Warum wir die Psalmen brauchen

Der Psalter war das göttliche inspirierte Gesangbuch für die Gottesdienste Israels (1 Chron 16,8–36). Die Psalmen wurden nicht nur gelesen, sondern auch gesungen und stellten so eine wunderbare Möglichkeit dar, sowohl Denken als auch Gefühle der Menschen zu erreichen, wie das nur die Musik zu tun vermag. Die Texte des Psalters waren so fest in den Herzen und Gedanken der Menschen verankert, dass es uns gar nicht verwundern darf, dass die Menschenmenge Jesus begrüßte, indem sie einen Psalm zitierte (Mk 11,9; Ps 118,26).
Auch die ersten Christen sangen und beteten die Psalmen (Kol 3,16; 1 Kor 14,26). In den benedektinischen Klöstern war es die Gewohnheit, die Psalmen mindestens einmal pro Woche zu singen, zu lesen und zu beten. Im Mittelalter war der Psalter für viele der am meisten bekannte Teil der Bibel. Auch war er der Teil der Bibel, den Laienchristen besitzen durften. In der Zeit der Reformation spielten die Psalmen eine wichtige Rolle in der Reformierung der Kirche. Matin Luther ordnete an, den gesamten Psalter für den Gottesdienst zu gebrauchen. Für Johannes Calvin waren die Psalmen die Grundlage für den Gesang der Kirche. Er schrieb: „Es war die Absicht des Hl. Geistes … der Kirche eine allgemeine Form des Gebets zu hinterlassen.“
Nahezu alle Theologen und Pastoren in der Kirchengeschichte glaubten, dass die Psalmen sowohl für das persönliche Gebetsleben als auch für die gemeinsame Anbetung genutzt werden sollten. Wir sollten die Psalmen nicht nur lesen. Wir sollten sie in sie eintauchen, damit sie unsere Beziehung zu Gott verändern. Die Psalmen sind ein von Gott bestimmter Weg, um echte Hingabe an Gott zu lernen.
Wie kann das sein?
1. Der Psalter ist eine Mini-Bibel.
Ein Grund ist, dass der Psalter eine „Mini-Bibel“ ist, wie auch Matin Luther festhielt. Die Psalmen geben uns einen Überblick über die Heilsgeschichte; bei der Schöpfung beginnend, über die Gabe des Gesetzes am Berg Sinai, die Einsetzung der Stiftshütte und des Tempels, das Exil und die Untreue des Gottesvolkes, bis hin zur Verkündigung der kommenden messianischen Erlösung und der Erneuerung aller Dinge. Im Psalter werden die Lehren von Offenbarung (Ps 19), von Gott (Ps 139), vom Menschen (Ps 8) und von der Sünde (Ps 14) angesprochen.
2. Die Psalmen sprechen in jede Situation hinein.
Der Psalter ist mehr als ein Instrument zur theologischen Ausbildung. Athanasius, einer der Kirchenväter, schrieb einmal:
„In welcher Notlage oder Schwierigkeit wir auch sind; in diesem einen Buch finden wir die Worte, die dazu passen und uns helfen, unsere Not zu heilen.“
Jede Situation des Lebens wird in den Psalmen angesprochen. Die Psalmen bereiten uns für jede mögliche geistliche, soziale und emotionale Situation vor. Sie zeigen uns, wo die Gefahren liegen, was wir beachten sollten, wie wir reagieren sollten, wie wir mit Gott darüber reden können und wie wir von Gott die Hilfe bekommen, die wir nötig haben. Unseren Lebensituationen wird die Größe Gottes an die Seite gestellt, sodass wir lernen, die Dinge richtig einzuschätzen. Jeder Bestandteil und alle Umstände des Lebens werden in den Psalmen ausgehend von Gegenwart Gottes betrachtet und im Kontext der Wahrheiten über das göttliche Wesen beurteilt. Die Psalmen sind deshalb nicht einfach ein Leitfaden der Lehre, sondern eine Art Hausapotheke für das Herz und die bestmögliche Anleitung für das praktische Leben.
