip »Auge um Auge« geht es jedoch überhaupt nicht um ein Maß für die Rache oder Vergeltung gegenüber dem, der jemandem einen körperlichen Schaden zugefügt hat. Es geht vielmehr um die Bemessung des Schadensersatzes, den der Täter dem Geschädigten leisten muß. Die Rechtspraxis der Bibel ist nicht täter-, sondern opferorientiert. Nicht die Strafe steht im Mittelpunkt, sondern die Wahrung der Interessen des Geschädigten. Dies wird deutlich, wenn man den Grundsatz “Auge um Auge” im Kontext beachtet. Es heißt nämlich: »Entsteht aber ein dauernder Schaden, so sollst du geben Leben um Leben, Auge um Auge, Zahn um Zahn…« (2. Mo. 21,23 -24). Nicht vom Geschädigten ist die Rede, der Rache nehmen soll, sondern vom Verursacher, der Schadensersatz geben muss.

Die gängige Übersetzung des hebräischen Satzes »ajin tachat ajin« mit »Auge um Auge« entspricht nicht dem jüdischen Verständnis dieser Stelle. Deshalb übersetzen Martin Buber und Franz Rosenzweig: »Geschieht das Ärgste aber, dann gib Lebenersatz für Leben, Augersatz für Auge, Zahnersatz für Zahn…«. Für diese Übersetzung spricht, dass das Wort »tachat« an mehreren Stellen der Thora die Bedeutung »anstelle von« und »als Entschädigung für« hat (1. Mo. 4,25). Auch aus dem Kontext geht hervor, daß der Abschnitt von körperlichen Verletzungen und den zugehörigen Ersatzleistungen handelt, nicht aber von Rache oder Vergeltung. Ebenso hat auch die zweite Stelle, an der dieses Prinzip in der Thora vorkommt (3. Mo. 24,17-22), materielle Ersatzzahlungen für einen zugefügten Schaden im Blick. Diese Schutzbestimmungen werden hier sogar auf die Fremdlinge im Land ausgeweitet.

Im Judentum wurde »Auge um Auge« nie als Vergeltungsgesetz nach dem Motto “wie du mir, so ich dir“ aufgefasst, sondern als Rechtspraxis, die bei zugefügtem Schaden eine entsprechende Ersatzleistung fordert. So ist im Talmud zu lesen: »Rabbi Dostaj Ben Jehuda sagte: ‘Auge um Auge’, eine Geldentschädigung«; oder »In der Schule R. Jischmaels wurde gelehrt: Die Schrift sagt: ‘(wie er einen Menschen verletzt hat, so) soll ihm zugefügt werden (3. Mo. 24,19)’, und unter ‘zufügen’ ist eine Geldentschädigung zu verstehen…«.

Aus der jüdischen Geschichte ist kein einziges Beispiel bekannt, dass strikte Vergeltung im wörtlichen Sinne geübt wurde. Niemals wurde demjenigen, der einem anderen – vielleicht nur aus Versehen – ein Auge zerstört hatte, dann ebenfalls ein Auge ausgestochen. Bereits 200 n. Chr. fasst die Mischna (»mündliche Lehre« und Kern des Talmud) den ganzen Sachverhalt so zusammen: »Wer seinen Nächsten verwundet, ist ihm fünf Dinge dafür schuldig: Schadensersatz, Schmerzensgeld, Heilungskosten, Entschädigung für den Arbeitsausfall und Strafgeld für die Beschämung (d.h. wenn sich jemand schämt, sich mit einer körperlichen Verletzung öffentlich zu zeigen)« (Traktat Baba Kamma 8,1).

Trotzdem wurde später im Christentum der Grundsatz »Auge um Auge« zum Inbegriff eines jüdischen Gesetzes, das eine Ethik der Vergeltung und Rache verkörpert und als überholt galt. Hauptgrund hierfür war die Art, wie das von Jesus in der Bergpredigt zitierte Prinzip von der christlichen Tradition gesehen wurde: »Ihr habt gehört, dass da gesagt ist: ‘Auge um Auge, Zahn um Zahn.’ Ich (Jesus) aber sage euch, dass ihr nicht widerstreben sollt dem Übel; sondern wenn dir jemand einen Streich gibt auf deine rechte Backe, dem biete die andere auch dar…« (Mt.5,38-42). Nach allgemeinem christlichen Verständnis hebt Jesus hier das Gesetz der Vergeltung auf und ersetzt es durch das Gebot der Liebe und Gewaltlosigkeit. Diese gängige Auslegung steht jedoch im krassen Widerspruch zu der Aussage Jesu über die Verbindlichkeit der Thora, die er wenige Verse zuvor macht (Mt. 5,17-18). Mit dem Ausdruck »Auge um Auge« hat Jesus seine Zuhörer zunächst an den biblischen Grundsatz der Schadensersatzregelung erinnert, der seinen Zeitgenossen sehr wohl geläufig war. Ausgehend von diesem Prinzip zur Konfliktbewältigung geht Jesus in seiner Auslegung des Gebots noch einen Schritt weiter. Er fordert seine Nachfolger auf, freiwillig auf den rechtmäßig zustehenden Schadensersatz zu verzichten bzw. mehr zu geben als gefordert wird. Kinder Gottes sollen – auch wenn sie im Recht sind – in ihrem Verhalten gegenüber den Mitmenschen die Barmherzigkeit und Geduld ihres Vaters im Himmel widerspiegeln (Mt.5,46- 48). Dieser lässt in seiner Liebe zu den Menschen seine Sonne aufgehen über Böse und Gute und lässt regnen über Gerechte und Ungerechte (Mt. 5,44-45).
Quelle: »Sehet den Feigenbaum«, Ausgabe 241, Sept/Okt 2002.
https://www.gemeindenetzwerk.de/?p=11915

Psalm 8,2: HERR, unser Herrscher, wie herrlich ist dein Name in allen Landen, / der du zeigst deine Hoheit am Himmel!

