Kinder für alle?

Wie würde sich die Annahme der Gesetzesvorlage “Ehe für alle inklusive Samenspende” auf das Wohl betroffener Kinder auswirken? Neben der Frage, was die Ehe für alle für gleichgeschlechtliche Paare bedeutet, muss dieses Thema ehrlich und fundiert untersucht und diskutiert werden. Weil Kinder nicht mitentscheiden können, in welche Familie sie hineingeboren werden, sind sie darauf angewiesen, dass Erwachsene ihr Wohl an die erste Stelle setzen und diesem auch in der Gesetzgebung höchste Priorität einräumen.

Regelmässig wird in der Debatte um Ehe für alle beteuert, Studien bewiesen, dass die Kinder gleichgeschlechtlicher Paare keinerlei Nachteile hätten. Unterschlagen wird dabei in aller Regel, dass namhafte Wissenschaftler dieser Behauptung entschieden widersprechen. So erklärt beispielsweise John P. Sullins in “The case for mom and dad”:[1]

„Sämtliche, wissenschaftlich valide, randomisierte Studien über Kinder und gleichgeschlechtliche Eltern kommen zu dem Schluss, dass es für Kinder zum Nachteil ist, wenn sie bei gleichgeschlechtlichen Eltern statt bei einem Mann und einer Frau aufwachsen“

Gestützt wird Sullins These durch verschiedene, breit angelegte Studien, die bei jungen Erwachsenen aus Regenbogenfamilien deutlich mehr psychische und soziale Instabilität sowie deutlich mehr Missbrauchserfahrungen feststellten. Weil es für eine fundierte Debatte unverzichtbar ist, auch den kritischen Stimmen Gehör zu schenken, kommen einige dieser Forscher und Studien in diesem Artikel zu Wort.

Festzuhalten ist aus meiner Sicht, dass das Phänomen gleichgeschlechtlicher Elternschaft in den Ländern Europas noch jung ist und daher eine gewisse Zurückhaltung beim “Zementieren” oder Übertragen von Studienergebnissen auf Schweizer Verhältnisse geübt werden sollte. Was jedoch nicht bedeutet, dass nur eine, nämlich die zustimmende Seite der Medaille betrachtet werden darf.

Keine Unterschiede? Professor Mark Regnerus widerspricht!

Wer die Behauptung, es spiele keine Rolle, in welcher Elternkonstellation Kinder aufwachsen, hinterfragt, stösst früher oder später auf Mark Regnerus. Regnerus, geboren 1971, ist Professor für Soziologie und Philosophie am Forschungszentrum für Bevölkerungsentwicklung der Universität Austin (Texas). Dieser kritisiert beispielsweise, dass eine der bekanntesten und häufig zitierten Studien, die “Nationale Langzeitstudie zu lesbischen Familien” (NLLFS) eine fragwürdige Stichprobenauswahl benutzt: Die Studienteilnehmerinnen wurden, so Regnerus, nicht zufällig aus der gesamten Bevölkerung genommen, sondern über Anzeigen in Zeitschriften für lesbische Frauen, über Buchläden speziell für Frauen und über Events für lesbische Frauen in mehreren größeren Metropolregionen angeworben. Das ergibt logischerweise ein verzerrtes Bild, weil der Anteil lesbischer (zustimmender) Frauen und ihrer Kinder dadurch im Blick auf die Gesamtbevölkerung viel zu hoch ist.

Wenig vertrauenswürdig ist zudem laut Regnerus, dass sich viele Studien über homosexuelle Elternschaft darauf konzentrieren, was im Moment — während die Kinder noch unter der Fürsorge der Eltern stehen — in diesen Haushalten vor sich geht. Üblicherweise werden gleichgeschlechtliche Eltern darüber befragt, wie es ist, als schwuler Mann oder lesbische Frau ein Kind zu erziehen.

Solche Forschungen können jedoch nicht aufzeigen, wie es den Kindern später als Erwachsene geht, oder was sie während ihres Aufwachsens erlebt haben. In manchen Fällen werden laut Regnerus auch Informationen von Teilnehmern gesammelt, die sich schon über eventuelle politische Auswirkungen ihrer Antworten bewusst und somit während der Befragung voreingenommen sind.

Nachfolgend nenne ich einige Ergebnisse aus zwei Studien:

  • Regnerus-Studie mit dem Titel „Wie verschieden sind die erwachsenen Kinder, deren Eltern gleichgeschlechtliche Beziehungen haben [im Vergleich mit Kindern aus anderen Familienstrukturen]?”
  • Studie „Gleichgeschlechtlich lebende Eltern, Familieninstabilität und die Auswirkungen auf das Leben der erwachsenen Kinder”, die in deutscher Übersetzung beim Familienbund deutscher Katholiken in Augsburg heruntergeladen werden kann. [2]

Regnerus legt in seinen Studien umfassende empirische Belege für Unterschiede vor zwischen Kindern, die bei gleichgeschlechtlichen Eltern aufwuchsen, und Kindern, die von ihren biologischen, verheirateten Eltern grossgezogen wurden. Er stellt mitunter grosse Unterschiede fest.

Eine Stärke der Forschungsarbeit von Prof. Regnerus liegt darin, dass sie Daten von 2988 jungen Erwachsenen in vierzig verschiedenen Bereichen sammelt, die von wesentlichem Interesse für Erziehungsforscher sind. Sie deckt das soziale, emotionale und das Beziehungs-Wohlbefinden ab, von zum Zeitpunkt der Studie bereits erwachsenen Kindern im Alter von 18 bis 39 Jahren.

Eine Auswahl der Ergebnisse von Regnerus Befragungen: 

  1. Sozialhilfe: Wirtschaftlich gesehen sind die erwachsenen Kinder aus lesbischen Beziehungen laut Mark Regnerus’ Studie viermal wahrscheinlicher auf Sozialhilfe angewiesen als die Kinder verheirateter, heterosexueller Paare. Es ist ausserdem dreieinhalbmal wahrscheinlicher, dass sie arbeitslos sind.
  2. Sicherheitsgefühl: Die Studienteilnehmer wurden nach ihren Empfindungen gefragt, in Bezug auf die Erfahrungen in der Familie, während sie dort aufwuchsen. Die Kinder lesbischer Paare gaben die niedrigsten Werte in Bezug auf das Empfinden von Sicherheit in der Kindheit an, gefolgt von den Kindern von Männerpaaren; die Kinder heterosexueller Ehepaare hatten die höchsten Werte in Bezug auf ihr Sicherheitsgefühl.
  3. Depressionen: Auf der allgemeinen Depressionsskala (CES‑D) gaben die jungen Erwachsenen mit lesbischen und homosexuellen Eltern signifikant häufiger höhere Depressionswerte an, als die Kinder heterosexueller Ehepaare. Die Kinder aus lesbischen Beziehungen gaben zweimal häufiger als die Kinder aus homosexuellen Partnerschaften und fast fünfmal häufiger als die Kinder heterosexueller Ehepaare an, in den letzten zwölf Monaten an Suizid gedacht zu haben.
  4. Sexuelle Belästigung: Auf die Frage, ob sie jemals von einem Elternteil oder einer anderen erwachsenen Fürsorgeperson sexuell berührt worden seien, antworteten die Kinder von Müttern in lesbischer Beziehung elfmal häufiger mit „Ja“ als die Kinder aus heterosexuellen Ehen. Bei den Kindern schwuler Paare war die Wahrscheinlichkeit, die Frage mit „Ja“ zu beantworten, dreimal höher. Kinder aus heterosexuellen Ehen waren am seltensten sexuell belästigt worden.
  5. Beziehungsqualität der eigenen Liebesbeziehung: Nach der Qualität ihrer aktuellen Liebesbeziehung befragt, gaben die Kinder von Männerpaaren die geringste Qualität an, gefolgt von denen, die von nicht verwandten Personen adoptiert wurden; danach kamen die Kinder aus Patchworkfamilien und danach die Kinder lesbischer Frauenpaare. Die höchste Beziehungsqualität gaben die Kinder aus heterosexuellen Ehen an.

Gedanken zur Regnerus-Studie

Zu Punkt drei (Depressionen/Suizidalität) führen LGBT-Aktivisten häufig ins Feld, dass die höhere Suizidalität durch Stigmatisierung und Diskriminierung durch das soziale Umfeld verursacht würde. Fünf Befürworter der „Minderheiten-Stress“-Theorie behaupteten während Jahrzehnten, dass, wenn ein Land keine gleichgeschlechtliche Ehe anbiete, dies zu Minderheitenstress führe und dies wiederum Depressionen und Suizidalität bei sexuellen Minderheiten verursache oder erhöhe. In einer repräsentativen, neuen Studie[3] stellen dieselben Autoren jedoch nun fest:

“Obwohl sich das soziale und gesellschaftliche Umfeld in den USA – mit den neuen Rechten für LGBT, mit der Einführung der gleichgeschlechtlichen Ehe und durch andere Gesetze – sehr verändert hat, nehmen Suizidalität und psychische Probleme bei LGB-Personen nicht ab.”

Im Gegenteil: Die Autoren fanden, dass bei jungen LGB-Personen, die in einer liberalen Gesellschaft aufwachsen, wie sie die USA vorher nie gekannt hat, die psychischen Probleme und Suizidalität zunehmen. Die Überlegung einiger Forscher, die Aussicht auf eine gleichgeschlechtliche Ehe könnte homosexuell empfindende Kinder oder Jugendliche von ihren Depressionen und Suizidgedanken befreien, wird durch die neue repräsentative Studie in Frage gestellt, wenn nicht sogar für unhaltbar erklärt.

