Schöpfung: Die Bibel ernst nehmen Ein Interview mit Mathematikprofessor John Lennox

Oft wird behauptet, wer seinen Verstand gebrauche, könne unmöglich an Gott glauben. Eine der bisher wohl heftigsten Attacken gegen den Glauben führt der Engländer Richard Dawkins mit seinem Buch „Der Gotteswahn“. Darin behauptet er, die Evolutionstheorie beweise, dass es keinen Schöpfergott geben könne. Dem widerspricht sein Landsmann John Lennox, Mathematikprofessor und Wissenschaftsphilosoph.
Den Evolutionsbiologen Dawkins halten manche für einen ehrlichen Gotteszweifler, andere für einen fundamentalistischen Atheisten. Wie sehen Sie ihn?
Lennox: Meiner Ansicht nach ist er ein Fundamentalist, und zwar in dem Sinn, dass er die Beobachtungen und Indizien, die seiner Sicht der Dinge widersprechen, einfach nicht ernst zu nehmen scheint. Er macht zum Beispiel die Religionen verantwortlich für die Kriege in dieser Welt. Das ist eine Halbwahrheit – einige Religionen sind verantwortlich. Andererseits hat sich ein falsches Verständnis vom christlichen Glauben hier ebenfalls schuldig gemacht. Denn Jesus hat das Schwert verboten. Im gleichen Atemzug sagt Dawkins aber, der Atheismus habe noch nie einen Krieg verursacht. Stalin, Hitler, Mao, Pol Pot – deren Verbrechen haben angeblich nichts mit dem Atheismus zu tun. Über diese Sicht von Dawkins habe ich neulich in Polen gesprochen. Die Leute haben gelacht und gesagt, wenn er so denkt, braucht man über ihn eigentlich nicht mehr zu diskutieren.
Hat Dawkins denn in allem Unrecht?
Lennox: Nein. Gut finde ich beispielsweise, dass er an Wahrheit glaubt. Gegen die relativistische Ansicht, es gebe keine Wahrheit, sagt er, man könne die Wahrheit erkennen. Und ich halte es auch für berechtigt, dass er Indizien für die Wahrheit verlangt und einen blinden Glauben ablehnt.
Aber er lässt doch gar keine Indizien gelten, die für den Glauben sprechen .
Lennox: … und das ist sein großes Problem. Unlauter finde ich, wie er mit dem Neuen Testament umgeht. Er bezieht seine Informationen teilweise nicht von Experten. Beispielsweise behauptet er, Jesu Botschaft ziele ausschliesslich auf das jüdische Volk ab – was nicht stimmt. Aber diese Information hat Dawkins von einem Mediziner, keinem Bibelexperten. Ich habe ihn deshalb in meiner Debatte mit ihm gefragt, was er davon hielte, wenn ich mich zum Thema Evolutionsbiologie von einem Bauingenieur informieren ließe. Es ist klar, dass er das unangemessen fände. Also, er nimmt als Wissenschaftler die Bibel einfach nicht ernst genug.
In den vergangenen Jahren ist weltweit verstärkt über „Intelligentes Design“ diskutiert worden – dass also eine göttliche Kraft die Entwicklung des Lebens gesteuert haben muss, weil das Leben zu kompliziert ist, um sich alleine durch zu-fällige Mutationen und natürliche Aus-lese so hoch entwickelt zu haben. Wie stehen Sie dazu?
Lennox: Der Begriff „Intelligentes Design“ ist aufgrund seiner Bedeutungsveränderung fast sinnlos geworden. Ursprünglich verband sich damit die berechtigte Frage: Kann man naturwissenschaftlich (!) Spuren einer intelligenten Kraft im Weltall erkennen? Inzwischen wird „Intelligentes Design“ oft als verkappter Kreationismus wahr-genommen. Manche tun so, als würden alle Forscher des „Intelligenten Designs“ an eine Sechs-Tage-Schöpfung glauben. Das ist zwar nicht so, aber der Begriff ist wegen eventuellen Missverständnissen fast unbrauchbar geworden.
Was sagen Sie nun als Naturwissenschaftler: Kann man eine intelligente Kraft im All erkennen?
Lennox: Ja. Alleine die Tatsache, dass wir Naturwissenschaft betreiben können, setzt das voraus. (…) Wenn unsere Gedanken wirklich nur das Produkt biochemischer Prozesse im Gehirn wären und unsere Denkfähigkeit das Ergebnis eines blinden Evolutionsprozesses – warum sollten wir den so erzeugten Theorien Glauben schenken? Die Regelmäßigkeiten im All und in der Natur; die „Herrlichkeit des Universums“ ist Wegweiser zu Gott – und zwar zu allen Zeiten auf allen Kontinenten. Auch wenn wir Gott in einem mathematischen Sinn nicht beweisen können, so ist doch die Schöpfung ein Indiz für das Wirken des Schöpfers. Die Begründer der modernen Naturwissenschaft – Galileo, Kepler, Newton – waren alle gläubige Leute.
Manche kritisieren das „Intelligente Design“ mit dem Argument, man suche ja nur einen Lückenbüßer für Dinge, die man noch nicht erklären könne. Hat man dafür eine Erklärung, braucht man auch Gott nicht mehr.
Lennox: Wenn Gott ausschließlich als Lückenbüßer herhalten müsste, wäre das natürlich falsch. Das Problem mancher Naturwissenschaftler ist doch aber: Sie sagen, sie haben einen Mechanismus gefunden, wie etwas funktioniert – also gibt es keinen Gott. Das ist aber philosophisch gesehen ein Kategorienfehler. Denn die Existenz eines Mechanismus kann nicht als Beleg dafür genommen werden, dass es niemanden gibt, der den Mechanismus erfunden hat. Den Ursprung des Lebens kann eine materialistische Evolutionstheorie bis heute nicht befriedigend erklären.
https://www.stadtmission-freiburg.de/fileadmin/vonwegen/vonWegen_02_2009.pdf

Die Religion widersprichder der Vernunft nicht

„Die Menschen haben Verachtung für die Religion ( = gemeint ist hier der christliche Glaube); sie hassen sie und haben Angst, sie sei wahr. Um sie davon zu heilen, muss man zunächst zeigen, dass die Religion der Vernunft nicht widerspricht, dass sie ehrwürdig ist, und ihr Achtung verschaffen; dann muss man die liebenswert machen, in den Guten die Sehnsucht wecken, dass sie wahr sei; und endlich zeigen, dass sie wahr ist.“ (Blaise Pascal, Gedanken (Pensees), Berlin 2012, S. 48).

Gott bewahre uns vor einer falschen Toleranz

Gott bewahre uns also vor dieser „Toleranz“, von der wir so viel hören: Gott erlöse uns von der Sünde, mit denen gemeinsame Sache zu machen, die das gesegnete Evangelium Jesu Christi leugnen oder ignorieren!
Wenn Sie sich dafür entscheiden, für Christus zu einzustehen, werden Sie kein leichtes Leben haben. Natürlich können Sie versuchen, sich dem Konflikt zu entziehen. Alle Menschen werden gut von Ihnen sprechen, wenn Sie, nachdem Sie am Sonntag ein noch so unpopuläres Evangelium gepredigt haben, am nächsten Tag in den Kirchenräten nur gegen dieses Evangelium stimmen; man wird Ihnen gnädigerweise erlauben, an das übernatürliche Christentum zu glauben, so viel Sie wollen, wenn Sie nur so tun, als würden Sie nicht daran glauben, wenn Sie nur mit seinen Gegnern gemeinsame Sache machen. Das ist das Programm, das die Gunst der Kirche gewinnen wird. Ein Mensch mag glauben, was er will, solange er nicht stark genug glaubt, um sein Leben dafür zu riskieren und dafür zu kämpfen.
Aber um Toleranz zu beten, abgesehen von den eben genannten Formen, insbesondere um Toleranz zu beten ohne sorgfältig definieren, in welchem Sinne man tolerant sein soll, heißt nur, den Zusammenbruch der christlichen Religion herbeizubeten; denn die christliche Religion ist [im Blick auf die Lehre] durch und durch intolerant. Darin liegt das ganze Ärgernis des Kreuzes – und auch die ganze Kraft des Kreuzes. Immer wäre das Evangelium von der Welt mit Wohlwollen aufgenommen worden, wenn es nur als ein Weg der Erlösung dargestellt worden wäre; der Anstoß kam, weil es als der einzige Weg dargestellt wurde und weil es allen anderen Wegen unerbittlich den Kampf angesagt hat. Gott bewahre uns also vor dieser „Toleranz“, von der wir so viel hören: Gott erlöse uns von der Sünde, mit denen gemeinsame Sache zu machen, die das gesegnete Evangelium Jesu Christi leugnen oder ignorieren! Gott bewahre uns vor der tödlichen Schuld, die Anwesenheit derer als unsere Vertreter in der Kirche zuzulassen, die Jesu Kinder in die Irre führen; Gott mache uns, was immer wir sonst sind, zu rechten und treuen Boten, die ohne Furcht und Gunst nicht unser Wort, sondern das Wort Gottes verkündigen.
Christentum und Liberalismus: Wie die liberale Theologie den Glauben zerstört von Machen, J. Gresham (Autor)