3. Die Psalmen müssen verinnerlicht werden.
Wenn ich die Psalmen als „Medizin“ beschreibe, versuche ich, ihren besonderen Charakter deutlich zu machen, der sie auch vom Rest der Bibel unterscheidet. Sie wurden geschrieben, um gebetet, aufgesagt und gesungen zu werden. Und nicht nur das. Sie wurden geschrieben, um Handlungen hervorzurufen. Der Theologe David Wenham schlussfolgert, dass der kontinuierliche Gebrauch der Psalmen ein „performativer Akt“ ist, der die „Beziehung [zu Gott] auf eine Art verändert wie es das einfache Hören nicht kann“. Wir müssen die Psalmen in unsere Gebete integrieren oder auch unsere Gebete in die Psalmen einbetten. Auf diesem Weg konfrontieren die Psalmen den Beter mit neuen Gedanken, Versprechungen, Verheißungen und auch Emotionen. Wenn wir beispielsweise Ps 139,23 -24 nicht nur lesen, sondern beten, laden wir Gott dazu ein, unsere Motive zu prüfen und machen uns aktiv auf den Weg, das Leben zu führen, das Gott in seinem Wort fordert.
4. Die Psalmen führen uns zu Gott.
Die Psalmen leiten uns dazu an, das zu tun, was die Psalmisten taten. Sie führen dazu, dass wir uns Gott durch Zusagen und Versprechen hingeben und uns abhängig durch Bitten von Ihm abhängig machen. Sie leiten uns darin, durch Klagen bei Ihm Sicherheit zu suchen und durch Nachdenken, Erinnern und Reflexion neue Weisheit und Ansichten von Gott zu erlangen.
5. Die Psalmen zeigen uns Gottes Wesen.
Die Psalmen helfen uns, Gott zu sehen. Sie zeigen uns Gott, wie er sich uns offenbart. Gott wird hier auf eine Art beschrieben, die sich jeglicher menschlichen Vorstellungskraft entzieht. Er ist heiliger, weiser, furchterregender, sanfter und liebender, als wir uns das vorstellen können. Die Psalmen bringen unsere Vorstellungen von Gott auf eine neue Ebene und zeigen uns, wie Gott wirklich ist. Das bringt eine Realität in unsere Gebete, die wir auf einem anderen Weg nicht erleben können.
Beten wir für uns selbst, reden wir schnell mit einem Gott, der das sagt, was wir gerne hören. Wir reden den „Teil“ Gottes an, den wir verstehen. Aber es ist notwendig, dass wir mit dem Gott reden, der auch mit uns redet; und dass wir ihn als den Gott anreden,  der er ist. In unseren Gebeten geht es nicht in erster Linie darum, uns selbst mitzuteilen. Es geht zunächst darum, zu lernen, Gott angemessen zu antworten.
