Wahr – ohne Einschränkung

O-Ton von U-Häftling Paulus: „Ich bekenne, dass ich allem glaube, was geschrieben steht im Gesetz und in den Propheten“ (Apg 24,14).
Eben das bekennen heute viele nicht. Es glauben keineswegs alle alles, was in der Bibel steht. Im Gegenteil: Vom Konfirmanden bis zum Kirchenvorstand, vom Theologieprofessor bis zur Synode hat jeder irgendwo irgendwelche Bedenken gegen irgendwas, das in der Bibel steht, weil es seiner Erfahrung, Erkenntnis, Vernunft oder was weiß ich widerspricht.
Es sind ja heute alle, selbst wenn sie die Bibel nie gelesen haben, viel zu klug und gebildet, um das zu glauben, was da steht. Und da steht Paulus und erklärt: „Ich glaube allem, was geschrieben steht.“
Paulus war immerhin einer der größten Denker der Menschheit. Und da kommt heute jeder Spitzkopf mit seinen paar Jahren Schul- oder Hochschulbildung und wagt es, an der Bibel rumzufummeln und die Weisheit der göttlichen Offenbarung in Frage zu stellen! Paulus war der größte Theologe der Kirche, dem das ganze Heer der modernen Meckerer nicht das Wasser reichen kann. Dieser Geistesriese war sich nicht zu schade, vor seinen theologischen Anklägern und zeitlichen Richtern den geradezu kindlichen Satz zu sagen: „Ich glaube allem, was geschrieben steht im Gesetz und in den Propheten.“
Zu diesem Satz möchte ich mich ausdrücklich auch bekennen.
Nach einer Evangelisation zur DDR-Zeit, bei der sich ein Pfarrer bei der Stasi über meine „primitive Theologie“ lustig machte und sich die Stasi über die Bekehrung junger Menschen foppte, endete der Stasi-Bericht über mich: „Für ihn gilt die Bibel als uneingeschränkt wahr.“ Das war einer der wenigen Sätze in meiner Akte, über den ich mich gefreut habe.
Pfr. Dr. Theo Lehmann, Chemnitz https://www.gemeindehilfsbund.de/fileadmin/user_upload/Aufbruch_3_2019.pdf

Die Bibel verstehen – als Jünger Jesu

Biblische Hermeneutik für Laien

Wer die Bibel verstehen will, sollte es als Jünger Jesu tun. Jesus ist Herr und Mitte der Schrift. Deswegen ergeben sich wichtige Hinweise für die Auslegung der Bibel aus seiner Person und unserem Glauben an ihn.
Die Bibel zeugt von Jesus Christus
Christus lehrt, dass die Bibel von ihm zeugt und vom ewigen Leben, das er gibt (Johannes 5,39): „Ihr sucht in der Schrift, denn ihr meint, ihr habt das ewige Leben darin; und sie ist’s, die von mir zeugt; aber ihr wollt nicht zu mir kommen, dass ihr das Leben hättet.“
„Sie ist´s, die von mir zeugt.“ Nach Jesu Worten ist die Bibel ein ausgestreckter Zeigefinger, der auf ihn weist. Das ist Ihr wesentlicher Zweck. Luther hat deswegen gefragt: „Nimm Christus aus der Schrift, was wirst Du sonst noch in ihr finden?“ (WA 18, 609, 29)
Die Schrift als Richterin unseres Denkens
Stellen Sie sich einen Bibelabend vor zu Markus 2,1-12. Es handelt sich um die Geschichte, in der vier Männer ihren gelähmten Freund durch das aufgegrabene Dach zu Jesu Füßen herablassen. Es ist ein interessanter Zug dieser Geschichte, dass nirgendwo vom Glauben des Gelähmten berichtet wird, nur von dem seiner Freunde. Der Gelähmte spricht auch während der ganzen Erzählung nicht ein Wort. Nun vergibt Jesus diesem Mann seine Sünden – einfach so, ohne Gespräch, ohne einleitende Worte. Sofort denken viele: Sündenvergebung hat zur Voraussetzung, dass der Sünder bereut und um Vergebung bittet. Also wird es auch hier so gewesen sein.
Nur: In dieser Geschichte steht nichts davon.
Wir wollen die Schrift mit unseren Systemen meistern – und verlieren sie dabei. Aber die Schrift lesen, sitzend zu Jesu Füßen, bedeutet, wirklich ihr Schüler zu bleiben! Es bedeutet, dass ich stets damit rechnen muss, dass vor ihr auch meine scheinbar so guten Denk-Systeme keinen Bestand haben.
Kein Text ohne Kontext
Jesus lebte, handelte und lehrte in Kontexten, nie losgelöst davon. Worte und Taten Jesu werden dann deutlich, wenn wir ihren Kontext mithören. Ein Beispiel: In den Seligpreisungen werden diejenigen seliggepriesen, „die arm sind im Geist“. Machen wir uns klar, dass die Juden für die Endzeit die Ausgießung des Geistes erwartet haben (Joel 3,1-5). Diese Hoffnung gehörte zu ihrem religiösen Kontext. Und weiter, dass Jesus mit Jesaja 61,1-3 beansprucht, der zu sein, der den Geist besitzt und bringt. Diese Stelle war bekannt und sie wurde auf den Messias hin ausgelegt. Er spricht denen die Verheißung des Geistes zu, die am Mangel des Heiligen Geistes leiden.
Sind wir Schüler Jesu, dann müssen wir uns auf das Hören von Kontexten einstellen, auch in unserem Umgang mit der Schrift.
Der Glaube an die Bibel
In Jugendkreisen (und nicht nur dort) kann einem die Frage begegnen, ob man denn alles glauben müsse, was in der Bibel steht. Nun verlangt Jesus von uns, wenn er Glauben verlangt, nichts anderes als bedingungslose Hingabe an ihn. Gilt das dann nicht ebenso von der Heiligen Schrift, gerade dann, wenn wir sie mit Blick auf ihn lesen wollen?
Nun müssen wir genau hinschauen. Meine Vermutung ist, dass viele Menschen nicht genau unterscheiden zwischen Glauben als einem „Für-wahr-Halten“ und Glauben als „Hingabe“. Die Bibel unterscheidet hier sehr wohl (Jakobus 2,19): „Du glaubst, dass nur einer Gott ist? Du tust recht daran; die Teufel glauben’s auch und zittern.“
Die Wahrheit will angeeignet sein, nicht nur für wahr gehalten, sondern verstanden und beherzigt werden.
Glaube ist durchaus ein Für-wahr-Halten, aber eben auch noch sehr viel mehr. Die Wahrheit will angeeignet sein, nicht nur für wahr gehalten, sondern verstanden und beherzigt werden.
Ein Beispiel: Wir alle halten die Rechtfertigung des Gottlosen für „wahr“. Wir glauben, dass Gott den Gottlosen rechtfertigt, so wie es Paulus in Römer 3 beschreibt. Anders sieht die Sache aus, wenn wir ernst machen und Glaube als Aneignung dieser Wahrheit verstehen, als Hingabe an diese Wahrheit. Wollen wir uns von Gott tatsächlich sagen lassen, dass unsere guten Werke letztlich keine Bedeutung haben?