Persönlich hätte ich insbesondere das Ergebnis von Punkt vier dieser Auflistung (sexuelle Belästigung) absolut nicht erwartet! Angesichts der hohen Missbrauchs-Zahlen in heterosexuellen Familien waren noch höhere Zahlen für mich kaum denkbar. Doch Regnerus’ Ergebnisse stimmen mit anderen Forschungsergebnissen überein. Ein 2015 veröffentlichter Regierungsbericht[4] aus den USA kommt ebenfalls zum Schluss, dass Kinder, die in einer intakten biologischen Familie mit verheirateten Eltern aufwachsen, die geringste Wahrscheinlichkeit haben, sexuell, physisch oder emotional misshandelt zu werden.

Dass Regnerus Studien teilweise hart kritisiert wurden und noch immer werden, versteht sich von selbst. Mark Regnerus hat seine Arbeit jedoch verteidigt und zur geäusserten Kritik Stellung genommen. [5] Auch wenn sicher nicht jedes Ergebnis der Regnerus-Studie eins zu eins für die Schweiz übernommen werden kann, beinhalten seine Studien meines Erachtens Hinweise, die ernst zu nehmen sind und unbedingt in die Debatte um die Ehe für alle einfliessen sollten. Dass jegliche kritische Anmerkung in vielen Fällen umgehend mit einem Homophobievorwurf gekontert wird, sollte uns nicht davon abhalten, Fragen zu stellen und auch weniger schmeichelhafte Studienergebnisse zu präsentieren. Die ungesunde Immunität, die Regenbogenfamilien in Medien und Gesellschaft geniessen, dient einer sachlichen Debatte um Ehe für alle und das Wohl von Kindern nicht.
Gleichzeitig gilt jedoch auch: Wenn ich mit diesem Artikel einen kritischen Blick auf Regenbogenfamilien werfe, bedeutet dies ganz und gar nicht, dass ich heterosexuelle Elternschaft idealisieren will. Ich war und bin in meiner Tätigkeit als Elterncoach (und in meinem eigenen Muttersein) oft genug mit den Defiziten und Missständen traditioneller Familien konfrontiert.

Mehr Aufmerksamkeit für Betroffene

Ich meine, es wäre für eine fundierte Auseinandersetzung zentral, kritischen Studien sowie den Stimmen betroffener Kinder deutlich mehr Aufmerksamkeit zu schenken. In einem 2015 von der “Alliance defending Freedom” veröffentlichen Video erklärt der bisexuell empfindene Oscar Lopez:

“Meine Mutter und ihre Partnerin lebten eine stabile Partnerschaft. Doch trotzdem empfand ich Sehnsucht, meinen Vater zu kennen. Diese Idee, dass irgendwo da draussen ein Vater, eine Mutter ist, sie ist einfach präsent in deinen Gedanken und Gefühlen. Du kannst ein Kind in eine Bubble stecken, in ein Quartier mit anderen lesbischen Paaren ziehen, es mit Menschen umgeben, die gleichgeschlechtliche Partnerschaften befürworten, doch das Kind wird mit 12 oder 13 Jahren trotzdem empfinden, dass etwas “falsch” ist. Das ist, was ich dazu sage.”

Stimmen wie diese sollten in einer verantwortungsvoll geführten Debatte unbedingt gehört und ernst genommen werden. Dass sich nur wenige Betroffene öffentlich outen, ist unter anderem leider dem Umstand geschuldet, dass sie Anfeindungen aus den eigenen Reihen fürchten. Trotzdem gibt es, wenn man sich auf die Suche macht, durchaus persönliche (wenn auch teilweise anonymisierte) Statements aus dem deutschsprachigen Raum. Das 2016 erschienene Buch “Spenderkinder”[6] von Wolfgang Oelsner und Prof. Dr. Gerd Lehmkuhl gibt Einblick in noch wenig bekannte Schicksale und Fakten. So schreibt beispielsweise der 25jährige Arthur:

“Gerne würde ich einfach alles von Anfang an erzählen. Aber von welchem Anfang? Meine Geschichte ist, wenn man so will, ohne Anfang, weil ich meine genetische Herkunft nicht kenne.”

Die 28jährige Stefanie erklärt:

“Drei Männer nehmen bei mir Vaterrollen ein. Doch keinen von ihnen mag ich “Vater” nennen. Dazu fehlt immer etwas”.

Persönlich berühren mich solche Aussagen. Nicht zuletzt, weil sie in meinem eigenen Herzen Resonanz finden. Ja, Vaterbeziehungen sind wichtig – auch da, wo sie nicht ideal und in manchen Fällen sogar äusserst schwierig oder belastend sind. Ich meine, dass es nicht nur gegen jede Vernunft, sondern auch irgendwie lieblos ist, wenn Menschen, die selber das Privileg hatten, ihren leiblichen Vater von Anfang an zu kennen, nun plötzlich erklären, Vaterbeziehungen seien verzichtbar.  Was oder wer hat uns “verzaubert”, dass wir allen Ernstes ein Gesetz diskutieren, das Kindern mit Absicht vorenthält, was vielen von uns Identität, Schutz und Verwurzelung gegeben hat und noch gibt?

Politisch und gesellschaftlich geförderte Vaterlosigkeit

Der Vorschlag, das zutiefst emotional gefüllte Wort “Vater” aus dem Familiengesetz zu streichen und durch den neutralen Begriff “Elternteil” zu ersetzen, ist nicht zuletzt aus Sicht der Generativität abwegig.  Der Genfer Nationalrat Yves Nidegger sprach in der Ratsdebatte zum Thema von “gesellschaftlichem Vatermord”. Ein prägnante Aussage, die in modernen Studien auf Resonanz stösst. Bemerkenswerte Beobachtungen zur Frage, wie sich vielfältige Beziehungsformen auf das soziale und emotionale Umfeld von Kindern auswirken, legen unter anderen die 2021 im Springer-Verlag veröffentlichten Soziologischen Fallstudien von Dorett Funcke mit dem Titel “Die gleichgeschlechtliche Familie” vor. Zu ihren Interviews mit gleichgeschlechtlichen Inseminationsfamilien schreibt Funcke (Seite 349):

“…Des Weiteren drückt sich in den Interviews auf der Ebene der Sprache ein versachlichter Umgang mit den beiden Sozialbeziehungen, der Eltern-Kind-Beziehung und der Paarbeziehung, aus. Sie werden, wie auch die Sozialisationspraxis selbst, behandelt wie ein kalter Gegenstand.”

In den Interpretationen fiel Funcke die Verwendung einer abstrakten Sprechweise auf, ein “abstraktes Reden über den anderen, was ich als Pronominalisierung bezeichnet habe.” Es würden, so die Soziologin, nicht die Eigennamen (z. B. Vornamen) oder Gattungsnamen (z. B. „meine Partnerin/Ehefrau“) sondern Pronomen (z.B. „sie“) für die Person, über die gesprochen wird, benutzt, obwohl diese im Raum anwesend ist. In allen Fallrekonstruktionen seien neutrale und distanzierende Darstellungsweisen aufgefallen.

Gleichgeschlechtliche Frauenpaare und ihre Kinder stehen unter hoher emotionaler Belastung. Weil die nicht-leibliche Mutter, wie Funcke erklärt, nicht wie die leibliche über den gemeinsamen biologischen Unterbau die Beziehung zu ihrem Kind aufbauen kann, ist sie kontinuierlich bemüht, diesen Mangel zu kompensieren. Dies führt zur Aufspaltung der Mutter-Kind-Dyade, bei der die leibliche Mutter an die Peripherie rückt, der Vater “neutralisiert” oder die Reproduktionstriade aufgespaltet wird, um den nicht-leiblichen Elternteil zu inkludieren.

Druck und ideologisch unterdrückte Trauer

Für betroffene Kinder dürften diese intensiven Bemühungen ihrer beider Mütter, ihre Lebensgemeinschaft als “gleich gut für das Kind” zu etablieren, viel Druck erzeugen. Während Jungen und Mädchen, die ihren Papa durch Tod oder Scheidung verlieren, diesen Verlust in aller Regel betrauern dürfen, werden die Kinder von Frauenpaaren dies häufig nicht tun (dürfen), weil sie ihre Mütter nicht verletzen und deren Lebensentwurf nicht in Frage stellen wollen. Die kindliche Trauer wird dadurch unterdrückt und “ideologisch zugemauert”; eine hohe Belastung, die viele Betroffene wohl erst im Verlauf ihres Erwachsenenlebens wahrnehmen und benennen können.

Als Tochter und Mutter, aber auch als Christin ist für mich offensichtlich, dass die Ent-emotionalisierung von Vater- oder Mutterschaft einen immensen Verlust bedeutet. Wäre das Wort “Vater” nicht wichtig, würde die Bibel es nicht so oft verwenden und der Segen würde (könnte) nicht, wie es im alten Testament immer wieder beschrieben wird, durch die Väter weitergegeben werden. Wäre die Emotionalität von Beziehungsbegriffen nicht wichtig, würde Jesus uns seinen Vater nicht als Abba vorstellen und der heilige Geist in uns würde es nicht ermöglichen, dass wir Gott als “Abba, lieber Papa” anrufen können.

Recht auf ein Kind?

Verfolgt man die gegenwärtigen Debatten, wird das Kinderhaben zunehmend zum Recht hochstilisiert. Bioethikerin Susanne Kummer schreibt dazu in ihrem Artikel “Kindeswohl vor Kinderwunsch”:[6]

“Eine aktuelle Studie zeigt: 92 Prozent aller Kinder wollen wissen, wer ihre genetischen Verwandten sind und fahnden nach genetischem Vater und potentiellen Halbgeschwistern. Als Begründung gab ein Großteil der Kinder an, dass ihnen etwas von ihrer persönlichen und genetischen Identität fehle.”