Die Blinden und der Elefant

Mit seinem berühmten Beispiel vom Elefanten versuchte Lessing, seine Leser davon zu überzeugen, dass jede Religion einen Teil der spirituellen Wahrheit erkennt, aber keiner jemals die ganze Wahrheit erkennen kann. Doch auch bei dieser Perspektive auf die Wahrheits- und Absolutheitsansprüche der einzelnen Religionen liegt ein tief greifendes logisches Problem vor:„
„Mehrere Blinde gehen spazieren und stoßen dabei auf einen Elefanten, der sich von ihnen betasten lässt. ‚Dieses Tier ist so lang und geschmeidig wie eine Schlange‘, erklärte der Erste, der den Rüssel des Elefanten erwischt hat. ‚Nein, nein, es ist dick und rund wie ein großer Baumstamm‘, sagt der Zweite, der ein Bein des Elefanten befühlt. ‚Nein, es ist groß und flach‘, erwidert der dritte Blinde, der die Seite des Elefanten entlangfährt. Jeder der Blinden fühlt nur einen Teil des Elefanten; das ganze Tier vorstellen kann sich keiner. Und ganz ähnlich, heißt es dann, erfasst jede der Weltreligionen nur einen Teil der spirituellen Reali-tät, aber keine darf behaupten, die ganze Wahrheit zu erkennen.“
„Das Elefanten-Beispiel ist ein Schuss, der nach hinten losgeht. Die Geschichte wird nämlich aus der Perspektive von jemandem erzählt, der nicht blind ist. Woher will ich denn wissen, dass jeder Blinde nur einen Teil des Elefanten erfasst, wenn ich nicht selber für mich in Anspruch nehmen kann, den ganzen Elefanten zu sehen?“
Das Elefanten-Beispiel ist ein Schuss, der nach hinten losgeht. Die Geschichte wird nämlich aus der Perspektive von jemandem erzählt, der nicht blind ist. Woher will ich denn wissen, dass jeder Blinde nur einen Teil des Elefanten erfasst, wenn ich nicht selber für mich in Anspruch nehmen kann, den ganzen Elefanten zu sehen?“Timothy Keller, Warum Gott?, S. 34 – 45.

Toleranz

Toleranz bedeutet nicht, alles anzuerkennen, was von aussen an eine Gesellschaft herangetragen wird. Diese Feststellung muss man sich in Zeiten von Globalisierung, Migration und einem verbreiteten Gefühl des «Anything goes» immer wieder in Erinnerung rufen. Auch der weltoffene, freiheitlich-pluralistische Staat hat die Aufgabe, eigene Massstäbe zu setzen und zu verteidigen. Eric Gujer, NZZ
https://bibelkreismuenchende.wordpress.com/2020/11/25/was-bedeutet-es-fur-die-religionsfreiheit-wenn-christen-muslime-oder-menschen-anderen-glaubens-aus-vermeintlichen-toleranzgrunden-keinen-wahrheitsanspruch-fur-ihre-religion-erheben-durfen/

https://bibelkreismuenchende.wordpress.com/2011/06/29/wahrheit-und-toleranz/

Ist Glauben ein Sprung in die Dunkelheit?

„Glauben ist kein Sprung in die Dunkelheit … keine irrationale Leichtgläubigkeit, keine Überzeugung gegen den Augenschein und gegen den Verstand. Er bedeutet Überzeugung im Licht historischer Fakten, in Übereinstimmung mit dem Augen-schein, auf der Grundlage von Zeugenaussagen.“George Eldon Ladd, A Theology of the New Testament, Grand Rapids 1974 (Eerdmans), S. 324

Der Mensch als Mensch schreit nach Gott, nicht nach einer Wahrheit

Der Mensch als Mensch schreit nach Gott, nicht nach einer Wahrheit, sondern nach der Wahrheit, nicht nach etwas Gutem, sondern nach dem Guten, nicht nach Antworten, sondern nach der Antwort, die unmittelbar eins ist mit seiner Frage. Denn er selbst, der Mensch, ist ja die Frage, so muss die Antwort die Frage sein, sie muss er selbst sein aber nun als Antwort, als beantwortete Frage. Nicht nach Lösungen schreit er, sondern nach Erlösung. Nicht wiederum nach etwas Menschlichem, sondern nach Gott, aber nach Gott als dem Erlöser seiner Menschlichkeit. Karl Barth

Frag Buddha oder Mohammed

«Wenn du zu Buddha gehst und ihn fragst: ‘Bist du der Sohn von Brahma?’, würde er sagen: ‘Mein Sohn, du bist immer noch im Tal der Illusion’. Wenn du zu Sokrates gehst und ihn fragst ‘Bist du Zeus?’, würde er dich nur auslachen. Wenn du zu Mohammed gehst und ihn fragst ‘Bist du Allah?’ würde er zuerst seine Kleider zerreissen und dir dann den Kopf abhauen. Und wenn du Konfuzius gefragt hättest ‘Bist du der Himmel?’ dann hätte er wohl geantwortet ‘Bemerkungen, die nicht dem Lauf der Natur entsprechen, verraten schlechten Geschmack’. Der Gedanke, dass ein grosser moralischer Lehrer die Worte Christi sagte, ist vom Tisch. Meiner Überzeugung nach ist ein Mann, der diese Worte sagte, entweder der Sohn Gottes oder komplett verrückt.»
«Wenn das Christentum falsch ist, ist es bedeutungslos; wenn es stimmt, ist es von unendlicher Bedeutung. Was es nicht sein kann: ein bisschen wichtig.»  C.S.Lewis

„Wahres Wissen“ und demokratisch verfasste Gesellschaft

Die derzeit verbreitete Rede vom „postfaktischen Zeitalter“ bezieht sich unter anderem auf die Beobachtung, dass vor allem Vertreterinnen und Vertreter populistischer Parteien sich bei ihren Äußerungen nicht mehr an Fakten halten, sondern sich über etabliertes Wissen hinwegsetzen und bisweilen auch schlicht lügen. Das reicht von der Leugnung ihrer eigenen Aussagen aus der Vergangenheit, die sich leicht belegen lassen, bis zur Leugnung wissenschaftlicher Erkenntnisse wie des anthropogenen Klimawandels, die nicht ganz so einfach zu überprüfen sind. Darüber hinaus verunglimpfen sie die Medien, sprechen von einer Verschwörung der „Lügenpresse“ und unterminieren damit die Glaubwürdigkeit einer für die Demokratie zentralen Institution. Zugleich gerieren sie sich als Verteidiger demokratischer Rechte wie der freien Meinungsäußerung und fordern mehr „direkte“ Demokratie. Mit diesem Verhalten mobilisieren sie zahlreiche Wählerinnen und Wähler.

