Ich denke, also bin ich hier falsch? Über Glauben, Denken & Skepsis

“Ich denke, also bin ich – hier falsch?” Hier, damit meine ich: beim Glauben. Und die Sorge ist ja gar nicht mal so unberechtigt, vielleicht kann ich sie deshalb auch ganz gut nachvollziehen. Meine Meinung lautet: Auch Christen sollten niemals den Fehler begehen und ihren gesunden Menschenverstand über Bord werfen. “Aber”, fragen nun manche, “tun sie nicht genau das?!

Kann man den wirklich ernsthaft an Gott glauben und trotzdem mit beiden Beinen auf den Boden bleiben?” Und sicher, manche Christen machen diesen Eindruck auf uns – den Eindruck, den Verstand auf “Standby” geschaltet zu haben, die Vernunft durch Glaube ersetzt zu haben. So nach dem Motto: “Diese Dinge hier, die können wir nun mal nicht begründen, die müssen wir einfach glauben.”

Diese zu hinterfragende Auffassung ist natürlich ein Totschlagargument, wie sie im Buche steht…Oder es begegnen uns auch immer wieder Kandidaten, die uns sagen möchten: “Du musst das glauben, ein Mensch mit Werten glaubt das.” Das Hauptproblem hierbei mag sein, dass sich die tiefen existenziellen Überzeugungen nicht einfach per Knopfdruck kontrollieren lassen.

Durch moralischen Druck zum Glauben aufzufordern, dass sollte und wird auch glücklicherweise niemals klappen.Wenn es nun beim Glauben um einen Glauben ginge, der die Vernunft ersetzen soll oder einen Glauben, der doch irgendwie ein “Muss” zu sein hat – ein Glaube ohne jede Begründung also -, dann würde ich kaum für solch etwas Werbung machen wollen…

Nun bin ich aber davon zutiefst überzeugt, dass es beim christlichen Glauben aber gerade nicht um solche Glaubensformen geht, ich glaube vielmehr: Es gibt sehr wohl sehr gute Gründe dafür, dass da etwas am “Konzept des christlichen Glaubens” dran sein könnte, das Glauben eben kein blindes, sondern ein sehendes Vertrauen ist.  Ich erwarte nun aber nicht, dass wer meine Ansichten teilt, nur weil ich sie hier niederschreibe, aber das ist auch gar nicht meine Schreibmotivation.

Die liegt vielmehr im Aufbringen der Frage begründet: “Könnte da vielleicht doch etwas dran sein, am Glauben?” Aus diesem Grund verstehen sich meine Zeilen hier auch als Denkangebote, auf die man sich einlassen kann oder aber auch nicht. Sie als Leser haben ja auch jederzeit die Möglichkeit, sich aus meinen Gedanken auszuklinken, ich biete sie Ihnen wie gesagt auch nur als Gesprächsangebot an.

Ein erstens Zwischenfazit

Es gibt zweifelsfrei kritische Anfragen an den christlichen Glauben, die gut sind – sehr gut sogar. Eine davon lautet: „Gott gibt es nicht, weil es keine Beweise für seine Existenz gibt.“ Ich will nun gar nicht sagen, dass man so nicht denken darf. Ich glaube nur, dass hier ein Gedanke übersehen wurde, nämlich: Die Wirklichkeit einer Sache hängt ja nicht zwangsläufig von deren Beweisbarkeit ab. Warum sollte etwas nicht existieren, nur weil man es nicht beweisen kann?

Sicher, so denken wir Teilnehmer des 21. Jahrhunderts gerne, aber stimmt es wirklich? Ein Blick in die Geschichte verrät es uns. Denken Sie zB an die radioaktive Strahlung: Die ließ sich vor 200 Jahren weder beweisen, noch messen. Aber heißt das, dass es radioaktive Strahlung vor 200 Jahren und davor deshalb nicht gab? Natürlich gab es sie. Weil Wirklichkeit eben unabhängig von empirischer Beweisbarkeit ist. Ich will damit nun nicht sagen, dass Gott existieren muss, weil er nicht beweisbar ist. Aber es ist genauso verkehrt zu sagen: Weil Gott nicht beweisbar ist, deshalb kann es ihn nicht geben. Die Nicht-Beweisbarkeit Gottes ist kein gutes Argument gegen die Existenz Gottes.

„Moment!“, denken nun manche, „Wie soll man denn Gott bitte beweisen, wenn es den gar nicht gibt? Nicht-Existenz kann man nun einmal nicht beweisen.” Ich kann diesen Einwand zwar ganz gut nachvollziehen, aber so ganz richtig ist er ja nicht. Denn natürlich ist Nicht-Existenz beweisbar. Das lernt man bereits in den ersten Semestern Philosophie: „Die Nicht-Existenz von X ist dann bewiesen, wenn aus der Existenz von X ein Widerspruch folgt.“ Suchen Sie sich ein passendes Beispiel aus.

Ich führe das alles so ausführlich aus, um uns eine Sache vor Augen zu führen: Es gibt natürlich keine wissenschaftlichen Beweise für Gott, aber die wissenschaftlichen Einwände, die immer wieder gerne gegen Gott angeführt werden, sind im Grunde gar keine wirklichen Beweise gegen Gott. Ich habe in meinen vielen Gesprächen zumindest noch nie einen zwingenden Beweis gegen die Existenz Gottes gehört – allenfalls gegen ein bestimmtes Gottesbild (siehe auch hier) Aber das sind ja zwei ganz unterschiedliche Paar Schuhe…. Nehmen wir hier meinetwegen die Evolutionstheorie:

Was sagt die über die Existenz Gottes aus? Nichts. Diese Theorie will bloß beschreiben, wie sich das Leben auf der Erde entwickelt hat. Und was sagt das über Gott? Nichts. Es könnte ja sogar einen Gott geben, der dahinter steht und das Ganze „anschiebt“. Oder es könnte ein Gott sein, der einfach zuschaut – wie bei einer Art Experiment. Der sich sagt: „Lassen wir das Ganze sich mal entwickeln und schauen wir zu.“ Ich will nun nicht sagen, dass an diesen Gott glaube, verstehen Sie mich richtig. Aber es wäre zumindest denkmöglich. Gott ist trotz Evolutionstheorie möglich, sie ist daher kein gutes Argument gegen die Existenz Gottes.