Text-Ausschnitt

Luther 1984:HERR, unser Herrscher, wie herrlich ist -a-dein Name in allen Landen, / der du zeigst deine Hoheit am Himmel! / -a) 2. Mose 3,13-15.
Menge 1926/1949 (Hexapla 1989):HErr, unser Herrscher, wie herrlich ist / dein Name auf der ganzen Erde, / du, dessen Hoheit-1- am Himmel sich kundtut!-2- / -1) = Majestät. 2) aÜs: dessen Hoheit (o: Majestät) sich bis zum Himmel (o: über den Himmel) erstreckt (o: den Himmel überragt).
Revidierte Elberfelder 1985/1986:HERR, unser Herr, wie herrlich ist dein Name auf der ganzen Erde-a-, / der du deine Hoheit gelegt hast auf die Himmel-b-! / -a) Jesaja 6,3. b) Psalm 57,6; 148, 13.
Schlachter 1952:HERR, unser Herrscher, / wie herrlich ist dein Name auf der ganzen Erde, / daß dein Lob bis zum Himmel reicht! /
Zürcher 1931:Herr, unser Herrscher, / wie herrlich ist dein Name in allen Landen! / Besingen-1-* will ich deine Hoheit über dem Himmel / -1) aüs. gleichfalls mit Hilfe von Textänderung: «Du, dessen Hoheit gepriesen wird über den Himmeln, aus dem Munde von Kindern und Säuglingen hast du dir eine Macht gegründet . . .».
Luther 1912:Herr, unser Herrscher, wie herrlich ist dein Name in allen Landen, du, den man lobet im Himmel!
Buber-Rosenzweig 1929:DU, unser Herr, wie herrlich ist dein Name in allem Erdreich! Du, dessen Hehre der Wettgesang gilt über den Himmel hin,
Tur-Sinai 1954:«Ewiger, Herr uns! / Wie machtvoll ist dein Name auf der ganzen Erde, / wo deines Glanzes Preis zum Himmel steigt /
Luther 1545 (Original):HERR vnser Herrscher, wie herrlich ist dein Name in allen Landen, Da man dir dancket im Himel.
Luther 1545 (hochdeutsch):HERR, unser Herrscher, wie herrlich ist dein Name in allen Landen, da man dir danket im Himmel!
NeÜ 2021:(2) Jahwe, du unser Herr, / wie herrlich ist dein Name überall auf der Welt! / Über den Himmel breitest du deine Hoheit aus,
Jantzen/Jettel 2016:Jahweh, unser Herr, wie ehrenhaft 1) ist dein Name auf der ganzen Erde, der du ausbreitest deine Majestät über die Himmel! 2) a)
1) o.: majestätisch; so a. V. 10
2) Da das Verb im Imperativ steht, könnte man auch übersetzen: „[von dem es hieß]: Lege deine Majestät auf die Himmel.“
a) Psalm 57,6; 113, 4; 148, 13; Jesaja 6,3; Habakuk 2,14
English Standard Version 2001:O LORD, our Lord, how majestic is your name in all the earth! You have set your glory above the heavens.
King James Version 1611:O LORD our Lord, how excellent [is] thy name in all the earth! who hast set thy glory above the heavens.

Kommentar:
John MacArthur Studienbibel:8, 1: Anfang und Ende dieses Psalms weisen darauf hin, dass er eigentlich ein Loblied ist. Doch ein beträchtlicher Teil weist ihn als so genannten Naturpsalm aus, d.h. als einen Psalm über die Schöpfung. Außerdem gilt ein Hauptaugenmerk der Würde des Menschen. Durch dieses Ausdrucksmittel wird das wichtige Thema adamitischer Theologie angesprochen, sodass dieser Psalm letztlich zur wichtigen Verbindung passt zwischen dem »Einen«, dem letzten Adam, d.h. Christus, und den »Vielen« (vgl. Hebräer 2,6-8). Vom Aufbau her gesehen ist der vor Lobpreis strotzende Anfang und das ebensolche Ende von Psalm 8 angetrieben von Davids Betrachtung zweier völlig gegensätzlicher Paare. I. Einleitender Lobpreis (8, 2) II. Zwei völlig gegensätzliche Paare (8, 3-9) A. Zwischen der Natur von »Säuglingen« und Untreuen (8, 3) B. Zwischen passiver allgemeiner Offenbarung und aktiver besonderer Offenbarung (8, 4-9) III. Abschließender Lobpreis (8, 10) 8, 1 In diesem Titel wird ein weiteres Instrument erwähnt, wahrscheinlich eine gitarrenähnliche Harfe, die mit der philistäischen Stadt Gat in Verbindung gebracht wird.

Hebräerbrief 11,1

Der Glaube ist ein Festhalten an dem, worauf man hofft – ein Überzeugtsein von Dingen, die nicht sichtbar sind. (BasisBibel)

Es ist der Glaube eine feste Zuversicht dessen, was man hofft, und ein Nichtzweifeln an dem, was man nicht sieht. (Luther 2017).