Dass Samenspende und Leihmutterschaft in der öffentlichen Debatte häufig mit der Adoption verglichen werden, ist laut der in Wien tätigen Ethikerin nicht sachgerecht:

“Dass Eltern bereits existierende, fremde Kinder in einer Notsituation auffangen und ihnen ein neues Zuhause schenken, kann nicht mit der gezielten Absicht verglichen werden, ein Kind vom Beginn seiner Existenz an dazu zu verurteilen, ein „Adoptionsfall“ zu sein”.

Kinderechte und Kindeswohl haben unbedingten Vortritt

Laut UN-Kinderrechtskonvention Art. 9 hat jedes Kind ein natürliches Recht darauf, wo immer möglich bei seinen biologischen Eltern und in der Herkunftsfamilie aufzuwachsen. Ihm dieses Recht vom Vornherein und mit Absicht vorzuenthalten, ist im Blick auf das Kindswohl zutiefst fragwürdig. Dies unterscheidet sich, wie Kummer sagt, grundlegend von der Situation, wenn ein Kind durch Trennung oder Tod eines Elternteils in eine Patchwork-Familien-Situation kommt. Werden für eine Zeugung fremde Samenzellen eingesetzt, gibt es von Vornherein drei Elternteile, mit denen das Kind zurechtkommen muss. Die kindliche Identität wird fragmentiert und es kommt zu einem Splitting der genetischen und sozialen Elternschaft.  Dass Fragmentierung sich zerstörerisch auf das Wohl von Menschen auswirkt, wissen wir aus Therapie und Seelsorge. Dass sich diese Auswirkungen häufig zeitverzögert zeigen, weil Kinder sehr anpassungsfähig sind, macht sie nicht weniger schlimm. Die Erfüllung des verständlichen Wunsches nach Kindern erreicht dort eine Grenze, wo das Kindeswohl und damit letztlich auch die Zukunft der Gesellschaft auf dem Spiel steht.

Leibferne als Folge der Abwendung vom Prinzip der sinnvollen, göttlichen Ordnung

Wie ist es möglich, dass Ideologien, welche die Bedeutung des biologisch Gegebenen herabsetzen, in unserer Gesellschaft und in unseren Kirchen ein teilweise verblüffend leichtes Spiel haben? Noch niemals in der Geschichte war es so einfach, die Genialität des menschlichen Körpers und seiner Funktionen sichtbar zu machen. Was David in Psalm 139 so poetisch beschreibt, nimmt mit Hilfe modernster Technik auf unseren Bildschirmen bis in kleinste Details Gestalt an. “Wir haben es mit einer “eigenartigen Leibferne” zu tun”, schreibt Bioethikerin Kummer in ihren Ausführungen zu Samenspende und Fortpflanzungsmedizin. “Man tut so, als ob der Leib nur Rohstoffmaterial wäre. Dabei ist die leibliche Herkunft Teil der Identität.”

Was hat unser Denken vernebelt, dass wir solch offensichtliche Tatsachen überhaupt zur Debatte stellen? Der menschliche Leib zeigt in aller Deutlichkeit, dass Mann und Frau auch in ihrer Geschlechtlichkeit aufeinander hin geschaffen sind. Wie in Nord- und Südpol, wie in Tag und Nacht spiegelt sich in Mann und Frau das Prinzip der Gegensätzlichkeit. Die ganze Schöpfung funktioniert nach dem Ergänzungsprinzip, welches Fruchtbarkeit und damit Zukunft ermöglicht. Es gibt keine neuen Erkenntnisse, die dies widerlegen würden. Noch immer braucht es natürlicherweise für das Entstehen eines Kindes eine Samenzelle, eine Eizelle und eine mütterliche Gebärmutter, die dieses neue Leben umhüllt und versorgt. Nichts hat sich verändert – ausser dem Druck einer Lobby, die fordert, was die Natur oder ihr Schöpfer bei aller Liebe zu allen Menschen nicht vorgesehen hat.

Welche Argumentations-Strategie bietet sich an?

Aus meiner Sicht sind wir in Blick auf die bevorstehende Abstimmungsdebatte herausgefordert, uns als Kinder Gottes und Teil der weltumspannenden Gemeinde Jesu mit Weisheit und Fachwissen, aber ebenso in Einfachheit, Demut und Klarheit zur grundlegenden Ordnung zu stellen, welche die Welt seit ihrer Erschaffung zusammenhält. Im ersten Satz unseres gemeinsamen Glaubensbekenntnisses bekennen wir Gott als Vater und Schöpfer und ordnen uns damit als Geschöpfe in ein Ganzes ein, das unendlich viel grösser ist als wir selber.  Wie Kinder sind wir überzeugt, dass alles, was unser himmlischer Papa gemacht und angeordnet hat, gut ist und allen Menschen Leben und Segen bringt. Wir sind gerufen, in Liebe, Demut und Klarheit der Selbstvergottung und Selbstbestimmung entgegenzutreten, die letztlich nichts anderes ist als eine moderne Form von Götzendienst, zu dessen Opfern schon in biblischer Zeit Kinder und Frauen gehörten. Dieses klare, vielleicht sogar kindliche Bekenntnis muss nicht in frommer Terminologie geschehen. Gottes Ordnungen stimmen mit dem überein, was tief im Menschen angelegt ist und sich auch im Sichtbaren zeigt. Mit allem, was wir wissen — wenn wir es denn wissen wollen.

Fest stehen in dem, was Gemeinde und Welt zusammenhält

Für Kinder ist die Sache klar: “Der Kaiser ist im Hemd” und ohne Papas gibt es keine Babys. Werden sich genügend Menschen finden, die frei heraus Zweifel äussern und Beobachtungen mitteilen? Die dem Wohl von Kindern unbedingten Vortritt gewähren und die Eins nicht zur Zwei umbiegen, wenn der “Mainstream” dies verlangt? Die unbefangen wie Kinder benennen, was seit Urzeiten festgelegt ist und alle gesellschaftlichen Um- und Irrwege überdauern wird? Was aus der Gemeinde Jesu wird, hängt aus meiner Sicht elementar mit der Frage zusammen, ob sie bereit ist, auf dem Fundament ihres gemeinsamen, weltumspannenden Glaubensbekenntnisses zu bleiben. Auf ewige Grundwahrheiten zu setzen und den gesellschaftlichen Brandungswellen standzuhalten, statt sich Trends anzubiedern, die weder Zukunft haben noch Zukunft schaffen. Kindlich und unbeirrbar einzustimmen in das Bekenntnis, das uns als weltweite Kirche verbindet. “Ich glaube. An Gott, den Vater, den Allmächtigen. Den Schöpfer des Himmels und der Erde. An Gott, der den Menschen erschaffen und mit einem Leib ausgestattet hat, der eindeutig und unmittelbar bezeugt, wie es von Anfang an mit Ehe und Familie gedacht ist.”

Einfacher geht’s nicht, besser auch nicht. Das Himmelreich gehört den Kindern.


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Fussnoten:

[1] Sullins, P., The case for mom and dad. The Linacre Quarterly, 8. März 2021. https://journals.sagepub.com/doi/abs/10.1177/0024363921989491
[2] https://www.sciencedirect.com/science/article/abs/pii/S0049089X12001731?via%3Dihub
https://bistum-augsburg.de/content/download/203984/file/Keine_Unterschiede_Vier-Sozialwissenschaftliche-Studien-zum-Wohlergehen-von-Kindern-in-gleichgeschlechtlichen-Haushalten_2019-05%20.pdf
[3] Meyer, Ilan, Minority stress, distress, and suicide attempts in three cohorts of sexual minority adults: A.U.S. probability sample. 2021
[4]Siehe Andrea J. Sedlak, Jane Mettenburg, Monica Basena, Ian Petta, Karla McPherson, Angela Greene, and Spencer Li, „Fourth National Incidence Study of Child Abuse and Neglect (NIS‑4): Report to Congress, Executive Summary“, U.S. Department of Health and Human Services, Administration for Children and Families, available at acf.hhs.gov
[5]https://www.sciencedirect.com/science/article/abs/pii/S0049089X12001731?via%3Dihub
[6] https://www.orellfuessli.ch/shop/home/artikeldetails/ID44364211.html?ProvID=10917736&gclid=Cj0KCQjw24qHBhCnARIsAPbdtlLjhmmP-LOwGtpJsLBFgzEa9vXR8SevNYrJX6tOzlK-0x3NE16kpScaAlIeEALw_wcB&nclid=sjzhsTb_m-pbKX_0YQ0AJiaMvhRp2vRbXxau23PEXaYLtMwYxY5wKugmhajDMekf
[7] https://www.zukunft-ch.ch/kindeswohl-vor-kinderwunsch/ Tags: Adoption, Dorett Funcke, Familienbund deutscher Katholiken, John Sullins, Leihmutterschaft, LGBT, Mark Regnerus, NLLFS, Oscar Lopez, Prof. Dr. Gerd Lehmkuhl, Regula Lehmann, Samenspende, Susanne Kummer, UN-Kinderrechtskonvention, Wolfgang Oelsner, Yves Nidegger

Regula Lehmann
Regula Lehmann

Jahrgang 1967, als Tochter eines Buchhändlers im Zürcher Oberland zwischen Bibel, Zeltmission und Täuferbewegung aufgewachsen. Die gelernte Familienhelferin arbeitet seit 2011 als Autorin, Elterncoach und Referentin für Glaubens- und Sexualerziehung und leitet die Ehe-und Familienprojekte einer christlichen Stiftung. Regula lebt mit ihrer Familie in Herisau.
https://danieloption.ch/featured/kinder-fuer-alle/?fbclid=IwAR2nc0-XiCT-w6IjWq4rzcPUtWg_dDo5Mwa6_48LoDV_XbQDameAJXTkqwk

Alles Gute zum Muttertag!