6. Die Psalmen bringen uns zu Jesus.
Im Licht der gesamten Bibel betrachtet, bringen uns fast alle Psalmen zu Jesus. Die Psalmen waren sein Gesangbuch. Das Lied, das Jesus beim letzten Passahmahl sang (Mt 26,30; Mk 14,26) wird wohl das große Hallel (Ps 113–118) gewesen sein. In der Tat haben wir viele Gründe anzunehmen, dass Jesus selbst alle Psalmen im Laufe seines Lebens gesungen und diese so in seinem Herzen verinnerlicht hat. Die Psalmen wurden von Jesus öfter zitiert als jedes andere Buch. Aber sie wurden nicht nur von ihm zitiert, sondern sie sprechen auch von ihm. Die Psalmen sind tatsächlich die Lieder Jesu. Timothy Keller, 6 Reasons You Need the Songs of Jesus © TheGospelCoalition
https://www.evangelium21.net/media/362/warum-wir-die-psalmen-brauchen





„Suchet der Stadt Bestes, dahin ich euch habe wegführen lassen, und betet für sie zum HERRN; denn wenn’s ihr wohlgeht, so geht’s auch euch wohl.“ (Jeremia 29,7

Exilsituation. Ein Teil Israels war im Jahr 597 v.Chr. unter dem babylonischen König Nebukadnezar nach Babel ins Exil gebracht worden. Die Frage stellte sich für diese Leute, wie sie sich im fremden und dazu feindlichen Ausland verhalten sollten. Sollte man sich abgrenzen von der heidnischen Umgebung und versuchen, möglichst so zu leben, wie es in Israel auch gewesen war? Oder sollten sie von einem möglichst schnellen Ende dieser Zeit träumen, wie manche Propheten es verhießen? Oder blieb letztlich nur die Resignation? Die Gemeinde Jesu lebt nicht im Exil, aber in der modernen Gesellschaft doch in einer vergleichbaren Situation. Die für Israel grundlegend gegebene Identität von Staat und Religion ist so für die Gemeinde Jesu prinzipiell nicht vorausgesetzt. Gemeinde war immer Gemeinde in der Welt, mitten unter den Völkern. Im Laufe der Kirchengeschichte hat sich dies sehr unterschiedlich ausgeprägt: von der israelähnlichen Situation im „christlichen Abendland“ des Mittelalters, das es so inzwischen nicht mehr gibt, über geduldete Minderheitensituationen bis hin zu offener Anfeindung und Verfolgung. Auch für die Gemeinde stellt sich die Frage, wie sie damit in guter Weise umgehen soll: sich isolieren, unrealistische Bedingungen erträumen oder resignieren? Jeremia gab den Exilierten seiner Zeit in einem Brief (Jeremia 29) einige gute Tipps.  Die Situation annehmen Jeremia versprach den ins Exil Geführten im Gegensatz zu anderen Propheten keine schnelle Wende. Auf siebzig Jahre Gefangenschaft sollten sie sich einstellen. Dies bedeutete für die allermeisten von ihnen, dass sie eine Rückkehr nach Israel nicht mehr erleben würden. Aber was tun in dieser Zeit? Auf gepackten Koffern sitzen und warten? Jeremia gab den Rat: „Baut Häuser und wohnt darin; pflanzt Gärten und esst ihre Früchte; nehmt euch Frauen und zeugt Söhne und Töchter…“ (Jeremia 29,5-6). Wenn wir als Christen dieses Wort hören, dann warnt es einerseits vor einem schwärmerischen Ausbrechen aus der Wirklichkeit des Lebens und andererseits vor einer ausschließlichen Konzentration auf die Gegebenheiten dieser Welt. Christen leben in der Hoffnung auf das kommende Reich Gottes, das mit Jesus schon angebrochen ist. Deshalb sind sie nicht gefesselt an dieses irdische Leben und seine Umstände. Und gleichzeitig stehen sie doch mit beiden Beinen im Leben. Sie sind Bürger zweier Welten. Sie sind in der Welt, aber nicht von der Welt. Und deshalb bringen sie auch dem Leben hier die nötige Verantwortung entgegen. Der Stadt Bestes suchen Die Ratschläge Jeremias bleiben nicht bei der nüchternen Einschätzung der Situation und den entsprechenden Folgen stehen. Sie fordern sogar zu aktivem Handeln auf. An was Jeremia konkret dachte, wird nicht gesagt. Vielleicht hat er es bewusst den Betroffenen und ihrem Überlegen überlas- sen. Was er ganz gewiss nicht meinte war, dass die Israeliten dabei ihren Glauben