Der Glaube aber ist die Grundlegung dessen, was man erhofft, der Beweis für Dinge, die man nicht sieht. (Neue Zürcher Bibel)

Glauben heißt Vertrauen, und im Vertrauen bezeugt sich die Wirklichkeit dessen, worauf wir hoffen. Das, was wir jetzt noch nicht sehen: im Vertrauen beweist es sich selbst. (Gute Nachricht)

Es ist aber der Glaube ein zuversichtliches Vertrauen auf das, was man hofft, ein festes Überzeugtsein von Dingen (oder: Tatsachen), die man (mit Augen) nicht sieht. (Menge-Bibel)

Glauben besteht darin, dass ein Stück des Erhofften als geheime Kraft schon wirklich ist. Der Glaube selbst ist der Beweis für das, was man nicht sehen kann. (Berger/Noth)

Die notwendige Taufe des Hermes oder: Wie wir zu einer biblischen Hermeneutik kommen

Hermeneutik ist die Kunst des Dolmetschens. Man braucht sie, um Texte richtig verstehen zu können. Denn jeder, der einen Text – besonders aus einer anderen Kultur und Zeit – liest, steht in Gefahr, statt das vorliegende Wort auszulegen, die eigenen Vorstellungen und Erfahrungen in dieses hineinzulesen. Also muss man ernsthaft fragen: Was hat der Autor ursprünglich gemeint und was kann er mir heute sagen? Demnach ist die Hermeneutik eine seriöse und wichtige Kunst.

Doch sie hat auch ihre Haken und Fallen. Das fängt schon beim Namen des Hermes an. Hermes war in der griechischen Mythologie der Götterbote. Er überbrachte u.a. Botschaften der Götter an die Menschen. Nun ja. Aber Hermes war nicht so harmlos wie es den Anschein hat. Er betätigte sich auch als Patron der Diebe und Wegelagerer. Bei ihm musste man aufpassen, dass einem nichts geklaut wurde. Eben war die Handtasche noch da, plötzlich ist sie weg. Hat Hermes sie mitgehen lassen?

Historisch-kritischer Umgang mit der Bibel

Genau das ist das schmerzliche Gefühl, das viele Christen haben, wenn Theologen die Bibel hermeneutisch bearbeiten. Eben stand noch eine Aussage in klaren Worten da. Doch ehe man sich versieht, wird sie als unechtes Jesuswort oder als unechter Paulusbrief bezeichnet und die Botschaft erscheint problematisch. In einem anderen Fall gebietet Gott eindeutig ein Verhalten und lehnt z.B. praktizierte Homosexualität ab, da kommen Hermeneuten und erklären, dass Paulus etwas völlig anderes vor Augen hatte, als er Römer 1,18ff schrieb. Also war alles nur falscher Alarm bzw. ein bedauerliches Missverständnis. Der Dumme ist in der Regel der Laie. Ihm fehlen die Kenntnisse, um die Tricks von Hermes zu durchschauen. Dem, was in schlichten und klaren Worten dasteht, kann man offensichtlich nicht vertrauen. Vor allem wird aufgrund der historisch-kritischen Auslegung oft behauptet, die von der Bibel dargestellten historischen Ereignisse hätten so, wie sie die Bibel beschreibt, nie stattgefunden. Am Ende – so sagt es die hermeneutische Theorie – wollten die Schreiber nur ein besseres Verständnis der menschlichen Existenz, eine sozialere Welt oder einen christlicheren Humanismus. Das war’s dann.

Was soll man sagen zu der tiefen hermeneutischen Unsicherheit, die in der wissenschaftlichen Theologie meist unter dem Label „historisch-kritische Forschung“ läuft? Die Kritik an der historisch-kritischen Forschung bezieht sich auf die philosophischen und ideologischen Vorurteile, mit denen diese Methode an die Bibel herangeht. Sie praktiziert einen methodischen Atheismus, so, als ob es den lebendigen Gott nicht gäbe. Eine sachlich profunde, historische, philologische und archäologische Arbeit ist damit allerdings keineswegs ausgeschlossen.

Notwendigkeit einer biblischen Hermeneutik

Also, einen Götterboten brauchen wir sicher nicht. Wohl aber die verlässliche Botschaft Gottes. Der Hermes, um bei der so zwielichtigen Gestalt zu bleiben, muss getauft werden. Dem Hermes, der unversehens das Wort Gottes manipuliert, muss das Handwerk gelegt werden.

Wir brauchen eine biblische Hermeneutik, d.h. eine aus der Bibel selbst abgeleitete Kunst des Verstehens. Zu der gehört neben dem gründlichen Studium des Einzeltextes eine solide Kenntnis der Heilsgeschichte und des großen Zusammenhangs der Heiligen Schrift. Denn erst in der biblischen Ganzheit lassen sich die einzelnen Schriftabschnitte sachgemäß zuordnen und verstehen. Die „dunklen Stellen“, die schwer zugänglich sind, können und müssen durch die Texte, die eindeutig klar sind, verstanden werden.

Klarheit und Mitte der Schrift

In allen Fragen, die unsere Gemeinschaft mit Gott und das Heil betreffen, ist die Bibel glasklar. Und das, weil Jesus das Zentrum der Offenbarung ist. Das Alte Testament weist prophetisch auf Christus hin und bereitet sein Kommen vor. Die Evangelien verkündigen die Botschaft von seiner göttlichen Geburt sowie seinen Worten und Taten. Sie stellen sein Leiden und Sterben am Kreuz in die Mitte des Evangeliums und sie bezeugen seine leibhafte Auferstehung, seine Himmelfahrt und glorreiche Wiederkunft am Jüngsten Tag zum Gericht über Lebende und Tote. Dieses Evangelium von der Erlösung und Rechtfertigung des Sünders entfalten die Apostel dann in ihren Briefen und Schriften.