Heute denke ich an alle Frauen, die so gerne Mütter wären, doch es nicht sind. An Mütter, die ihr Kind verloren haben. An Mütter, die alleinerziehend eine Last stemmen müssen, die selbst für zwei groß wäre. An alle, die ihre Mutter verloren haben oder unter ihrer Mutter litten…An alle, die mit unerfüllten Träumen leben müssen. Wir leben in einer Kultur, die das Erreichen von Zielen feiert. Lebe Deinen Traum! Erfülle Dir Deine Wünsche!Doch das Leben ist oft so schockierend anders. Und deshalb besteht menschliche Größe auch darin, mit unerfüllten Wünschen zu leben. Nicht bitter zu werden, obwohl das Leben oft bitter ist. Mir scheint, darin besteht oft mehr Heroismus als in dem, was von außen betrachtet großartig aussieht. Heute denke ich an alle, die mit unerfüllten Wünschen leben müssen. Mit zerbrochenen Hoffnungen. Und ich denke dabei an jenen, der seine erste öffentliche Predigt mit folgenden Worten begann: „Glückselig die Armen im Geist, denn ihrer ist das Reich der Himmel. Glückselig die Trauernden, denn sie werden getröstet werden. Glückselig die Sanftmütigen, denn sie werden das Land erben. Glückselig, die nach der Gerechtigkeit hungern und dürsten, denn sie werden gesättigt werden.“ (Mt 5) Johannes Hartl

Die Ehe ist kein Selbstläufer

Ein Zitat von Tom Eisenman aus dem Kapitel Eine gute Ehe kostet Mühe:
Ist das Glas eurer Ehe halb leer oder halb voll? Die Zeit, die ihr in eurer gegenwärtigen Beziehung verbringt, muss als eine wertvolle Investition betrachtet werden. Eure Ehe ist wie ein guter Sparplan: Solange die Einzahlungen fließen, wächst das Konto. Die Ehe wächst wie der Zinseszins. Schon eine kleine Investition an Liebe und Pflege bringt auf Dauer eine große Gewinnausschüttung für das gemeinsame Glück. Niemand, der bei klarem Verstand ist, wird ein solides Konto, das über die Jahre gewachsen ist, auflösen, um in ein unsicheres und spekulatives Projekt zu investieren. Das macht keinen Sinn. Wenn der Rasen deines Nachbarn grüner ist als deiner, solltest du ihn vielleicht wässern und düngen. Es gibt keinen einfachen Weg zu einer authentischen Beziehung. Es braucht harte Arbeit.
(Aus: Wayne A. Mack, Lieblinge auf Lebenszeit, S.136f., 2013, CMV)

Wiederheirat erlaubt?

Mancher lernt sich auch nach einer Trennung wieder lieben und das ist durchaus erfreulich. Leider zerbrechen jedes Jahr tausende von Ehen, auch in Gemeinden. In manchen Fällen öffnet sich ein Paar und Gott lässt neue Liebe entstehen wo vorher nur noch Hass oder Unverständnis war. Die beiden können einander vergeben und man setzt die verloren geglaubte Beziehung fort. Es ist schön, wenn das ehemals zerstritten Paar dann erneut heiratet.Doch ist das biblisch überhaupt erlaubt? Immerhin verbietet Mose einem Mann die Frau erneut zu heiraten, von der er sich einmal geschieden hat (5.Mose 24, 1-4).Die Scheidungsregeln im 5.Mose sind speziell für das Volk Israel konzipiert. Die Warnung, nicht wieder heiraten zu dürfen, sollte dazu beitragen sich nicht zu schnell, aus nebensächlichen Gründen zu trennen. Die Konsequenz der Scheidung sollte deutlich erhöht werden, um nicht jeden Ehestreit mit einer zeitweiligen Trennung zu beenden.Im Neuen Testament macht Jesus deutlich, dass die Ehe eigentlich dauerhaft besteht (Mt 19, 6). Nur um bei den Israeliten ein vollkommenes Chaos zu verhüten, hatte Mose gewisse Scheidungsregeln zugelassen (Mt 19, 8). In diesem Sinne ist auch ein geschiedenes Paar aus Gottes Sicht eigentlich noch weiter verheiratet, sodass sie bei einer erneuten Heirat vor Gott nicht ein zweites Mal heiraten, sondern nur wieder zusammenkommen.
Ich habe den Eindruck, dass das Neue Testament in dieser Hinsicht recht eindeutig ist. Wiederheirat nach Scheidung ist nicht von Gott gewollt. So meint Jeus das wohl auch, wenn er in Mt 19, 9 sagt, dass jeder der nach einer Scheidung heiratet damit Ehebruch begeht. In Gottes Augen ist die Ehe eigentlich ein Bund für das ganze Leben. Deshalb gilt die Ehe auch nach der offiziellen Scheidung. In diese Richtung spricht: „Was Gott zusammengefügt hat, soll der Mensch nicht scheiden“ (Mt 19, 6). Dort wird argumentiert, dass beide ja zwischenzeitlich „ein Fleisch“ geworden sind, das man nicht einfach wieder trennen kann. Das ist eine Aussage für alle Ehen, nicht nur für die besonders guten. Michael Kotsch