Ein zweites Zwischenfazit

Machen wir an dieser Stelle ein weiteres Zwischenfazit. Selbst dann, wenn wir der Wissenschaft den hohen Respekt zollen, den sie zweifelsfrei verdient hat, sollten wir ganz unaufgeregt zugeben: Es gibt keine Beweise gegen die Existenz Gottes. Aber nicht, dass sie mich falsch verstehen: Natürlich gibt es auch keinerlei Beweise für seine Existenz. Das wollte ich auch zu keinem Zeitpunkt gesagt haben. Nein, Gott ist weder beweisbar noch widerlegbar. Trotzdem stehen wir vor einem Dilemma, denn eine dieser beiden Aussagen muss stimmen: Entweder gibt es Gott oder es gibt ihn nicht. Es gibt kein „dazwischen“.

Diese Erkenntnis ist für viele Menschen verständlicherweise ein sehr unbefriedigendes Ergebnis. Gerade weil es so einige Probleme und Herausforderungen mit sich bringt: Entscheide ich mich dafür, Gott links liegen zu lassen, bleibt stets das Risiko, dass diese Entscheidung eine falsche und möglicherweise sogar folgenschwere Entscheidung war. Entscheide ich mich dafür, Gott doch zumindest einmal probeweise anzunehmen, stehe ich vor der nicht einfachen Aufgabe zu prüfen, welcher Weg zu Gott der glaubwürdigste ist.

Viele entscheiden sich heutzutage aber trotz der Möglichkeit, eine Fehlentscheidung zu treffen, dazu, die Frage nach Gott einfach nicht mehr aufkommen zu lassen oder sie hartnäckig abzublocken, wenn sie gestellt wird. Und nicht wenige sagen von ihnen: „Naja, ich kann es auch einfach nicht wissen, wie das mit Gott ist.“ Und vielleicht überrascht es Sie an dieser Stelle, aber ich finde diese Aussage absolut richtig. Als Christ würde ich sogar sagen:

„Ich kann von mir aus nichts über Gott sagen.“

Wie sollte ich auch? Ich stelle mir das immer wie bei einem Arztbesuch vor: Ich sitze da so im Wartezimmer, warte bis ich endlich aufgerufen werde, sitze schließlich vor meiner Ärztin… und schweige. So gut sie auch sein mag, sie wird mir nicht helfen können, nichts über mich aussagen können, sofern ich ihr nichts über mich erzähle. Sie könnte vielleicht spekulieren, was mir wohl fehlen mag (in diesem Fall könnte sie vermuten, dass ich ein Problem mit den Stimmbändern habe), aber etwas wirklich Verlässliches kann sie von sich aus nicht über mich sagen. Im Grunde haben Christen das gleiche Problem, wie es meine Ärztin dann hätte: Wir Christen können nichts von uns aus über Gott sagen, das ist schlichtweg unmöglich.

Es sei denn – und nun kommt der springende Punkt -, es sei denn, Gott sagt etwas über sich selbst. Wenn es ihn wirklich gibt, befindet er sich auf einer völlig anderen Wirklichkeitsebene als wir, also können wir nichts über ihn sagen, es sei denn, er teilt sich uns mit. Und hier treffen wir auf einen zentralen Aspekt des christlichen Glaubens: Christen glauben, Gott hat sich mitgeteilt, er hat gezeigt, wie er ist, seinen Charakter, sein Herz, sein Wesen. Nicht in einer Ideologie, auch nicht in einer Institution wie der Kirche und selbst nicht primär in einem Buch, sondern in erster Linie in einer Person: in der Person Jesus Christus. Und wenn man sich mal anschaut, wie Jesus im Neuen Testament beschrieben wird, was er also sagt und tut, dann werden wir hier mit einer Person konfrontiert, die einen absoluten steilen Anspruch erhebt, der da lautet:

„Wer mich sieht, sieht Gott. Ich stehe hier an Gottes Stelle.“

Das beansprucht Jesus an vielen verschiedenen Stellen.

Die Quellenfrage

„Moment“, sagen nun einige, „ist das, was wir heute in den Evangelien lesen, überhaupt historisch glaubwürdig? Sind die ganzen Berichte über Jesus nicht viel eher Mythen und Legenden?“ Ich kann diese Frage ganz gut nachvollziehen und es mag Sie vielleicht überraschen: In der gegenwärtigen historischen Leben-Jesu-Forschung wird kaum noch die Ansicht vertreten, dass es sich bei den Evangelien um historisch unzuverlässige Quellen handelt, im Gegenteil. Jens Schröter, Professor für Exegese und Theologie des Neuen Testaments und neutestamentliche Apokryphen an der HU Berlin, fasst den gegenwärtigen Stand der Leben-Jesu-Forschung recht gut zusammen, wenn er schreibt:

„Historische Jesusforschung kann den christlichen Glauben niemals begründen oder gar seine Richtigkeit beweisen. Sie kann jedoch zeigen, dass dieser Glaube auf dem Wirken und Geschick einer Person gründet, die sich, wenn auch nicht in jedem Detail, so doch in wichtigen Facetten auch heute noch nachzeichnen lassen. Damit leistet sie für die Verantwortung des christlichen Glaubens in der modernen Welt einen substantiellen Beitrag.“

Die historische Zuverlässigkeit der Lebensbeschreibungen Jesu unterstreicht auch Gerd Theißens universitäres Standardwerk “Der historische Jesus – Ein Lehrbuch“. Und auch seitens der textkritischen Geschichtsforschung bestehen nach aktuellem Stand der Forschung keinerlei Bedenken, was die Integrität der Überlieferungsgeschichte der neutestamentlichen Schriften angeht. Holger Strutwolf, Universitätsprofessor und Direktor des Instituts für neutestamentliche Textforschung in Münster, fasst zusammen:

Als Textkritiker ist zu sagen, dass die handschriftliche Überlieferung des neutestamentlichen Textes sehr treu und im Wesentlichen zuverlässig erfolgt ist, so dass man mit großer Zuversicht sagen kann, dass von textkritischer Seite keine Bedenken bestehen, dass der Text willentlich und grundsätzlich von späteren Tradenten verfälscht worden sein könnte.

