Ist Glauben ein Sprung in die Dunkelheit?

„Glauben ist kein Sprung in die Dunkelheit … keine irrationale Leichtgläubigkeit, keine Überzeugung gegen den Augenschein und gegen den Verstand. Er bedeutet Überzeugung im Licht historischer Fakten, in Übereinstimmung mit dem Augen-schein, auf der Grundlage von Zeugenaussagen.“George Eldon Ladd, A Theology of the New Testament, Grand Rapids 1974 (Eerdmans), S. 324

Der Mensch als Mensch schreit nach Gott, nicht nach einer Wahrheit

Der Mensch als Mensch schreit nach Gott, nicht nach einer Wahrheit, sondern nach der Wahrheit, nicht nach etwas Gutem, sondern nach dem Guten, nicht nach Antworten, sondern nach der Antwort, die unmittelbar eins ist mit seiner Frage. Denn er selbst, der Mensch, ist ja die Frage, so muss die Antwort die Frage sein, sie muss er selbst sein aber nun als Antwort, als beantwortete Frage. Nicht nach Lösungen schreit er, sondern nach Erlösung. Nicht wiederum nach etwas Menschlichem, sondern nach Gott, aber nach Gott als dem Erlöser seiner Menschlichkeit. Karl Barth

Frag Buddha oder Mohammed

«Wenn du zu Buddha gehst und ihn fragst: ‘Bist du der Sohn von Brahma?’, würde er sagen: ‘Mein Sohn, du bist immer noch im Tal der Illusion’. Wenn du zu Sokrates gehst und ihn fragst ‘Bist du Zeus?’, würde er dich nur auslachen. Wenn du zu Mohammed gehst und ihn fragst ‘Bist du Allah?’ würde er zuerst seine Kleider zerreissen und dir dann den Kopf abhauen. Und wenn du Konfuzius gefragt hättest ‘Bist du der Himmel?’ dann hätte er wohl geantwortet ‘Bemerkungen, die nicht dem Lauf der Natur entsprechen, verraten schlechten Geschmack’. Der Gedanke, dass ein grosser moralischer Lehrer die Worte Christi sagte, ist vom Tisch. Meiner Überzeugung nach ist ein Mann, der diese Worte sagte, entweder der Sohn Gottes oder komplett verrückt.»
«Wenn das Christentum falsch ist, ist es bedeutungslos; wenn es stimmt, ist es von unendlicher Bedeutung. Was es nicht sein kann: ein bisschen wichtig.»  C.S.Lewis

„Wahres Wissen“ und demokratisch verfasste Gesellschaft

Die derzeit verbreitete Rede vom „postfaktischen Zeitalter“ bezieht sich unter anderem auf die Beobachtung, dass vor allem Vertreterinnen und Vertreter populistischer Parteien sich bei ihren Äußerungen nicht mehr an Fakten halten, sondern sich über etabliertes Wissen hinwegsetzen und bisweilen auch schlicht lügen. Das reicht von der Leugnung ihrer eigenen Aussagen aus der Vergangenheit, die sich leicht belegen lassen, bis zur Leugnung wissenschaftlicher Erkenntnisse wie des anthropogenen Klimawandels, die nicht ganz so einfach zu überprüfen sind. Darüber hinaus verunglimpfen sie die Medien, sprechen von einer Verschwörung der „Lügenpresse“ und unterminieren damit die Glaubwürdigkeit einer für die Demokratie zentralen Institution. Zugleich gerieren sie sich als Verteidiger demokratischer Rechte wie der freien Meinungsäußerung und fordern mehr „direkte“ Demokratie. Mit diesem Verhalten mobilisieren sie zahlreiche Wählerinnen und Wähler.

Was ist in unsere Gesellschaft gefahren, dass sie Journalisten und Wissenschaftlerinnen nicht mehr vertraut und anfällig für Rattenfänger geworden ist? Diese Frage stellt sich umso eindringlicher vor dem Hintergrund, dass Sozialwissenschaftler vor nicht allzu langer Zeit den Übergang von der Industrie- zur Wissensgesellschaft verkündet haben.[1] In der Wissensgesellschaft zählt Wissen als wichtigste Produktivkraft: Wissenschaftliches Wissen, also „wahres“ beziehungsweise verlässliches Wissen, ist von zentraler Bedeutung für den gesellschaftlichen Fortschritt.

Tatsächlich zeigt die Beunruhigung über den sich verbreitenden Populismus und Antiintellektualismus zweierlei: Zum einen hat die moderne Wissenschaft und die mit ihr einhergehende Rationalität in den modernen Gesellschaften seit der Aufklärung eine immer größere Autorität als Institution erlangt – sonst würde die Leugnung von „Fakten“ nicht auf derart heftige Reaktionen stoßen. Zum anderen ist man sich der Fragilität der Demokratie bewusst. Zwar gilt die Demokratie als die beste aller Regierungsformen, weil sie den Gefahren des Machtmissbrauchs am effektivsten entgegenwirkt und den Interessenausgleich aller Mitglieder einer Gesellschaft am erfolgreichsten zu gewährleisten vermag. Das urdemokratische Prinzip der Mehrheitsentscheidung hat allerdings, wenn es in größeren Gemeinschaften realisiert wird, eine Schwäche: Es ist anfällig für Emotionalisierung, Skandalisierung, kurz: für Propaganda und darauf gründende Ad-hoc-Entscheidungen.

Unter anderem um dieser Gefahr zu begegnen, ist das Konzept der repräsentativen Demokratie entwickelt worden, das heute für fast alle modernen Demokratien konstitutiv ist. Die Wahl von Repräsentantinnen und Repräsentanten, die in Parlamenten über die anfallenden politischen Fragen entscheiden, wirkt als moderierender Mechanismus. Entscheidungen werden auf ihre Akzeptabilität unter den im Parlament vertretenen Gruppierungen geprüft, aber zugleich auch auf ihre Voraussetzungen und ihre vorhersehbaren Folgen, soweit es das verfügbare Wissen erlaubt. Politik legitimiert sich also nicht nur durch Wahlen, sondern auch durch ihre Rationalität. Widerspricht sie eklatant empirischer Evidenz, wird das entweder beim nächsten Urnengang oder durch einen obersten Gerichtshof sanktioniert.

Das Problem dabei ist, dass in vielen Fällen nicht mit Sicherheit gesagt werden kann, was die Evidenz wirklich ist. So stellt sich die nächste Frage: Was ist „wahres Wissen“ und wie kommt die Gesellschaft zu „wahrem Wissen“?

Kleine Geschichte des „wahren Wissens“

Mit der modernen Wissenschaft, die ihre erste dauerhafte organisatorische Prägung 1660 mit der Gründung der britischen Royal Society erhielt, etablierte sich das Prinzip, dass als „wahres Wissen“ nur gelten sollte, was durch Beobachtung und/oder Experiment, also empirisch, bestätigt wurde. Ferner sollten Wahrheitsbehauptungen unter Forschern offen vertreten und diskutiert werden, und es sollte kein Gesichtsverlust sein, dabei von den Kollegen widerlegt zu werden.

Damit wurde die Dominanz der scholastischen Philosophie mit ihrem Fokus auf Begriffsdeutungen und Argumentationen abgelöst. In der Scholastik galt als sicherste Form des erreichbaren Wissens das aus allgemeinen Prinzipien logisch sauber hergeleitete Ergebnis. Beobachtungen wurde hingegen misstraut, da sie Täuschungen unterliegen konnten. Die Wissenschaft der Scholastik litt letztlich unter der Unabschließbarkeit der Diskussionen, da es keinen Mechanismus gab, der die Beilegung von Meinungsverschiedenheiten ermöglichte.

Die Frage, wie „wahres Wissen“ zu erlangen sei, hatte zwar schon die antiken Philosophen beschäftigt, wurde mit der Entstehung der modernen Wissenschaft aber zum zentralen Gegenstand der Wissenschaftsphilosophie.[2] Unter den vielen im Laufe der Zeit entwickelten Antworten seien im Folgenden die wichtigsten genannt.

Wesensergründung, Beobachtung, Skepsis

Die sogenannte Korrespondenztheorie der Wahrheit wird schon Aristoteles zugeschrieben, hielt sich bis ins 19. Jahrhundert und wurde noch in den 1920er und 1930er Jahren von Mitgliedern des Wiener Kreises vertreten. Sie sieht Wahrheit als Übereinstimmung des erkannten Objekts mit einer Vorstellung des erkennenden Subjekts. Diese Erläuterung des Wahrheitsbegriffs stieß stets auf die Schwierigkeit, dass sich die Übereinstimmung nicht aus einer neutralen Perspektive prüfen lässt. Als erkennende Subjekte sind wir immer nur mit unseren eigenen Vorstellungen bekannt, nicht aber mit den Objekten selbst. Die Korrespondenztheorie der Wahrheit führt also nicht zu einem Kriterium für die Entscheidung über bestimmte Wahrheiten.

Für die Wissenschaften stellt sich dieses Problem in verschärfter Form. Denn selbst wenn einfache objektive Verhältnisse, zum Beispiel „Der Uhrzeiger steht jetzt auf drei“, verlässlich festgestellt werden können und entsprechend Korrespondenz begründet angenommen werden kann, so gilt das nicht für komplexere theoretische Sätze der Wissenschaft. Dass sich etwa Elektronen im magnetischen Feld in Spiralbahnen um die Feldlinien bewegen, entzieht sich dem Augenschein. Für die Ermittlung einer Korrespondenz zwischen Beobachtungen und Weltzuständen gibt es dann keine einfachen Regeln.

Aus solchen Schwierigkeiten zieht die Kohärenztheorie der Wahrheit den Schluss, dass Vorstellungen nicht mit Tatsachen, sondern Aussagen nur mit Aussagen verglichen werden können. Wahrheit stellt sich als Kohärenz dar, also als Widerspruchsfreiheit und wechselseitige Stützung von Aussagen. Der Philosoph Nicholas Rescher geht davon aus, dass die Wissenschaft als Ganzes ein kohärentes System von Aussagen über die Welt ist und als solches weiterentwickelt wird. Neue Erkenntnisse müssen sich in den Zusammenhang der anerkannten Aussagen einfügen, dürfen diesen nicht widersprechen und ohne Verbindung zu diesen bleiben.[3]

Eine wieder andere Sichtweise findet sich beim frühen Karl Popper, demzufolge Urteile über wissenschaftliche Sätze sich in erster Linie auf die Ermittlung ihrer Falschheit stützen. Für wissenschaftliche Theorien gilt, dass sie falsifizierbar sind, also durch empirische Gegenbeispiele widerlegt werden können. Falsifizierbarkeit ist für Popper notwendige Vorbedingung für Wissenschaftlichkeit: Nur Theorien, die sich empirisch widerlegen lassen, sind wirklich wissenschaftlich. Ein Wahrheitsbegriff ist deshalb für die Logik der Forschung entbehrlich.[4]

Diese bislang kursorisch genannten „Wahrheitstheorien“ lassen sich in eine Entwicklung stellen, in der wissenschaftliche Wahrheit beziehungsweise wahre Erkenntnis zunächst durch die Ergründung der inneren (Wesens-)Eigenschaften der erkannten Objekte, sodann im Vertrauen auf einfache Beobachtung gesucht wurde, bis dieses Streben schließlich in eine grundsätzliche Skepsis gegenüber der Möglichkeit der Erkenntnis von Wahrheit durch das erkennende Subjekt mündete, also den Menschen. Diese Entwicklungslinie bezieht sich auf die Abfolge von wissenschaftstheoretischen Positionen in der Philosophie. Doch befasst sich die Philosophie mit Begriffen, Theorien, logischen Zusammenhängen und hat die konkrete Gesellschaft nicht im Blick.

Ende der objektiven Wahrheit

Das änderte sich mit dem Wissenschaftsphilosophen Thomas Kuhn. Im Unterschied zu den bis dahin vielfach akzeptierten Auffassungen, dass die Wissenschaftsgeschichte eine fortschreitende Kumulation von Tatsachen und Theorien sei, die der Wahrheit immer näher kommen, beschrieb er sie als eine Abfolge von Phasen der „normalen“ Wissenschaft und wissenschaftlicher Revolutionen.[5] Im Zuge der normalen Wissenschaft werden zentrale Fragestellungen beziehungsweise theoretische Programme, sogenannte Paradigmen, durch Routineforschung abgearbeitet. Die Ergebnisse der empirischen Forschung lassen sich in das Paradigma einordnen und verfeinern es fortlaufend. An einem bestimmten Punkt jedoch komme es zu Entdeckungen, für die das nicht mehr gelte. Sie stellen das Paradigma infrage, und nach und nach wachse die Zahl der Wissenschaftler, die unter dem Eindruck der neuen Entdeckungen und der dadurch entstehenden Widersprüche dem alten Paradigma nicht mehr trauen. Sie wenden sich ab, es komme zur „Revolution“ und schließlich zur Formulierung eines neuen Paradigmas.

Revolutionär sei diese Entwicklung sowohl in epistemologischer als auch in „sozialer“ Hinsicht. Epistemologisch, weil das neue Paradigma sich zum alten inkommensurabel verhalte, es also keine Möglichkeit gebe, Erkenntnisse und Theorien des alten in das neue zu überführen. Sozial, weil sich der Paradigmenwechsel nicht als ein Prozess der Überzeugungsänderung abspiele, sondern als ein Sieg der Anhängerschaft des neuen über die des alten Paradigmas. Eine Gemeinschaft von Wissenschaftlern erlange über eine andere die Definitionsgewalt.