„Wie könnt ihr es wagen!“ Teil 2

Das Töten ungeborener Kinder wird in der Bibel abgelehnt, auch wenn es kein Verbot expressiv verbis gibt; wer dies anders sieht, muss nachweisen, warum Abtreibung nach biblischen Grundsätzen kein Mord sein soll.
Auf den ersten Blick scheint die Abtreibungsfrage für Christen leicht zu beantworten sein. Die Bibel untersagt Mord; Abtreibung ist Mord; also ist Abtreibung verboten. So wird das Abtreibungsverbot ja von vielen Christen mit gerade einmal einem Hinweis auf die Zehn Gebote begründet. Doch angesichts der Wichtigkeit des Themas und der Intensität der Debatten sollte sorgfältiger argumentiert werden muß. Die Bibel beantwortet nicht alle Fragen zum Thema und klärt manche Dinge auch nicht völlig, doch die grundlegende Botschaft ist klar.
Der Ehrlichkeit halber sollte eingestanden werden, dass das Mordverbot in der Bibel nicht eindeutig auf das ungeborene Kind ab dem Zeitpunkt der Zeugung angewandt wird. Es kann aber positiv völlig klar ausgesagt werden: Das ungeborene Kind ist ein Geschöpf Gottes; Gott hat daher in jedem Fall ein ‘Mitspracherecht’, was sein Schicksal betrifft; es ist ein lebendes Geschöpf, und zur Achtung vor dem Leben und Lebensschutz hat die Bibel viel zu sagen; und es ist menschliches Leben. Der Mensch ist Ebenbild Gottes, was ihn unter besonderen Schutz stellt, denn das Verbot des Mordes wird mit der Ebenbildlichkeit des Menschen begründet (Gen 9,6).
In der gesamten Bibel wird unterstrichen, dass nicht nur (geborene) Kinder, sondern auch schon die Leibesfrucht ein Segen ist (Ps 127,3; 128,3.6; Gen 49,25; Dt 7,13; 28,4). Kinder haben im Mutterleib eine Beziehung zu Gott (Ps 51,5; 58,4; 71,6; 139,13–16; Job 31,15; Jes 44,2.24; Jer 1,5; Ri 13,5.7; Lk 1,15.41); Kinder in der Gebärmutter werden genauso bezeichnet wie die geborenen Personen (Gen 25,22; 38,27f; Job 1,21; 3,3.11f; 10,18f; 31,15; Jes 44,2.24; 49,5; Jer 20,14–18; Hos 12,3), bis hin zur Zeugung (Ps 51,5). Vielfach wird die personale Kontinuität  des Lebens vor und nach der Geburt ausgesagt (David: Ps 139,13; Jer 1,5; Johannes d.T.: Lk 1,24.26). Interessant ist außerdem, dass die Tötung anderer Menschen bei Selbstverteidigung, Landesverteidigung oder in der Todesstrafe erlaubt werden. Nirgends hat Gott jedoch irgendeiner Instanz das Recht verliehen, ungeborene, völlig unschuldige Kinder zu töten. Eltern dürfen nur in begrenztem Maße züchtigen; keinerlei Kindestötung wie bei Römern (s.u.) wurde erlaubt.
John Frame faßt daher zusammen: „Es gibt keine Stelle in der Schrift, die auch nur im entferntesten aussagt, dass das ungeborene Kind von der Empfängnis an in irgendeiner Weise weniger als ein Mensch ist.“ Die Hauptfrage ist auch hier die der Beweislast. Frame: „Alle Stellen in der Hl. Schrift, die irgendetwas zum Thema aussagen, bekräftigen den Schutz des ungeborenen Kindes; keine Stelle reduziert diesen Schutz ausdrücklich. Wir geben zu, dass die Schrift nicht ausdrücklich sagt, wieviel Schutz das Kind verdient; müssen wir aber nicht annehmen, dass das Kind maximalen Schutz verdient, bis jemand etwas anderes biblisch belegen kann?… An welchem Punkt [in der Entwicklung des Kindes] schenken wir ihm nicht mehr die hohe Achtung, die es in Gottes Augen hat? An welchem Punkt entscheiden wir uns für weniger als maximalen Schutz?“ (Bericht einer Kommission der Orthodox Presbyterian Church zur Abtreibung aus dem Jahr 1972, in: Frame, Medical Ethics)
Auch wenn daher die Bibel die Abtreibung nicht expressiv verbis verbietet – Christen und Juden waren sich (bis ins 20. Jahrhundert) praktisch alle einig, dass sie abzulehnen ist, und dies aus guten Gründen. Die klassische christliche Position wurde von evangelischen wie katholischen Christen vertreten. Dietrich Bonhoeffer (1906–1945): „Mit der Eheschließung ist die Anerkennung des Rechts des werdenden Lebens verbunden, als eines Rechtes, das nicht in der Verfügung der Eheleute steht. Ohne die grundsätzliche Anerkennung dieses Rechtes hört eine Ehe auf Ehe zu sein… Die Tötung der Frucht im Mutterleib ist Verletzung des dem werdenden Leben von Gott gegebenen Lebensrechts. Die Erörterung der Frage, ob es sich hier schon um einen Menschen handele oder nicht, verwirrt nur die einfache Tatsache, daß Gott hier jedenfalls einen Menschen schaffen wollte und daß diesem werdenden Menschen vorsätzlich das Leben genommen worden ist. Das aber ist nichts anderes als Mord.“ (Ethik)
Papst Johannes Paul II (1920–2005): „…die vorsätzliche Abtreibung ist, wie auch immer sie vorgenommen werden mag, die beabsichtigte und direkte Tötung eines menschlichen Geschöpfes in dem zwischen Empfängnis und Geburt liegenden Anfangsstadium seiner Existenz … Getötet wird hier ein menschliches Geschöpf, das gerade erst dem Leben entgegengeht, das heißt das absolut unschuldigste Wesen, das man sich vorstellen kann: es könnte niemals als Angreifer und schon gar nicht als ungerechter Angreifer angesehen werden!“ (Evangelium vitae, 58)
Und besonders streng meinte Mutter Teresa (1910–1997): „… nur Gott kann über Tod und Leben entscheiden… Darum ist die Abtreibung eine so schwere Sünde. Man tötet nicht nur Leben, sondern stellt sein eigenes Ich über Gott. Und doch entscheiden Menschen, wer leben und wer sterben soll. Sie wollen sich selbst zum allmächtigen Gott machen. Sie wollen die Macht Gottes in die eigenen Händen nehmen. Sie möchten sagen: ‘Ich kann ohne Gott fertig werden. Ich kann entscheiden. ’ Die Abtreibung ist das Teuflischste, was eine menschliche Hand tun kann…“ (zit. bei Stott, Das Abtreibungsdilemma, in: Christsein in den Brennpunkten unserer Zeit, Bd. 4)
Mutter Teresa hat recht, aber man muß zur Erläuterung wohl ein paar Sätze hinzufügen. Der Mensch muß und kann in manchen Situationen entscheiden, Menschen zu töten (z.B. im Verteidigungsfall). Doch dieses Mandat hat Gott selbst dem Menschen übergeben. Unter gewissen, von Gott vorgebenen Umständen darf der Mensch töten. Ein von Gott verliehenes Recht zur Tötung vorgeburtlichen Lebens ist dagegen nirgendwo und niemals von Gott erteilt worden (einzige Ausnahme ist für die allermeisten Theologen die Gefährung des Lebens der Mutter, doch hier handelt sich um eine Abwägungsfrage, die so auch sonst in ethischen Problemen auftaucht; dank des medizinischen Fortschritts sind diese Fälle aber sehr selten geworden).
Der Schutz von Kleinkindern und Ungeborenen gehört zum Kern der jüdisch-christlichen Kultur. Der Vorwurf, die Verschärfung der gegenwärtigen Abtreibungspraxis sei unzivilisiert, ist aus historischer Perspektive Unsinn.
Von Befürwortern einer liberalen Abtreibunsgpraxis (auch den moderaten) ist in den Diskussionen immer wieder ein Vorwurf zu hören: Verbote jeder Art seien „unzivilisiert“, will sagen: entsprechen ganz und gar nicht dem Geist unserer Zeit, gehören einer längst überwundenen Epoche an. Der Begriff „Zivilisation“ Teil der Strategie der semantischen Aufladung (wie z.B. die penetrant wiederholte Rede vom „Recht auf Abtreibung“). A. M. Pavilionienė [langjähriges litauisches Parlamentsmitglied der Sozialdemokraten und bekannte Frauenrechtlerin] ist darin natürlich Meisterin, wenn sie z.B. meint, der Gesetzesentwurf [zum weitgehenden Verbot aus dem Jahr 2008] „würden Litauen ins finstere Mittelalter zurückwerfen“. Andere Stimmen, die den Spieß umdrehen, sind selten zu finden. Tomas Tomilinas [seit 2016 im Parlament] schreibt:
„In Litauen wird die Abtreibung immer noch durch eine fast sowjetische Anordnung des Gesundheitsministers geregelt, d.h. in einer Reihe von medizinischen Regeln, die bestimmen, wie und wann eine einfache Operation medizinisch korrekt durchgeführt werden soll. Aber kann der Entzug des Lebens eines gezeugten Kindes rechtlich gleichbedeutend mit dem Beseitigen von Muttermalen und der Amputation von Gliedmaßen sein? Ich denke, wenn wir in einem zivilisierten Land leben wollen, ist diese Situation unerträglich.“ („Atgimimas“, 5/2008)