Der historische Jesus

Ob es uns also gefällt oder nicht: Jesus ist eine historisch überaus zuverlässig belegte Person, die sich in vielen wichtigen Facetten auch heute noch nachzeichnen lässt. So finden wir etwa im historisch sehr gut bezeugten Johannes-Evangelium viele Passagen dazu, in denen dieser Jesus den Anspruch erhebt, selbst Gott zu sein. Ein paar Beispiele hierzu: In einem Gespräch mit Vertretern der religiösen Elite weist Jesus klar darauf hin: „Ich und der Gott, der Vater sind eins.“ Die Reaktion von einiger seiner Zuhörerschaft darauf ist überaus heftig, denn auf solch eine Behauptung stand zur damaligen Zeit, in der die Existenz des heiligen Gottes zu keiner Zeit bestritten wurde, nur eine Strafe: der Tod.

Seine Gegner erwiderten Jesus empört: „Wir steinigen dich nicht wegen einer guten Tat, sondern weil du ein Gotteslästerer bist. Du machst dich zu Gott, obwohl du nur ein Mensch bist.“ (Joh. 10,33) An anderer Stelle lesen wir von folgender Begebenheit, in der Jesus sagt:

„Abraham, euer Vater, sah dem Tag meines Kommens mit jubelnder Freude entgegen. Und er hat ihn erlebt und hat sich darüber gefreut.“ Die Juden entgegneten: „Du bist noch keine fünfzig Jahre alt und willst Abraham gesehen haben?“ Jesus gab ihnen zur Antwort: „Ich versichere euch: Bevor Abraham geboren wurde, bin ich.“ Da hoben sie Steine auf, um ihn zu steinigen. (Joh. 8,56ff.)

Auch hier beansprucht Jesus für sich, weit mehr als nur ein Mensch, nämlich Gott selbst zu sein. Er sagt, dass bereits der Stammvater Abraham, einer der engsten Vertrauten Gottes im Alten Testament, sich über seine, also Jesu Ankunft gefreut hat – und nicht nur das: Dass er sie sogar erlebt hat. Seine jüdischen Zuhörer können die Aussageabsicht hinter diesen Worten sehr rasch zuordnen: Auch hier sagt Jesus wieder von sich, dass er der ewige und heilige Gott selbst ist. Diejenigen, die diesem Anspruch zurückwiesen, bezichtigen Jesus daraufhin erneut der Gotteslästerung und lassen ihrer Empörung über die Ungeheuerlichkeit dieser Aussage freien Lauf.

Ein weiteres Beispiel: Zum Ende des Johannes-Evangeliums wird uns von einer Unterhaltung zwischen Jesus und seinem skeptischen Jünger Thomas berichtet. Thomas, der dem Gedanken der Auferstehung Jesu überaus misstrauisch gegenüberstand, fordert einen Beweis, dass der Mann, mit dem er da spricht, wirklich der ist, der vor wenigen Tagen zuvor am Kreuz von den Römern hingerichtet wurde. Jesus sagt daraufhin zu Thomas:

„Leg deinen Finger auf diese Stelle hier und sieh dir meine Hände an!«, forderte er ihn auf. »Reich deine Hand her und leg sie in meine Seite! Und sei nicht mehr ungläubig, sondern glaube!« Thomas sagte zu ihm: »Mein Herr und mein Gott!« Jesus erwiderte: »Jetzt, wo du mich gesehen hast, glaubst du. (Joh. 20,27ff.)

Das eigentliche Interessante an diesem Gespräch ist nun nicht das, dass Thomas Jesus als seinen Herrn und Gott bezeichnet, sondern dass Jesus keinen Einspruch dagegen erhebt. Jesus sagt ja nämlich nicht: „Nein, nein. Ehre, wem Ehre gebührt, aber Gott, das bin ich nicht.“ Jesus sagt hingegen, dass ihm Thomas jetzt, wo er ihn gesehen hat, wirklich glaubt. Und diesen Anspruch erhebt Jesus stets in einem bestimmten Kontext, nämlich in dem eines streng gläubigen Juden. Als solcher ist er zutiefst davon überzeugt, dass Gott ewig, heilig und Ehrfurcht gebietend ist, und dass man, wenn überhaupt, nur sehr vorsichtig von ihm sprechen darf. Der Anspruch Jesu, einem gläubigen Juden, war daher weitaus mehr als nur ein starkes Stück.

Darüber hinaus wird Jesu Gottesanspruch nicht nur in dem deutlich, was er sagt, sondern vor allem auch durch die Dinge, die er behauptet, tun zu können. Denn Jesus sagt zu wildfremden Menschen: „Deine Sünden sind dir vergeben.” Und nach Auffassung der hebräischen Bibel ist auch solch eine Aussage schlichtweg Gotteslästerung. Man wusste zur damaligen Zeit ganz genau: Nur einer ist in der Lage, einem Menschen seine Sünden zu vergeben, nämlich nur Gott selbst. Sündenvergebung, dessen war man sich bewusst, konnte niemals von Mensch zu Mensch geschehen.

Sich entschuldigen waren eine Sache, Sündenvergebung aber eine ganz andere – und die war absolute „Chefsache“. Wenn Jesus also behauptet, einem Menschen seine Sünden vergeben zu können, konnte diese Aussage gar nicht anders verstanden werden, als dass Jesus behauptet, Gott selbst zu sein. Und das löste bei einigen natürlich scharfe Proteste aus. Das wird etwa an einer Stelle recht deutlich, in der ein Gelähmter zu Jesus gebracht wird:

„Als Jesus ihren Glauben sah, sagte er zu dem Gelähmten: »Mein Sohn, deine Sünden sind dir vergeben!« Einige Schriftgelehrte, die dort saßen, lehnten sich innerlich dagegen auf. »Wie kann dieser Mensch es wagen, so etwas zu sagen?«, dachten sie. »Das ist ja Gotteslästerung! Niemand kann Sünden vergeben außer Gott.« (Markus, 2,5ff.)