preisgeben sollten. Was könnte dies für uns bedeuten? Christen unterscheiden sich durch den Glauben von der Welt. Aber sie ziehen sich nicht aus der Welt zurück. Das Evangelium gehört in die Öffentlichkeit. Jesus hat öffentlich gelehrt. Tausende haben zugehört. Das Evangelium muss man nicht verstecken. Das Evangelium dient allen Menschen zum Besten (wörtlich bei Jeremia „zum Frieden“), weil es den Menschen das Heil nahe bringt. Aber bei diesem wichtigsten Auftrag darf man nicht stehen bleiben. Es stellt sich auch die Frage, wo Christen zu aktuellen Fragen vom Glauben her etwas zu sagen haben und sich einmischen sollen, wenn es die politischen Umstände zulassen. Ihr erstes Wort gilt dem ewigen Heil, aber das irdische Wohl (Frieden) ist ihnen nicht gleichgültig. Für die Stadt Beten Was immer möglich ist, ist die Fürbitte für die Stadt, für das Land, für den Staat. Diese Fürbitte verbindet sich mit der Nennung der Namen der Verantwortlichen in den verschiedensten Bereichen vor Gott. Das in diesem Text verwendete hebräische Wort wird für die Fürbitte der Großen Israels (Abraham, Mose, Samuel, Hiob usw.) und besonders für das Gebet von Propheten verwendet. Wenn Israel zu solcher Fürbitte aufgerufen wird, tritt es damit als Gemeinschaft in deren Fußstapfen. Fürbitte ist prophetisches Handeln. Die Aufforderung Jeremias war für Israel gewiss nicht einfach, galt es doch, für den politischen Feind zu beten. Doch solches Gebet hat Auswirkungen, auch für die Betenden selbst. Im Eintreten für den Nächsten vor Gott verändert es die eigene Einstellung zu ihm. Das Neue Testament knüpft daran an. Die Aufforderung Jesu lautet: „Bittet für die, die euch verfolgen.“ Und Paulus wirbt ganz im Sinne von Jeremia darum, für die Obrigkeit zu beten (1.Timotheus 2,1f). Wenn ich es recht sehe, ist die Mahnung des Apostels unter uns Christen bekannt, und doch wird dieses Gebet so selten geübt. Vielleicht ist die Verheißung, mit der Jeremia schließt, ein Ansporn für uns, neu und intensiver auch seine Aufforderung ernst zu nehmen: „Suchet der Stadt Bestes […] und betet für sie zum HERRN […].“  Hartmut Schmid Studienleiter THEOLOGISCHE ORIENTIERUNG No.154:April-Juni 2009    

Achte darauf, dass das Licht in dir nicht Finsternis ist (Lukas 11,35)

Der Satz ist Bestandteil von dem Bildwort vom Auge als Licht des Körpers (Lk. 11,33-36). So, wie eine Lampe ein Haus hell macht und ermöglicht, dass man sich im Haus zurecht findet, so ist auch das Auge Licht für den Körper und zeigt anderen meinen Zustand. So die Aussage der Verse 33-34.
„Warum schaust du so nachdenklich?“; „Du schaust drein wie 8 Tage Regenwetter“; „Die sieht aber traurig aus“; „Schau nicht so muffig!“ u.ä. – all das sind Redewendungen, die zeigen, dass wir selbstverständlich in den Augen der Menschen „lesen“ können. Das Auge ist wie der Spiegel der Seele. Unsere Seelenzustände „spiegeln“ sich in den Augen. Man kann Augen vor Zorn blitzen sehen und erkennt Traurigkeiten im trüben Blick. Aber auch Fröhlichkeit, Mitleid und Liebe „sehen“ wir in den Augen unseres Gegenübers. Das, was unser Auge „sagt“ lässt sich nicht steuern, höchstens streiten wir den diagnostizierten Gemütszustand ab. „Nein, ich bin nicht ärgerlich.“
Der böse Blick ist im Islam ein bekanntes und gefürchtetes Phänomen. „Er ist wie ein Pfeil aus der Seele des Neiders“, der den anderen schädigen möchte, heißt es in einer Erklärung. Auch wir kennen das Sprichwort „Wenn Blicke töten könnten“.
Jesus geht in seinem Vergleich über den organischen Bereich hinaus. Er stellt das aufrichtige, das gute Auge dem bösen Auge gegenüber. Jesus verbindet also ethische Qualitäten mit dem Auge und zieht weitreichende Folgerungen daraus: Wenn dein Auge gut/aufrichtig/lauter ist, dann ist der ganze Mensch „erleuchtet“. Wenn das Auge böse ist, dann ist der ganze Mensch „verfinstert“.