Was ist in unsere Gesellschaft gefahren, dass sie Journalisten und Wissenschaftlerinnen nicht mehr vertraut und anfällig für Rattenfänger geworden ist? Diese Frage stellt sich umso eindringlicher vor dem Hintergrund, dass Sozialwissenschaftler vor nicht allzu langer Zeit den Übergang von der Industrie- zur Wissensgesellschaft verkündet haben.[1] In der Wissensgesellschaft zählt Wissen als wichtigste Produktivkraft: Wissenschaftliches Wissen, also „wahres“ beziehungsweise verlässliches Wissen, ist von zentraler Bedeutung für den gesellschaftlichen Fortschritt.

Tatsächlich zeigt die Beunruhigung über den sich verbreitenden Populismus und Antiintellektualismus zweierlei: Zum einen hat die moderne Wissenschaft und die mit ihr einhergehende Rationalität in den modernen Gesellschaften seit der Aufklärung eine immer größere Autorität als Institution erlangt – sonst würde die Leugnung von „Fakten“ nicht auf derart heftige Reaktionen stoßen. Zum anderen ist man sich der Fragilität der Demokratie bewusst. Zwar gilt die Demokratie als die beste aller Regierungsformen, weil sie den Gefahren des Machtmissbrauchs am effektivsten entgegenwirkt und den Interessenausgleich aller Mitglieder einer Gesellschaft am erfolgreichsten zu gewährleisten vermag. Das urdemokratische Prinzip der Mehrheitsentscheidung hat allerdings, wenn es in größeren Gemeinschaften realisiert wird, eine Schwäche: Es ist anfällig für Emotionalisierung, Skandalisierung, kurz: für Propaganda und darauf gründende Ad-hoc-Entscheidungen.

Unter anderem um dieser Gefahr zu begegnen, ist das Konzept der repräsentativen Demokratie entwickelt worden, das heute für fast alle modernen Demokratien konstitutiv ist. Die Wahl von Repräsentantinnen und Repräsentanten, die in Parlamenten über die anfallenden politischen Fragen entscheiden, wirkt als moderierender Mechanismus. Entscheidungen werden auf ihre Akzeptabilität unter den im Parlament vertretenen Gruppierungen geprüft, aber zugleich auch auf ihre Voraussetzungen und ihre vorhersehbaren Folgen, soweit es das verfügbare Wissen erlaubt. Politik legitimiert sich also nicht nur durch Wahlen, sondern auch durch ihre Rationalität. Widerspricht sie eklatant empirischer Evidenz, wird das entweder beim nächsten Urnengang oder durch einen obersten Gerichtshof sanktioniert.

Das Problem dabei ist, dass in vielen Fällen nicht mit Sicherheit gesagt werden kann, was die Evidenz wirklich ist. So stellt sich die nächste Frage: Was ist „wahres Wissen“ und wie kommt die Gesellschaft zu „wahrem Wissen“?

Kleine Geschichte des „wahren Wissens“

Mit der modernen Wissenschaft, die ihre erste dauerhafte organisatorische Prägung 1660 mit der Gründung der britischen Royal Society erhielt, etablierte sich das Prinzip, dass als „wahres Wissen“ nur gelten sollte, was durch Beobachtung und/oder Experiment, also empirisch, bestätigt wurde. Ferner sollten Wahrheitsbehauptungen unter Forschern offen vertreten und diskutiert werden, und es sollte kein Gesichtsverlust sein, dabei von den Kollegen widerlegt zu werden.

Damit wurde die Dominanz der scholastischen Philosophie mit ihrem Fokus auf Begriffsdeutungen und Argumentationen abgelöst. In der Scholastik galt als sicherste Form des erreichbaren Wissens das aus allgemeinen Prinzipien logisch sauber hergeleitete Ergebnis. Beobachtungen wurde hingegen misstraut, da sie Täuschungen unterliegen konnten. Die Wissenschaft der Scholastik litt letztlich unter der Unabschließbarkeit der Diskussionen, da es keinen Mechanismus gab, der die Beilegung von Meinungsverschiedenheiten ermöglichte.

Die Frage, wie „wahres Wissen“ zu erlangen sei, hatte zwar schon die antiken Philosophen beschäftigt, wurde mit der Entstehung der modernen Wissenschaft aber zum zentralen Gegenstand der Wissenschaftsphilosophie.[2] Unter den vielen im Laufe der Zeit entwickelten Antworten seien im Folgenden die wichtigsten genannt.

Wesensergründung, Beobachtung, Skepsis

Die sogenannte Korrespondenztheorie der Wahrheit wird schon Aristoteles zugeschrieben, hielt sich bis ins 19. Jahrhundert und wurde noch in den 1920er und 1930er Jahren von Mitgliedern des Wiener Kreises vertreten. Sie sieht Wahrheit als Übereinstimmung des erkannten Objekts mit einer Vorstellung des erkennenden Subjekts. Diese Erläuterung des Wahrheitsbegriffs stieß stets auf die Schwierigkeit, dass sich die Übereinstimmung nicht aus einer neutralen Perspektive prüfen lässt. Als erkennende Subjekte sind wir immer nur mit unseren eigenen Vorstellungen bekannt, nicht aber mit den Objekten selbst. Die Korrespondenztheorie der Wahrheit führt also nicht zu einem Kriterium für die Entscheidung über bestimmte Wahrheiten.

Für die Wissenschaften stellt sich dieses Problem in verschärfter Form. Denn selbst wenn einfache objektive Verhältnisse, zum Beispiel „Der Uhrzeiger steht jetzt auf drei“, verlässlich festgestellt werden können und entsprechend Korrespondenz begründet angenommen werden kann, so gilt das nicht für komplexere theoretische Sätze der Wissenschaft. Dass sich etwa Elektronen im magnetischen Feld in Spiralbahnen um die Feldlinien bewegen, entzieht sich dem Augenschein. Für die Ermittlung einer Korrespondenz zwischen Beobachtungen und Weltzuständen gibt es dann keine einfachen Regeln.

Aus solchen Schwierigkeiten zieht die Kohärenztheorie der Wahrheit den Schluss, dass Vorstellungen nicht mit Tatsachen, sondern Aussagen nur mit Aussagen verglichen werden können. Wahrheit stellt sich als Kohärenz dar, also als Widerspruchsfreiheit und wechselseitige Stützung von Aussagen. Der Philosoph Nicholas Rescher geht davon aus, dass die Wissenschaft als Ganzes ein kohärentes System von Aussagen über die Welt ist und als solches weiterentwickelt wird. Neue Erkenntnisse müssen sich in den Zusammenhang der anerkannten Aussagen einfügen, dürfen diesen nicht widersprechen und ohne Verbindung zu diesen bleiben.[3]

Eine wieder andere Sichtweise findet sich beim frühen Karl Popper, demzufolge Urteile über wissenschaftliche Sätze sich in erster Linie auf die Ermittlung ihrer Falschheit stützen. Für wissenschaftliche Theorien gilt, dass sie falsifizierbar sind, also durch empirische Gegenbeispiele widerlegt werden können. Falsifizierbarkeit ist für Popper notwendige Vorbedingung für Wissenschaftlichkeit: Nur Theorien, die sich empirisch widerlegen lassen, sind wirklich wissenschaftlich. Ein Wahrheitsbegriff ist deshalb für die Logik der Forschung entbehrlich.[4]

Diese bislang kursorisch genannten „Wahrheitstheorien“ lassen sich in eine Entwicklung stellen, in der wissenschaftliche Wahrheit beziehungsweise wahre Erkenntnis zunächst durch die Ergründung der inneren (Wesens-)Eigenschaften der erkannten Objekte, sodann im Vertrauen auf einfache Beobachtung gesucht wurde, bis dieses Streben schließlich in eine grundsätzliche Skepsis gegenüber der Möglichkeit der Erkenntnis von Wahrheit durch das erkennende Subjekt mündete, also den Menschen. Diese Entwicklungslinie bezieht sich auf die Abfolge von wissenschaftstheoretischen Positionen in der Philosophie. Doch befasst sich die Philosophie mit Begriffen, Theorien, logischen Zusammenhängen und hat die konkrete Gesellschaft nicht im Blick.