Bezeichnenderweise definierte Kuhn wissenschaftliche Gemeinschaften über die Selbstzurechnung zu Paradigmen, ebenso wie er umgekehrt Paradigmen über solche Communities definierte. Die Selbstzurechnung zu einem bestimmten Paradigma verweise zum einen auf den Umstand, dass das Paradigma für verbindlich gehalten werde und ihm gleichsam normative Kraft zukomme, zum anderen auf den fragmentierten Charakter „wahren Wissens“. Die Rückbindung der Paradigmen an soziale Gruppen und an Prozesse der vermeintlich autoritativen Erlangung von Dominanz war in der Wissenschaftstheorie selbst eine Revolution, insofern als die zuvor rein wissenschaftstheoretisch behandelte Frage, wie „wahres Wissen“ entsteht, nunmehr auch soziologische Erklärungen zuließ.

Kuhns Wissenschaftstheorie markierte das Ende des Ideals der objektiven Wahrheit. Zugleich gab Kuhn auch die Vorstellung auf, der Erkenntnisprozess bewege sich kontinuierlich auf die Wahrheit zu. Der Wechsel von Paradigmen lässt keine Entwicklungsrichtung der theoretischen Vorstellungen hin zu einer klar umrissenen Vorstellung der Wirklichkeit erkennen. Wissenschaft wird von der Verbesserung der vorliegenden Theorieansätze getrieben und nicht vom Streben nach einer immer besseren Erkenntnis der Wirklichkeit. Es überrascht deshalb nicht, dass Kuhn als Relativist gescholten wurde.

Unter den vielen Reaktionen auf Kuhns Theorie sticht die der sogenannten Realisten als die wirkmächtigste hervor. Der Wissenschaftstheoretiker Ernan McMullin definiert den wissenschaftlichen Realismus gemäß seiner Grundannahme, dass der langfristige Erfolg einer wissenschaftlichen Theorie Anlass gibt, an die Existenz der von der Theorie behaupteten unbeobachtbaren Objekte und ihrer Beziehungen zu glauben. Die infrage stehende Theorie muss also über einen längeren Zeitraum erfolgreiche Voraussagen erlauben. Es wird aber keine letztendliche Beweisbarkeit der theoretisch postulierten Sachverhalte angenommen.[6]

Alles konstruiert?

Neben dem wissenschaftlichen Realismus entwickelte sich mit dem Konstruktivismus eine weitere Diskussionslinie. Diese Richtung der Erkenntnistheorie hat verschiedene Ausprägungen, die in den 1980er und 1990er Jahren vor allem in den Sozialwissenschaften und der Psychologie populär waren. Der sogenannte radikale Konstruktivismus wird von den Neurobiologen Umberto Maturana und Francisco Varela vertreten. Sie gehen davon aus, dass das menschliche Gehirn ein autopoietisches System ist, also organisational gegenüber der Umwelt geschlossen ist und keine Informationen von außen direkt aufnimmt, aber strukturell mit anderen umgebenden Medien beziehungsweise Organismen gekoppelt ist. Gehirne beziehungsweise lebende Organismen erzeugen ihre Operationen nur durch Rekurs auf Vorhandenes. In dieser Erklärung der Erkenntnis gibt es keine Wahrheit, keine Objektivität und auch keinen Zugriff auf eine äußere Welt. Die Welt gibt es nur als „Konstruktion“ des Erkenntnisapparats.[7]

Der radikale Konstruktivismus Maturanas und Varelas adressierte die philosophische Erkenntnistheorie. Der wissenssoziologische Ansatz Peter Bergers und Thomas Luckmanns teilte indes nur vordergründig den Begriff der Konstruktion. In ihrem 1966 vorgelegten Werk „Die soziale Konstruktion der Wirklichkeit“ betrachteten sie soziale Tatsachen, obwohl sie das Ergebnis sozialer Interaktionen sind, wie Werte und Institutionen, die über einen langen Zeitraum hinweg entstehen. Sie erscheinen den Mitgliedern der Gesellschaft sodann als natürlich gegeben und werden von ihnen durch Sozialisation verinnerlicht und zugleich stabilisiert. Im Zentrum steht die Frage, wie Alltagswissen gesellschaftliche Faktizität erlangt. Der Sozialkonstruktivismus beschränkt sich also auf die Erklärung sozialer Tatbestände und berührt die philosophische Frage der Begründung von Erkenntnis nicht.

Das änderte sich mit der Ausweitung des wissenssoziologischen Ansatzes auf die Wissenschaft selbst. Kuhns These der diskontinuierlichen Wissenschaftsentwicklung und der Rolle der Fachgemeinschaften in der Durchsetzung neuer Paradigmen wurde von (Wissens-)Soziologen aufgenommen und dahingehend gedeutet, dass nicht nur gesellschaftliche Institutionen, sondern auch wissenschaftliche Begriffe und Theorien und letztlich auch die Ergebnisse der auf ihnen beruhenden Forschung sozial konstruiert seien. Diese These ist gleichbedeutend damit, dass jeglicher Begriff von Wahrheit oder zumindest von Fakten aufgegeben wird.

Die Evidenz für diese Sichtweise ist nicht zuletzt durch die Beobachtung von Forschungsprozessen geliefert worden: Verfolgt man die Entwicklung eines bestimmten Projekts von der ersten Formulierung der Forschungsfrage bis zur abschließenden Veröffentlichung der Ergebnisse, finden sich in den Diskussionen der Forscherinnen und Forscher, in den Bedingungen ihrer Forschung und den Entscheidungen über die Wahl von Instrumenten oder Materialien viele Zufälligkeiten beziehungsweise Situationen, in denen diese Entscheidungen keiner Zwangsläufigkeit unterliegen. Daraus wird der Schluss gezogen, die aus diesem Prozess hervorgegangenen Ergebnisse seien „sozial konstruiert“. Von dieser These zu derjenigen, wissenschaftliche Fakten seien letztlich beliebig konstruierbar – eine vielfach vertretene Vereinfachung –, ist es ein kleiner Schritt.

In der Breitenwirkung des Sozialkonstruktivismus wird denn auch die Wurzel des Postmodernismus gesehen. Es ist eine offene Frage, ob die Entstehung des gegenwärtig bereits als „postfaktisch“ bezeichneten Diskurses insofern eine Verbindung zum Postmodernismus hat, als dieser erst jetzt in der allgemeinen Öffentlichkeit angekommen ist. Ob die Leugnung wissenschaftlich gesicherter Fakten sich mit der hier skizzierten erkenntnistheoretischen Diskussion begründen lässt, ist allerdings klar negativ zu beantworten, denn diese bleibt der Suche nach einer Begründung der Wahrheit verpflichtet.

Kleine Soziologie des „wahren Wissens“

Insofern als die Vermutung des Ursprungs der Wahrheit von essenzialistischen Erklärungen immer weiter zu den sozialen Prozessen rückte, in denen sie durch Interaktion, Diskurs, Debatte und Konsens unter den Wahrheitssuchenden hervorgebracht wird, handelt es sich auch bei Wahrheit im Sinne wissenschaftlich gesicherter Fakten also um soziale „Konstruktionen“. Das rechtfertigt aber nicht den Schluss, sie seien beliebig veränderbar, nur relativ und deshalb nicht bindend oder handlungsrelevant. Diesen Fehlschluss zieht, wer kein Verständnis der spezifischen sozialen „Natur“ von Fakten und ihrer Entstehung hat, wer die Widerständigkeit sozialer Tatsachen leugnet. Daher gilt es, näher zu betrachten, wie Fakten „konstruiert“ werden, und wie sich gesichertes Wissen zu ungesichertem verhält. Wie wird Wissen gesichert und kommuniziert, um schließlich als „wahres Wissen“ zu gelten?

Prinzipien wissenschaftlicher Wissensproduktion

Obgleich es zwischen den einzelnen wissenschaftlichen Disziplinen tief greifende Unterschiede bei der Geschwindigkeit der Wissensproduktion, den Formen der Qualitätssicherung und den Kommunikationsformen gibt, ähneln sie sich doch stark hinsichtlich der Prinzipien, nach denen sie operieren. Diese umfassen die Offenlegung der eigenen Forschung, eine systematische Skepsis gegenüber den Wahrheitsbehauptungen anderer Wissenschaftler und gegebenenfalls deren Überprüfung ohne Rücksicht auf das Ansehen der Person oder andere Interessen.

Natürlich kann wie etwa in der Militärforschung hinter verschlossenen Türen neues Wissen produziert werden. Dann können sich die Urheber ihres Wissens jedoch erst sicher sein, wenn es den Praxistest besteht. Nur allgemeine Zugänglichkeit und die vorbehaltlose Prüfung durch kompetente Fachkolleginnen und -kollegen können Vertrauen in das produzierte Wissen schaffen. Denn wenn diese Prinzipien befolgt werden, gilt das durch sie erzeugte Wissen als objektiv. Objektivität des Wissens genießt in unserer Gesellschaft einen sehr hohen Wert: Es dient als Referenz für die Klärung von Interessenkonflikten und begründet das Vertrauen, das wiederum notwendige Voraussetzung für die Arbeitsteilung und damit für den Fortschritt in der Wissenschaft ist. Andernfalls müsste jeder Wissenschaftler alles Wissen selbst überprüfen, bevor er mit neuen Forschungen beginnen könnte.

In Verbindung mit dem Ansehen eines Wissenschaftlers hat dieses Vertrauen eine wichtige Steuerungsfunktion. Das Ansehen, das ein Wissenschaftler in seiner Fachgemeinschaft genießt, also die Wertschätzung durch seine Kollegen, ergibt sich aus der Bewertung seiner Forschungsleistung. Je relevanter und origineller sie ist, desto höher ist auch das Ansehen des Forschers und desto häufiger die Bezugnahme anderer Wissenschaftler auf seine Arbeit. Seinen Ergebnissen wird vertraut, andere bauen auf ihnen auf und tragen so dazu bei, dass dieses spezifische Wissen als gesichert gilt. Im Ruf eines Wissenschaftlers spiegelt sich also die Vertrauenswürdigkeit seiner Forschungsergebnisse, die wiederum für die Gesellschaft bedeutsam ist, weil diese sich – ohne spezielle Sachkenntnis zu haben – auf sie verlassen können muss. Entsprechend geächtet ist daher Betrug.

Praxis wissenschaftlicher Wissensproduktion

Wie wirken die genannten Prinzipien im Prozess der Wissensproduktion im Hinblick auf die „Konstruktion“ wissenschaftlichen Wissens? Die Relevanz von Forschungsfragen ist Gegenstand von Aushandlungsprozessen innerhalb der jeweiligen Fachgemeinschaft und wird beispielsweise durch die Begutachtung von Forschungsanträgen entschieden. Dann beginnt die eigentliche Forschung: die Wahl der geeigneten Methoden und Instrumente, die Experimente und Beobachtungen, die anschließende Auswertung der gesammelten Daten.

Die Präsentation von Forschungsergebnissen ist immer an Interpretationen gebunden, die sodann Gegenstand inner- und, obgleich seltener, außerwissenschaftlicher Debatten sind. Weitere Bewertungen erfolgen sowohl auf einschlägigen Fachkonferenzen als auch in Fachzeitschriften. Über die Veröffentlichung entscheiden Fachkollegen als Gutachter, und auf publizierte Artikel kann die gesamte Fachgemeinschaft reagieren, sei es durch die Überprüfung der Experimente, sei es durch neue Interpretationen der Daten, deren Bestätigung oder Infragestellung auf Grundlage anderer Versuchsreihen oder Beobachtungen. Auf diese Weise werden nach und nach Unsicherheiten aufgehoben und unhaltbare Befunde und Interpretationen verworfen.

Dieser Prozess ist nie abgeschlossen, zum einen, weil die Antworten auf Fragen zugleich immer neue Fragen aufwerfen, die Forschung also – sofern entsprechende Mittel bereitstehen – immer weiter läuft. Zum anderen ist nie auszuschließen, dass die gefundenen Antworten nicht durch eine neue Beobachtung, durch eine neue Entdeckung oder durch neue Interpretationen im Licht anderer Forschungsergebnisse revidiert werden. Forschungsergebnisse sind also nie endgültig. Das bedeutet allerdings nicht, dass die durch die Fachgemeinschaft wissenschaftlich konsentierten Fakten beliebig bestreitbar oder veränderbar wären. Genau das ist der Trugschluss der radikalen Sozialkonstruktivisten.

Wissenschaftlich als gesichert geltende Fakten gelten so lange als „wahr“, bis sie widerlegt werden. Diese Fakten finden Eingang in Lehrbücher, in denen das etablierte und unumstrittene Wissen konserviert und für die Unterrichtung kommender Generationen zusammengefasst ist. Wer die dort aufgeführten wissenschaftlichen Fakten bestreitet, muss gegen die vielen an der „Härtung“ dieser Fakten beteiligten Wissenschaftler und den langen Prozess der Prüfung und Kritik argumentieren. Wer lediglich die Fakten bestreitet, gibt sich selbst der Lächerlichkeit preis – die Diskussion über den menschlichen Anteil am Klimawandel ist ein einschlägiges Beispiel.