Indem Jesus für sich beanspruchte, Sünden vergeben zu können, unterstrich und betonte er damit seinen Gottesanspruch. Das war Juden der damaligen Zeit sofort klar, die Reaktionen der religiösen Elite seinerzeit ist also wenig verwunderlich. Und Jesu Anspruch, der menschgewordene Gott selbst zu sein, war es letztendlich ja auch, weswegen er zum Tod am Kreuz verurteilt und hingerichtet wurde. Nicht wegen sozial-revolutionärer oder rebellischer Gedanken wurde Jesus zum Kreuzestod verurteilt, sondern wegen Gotteslästerung – wegen seiner niemals abreißenden Behauptung, dass er und Gott ein und derselbe sind.

Vater vs. Sohn

„Aber“, sagen nun manche, „sagt Jesus nicht, dass er ‚Gottes Sohn‘ sei?“ Wer diese Frage stellt, stellt eine gute und sehr berechtigte Frage. Und es stimmt ja: In den Evangelien beschreibt sich Jesus ja wirklich so. Ich kann es daher ganz gut nachvollziehen, wenn wer Probleme mit der Sicht hat, dass Jesus selbst Gott sein soll – gerade weil er seine Sohnschaft immer wieder betont. Aber Jesus sagt ja nicht nur: „Ich bin Gottes Sohn“, sondern auch: „Ich und der Vater sind eins.“ Und das ist ja sehr wichtig – so wichtig, dass wir es nicht ignorieren dürfen. Zu Beginn des Johannes-Evangeliums lesen wir etwa: „Niemand hat Gott je gesehen. Der einzige Sohn hat ihn uns offenbart, er, der selbst Gott ist.“ Wir werden also insofern herausgefordert, als Jesus zwar zweifelsohne Gottes Sohn, aber – und das ist der springende Punkt – genau deshalb Gott selbst ist. C. S. Lewis schreibt:

Was Gott zeugt, ist Gott; wie Mensch ist, was der Mensch zeugt. Was Gott erschafft, ist nicht Gott, wie das von Menschenhand Geschaffene nicht Mensch ist.

Mit dem Verweis darauf, dass er Gottes Sohn ist, unterscheidet Jesus also gerade nicht zwischen Gott und ihm, sondern weist auf die Wesensgleichheit hin: „Ich, der Sohn, und Gott, der Vater, sind gleich.“ Wie Lewis eben sagt: „Was Gott zeugt, ist Gott“. Das fordert uns heute sicher heraus, aber so ist Jesu Aussage (gerade im soziokulturellen Kontext der damaligen Zeit) zu verstehen. Wenn Jesus sich als Sohn Gottes beschreibt, meint er, dass er Gottes Ebenbild ist – wer ihn sieht, sieht Gott, wer Jesus kennt, kennt Gott. Es ist also wörtlich zu verstehen, wenn es in 1. Joh 5 heißt: „Gott ist Liebe“ – und Liebe braucht ein Gegenüber, das geliebt werden kann.

Gott ist in sich liebevolle Beziehung – vom Vater zum Sohn zum Geist und zurück… Es ist aber völlig in Ordnung, wenn Ihnen das alles etwas „abstrakt“ vorkommt. Und ich bin mir durchaus bewusst, dass dieses Thema noch weitere gute Fragen zulässt. Aber letztlich bleibt der Punkt, den ich Ihnen aufzeigen wollte: Wenn Jesus seine Sohnschaft Gottes betont, unterstreicht er damit den Punkt, dass er Gott ist.

Was fangen wir mit Jesus an?

So einfach, was viele populäre Veröffentlichungen über Jesus sagen, nämlich “Jesus war ein großer ethischer Lehrer und ein vorbildlicher Mensch, keine Frage. Aber die Sache mit seinem Anspruch, der „heruntergekommene“ Gott selbst zu sein, die lassen wir einmal beiseite”, so einfach macht es uns Jesus nicht, wenn er sowohl durch sein Reden als auch Handeln einen so enormen Anspruch erhebt. Wenn er beispielsweise sagt: „Mir ist gegeben alle Macht im Himmel und auf der Erde.“ Oder: „Jeder, der lebt und an mich glaubt, wird in Ewigkeit nicht sterben.“ Oder auch:  „Ich bin der Weg, ich bin die Wahrheit, und ich bin das Leben. Zu Gott, dem Vater kommt man nur durch mich.“

Wir sehen: Es sind gewaltige Ansprüche, die Jesus da für sich erhebt. Und vergessen wir nicht: Gerade der breite Mainstream historischer Forschung lässt uns hier wenig Spielraum – stufen doch die meisten Textforscher (gläubige wie nicht-gläubige) die Evangelien als historisch zuverlässige Dokumente ein. Und wenn man sich nun anschaut, was Jesus sagte und tat, dann ist er entweder viel mehr als ein vorbildlicher Mensch oder aber viel weniger als das. Denn:

  • Entweder war Jesus ein Lügner – und zwar genau dann, wenn es nicht stimmt, was er sagt und er sich darüber im Klaren ist, dass es nicht stimmt.
  • Oder Jesus war ein Verrückter – und zwar genau dann, wenn es nicht stimmt, was er sagt und er auch nicht weiß, dass es nicht stimmt.
  • Oder aber: Es stimmt, was Jesus von sich behauptet, dass er wirklich Gott selbst ist.

Entweder hat Jesus die Menschen seinerzeit bewusst getäuscht, so wäre das ein wenig vorbildliches Verhalten, genauso wenig wie, wenn seine Aussagen nicht korrekt sind und ihm genau das nicht bewusst ist, dann haben wir es bei Jesus mit einem religiösen Neurotiker zu tun. Oder aber: Es stimmt, was er über sich sagt. Dann stimmt auch alles, was er über Gott sagt. Und dann wird die Frage nach Gott und nach Gründen für den Glauben genau an dieser Stelle zur Vertrauensfrage. Was mache ich also mit Jesus?