In dem Vers, „Achte darauf, dass das Licht in dir nicht Finsternis ist“, fordert Jesus auf, er warnt davor, das innere Licht zu verlieren. Wie kann man Halleluja singen und unmittelbar danach den Bruder zur Minna machen? Wie das Licht die Finsternis vertreibt, so gilt auch das Gegenteil: Die Finsternis kann das Licht zurückdrängen!
Achte darauf, dass das Licht in dir nicht Finsternis ist, ist ein ernster Hinweis, dass unser Verhalten (unser Blick) und unser Inneres (unser Herz) in Einklang sein sollten. Aus der Bibel wissen wir, dass es das Herz ist, aus dem aller mögliche Unrat kommt, z.B. schlechte Gedanken, Verleumdungen usw. (vgl. Mt. 15,18-19). Darum ist die Ursache für das böse Auge immer dort zu suchen und nur dort zu beheben.
Wenn wir von Aggression, Hass, schlechten Gedanken bestimmt werden, ist es nicht ausreichend, eine symptomatische Behandlung -zusammenreissen, keep smiling etc.- einzuleiten. Da braucht es einen tieferen Blick, den uns der Heilige Geist ermöglicht. Wenn wir die „Sünde hinter der Sünde“ erkennen, können wir sie bearbeiten. D.h. bewusst machen, uns von Jesus vergeben lassen, bei Mitbeteiligten das Gespräch suchen und ggf. um Vergebung bitten und mit der Hilfe des Heiligen Geistes neue, gute Wege und Verhaltensweisen einüben.
Was Jesus uns hier ans Herz legt, wenn er sagt: „Achte darauf, dass das Licht in dir nicht Finsternis ist“ ist also keine Kleinigkeit. Leicht schleichen sich negative Dinge in unser Herz ein. Und die sollen wir erkennen und bekämpfen, damit sie nicht Jesus, das Licht das in mir lebt, „überwuchern“. Damit nicht das Licht in mir Finsternis wird. Das ist eine ernste Gefahr. Jesus möchte durch seinen Geist alles in uns erhellen. Er gibt sich nicht damit zufrieden, im Halbdunkel zu leben. Er will nicht auf einem Müllhaufen aus bitteren Wurzeln und anderem finsteren Unrat leben und sein Dasein im Halbdunkel fristen. Jesus ist sehr daran gelegen, dass auch du dich nicht mit weniger als dem vollen Licht zufrieden gibst. Darum ermutigt er uns und fordert uns auf: „Achte darauf, dass das Licht in dir nicht Finsternis ist!“

Auf Gottes Einladung antworten

Jeder ist auf der Suche nach Ruhe, nach Frieden, nach Freiheit. Und Jesus sagt uns, wo wir sie finden können – indem wir am Kreuz unsere Last abwerfen und indem wir uns der Autorität seiner Lehre unterordnen. Freiheit finden wir in der Tat dadurch, dass wir unsere Last niederlegen; aber wir finden sie ganz bestimmt nicht dadurch, dass wir hinterher auch die Last Christi abwerfen. Das Paradox des christlichen Lebens ist: Unter dem Joch Christi finden wir Ruhe, und in seinem Dienst finden wir Freiheit. Indem wir uns verlieren, finden wir uns selbst, und wenn wir unserer Selbstsucht absterben, fangen wir an zu leben.