Öffentlichkeitswirkung

An eine breite Öffentlichkeit gelangen diese Auseinandersetzungen über die Medien, die sie beobachten und über sie berichten. Dabei verhalten sie sich gemäß ihrer eigenen Operationslogik: Spannung und Sensation sind Nachrichtenwerte. Jede skeptische Stimme ist ihnen eine Meldung wert, weil sie scheinbar das Rennen offen hält. In der Berichterstattung erhält jede Seite die gleiche Aufmerksamkeit, sodass nicht immer eine Differenzierung nach Mehrheit und Minderheit in der wissenschaftlichen Fachgemeinschaft erfolgt. Daher erwecken innerwissenschaftliche Auseinandersetzungen häufig den Eindruck, dass die Wissenschaft zerstritten und ihre Ergebnisse nicht glaubhaft seien. Das gilt umso mehr, wenn es sich um Forschungsthemen handelt, die von großem politischen beziehungsweise öffentlichen Interesse sind – wie eben der Klimawandel. Dann verbinden sich mit bestimmten Positionen in der Auseinandersetzung politische Interessen, etwa in Bezug auf die Regulierung von Schadstoffausstoß. Sind die Forschungsergebnisse nicht absolut sicher, was sie häufig (noch) nicht sind, lassen sie Interpretationen und Anzweiflungen zu: Dann scheint es besonders leicht, die Glaubwürdigkeit der Wissenschaft infrage zu stellen.

Die Komplexität des Prozesses der Wissensproduktion, seine Unabgeschlossenheit und Anfälligkeit für Irrtümer oder gar absichtliche Täuschung sowie die Unzugänglichkeit von außen machen verständlich, weshalb er so häufig missverstanden wird. Das spiegelt sich zum Teil in der Sprache wider, mit der einzelne Aspekte der Wissenschaft beschrieben werden: Innerhalb der Wissenschaft spricht man nicht von „wahrem Wissen“ oder von „Wahrheit“, weil damit eine Endgültigkeit suggeriert wird, die dem Prozess der Wissensproduktion nicht gerecht wird. Wissen gilt immer nur als vorläufig.

Nichtsdestoweniger behalten manche Inhalte von Lehrbüchern ihre Gültigkeit über einen langen Zeitraum, und ganze Generationen orientieren sich an ihnen. In der Öffentlichkeit gilt das als „wahres Wissen“. Es greift also zu kurz, angesichts der selbst auferlegten Zurückhaltung der Wissenschaft, emphatisch von „Wahrheit“ zu sprechen und die Gültigkeit von Wissensbeständen mit dem Hinweis zu bestreiten, dass die Wissenschaftler selbst nicht an die Wahrheit glauben.

Fazit

Die Fragen, auf die Leugner von Fakten eine Antwort geben müssen, lauten: Woran orientieren sie ihr Handeln? Wie stellen sie sich eine Einigung vor, wenn sich widerstreitende Argumente nicht unter Bezug auf Evidenzen lösen lassen? Es gibt derzeit keinen vertretbaren Gesellschaftsentwurf, der von der Funktion gesicherten Wissens als Basis von Konsensfindung absehen würde. Ganz im Gegenteil: Evidenzbegründung ist nach wie vor Prinzip der Politik sowie der Beilegung oder Vermeidung von Konflikten, die sich aus widersprüchlichen Meinungen ergeben.

Die inzwischen immer lauter werdende Kritik an der Verbreitung von Falschmeldungen über die sozialen Medien deutet nicht darauf hin, dass die Gesellschaft viel Freude am „Postfaktischen“ hätte. Vielmehr scheint sich ein Gefühl der Desorientierung, des Betrogenseins zu verbreiten. Die Gesellschaft hat also eine Vorstellung von gesichertem Wissen, von Fakten und warum es wichtig ist, sie von Fakes zu unterscheiden. Tatsächlich gilt die Wissenschaft trotz zunehmender Skepsis gegenüber gesellschaftlichen Institutionen nach wie vor als vertrauenswürdige Institution.

Ihr kritisches Potenzial macht die Wissenschaft zu einer Säule der Demokratie. Alle modernen Demokratien gewähren unter den Grundrechten die freie Meinungsäußerung und die Freiheit der Wissenschaft. Letztere wird zwar nicht überall explizit in den Verfassungen erwähnt, sondern leitet sich etwa aus der Pressefreiheit ab. Beide Freiheiten sind wichtige Mechanismen der Machtkontrolle: Die Freiheit der Meinung schützt den Einzelnen vor staatlicher Willkür, wenn er sich kritisch äußert, und sichert zugleich die kritische Funktion der Presse. Die Freiheit der Wissenschaft schützt die Wissenschaftler vor staatlicher Willkür, wenn sie politisch unliebsame Forschungsergebnisse publizieren. Meinungen können jedoch nicht gegen Forschungsergebnisse ausgespielt werden, sondern finden an diesen ihre Grenze.

Fußnoten

1. Vgl. Daniel Bell, The Coming of Post-Industrial Society, New York 1973; Gernot Böhme/Nico Stehr, Knowledge Society, Dordrecht 1986; Robert E. Lane, The Decline of Politics and Ideology in a Knowledgeable Society, in: American Sociological Review 5/1966, S. 649–662.

2. Siehe auch den Beitrag von Perta Kolmer in dieser Ausgabe (Anm. d. Red.).

3. Vgl. Nicholas Rescher, The Coherence Theory of Truth, Oxford 1973.

4. Vgl. Karl Popper, Logik der Forschung, Tübingen 1934.

5. Vgl. Thomas S. Kuhn, The Structure of Scientific Revolutions, Chicago 1962.

6. Vgl. Ernan McMullin, A Case For Scientific Realism, Berkeley–Los Angeles–London 1984, S. 8–40.

7. Vgl. Umberto Maturana/Francisco Varela, El arbòl del conocimiento, Santiago de Chile 1984.

Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz „CC BY-NC-ND 3.0 DE – Namensnennung – Nicht-kommerziell – Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland“ veröffentlicht. Autor: Peter Weingart für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de. 24.3.2017. Online-URL: https://www.bpb.de/apuz/245215/wahres-wissen-und-demokratisch-verfasste-gesellschaft
http://wuestegarten.de/wahres-wissen-und-demokratisch-verfasste-gesellschaft/