Ende der objektiven Wahrheit

Das änderte sich mit dem Wissenschaftsphilosophen Thomas Kuhn. Im Unterschied zu den bis dahin vielfach akzeptierten Auffassungen, dass die Wissenschaftsgeschichte eine fortschreitende Kumulation von Tatsachen und Theorien sei, die der Wahrheit immer näher kommen, beschrieb er sie als eine Abfolge von Phasen der „normalen“ Wissenschaft und wissenschaftlicher Revolutionen.[5] Im Zuge der normalen Wissenschaft werden zentrale Fragestellungen beziehungsweise theoretische Programme, sogenannte Paradigmen, durch Routineforschung abgearbeitet. Die Ergebnisse der empirischen Forschung lassen sich in das Paradigma einordnen und verfeinern es fortlaufend. An einem bestimmten Punkt jedoch komme es zu Entdeckungen, für die das nicht mehr gelte. Sie stellen das Paradigma infrage, und nach und nach wachse die Zahl der Wissenschaftler, die unter dem Eindruck der neuen Entdeckungen und der dadurch entstehenden Widersprüche dem alten Paradigma nicht mehr trauen. Sie wenden sich ab, es komme zur „Revolution“ und schließlich zur Formulierung eines neuen Paradigmas.

Revolutionär sei diese Entwicklung sowohl in epistemologischer als auch in „sozialer“ Hinsicht. Epistemologisch, weil das neue Paradigma sich zum alten inkommensurabel verhalte, es also keine Möglichkeit gebe, Erkenntnisse und Theorien des alten in das neue zu überführen. Sozial, weil sich der Paradigmenwechsel nicht als ein Prozess der Überzeugungsänderung abspiele, sondern als ein Sieg der Anhängerschaft des neuen über die des alten Paradigmas. Eine Gemeinschaft von Wissenschaftlern erlange über eine andere die Definitionsgewalt.

Bezeichnenderweise definierte Kuhn wissenschaftliche Gemeinschaften über die Selbstzurechnung zu Paradigmen, ebenso wie er umgekehrt Paradigmen über solche Communities definierte. Die Selbstzurechnung zu einem bestimmten Paradigma verweise zum einen auf den Umstand, dass das Paradigma für verbindlich gehalten werde und ihm gleichsam normative Kraft zukomme, zum anderen auf den fragmentierten Charakter „wahren Wissens“. Die Rückbindung der Paradigmen an soziale Gruppen und an Prozesse der vermeintlich autoritativen Erlangung von Dominanz war in der Wissenschaftstheorie selbst eine Revolution, insofern als die zuvor rein wissenschaftstheoretisch behandelte Frage, wie „wahres Wissen“ entsteht, nunmehr auch soziologische Erklärungen zuließ.

Kuhns Wissenschaftstheorie markierte das Ende des Ideals der objektiven Wahrheit. Zugleich gab Kuhn auch die Vorstellung auf, der Erkenntnisprozess bewege sich kontinuierlich auf die Wahrheit zu. Der Wechsel von Paradigmen lässt keine Entwicklungsrichtung der theoretischen Vorstellungen hin zu einer klar umrissenen Vorstellung der Wirklichkeit erkennen. Wissenschaft wird von der Verbesserung der vorliegenden Theorieansätze getrieben und nicht vom Streben nach einer immer besseren Erkenntnis der Wirklichkeit. Es überrascht deshalb nicht, dass Kuhn als Relativist gescholten wurde.

Unter den vielen Reaktionen auf Kuhns Theorie sticht die der sogenannten Realisten als die wirkmächtigste hervor. Der Wissenschaftstheoretiker Ernan McMullin definiert den wissenschaftlichen Realismus gemäß seiner Grundannahme, dass der langfristige Erfolg einer wissenschaftlichen Theorie Anlass gibt, an die Existenz der von der Theorie behaupteten unbeobachtbaren Objekte und ihrer Beziehungen zu glauben. Die infrage stehende Theorie muss also über einen längeren Zeitraum erfolgreiche Voraussagen erlauben. Es wird aber keine letztendliche Beweisbarkeit der theoretisch postulierten Sachverhalte angenommen.[6]

Alles konstruiert?

Neben dem wissenschaftlichen Realismus entwickelte sich mit dem Konstruktivismus eine weitere Diskussionslinie. Diese Richtung der Erkenntnistheorie hat verschiedene Ausprägungen, die in den 1980er und 1990er Jahren vor allem in den Sozialwissenschaften und der Psychologie populär waren. Der sogenannte radikale Konstruktivismus wird von den Neurobiologen Umberto Maturana und Francisco Varela vertreten. Sie gehen davon aus, dass das menschliche Gehirn ein autopoietisches System ist, also organisational gegenüber der Umwelt geschlossen ist und keine Informationen von außen direkt aufnimmt, aber strukturell mit anderen umgebenden Medien beziehungsweise Organismen gekoppelt ist. Gehirne beziehungsweise lebende Organismen erzeugen ihre Operationen nur durch Rekurs auf Vorhandenes. In dieser Erklärung der Erkenntnis gibt es keine Wahrheit, keine Objektivität und auch keinen Zugriff auf eine äußere Welt. Die Welt gibt es nur als „Konstruktion“ des Erkenntnisapparats.[7]

Der radikale Konstruktivismus Maturanas und Varelas adressierte die philosophische Erkenntnistheorie. Der wissenssoziologische Ansatz Peter Bergers und Thomas Luckmanns teilte indes nur vordergründig den Begriff der Konstruktion. In ihrem 1966 vorgelegten Werk „Die soziale Konstruktion der Wirklichkeit“ betrachteten sie soziale Tatsachen, obwohl sie das Ergebnis sozialer Interaktionen sind, wie Werte und Institutionen, die über einen langen Zeitraum hinweg entstehen. Sie erscheinen den Mitgliedern der Gesellschaft sodann als natürlich gegeben und werden von ihnen durch Sozialisation verinnerlicht und zugleich stabilisiert. Im Zentrum steht die Frage, wie Alltagswissen gesellschaftliche Faktizität erlangt. Der Sozialkonstruktivismus beschränkt sich also auf die Erklärung sozialer Tatbestände und berührt die philosophische Frage der Begründung von Erkenntnis nicht.

Das änderte sich mit der Ausweitung des wissenssoziologischen Ansatzes auf die Wissenschaft selbst. Kuhns These der diskontinuierlichen Wissenschaftsentwicklung und der Rolle der Fachgemeinschaften in der Durchsetzung neuer Paradigmen wurde von (Wissens-)Soziologen aufgenommen und dahingehend gedeutet, dass nicht nur gesellschaftliche Institutionen, sondern auch wissenschaftliche Begriffe und Theorien und letztlich auch die Ergebnisse der auf ihnen beruhenden Forschung sozial konstruiert seien. Diese These ist gleichbedeutend damit, dass jeglicher Begriff von Wahrheit oder zumindest von Fakten aufgegeben wird.

Die Evidenz für diese Sichtweise ist nicht zuletzt durch die Beobachtung von Forschungsprozessen geliefert worden: Verfolgt man die Entwicklung eines bestimmten Projekts von der ersten Formulierung der Forschungsfrage bis zur abschließenden Veröffentlichung der Ergebnisse, finden sich in den Diskussionen der Forscherinnen und Forscher, in den Bedingungen ihrer Forschung und den Entscheidungen über die Wahl von Instrumenten oder Materialien viele Zufälligkeiten beziehungsweise Situationen, in denen diese Entscheidungen keiner Zwangsläufigkeit unterliegen. Daraus wird der Schluss gezogen, die aus diesem Prozess hervorgegangenen Ergebnisse seien „sozial konstruiert“. Von dieser These zu derjenigen, wissenschaftliche Fakten seien letztlich beliebig konstruierbar – eine vielfach vertretene Vereinfachung –, ist es ein kleiner Schritt.