Warum also bin ich Christ? Es ist wohl klar geworden, dass es dafür nicht den einen, alles entscheidenden Grund gibt, sondern eher ein Bündel von Gründen. Manche davon haben mit Jesus Christus selbst zu tun – mit den außergewöhnlichen Behauptungen, die er über sich selbst aufstellte und die ich nicht entkräften kann; mit seinem Leiden und seinem Tod, die mir das Problem des Schmerzes erhellen; und mit der Unerbittlichkeit, mit der er, der „himmlische Jagdhund“, mich verfolgte und mich nicht entkommen ließ. Andere Gründe haben mehr mit mir zu tun als mit ihm: Er hilft mir, mich selbst im Paradox meiner menschlichen Natur zu verstehen und Erfüllung für mein grundlegendes menschliches Streben zu finden. Ein weiterer Grund für meine Entscheidung, Christ zu werden, ist die Notwendigkeit, auf Gottes Einladung zu reagieren und zu ihm zu kommen, um Freiheit und Ruhe zu finden.
Um es in einem einzigen Satz zusammenzufassen: Jesus Christus, der von sich sagt, er sei sowohl der Sohn Gottes als auch der Erlöser und Richter der Menschheit, steht nun vor uns und bietet uns Erfüllung, Freiheit und Ruhe an, wenn wir nur zu ihm kommen. Eine solche Einladung von einer solchen Person kann man nicht einfach übergehen. Er wartet geduldig auf unsere Antwort. „U. A. w. g.!“ [Um Antwort wird gebeten!].
Es ist schon viele Jahre her, dass ich Christus damals im Schlafsaal der Schule kniend meine Antwort gegeben habe. Ich habe es nicht bereut. Denn ich habe erfahren, was Lord Reith (der erste Generaldirektor von BBC London) einmal „das Mysterium und die Magie des innewohnenden Christus„  nannte.
Ich frage mich, ob Sie, liebe Leserin und lieber Leser, wohl ebenfalls bereit sind, diesen Schritt zu tun? Wenn ja, dann hilft es Ihnen vielleicht, sich allein irgendwohin zurückzuziehen und das folgende Gebet zu Ihrem eigenen zu machen:
Herr Jesus Christus, ich weiß, dass du schon lange auf verschiedenste Weise auf der Suche nach mir bist.Ich habe gehört, wie du an meine Tür geklopft hast.
Ich glaube, dass deine Behauptungen wahr sind; dass du am Kreuz für meine Sünden gestorben bist, und dass du auferstanden bist und über den Tod triumphiert hast.
Danke für dein liebevolles Angebot der Vergebung, für die Freiheit und für die Erfüllung.
Nun wende ich mich ab von meiner sündigen Selbstsucht.
Ich komme zu dir als meinem Erlöser.
Ich ordne mich dir unter als meinem Herrn. Schenk mir die Kraft, dir für den Rest meines Lebens zu folgen. Amen.
John Stott Die große Einladung über die Freiheit (Brunnen, 2004, S. 138–139)

Gibt es einen Gott?

Es ist eigentlich eine geistige Erkrankung, wenn der Mensch fragt: Gibt es einen Gott? Fast möchte man sagen: es ist die Frage eines Verrückten, d. h. eines Menschen, der nicht mehr einfach und nüchtern und klar die Dinge sehen kann, wie sie sind. Aber etwas von dieser Verrücktheit geht heute durch die ganze Welt, und wir spüren alle ihre Folgen. Man kann aber wohl sagen: Es ist eine neue Verrücktheit, an der wir da heute leiden. Sonst haben die Menschen — soweit uns die Geschichte Kunde gibt von Menschen — nie gefragt: Gibt es einen Gott?, sondern: Wie ist Gott? Aber uns sind wohl die Erfolge der Wissenschaft und Technik in den Kopf gestiegen, haben uns die Sinne verwirrt. Wir meinen, es müsse alles durch unsern Verstand erklärt sein, und was wir nicht mit unserem Verstand machen, das sei eben Zufall. Wir meinen, wir seien die einzigen, die Ordnung und etwas Kunstvolles machen in der Welt. Und merken nicht, dass wir um etwas Kunstvolles zu machen ja bereits ein kunstvoll gemachtes Gehirn und kunstvoll gemachte Hände haben müssen, die wir sicher nicht gemacht haben! Die Frage: Gibt es einen Gott? ist das Ausweichen vor dem Ernst.