Die Bibel ist also ungeachtet der langen Zeiträume, in denen sie entstand, und unabhängig von der Vielfalt ihrer Autoren ein in sich klarer und wahrer Zusammenhang. Sie ist das Werk Gottes, das aus der Inspiration des Heiligen Geistes hervorging. Weil Gott selbst Autor der Schrift ist, hat sie – und sie allein – Autorität in allen Fragen des Glaubens und Lebens. Und weil der Heilige Geist die menschlichen Verfasser geleitet hat, kann der Inhalt der Schriften auch nur durch die Erleuchtung des Heiligen Geistes in der Tiefe verstanden und bejaht werden. Der Heilige Geist gebraucht das Schriftwort, um Menschen zur Buße und zum rettenden Glauben zu führen. Der Geist bewirkt durch das Wort, dass Menschen in die Nachfolge Christi Schritt für Schritt hineingeführt werden und so Christus ähnlich werden.

Die alles bestimmende Mitte des geschriebenen Wortes Gottes ist deshalb das fleischgewordene Wort, d.h. Christus. Und das Ziel der Schrift ist soteriologisch, d.h. sie zeigt den Weg zum ewigen Heil.

Hermeneutische Grundsätze – „sola scriptura“

Dabei sind zwei weitere hermeneutische Grundsätze zu bedenken:

Erstens „sola scriptura“ (allein die Schrift). Das war Martin Luther angesichts der vielen kirchlichen Traditionen, Heiligenlegenden usw., die die Schrift überwuchert hatten, ein großes Ärgernis. Dadurch war das Evangelium mehr und mehr verdunkelt worden. Natürlich hat die Gemeinde Jesu in den Jahrhunderten ihrer Geschichte vielfältige Erfahrungen gesammelt und auch tiefe Einsichten gewonnen. Aber unsere konfessionellen Prägungen und theologischen Erkenntnisse müssen immer neu an der Schrift als dem verbindlichen Maßstab überprüft werden. Der Schriftbeweis ist deshalb in jeder theologischen Auseinandersetzung das entscheidende Argument.

Im Zusammenhang des „sola scriptura“ ist zudem an eine eigenartige Verschränkung zu erinnern. Luther forderte „allein die Schrift“ gegen die Übermacht der Traditionen in der mittelalterlichen Kirche. Die Kirchen der Reformation sind jedoch nach dem Aufkommen der modernen Bibelkritik im 18. Jahrhundert auf der anderen Seite vom Pferd gefallen. Sie behaupten, dass die Bibel, weil sie von Menschen geschrieben wurde, selbst auch nur menschliche Tradition sei. Die Theologen fühlen sich deshalb genötigt, erst mühsam nach authentischen Worten Gottes in der Bibel suchen, bzw. den sogenannten Kanon im Kanon zu finden. Während die Katholische Kirche also die Tradition zur Bibel hinzuaddierte, hat der Neuprotestantismus die scheinbar lediglich menschlichen Traditionen aus der Bibel subtrahiert bzw. ausgeschieden. Beides ist falsch, weil weder die Addition noch die Subtraktion der Ganzheit der Bibel gerecht wird.

Hermeneutische Grundsätze – „Tota scriptura“

Damit sind wir bereits beim zweiten Grundsatz: „Tota scriptura“ (die ganze Schrift). Die Bibel ist ein von Gott geschaffener Organismus, in dem alles mit allem in lebendiger Weise zusammenhängt. Dabei gefällt es Gott, Menschen in einer bestimmten Lebensphase den einen oder anderen Bibeltext besonders wichtig zu machen. Aber die Schrift als Ganze ist größer und bedeutsamer als unsere aktuellen Erkenntnisse. Deshalb sind wir auch an das gesamte Offenbarungswort von 1. Mose 1 bis Offenbarung 22 gewiesen. Entsprechendes gilt auch für bestimmte Phasen der Kirchengeschichte. In Verfolgungszeiten spricht z.B. die Offenbarung des Johannes besonders zu den Gläubigen. In der Reformationszeit hat Gott die Rechtfertigung des Sünders ganz neu ins Zentrum gerückt. Als sich die evangelische Kirche in der „billigen Gnade“ bequem einrichtete, musste sie durch Gottes Geist zur Heiligung neu erweckt werden.

Um ein weiteres Beispiel zu nennen, in 1. Tim. 5,23 bittet Paulus seinen Freund Timotheus, wegen seiner Magenprobleme nicht nur Wasser, sondern auch ein wenig Wein zu trinken. Nun gut, mag mancher sagen, das ist wohl ein Hausrezept, das der Apostel bei seiner Großmutter gelernt hat. Aber ist dieser Ratschlag wirklich Gottes Wort? Könnten wir auf diesen Vers nicht verzichten? Wir können es nicht, denn mancher charismatische Wunderheiler verlangt, dass Christen auf Ärzte und Medizin verzichten und ausschließlich auf Wunder hoffen. Da ruft uns Paulus zur bodenständigen Nüchternheit, obwohl er selbst oft die Heilungswunder Gottes bezeugt hat. Aber es gilt eben, die ganze Schrift ernst zu nehmen und anzuwenden.

Alle diese Zusammenhänge muss der bekehrte Hermes lernen und in der Auslegung praktizieren. Es geht also nicht um die Frage Hermeneutik Ja oder Nein, sondern um die Aufgabe, die Bibel als das geschriebene Offenbarungswort Gottes in Ehrfurcht zu hören und sie dann schriftgemäß auszulegen.