In der Breitenwirkung des Sozialkonstruktivismus wird denn auch die Wurzel des Postmodernismus gesehen. Es ist eine offene Frage, ob die Entstehung des gegenwärtig bereits als „postfaktisch“ bezeichneten Diskurses insofern eine Verbindung zum Postmodernismus hat, als dieser erst jetzt in der allgemeinen Öffentlichkeit angekommen ist. Ob die Leugnung wissenschaftlich gesicherter Fakten sich mit der hier skizzierten erkenntnistheoretischen Diskussion begründen lässt, ist allerdings klar negativ zu beantworten, denn diese bleibt der Suche nach einer Begründung der Wahrheit verpflichtet.

Kleine Soziologie des „wahren Wissens“

Insofern als die Vermutung des Ursprungs der Wahrheit von essenzialistischen Erklärungen immer weiter zu den sozialen Prozessen rückte, in denen sie durch Interaktion, Diskurs, Debatte und Konsens unter den Wahrheitssuchenden hervorgebracht wird, handelt es sich auch bei Wahrheit im Sinne wissenschaftlich gesicherter Fakten also um soziale „Konstruktionen“. Das rechtfertigt aber nicht den Schluss, sie seien beliebig veränderbar, nur relativ und deshalb nicht bindend oder handlungsrelevant. Diesen Fehlschluss zieht, wer kein Verständnis der spezifischen sozialen „Natur“ von Fakten und ihrer Entstehung hat, wer die Widerständigkeit sozialer Tatsachen leugnet. Daher gilt es, näher zu betrachten, wie Fakten „konstruiert“ werden, und wie sich gesichertes Wissen zu ungesichertem verhält. Wie wird Wissen gesichert und kommuniziert, um schließlich als „wahres Wissen“ zu gelten?

Prinzipien wissenschaftlicher Wissensproduktion

Obgleich es zwischen den einzelnen wissenschaftlichen Disziplinen tief greifende Unterschiede bei der Geschwindigkeit der Wissensproduktion, den Formen der Qualitätssicherung und den Kommunikationsformen gibt, ähneln sie sich doch stark hinsichtlich der Prinzipien, nach denen sie operieren. Diese umfassen die Offenlegung der eigenen Forschung, eine systematische Skepsis gegenüber den Wahrheitsbehauptungen anderer Wissenschaftler und gegebenenfalls deren Überprüfung ohne Rücksicht auf das Ansehen der Person oder andere Interessen.

Natürlich kann wie etwa in der Militärforschung hinter verschlossenen Türen neues Wissen produziert werden. Dann können sich die Urheber ihres Wissens jedoch erst sicher sein, wenn es den Praxistest besteht. Nur allgemeine Zugänglichkeit und die vorbehaltlose Prüfung durch kompetente Fachkolleginnen und -kollegen können Vertrauen in das produzierte Wissen schaffen. Denn wenn diese Prinzipien befolgt werden, gilt das durch sie erzeugte Wissen als objektiv. Objektivität des Wissens genießt in unserer Gesellschaft einen sehr hohen Wert: Es dient als Referenz für die Klärung von Interessenkonflikten und begründet das Vertrauen, das wiederum notwendige Voraussetzung für die Arbeitsteilung und damit für den Fortschritt in der Wissenschaft ist. Andernfalls müsste jeder Wissenschaftler alles Wissen selbst überprüfen, bevor er mit neuen Forschungen beginnen könnte.

In Verbindung mit dem Ansehen eines Wissenschaftlers hat dieses Vertrauen eine wichtige Steuerungsfunktion. Das Ansehen, das ein Wissenschaftler in seiner Fachgemeinschaft genießt, also die Wertschätzung durch seine Kollegen, ergibt sich aus der Bewertung seiner Forschungsleistung. Je relevanter und origineller sie ist, desto höher ist auch das Ansehen des Forschers und desto häufiger die Bezugnahme anderer Wissenschaftler auf seine Arbeit. Seinen Ergebnissen wird vertraut, andere bauen auf ihnen auf und tragen so dazu bei, dass dieses spezifische Wissen als gesichert gilt. Im Ruf eines Wissenschaftlers spiegelt sich also die Vertrauenswürdigkeit seiner Forschungsergebnisse, die wiederum für die Gesellschaft bedeutsam ist, weil diese sich – ohne spezielle Sachkenntnis zu haben – auf sie verlassen können muss. Entsprechend geächtet ist daher Betrug.

Praxis wissenschaftlicher Wissensproduktion

Wie wirken die genannten Prinzipien im Prozess der Wissensproduktion im Hinblick auf die „Konstruktion“ wissenschaftlichen Wissens? Die Relevanz von Forschungsfragen ist Gegenstand von Aushandlungsprozessen innerhalb der jeweiligen Fachgemeinschaft und wird beispielsweise durch die Begutachtung von Forschungsanträgen entschieden. Dann beginnt die eigentliche Forschung: die Wahl der geeigneten Methoden und Instrumente, die Experimente und Beobachtungen, die anschließende Auswertung der gesammelten Daten.

Die Präsentation von Forschungsergebnissen ist immer an Interpretationen gebunden, die sodann Gegenstand inner- und, obgleich seltener, außerwissenschaftlicher Debatten sind. Weitere Bewertungen erfolgen sowohl auf einschlägigen Fachkonferenzen als auch in Fachzeitschriften. Über die Veröffentlichung entscheiden Fachkollegen als Gutachter, und auf publizierte Artikel kann die gesamte Fachgemeinschaft reagieren, sei es durch die Überprüfung der Experimente, sei es durch neue Interpretationen der Daten, deren Bestätigung oder Infragestellung auf Grundlage anderer Versuchsreihen oder Beobachtungen. Auf diese Weise werden nach und nach Unsicherheiten aufgehoben und unhaltbare Befunde und Interpretationen verworfen.

Dieser Prozess ist nie abgeschlossen, zum einen, weil die Antworten auf Fragen zugleich immer neue Fragen aufwerfen, die Forschung also – sofern entsprechende Mittel bereitstehen – immer weiter läuft. Zum anderen ist nie auszuschließen, dass die gefundenen Antworten nicht durch eine neue Beobachtung, durch eine neue Entdeckung oder durch neue Interpretationen im Licht anderer Forschungsergebnisse revidiert werden. Forschungsergebnisse sind also nie endgültig. Das bedeutet allerdings nicht, dass die durch die Fachgemeinschaft wissenschaftlich konsentierten Fakten beliebig bestreitbar oder veränderbar wären. Genau das ist der Trugschluss der radikalen Sozialkonstruktivisten.

Wissenschaftlich als gesichert geltende Fakten gelten so lange als „wahr“, bis sie widerlegt werden. Diese Fakten finden Eingang in Lehrbücher, in denen das etablierte und unumstrittene Wissen konserviert und für die Unterrichtung kommender Generationen zusammengefasst ist. Wer die dort aufgeführten wissenschaftlichen Fakten bestreitet, muss gegen die vielen an der „Härtung“ dieser Fakten beteiligten Wissenschaftler und den langen Prozess der Prüfung und Kritik argumentieren. Wer lediglich die Fakten bestreitet, gibt sich selbst der Lächerlichkeit preis – die Diskussion über den menschlichen Anteil am Klimawandel ist ein einschlägiges Beispiel.