Ein abschließender Vorschlag

Mein Vorschlag an dieser Stelle ist einfach mal ins Neue Testament hinzuschauen, also in den hinteren Teil der Bibel. Am besten in einer texttreuen & verständlichen Übersetzung, zum Beispiel die NGÜ. Dort finden sich ja die Lebensbeschreibungen von Jesus, von denen das Markus-Evangelium die kürzeste ist. Zudem ist sie auch zugleich die älteste Lebensbeschreibung. Und ich erwarte auch gar nicht, dass man das alles sofort schluckt, was einem dort als Inhalt angeboten wird. Es ist vollkommen in Ordnung, wenn Sie zB den Wundergeschichten skeptisch gegenüberstehen. Aber um die braucht es ja auch gar nicht zu gehen.

Im Kern geht es ja um den Charakter Jesu und um die Frage: „Macht dieser Jesus den Eindruck, ein Lügner oder Verrückter zu sein? Oder macht er den Eindruck, dass er weiß, wovon er spricht?“ Diese drei Möglichkeiten: Er hat andere getäuscht, er hat sich getäuscht oder er hat Recht. Und wenn wir vor dieser Alternative stehen, dann geht eines eben nicht – dass wir nämlich sagen: „Jesus: vorbildlicher Mann, ethisches Vorbild. Aber dieser ganze dogmatische Ballast mit „Sohn Gottes“, „für unsere Schuld gestorben“, den lassen wir mal weg.“ Aber genau das lassen die Lebensbeschreibungen Jesu eben nicht zu. Entweder ist er viel weniger als ein guter Lehrer, nämlich ein mieser Betrüger oder ein Geistesgestörter. Oder er ist viel mehr als ein gutes Vorbild, nämlich wirklich Gott selbst.

Ich kann durchaus verstehen, wenn das ungewohnt ist, so zu denken. Aber merken Sie, dass genau an dieser Stelle und wenn man diese Möglichkeit einmal zulässt, sich die ganze gewaltige Gottesfrage zu einer sehr konkreten Vertrauensfrage zuspitzt? Nämlich zu der Frage: „Kann ich diesem Jesus vertrauen?“ Und es nicht blindes Vertrauen, wo man glaubt, ohne mitzudenken. Sondern sehendes Vertrauen, wo ich nachfragen darf, wo ich überprüfen darf, wie glaubwürdig die Überlieferungen wirklich sind, und so weiter und so sofort. Und irgendwann selbst zu einem Schluss komme. Ich kann Ihnen diese Frage nicht abnehmen, aber ich bitte Sie, sich diese Frage einmal ernsthaft zu stellen:

„Was glaube ich von Jesus?“

http://www.mitdenkend.de/warum-gott/
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Wie Weltanschauungen Christen heute beeinflussen


Die Ergebnisse einer neuen Barna-Umfrage über den Einfluss nicht-christlicher Weltanschauungen auf das Denken und Leben von Christen überraschen nicht. Beunruhigend sind sie trotzdem. Sie demonstrieren flagrant, dass in den letzten Jahrzehnten in den Ausbildungsstätten, Gemeinden und Familien sehr viel falschgelaufen ist.

Kurz: Sowohl die Vergewisserung des christlichen Glaubens als auch die apologetische Auseinandersetzung mit prominenten denkerischen Strömungen hat so gut wie nicht stattgefunden. Nun driften vor allem die jungen Leute – besonders im urbanen Umfeld – munter ab.

Hier ein paar Einblicke in das Denken, Fühlen und Leben eher „lebendiger Christen“ aus Nordamerika:

  • 61 % stimmen mit Ideen überein, die in der Strömung der neuen Spiritualität verwurzelt sind (z.B. therapeutischer Deismus, Ideen wie „Wenn du Gutes tust wirst du belohnt.“).
  • 54 % akzeptieren postmoderne Ansichten (z.B.: Relativismus: „Es gibt keine objektive Ethik.“).
  • 36 % stimmen mit dem Marxismus verbundenen Ideen zu (z.B. mehr Staat: „Die Regierung, statt Einzelpersonen, sollte möglichst viele Ressourcen kontrollieren, um sicherzustellen, dass jeder seinen fairen Anteil bekommt.“).
  • 29 % glauben an Vorstellungen, die auf dem Säkularismus beruhen (z.B. Konzentration auf die materielle Welt: „Mache so viel wie möglich aus deinem jetzigen Leben.“)

Wir benötigen radikale Umdenkprozesse. Wir brauchen etwa:

  • eine vertiefte Beschäftigung mit der (heute so unbeliebten) biblisch-christlichen Dogmatik;
  • eine apologetisch-konfrontative Auseinandersetzung mit nicht-christlichen Weltanschauungen, zu der auch die Schulung im philosophischen Denken und die Kulturapologetik gehören (z.B. Medienkritik);
  • eine Kampfansage an das Wohlfühlchristentum, welches meint, mit Entertainment, versöhnter Verschiedenheit, populistischem Lobpreis und Lebenshilfepredigten erfülle Gemeinde ihre Berufung;
  • eine Wiederbelebung der Katechese unter Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen im Familien- und Gemeindeumfeld;
  • radikale und greifbare Modelle einer schöpferischen Gegenkultur, die die Wahrheit und Schönheit des evangelischen Glaubens gerade auch für junge Menschen greifbar werden lässt;
  • ein Jüngerschaftstraining, welches Nachfolge nicht auf Fragen persönlicher Frömmigkeit reduziert;

Das alles kostet übrigens neben Mut und Disziplin auch Geld. Das Geld ist prinzipiell sogar da. Leider wandert viel Vermögen gerade in jene Programme, die das fromme Amüsement anstatt die christliche Bildung fördern (wer es nicht glaubt, mute sich mal einschlägige TV- oder Radioformate zu).