„Wie könnt ihr es wagen!“ Teil 2

Das Töten ungeborener Kinder wird in der Bibel abgelehnt, auch wenn es kein Verbot expressiv verbis gibt; wer dies anders sieht, muss nachweisen, warum Abtreibung nach biblischen Grundsätzen kein Mord sein soll.
Auf den ersten Blick scheint die Abtreibungsfrage für Christen leicht zu beantworten sein. Die Bibel untersagt Mord; Abtreibung ist Mord; also ist Abtreibung verboten. So wird das Abtreibungsverbot ja von vielen Christen mit gerade einmal einem Hinweis auf die Zehn Gebote begründet. Doch angesichts der Wichtigkeit des Themas und der Intensität der Debatten sollte sorgfältiger argumentiert werden muß. Die Bibel beantwortet nicht alle Fragen zum Thema und klärt manche Dinge auch nicht völlig, doch die grundlegende Botschaft ist klar.
Der Ehrlichkeit halber sollte eingestanden werden, dass das Mordverbot in der Bibel nicht eindeutig auf das ungeborene Kind ab dem Zeitpunkt der Zeugung angewandt wird. Es kann aber positiv völlig klar ausgesagt werden: Das ungeborene Kind ist ein Geschöpf Gottes; Gott hat daher in jedem Fall ein ‘Mitspracherecht’, was sein Schicksal betrifft; es ist ein lebendes Geschöpf, und zur Achtung vor dem Leben und Lebensschutz hat die Bibel viel zu sagen; und es ist menschliches Leben. Der Mensch ist Ebenbild Gottes, was ihn unter besonderen Schutz stellt, denn das Verbot des Mordes wird mit der Ebenbildlichkeit des Menschen begründet (Gen 9,6).
In der gesamten Bibel wird unterstrichen, dass nicht nur (geborene) Kinder, sondern auch schon die Leibesfrucht ein Segen ist (Ps 127,3; 128,3.6; Gen 49,25; Dt 7,13; 28,4). Kinder haben im Mutterleib eine Beziehung zu Gott (Ps 51,5; 58,4; 71,6; 139,13–16; Job 31,15; Jes 44,2.24; Jer 1,5; Ri 13,5.7; Lk 1,15.41); Kinder in der Gebärmutter werden genauso bezeichnet wie die geborenen Personen (Gen 25,22; 38,27f; Job 1,21; 3,3.11f; 10,18f; 31,15; Jes 44,2.24; 49,5; Jer 20,14–18; Hos 12,3), bis hin zur Zeugung (Ps 51,5). Vielfach wird die personale Kontinuität  des Lebens vor und nach der Geburt ausgesagt (David: Ps 139,13; Jer 1,5; Johannes d.T.: Lk 1,24.26). Interessant ist außerdem, dass die Tötung anderer Menschen bei Selbstverteidigung, Landesverteidigung oder in der Todesstrafe erlaubt werden. Nirgends hat Gott jedoch irgendeiner Instanz das Recht verliehen, ungeborene, völlig unschuldige Kinder zu töten. Eltern dürfen nur in begrenztem Maße züchtigen; keinerlei Kindestötung wie bei Römern (s.u.) wurde erlaubt.
John Frame faßt daher zusammen: „Es gibt keine Stelle in der Schrift, die auch nur im entferntesten aussagt, dass das ungeborene Kind von der Empfängnis an in irgendeiner Weise weniger als ein Mensch ist.“ Die Hauptfrage ist auch hier die der Beweislast. Frame: „Alle Stellen in der Hl. Schrift, die irgendetwas zum Thema aussagen, bekräftigen den Schutz des ungeborenen Kindes; keine Stelle reduziert diesen Schutz ausdrücklich. Wir geben zu, dass die Schrift nicht ausdrücklich sagt, wieviel Schutz das Kind verdient; müssen wir aber nicht annehmen, dass das Kind maximalen Schutz verdient, bis jemand etwas anderes biblisch belegen kann?… An welchem Punkt [in der Entwicklung des Kindes] schenken wir ihm nicht mehr die hohe Achtung, die es in Gottes Augen hat? An welchem Punkt entscheiden wir uns für weniger als maximalen Schutz?“ (Bericht einer Kommission der Orthodox Presbyterian Church zur Abtreibung aus dem Jahr 1972, in: Frame, Medical Ethics)
Auch wenn daher die Bibel die Abtreibung nicht expressiv verbis verbietet – Christen und Juden waren sich (bis ins 20. Jahrhundert) praktisch alle einig, dass sie abzulehnen ist, und dies aus guten Gründen. Die klassische christliche Position wurde von evangelischen wie katholischen Christen vertreten. Dietrich Bonhoeffer (1906–1945): „Mit der Eheschließung ist die Anerkennung des Rechts des werdenden Lebens verbunden, als eines Rechtes, das nicht in der Verfügung der Eheleute steht. Ohne die grundsätzliche Anerkennung dieses Rechtes hört eine Ehe auf Ehe zu sein… Die Tötung der Frucht im Mutterleib ist Verletzung des dem werdenden Leben von Gott gegebenen Lebensrechts. Die Erörterung der Frage, ob es sich hier schon um einen Menschen handele oder nicht, verwirrt nur die einfache Tatsache, daß Gott hier jedenfalls einen Menschen schaffen wollte und daß diesem werdenden Menschen vorsätzlich das Leben genommen worden ist. Das aber ist nichts anderes als Mord.“ (Ethik)
Papst Johannes Paul II (1920–2005): „…die vorsätzliche Abtreibung ist, wie auch immer sie vorgenommen werden mag, die beabsichtigte und direkte Tötung eines menschlichen Geschöpfes in dem zwischen Empfängnis und Geburt liegenden Anfangsstadium seiner Existenz … Getötet wird hier ein menschliches Geschöpf, das gerade erst dem Leben entgegengeht, das heißt das absolut unschuldigste Wesen, das man sich vorstellen kann: es könnte niemals als Angreifer und schon gar nicht als ungerechter Angreifer angesehen werden!“ (Evangelium vitae, 58)
Und besonders streng meinte Mutter Teresa (1910–1997): „… nur Gott kann über Tod und Leben entscheiden… Darum ist die Abtreibung eine so schwere Sünde. Man tötet nicht nur Leben, sondern stellt sein eigenes Ich über Gott. Und doch entscheiden Menschen, wer leben und wer sterben soll. Sie wollen sich selbst zum allmächtigen Gott machen. Sie wollen die Macht Gottes in die eigenen Händen nehmen. Sie möchten sagen: ‘Ich kann ohne Gott fertig werden. Ich kann entscheiden. ’ Die Abtreibung ist das Teuflischste, was eine menschliche Hand tun kann…“ (zit. bei Stott, Das Abtreibungsdilemma, in: Christsein in den Brennpunkten unserer Zeit, Bd. 4)
Mutter Teresa hat recht, aber man muß zur Erläuterung wohl ein paar Sätze hinzufügen. Der Mensch muß und kann in manchen Situationen entscheiden, Menschen zu töten (z.B. im Verteidigungsfall). Doch dieses Mandat hat Gott selbst dem Menschen übergeben. Unter gewissen, von Gott vorgebenen Umständen darf der Mensch töten. Ein von Gott verliehenes Recht zur Tötung vorgeburtlichen Lebens ist dagegen nirgendwo und niemals von Gott erteilt worden (einzige Ausnahme ist für die allermeisten Theologen die Gefährung des Lebens der Mutter, doch hier handelt sich um eine Abwägungsfrage, die so auch sonst in ethischen Problemen auftaucht; dank des medizinischen Fortschritts sind diese Fälle aber sehr selten geworden).
Der Schutz von Kleinkindern und Ungeborenen gehört zum Kern der jüdisch-christlichen Kultur. Der Vorwurf, die Verschärfung der gegenwärtigen Abtreibungspraxis sei unzivilisiert, ist aus historischer Perspektive Unsinn.
Von Befürwortern einer liberalen Abtreibunsgpraxis (auch den moderaten) ist in den Diskussionen immer wieder ein Vorwurf zu hören: Verbote jeder Art seien „unzivilisiert“, will sagen: entsprechen ganz und gar nicht dem Geist unserer Zeit, gehören einer längst überwundenen Epoche an. Der Begriff „Zivilisation“ Teil der Strategie der semantischen Aufladung (wie z.B. die penetrant wiederholte Rede vom „Recht auf Abtreibung“). A. M. Pavilionienė [langjähriges litauisches Parlamentsmitglied der Sozialdemokraten und bekannte Frauenrechtlerin] ist darin natürlich Meisterin, wenn sie z.B. meint, der Gesetzesentwurf [zum weitgehenden Verbot aus dem Jahr 2008] „würden Litauen ins finstere Mittelalter zurückwerfen“. Andere Stimmen, die den Spieß umdrehen, sind selten zu finden. Tomas Tomilinas [seit 2016 im Parlament] schreibt:
„In Litauen wird die Abtreibung immer noch durch eine fast sowjetische Anordnung des Gesundheitsministers geregelt, d.h. in einer Reihe von medizinischen Regeln, die bestimmen, wie und wann eine einfache Operation medizinisch korrekt durchgeführt werden soll. Aber kann der Entzug des Lebens eines gezeugten Kindes rechtlich gleichbedeutend mit dem Beseitigen von Muttermalen und der Amputation von Gliedmaßen sein? Ich denke, wenn wir in einem zivilisierten Land leben wollen, ist diese Situation unerträglich.“ („Atgimimas“, 5/2008)
Zweifellos lebten die Griechen und Römer auf einer relativ hohen Zivilisationsstufe. Ihre Errungenschaften in Staatsführung, Wissenschaft, Militär, Philosophie und Mathematik waren herausragend. Eine der größten Schwächen ihrer Kulturen war jedoch eine sehr hierarchisch und nach Klassen strukturierte Gesellschaft. Nur eine Minderheit besaß alle Bürgerrechte (und von civis, lat. Bürger, leitet sich ja auch Zivilisation ab!); ein allgemeiner Schutz von Menschenrechten – überhaupt dieser Begriff – war unbekannt. Dies führte dazu, dass Sklaven, Kriegsgefangene, Gladiatoren – und eben auch kleine Kinder – äußert willkürlich und unmenschlich behandelt werden konnten.
Ein Neugeborenes wurde bei den Griechen nicht automatisch als Person geachtet. Es mußte erst vom Familienvater in einer Zeremonie aufgenommen werden, was meist fünf Tage nach der Geburt geschah (amphidromia, wörtlich „Umlauf“); es folgte eine Feier am zehnten Tag nach der Geburt. Der Kindesaussatz war weit verbreitet, und dies aus verschiedensten Gründen (Geschlecht, Kinderzahl, wirtschaftliche Lage usw.). Diese „Findlinge“ (anairetoi) wurden häufig von Sklavenhändlern aufgesammelt und zu Sklaven herangezogen. Kindestötung und Abtreibung galt auch bei den Römern nicht als Mord.
Auch der wohl größte Philosoph aller Zeiten, Platon, hatte nicht viel übrig für einen Schutz kleiner Kinder, im Gegenteil. In Der Staat heißt es: „Nach unseren Ergebnissen müssen die besten Männer mit den besten Frauen möglichst oft zuasmmenkommen, umgekehrt die schwächsten am wenigsten oft; die Kinder der einen muss man aufziehen, die anderen nicht, wenn die Herde möglichst auf der Höhe bleiben soll“ (459d–e). Für seinen Idealstaat schuf Plato neuartige ‘Paarungsvorschriften’; die ‘Entsorgung’ von unerwünschtem Nachwuchs folgte aber nur der griechischen Tradition: „Sie übernehmen die Kinder der Tüchtigen und bringen sie in eine Anstalt zu Pflegerinnen, die abseits in einem Teil des Staates wohnen; die Kinder der Schwächeren oder irgendwie mißgestaltete verbergen sie an einem geheimen und unbekannten Ort, wie es sich gehört“ (460c). Die Möglichkeit einer Abtreibung nennt der Philosoph an einer Stelle: „Wenn aber Frauen und Männer das Zeugungsalter überschritten haben, dann lassen wir die Männer ungehindert verkehren, mit wem sie wollen… Und dies alles erst, nachdem wir ihnen befohlen haben, eine Frucht womöglich überhaupt nicht austragen zu wollen, wenn sie empfangen ist; wird sie aber trotzdem geboren, dann ist sie so zu behandeln, als ob für ein solches Kind keine Pflege vorhanden wäre“ (461b/c).
„Der Spiegel“ schreibt über die Zustände in der Antike: „Arme Leute – 90 Prozent des Volkes – konnten es sich einfach nicht leisten, mehrere Kinder durchzubringen. Seneca hielt das Ertränken von Neugeborenen, vor allem von Mädchen, aber auch von schwachen Babys, deshalb für ebenso vernünftig wie üblich. Der US-Archäologe Lawrence E. Stager machte in der [hellenistischen] Hafenstadt Askalon [in Palästina] im Abwasserkanal unter einem Badehaus einen schrecklichen Fund: Im Müll lagen annährend hundert Säuglinge. Sie waren gleich nach der Geburt in die Kanalisation geworfen worden.“ (13/2008)
Mit der Ausbreitung des Christentums begann sich die Situation radikal zu ändern. Der (atheistische) Historiker W.E.H. Lecky: „Kaum jemand zeigte in der Antike gegenüber der Abtreibungspraxis irgendwelche besonderen Gefühle… Die Sprache der Christen dagegen war von Anfang an völlig anders. Mit gradliniger Konsequenz und mit strengem Nachdruck lehnten sie diese Praxis ab, bezeichneten sie nicht nur als inhuman, sondern als eindeutigen Mord.“ (History of European Morals) So heißt es schon in der Didache im frühen 2. Jhdt.: „Du sollst nicht Gift mischen, du sollst nicht das Kind durch Abtreibung töten.“ Und im Barnabas-Brief aus derselben Zeit: „Töte das Kind nicht durch Abtreibung, noch töte das Neugeborene“. Bei allen großen Kirchenvätern finden sich Sätze, die die Abtreibung verurteilen. Augustin erlaubte die Abtreibung nur, um das Leben der Mutter zu retten.
Der (jüdische) Publizist H. Stein schildert, wie Kaiser Konstantin, der erste Christ auf dem Thron des Römischen Reiches, „das wichtigste Menschenrecht des freien Römers abschaffte: die potestas vitae necisque [das Recht über Leben und Tod].“ Weiter schreibt er: „Die Gebildeten bewundern heute – mit Recht – die Philosophie der Griechen, sie bestaunen die Architektur der alten Ägypter, schwärmen von der Höflichkeit der Chinesen, vergöttern die Stronomie der Babylonier und rühmen die römische Staatskunst. Darüber wird leicht vergessen, daß all diese Hochkulturen völlig bedenkenlos den Kindesmord als Mittel der Geburtenkontrolle anwandten. Es gab in der ganzen Antike nur ein Volk, bei dem es als Verbrechen galt, ungewollte Säuglinge zu töten – das waren die Juden.“ (Mose und die Offenbarung der Demokratie)
Die Christen übernahmen von den Juden den schon im AT begründeten Respekt vor dem Leben.  Konstantin stellte den Kindesmord unter strenge Strafe, ordnete aber auch finanzielle Hilfe für diejenigen an, die ausgesetzte Kinder versorgten – ein erstes Kindergeld. Stein: „Mit solchen Bestimmungen errichtete der große Konstantin eine unsichtbare Scheidewand, eine Mauer um die Feste Zion: Hinter ihr lag die judäochristliche Zivilisation, davor befand sich die übrige, die heidnische Welt.“
Der allgemeine Konsens unserer westlichen, europäischen und christlichen Zivilisation war jahrhundertlang, bis ungefähr zur Mitte des 20. Jahrhunderts, der Strenge Schutz des ungeborenen menschlichen Lebens. Dieser Konsens drückte sich noch ein letztes Mal in der Erklärung von Genf des Weltärztebundes aus dem Jahr 1948 aus. Dort heißt es: „Ich werde den allergrößten Respekt für das menschliche Leben vom Zeitpunkt der Empfängnis an bewahren“. Dieser Artikel wurde 1984 geändert; 2005 verschwand die Empfängnis schließlich ganz. Ein neuer Konsens hatte sich durchgesetzt.
Pavilioniene und andere sollten daher ehrlich sein und die Dinge beim Namen nennen:  Ein liberales Abtreibungsrecht entspricht überhaupt nicht unserem traditionellen zivilisatorischen Erbe; es befindet sich in der Tradition der griechisch-römischen Zivilisation und muß fast 2000 Jahre überspringen. Wer ehrlich ist, sagt klar: dies ist pures Heidentum, und das ist uns lieber als der Gott der Juden und Christen mit seinen kleinlichen Vorschriften. Auch hier sehen wir wieder, daß es letztlich um die Wahl zwischen Religionen und Weltanschauungen geht. Und es zeigt sich mal wieder, wie schnell die Erinnerung an die eigene Geschichte verschüttet werden kann – mit entsprechenden Folgen.
Doch die Geschichte geht weiter. Der frühere deutsche Verfassungsrichter Udo DiFabio: „Was wäre eigentlich – nur ein provokatives Gedankenexperiment – wenn man die heute im gesamten Westen ohnes großes Aufheben durchgeführten, in jedem Jahr in die Millionen gehenden Abtreibungen in einer zukünftigen Zeit mit einer etwas anders gewichtenden Werteordnung als schweres Verbrechen an der menschlichen Gattung verstünde? Was wäre, wenn nach dem kulturellen Sieg einer solchen Auffassung uns Zeitgenossen von heute entgegengehalten würde, wir hätten diesen doch leicht erkennbaren Verstoß gegen universelles, für alle Menschen geltendes Recht sehen und ihm entgegentreten müssen?“ (Die Kultur der Freiheit) Holger Lahayne http://lahayne.lt/2020/09/28/wie-konnt-ihr-es-wagen/
Teil 1 https://bibelkreismuenchende.wordpress.com/2020/09/29/wie-konnt-ihr-es-wagen/

Viele Christen verstehen den Neomarxismus nicht

Viele Christen verstehen den Neomarxismus nicht, erklärt Os Guinness, dessen Buch „The Dust of Death“ nun neu aufgelegt wird. 2020 ist in gewisser Weise eine Wiederkehr von 1968: Proteste, Gewalt, politischer Extremismus. Damals griff Rudi Dutschke die Ideen von Herbert Marcuse und der Frankfurter Schule auf. Der klassische Marxismus hatte nicht funktioniert, die Revolte der Arbeiterklasse blieb aus. Deshalb kam es zu einer Weiterentwicklung der Gedanken von Antonio Gramsci und man forderte den langen Marsch durch die Institutionen. Die Spaltung der westlichen Welt geht laut Guinnes zurück auf die unterschiedlichen Konzepte der Französischen Revolution von 1789 auf der einen, und der Amerikanischen Revolution von 1776 auf der anderen Seite. Während die Amerikanische Revolution auf biblischen Grundlagen ruhte und zu nie zuvor gekannter Freiheit für den Einzelnen führte, war die Französische Revolution dezidiert anti-christlich und versuchte Gleichheit autoritär durchzusetzen. Diese Gedanken wurden z.B. in der Russischen Revolution 1917 und in China unter Mao weiter radikalisiert. Aber auch heutige Trends wie der Postmodernismus, political correctness und die sexuelle Revolution gehen auf die Französische Revolution zurück.Der Neomarxismus, auch westlicher Marxismus oder Kulturmarxismus genannt, ist anders als der Sowjetkommunismus. Zentral ist die Kritische Theorie mit ihrer Denkvoraussetzung, dass Gott tot sei und alles, was übrig bleibt, ein Ringen um politische Macht ist. Die Kritische Theorie liefert das Handwerkzeug, um Machtverhältnisse zu analysieren. Die Welt wird in Unterdrücker und Unterdrückte unterteilt. Die Opfer, denen man vorgibt, zu helfen, sind letztendlich nur eine Waffe in der politischen Auseinandersetzung. Die Gefahr dieser politischen Theorie besteht darin, dass es viele Überschneidungen mit jüdisch-christlichen Anschauungen gibt. Auch Christen sind gegen Unterdrückung und Ausbeutung, gegen Sklaverei und Rassismus. Der große Unterschied liegt in der Antwort auf diese Probleme. Der Einsatz für Freiheit und gegen Ungerechtigkeit ist ein biblisches Konzept. Gerade viele junge Christen fallen dann auf die neomarxistischen Slogans von ’sozialer Gerechtigkeit‘ usw. herein. Sie erkennen nicht, dass es sich um einen in christliche Sprache gekleideten Neomarxismus handelt, der zu einem autoritärem Machtkampf ohne Ende führt. Woher kommt diese Entwicklung? Wahrscheinlich fehlt vielen die historische Bildung. Auch gibt es unter Christen in Deutschland eine gewisse, gut gemeinte, pietistische Naivität in Bezug auf politisches Denken. Man möchte sich nicht mit weltlichen Dingen wie Philosophie und politischer Theorie beschäftigen und wird dann davon beeinflusst, ohne es zu merken.youtube.comOs Guinness On „The Dust of Death: The Sixties Counterculture and How It Changed America Forever.“Os Guinness returns to the program to talk about, „The Dust of Death: The Sixties Counterculture and How It Changed America Forever,“ a book that specificall…
Conrad Heide FB