Zweifellos lebten die Griechen und Römer auf einer relativ hohen Zivilisationsstufe. Ihre Errungenschaften in Staatsführung, Wissenschaft, Militär, Philosophie und Mathematik waren herausragend. Eine der größten Schwächen ihrer Kulturen war jedoch eine sehr hierarchisch und nach Klassen strukturierte Gesellschaft. Nur eine Minderheit besaß alle Bürgerrechte (und von civis, lat. Bürger, leitet sich ja auch Zivilisation ab!); ein allgemeiner Schutz von Menschenrechten – überhaupt dieser Begriff – war unbekannt. Dies führte dazu, dass Sklaven, Kriegsgefangene, Gladiatoren – und eben auch kleine Kinder – äußert willkürlich und unmenschlich behandelt werden konnten.
Ein Neugeborenes wurde bei den Griechen nicht automatisch als Person geachtet. Es mußte erst vom Familienvater in einer Zeremonie aufgenommen werden, was meist fünf Tage nach der Geburt geschah (amphidromia, wörtlich „Umlauf“); es folgte eine Feier am zehnten Tag nach der Geburt. Der Kindesaussatz war weit verbreitet, und dies aus verschiedensten Gründen (Geschlecht, Kinderzahl, wirtschaftliche Lage usw.). Diese „Findlinge“ (anairetoi) wurden häufig von Sklavenhändlern aufgesammelt und zu Sklaven herangezogen. Kindestötung und Abtreibung galt auch bei den Römern nicht als Mord.
Auch der wohl größte Philosoph aller Zeiten, Platon, hatte nicht viel übrig für einen Schutz kleiner Kinder, im Gegenteil. In Der Staat heißt es: „Nach unseren Ergebnissen müssen die besten Männer mit den besten Frauen möglichst oft zuasmmenkommen, umgekehrt die schwächsten am wenigsten oft; die Kinder der einen muss man aufziehen, die anderen nicht, wenn die Herde möglichst auf der Höhe bleiben soll“ (459d–e). Für seinen Idealstaat schuf Plato neuartige ‘Paarungsvorschriften’; die ‘Entsorgung’ von unerwünschtem Nachwuchs folgte aber nur der griechischen Tradition: „Sie übernehmen die Kinder der Tüchtigen und bringen sie in eine Anstalt zu Pflegerinnen, die abseits in einem Teil des Staates wohnen; die Kinder der Schwächeren oder irgendwie mißgestaltete verbergen sie an einem geheimen und unbekannten Ort, wie es sich gehört“ (460c). Die Möglichkeit einer Abtreibung nennt der Philosoph an einer Stelle: „Wenn aber Frauen und Männer das Zeugungsalter überschritten haben, dann lassen wir die Männer ungehindert verkehren, mit wem sie wollen… Und dies alles erst, nachdem wir ihnen befohlen haben, eine Frucht womöglich überhaupt nicht austragen zu wollen, wenn sie empfangen ist; wird sie aber trotzdem geboren, dann ist sie so zu behandeln, als ob für ein solches Kind keine Pflege vorhanden wäre“ (461b/c).
„Der Spiegel“ schreibt über die Zustände in der Antike: „Arme Leute – 90 Prozent des Volkes – konnten es sich einfach nicht leisten, mehrere Kinder durchzubringen. Seneca hielt das Ertränken von Neugeborenen, vor allem von Mädchen, aber auch von schwachen Babys, deshalb für ebenso vernünftig wie üblich. Der US-Archäologe Lawrence E. Stager machte in der [hellenistischen] Hafenstadt Askalon [in Palästina] im Abwasserkanal unter einem Badehaus einen schrecklichen Fund: Im Müll lagen annährend hundert Säuglinge. Sie waren gleich nach der Geburt in die Kanalisation geworfen worden.“ (13/2008)
Mit der Ausbreitung des Christentums begann sich die Situation radikal zu ändern. Der (atheistische) Historiker W.E.H. Lecky: „Kaum jemand zeigte in der Antike gegenüber der Abtreibungspraxis irgendwelche besonderen Gefühle… Die Sprache der Christen dagegen war von Anfang an völlig anders. Mit gradliniger Konsequenz und mit strengem Nachdruck lehnten sie diese Praxis ab, bezeichneten sie nicht nur als inhuman, sondern als eindeutigen Mord.“ (History of European Morals) So heißt es schon in der Didache im frühen 2. Jhdt.: „Du sollst nicht Gift mischen, du sollst nicht das Kind durch Abtreibung töten.“ Und im Barnabas-Brief aus derselben Zeit: „Töte das Kind nicht durch Abtreibung, noch töte das Neugeborene“. Bei allen großen Kirchenvätern finden sich Sätze, die die Abtreibung verurteilen. Augustin erlaubte die Abtreibung nur, um das Leben der Mutter zu retten.
Der (jüdische) Publizist H. Stein schildert, wie Kaiser Konstantin, der erste Christ auf dem Thron des Römischen Reiches, „das wichtigste Menschenrecht des freien Römers abschaffte: die potestas vitae necisque [das Recht über Leben und Tod].“ Weiter schreibt er: „Die Gebildeten bewundern heute – mit Recht – die Philosophie der Griechen, sie bestaunen die Architektur der alten Ägypter, schwärmen von der Höflichkeit der Chinesen, vergöttern die Stronomie der Babylonier und rühmen die römische Staatskunst. Darüber wird leicht vergessen, daß all diese Hochkulturen völlig bedenkenlos den Kindesmord als Mittel der Geburtenkontrolle anwandten. Es gab in der ganzen Antike nur ein Volk, bei dem es als Verbrechen galt, ungewollte Säuglinge zu töten – das waren die Juden.“ (Mose und die Offenbarung der Demokratie)
Die Christen übernahmen von den Juden den schon im AT begründeten Respekt vor dem Leben.  Konstantin stellte den Kindesmord unter strenge Strafe, ordnete aber auch finanzielle Hilfe für diejenigen an, die ausgesetzte Kinder versorgten – ein erstes Kindergeld. Stein: „Mit solchen Bestimmungen errichtete der große Konstantin eine unsichtbare Scheidewand, eine Mauer um die Feste Zion: Hinter ihr lag die judäochristliche Zivilisation, davor befand sich die übrige, die heidnische Welt.“
Der allgemeine Konsens unserer westlichen, europäischen und christlichen Zivilisation war jahrhundertlang, bis ungefähr zur Mitte des 20. Jahrhunderts, der Strenge Schutz des ungeborenen menschlichen Lebens. Dieser Konsens drückte sich noch ein letztes Mal in der Erklärung von Genf des Weltärztebundes aus dem Jahr 1948 aus. Dort heißt es: „Ich werde den allergrößten Respekt für das menschliche Leben vom Zeitpunkt der Empfängnis an bewahren“. Dieser Artikel wurde 1984 geändert; 2005 verschwand die Empfängnis schließlich ganz. Ein neuer Konsens hatte sich durchgesetzt.
Pavilioniene und andere sollten daher ehrlich sein und die Dinge beim Namen nennen:  Ein liberales Abtreibungsrecht entspricht überhaupt nicht unserem traditionellen zivilisatorischen Erbe; es befindet sich in der Tradition der griechisch-römischen Zivilisation und muß fast 2000 Jahre überspringen. Wer ehrlich ist, sagt klar: dies ist pures Heidentum, und das ist uns lieber als der Gott der Juden und Christen mit seinen kleinlichen Vorschriften. Auch hier sehen wir wieder, daß es letztlich um die Wahl zwischen Religionen und Weltanschauungen geht. Und es zeigt sich mal wieder, wie schnell die Erinnerung an die eigene Geschichte verschüttet werden kann – mit entsprechenden Folgen.
Doch die Geschichte geht weiter. Der frühere deutsche Verfassungsrichter Udo DiFabio: „Was wäre eigentlich – nur ein provokatives Gedankenexperiment – wenn man die heute im gesamten Westen ohnes großes Aufheben durchgeführten, in jedem Jahr in die Millionen gehenden Abtreibungen in einer zukünftigen Zeit mit einer etwas anders gewichtenden Werteordnung als schweres Verbrechen an der menschlichen Gattung verstünde? Was wäre, wenn nach dem kulturellen Sieg einer solchen Auffassung uns Zeitgenossen von heute entgegengehalten würde, wir hätten diesen doch leicht erkennbaren Verstoß gegen universelles, für alle Menschen geltendes Recht sehen und ihm entgegentreten müssen?“ (Die Kultur der Freiheit) Holger Lahayne http://lahayne.lt/2020/09/28/wie-konnt-ihr-es-wagen/
Teil 1 https://bibelkreismuenchende.wordpress.com/2020/09/29/wie-konnt-ihr-es-wagen/