Hier die Zusammenfassung der Barna-Umfrage: www.barna.com. Von Ron Kubsch
https://theoblog.de/wie-weltanschauungen-christen-heute-beeinflussen/30053/

Erkenntnistheorie für einen Teenager (Teil I)

Wir befassen uns in diesem und den folgenden Briefen mit der Frage:
Gibt es eine objektive Welt der Dinge da draußen oder gibt es sie nur innerhalb unseres Bewusstseins als mentales Erleben ohne Außenwelt?
Mit unseren Sinnen nehmen wir Gegenstände wahr. Wenn wir einen Gegenstand mit unseren Augen sehen, dann macht er einen Eindruck auf unsere Sehnerven. Wir erhalten eine abstrakte Vorstellung von diesem Gegenstand, die ich im Folgenden „Idee“ nennen werde, und urteilen zugleich, dass es außer uns wirklich einen Gegenstand gibt, der uns die Idee verschafft hat. Es scheint uns völlig selbstverständlich, dass alle Objekte, die wir sinnlich wahrnehmen, eine natürliche oder reale Existenz außerhalb unseres Verstandes haben. Aber untersuchen wir etwas sorgfältiger, was dabei vorgeht.
Nehmen wir als Beispiel den Vollmond am Nachthimmel. Der Mond stellt unseren Sinnen wahrnehmbares Anschauungsmaterial dar. Die Lichtstrahlen fallen ins Auge und erzeugen dort einen Sinnesreiz. Auf der Netzhaut entsteht Bild, das dem Mond ähnlich ist. Die Sinnesrezeptoren leiten dieses Material in Form von neuronal-elektrischen Impulsen an unser Gehirn weiter. Daraufhin entsteht im Gehirn die Idee vom Gegenstand Mond. Die Idee „Mond“ nicht die Sache selbst. Verallgemeinert gesprochen: Die Gegenstände unseres Denkens sind nicht die Dinge selber. Dennoch urteilen wir, dass unsere Idee sich auf den Mond in der Welt außerhalb von uns bezieht. Die Ursache hiervon ist aber nichts weiter als ein Nervenreiz an einem bestimmten Ort in unserem Gehirn, wiederum verursacht durch einen Nervenreiz im Auge. Das Gehirn hat keine Kenntnis von den Bildern, die auf der Netzhaut des Auges projiziert sind, und noch weniger von dem Mond selbst, dessen Strahlen diese Bilder hervorgebracht haben. Dennoch urteilt es, dass es in der Außenwelt einen Körper geben muss, nämlich den Mond, der die Idee und das mentale Erleben verursacht hat. Weiterlesen

Sokrates und das Denken

Zwei Dinge scheinen für Arendt bei Sokrates bedeutend. Erstens das Denken als Zwiegespräch mit sich selbst, woraus das Kriterium des Mit-sich-selbst-Lebens folgt, und zweitens, Sokrates Leben und Lehre, die darin bestanden, sich selbst und andere Menschen im Denken zu unterweisen.
Man hörte Sokrates üblicherweise auf dem Markt bei den Wechslertischen reden. Er verfasste und hinterließ keine Schriften, sondern diskutierte gerne alles durch. Er hält sich selbst nicht für weise und versucht nicht, die großen Volksmengen durch Rhetorik zu überzeugen, sondern wendet sich mit seinen Fragen an den einzelnen Menschen. Wenn doch jeder Einzelne in seiner Einzigartigkeit dazu gebracht werden könnte, zu denken und selbst zu urteilen! Am liebsten stellt er dabei alle bestehenden Normen und Maßstäbe in Frage. Das Ziel ist klar: Der blinde Glaube und Gehorsam seiner Gesprächspartner soll erschüttert werden. Wenn Sokrates sein Fragen beendete, blieb nichts mehr übrig, an dem man sich festhalten konnte. Von Sokrates lernen wir: Denken heißt prüfen und befragen; immer ist damit das Zerschmettern von Götzen verbunden – und das begeisterte nicht nur Nietzsche. Weiterlesen

Kant und die Vernunft

Kant wählte für seine Maxime den Imperativ, obwohl sein Inhalt sich aus der Vernunft ableitet und deswegen schon zwingend ist.
Warum wählte er ihn trotzdem?
K [=Kant]: Um eine Verpflichtung einzuführen.
A [=Arendt]: Wer sollte verpflichtet werden?
K: Der Wille, damit er das tut, was die Vernunft ihm sagt.
A: Gibt also die Vernunft dem Willen Befehle?
K: Der Wille wird nicht nur durch die Vernunft bestimmt, sondern auch durch Neigungen. Jede Neigung ist eine Versuchung, die von außen auf mich einwirkt und mich fehlgehen lässt. Deswegen muss der Wille durch die Vernunft genötigt werden.
A: Inwiefern ist der Wille dann frei?
K: Freiheit heißt, nicht von äußeren Umständen bestimmt zu sein. Neigung ist damit unvereinbar, weil ich von etwas in der Welt außerhalb von mir affiziert bin. Die Vernunft ist frei von Neigungen und nur durch sie bin ich autonom, mein eigener Gesetzgeber und erlange darin meine Würde und bin Zweck an sich.
A: Das klingt ja schön und gut, aber versuchst du da nicht den Willen zu überreden, das Diktat der Vernunft zu akzeptieren?
K: Der Gute Wille muss nicht überredet werden; er wählt, was die Vernunft als gut erkennt. Nur ein Wille, der frei von Neigung ist, kann gut und frei genannt werden.
A: Nehmen wir mal an, dass es einen solchen Willen gibt. Wenn ich trotzdem nicht tue, was die Vernunft mir befiehlt?
K: Dann bist du ungehorsam gegenüber dem moralischen Gesetz in dir.
A: Die Pflicht zum Gehorsam habe ich also vor allem mir selbst gegenüber. Und warum soll ich meine Pflicht tun? Weil es meine Pflicht ist! – Ist eine solche moralische Verpflichtung nicht letztlich eine Leerformel?
K: Die Pflicht leitet sich aus dem moralischen Gesetz ab, das die Vernunft dem Willen auferlegt. Die Vernunft ist in Fragen der Moral genauso unwiderlegbar wie im Bereich anderer Vernunftwahrheiten [etwa mathematischer]. Das Kriterium ist die Widerspruchsfreiheit. Ich gehe davon aus, dass jeder Mensch vermöge seiner Vernunft wissen kann, was Recht und Unrecht ist. Niemand will böse sein und die es trotzdem sind, fallen in moralische Absurdität und müssen sich selbst verachten.
A: Die Furcht vor Selbstverachtung reicht kaum aus, jemanden davor zurück zu halten, Unrecht zu tun. Was ist im Konfliktfall zwischen moralischem und staatlichem Gesetz zu tun, wenn die Gesetze des Staates etwas anderes vorschreiben?
K: Das höhere, nämlich das moralische, ist zu befolgen; es ist selbstverständlich, denn seine Quelle ist die Vernunft. Wer sich davon bestimmen lässt, was ihm von außen – sei es Staat, Gesellschaft oder Kirche – auferlegt wird, ist nicht autonom; das hat keinen moralischen Wert.
A: Du setzt voraus, dass der Mensch, wo immer er hingeht, was immer er tut, sein eigener Gesetzgeber ist, eine völlig autonome Person. Du scheinst nicht zur Kenntnis zu nehmen, dass Menschen die Erde bewohnen, nicht der Mensch. Du gibst doch an anderer Stelle selbst zu, dass der Mensch sich an Beispielen orientiert.
K: Gewiss. Aber ich zweifele nicht daran, dass, wann immer die Vernunft sich dem Beispiel der Tugend gegenüber sieht, weiß, was Recht ist, und das Gegenteil Unrecht. Wenn du der Vernunft nicht folgst, die alle Menschen aufgrund ihres Menschseins, ja alle vernünftigen Wesen [heißt Gott und die Engel], gemein haben, weigerst du dich, deine Rolle als Gesetzgeber der Welt zu spielen.
A: Ich habe den Eindruck, dass deine Philosophie der Vernunft, die purer Verstand ist, dem Problem des Bösen ausweicht. Das Böse bleibt so formal und inhaltsleer wie dein kategorischer Imperativ. Das ganze Beiwerk von Pflicht, Gehorsam, Guter Wille und Selbstbestrafung spielt sich nur innerhalb des Menschen ab und die Vernunft verleiht dem Ganzen objektive Gültigkeit, sodass auch „ein Volk von Teufeln“ – um es mit deinen eigenen Worten zu sagen – oder ein vollkommener Schurke entsprechend den Diktaten der „richtigen Vernunft“ handeln kann. Das erscheint mir widersprüchlich.
Arendt wendet sich Sokrates zu. Katharina Wallhäußer
http://wuestegarten.de/eichmann-in-jerusalem/reflexion-ueber-eichmann-in-jerusalem/reflexion-ueber-eichmann-in-jerusalem-teil-iii-kant/
Siehe auch
http://bibelkreis-muenchen.de/?p=4810&preview=true