Der Anspruch auf die Wahrheit ist selbst schon politisch unkorrekt

Der Anspruch auf die Wahrheit ist selbst schon politisch unkorrekt, weil man ihm unterstellt, die Gleichberechtigung des anderen nicht anzuerkennen. Damit wird aber auch die Toleranz bedeutungslos, denn sie muss einen Grund haben, der nur in der Achtung der Würde des anderen bestehen kann. Dazu gehört, ihm die Wahrheitsfähigkeit zuzusprechen. Nichteinmischung im Meinungsstreit ist keine Toleranz – Gleichgültigkeit vor der Meinung des anderen bedeutet, ihn nicht ernst zu nehmen. Robert Spaemann  
Quelle: In einem Interview des Hamburger Magazins „Spiegel“

Die Königin des Feminismus

Die Königin des Feminismus

Ein alter Beitrag aus dem Jahr 1999, geschrieben für das litauische Journal „Prizmė“.
Eine Vorkämpferin der modernen Frauenbewegung, des Feminismus, war sie nicht. Die Frauenfrage war nicht ihr Hauptthema. Aber seid ihrer Jugend haßte Simone de Beauvoir die bürgerlich-patriarchalische Gesellschaft und lebte jahrzehntelang in einer ‘modernen’ offenen Beziehung, die beispielgebend für viele Feministinnen wurde. Zur Königin des Feminismus machte sie schließlich ihr gewaltiges Werk Das andere Geschlecht aus dem Jahr 1949 [dt; Orig: Le deuxième Sexe; wörtlich: Das zweite Geschlecht] – bis heute wohl die umfangreichste und intelligenteste Total-Analyse der Situation der Frau.
Simone de Beauvoir wurde 1908 in Paris als Tochter eines Juristen geboren. Von ihrer Mutter wurden sie und ihre jüngere Schwester streng katholisch erzogen und auf eine konfessionelle Schule geschickt, doch Simone trat eher in die Fußtapfen des agnostischen Vaters. Schon als Heranwachsende lehnte sie bald jeden Gottesglauben ab – und behielt diese Auffassung bis zum Lebensende: „Es war mir leichter, eine Welt ohne Schöpfer zu denken, als einen Schöpfer, der mit allen Widersprüchen der Welt beladen war.“ (Christiane Zehl Romero, Simone de Beauvoir, 1998, S. 18) Mit dem Gottesglauben verwarf sie auch praktisch alle anderen bürgerlichen Werte. Was blieb war ihr beeindruckender Fleiß, ein einfaches, strenges Leben und – nicht zuletzt – ihre Sucht (so muß man es wohl schon nennen) nach Literatur.
Aus den gesellschaftlichen Zwängen brach man damals noch nicht so leicht aus – die Eltern de Beauvoir bestimmten die Studienfächer der Tochter: erst Philologie, dann Philosophie, was natürlich die Interessen Simones genau traf. Mit dem Studium gelang dann endlich der Ausbruch aus der Welt der Mutter. Allerdings gründete die junge Intellektuelle keinen eigenen Haushalt, im Gegenteil. Sie lehnte sich nicht nur gegen den Glauben der Mutter, sondern gegen deren ganze Daseinsform auf. In ihrer Autobiographie schreibt de Beauvoir: „Eines Tages half ich Mama beim Geschirrspülen; sie wusch die Teller, ich trocknete ab; durchs Fenster sah ich die Feuerwehrkaserne und andere Küchen, in denen Frauen Kochtöpfe scheuerten oder Gemüse putzten. Jeden Tag Mittagessen, Abendessen, jeden Tag schmutziges Geschirr! Unaufhörlich neu begonnene Stunden, die zu gar nichts führen – würde das auch mein Leben sein?… Nein, sagte ich mir, während ich einen Tellerstapel in den Wandschrank schob, mein eigenes Leben wird zu etwas führen.“ (Zehl Romero, S. 22)
Nur nicht in das Mühlrad der Hausfrau gelangen, so lautete de Beauvoirs Devise – ihr Leben lang. Im „anderen Geschlecht“ spiegelt sich dieser Haß auf die Hausarbeit gleich mehrfach wider: „Nur wenige Tätigkeiten haben so sehr den Charakter einer Sisyphusarbeit wie die der Hausfrau. Tag für Tag wird Geschirr gespült, Staub gewischt, Wäsche geflickt, um die Dinge am nächsten Tag wieder schmutzig, staubig und zerrissen vorzufinden. Die Hausfrau verschleißt ihre Kräfte, indem sie auf der Stelle tritt. Sie macht nichts: sie verewigt lediglich die Gegenwart. Sie hat nicht den Eindruck, etwas Gutes zu erobern, sondern endlos gegen das Böse anzukämpfen… Waschen, bügeln, fegen, Wollmäuse unter den Schränken aufstöbern heißt den Tod aufhalten, das Leben jedoch verweigern… Die Frau ist nicht berufen, eine bessere Welt zu errichten… Es ist ein trauriges Los, immerfort einen Feind aus dem Feld schlagen zu müssen, statt positive Ziele zu verfolgen.“ (Das andere Geschlecht, S. 555–557)
Schon als Heranwachsende stand für de Beauvoir fest, daß sie ein anderes Leben führen wollte: „Kinder zu haben, die ihrerseits wieder Kinder bekämen, hieß nur das ewig alte Lied wiederholen; der Gelehrte, der Künstler, der Schriftsteller, der Denker schufen eine andere, leuchtende, frohe Welt, in der alles seine Daseinsberechtigung erhielt. In ihr wollte ich meine Tage verbringen; ich war fest entschlossen, mir darin einen Platz zu verschaffen.“ (Zehl Romero, S. 22) De Beauvoir blieb diese Vorsatz treu und kannte immer nur ein großes Ziel: eine berühmte Schriftstellerin werden. Sie entfloh dem Hausfrauendasein „zwischen animalischem Leben und freier Existenz“, um in der aristokratischen Welt der Intellektuellen der „Wahrheit, Schönheit und der Freiheit“ zu huldigen. Irgendwie schien es de Beauvoir nicht aufgefallen zu sein, daß auch sie sich die Arbeit der ach so niedrigen Frauen in den Wäschereien, Cafés, Restaurants und Hotels gern gefallen ließ (erst 1954 zog sie in eine eigene Wohnung, vorher lebten sie und Sartre in Hotels). Daß es im Haushalt so etwas wie Kreativität und Erfüllung als Mensch wenigstens geben kann, blieb natürlich meilenweits jenseits von de Beauvoirs ideologisch verengten Horizont.
Während des Studiums lernte de Beauvoir Jean-Paul Sartre kennen. Die junge Studentin erkannte in dem zwei Jahre Älteren sogleich ihren „Doppelgänger“ und vertraute ihm rückhaltlos. Beide spekulierten anfangs zwar durchaus einmal mit dem Gedanken an Heirat, einigten sich aber bald auf den Abschluß eines „Paktes“: Man wollte ‘zusammen’ leben und dann nach zwei Jahre neu über eine mögliche Fortsetzung der Beziehung entscheiden. Die totale Offenheit ließ sich natürlich nicht lange durchhalten – das Modell einer dauerhaften, aber offenen Lebengemeinschaft setzte sich schließlich durch. Besonders Sartre wollte nicht auf seine „Zufallslieben“ verzichten. Und de Beauvoir fürchtete die Selbstauflösung in einer Ehe.
Neben der Hausarbeit galt der Ehe de Beauvoirs lebenslanger Kampf. Sie lehnte sie nicht nur persönlich für sich ab, sondern verwarf die Institution als solche, was einige vielsagende Passagen aus dem „anderen Geschlecht“ illustrieren: „Man sagt – oft mit Recht –, daß die Ehe den Mann schrumpfen läßt. Aber fast immer vernichtet sie die Frau.“ (S. 605) „Nicht die Individuen sind verantwortlich für das Scheitern der Ehe. Die Institution selbst ist… zum Scheitern angelegt. Zu erklären, daß ein Mann und eine Frau… einander auf Lebenszeit in jeder Hinsicht genügen müssen, ist eine ungeheuerliche Anmaßung, die zwangsläufig Heuchelei, Lügen, Feindschaft und Unglück erzeugt.“ (S. 608) „Ökonomisch gesehen ist die Situation der Prostituierten mit der einer verheirateten Frau vergleichbar… Für die eine wie für die andere ist der Geschlechtsakt ein Dienst. Die zweite wird auf Lebenszeit von einem einzigen Mann engagiert, die erste hat mehrere Kunden, die sie nach Leistung bezahlen.“ (S. 701) Und über die Ehe am Lebensende: „Erst am Ende ihres Lebens… findet die alte Frau gewöhnlich zu einer heiteren Gelassenheit. Da ihr Mann meist älter ist als sie, wohnt sie seinem Niedergang mit stiller Genugtuung bei. Das ist ihre Rache. Wenn er als erster stirbt, erträgt sie diese Trauer wohlgemut.“ (S. 746)
In den 30er Jahren arbeitete de Beauvoir als Lehrerin, in den 40ern machte sie durch erste Veröffentlichung auf sich aufmerksam und wurde auch als Partnerin Sartres als des Kopfes des französischen Existentialismus bekannt. Ihr wichtigstes literarisches Werk wurden Die Mandarins von Paris (Les Mandarins) von 1954, wofür sie den Literaturpreis Prix de Goncourt erhielt. Fünf Jahre zuvor erschien ihr berühmtestes und bis heute bekannteste Buch, Das andere Geschlecht. Auf fast 1000 Seiten entfaltet de Beauvoir darin ein umfangreiches Panorama der Situation der Frau. Geradezu ehrfurchtgebietend ist die ungeheure Materialfülle – es scheint auch wirklich nichts zu geben, wovon die Schriftstellerin nicht Ahnung hätte: gekonnt variiert sie ihr biologisches, physiologisches, historisches, psychologisches, philosophisches und literarisches Wissen, wie einen riesigen unbekannten Kontinent durchfährt sie „die Frau“ (noch ganz unfeministisch gebraucht sie nie die 1. Person Plural „wir“!).
Philosophischer Ausgangspunkt des Werks ist der damals top-moderne Existentialismus ihres Partners Sartre. Er unterschied zwischen dem „An-sich-Sein“ und dem „Für-sich-Sein“. Ersteres ist das in der Gegenwart verhaftete, unbewußte Sein, letzteres meint das durch Bewußtsein bestimmte Sein des Menschen. Dieser ist ein Sein, das sich durch einen Entwurf auf die Zukunft hin überschreitet. Bei de Beauvoir heißt es in einem Essay, daß der Mensch ein „Entwurf des Ichs auf anderes hin, eine Transzendenz“ ist. Noch deutlicher sagt sie es in der Einleitung des „anderen Geschlechts“: „Unsere Perspektive ist die der existentialistischen Ethik. Jedes Subjekt setzt sich durch Entwürfe konkret als eine Transzendenz. Es verwirklicht seine Freiheit nur durch deren ständiges Überschreiten auf andere Freiheiten hin.“ (S. 25) Mit einfacheren Worten: Der Mensch ist nicht in erster Linie definiert durch seine Biologie, er ist das, wozu er sich in seiner Freiheit entwirft, er ist das – noch banaler ausgedrückt –, was er aus sich macht. In Bezug auf die Frau kommt de Beauvoir daher zur ihrer Hauptthese, daß man nicht als Frau zur Welt kommt, sondern zur Frau wird: „Nun sind die angeprangerten Verhaltensweisen der Frau nicht durch Hormone zudiktiert, und sie sind auch nicht in den Speichern ihres Gehirns enthalten: sie sind aufgrund ihrer Situation in ihr angelegt.“ (S. 747)
Der Gegenbegriff zur Transzendenz ist bei de Beauvoir die Immanenz. Die Frau „suhlt sich in der Immanenz“. Gemeint ist damit das Hängen am Gegenwärtig-Irdischen, die ‘unwirkliche’ Arbeit, und konkret wieder das Dasein in Haushalt und als Mutter. So heißt es ganz existentialistisch im „anderen Geschlecht“: „Die Wohnung, die Ernährung sind zwar nützlich für das Leben, verleihen ihm aber keinen Sinn. Die unmittelbaren Zwecke des Hausfrau sind nur Mittel, keine wirklichen Ziele, und in ihnen spiegeln sich nur anonyme Entwürfe.“ (S. 563) Und noch deutlicher: „Was die Frau im Haushalt tut, verlieht ihr also keine Autonomie. Ihre Arbeit ist der Gemeinschaft nicht unmittelbar nützlich, sie weist auf keine Zukunft hin, sie produziert nichts. Sie erhält ihren Sinn und ihre Würde nur, wenn sie in Existenzen eingeht, die sich in einer produktiven Arbeit oder Tätigkeit auf die Gesellschaft hin überschreiten.“ (S. 567)
De Beauvoir fordert daher die ökonomische Unabhängigkeit der Frau ohne die die bürgerlichen Freiheiten abstrakt bleiben, denn „solange der Mann die ökonomische Verantwortung für das Paar bewahrt, ist diese Gleichheit Illusion“ (S. 608), „allein die Arbeit kann ihr eine konkrete Freiheit garantieren.“ (S. 841) Den Sozialismus-Marxismus sah sie in diesem Kontext natürlich sehr positiv wegen der Vergesellschaftung der Erziehung und der quasi-Arbeitspflicht der Frauen: „Jeder Sozialismus begünstigt, indem er die Frau aus der Familie herauslöst, ihre [der Frau] Befreiung.“ (S. 155).
Dummerweise bleibt trotz allem Existentialismus die menschliche Biologie. Offensichtlich konnte sich de Beauvoir nie in irgendeiner Weise mit der Mutterschaft anfreunden (sie bekam auch selbst nie ein Kind, adoptierte nur als alte Frau eine erwachsene Tochter): „Der fundamentale Grund, der die Frau seit Urzeiten zur Hausarbeit verurteilt und ihr die Teilnahme an der Gestaltung der Welt verbietet, ist ihr Unterworfensein unter die Gebärfunktion.“ (S. 163) Die verdammte „Gebärfunktion“! Kein Wunder, daß sie für Zeugung, Schwangerschaft und Geburt auch nicht ein einziges positives Wort in ihrem dicken Buch findet und sich vielmehr so ausdrückt: „Eine aus ihrem Fleisch geborene und ihrem Fleisch doch fremde Geschwulst wird Tag für Tag in ihr heranwachsen. Sie ist eine Beute der Spezies, die ihr ihre geheimnisvollen Gesetze aufzwingt…“ (S. 632) Forderungen nach freier Abtreibung, künstlicher Befruchtung und staatlicher Erziehung überraschen da nicht mehr. Nach dem Motto: Leider brauchen wir die nächste Generation – aber bitte nicht zu meinen Lasten!
20 Jahre nach Erscheinen des Buches hatte der Existentialismus viel von seiner Bedeutung verloren, doch Simone de Beauvoir wurde mit der neuen Frauenbewegung erst zu einem Idol. In der ganzen Welt blickten die Frauen nun zu ihr auf. Denn diese Frau hatte es in den Augen der jungen Feministinnen geschafft: ein erfolgreiches, unabhängiges und unbürgerliches Leben in einer ‘funktionierenden’ offenen Beziehung. Und ihre Forderungen nach ökonomischer Unabhängigkeit und Geburtenkontrolle jeder Art fielen Ende der 60er Jahre auf fruchtbaren Boden. Nun erst stellte sich de Beauvoir ganz auf die Seite der Feministinnen und initiierte z.B. mit anderen die Aktion „Ich habe abgetrieben“ („J’ai aborteé“), in der sich prominente Frauen öffentlich zur einer (damals illegalen) Abtreibung bekannten.
Simone de Beauvoir starb sechs Jahre nach ihrem Lebensgefährten Sartre 1986. Ohne Zweifel gilt ihr als wohl intelligenteste Vertreterin der Frauenbewegung auch heute noch hoher Respekt. Ob ihr aristokratisches Leben als Vorbild für die normale Frau von heute gelten kann, ist sicher fraglich. An ihrer Grundthese (Frau ist man nicht, zur Frau wird man) läßt sich sicher auch wahres entdecken, doch die Wissenschaft hat die Schriftstellerin hier eindeutig widerlegt. Ablehnung von Ehe, Mutterschaft und Hausarbeit hat de Beauvoir den nachfolgenden Generation mit auf den Weg gegeben – genausowenig konstruktiv wie ihre einfach nicht vorhandene Selbstkritik. Erst letzteres hätte die so belesene und allwissende zu einer großen Denkerin gemacht. Tags: de Beauvoir, Ehe und Familie, Feminismus, Sartre
Holger Lahayne
http://lahayne.lt/2020/09/18/die-konigin-des-feminismus/