Dr. Rolf Hille, Heilbronn

Gedanken zur Bibel

Die Grundlage für spezifische christliche Offenbarung Gottes bilden die Heiligen Schriften der Bibel. Für Christen ist diese normativ. Über das Phänomen der Existenz der Bibel, ein singuläres Buch,[1] gab es viele Auseinandersetzungen. Das zentrale Thema der Bibel ist das Reden Gottes, die Offenbarung Gottes. Jesus sagte: Johannes 5:39   Ihr erforschet die Schriften, weil ihr meinet, darin das ewige Leben zu haben; und sie sind es, die von mir zeugen. Durch die Begegnung mit Jesus Christus wird den Menschen der existierende Gott menschlich fassbar. In dem priesterlichem Gebet erklärt Jesus das “wie”, d.h. die Möglichkeit, des Menschen, das ewige Leben zu erreichen. Das ist aber das ewige Leben, daß sie dich, den allein wahren Gott, und den du gesandt hast, Jesus Christus, erkennen. (Joh17,3)  Diese war das Ziel seines Lebens und Werkes auf der Erde. Die gesamte Bibel ist das Zeugnis des sich offenbarenden Gottes. Die Geschichte des Volkes Israel ist die Geschichte progressiver Erkenntnis in der Begegnung mit dem existierenden Gott. In dem Handeln Gottes mit dem jüdischen Volk wird die Heiligkeit und Gerechtigkeit Jahwes deutlich. Jakob Kroeker sagt: Wohl war die israelitische Nation mit ihren Propheten je und je Empfängerin, jedoch niemals Schöpferin ihrer Offenbarungen. Nicht Israels Glaube schuf sich Jahwe als seinen Offenbarungsgott, sondern der Gott der Offenbarung schuf sich in Israels Glauben den menschlichen Träger und Vermittler für seine göttliche Offenbarung.[2] Die biblischen Propheten[3] sind die Vermittler des Redens Gottes. Petrus definiert die Propheten als Menschen, die getrieben vom Heiligen Geist im Namen Gottes geredet haben (1.Petr 1,21).  Redewendungen, wie „das Wort des Herrn geschah … (Hes 23,1), oder ich hörte die Stimme des Herrn … (Jes 6,8), oder „der Herr sprach … (Jes 8,1)“ durchziehen die Botschaften der Propheten. Reden ist immer auch Selbstoffenbarung[4]. Gottes Reden beinhaltet göttliche Selbstmitteilung. In den Poetischen Büchern, ganz besonders in den Psalmen, wird die subjektive Erfahrung Gottes durch Menschen dargestellt. Viele dieser Liedergebete stellen den Dialog des glaubenden Menschen mit Gott dar. Die Antworten, welche sie dann bekommen sind von tiefster Gotteserfahrung geprägt. So beschreibt Asaph seine Gottesbegegnung mit dem Besuch im Heiligtum Gottes (Ps 73,17), welche ihm in seinem Zweifeln und Fragen eine neue Sicht für sein Dasein gibt. Dann kann er freudig bezeugen: Es ist meine Freude, dass ich mich zu Gott halte! (Ps 73,28). David bezeugt, wenn ich auch im finsteren Tal wandelte, bist Du bei mir! (Ps 23,4). So kommt nun auch Hiob, durch sein Leiden und Anklagen doch zu der krönende Aussage: Bisher hatte ich dich nur vom Hörensagen gekannt, nun aber hat mein Auge Dich gesehen (Hiob 42,5). Das Zeugnis der vielfachen Gotteserfahrung wird zu einer Quelle der Gotteserkenntnis. Das Neue Testament zeigt die Offenbarung des Sohnes Gottes, Jesus Christus, und gibt so dem Alten Testament Kontinuität. Die Evangelien habe als Inhalt die Beschreibung der Person Jesus Christus. Die vier Evangelisten stellen ihn von unterschiedlichen Gesichtspunkten dar. Matthäus beschreibt ihn als den König der Juden. Markus dagegen als den Knecht Gottes. Während Lukas Jesus als den Menschen Sohn darstellt, will Johannes durch sein Evangelium klarmachen, dass er der Sohn Gottes ist. Diese Darstellungen werden noch ergänzt durch den Schreiber des Hebräerbriefs, welche uns Jesus als den wahren Hohen Priester, den Mittler zwischen Gott und Mensch, kennen lernen läst. Die Apokalypse des Johannes wird mit den Worten: Dies ist die Offenbarung Jesu Christi … eingeleitet. In diesem Buch wird das Lamm Gottes, Jesus von Nazareth, als der Kyrius  Gottes dargestellt. Jesus selbst stellte seine Sendung unter das Motto … ich gekommen bin, das Gesetz oder die Propheten aufzulösen, sondern zu erfüllen (Mat 5,17). Er verstand sich als der, den Juden verheißenen Messias Jahwes, als der Heiland Gottes. In allem ging es ihm um die Vermittelung von Gotteserkenntnis. Diese gipfelt in der Aussage: … wer mich sieht, sieht den Vater (Joh 14,9). Ihm ging es letztendlich darum, dass Gott, der Vater, verherrlicht würde. Das zentrale Thema der Bibel ist Jesus Christus. Im Alten Testament prophetisch als Messias angekündigt und im Neuen Testament in der Erfüllung dargestellt. 


[1] McDowell, Josh, Evidence that demands a Veredict, (Campus Crusade for Christ, San Bernadino, CA: 1972) 17 – 27 [2] Kroeker, Jakob, Die erste Schöpfung, ihr Fall und Wiederherstellung – Noah und das Damalige Weltgericht, 4.Auflage (Brunnenverlag, Giessen: 1972) 11 – 12 [3] Das Wort Prophet (gr. Prophetes) bezeichnet nach Bauer jemand, der Verkünder und Ausleger der göttlichen Offenbarung ist. Walter Bauer, Griechisch-Deutsches Wörterbuch (Töpelmann, Berlin: 1963)Sp 1434 [4] Friedemann Schulz von Thun, Miteinander reden: 1 Störungen und Klärungen, Sonderausgabe 2006 (Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbeck bei Hamburg: 1981)99
Johannes Heinz Klement
http://johannesklement.blogspot.com/2013/05/gedanken-zur-bibel.html

Was ist die Bibel!