Öffentlichkeitswirkung

An eine breite Öffentlichkeit gelangen diese Auseinandersetzungen über die Medien, die sie beobachten und über sie berichten. Dabei verhalten sie sich gemäß ihrer eigenen Operationslogik: Spannung und Sensation sind Nachrichtenwerte. Jede skeptische Stimme ist ihnen eine Meldung wert, weil sie scheinbar das Rennen offen hält. In der Berichterstattung erhält jede Seite die gleiche Aufmerksamkeit, sodass nicht immer eine Differenzierung nach Mehrheit und Minderheit in der wissenschaftlichen Fachgemeinschaft erfolgt. Daher erwecken innerwissenschaftliche Auseinandersetzungen häufig den Eindruck, dass die Wissenschaft zerstritten und ihre Ergebnisse nicht glaubhaft seien. Das gilt umso mehr, wenn es sich um Forschungsthemen handelt, die von großem politischen beziehungsweise öffentlichen Interesse sind – wie eben der Klimawandel. Dann verbinden sich mit bestimmten Positionen in der Auseinandersetzung politische Interessen, etwa in Bezug auf die Regulierung von Schadstoffausstoß. Sind die Forschungsergebnisse nicht absolut sicher, was sie häufig (noch) nicht sind, lassen sie Interpretationen und Anzweiflungen zu: Dann scheint es besonders leicht, die Glaubwürdigkeit der Wissenschaft infrage zu stellen.

Die Komplexität des Prozesses der Wissensproduktion, seine Unabgeschlossenheit und Anfälligkeit für Irrtümer oder gar absichtliche Täuschung sowie die Unzugänglichkeit von außen machen verständlich, weshalb er so häufig missverstanden wird. Das spiegelt sich zum Teil in der Sprache wider, mit der einzelne Aspekte der Wissenschaft beschrieben werden: Innerhalb der Wissenschaft spricht man nicht von „wahrem Wissen“ oder von „Wahrheit“, weil damit eine Endgültigkeit suggeriert wird, die dem Prozess der Wissensproduktion nicht gerecht wird. Wissen gilt immer nur als vorläufig.

Nichtsdestoweniger behalten manche Inhalte von Lehrbüchern ihre Gültigkeit über einen langen Zeitraum, und ganze Generationen orientieren sich an ihnen. In der Öffentlichkeit gilt das als „wahres Wissen“. Es greift also zu kurz, angesichts der selbst auferlegten Zurückhaltung der Wissenschaft, emphatisch von „Wahrheit“ zu sprechen und die Gültigkeit von Wissensbeständen mit dem Hinweis zu bestreiten, dass die Wissenschaftler selbst nicht an die Wahrheit glauben.

Fazit

Die Fragen, auf die Leugner von Fakten eine Antwort geben müssen, lauten: Woran orientieren sie ihr Handeln? Wie stellen sie sich eine Einigung vor, wenn sich widerstreitende Argumente nicht unter Bezug auf Evidenzen lösen lassen? Es gibt derzeit keinen vertretbaren Gesellschaftsentwurf, der von der Funktion gesicherten Wissens als Basis von Konsensfindung absehen würde. Ganz im Gegenteil: Evidenzbegründung ist nach wie vor Prinzip der Politik sowie der Beilegung oder Vermeidung von Konflikten, die sich aus widersprüchlichen Meinungen ergeben.

Die inzwischen immer lauter werdende Kritik an der Verbreitung von Falschmeldungen über die sozialen Medien deutet nicht darauf hin, dass die Gesellschaft viel Freude am „Postfaktischen“ hätte. Vielmehr scheint sich ein Gefühl der Desorientierung, des Betrogenseins zu verbreiten. Die Gesellschaft hat also eine Vorstellung von gesichertem Wissen, von Fakten und warum es wichtig ist, sie von Fakes zu unterscheiden. Tatsächlich gilt die Wissenschaft trotz zunehmender Skepsis gegenüber gesellschaftlichen Institutionen nach wie vor als vertrauenswürdige Institution.

Ihr kritisches Potenzial macht die Wissenschaft zu einer Säule der Demokratie. Alle modernen Demokratien gewähren unter den Grundrechten die freie Meinungsäußerung und die Freiheit der Wissenschaft. Letztere wird zwar nicht überall explizit in den Verfassungen erwähnt, sondern leitet sich etwa aus der Pressefreiheit ab. Beide Freiheiten sind wichtige Mechanismen der Machtkontrolle: Die Freiheit der Meinung schützt den Einzelnen vor staatlicher Willkür, wenn er sich kritisch äußert, und sichert zugleich die kritische Funktion der Presse. Die Freiheit der Wissenschaft schützt die Wissenschaftler vor staatlicher Willkür, wenn sie politisch unliebsame Forschungsergebnisse publizieren. Meinungen können jedoch nicht gegen Forschungsergebnisse ausgespielt werden, sondern finden an diesen ihre Grenze.

Fußnoten

1. Vgl. Daniel Bell, The Coming of Post-Industrial Society, New York 1973; Gernot Böhme/Nico Stehr, Knowledge Society, Dordrecht 1986; Robert E. Lane, The Decline of Politics and Ideology in a Knowledgeable Society, in: American Sociological Review 5/1966, S. 649–662.

2. Siehe auch den Beitrag von Perta Kolmer in dieser Ausgabe (Anm. d. Red.).

3. Vgl. Nicholas Rescher, The Coherence Theory of Truth, Oxford 1973.

4. Vgl. Karl Popper, Logik der Forschung, Tübingen 1934.

5. Vgl. Thomas S. Kuhn, The Structure of Scientific Revolutions, Chicago 1962.

6. Vgl. Ernan McMullin, A Case For Scientific Realism, Berkeley–Los Angeles–London 1984, S. 8–40.

7. Vgl. Umberto Maturana/Francisco Varela, El arbòl del conocimiento, Santiago de Chile 1984.

Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz „CC BY-NC-ND 3.0 DE – Namensnennung – Nicht-kommerziell – Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland“ veröffentlicht. Autor: Peter Weingart für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de. 24.3.2017. Online-URL: https://www.bpb.de/apuz/245215/wahres-wissen-und-demokratisch-verfasste-gesellschaft
http://wuestegarten.de/wahres-wissen-und-demokratisch-verfasste-gesellschaft/