Selbst-Interview: Gehörst du auch zu diesen Hinterwäldler-Kreationisten? – Hanniel

Kürzlich fand eine gut besuchte Konferenz zur Schöpfungstheologie kreatikon 2019 statt. Die Vorträge sind onlineidea.de berichtete davon. In den sozialen Medien haben sich “progressive Christen” ausgetobt. Ich habe mir einige Fragen zu meiner eigenen Überzeugung gestellt.

Darf man das Paradigma (noch) anzweifeln?

Die Naturwissenschaft ist nach wie vor der Hauptgötze für alles, was das öffentliche Leben betrifft. Das erlebe ich im Alltag mit meinen Kindern. Deren Kollegen gehen selbstverständlich von einer festen Grösse «Naturwissenschaft» aus, die «alles» zu erklären vermag. Dieses Bild transportieren die Medien. Wir sind es uns gewohnt, ihre Begründungsmuster auf andere Fachbereiche zu übertragen.

Wissenschaft lebt doch vom Widerspruch.

Ich bin der Letzte, der meine Augen vor der Schöpfung meines Vaters verschliessen will. Jedoch weiss ich um meine Beschränkung und – noch viel mehr – meinen Eigenwillen durch die Sünde.

Genau da verlassen wir die Grenze naturwissenschaftlicher Erkenntnis und betreten die Sphäre des Glaubens. Bist du unfähig diese Unterscheidung zu treffen?

Die Moderne ist von einer Zweiteilung gekennzeichnet. Da wird zwischen dem öffentlichen und privaten Raum unterteilt. In theologischen Begriffen ausgedrückt: Gnade ist von der Natur getrennt.

Die Methoden in der Beobachtung der Natur und in der Erforschung der Bibel unterscheiden sich. In beiden Bereichen handelt es sich jedoch letztlich um Glaubensannahmen, spätestens wenn es um das Woher und das Weshalb geht. Der heutige Stand ist schlicht: Die Natur hat die Gnade verschlungen. Es gibt jedoch nur einen Herrn der gesamten Wirklichkeit.

Ist das nicht peinlich, Vertreter der Schöpfungstheologie zu sein?

Das ist meines Erachtens der Hauptgrund für viele Christen in einer schamorientierten Gesellschaft, ihre Position zu wechseln. Nur keine Minderheitsposition vertreten! Scham lässt immer auf Gruppendruck bzw. eine abweichende dominante Leitidee schliessen. (Das bedeutet nicht, dass ich «Märtyrertum» liebe und absichtlich eine exotische Position vertrete.)

Ist das nicht düsteres Mittelalter?

Ich frage zurück: Wer hat dein Bild des Mittelalters geprägt? Wohl die Lehrbücher der Schule? Das Mittelalter ging von einem offenen Universum aus. Ich bin überzeugt, dass viele Menschen aus dem Mittelalter uns heute sagen würden: Moderne? Gruselig. Ich meine damit nicht nur die Betonbauten und die Grossstädte. Ich meine das geschlossene Weltbild und die verheerenden Folgen missbrauchter Technologie. Am deutlichsten wird das Gruselige im Mord an ungeborenen Kindern.

Gehörst du auch zu denen mit fundamentalistischem Bibelverständnis?

Der Begriff Fundamentalismus ist diffus. Es bedeutet Bindung an eine externe Autorität. Daran kommt jedoch kein Mensch vorbei. Jeder Mensch trifft Glaubensaussagen, zumindest gelebte.

Der Befund ist einfach überwältigend.

Es ist überwältigend, wie das gesamte öffentliche Leben ein Paradigma internalisiert hat. Schulbücher, Museen, Dokumentarfilme – wir sind von klein auf «indoktriniert». Dabei gibt es drei Ebenen der Wahrnehmung. Zuerst das konkrete Einzelereignis, z. B. einen Knochenfund. Dann die Einordnung in ein Gesamtes. Innert Sekunden entsteht in einem Dokumentarfilm ein braunes Riesentier. Das ist jedoch eine Modellierung. Drittens die weltanschaulichen Vorannahmen, die es steuern: Vor x Jahren… Letztlich stossen wir stets auf diese dritte Ebene vor. Wir Menschen können gar nicht anders, als nach den Zusammenhängen zu fragen!

Man muss doch Evolutionismus und Atheismus voneinander trennen.

Ich glaube nicht, dass dies das richtige Vorgehen ist nach über 100 Jahren, in denen die Metaphysik – also die Frage nach Gott und dem Sein – verpönt war. Atheismus war nicht nur Treiber in der Forschung der letzten Jahrzehnte (übrigens im Gegensatz zu früheren Jahrhunderten, in denen gerade der christliche Glaube der Antrieb für zahllose Erfindungen war). Unsere inneren Einstellungen sind auf «Atheismus» programmiert. Wir leben im Alltag so, wie wenn es Gott nicht geben würde.

Auf welche Experten verlässt du dich?

Das ist eine der wichtigsten Frage. Welches Argument hat dich am Ende überzeugt? Welche Person(en) trugen dazu bei? Die Komplexität eines Modells sagt noch nichts über richtige Vorannahmen aus. Die Wissenschaftler sind unsere Priester. Kein Wunder werden die Redner einer Schöpfungskonferenz verächtlich hinterfragt. Sie haben nicht die Weihen der öffentlichen Mehrheit empfangen.

Du willst doch nicht allen Ernstes sagen, dass Kurzzeit-Kreationismus plausibel sei.

“Plausibilität” ist abhängig von der vorgelagerten Plausibilitätsstruktur. Diese ist nun mal dominant naturalistisch eingefärbt. Das hat ein Teilnehmer der Diskussion schön ausgedrückt: «Eine Geschichte mit magischen Bäumen und einer sprechenden Schlange ist natürlich viel plausibler.» Wir gehen mit unseren unbewusst naturalistisch geprägten Vorannahmen an den Bibeltext heran. Auf diese Weise werden wir niemals beim Schöpfungsbericht bleiben. Nach Genesis 2 kommt Genesis 3.

Wurde der Kurzzeit-Kreationismus in der Theologiegeschichte nicht schon lange vorher angezweifelt?

Das ist richtig. Schon die Kirchenväter, welche mit der griechischen Philosophiegeschichte vertraut waren, äusserten den Gedanken der Entwicklung. Viele Theologen haben während Jahrhunderten über der Frage gerungen.

«Ich finde es oft quälend, wenn der großartige Hymnus der Schöpfung (1. Mose 1) mit Gewalt in eine Art kümmerliche Naturgeschichte gepresst und gegen die Naturwissenschaft ins Feld geführt wird. Wir sollten in den Hymnus einstimmen und die Menschen überzeugen, dass er sie zutiefst betrifft. Am Anfang schuf Gott die Welt und am Ende wird er Frieden schaffen. Warum soll ich mir da diese Gefangenenkugel des Kreationismus ans Bein binden?» Wie liest du die Schöpfungsberichte?

Die vergangenen Jahrzehnte waren in der Theologie von der Erforschung der unterschiedlichen Genre geprägt. Dafür bin ich sehr dankbar. Gegenwärtig müssen wir darauf achten, nicht von der anderen Seite vom Pferd zu fallen. Vor lauter Betonung der Vielfalt sollten wir nicht die Einheit des Textes übersehen. Genesis 1 ist tatsächlich kunstvoll und theologisch intentional angeordnet. Für reine Poesie reicht es jedoch nicht – und schon gar nicht für einen mythologischen Bericht. Es geht um einen Schöpfer, der diese Wirklichkeit aus dem Nichts hervorgebracht hat.

«Es steht doch nichts da, wie er geschaffen hat. Die Evolutionstheorie beschreibt einen Vorgang, durch den sich das geschaffene Leben entwickelt hat, vom Einzeller über den Mehrzeller bis zu so hochspezialisierten Geschöpfen wie wir Menschen es sind. Warum sollte Gott diese Entwicklung nicht gesteuert haben?»

Die Bibel berichtet, dass Gott sprach und es dastand (Psalm 33) und dass er das Nichtseiende hervorgerufen hat (Römer 4). Die ersten Kapitel stellen uns den ersten Menschen als erwachsenen, entscheidungsfähigen Menschen vor. Da ist kein Platz für Leben durch Tod. Ohne Metaplan des Evolutionismus käme man nie auf den Gedanken einer langsamen Entwicklung!

Was hältst du von der Lückentheorie?

Es ist ein möglicher Ansatz, der mich exegetisch jedoch nicht überzeugt. Manchmal wird eingewendet: «Der Mensch kann sich vermutlich gar nicht vorstellen wie viel ‘Zeit’ Gott hat.» Einzelne haben die Idee von Arbeitstagen Gottes. Das kann man jedoch gerade so gut umkehren: «Der Mensch kann sich gar nicht vorstellen, wie schnell Gott Verhältnisse ändern kann.»

Es gibt doch viele bibeltreue Theologen, die auch an die Evolution glauben.

Das ist richtig. Timothy Keller ist einer der bekanntesten. Auch wenn ich viel von ihm profitiert habe, vermag er mich mit seinen exegetischen Argumenten nicht überzeugen. In dieser Hinsicht spricht er einfach wie ein Grossstädter des 21. Jahrhunderts. Ich würde jeden Theologen fragen, wer ihn in seiner Entscheidung letztlich beeinflusste und was sein «Wendepunkt-Erlebnis» in dieser Hinsicht war.

Weiterlesen: In der Buchbesprechung “Der Streit um den Anfang” habe ich verschiedene Ansätze einander gegenüber gestellt.

Von Mathias · Veröffentlicht Juni 29, 2020 · Aktualisiert Juni 29, 2020
Original veröffentlicht am  von Hanniel.ch mit freundlicher Genehmigung.
https://www.wortzentriert.at/cat-unterscheidung/weltanschauung-und-kultur/selbst-interview-gehoerst-du-auch-zu-diesen-hinterwaeldler-kreationisten-hanniel/

Schadet die Bibelwissenschaft dem Glauben?