Die Königin des Feminismus

Die Königin des Feminismus

Ein alter Beitrag aus dem Jahr 1999, geschrieben für das litauische Journal „Prizmė“.
Eine Vorkämpferin der modernen Frauenbewegung, des Feminismus, war sie nicht. Die Frauenfrage war nicht ihr Hauptthema. Aber seid ihrer Jugend haßte Simone de Beauvoir die bürgerlich-patriarchalische Gesellschaft und lebte jahrzehntelang in einer ‘modernen’ offenen Beziehung, die beispielgebend für viele Feministinnen wurde. Zur Königin des Feminismus machte sie schließlich ihr gewaltiges Werk Das andere Geschlecht aus dem Jahr 1949 [dt; Orig: Le deuxième Sexe; wörtlich: Das zweite Geschlecht] – bis heute wohl die umfangreichste und intelligenteste Total-Analyse der Situation der Frau.
Simone de Beauvoir wurde 1908 in Paris als Tochter eines Juristen geboren. Von ihrer Mutter wurden sie und ihre jüngere Schwester streng katholisch erzogen und auf eine konfessionelle Schule geschickt, doch Simone trat eher in die Fußtapfen des agnostischen Vaters. Schon als Heranwachsende lehnte sie bald jeden Gottesglauben ab – und behielt diese Auffassung bis zum Lebensende: „Es war mir leichter, eine Welt ohne Schöpfer zu denken, als einen Schöpfer, der mit allen Widersprüchen der Welt beladen war.“ (Christiane Zehl Romero, Simone de Beauvoir, 1998, S. 18) Mit dem Gottesglauben verwarf sie auch praktisch alle anderen bürgerlichen Werte. Was blieb war ihr beeindruckender Fleiß, ein einfaches, strenges Leben und – nicht zuletzt – ihre Sucht (so muß man es wohl schon nennen) nach Literatur.
Aus den gesellschaftlichen Zwängen brach man damals noch nicht so leicht aus – die Eltern de Beauvoir bestimmten die Studienfächer der Tochter: erst Philologie, dann Philosophie, was natürlich die Interessen Simones genau traf. Mit dem Studium gelang dann endlich der Ausbruch aus der Welt der Mutter. Allerdings gründete die junge Intellektuelle keinen eigenen Haushalt, im Gegenteil. Sie lehnte sich nicht nur gegen den Glauben der Mutter, sondern gegen deren ganze Daseinsform auf. In ihrer Autobiographie schreibt de Beauvoir: „Eines Tages half ich Mama beim Geschirrspülen; sie wusch die Teller, ich trocknete ab; durchs Fenster sah ich die Feuerwehrkaserne und andere Küchen, in denen Frauen Kochtöpfe scheuerten oder Gemüse putzten. Jeden Tag Mittagessen, Abendessen, jeden Tag schmutziges Geschirr! Unaufhörlich neu begonnene Stunden, die zu gar nichts führen – würde das auch mein Leben sein?… Nein, sagte ich mir, während ich einen Tellerstapel in den Wandschrank schob, mein eigenes Leben wird zu etwas führen.“ (Zehl Romero, S. 22)
Nur nicht in das Mühlrad der Hausfrau gelangen, so lautete de Beauvoirs Devise – ihr Leben lang. Im „anderen Geschlecht“ spiegelt sich dieser Haß auf die Hausarbeit gleich mehrfach wider: „Nur wenige Tätigkeiten haben so sehr den Charakter einer Sisyphusarbeit wie die der Hausfrau. Tag für Tag wird Geschirr gespült, Staub gewischt, Wäsche geflickt, um die Dinge am nächsten Tag wieder schmutzig, staubig und zerrissen vorzufinden. Die Hausfrau verschleißt ihre Kräfte, indem sie auf der Stelle tritt. Sie macht nichts: sie verewigt lediglich die Gegenwart. Sie hat nicht den Eindruck, etwas Gutes zu erobern, sondern endlos gegen das Böse anzukämpfen… Waschen, bügeln, fegen, Wollmäuse unter den Schränken aufstöbern heißt den Tod aufhalten, das Leben jedoch verweigern… Die Frau ist nicht berufen, eine bessere Welt zu errichten… Es ist ein trauriges Los, immerfort einen Feind aus dem Feld schlagen zu müssen, statt positive Ziele zu verfolgen.“ (Das andere Geschlecht, S. 555–557)
Schon als Heranwachsende stand für de Beauvoir fest, daß sie ein anderes Leben führen wollte: „Kinder zu haben, die ihrerseits wieder Kinder bekämen, hieß nur das ewig alte Lied wiederholen; der Gelehrte, der Künstler, der Schriftsteller, der Denker schufen eine andere, leuchtende, frohe Welt, in der alles seine Daseinsberechtigung erhielt. In ihr wollte ich meine Tage verbringen; ich war fest entschlossen, mir darin einen Platz zu verschaffen.“ (Zehl Romero, S. 22) De Beauvoir blieb diese Vorsatz treu und kannte immer nur ein großes Ziel: eine berühmte Schriftstellerin werden. Sie entfloh dem Hausfrauendasein „zwischen animalischem Leben und freier Existenz“, um in der aristokratischen Welt der Intellektuellen der „Wahrheit, Schönheit und der Freiheit“ zu huldigen. Irgendwie schien es de Beauvoir nicht aufgefallen zu sein, daß auch sie sich die Arbeit der ach so niedrigen Frauen in den Wäschereien, Cafés, Restaurants und Hotels gern gefallen ließ (erst 1954 zog sie in eine eigene Wohnung, vorher lebten sie und Sartre in Hotels). Daß es im Haushalt so etwas wie Kreativität und Erfüllung als Mensch wenigstens geben kann, blieb natürlich meilenweits jenseits von de Beauvoirs ideologisch verengten Horizont.
Während des Studiums lernte de Beauvoir Jean-Paul Sartre kennen. Die junge Studentin erkannte in dem zwei Jahre Älteren sogleich ihren „Doppelgänger“ und vertraute ihm rückhaltlos. Beide spekulierten anfangs zwar durchaus einmal mit dem Gedanken an Heirat, einigten sich aber bald auf den Abschluß eines „Paktes“: Man wollte ‘zusammen’ leben und dann nach zwei Jahre neu über eine mögliche Fortsetzung der Beziehung entscheiden. Die totale Offenheit ließ sich natürlich nicht lange durchhalten – das Modell einer dauerhaften, aber offenen Lebengemeinschaft setzte sich schließlich durch. Besonders Sartre wollte nicht auf seine „Zufallslieben“ verzichten. Und de Beauvoir fürchtete die Selbstauflösung in einer Ehe.
Neben der Hausarbeit galt der Ehe de Beauvoirs lebenslanger Kampf. Sie lehnte sie nicht nur persönlich für sich ab, sondern verwarf die Institution als solche, was einige vielsagende Passagen aus dem „anderen Geschlecht“ illustrieren: „Man sagt – oft mit Recht –, daß die Ehe den Mann schrumpfen läßt. Aber fast immer vernichtet sie die Frau.“ (S. 605) „Nicht die Individuen sind verantwortlich für das Scheitern der Ehe. Die Institution selbst ist… zum Scheitern angelegt. Zu erklären, daß ein Mann und eine Frau… einander auf Lebenszeit in jeder Hinsicht genügen müssen, ist eine ungeheuerliche Anmaßung, die zwangsläufig Heuchelei, Lügen, Feindschaft und Unglück erzeugt.“ (S. 608) „Ökonomisch gesehen ist die Situation der Prostituierten mit der einer verheirateten Frau vergleichbar… Für die eine wie für die andere ist der Geschlechtsakt ein Dienst. Die zweite wird auf Lebenszeit von einem einzigen Mann engagiert, die erste hat mehrere Kunden, die sie nach Leistung bezahlen.“ (S. 701) Und über die Ehe am Lebensende: „Erst am Ende ihres Lebens… findet die alte Frau gewöhnlich zu einer heiteren Gelassenheit. Da ihr Mann meist älter ist als sie, wohnt sie seinem Niedergang mit stiller Genugtuung bei. Das ist ihre Rache. Wenn er als erster stirbt, erträgt sie diese Trauer wohlgemut.“ (S. 746)
In den 30er Jahren arbeitete de Beauvoir als Lehrerin, in den 40ern machte sie durch erste Veröffentlichung auf sich aufmerksam und wurde auch als Partnerin Sartres als des Kopfes des französischen Existentialismus bekannt. Ihr wichtigstes literarisches Werk wurden Die Mandarins von Paris (Les Mandarins) von 1954, wofür sie den Literaturpreis Prix de Goncourt erhielt. Fünf Jahre zuvor erschien ihr berühmtestes und bis heute bekannteste Buch, Das andere Geschlecht. Auf fast 1000 Seiten entfaltet de Beauvoir darin ein umfangreiches Panorama der Situation der Frau. Geradezu ehrfurchtgebietend ist die ungeheure Materialfülle – es scheint auch wirklich nichts zu geben, wovon die Schriftstellerin nicht Ahnung hätte: gekonnt variiert sie ihr biologisches, physiologisches, historisches, psychologisches, philosophisches und literarisches Wissen, wie einen riesigen unbekannten Kontinent durchfährt sie „die Frau“ (noch ganz unfeministisch gebraucht sie nie die 1. Person Plural „wir“!).
Philosophischer Ausgangspunkt des Werks ist der damals top-moderne Existentialismus ihres Partners Sartre. Er unterschied zwischen dem „An-sich-Sein“ und dem „Für-sich-Sein“. Ersteres ist das in der Gegenwart verhaftete, unbewußte Sein, letzteres meint das durch Bewußtsein bestimmte Sein des Menschen. Dieser ist ein Sein, das sich durch einen Entwurf auf die Zukunft hin überschreitet. Bei de Beauvoir heißt es in einem Essay, daß der Mensch ein „Entwurf des Ichs auf anderes hin, eine Transzendenz“ ist. Noch deutlicher sagt sie es in der Einleitung des „anderen Geschlechts“: „Unsere Perspektive ist die der existentialistischen Ethik. Jedes Subjekt setzt sich durch Entwürfe konkret als eine Transzendenz. Es verwirklicht seine Freiheit nur durch deren ständiges Überschreiten auf andere Freiheiten hin.“ (S. 25) Mit einfacheren Worten: Der Mensch ist nicht in erster Linie definiert durch seine Biologie, er ist das, wozu er sich in seiner Freiheit entwirft, er ist das – noch banaler ausgedrückt –, was er aus sich macht. In Bezug auf die Frau kommt de Beauvoir daher zur ihrer Hauptthese, daß man nicht als Frau zur Welt kommt, sondern zur Frau wird: „Nun sind die angeprangerten Verhaltensweisen der Frau nicht durch Hormone zudiktiert, und sie sind auch nicht in den Speichern ihres Gehirns enthalten: sie sind aufgrund ihrer Situation in ihr angelegt.“ (S. 747)
Der Gegenbegriff zur Transzendenz ist bei de Beauvoir die Immanenz. Die Frau „suhlt sich in der Immanenz“. Gemeint ist damit das Hängen am Gegenwärtig-Irdischen, die ‘unwirkliche’ Arbeit, und konkret wieder das Dasein in Haushalt und als Mutter. So heißt es ganz existentialistisch im „anderen Geschlecht“: „Die Wohnung, die Ernährung sind zwar nützlich für das Leben, verleihen ihm aber keinen Sinn. Die unmittelbaren Zwecke des Hausfrau sind nur Mittel, keine wirklichen Ziele, und in ihnen spiegeln sich nur anonyme Entwürfe.“ (S. 563) Und noch deutlicher: „Was die Frau im Haushalt tut, verlieht ihr also keine Autonomie. Ihre Arbeit ist der Gemeinschaft nicht unmittelbar nützlich, sie weist auf keine Zukunft hin, sie produziert nichts. Sie erhält ihren Sinn und ihre Würde nur, wenn sie in Existenzen eingeht, die sich in einer produktiven Arbeit oder Tätigkeit auf die Gesellschaft hin überschreiten.“ (S. 567)
De Beauvoir fordert daher die ökonomische Unabhängigkeit der Frau ohne die die bürgerlichen Freiheiten abstrakt bleiben, denn „solange der Mann die ökonomische Verantwortung für das Paar bewahrt, ist diese Gleichheit Illusion“ (S. 608), „allein die Arbeit kann ihr eine konkrete Freiheit garantieren.“ (S. 841) Den Sozialismus-Marxismus sah sie in diesem Kontext natürlich sehr positiv wegen der Vergesellschaftung der Erziehung und der quasi-Arbeitspflicht der Frauen: „Jeder Sozialismus begünstigt, indem er die Frau aus der Familie herauslöst, ihre [der Frau] Befreiung.“ (S. 155).
Dummerweise bleibt trotz allem Existentialismus die menschliche Biologie. Offensichtlich konnte sich de Beauvoir nie in irgendeiner Weise mit der Mutterschaft anfreunden (sie bekam auch selbst nie ein Kind, adoptierte nur als alte Frau eine erwachsene Tochter): „Der fundamentale Grund, der die Frau seit Urzeiten zur Hausarbeit verurteilt und ihr die Teilnahme an der Gestaltung der Welt verbietet, ist ihr Unterworfensein unter die Gebärfunktion.“ (S. 163) Die verdammte „Gebärfunktion“! Kein Wunder, daß sie für Zeugung, Schwangerschaft und Geburt auch nicht ein einziges positives Wort in ihrem dicken Buch findet und sich vielmehr so ausdrückt: „Eine aus ihrem Fleisch geborene und ihrem Fleisch doch fremde Geschwulst wird Tag für Tag in ihr heranwachsen. Sie ist eine Beute der Spezies, die ihr ihre geheimnisvollen Gesetze aufzwingt…“ (S. 632) Forderungen nach freier Abtreibung, künstlicher Befruchtung und staatlicher Erziehung überraschen da nicht mehr. Nach dem Motto: Leider brauchen wir die nächste Generation – aber bitte nicht zu meinen Lasten!
20 Jahre nach Erscheinen des Buches hatte der Existentialismus viel von seiner Bedeutung verloren, doch Simone de Beauvoir wurde mit der neuen Frauenbewegung erst zu einem Idol. In der ganzen Welt blickten die Frauen nun zu ihr auf. Denn diese Frau hatte es in den Augen der jungen Feministinnen geschafft: ein erfolgreiches, unabhängiges und unbürgerliches Leben in einer ‘funktionierenden’ offenen Beziehung. Und ihre Forderungen nach ökonomischer Unabhängigkeit und Geburtenkontrolle jeder Art fielen Ende der 60er Jahre auf fruchtbaren Boden. Nun erst stellte sich de Beauvoir ganz auf die Seite der Feministinnen und initiierte z.B. mit anderen die Aktion „Ich habe abgetrieben“ („J’ai aborteé“), in der sich prominente Frauen öffentlich zur einer (damals illegalen) Abtreibung bekannten.
Simone de Beauvoir starb sechs Jahre nach ihrem Lebensgefährten Sartre 1986. Ohne Zweifel gilt ihr als wohl intelligenteste Vertreterin der Frauenbewegung auch heute noch hoher Respekt. Ob ihr aristokratisches Leben als Vorbild für die normale Frau von heute gelten kann, ist sicher fraglich. An ihrer Grundthese (Frau ist man nicht, zur Frau wird man) läßt sich sicher auch wahres entdecken, doch die Wissenschaft hat die Schriftstellerin hier eindeutig widerlegt. Ablehnung von Ehe, Mutterschaft und Hausarbeit hat de Beauvoir den nachfolgenden Generation mit auf den Weg gegeben – genausowenig konstruktiv wie ihre einfach nicht vorhandene Selbstkritik. Erst letzteres hätte die so belesene und allwissende zu einer großen Denkerin gemacht. Tags: de Beauvoir, Ehe und Familie, Feminismus, Sartre
Holger Lahayne
http://lahayne.lt/2020/09/18/die-konigin-des-feminismus/