 

 

Der Begriff „Apologetik“ im NT

Der Begriff „Apologetik“ leitet sich vom griechischen apologia ab, das auch in 1Petr 3,15b–16, dem neutestamentlichen locus classicus der christlichen „Verteidigungswissenschaft“, zu finden ist. Wir lesen dort:

„Aber wenn ihr auch leiden solltet um der Gerechtigkeit willen, glückselig seid ihr! Fürchtet aber nicht ihren Schrecken, seid auch nicht bestürzt, sondern haltet den Herrn, den Christus, in euren Herzen heilig! Seid aber jederzeit bereit zur Verantwortung [griech. apologian] jedem gegenüber, der Rechenschaft [griech. logon] von euch über die Hoffnung in euch fordert, aber mit Sanftmut und Ehrerbietung! Und habt ein gutes Gewissen, damit die, welche euren guten Wandel in Christus verleumden, darin zuschanden werden, worin euch Übles nachgeredet wird.“

Wie hier überwiegt auch bei anderen Verwendungen des Begriffs im NT der prozessuale Anklang. Das Verb apologeomai bedeutet so viel wie „sich vor Gericht verteidigen“ (übliche dt. Übersetzungen lauten: „sich verteidigen“, „verantworten“ o. a. „Verhör“. Siehe: EWNT, S. 330). In einer klassischen gerichtlichen Verhandlung wurde der Angeklagte zuerst seiner Vergehen beschuldigt. Anschließend bekam der Beschuldigte die Gelegenheit, zu den Anklagepunkten Stellung zu nehmen. Der Versuch, die Anschuldigungen abzuweisen, wurde apologia genannt. (Von der Präposition apo mit der Bedeutung „von“ und logion mit der Bedeutung „Wort, Spruch“. Das zusammengesetzte Wort heißt also soviel wie: „wegsprechen der Anschuldigung“.)

Das älteste uns überlieferte Beispiel für eine Verteidigung diese Art ist die Rede des Sokrates (469–399 v. Chr.) vor dem Gericht in Athen im Jahre 399 v. Chr., als ihm Gotteslästerung (Einführung neuer Götter) und Verführung der athenischen Jugend vorgeworfen wurde. Da wir keine Schriften des Philosophen besitzen, kennen wir die Verteidigungsrede nur aus einem Dialog seines berühmten Schülers Platon. Der nannte die Verteidigung einfach Apologie.

Das Wort erscheint im NT als Verb oder Substantiv insgesamt 18-mal, davon 10-mal allein bei Lukas im Evangelium bzw. in der Apostelgeschichte (das Verb kommt im NT 10-mal vor (Lk 12,11; 21,14; Apg 19,33; 24,10; 25,8; 26,1f.24; Röm 2,15; 2Kor 12,19), das Substantiv 8-mal (Apg 22,1; 25,16; 1Kor 9,3; 2Kor 7,11; Phil 1,7.16; 2Tim 4,16; 1Petr 3,15)). Gegenüber Anklägern und Andersdenkenden wird der hoffnungsvolle Christusglaube gerechtfertigt. Anfeindungen oder Inhaftierung wegen des Bekenntnisses werden dabei in der Regel vorausgesetzt.

So benutzt Lukas den Begriff, um eine Verteidigungsrede des Paulus in Jerusalem wiederzugeben (Apg 21,27–28). Der Apostel wurde durch die Juden der Volksverhetzung bezichtigt. Als sie versuchten, ihn zu töten, wurde er durch die Römer festgenommen und stand damit unter ihrer Schutzmacht. Paulus bekam die Erlaubnis, Hebräisch mit dem Volk zu sprechen und rief ihnen zu: „Ihr Männer, Brüder und Väter! Hört, was ich euch zu meiner Verteidigung [griech. apologia] zu sagen habe“ (Apg 22,1).