Und doch: Wenn Gott ist, warum müssen wir dann nach ihm fragen? Unser Herz kommt nicht von Gott los, es weiss von Gott, aber nichts Rechtes. Unser Gewissen spricht uns von Gott, aber undeutlich. Unsere Vernunft bezeugt Gott, und doch weiss sie nicht, wer er ist. Die Welt deutet wie mit Millionen Fingern auf Gott hin, aber sie kann ihn uns nicht zeigen. Wer ist Gott, was will er mit uns, was will er von uns, wo will er mit der Welt hinaus? Auf diese Fragen wissen wir keine Antwort, und solange diese Fragen keine Antwort finden, wissen wir nicht, wer Gott ist. Gott recht erkennen könnten wir nur, wenn er sich uns offenbarte. Dass es einen Gott gibt, sagt uns die Vernunft, das Gewissen, die Natur mit ihren Wundern. Aber wer Gott ist, das sagen sie uns nicht. Das sagt uns Gott selbst in seiner Offenbarung. Emil Brunner “Unser Glaube” Eine christliche Unterweisung (S. 7-8):

Jesus als Schlüssel zur Freiheit

Ich habe festgestellt, dass Jesus Christus der Schlüssel zur Freiheit ist. Und das ist der fünfte Grund, weshalb ich Christ bin. Viele Menschen sind regelrecht getrieben von der Suche nach Freiheit. Bei den einen geht es um die nationale Freiheit, um die Emanzipation von einem kolonialen oder neokolonialen Joch. Für andere ist es die bürgerliche Freiheit, die Freiheit von Armut, Hunger und Arbeitslosigkeit. Doch für uns alle kennzeichnend ist vor allem die Suche nach persönlicher Freiheit. Selbst diejenigen, die am entschiedensten für jene anderen Freiheiten kämpfen, wissen oft, dass sie persönlich nicht frei sind. Sie fühlen sich frustriert, unausgefüllt und unfrei. John Fowles, der gefeierte britische Romanautor, wurde einmal gefragt, ob es in seinen Büchern ein besonderes Thema gebe. «Ja», erwiderte er, «Freiheit. Wie man Freiheit erlangt. Das beschäftigt mich. Davon handeln alle meine Bücher.»
Und Freiheit ist ein großartiges christliches Wort. Jesus Christus wird im Neuen Testament als der große Befreier der Welt gerühmt. Er sagte: «Ich rufe Freiheit aus für die Gefangenen» (Lukas 4,18), und fügte später hinzu: «Wenn euch also der Sohn Gottes befreit, dann seid ihr wirklich frei» (Johannes 8,36). Ähnlich schrieb der Apostel Paulus: «Durch Christus sind wir frei geworden, damit wir als Befreite leben» (Galater 5,1).
Im Grunde ist «Freiheit» lediglich ein moderneres Wort für «Erlösung». Durch Jesus Christus erlöst zu sein, heißt nichts anderes, als befreit zu sein. Wenn man allerdings in einem Gespräch das Wort «Erlösung» fallen lässt, wird es manch einem schlichtweg peinlich, und er wechselt schnell das Thema. Andere reagieren gelangweilt. Sie gähnen, statt rot zu werden. Für sie gehören Ausdrücke wie «Sünde» und «Erlösung» zu einem religiösen Wortschatz, der ihrer Meinung nach heute antiquiert und überholt ist. Vielleicht fragt sich manch einer aber auch verwirrt, was denn um alles in der Welt wohl unter «Erlösung» zu verstehen ist. Bei «Freiheit» sind hingegen alle sofort und mit ganzem Interesse bei der Sache.
Es gibt eine schöne Geschichte über B. F. Westcott, einen angesehenen Professor für Neues Testament an der Universität Cambridge. Er war ab 1890 Bischof von Durham und wurde eines Tages im Bus von einer jungen Soldatin der Heilsarmee angesprochen. Ohne sich von den Gamaschen Seiner Exzellenz (wie sie die Bischöfe damals noch trugen!) abschrecken zu lassen, fragte sie ihn ungeniert, ob er erlöst sei. Mit einem Augenzwinkern antwortete der Bischof: «Nun, meine Liebe, das kommt darauf an, was Sie meinen. Meinen Sie sōzomenos oder sesōsmenos oder sōthesomenos?» (Das sind Gegenwarts-, Vergangenheits- und Zukunftsform des griechischen Verbs sōzō – «retten, erlösen».)