Wenn wir begreifen, dass Glaube immer auch Aneignung und Hingabe bedeutet, dann bekommt die Frage: „Muss ich alles glauben, was in der Bibel steht?“, einen komisch-überheblichen Klang. Sie klingt, als ob wir uns einfach entschließen könnten, das ab jetzt eben alles zu „glauben“. Aber wie jede echte Aneignung muss der Glaube erkämpft, eingeübt und – nicht zuletzt – erlitten werden.
Wir sollten die Frage in ein Gebet ummünzen und Gott bitten, dass wir alles glauben dürfen, was in der Bibel steht, das heißt, dass er es uns in Herz und Sinn schreibt.
Die Inspiration der Schrift
Kann es sein, dass die inspirierte Bibel nur durch Abschriften zu uns kam, die doch nicht völlig fehlerlos sind? Kann es sein, dass wir von der inspirierten Bibel tatsächlich keine „Originale“ mehr haben? Kann es sein, dass zwischen den ersten drei Evangelien so große Übereinstimmungen bestehen, dass viele sie so erklären, dass ein Evangelium die Vorlage für die anderen gewesen sein muss? Widerspricht das nicht ihrer Inspiration? Heiliger Geist und Geschichte – passt das zusammen? Es gibt immer wieder Bestrebungen, diese geschichtliche Seite der Schrift, die „menschlichen Fingerabdrücke“, in den Hintergrund zu schieben, um ihre göttliche Seite zu retten.
Schauen wir auf Christus, den Herrn der Schrift. Von ihm glauben die Christen, dass er ganz Mensch und ganz Gott war. Mit der Schrift ist es ähnlich. Der göttliche Geist und die menschlichen Autoren kommen zusammen. Der Geist hat gerade darin seine Größe, dass er das Menschliche, Geschichtliche der biblischen Autoren eben nicht auslöscht, sondern heiligt und zu seinem Zweck gebraucht. Er wird nicht zum „Zerstörer des Menschlichen“ (Adolf Schlatter), wenn er die biblischen Autoren begabt. Darum sind die geschichtlichen Merkmale der Schrift keine Verlegenheit, sondern Zeichen der Gnade Gottes. Wir sollten die Geschichte der Schrift nicht so lange hinbiegen, bis sie uns göttlich zu sein scheint, sondern nehmen, wie sie sich uns darstellt, und Gott darüber ehren.
Was heißt es, die Bibel wörtlich zu nehmen?
Die Bibel hat eine Fülle an Formen: Lehre, Gesetze, Gleichnisse, Gebete, Prophetien, Lieder, Geschichten etc. Sie ist in verschiedenen Sprachen geschrieben, die wiederum verschiedene Arten zu denken implizieren.
Wir müssen lernen, Wirkliches als wirklich, Poetisches als poetisch, Jüdisches als jüdisch, Griechisches als griechisch zu lesen.
Das bedeutet: Wir werden ihr nicht gerecht, wenn wir sie gleichsam mit einem einzigen Netz unseres Verstehens überwerfen. Wir müssen beobachten. Wir müssen lernen, „Wirkliches als wirklich, Poetisches als poetisch, Jüdisches als jüdisch, Griechisches als griechisch“ (Schlatter, Rückblick 83) zu lesen.
Ich kannte eine Frau, die aufgrund von Psalm 19,5-7 behauptet hat, dass man ein geozentrisches Weltbild vertreten müsse (die Sonne kreist um die Erde): „Er hat der Sonne ein Zelt am Himmel gemacht; sie geht heraus wie ein Bräutigam aus seiner Kammer und freut sich wie ein Held, zu laufen ihre Bahn. Sie geht auf an einem Ende des Himmels und läuft um bis wieder an sein Ende, und nichts bleibt vor ihrer Glut verborgen.“
Sie hat damit eine einzige Verstehensmethode an den Text angelegt – eine naturwissenschaftliche, der Bibel damit aber gleichzeitig verboten, sich poetisch ausdrücken zu dürfen. Es entspricht aber nicht der Position des Schülers, sich eine einzige Verstehensmethode zurechtzulegen (z. B. alles „wörtlich“ zu nehmen), die er dann an alle Texte anlegt. Er muss immer wieder neu prüfen, ob sie dem Text gerecht wird. Der Text muss zeigen, wie er verstanden werden will.
Bibellesen ist Arbeit. Da geht es nicht ab ohne Mühe und Schwierigkeiten. Das aber ist üblich. Soll in mir ein gutes biblisches Fundament entstehen, dann bedeutet das, allen Schweiß daran zu setzen, dem Wort nachzugehen. Wir brauchen wieder eine Bibellesergeneration, die sich dieser Mühe unterzieht und nicht vorschnell aufgibt. Liebe ich meinen Lehrer, dann gebe ich alles daran, ihn und seine Worte zu verstehen.
Dr. Clemens Hägele ist Pfarrer der württembergischen Landeskirche, seit September 2016 Rektor des Albrecht-Bengel-Hauses in Tübingen, ein pietistisch geprägtes Studienhaus für Theologiestudierende. Er wohnt mit seiner Frau und seinen drei Kindern in Mössingen nahe Tübingen.
https://lebendige-gemeinde.de/blog/2019/01/08/die-bibel-verstehen-als-juenger-jesu/