Das Wort „Bibel“ kommt vom lateinischen und griechischen Wort und bedeutet „Buch“, ein passender Name, weil die Bibel für alle Zeiten das Buch für alle Menschen ist. Es ist ein Buch wie kein anderes, in einer eigenen Klasse.

Die Bibel umfasst 66 verschiedene Bücher. Sie enthält Bücher über Gesetze, wie 3.und 5. Mose; historische Bücher, wie Esra und die Apostelgeschichte; poetische Bücher, wie Psalmen und Prediger; Bücher über Prophezeiungen, wie Jesaja und die Offenbarung; Biografien, so wie Matthäus, Johannes und Epistel (formale Sendschreiben), wie Titus und Hebräer.

Was ist die Bibel? — Die Autoren:

Über 40 menschliche Autoren haben zur Bibel beigetragen, die über einen Zeitraum von ca. 1500 Jahren geschrieben wurde. Die Autoren waren Könige, Fischer, Priester, Amtsträger, Bauern, Hirten und Ärzte. Aus all dieser Unterschiedlichkeit entstand eine erstaunliche Einheit, die durch gemeinsame Themen miteinander verflochten sind.

Die Einheit der Bibel ist der Tatsache zuzuschreiben, dass sie nur einen einzigen Autor hatte – Gott selbst. Die Bibel ist von Gott eingegeben (2. Timotheus 3, 16). Die menschlichen Autoren haben exakt das niedergeschrieben, von dem Gott wollte, dass sie es schreiben, und das Resultat ist das perfekte und heilige Wort Gottes (Psalmen 12,6; 2. Petrus 1,21).

Was ist die Bibel? — Die Aufteilung

Die Bibel ist in zwei Hauptteile aufgeteilt: das Alte Testament und das Neue Testament. Kurz gesagt, ist das Alte Testament die Geschichte eines Volkes und das Neue Testament die Geschichte eines Menschen. Dieses Volk war Gottes Weg, den Mensch – Jesus Christus – in die Welt zu bringen.

Das Alte Testament beschreibt die Gründung und Erhaltung des Volkes Israel. Gott versprach, Israel dazu zu benutzen, die ganze Welt zu segnen (1. Mose 12,2-3). Als Israel als Volk etabliert war, hat Gott ein Geschlecht innerhalb des Volkes hervorgebracht, durch das der Segen kommen sollte: Das Geschlecht Davids (Psalmen 89,3-4). Dann wurde aus diesem Geschlecht Davids ein Mensch versprochen, der den versprochenen Segen bringen sollte. (Jesaja 11,1-10).

Das Neue Testament stellt die Ankunft des versprochenen Menschen dar. Sein Name war Jesus und er verfüllte die Prophezeiungen des Alten Testaments, indem er ein perfektes Leben lebte, starb, um der Erlöser zu werden und ist von den Toten auferstanden.

Was ist die Bibel? — Der zentrale Charakter

Jesus ist der zentrale Charakter der Bibel – das gesamte Buch ist eigentlich über ihn. Das Alte Testament sagt sein Kommen voraus und bereitet die Bühne für seinen „Auftritt“ in der Welt. Das Neue Testament beschreibt sein Kommen und seine Arbeit, um Erlösung für unsere sündige Welt zu bringen.

Jesus ist mehr als nur eine historische Figur; tatsächlich ist er auch mehr als ein Mensch. Er ist Gott im Fleisch und sein Kommen war das wichtigste Ereignis der Weltgeschichte. Gott selbst wurde Mensch, um uns ein klares und verständliches Bild davon zu geben, wer er ist. Wie ist Gott eigentlich? Er ist wie Jesus; Jesus ist Gott in menschlicher Form (Johannes 1,14; 14,9).

Was ist die Bibel? — Kurzzusammenfassung

Gott schuf die Menschheit und platzierte sie in eine perfekte Umgebung; allerdings rebellierte die Menschheit gegen Gott und fiel von dem ab, was Gott beabsichtigte. Gott hat daraufhin die Welt wegen ihrer Sünde verdammt, aber hat sofort einen Plan verabschiedet, wie man die Menschheit wiederherstellen kann, um die Schöpfung ihrer ursprünglichen Herrlichkeit zurückzuführen.

Als Teil seines Plans der Erlösung hat Gott Abraham aus Babylon nach Kanaan (ca. 2000 v.Chr.) gerufen. Gott hat Abraham, seinem Sohn Isaak und seinem Enkel Jakob (auch genannt Israel) versprochen, dass er die Welt durch seine Nachfahren segnen wird. Israels Familie wanderte von Kanaan nach Ägypten aus, wo sie zu einem Volk heranwuchsen.

Um 1400 v.Chr. führte Gott Israels Nachfahren unter der Führung von Moses von Ägypten und gab ihnen das versprochene Land, Kanaan, als ihr eigenes. Durch Moses hat Gott dem Volk von Israel das Gesetz gegeben und einen Bund (Testament) mit ihnen geschlossen. Wenn sie weiterhin an Gott glaubten und nicht der Götzenverehrung der benachbarten Nationen folgen würden, dann würden sie florieren. Wenn sie aber Gott aufgeben und diesen Götzen folgen würden, dann werde Gott die Nation zerstören.