Meine Hoffnung ist, dass ich Sie mit diesem Kapitel weder in Verlegenheit bringe noch langweile, noch verwirre. Ich wünschte, wir könnten dieses herrliche Wort «Erlösung» wiedergewinnen und ihm seinen Platz zurückgeben; denn es ist ein zentraler biblischer Begriff (wir können ihn nicht einfach über Bord werfen) und ein umfassender Ausdruck (er beinhaltet die ganze Absicht Gottes). Der Apostel Paulus bekannte: «Ich schäme mich nicht für die rettende Botschaft. Sie ist eine Kraft Gottes, die alle befreit [erlöst/rettet], die darauf vertrauen; zuerst die Juden, aber auch alle anderen Menschen» (Römer 1,16).
Ich erinnere mich noch gut, wie ich als frisch gebackener Christ diesen Vers vorgelesen bekam und man mir die so genannten «drei Zeitformen der Erlösung» erklärte.
Das hörte sich so an:
Erstens bin ich in der Vergangenheit erlöst (oder befreit) worden von der Strafe der Sünde durch den gekreuzigten Erlöser.
Zweitens werde ich in der Gegenwart erlöst (oder befreit) von der Macht der Sünde durch den lebendigen Erlöser.
Drittens werde ich in der Zukunft erlöst (oder befreit) werden von der Gegenwart der Sünde durch den kommenden Erlöser. John Stott Die große Einladung über die Selbstliebe (Brunnen, 2004, S. 84–86)

Mehr eingebildetes als echtes Reden Gottes

„Kaum ein Christ wird behaupten, dass Gott sich heute nicht mehr Menschen mitteilt. Die Frage ist eher, wie und in welchem Maße er das tut. Offensichtlich gibt es gegenwärtig zahlreiche Personen, die meinen, direkte Botschaften aus dem Universum zu bekommen oder mit Jesus persönlich konferieren zu können.
Seltsamerweise irritiert es kaum jemanden, welche skurrilen und widersprüchlichen Äußerungen da von demselben Sohn Gottes kommen sollen. Erschreckend ist, wie häufig Machtinteressen und Geltungssucht hinter vorgeblichen Mitteilungen Gottes versteckt werden. In einer maßlosen Selbstüberschätzung meinen heute viele Christen, jede innere oder äußere Stimme stamme von Gott. Vielfach hat man verlernt, seine eigenen Hoffnungen, Wünsche, Ängste, Sympathien und Assoziationen von Gottes Mitteilungen zu unterscheiden. Damit wird nicht nur viel Enttäuschung produziert. Es werden auch die eindeutigen Mitteilungen Gottes in der Bibel entwertet, weil ihre Glaubwürdigkeit auf dieselbe Stufe gestellt wird wie die Spekulationen offenbarungshungriger Christen. Der Wunsch, einen heißen Draht direkt zu Gott zu haben, ist durchaus nachvollziehbar. Doch sollte es zu denken geben, wenn eine solche Informationsdichte selbst in der Bibel nicht vorkommt. Die meisten der großen Propheten und Apostel empfingen relativ selten direkte Mitteilungen Gottes. Oft lagen Jahre zwischen den verschiedenen Prophetien. Und zumeist ging es hier nicht um private Entscheidungshilfen, sondern um Wegweisung für das ganze Volk Israel oder die gesamte Gemeinde. Gott hat sich ein für alle Mal klar und deutlich ausgedrückt, für jeden Menschen gleichermaßen, in der Bibel, seinem Wort. Da besteht wenig Notwendigkeit, sich noch einmal privat jedem Einzelnen zu offenbaren.“ Viktor Janke
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