Paulus selbst gebraucht das Wort vielförmig. In 1Kor 9,3 hält er es für angebracht, sich gegenüber seinen Kritikern als autorisierter Apostel zu verteidigen: „Meine Verteidigung [griech. apologia] vor denen, die mich kritisch überprüfen, ist diese: …“. In Röm 2 behandelt er die Ungerechtigkeit aller Menschen vor Gott. Alle Menschen sind vor dem gerechten Gott schuldig. Maßstab der Gerechtigkeit ist für die Juden unter dem Gesetz das Gesetz. Die Heiden ohne Gesetz sind sich selbst ein Gesetz, da das moralische Gesetz in ihre Herzen eingeschrieben ist und durch das Gewissen gespiegelt wird. Ihre Gedanken klagen einander an oder „verteidigen“ (griech. apologemenōn) sich (Röm 2,15).

Bisweilen erwächst aus einer ursprünglichen Verteidigungsrede Verkündigung. So schrieb Paulus am Ende seines Lebens beispielsweise in 2Tim 4,16–17 an seinen Mitarbeiter Timotheus (s. a. Apg 22,1ff; Phil 1,7):

„Bei meinem ersten Verhör [griech. apologia] stand mir niemand bei, sondern sie verließen mich alle. Es sei ihnen nicht zugerechnet. Der Herr aber stand mir bei und stärkte mich, damit durch mich die Botschaft ausgebreitet würde und alle Heiden sie hörten, so wurde ich erlöst aus dem Rachen des Löwen.“

In einem seiner Gefangenschaftsbriefe teilt der Apostel mit, dass er sich selbst als jemand versteht, der durch Gott zur Verteidigung des Evangeliums eingesetzt wurde (Phil 1,16):

„Einige zwar predigen Christus aus Neid und Streitsucht, einige aber auch in guter Absicht: diese aus Liebe, denn sie wissen, dass ich zur Verteidigung des Evangeliums [griech. apologian toun euiaggeliou] hier liege; …“

Es gibt neben apologia noch weitere relevante Begriffe. 10-mal finden wir das Verb dialegomai im NT, das meist so viel wie „argumentierend reden“ bedeutet. Der Evangelist benutzt den Begriff in Mk 9,34, um uns eine Debatte im Jüngerkreis darüber zu schildern, wer wohl der Größte unter ihnen sei. Von dem Apostel Paulus heißt es, dass er in Ephesus frei und offen drei Monate lang durch Unterredungen (griech. dialegomenos) die Menschen in der Synagoge „von den Dingen des Reiches Gottes zu überzeugen suchte“ (Apg 19,8 nach Schlachter). Lukas verwendet das Wort auch, um in Apg 20,7 mitzuteilen, dass Paulus in Troas am Sonntag in einer Synagoge mehrere Stunden predigte. Es ist offensichtlich eine argumentierende Verkündigung oder ein auf Gründe zurückführendes Gespräch gemeint. Schon die griechischen Logiker benutzten das Wort dialegomenos im Zusammenhang logischer Schlussverfahren.

Das Verb peithō ist 52-mal belegt und wird vorzugsweise von Lukas und Paulus benutzt. Im Passiv bedeutet es „vertrauen“ oder auch „gehorchen“. Bei aktivem Gebrauch kann es (eher negativ) mit „beschwatzen“ übersetzt werden.

Einige Verse gebrauchen das Verb allerdings im Sinne von „überzeugen“. So schreibt Lukas in Apg 18,4, dass Paulus in der Synagoge an den Sabbaten lehrte und Juden und Griechen „überzeugte“ (griech. epeiten, 3. Pers. Sing. Impf. akt. Ind.). In Apg 26,28 sagt Herodes Agrippa II. zu Paulus: „Es fehlt nicht viel, so wirst du mich noch überreden (griech. peiteis, 2. Pers. Sing. Präs. akt. Ind.) und einen Christen aus mir machen.“(Apg 26,28 ist textkritisch allerdings nicht ganz unproblematisch, da der Codex Alexandrinus peithē liest: „Du glaubst (o. denkst), Du kannst aus mir einen Christen machen.“)

Nach Apg 21,14 lies Paulus sich von Mitarbeitern und Einheimischen nicht „überreden“ (griech. peitomenou), wegen einer drohenden Gefangenschaft die Reise nach Jerusalem abzubrechen. Das Verb findet sich ebenfalls in dem bereits zitierten Vers aus Apg 19,8. Paulus versuchte in Ephesus seine Zuhörer durch „Überredungen“ (griech. dialegomenos) von den Dingen des Reiches Gottes zu „überzeugen“ (griech. peitōn).

Diese Textstellen zeigen neben vielen anderen, dass es den Aposteln bei ihren evangelistischen Bemühungen zwar nicht ausschließlich um gute Argumente ging, sie jedoch sehr an einer verständlichen und logisch nachvollziehbaren Verkündigung interessiert waren. Treffend schreibt Michael Green in seinem Klassiker Evangelisation zur Zeit der ersten Christen:

„Natürlich hat weder Paulus, noch irgend jemand sonst in der urchristlichen Mission daran gedacht, daß man durch Debatten allein Menschen ins Reich Gottes bringen könnte. Aber man wußte, daß sich dadurch Schranken niederreißen ließen, die den Menschen nicht erkennen ließen, was sich in sittlicher und persönlicher Hinsicht für ihn daraus ergab, wenn er Christus annahm oder nicht.“(M. Green, Evangelisation, 1970, S. 237)
https://theoblog.de/der-begriff-apologetik-im-nt/32575/

Das Hirn ausschalten, um zu glauben?

Muss man dumm sein, um glauben zu können? Früher hatte ich das Gefühl, dass die Christen einem blinden, unwissenden Glauben folgten. Schriftsteller H. L. Mencken gab meiner Einstellung am besten Ausdruck, als er sagte: „Glauben kann man kurz definieren als die unlogische Überzeugung vom Vorhandensein des Unwahrscheinlichen.“
Kann man nur an Jesus Christus glauben, wenn man den Verstand ausschaltet?
Je mehr ich aber den historisch-biblischen christlichen Glauben studierte, umso deutlicher erkannte ich, dass es sich um einen „intelligenten Glauben“ handelt. Wenn jemand in der Bibel aufgefordert wurde, zu glauben, war damit immer ein wissender Glaube gemeint. Jesus sagte: „Ihr werdet die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch frei machen.“ Weiterlesen