Mir fällt die Decke auf dem Kopf

Wegen der Corona-Pandemie verbringen viele mehr Zeit zuhause. Doch wie geht man damit um, wenn einem zuhause die Sorgen umtreiben oder vor Langeweile die Decke auf den Kopf fällt? Hier einige Ideen, welche Tätigkeiten in der häuslichen Quarantäne in nächster Zeit guttun könnten.
Ein paar Empfehlungen:
1. Ließ Bücher
2. Behaltet den Tage-/Nachtrhythmus bei. Die markante Verschiebung führt verstärkt zur Unzufriedenheit und zur (depressiven) Verstimmung.
3. Halte Ordnung und Sauberkeit in Wohnung und Kleidung.
4. Schreibe Briefe. Auch eine Mail an betagte Personen oder ein Telefonanruf kann grosse Freude bewirken. Isolation schadet.
5. Mach Skype-Termine mit guten Freunden aus. Sei ehrlich, nicht stark!
6. Treib täglich Sport (es gibt jede Menge Fitnessübungen für zuhause).
7. Führe Tagebuch über neue Ideen, die aus der Verlegenheit oder auch aus kreativen Momenten heraus entstehen.
8. Beginnt den Tag mit den unangenehmsten Aufgaben. Legt für Dich selbst und gemeinsam Rechenschaft über Erreichtes ab.
9. Diese Zeit wird enden und Du wirst sagen, dass sie nicht nutzlos war.
Der räumliche Horizont beschränkt sich auf den Umkreis der Wohnung, zeitlich denken wir nur noch für ein paar Tage voraus, denn wer weiß schon, was in zwei Wochen sein wird? Das aber ändert die Art und Weise unserer Weltbeziehung: Auf einmal sind wir nicht mehr die Gejagten, wir kommen aus dem Alltagsbewältigungsverzweiflungsmodus, aus der Aggressionshaltung gegenüber der Welt und dem Alltag heraus. Wir haben Zeit. Wir können plötzlich hören und wahrnehmen, was um uns herum geschieht: Vielleicht hören wir wirklich die Vögel und sehen die Blumen und grüßen die Nachbarn. Hören und Antworten (statt beherrschen und kontrollieren): Das ist der Beginn eines Resonanzverhältnisses, und daraus, genau daraus kann Neues entstehen. Hartmut Rosa

Über die Unentbehrlichen und ihre Irrtümer


Einer, der sonst auf Energie und Dynamik setzt, liegt auf einmal flach. Einer, der gewohnt ist zu bestimmen, wird hilflos. Das Fundament unserer Sicherheiten ist stets weniger stabil, als wir denken. In einer Welt, der alles planbar und machbar scheint, werden die Weichen letztlich doch woanders gestellt. Und man fragt sich: Gehört die Erkenntnis, dass unser Leben verletzlich und vergänglich ist, zur Pädagogik des Schöpfers? Damit wir wieder Mensch werden und unsere Grenzen erkennen? Vielleicht sind wir ja so gebaut, dass wir den berühmten Warnschuss vor den Bug brauchen, um wieder Kurs zu kriegen. Wir halten uns doch alle irgendwie für unentbehrlich: als König in der Familie, im Verein im Büro. Im Wettlauf des Lebens legt man ein Tempo vor, als könnten einem nichts passieren. Das Leben wird verheizt, scheinbar mühelos steckt man seine Zwölf-Stunden-Tage weg. Arbeitszeit und Überstunden, dem Freund beim Hausbau helfen, dem Onkel beim Renovieren. Hobbys, Ehrenämter und Verein. Stress wird zur Sucht, als habe man Angst, eine Pause zuzulassen. Und plötzlich holt das Leben zum großen Schlag aus und verordnet die Zwangspause. Wenn wir aufwachen und davongekommen sind, spüren wir mit Erleichterung, was uns vorher in Erschrecken versetzt hätte: Vielleicht geht es auch ohne mich. Vielleicht auch mit weniger im niedrigen Gang. Statt Reibungsverlust im Wettstreit mit Wichtigen und Wichtigtuern gibt es einen Zeitgewinn für die Familie, den Partner.
Der Mensch ist mehr als die Summe seiner Leistungen. Peter Hahne
Was wirklich wichtig ist Seite 96/97
Leiden besteht auf Aufmerksamkeit. Gott flüstert zu uns in unseren Freuden. Er redet zu uns in unserem Gewissen, aber Er schreit in unseren Leiden: Sie sind Gottes Megaphon um eine taube Welt zu wecken. * (C.S. Lewis)

„Marriage Story“: Scheiden tut weh

Josh Panos hat Noah Baumbachs Film „Marriage Story“ besprochen. Fazit:
Es ist nicht relevant, wie sehr die Gesellschaft versucht, die Ehe kleinzureden, sie umzudefinieren oder den Prozess der Scheidung zu vereinfachen. Menschen werden immer instinktiv wissen, dass Ehe wichtig und Scheidung furchtbar ist. Diese Wahrheit finden wir in der Bibel, wir finden sie aber auch in den Büchern, die wir lesen, und den Filmen, die wir schauen. Wenn Filme wie Noah Baumbachs Marriage Story entstehen – die die Wichtigkeit der Ehe erfassen und das Trauma der Scheidung lebendig werden lassen –, sollten Christen das begrüßen. Auch wenn es hart ist, diesen Film zu schauen, bietet er doch eine notwendige, ernüchternde und unnachgiebige Sicht auf einen Schrecken, von dem die Gesellschaft versucht, den ihm innewohnenden Horror zu entkräften. Mehr bei Evangelium21: www.evangelium21.net.

Wie beten wir für unsere Kinder?

Viele von uns haben schon erlebt, dass sie Eltern gefragt haben: ‚Wie geht’s eigentlich euren Kindern?‘, und in etwa folgende Antwort bekamen: ‚Ach, Tim geht’s richtig gut. Seine Karriere in der medizinischen Forschung kommt gerade richtig in Gang. Er ist der Jüngste in der ganzen Familie, der je in die höchste Führungsebene berufen wurde. Und Sonja geht’s auch sehr gut. Sie arbeitet ja in der IT-Branche und ist jetzt schon Abteilungsleiterin.‘
Und wie geht es den Kindern geistlich?‘ Lange Pause. ‚Na ja, wir sind ein bisschen traurig, dass sie zur Zeit nicht so richtig ihren Weg mit dem Herrn gehen. Doch wir hoffen., dass sie eines Tages wieder zurückkommen.‘ Natürlich kann diese spontane Reaktion solcher Eltern auch nur den Wunsch nach Privatheit ausdrücken, den stillen, treuen Wunsch, ein Familienmitglied nicht blosszustellen. Doch allzu oft ist sie ein Ausdruck verschobener Prioritäten. Ich bin Eltern begegnet, die allem Anschein nach Christen waren, och die ihre Wut an mir ausliessen, weil sie dachten, ich hätte ihre blitzgescheiten Kinder dazu gedrängt, auf die Bibelschule zu gehen und womöglich sogar Missionar zu werden. Andere freuen sich über das materielle Wohlergehen ihrer Kinder und sind über deren totaler Gleichgültigkeit gegenüber dem Gott, der sie geschaffen hat, gar nicht so sehr bekümmert.
Wie werden diese Werte in dreissig oder vierzig Milliarden Jahren aussehen? Was sollten von der Ewigkeitsperspektive aus die wichtigsten Dinge sein, für die wir in unseren Kindern, in uns selbst und in unseren Glaubensgeschwistern beten sollten?
Wenn der heilige Gott uns ’seiner Berufung würdig‘ erachten soll, dann müssen wir ihn dafür um seine Hilfe bitten. Deshalb betet Paulus: Er fordert die Thessalonicher nicht einfach auf, sich mehr Mühe zu geben, sonder er betet für sie mit dem Ziel, dass Gott sie seiner Berufung würdig erachten möge. Ein solche Gebet kommt der Bitte gleich, dass Gott so in ihrem Leben wirken möge, dass er sie würdig macht, damit er sie am Ende für würdig erachten wird.
D. A. Carson. Lernen, zu beten. 3L Verlag: Waldems, 2012. S. 75-77.