Etwa 400 Jahre später, während der Herrschaft von David und seinem Sohn Salomon, war Israel als großes und mächtiges Königreich manifestiert. Gott versprach David und Salomon, dass ein Nachfahre von ihnen das Königreich ewig regieren werde.

Nach Salomons Herrschaft wurde das Volk Israel geteilt. Die zehn Stämme im Norden wurden „Israel“ genannt und sie überdauerten etwa 200 Jahre, bevor Gott wie wegen ihrer Götzenverehrung richtete. Assyrien nahm Israel ca. 721 v.Chr gefangen. Die beiden Völker im Süden wurden „Judäa“ genannt und überdauerten ein wenig länger, aber letztendlich haben auch sie sich von Gott gewandt. Babylon nahm sie ca. 600 v.Chr. gefangen.

Etwa 70 Jahre später hat Gott barmherzig einen Rest der Gefangenen zurück in ihr eigenes Land gebracht. Jerusalem, die Hauptstadt, wurde ca. 444 v.Chr. erbaut und Israel erlangte erneut eine nationale Identität. Damit endet das Alte Testament.

Das Neue Testament beginnt ca. 400 Jahre später mit der Geburt von Jesus Christus in Bethlehem. Jesus war der Nachfahre, der Abraham und David versprochen wurde und derjenige, der Gottes Plan erfüllten sollte, um die Menschheit zu erlösen und die Schöpfung zu ihrer Bestimmung zurückzuführen. Jesus erfüllte diese Aufgabe gewissenhaft und starb für unsere Sünden und ist von den Toten auferstanden. Der Tod Christi ist die Basis des neuen Bundes (Testament) mit der Welt. Alle, die an Jesus glauben, werden von ihren Sünden erlöst und haben ewiges Leben.

Nach seiner Auferstehung sandte Jesus seine Jünger aus, um die Nachricht über sein Leben und seine Kraft zur Erlösung überall zu verbreiten. Die Jünger von Jesus gingen in alle Richtungen, um die gute Nachricht von Jesus und der Erlösung zu verkünden. Sie reisten durch Klein-Asien, Griechenland und das römische Imperium. Das Neue Testament schließt mit der Vorhersage, dass Jesus zurückkommen wird, um die ungläubige Welt zu richten und die Schöpfung aus der Verdammnis zu befreien. Die Wahrheit Jesus Christus das Licht der Welt.

Am 21 September 1522 wurde das neue Testament veröffentlicht

Am 21. September 1522 erscheint in Wittenberg die deutsche Fassung des Neuen Testaments in Martin Luthers Übersetzung. Die 3000 Exemplare sind schnell vergriffen, die Wirkung des Bands zeigt sich jedoch erst über die Jahrhunderte hinweg. 

Im Mai 1521, auf dem Rückweg vom Wormser Reichstag, wurde Martin Luther entführt. Zu seinem Glück handelte es sich bei den Entführern aber um Gefolgsleute seines Landesherrn, Kurfürst Friedrich der Weise. Die brachten ihn auf der Wartburg über Eisenach unter, wo der inzwischen vogelfreie Reformator in Sicherheit war. Neben ritterlicher Freizeitgestaltung mit Fechten, Reiten und Jagen soll auch die Kost reichlich bemessen gewesen sein, so dass der bisher eher mönchischer Askese zugeneigte Luther ordentlich zugenommen habe. 

Zuerst Traktate verfasst, dann das Neue Testament übersetzt 

Allerdings befasste sich Luther auf der Wartburg nicht nur mit solcherlei Ablenkungen, sondern auch mit einem Projekt, das eines seiner nachhaltigsten und einflussreichsten Vermächtnisse werden sollte. Hatte Luther bis Dezember 1521 hauptsächlich Traktate zu Beichte, Mönchswesen und heiliger Messe verfasst, wandte er sich dann einer umfangreicheren Aufgabe zu: Der Übersetzung des Neuen Testaments ins Deutsche. 

Luther war beileibe nicht der erste, der eine deutsche Übersetzung der Bibel anging. Bis 1521 waren schon fast zwanzig deutsche Fassungen erschienen. Sie richteten sich jedoch in der Hauptsache an Geistliche, beruhten auf der lateinischen Bibelübersetzung, der Vulgata, waren häufig in einem regionalen Dialekt verfasst und sollen auch sprachlich eher gestelzt gewesen sein. Luther wählte als Grundlage dagegen die griechischen und hebräischen Urtexte und übersetzte sie in die sächsische Kanzleisprache. Die wurde praktisch überall in Deutschland verstanden. 

Dazu wählte Luther einen Sprachduktus, der auf breite Verständlichkeit setzte, wie er in seinem Sendbrief vom Dolmetschen andeutet: „Den man mus nicht die buchstaben inn der lateinischen sprachen fragen, wie man sol Deutsch reden, wie diese esel thun, sondern, man mus die mutter jhm hause, die kinder auff der gassen, den gemeinen man auff dem marckt drumb fragen, und den selbigen auff das maul sehen, wie sie reden, und darnach dolmetzschen, so verstehen sie es den und mercken, das man Deutsch mit jn redet“, heißt es dort. 

220 Seiten in 11 Wochen übersetzt

Luther vollendet die Übersetzung – auch mit Hilfe seiner Universitätskollegen in Wittenberg – nach nur elf Wochen. Als er die Wartburg verlässt, nimmt er das Manuskript mit. Am 21. September 1521 ist es dann soweit. Luthers Übersetzung des Neuen Testaments, weiter be- und überarbeitet, erscheint als Druckwerk in der unerhört hohen Auflage von 3000 Exemplaren. Die „Septemberbibel“ ist so schnell ausverkauft, dass bereits drei Monate später die nächste Auflage folgt. 