In den vergangenen Jahren bin ich mehrfach Leuten begegnet, die ganz begeistert von Worthaus-Konferenzen zurückgekehrt sind.1 Einige dieser Besucher erklärten mir unverblümt, dass sie die biblizistischen Predigten in ihren Heimatgemeinden leid sind. So wie Peter, dem es schwer viel, überhaupt noch zuzuhören, wenn ein Bruder auf der Kanzel stand und nur das wiederholte, was jeder Leser sowieso im Bibeltext vorfand.2 „Bei Siegfried Zimmer habe ich endlich mal was Neues gehört“, schwärmte er. „Der nimmt die Bibel auch sehr ernst. Aber er gräbt tiefer und berücksichtigt die Kultur, in der die Texte entstanden sind. Dieser Mann ist nicht nur ein glänzender Rhetoriker, er legt die Schrift wissenschaftlich und relevant aus“, teilte mir Peter mit einem gewissen Stolz mit. Dann wollte er wissen, was ich von Siegfried Zimmer halte.
Siegfried Zimmer bin ich bis heute persönlich nicht begegnet. Worthaus-Vorträge hatte ich freilich schon gehört. So bestätigte ich, dass Zimmer ein wortgewaltiger Redner ist, der seine Hörer in den Bann zieht und manchmal kräftig gegen andere austeilt. Zu seiner Sicht auf die Heilige Schrift konnte ich auch etwas sagen, denn sein Buch Schadet die Bibelwissenschaft dem Glauben?3 habe ich gelesen. Also fing ich an, zu berichten, was ich dort entdeckt habe. Einiges davon will ich auf den folgenden Seiten erzählen. Ich weiß, dass ich manchem Leser damit viel abverlange.
Wenn Bibelwissenschaft Bibelkritik meint
Der evangelische Pädagoge und Theologe Prof. Dr. Siegfried Zimmer plädiert für ein Bibelverständnis jenseits von radikaler Kritik und Bibelgläubigkeit. Mit geradezu missionarischem Eifer versucht er seit vielen Jahren, evangelikale Christen vom Nutzen der Bibelwissenschaft zu überzeugen. Was soll auch schlecht sein an der Bibelwissenschaft? Sollen wir nicht alle gründlich und nachvollziehbar die Bibel studieren?
„Wenn Zimmer von Bibelwissenschaft spricht, meint er eigentlich Bibelkritik, denn beide Begriffe bezeichnen für ihn ‚das Gleiche‘.“
Würde Zimmer für eine methodisch sorgfältige und nachprüfbare Schriftauslegung werben, würde er bei vielen – mindestens bei mir – offene Türen einrennen. Doch wenn Zimmer von Bibelwissenschaft spricht, meint er eigentlich Bibelkritik, denn beide Begriffe bezeichnen für ihn „das Gleiche“ (S. 147). Das Wort „Bibelkritik“ meidet er im nichtwissenschaftlichen Gespräch aus strategischen Überlegungen. Er möchte nicht unnötig verunsichern. Gemeint ist mit Bibelwissenschaft jedoch ein kritischer Umgang mit der Bibel in „positiver Absicht“. „Der entscheidende Schritt, um dieses Ziel zu erreichen, heißt: Die Bibel erst einmal aus ihrer Zeit heraus verstehen zu lernen“ (S. 146). Um dieses Ziel zu erreichen, müsse die Bibel traditionskritisch, kirchenkritisch, dogmenkritisch, frömmigkeitskritisch und selbstkritisch gelesen werden (vgl. S. 146). Neuzeitliche Methoden wie die Literarkritik oder die Redaktionskritik sollen helfen, die eigentliche Botschaft der Texte für die Leser von heute verständlich zu machen.4
Obwohl sich Zimmer von überzogenen Ansprüchen der historisch-kritischen Methode abgrenzt und vor einer Absolutsetzung der Gegenwartsvernunft warnt, setzt er eine unkritische Bibelhaltung mit Wissenschaftsfeindlichkeit gleich. Er greift hierbei auf die schon von Johann Semler (1725–1791) eingeführte Unterscheidung zwischen Heiliger Schrift und Wort Gottes zurück. Da die biblischen Texte geschichtlich gewachsen sind, müssen sie nach Semler auch mit historischen Methoden untersucht werden. Unterschiedliche Überlieferungsvarianten, Widersprüche, Spannungen und Irrtümer seien aufzudecken, um dahinter das Bleibende zu finden. Denn die Bibel ist nicht Gottes Wort, sondern sie enthält Gottes Wort. Semler suchte in der Bibel nach dem, was „aufgeklärten“ Menschen verständlich bleibt, nach einem „Kanon im Kanon“.
Ganz ähnlich behauptet Zimmer, dass jeder, der die Heilige Schrift mit dem Wort Gottes gleichsetzt, ein fundamentalistisches Bibelverständnis vertritt (vgl. S. 25). Eine fundamentalistische Sicht der Bibel habe etwa jeder, der meine, Adam und Eva seien die ersten Menschen gewesen (vgl. S. 25). Da uns die moderne Wissenschaft etwas anderes lehre, dürfe die Urgeschichte nicht mehr historisch gedeutet werden.
Nach Zimmer müssen wir deshalb zwischen einem geschichtlichen Ereignis („Welt der Geschichte“) und seiner „späteren mündlichen oder schriftlichen Darstellung“ („Welt der Bibel“) unterscheiden. Die Offenbarungsereignisse selbst dürften nicht kritisch betrachtet werden. Die „schriftliche Darstellung von Offenbarungsergnissen darf man aber untersuchen, auch wissenschaftlich und ‚kritisch‘“ (S. 88).
Die Bibel ist für Zimmer dabei ein durch und durch menschliches Buch, geprägt von den Irrtümern und Kulturen ihrer Autoren. Die „Fehler, Spannungen und Widersprüche“ in der Bibel „sind aber keineswegs nur etwas Schlechtes“ (S. 57). Sie veranlassen uns „zum tieferen Nachdenken“ (S. 57). Sie führen uns zu dem „Schatz an grundlegenden Gotteserfahrungen und daraus erwachsenden gemeinsamen Überzeugungen“, zu einer dynamischen und dialogischen Einheit (S. 59).
Wer Jesus gehorcht, liest die Bibel kritisch
Maßstab und Mitte der Auslegung ist nach Zimmer das Ereignis schlechthin: Jesus Christus. Er schreibt: „Wir orientieren uns in der Bibelauslegung an Jesus Christus. Nur wenn wir die Bibel von Jesus Christus her interpretieren, kommt der Vorrang Jesu Christi vor der Bibel auch zur Geltung“ (S. 91). Wir müssen deshalb jedem Bibeltext die Frage stellen: „Entspricht die Aussage dieses Bibeltextes dem Evangelium von Jesus Christus?“ (S. 91). Er schreibt:
„Biblische Texte, die etwas Anderes für richtig halten, als Jesus uns gelehrt hat, dürfen unser Gewissen nicht binden. Das Gottesverständnis Jesu, der Lebensstil Jesu und das Evangelium von Jesus Christus sind für uns der Maßstab, an dem wir alles Andere in der Bibel messen. Dann können wir nicht mehr alle Geschehnisse, die in biblischen Texten auf Gott zurückgeführt werden (…), auf Gott zurückführen. Was wir auf Gott zurückführen können und müssen, entscheidet sich an dem, wie Gott sich in Jesus offenbart hat.“ (S. 91)
Wir lesen folglich die Bibel von Jesus Christus her skeptisch. „Nicht aus Überheblichkeit oder Besserwisserei, sondern aus Gehorsam gegenüber Jesus Christus. Wenn wir von ihm her die Bibel kritisch lesen, stellen wir nicht uns selbst über die Bibel. Wir stellen Jesus Christus über die Bibel“ (S. 92). „Jesus Christus treu zu sein ist wichtiger, als der Bibel treu zu sein … Im Konfliktfall argumentieren wir ohne jedes Zögern mit Jesus Christus gegen die Bibel“ (S. 93).
Jesus ist nicht gleich Jesus
Wir merken hoffentlich, dass sich hier die Katze in den Schwanz beißt. Niemand hat heute unmittelbaren Zugang zu dem geschichtlichen Offenbarungsereignis Jesus Christus. Zeitreisen sind zwar beliebte Themen für Romane oder Filme, im wirklichen Leben kann gleichwohl niemand von uns mal einfach 2000 Jahre zurückspringen und unmittelbar beobachten, was damals passiert ist. Um herauszufinden, wer Jesus ist, sind wir auf die biblischen Überlieferungen angewiesen. Da jedoch diese Urkunden nach Zimmer nur gebrochene Deutungen Jesu Christi überliefern, bleibt uns das entscheidende Kriterium ihrer angemessenen Auslegung unzugänglich.5
Zimmer nimmt zum Beispiel die Selbstzeugnisse von Jesus in den Evangelien nicht einfach als authentische „Herrenworte“ auf, um zu zeigen, wer Jesus ist. Er muss in den Evangelien die echten Worte Jesus erst einmal aufspüren. Das Johannesevangelium hat für ihn etwa nur einen sehr eingeschränkten historischen Wert. Die berühmten sieben Ich-bin-Worte können seiner Meinung keine Sprachbilder des historischen Jesus sein, denn Worte wie „Ich bin das Brot des Lebens“ (Joh 6,35) oder „Ich bin der gute Hirte“ (Joh 10,11) „könnten selbst auf die wohlwollendsten jüdischen Zuhörer nur einen grotesken und bizarren Eindruck“ gemacht haben (S. 206). Es handelt sich nach Zimmer bei diesen Sprüchen um Zuschreibungen durch die nachösterliche Gemeinde. Die Jünger hätten Jesus diese Worte in den Mund gelegt. Obwohl sie unhistorisch seien, gebrauche der Heilige Geist sie, um zur christlichen Gemeinde zu reden (vgl. S. 187–208).
Was Zimmer vermeiden möchte, nämlich dass wir etwas anderes als Christus zum Beurteilungsmaßstab der Bibel machen, tritt hier notwendig ein: Da wir nicht sicher wissen können, was Jesus tatsächlich gelehrt hat, wird ein von Menschen konstruierter Jesus zum Maßstab unserer Bibelauslegung. Wir lesen die Bibel nicht von dem uns in ihr bezeugten, sondern von einem Jesus her, den wir uns vorher zurechtgelegt haben.
War Jesus der „Sohn des Menschen“?
An einem Beispiel, das von Professor Zimmer selbst stammt, will ich das illustrieren. In dem Vortrag „Der Prozess vor Pilatus (MK 15, 1–15)“, den er am 10. Juni 2019 in Tübingen gehalten hat, unterscheidet er genau in diesem eben erörterten Sinn zwischen dem Jesus der Geschichte und dem Christus des Glaubens. Auch hier setzt er also voraus, dass der historische Jesus nicht der Jesus ist, von dem die Evangelien (besonders das Johannesevangelium) oder die nachösterlichen Paulusbriefe erzählen. Zimmer sagt:
„Gehört bitte nicht zu den Christen, die gleich den Flatterich kriegen, wenn ich sage: Jesus war vielleicht selber der Überzeugung, dass er selber gar nicht der Menschensohn ist, dass das ein späterer christlicher Eintrag war, dass er aber über das Kommen und was da geschieht verblüffend Bescheid weiß. Was man mindestens sagen kann: Jesus wusste sich mit dem Menschensohn sehr fest verbunden. Das auf jeden Fall. Aber ob er sich selber als Menschensohn gesehen hat, lassen wir mal offen. […] Ich gehe mal davon aus, dass Jesus kein Hellseher war, er hat kein Orakelwissen gehabt. Meint ihr, dass Jesus alle Details, alles klar war? Er ist schon ein normaler Mensch, bitte! Jesus hat schon einen messianischen Anspruch gehabt, aber wie viele messianische Ansprüche gab es? […] Ich glaube erst einmal, dass für Jesus Titel sowieso gar nicht das Wichtigste sind. Er hat überhaupt nie mit Titeln groß gearbeitet. […] In einem Mitarbeiterheft für tausende von Sonntagsschulmitarbeitern hat eine Frau einen Artikel über Jesus geschrieben, den habe ich einmal zufällig gelesen. Da schreibt die Frau so einen kleinen Steckbrief „Wer war Jesus?“: „Jesus war der Gottessohn und der Retter der Welt. Er kam, um zu sterben und er hat viele Wunder getan und konnte übers Wasser laufen.“ Das schreibt eine Frau für tausende von Mitarbeitern in der Sonntagsschule. Da muss ich fast kotzen. Ich kann’s nicht anders sagen. Also alles gleich Titel, er war der Sohn Gottes (was stellt sich ein 7-jähriger unter Sohn Gottes vor?), Retter der Welt, also alles nur Titel, ein Titelgeklapper. Ich habe dann dem Vorstand von diesem Verlag geschrieben: Sie könnten doch mit gleicher Buchstabenzahl … sagen: „Jesus war aufmerksam für die Armen, er schätzte die Frauen höher als es damals üblich war und er liebte die Kinder. Das ist doch Millionen mal mehr als dieses Titelgeklapper. Und wenn die Titel dann nicht kommen, dann werden die Leute ganz unruhig.“6
Dazu gäbe es sehr viel zu sagen. Einige Beobachtungen möchte ich kurz herausstellen:
Erstens fällt auf, dass Zimmer dazu neigt, die Jesus in den Evangelien zugeschriebenen Hoheitstitel wie „Sohn Gottes“, „Messias“ oder „Menschensohn“ als nachösterliche Eintragungen zu lesen. Obwohl er sonst gern betont, wie wichtig die wissenschaftliche Herangehensweise ist, erwähnt er mit keinem Wort, dass die neutestamentliche Forschung an dieser Stelle zu äußerst unterschiedlichen Ergebnissen kommt.7
Betrachten wir zweitens den Befund zum Titel „Messias“ bzw. „Christus“, so fällt auf, das dieser während Jesu Wirken in Galiläa noch keine Rolle spielt, sondern, von den Einleitungen in die Evangelien abgesehen, im Petrusbekenntnis erstmalig erwähnt wird (vgl. Mt 16,13–20; Mk 8,27–30 u. Lk 9,18–21). Später ist es genau dieser Jesus, der den Messiastitel für sich in Anspruch nimmt. Das bringt ihm den Vorwurf der Gotteslästerung und letztlich die Verurteilung zum Tode ein. Als er vor dem Hohen Rat vom Hohe Priester gefragt wurde: „Bist du der Messias (griech. „Christus“), der Sohn des Hochgelobten?“, antwortete Jesus (Mk14,62–64; vgl. Mt 26,57–68; Lk 22,54–71):
„Ich bin es! Und ihr werdet den Sohn des Menschen sitzen sehen zur Rechten der Macht und kommen mit den Wolken des Himmels. Der Hohe Priester aber zerriss seine Kleider und spricht: Was brauchen wir noch Zeugen? Ihr habt die Lästerung gehört. Was meint ihr? Sie verurteilten ihn aber alle, dass er des Todes schuldig sei.“
Wir müssen uns hier fragen: Warum wurde Jesus verurteilt, wenn der Grund für seine Verurteilung erst viele Jahre nach seinem Tod in die Evangelien eingetragen wurde? Ist es nicht viel naheliegender, dass sich Jesus tatsächlich zu seiner Sendung bekannte und mit Bezug auf Psalm 110,1 von seiner bevorstehenden Erhöhung bzw. in Anlehnung an Daniel 7,13–14 von seiner Wiederkunft sprach?
Ist drittens in den Evangelien vom „Menschensohn“ die Rede, so ausschließlich in Jesu eigenen Worten (immerhin etwa 80-mal).8 Außerhalb der Evangelien taucht der Titel nur viermal auf, und zwar dreimal in Anspielungen auf das Alte Testament (Hebr 2,6; Offb 1,13; 14,14) sowie einmal, als sich für den Diakon Stephanus der Himmel öffnet und er den Menschensohn zur Rechten Gottes stehen sieht (Apg 7,56).9 Die Tatsache, dass wir nur ein einziges selbstständiges nachösterliches Wort vom Menschensohn haben, widerspricht genau der Annahme, dass Menschensohn „ein erst nachösterliches auf Jesus angewandtes Hoheitsprädikat ist“, meint der Tübinger Neutestamentler Peter Stuhlmacher zu Recht. „Es ist sehr viel wahrscheinlicher“, fährt er fort, dass die „Evangelienüberlieferung einen historischen Befund festgehalten hat“.10
Schließlich gibt es einige Evangelientexte, in denen es Jesus darauf anlegt, zu beweisen, dass er selbst der Menschensohn ist. Nehmen wir exemplarisch Matthäus 9,6, wo Jesus sagt:
„Damit ihr aber wisst, dass der Sohn des Menschen Vollmacht hat, auf der Erde Sünden zu vergeben … Dann sagt er zu dem Gelähmten: Steh auf, nimm dein Bett auf, und geh in dein Haus! Und er stand auf und ging in sein Haus. Als aber die Volksmengen es sahen, fürchteten sie sich und verherrlichten Gott, der solche Vollmacht den Menschen gegeben hat.“
Sagt so etwas jemand, der nicht weiß, ob er der Sohn des Menschen ist? Es braucht schon sehr viel Phantasie, das anzunehmen. Dass Jesus hier seine Vollmacht demonstriert, Sünden zu vergeben, also etwas vermag, was eigentlich nur Gott zusteht, liegt viel näher. Jesus verwendet den Titel, um seinen Dienst auf Erden, sein Leiden und seine Verherrlichung in der Zukunft zu kennzeichnen. Jesus wusste, dass er der Menschensohn ist, der als Gott und Mensch gekommen ist, um sein Leben zur Erlösung für viele zu geben (vgl. Mt 20,28). Der Menschensohn sucht und macht selig, was verloren ist (vgl.
Lk 19,10). Er wird in der Herrlichkeit seines Vaters wiederkommen, um als Zeuge für oder gegen dieses Geschlecht auszusagen (vgl. Lk 8,8ff.; Mt 16,27). „Seine Macht ist ewig und vergeht nicht, und sein Reich hat kein Ende“ (Dan 7,14).
Wie ging Jesus mit der Schrift um?
Aber es gibt noch ein weiteres Problem mit Zimmers Sichtweise. Nach ihm ist Jesus Herr über die Bibel und ist uns deshalb in der Bibelauslegung die maßgebliche Orientierung (S. 91). Nur wenn wir „von ihm her die Bibel kritisch lesen, stellen wir uns nicht selbst über die Bibel“ (S. 92). Aber wie ist Jesus mit dem Alten Testament umgegangen? Zimmer bietet keine überzeugenden Belege dafür, dass Jesus die alttestamentlichen Schriften zum Gegenstand seiner Kritik gemacht hat. Er behauptet zwar, dass alles, was sich nicht mit der Ethik Jesu verträgt, für Christen nicht mehr bindend sei (vgl. S. 91). Er beteuert, das „… und lehret sie halten, was ich euch geboten habe“ aus Matthäus 28,19f. impliziere, dass die Worte Jesu eine höhere Priorität wie die der Rest der Schrift hätten (S. 95). Überzeugen kann das gleichwohl nicht. Jesus ist nicht gekommen, um „das Gesetz oder die Propheten“ zu kritisieren oder „aufzulösen“, „sondern um zu erfüllen“ (Mt 5,17). Für Jesus verfällt nicht „ein einziges Jota oder ein einziges Häkchen“ vom Gesetz, bis Himmel und Erde vergehen (Mt 5,18). Jesus unterscheidet eindeutig zwischen menschlicher Überlieferung und dem Wort Gottes, das Mose im Auftrag seines Herrn gesprochen hatte (vgl. Mt 7,10–13). John Wenham kommt in seiner umfangreichen Untersuchung Jesus und die Bibel zu dem Ergebnis, dass für Jesus Christus die Schriften des Alten Testaments wahr, autoritativ und inspiriert sind und dasjenige, was in ihnen geschrieben steht, Gottes Wort ist.11
Fazit
Ich habe versucht, zu zeigen, dass es gute Gründe dafür gibt, die Bibel anders als Siegfried Zimmer zu lesen. Der Jesus, mit dem er die Heilige Schrift kritisch liest, ist nicht der Jesus der Bibel, sondern ein Jesus, „Der Jesus, mit dem er die Heilige Schrift kritisch liest, ist nicht der Jesus der Bibel, sondern ein Jesus, den er sich ‚zurechtgezimmert‘ hat.“
Wir brauchen nicht mit Jesus gegen die Bibel argumentieren. Jesus glaubte der Schrift. Gemäß neutestamentlicher Darstellung nahm er alttestamentliche Geschichtserzählungen durchweg ernst. Er erwähnt – um nur einige Beispiele zu nennen: Abel (Lk 11,51), Noah (Mt 24,37–39), Abraham (Joh 8,56), Lot und seine Frau (Lk 17,28–32), David (z. B. Mk 2,25; 12,25), Jona (Lk 11,29ff), Naaman (Lk 4,27), Elija (Lk 4,25f) oder Elisa (Lk 4,27). Diese Personen hat es für den Jesus des Neuen Testament wirklich gegeben. Im Blick auf die Hoheitstitel dürfen wir sagen, dass es sehr starke Gründe für die Auffassung gibt, dass Jesus genau wusste, wer er war. Jesus ist nicht zum Menschensohn erhöht worden, weil die nachösterliche Gemeinde ihm den Titel verliehen hat. Jesus ist der Sohn des Menschen, weil das Prädikat seine Verkündigung und sein irdisches Leben trefflich charakterisiert.
Zum Schluss noch ein Hinweis: Jenen Peter, von dem ich eingangs sprach, kann ich in mancherlei Hinsicht trotzdem verstehen. Er leidet darunter, dass wir „Bibeltreuen“ uns es bei der Bibellektüre manchmal zu einfach machen. Die Bibel ist nicht immer leicht zu lesen und zu deuten. Manche Schätze, die sie enthält, sind nur zu heben, wenn wir fleißig graben.12 Was er sich wünscht, nämlich dass wir die Schrift gründlich studieren und dabei herausarbeiten, was ihre Botschaft für uns heute bedeutet, ist ein berechtigtes Anliegen. Bibelwissenschaft in dem Sinn, dass wir gewissenhaft lesen, forschen, und auslegen, brauchen wir. Legen wir los!
1 „Worthaus“ ist ein 2010 gegründeter Verein mit Sitz in Tübingen, der sich das Ziel gesetzt hat, Hochschultheologie für Gemeindegänger zugänglich zu machen. Zu diesem Zweck werden Vorträge in einer Mediathek kostenfrei zur Verfügung gestellt. Meist stammen die Aufzeichnen von selbst veranstalteten Vortragsreihen und Konferenzen, erreichbar unter: URL: https://worthaus.org (Stand: 19.02.2020).zurück
2 Der Name „Peter“ steht hier rein zufällig.zurück
3 Siegfried Zimmer, Schadet die Bibelwissenschaft dem Glauben?, Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 20124. Bei weiteren Zitaten aus diesem Buch nenne ich die Seitenzahlen direkt im Fließtext.zurück
4 Eine dichte Darstellung der kritischen Bibelauslegung ist zu finden in: Ron Kubsch, Sollte Gott gesagt haben, 2016, URL: https://www.evangelium21.net/media/1464/sollte-gott-gesagt-haben (Stand: 23.02.2020).zurück
5 S. Zimmer erkennt diesen Einwand an und versucht, ihn zu widerlegen. Ich glaube jedoch nicht, dass ihm die Entkräftung gelungen ist (vgl. S. 88–90).zurück
6 URL: [https://vimeo.com/381120589,](https://vimeo.com/381120589,#-1) ab Minute 53:12. (Stand: 19.02.2020). Ich verdanke den Hinweis und die Mitschrift Dr. Markus Till, dem ich dafür herzlich danke. Von ihm stammt eine hilfreiche Analyse zur theologischen Arbeit von Worthaus: URL: http://blog.aigg.de/?p=3594 (Stand: 23.02.2020),zurück
7 Es gibt, grob gesprochen, im Blick auf die Hoheitstitel drei Richtungen in der neutestamentlichen Wissenschaft. R. Bultmann oder H. Braun behaupten, der irdische Jesus sei ein einfacher Rabbi oder Prophet gewesen und erst nach Ostern habe man ihn als Messias oder Herrn gesehen. Im Gegensatz dazu haben A. Schlatter, O. Betz (ein Lehrer von S. Zimmer), L. Goppelt, J. Jeremias oder M. Hengel darauf bestanden, dass sich der irdische Jesus als Messias verstanden habe. Eine dritte Gruppe, zu der E. Käsemann, H. Conzelmann oder F. Hahn gehören, schlug einen Mittelweg vor. Sie bescheinigen dem irdischen Jesus messianisches Sendungsbewusstsein, gehen aber davon aus, dass die Hoheitstitel spätere Beifügungen sind. Siehe dazu: Peter Stuhlmacher, biblische Theologie des Neuen Testaments, Bd. 1, 2005, S. 107–109; u. Ulrich Wilckens, Theologie des Neuen Testaments, Bd. 1/2, 2003, S. 25–53.zurück
8Jesus spricht durchweg in der 3. Person vom Menschensohn. Es gibt unterschiedliche Erklärungsangebote dafür, so z. B., dass dahinter eine aramäische Formulierung steckt, bei der ein Sprecher üblicherweise in der dritten Person von sich redet. Ich vermute eher, dass Jesus mit dieser Redewendung sich selbst eine gewisse Zurückhaltung auferlegte. Er zeigt, dass er der Menschensohn ist; zugleich will er, dass nur einige ihn verstehen.zurück
9 Siehe EWNT, Bd. 3, 2011, Sp. 928.zurück
10 P. Stuhlmacher, Biblische Theologie des Neuen Testaments, Bd. 1, 2005, S. 118.zurück
11 J. Wenham, Jesus und die Bibel, 2000, S. 217.zurück
12 Dazu eine Buchempfehlung: N. Beynon u. A. Sach, Tiefer graben, 2019.zurück
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Ron Kubsch ist Studienleiter am Martin Bucer Seminar in München, Dozent für Apologetik und Neuere Theologiegeschichte sowie 2. Vorsitzender und Generalsekretär bei Evangelium21. Er bloggt seit über 12 Jahren unter TheoBlog.de und hat mehrere Bücher veröffentlicht, darunter Die Postmoderne (2007), und Der neue Paulus (2017). Seit 2009 ist er Schriftleiter der Zeitschrift Glauben und Denken heute. Ron ist mit Dorothea verheiratet. Sie haben drei erwachsene Kinder.
Der Artikel erschien zuerst als: „Schadet die Bibelwissenschaft dem Glauben?: Warum ich die Heilige Schrift anders lese als Siegfried Zimmer und die Bibelwissenschaft trotzdem schätze“ in Perspektive, 3/2020, 19. Jg., S. 32–36.
https://www.evangelium21.net/media/2222/schadet-die-bibelwissenschaft-dem-glauben