„Wie könnt ihr es wagen!“ Teil 2

Das Töten ungeborener Kinder wird in der Bibel abgelehnt, auch wenn es kein Verbot expressiv verbis gibt; wer dies anders sieht, muss nachweisen, warum Abtreibung nach biblischen Grundsätzen kein Mord sein soll.
Auf den ersten Blick scheint die Abtreibungsfrage für Christen leicht zu beantworten sein. Die Bibel untersagt Mord; Abtreibung ist Mord; also ist Abtreibung verboten. So wird das Abtreibungsverbot ja von vielen Christen mit gerade einmal einem Hinweis auf die Zehn Gebote begründet. Doch angesichts der Wichtigkeit des Themas und der Intensität der Debatten sollte sorgfältiger argumentiert werden muß. Die Bibel beantwortet nicht alle Fragen zum Thema und klärt manche Dinge auch nicht völlig, doch die grundlegende Botschaft ist klar.
Der Ehrlichkeit halber sollte eingestanden werden, dass das Mordverbot in der Bibel nicht eindeutig auf das ungeborene Kind ab dem Zeitpunkt der Zeugung angewandt wird. Es kann aber positiv völlig klar ausgesagt werden: Das ungeborene Kind ist ein Geschöpf Gottes; Gott hat daher in jedem Fall ein ‘Mitspracherecht’, was sein Schicksal betrifft; es ist ein lebendes Geschöpf, und zur Achtung vor dem Leben und Lebensschutz hat die Bibel viel zu sagen; und es ist menschliches Leben. Der Mensch ist Ebenbild Gottes, was ihn unter besonderen Schutz stellt, denn das Verbot des Mordes wird mit der Ebenbildlichkeit des Menschen begründet (Gen 9,6).
In der gesamten Bibel wird unterstrichen, dass nicht nur (geborene) Kinder, sondern auch schon die Leibesfrucht ein Segen ist (Ps 127,3; 128,3.6; Gen 49,25; Dt 7,13; 28,4). Kinder haben im Mutterleib eine Beziehung zu Gott (Ps 51,5; 58,4; 71,6; 139,13–16; Job 31,15; Jes 44,2.24; Jer 1,5; Ri 13,5.7; Lk 1,15.41); Kinder in der Gebärmutter werden genauso bezeichnet wie die geborenen Personen (Gen 25,22; 38,27f; Job 1,21; 3,3.11f; 10,18f; 31,15; Jes 44,2.24; 49,5; Jer 20,14–18; Hos 12,3), bis hin zur Zeugung (Ps 51,5). Vielfach wird die personale Kontinuität  des Lebens vor und nach der Geburt ausgesagt (David: Ps 139,13; Jer 1,5; Johannes d.T.: Lk 1,24.26). Interessant ist außerdem, dass die Tötung anderer Menschen bei Selbstverteidigung, Landesverteidigung oder in der Todesstrafe erlaubt werden. Nirgends hat Gott jedoch irgendeiner Instanz das Recht verliehen, ungeborene, völlig unschuldige Kinder zu töten. Eltern dürfen nur in begrenztem Maße züchtigen; keinerlei Kindestötung wie bei Römern (s.u.) wurde erlaubt.
John Frame faßt daher zusammen: „Es gibt keine Stelle in der Schrift, die auch nur im entferntesten aussagt, dass das ungeborene Kind von der Empfängnis an in irgendeiner Weise weniger als ein Mensch ist.“ Die Hauptfrage ist auch hier die der Beweislast. Frame: „Alle Stellen in der Hl. Schrift, die irgendetwas zum Thema aussagen, bekräftigen den Schutz des ungeborenen Kindes; keine Stelle reduziert diesen Schutz ausdrücklich. Wir geben zu, dass die Schrift nicht ausdrücklich sagt, wieviel Schutz das Kind verdient; müssen wir aber nicht annehmen, dass das Kind maximalen Schutz verdient, bis jemand etwas anderes biblisch belegen kann?… An welchem Punkt [in der Entwicklung des Kindes] schenken wir ihm nicht mehr die hohe Achtung, die es in Gottes Augen hat? An welchem Punkt entscheiden wir uns für weniger als maximalen Schutz?“ (Bericht einer Kommission der Orthodox Presbyterian Church zur Abtreibung aus dem Jahr 1972, in: Frame, Medical Ethics)
Auch wenn daher die Bibel die Abtreibung nicht expressiv verbis verbietet – Christen und Juden waren sich (bis ins 20. Jahrhundert) praktisch alle einig, dass sie abzulehnen ist, und dies aus guten Gründen. Die klassische christliche Position wurde von evangelischen wie katholischen Christen vertreten. Dietrich Bonhoeffer (1906–1945): „Mit der Eheschließung ist die Anerkennung des Rechts des werdenden Lebens verbunden, als eines Rechtes, das nicht in der Verfügung der Eheleute steht. Ohne die grundsätzliche Anerkennung dieses Rechtes hört eine Ehe auf Ehe zu sein… Die Tötung der Frucht im Mutterleib ist Verletzung des dem werdenden Leben von Gott gegebenen Lebensrechts. Die Erörterung der Frage, ob es sich hier schon um einen Menschen handele oder nicht, verwirrt nur die einfache Tatsache, daß Gott hier jedenfalls einen Menschen schaffen wollte und daß diesem werdenden Menschen vorsätzlich das Leben genommen worden ist. Das aber ist nichts anderes als Mord.“ (Ethik)
Papst Johannes Paul II (1920–2005): „…die vorsätzliche Abtreibung ist, wie auch immer sie vorgenommen werden mag, die beabsichtigte und direkte Tötung eines menschlichen Geschöpfes in dem zwischen Empfängnis und Geburt liegenden Anfangsstadium seiner Existenz … Getötet wird hier ein menschliches Geschöpf, das gerade erst dem Leben entgegengeht, das heißt das absolut unschuldigste Wesen, das man sich vorstellen kann: es könnte niemals als Angreifer und schon gar nicht als ungerechter Angreifer angesehen werden!“ (Evangelium vitae, 58)
Und besonders streng meinte Mutter Teresa (1910–1997): „… nur Gott kann über Tod und Leben entscheiden… Darum ist die Abtreibung eine so schwere Sünde. Man tötet nicht nur Leben, sondern stellt sein eigenes Ich über Gott. Und doch entscheiden Menschen, wer leben und wer sterben soll. Sie wollen sich selbst zum allmächtigen Gott machen. Sie wollen die Macht Gottes in die eigenen Händen nehmen. Sie möchten sagen: ‘Ich kann ohne Gott fertig werden. Ich kann entscheiden. ’ Die Abtreibung ist das Teuflischste, was eine menschliche Hand tun kann…“ (zit. bei Stott, Das Abtreibungsdilemma, in: Christsein in den Brennpunkten unserer Zeit, Bd. 4)
Mutter Teresa hat recht, aber man muß zur Erläuterung wohl ein paar Sätze hinzufügen. Der Mensch muß und kann in manchen Situationen entscheiden, Menschen zu töten (z.B. im Verteidigungsfall). Doch dieses Mandat hat Gott selbst dem Menschen übergeben. Unter gewissen, von Gott vorgebenen Umständen darf der Mensch töten. Ein von Gott verliehenes Recht zur Tötung vorgeburtlichen Lebens ist dagegen nirgendwo und niemals von Gott erteilt worden (einzige Ausnahme ist für die allermeisten Theologen die Gefährung des Lebens der Mutter, doch hier handelt sich um eine Abwägungsfrage, die so auch sonst in ethischen Problemen auftaucht; dank des medizinischen Fortschritts sind diese Fälle aber sehr selten geworden).
Der Schutz von Kleinkindern und Ungeborenen gehört zum Kern der jüdisch-christlichen Kultur. Der Vorwurf, die Verschärfung der gegenwärtigen Abtreibungspraxis sei unzivilisiert, ist aus historischer Perspektive Unsinn.
Von Befürwortern einer liberalen Abtreibunsgpraxis (auch den moderaten) ist in den Diskussionen immer wieder ein Vorwurf zu hören: Verbote jeder Art seien „unzivilisiert“, will sagen: entsprechen ganz und gar nicht dem Geist unserer Zeit, gehören einer längst überwundenen Epoche an. Der Begriff „Zivilisation“ Teil der Strategie der semantischen Aufladung (wie z.B. die penetrant wiederholte Rede vom „Recht auf Abtreibung“). A. M. Pavilionienė [langjähriges litauisches Parlamentsmitglied der Sozialdemokraten und bekannte Frauenrechtlerin] ist darin natürlich Meisterin, wenn sie z.B. meint, der Gesetzesentwurf [zum weitgehenden Verbot aus dem Jahr 2008] „würden Litauen ins finstere Mittelalter zurückwerfen“. Andere Stimmen, die den Spieß umdrehen, sind selten zu finden. Tomas Tomilinas [seit 2016 im Parlament] schreibt:
„In Litauen wird die Abtreibung immer noch durch eine fast sowjetische Anordnung des Gesundheitsministers geregelt, d.h. in einer Reihe von medizinischen Regeln, die bestimmen, wie und wann eine einfache Operation medizinisch korrekt durchgeführt werden soll. Aber kann der Entzug des Lebens eines gezeugten Kindes rechtlich gleichbedeutend mit dem Beseitigen von Muttermalen und der Amputation von Gliedmaßen sein? Ich denke, wenn wir in einem zivilisierten Land leben wollen, ist diese Situation unerträglich.“ („Atgimimas“, 5/2008)