Bis zur vollständigen Übersetzung der Bibel vergehen jedoch noch zwölf weitere Jahre. Sie erscheint im Oktober 1534. Schätzungen zufolge lag Luthers Bibel bald in jedem fünften deutschen Haushalt, auch wenn längst nicht jeder des Lesens kundig war. Übrigens gab es zur Lutherbibel auch Übersetzungshefte. Denn wenn Luther sich auch bemüht hatte, allgemeinverständliches Deutsch zu verwenden, waren einzelne Begriffe doch nicht in jedem Sprachraum geläufig. Bis sich – auch angeregt von der Lutherübersetzung – ein mehr oder weniger einheitlicher deutscher Sprachraum bildete, sollte es noch einige hundert Jahre dauern.

Bibellesen

„Ich habe mir angewöhnt, die beim Lesen des Bibeltextes schnell gewonnenen Erkenntnisse nicht für die Predigt zu berücksichtigen. Was ich zuerst sehe, steht meist nicht im Text, sondern befindet sich als Vorurteil im eigenen Kopf. Wenn ich mich dem Bibelwort länger aussetze, dringe ich tiefer ein. Das Wort Gottes setzt sich gegen meine vorgefasste Meinung durch. Oft kommen unbequeme Wahrheiten zutage, häufig überrascht mich das Bibelwort. Mal sind befreiende und erfreuende, mal herausfordernde Überraschungen, auch Zumutungen.“ Ulrich Parzany, Dazu stehe ich, s. 121.

„Die Bibel ist Gottes Wort“

„Die Bibel ist Gottes Wort“ und insofern in gewisser Weise natürlich auch unfehlbar (weil Gott eben unfehlbar ist), entspricht (vorbehaltlich textkritischer Fragen) erst einmal ihrem Selbstzeugnis. Wir lesen in der Bibel, dass Jesus und die Apostel genau so mit der Schrift umgegangen sind: Die Schriften sind Gottes Wort. „Gott sagt“ und „die Schrift sagt“ war für sie oft austauschbar. Nur dieses Axiom kann somit die das reformatorische Prinzip ernst nehmen, dass die Bibel sich selbst auslegen muss und somit letzte und höchste Autorität hat – und sie damit auch vor Eisegese schützen. Wenn Jesus und die Apostel damit recht hatten, dann ist dieses Axiom letztlich auch das einzige, das dem Forschungsgegenstand Bibel gerecht wird. Offene Wissenschaft würde nun untersuchen: Bewährt sich dieses Axiom in der Praxis im Vergleich mit anderen Axiomen? Führt es zu schlüssigeren Ergebnissen im Vergleich zu anderen Axiomen? Dabei muss sie sich ihrer Begrenztheit bewusst sein. Wissenschaft kann bestmöglich versuchen, die Aussageabsicht zu klären. Aber es wird dabei immer Restunsicherheiten geben, z.B. bezüglich der literarischen Gattung (historisch oder symbolisch gemeint?). Bei den historischen Fragen kann redliche Wissenschaft ohnehin nur Wahrscheinlichkeitsurteile fällen, z.B. zur Chronologie der alten Welt. Den lauten Rufe von „keine Posaunen vor Jericho“ stehen längst schon wieder gut begründete Gegenmodelle gegenüber, die eine historische Zuverlässigkeit biblischer Geschichtsschreibung nahelegen. Scheinbare innere Widersprüche haben sich allzuoft schon als ergänzende 2 Seiten der gleichen Medaille herausgestellt. Eine „Widerlegung“ der Bibel wird also mit wissenschaftlichen Mitteln schwierig. Das gilt noch mehr, wenn die Wissenschaft sich ehrlich den Fakten stellt, die für ihren Offenbarungscharakter sprechen wie z.B. die zahlreichen erfüllten Prophetien, die zahllosen buchübergreifenden Querbezüge, die erstaunlich durchgängigen roten Fäden trotz der enormen Buntheit der Autoren, ihre durchgängige Ehrlichkeit, das vielfach bestätigte Welt- und Menschenbild, das absolut einzigartige Gottesbild, die herausragende Ethik und nicht zuletzt die hervorragenden historischen Belege für die Tatsächlichkeit des Ostergeschehens – alles in Verbindung mit dem Selbstanpruch, echte Gottesoffenbarung zu sein. Ich habe bislang keine schlüssige wissenschaftliche Widerlegung dieser Argumente für den Offenbarungscharakter der Bibel und insgesamt für dieses absolut einzigartige „Phänomen Bibel“ gelesen. Ich halte es deshalb für eine wissenschaftlich absolut haltbare, vernünftige, intellektuell befriedigende Position, dem Bibelverständnis von Jesus und den Aposteln zu folgen. Umgekehrt nehme ich wahr, dass ein bibelwissenschaftlicher Ansatz, der die Bibel für einen antiken Text wie jeden anderen hält, eine unendliche Fülle von sich widersprechenden Thesen hervorgebracht hat. Die ganzen Versuche, einen historischen Jesus an der Bibel vorbei zu konstruieren, sind hoffnungslos gescheitert. Viele Theorien zur Entstehung der biblischen Texte haben mit der Zeit in ein übersehbares Theoriengewirr gemündet. Ich staune z.B., was aus der Urkundenhypothese geworden ist, die mir im Reliunterricht noch als großartige wissenschaftliche Tatsache verkauft worden war. Wenn aber Heerscharen von Forschern auf Dauer keine Theorien hervorbringen können, die sich mit der Zeit stabilisieren und die korrekte Vorhersagen machen können, die sich später bestätigen, dann spricht das normalerweise dafür, dass ein Ansatz sich nicht als fruchtbar erweist. Markus Till