Zweifellos lebten die Griechen und Römer auf einer relativ hohen Zivilisationsstufe. Ihre Errungenschaften in Staatsführung, Wissenschaft, Militär, Philosophie und Mathematik waren herausragend. Eine der größten Schwächen ihrer Kulturen war jedoch eine sehr hierarchisch und nach Klassen strukturierte Gesellschaft. Nur eine Minderheit besaß alle Bürgerrechte (und von civis, lat. Bürger, leitet sich ja auch Zivilisation ab!); ein allgemeiner Schutz von Menschenrechten – überhaupt dieser Begriff – war unbekannt. Dies führte dazu, dass Sklaven, Kriegsgefangene, Gladiatoren – und eben auch kleine Kinder – äußert willkürlich und unmenschlich behandelt werden konnten.
Ein Neugeborenes wurde bei den Griechen nicht automatisch als Person geachtet. Es mußte erst vom Familienvater in einer Zeremonie aufgenommen werden, was meist fünf Tage nach der Geburt geschah (amphidromia, wörtlich „Umlauf“); es folgte eine Feier am zehnten Tag nach der Geburt. Der Kindesaussatz war weit verbreitet, und dies aus verschiedensten Gründen (Geschlecht, Kinderzahl, wirtschaftliche Lage usw.). Diese „Findlinge“ (anairetoi) wurden häufig von Sklavenhändlern aufgesammelt und zu Sklaven herangezogen. Kindestötung und Abtreibung galt auch bei den Römern nicht als Mord.
Auch der wohl größte Philosoph aller Zeiten, Platon, hatte nicht viel übrig für einen Schutz kleiner Kinder, im Gegenteil. In Der Staat heißt es: „Nach unseren Ergebnissen müssen die besten Männer mit den besten Frauen möglichst oft zuasmmenkommen, umgekehrt die schwächsten am wenigsten oft; die Kinder der einen muss man aufziehen, die anderen nicht, wenn die Herde möglichst auf der Höhe bleiben soll“ (459d–e). Für seinen Idealstaat schuf Plato neuartige ‘Paarungsvorschriften’; die ‘Entsorgung’ von unerwünschtem Nachwuchs folgte aber nur der griechischen Tradition: „Sie übernehmen die Kinder der Tüchtigen und bringen sie in eine Anstalt zu Pflegerinnen, die abseits in einem Teil des Staates wohnen; die Kinder der Schwächeren oder irgendwie mißgestaltete verbergen sie an einem geheimen und unbekannten Ort, wie es sich gehört“ (460c). Die Möglichkeit einer Abtreibung nennt der Philosoph an einer Stelle: „Wenn aber Frauen und Männer das Zeugungsalter überschritten haben, dann lassen wir die Männer ungehindert verkehren, mit wem sie wollen… Und dies alles erst, nachdem wir ihnen befohlen haben, eine Frucht womöglich überhaupt nicht austragen zu wollen, wenn sie empfangen ist; wird sie aber trotzdem geboren, dann ist sie so zu behandeln, als ob für ein solches Kind keine Pflege vorhanden wäre“ (461b/c).
„Der Spiegel“ schreibt über die Zustände in der Antike: „Arme Leute – 90 Prozent des Volkes – konnten es sich einfach nicht leisten, mehrere Kinder durchzubringen. Seneca hielt das Ertränken von Neugeborenen, vor allem von Mädchen, aber auch von schwachen Babys, deshalb für ebenso vernünftig wie üblich. Der US-Archäologe Lawrence E. Stager machte in der [hellenistischen] Hafenstadt Askalon [in Palästina] im Abwasserkanal unter einem Badehaus einen schrecklichen Fund: Im Müll lagen annährend hundert Säuglinge. Sie waren gleich nach der Geburt in die Kanalisation geworfen worden.“ (13/2008)
Mit der Ausbreitung des Christentums begann sich die Situation radikal zu ändern. Der (atheistische) Historiker W.E.H. Lecky: „Kaum jemand zeigte in der Antike gegenüber der Abtreibungspraxis irgendwelche besonderen Gefühle… Die Sprache der Christen dagegen war von Anfang an völlig anders. Mit gradliniger Konsequenz und mit strengem Nachdruck lehnten sie diese Praxis ab, bezeichneten sie nicht nur als inhuman, sondern als eindeutigen Mord.“ (History of European Morals) So heißt es schon in der Didache im frühen 2. Jhdt.: „Du sollst nicht Gift mischen, du sollst nicht das Kind durch Abtreibung töten.“ Und im Barnabas-Brief aus derselben Zeit: „Töte das Kind nicht durch Abtreibung, noch töte das Neugeborene“. Bei allen großen Kirchenvätern finden sich Sätze, die die Abtreibung verurteilen. Augustin erlaubte die Abtreibung nur, um das Leben der Mutter zu retten.
Der (jüdische) Publizist H. Stein schildert, wie Kaiser Konstantin, der erste Christ auf dem Thron des Römischen Reiches, „das wichtigste Menschenrecht des freien Römers abschaffte: die potestas vitae necisque [das Recht über Leben und Tod].“ Weiter schreibt er: „Die Gebildeten bewundern heute – mit Recht – die Philosophie der Griechen, sie bestaunen die Architektur der alten Ägypter, schwärmen von der Höflichkeit der Chinesen, vergöttern die Stronomie der Babylonier und rühmen die römische Staatskunst. Darüber wird leicht vergessen, daß all diese Hochkulturen völlig bedenkenlos den Kindesmord als Mittel der Geburtenkontrolle anwandten. Es gab in der ganzen Antike nur ein Volk, bei dem es als Verbrechen galt, ungewollte Säuglinge zu töten – das waren die Juden.“ (Mose und die Offenbarung der Demokratie)
Die Christen übernahmen von den Juden den schon im AT begründeten Respekt vor dem Leben.  Konstantin stellte den Kindesmord unter strenge Strafe, ordnete aber auch finanzielle Hilfe für diejenigen an, die ausgesetzte Kinder versorgten – ein erstes Kindergeld. Stein: „Mit solchen Bestimmungen errichtete der große Konstantin eine unsichtbare Scheidewand, eine Mauer um die Feste Zion: Hinter ihr lag die judäochristliche Zivilisation, davor befand sich die übrige, die heidnische Welt.“
Der allgemeine Konsens unserer westlichen, europäischen und christlichen Zivilisation war jahrhundertlang, bis ungefähr zur Mitte des 20. Jahrhunderts, der Strenge Schutz des ungeborenen menschlichen Lebens. Dieser Konsens drückte sich noch ein letztes Mal in der Erklärung von Genf des Weltärztebundes aus dem Jahr 1948 aus. Dort heißt es: „Ich werde den allergrößten Respekt für das menschliche Leben vom Zeitpunkt der Empfängnis an bewahren“. Dieser Artikel wurde 1984 geändert; 2005 verschwand die Empfängnis schließlich ganz. Ein neuer Konsens hatte sich durchgesetzt.
Pavilioniene und andere sollten daher ehrlich sein und die Dinge beim Namen nennen:  Ein liberales Abtreibungsrecht entspricht überhaupt nicht unserem traditionellen zivilisatorischen Erbe; es befindet sich in der Tradition der griechisch-römischen Zivilisation und muß fast 2000 Jahre überspringen. Wer ehrlich ist, sagt klar: dies ist pures Heidentum, und das ist uns lieber als der Gott der Juden und Christen mit seinen kleinlichen Vorschriften. Auch hier sehen wir wieder, daß es letztlich um die Wahl zwischen Religionen und Weltanschauungen geht. Und es zeigt sich mal wieder, wie schnell die Erinnerung an die eigene Geschichte verschüttet werden kann – mit entsprechenden Folgen.
Doch die Geschichte geht weiter. Der frühere deutsche Verfassungsrichter Udo DiFabio: „Was wäre eigentlich – nur ein provokatives Gedankenexperiment – wenn man die heute im gesamten Westen ohnes großes Aufheben durchgeführten, in jedem Jahr in die Millionen gehenden Abtreibungen in einer zukünftigen Zeit mit einer etwas anders gewichtenden Werteordnung als schweres Verbrechen an der menschlichen Gattung verstünde? Was wäre, wenn nach dem kulturellen Sieg einer solchen Auffassung uns Zeitgenossen von heute entgegengehalten würde, wir hätten diesen doch leicht erkennbaren Verstoß gegen universelles, für alle Menschen geltendes Recht sehen und ihm entgegentreten müssen?“ (Die Kultur der Freiheit) Holger Lahayne http://lahayne.lt/2020/09/28/wie-konnt-ihr-es-wagen/
Teil 1 https://bibelkreismuenchende.wordpress.com/2020/09/29/wie-konnt-ihr-es-wagen/