Das Drama der evangelischen Kirche

Prof. Gerhard Maier fasste schon 1974 das Drama der evangelischen Kirche treffend zusammen. Leider wurde er nicht gehört – im Gegenteil: Inzwischen begegnet mir genau diese Sichtweise immer öfter auch im freikirchlichen Bereich:
„Die Exegeten können das NT nicht mehr als Einheit begreifen, sondern nur noch als Sammlung verschiedener Zeugnisse, die unter sich widersprüchlich sind … Es steht für sie fest, dass der formale Kanon nicht gleichzusetzen ist mit dem Wort Gottes. Bis heute hat die Semlersche Scheidung von Schrift und Wort Gottes unumstrittene Bedeutung. … Das feine Gewebe der historisch-kritischen Methode ergab eine neue babylonische Gefangenschaft der Kirche. Sie wurde mehr und mehr abgesperrt von dem lebendigen Strom der biblischen Verkündigung und deshalb immer unsicherer und blinder, sowohl was ihren eigenen Gang betrifft, wie auch in Beziehung auf das Wirken nach außen. … Die Vertreter der historisch-kritischen Methode sind in einen scharfen Gegensatz zu den orthodoxen Gedanken von der Klarheit und der Genügsamkeit der Schrift getreten. Sie haben die Klarheit durch den von ihnen geführten Nachweis der Widersprüchlichkeit beseitigt und die Unklarheit durch die vergebliche Suche nach einem Kanon im Kanon festgehalten und vertieft. Sie haben die Genügsamkeit der Schrift aufgehoben, indem die historisch-kritische Arbeit nötig wurde, um die Schrift zu begreifen. Soweit ihre Anschauungen sich durchsetzten, kam es zu einer Trennung von Schrift und Gemeinde. Da es bei der Schrift jedoch nicht sein Bewenden hat, sondern die Schrift uns Gott begegnen und kennenlernen lässt, ist durch die Aufhebung der Klarheit und Genügsamkeit der Schrift auch die Gewissheit des Glaubens zerstört. Ist unsicher, WO der lebendige Gott redet, dann weiß ich auch nicht mehr, WER da redet. Damit ist Vertrauen unmöglich geworden. … Es wäre ein großer Fehler, die Schuld an solcher Entwicklung der Dinge etwa im Unvermögen der METHODIKER zu suchen. Vielmehr ist es die Schuld der METHODE, die man gewählt hat. Die Methode musste scheitern, weil sie ihrem Gegenstand nicht entsprach.“ (Prof. Gerhard Maier 1974 „Das Ende der historisch-kritischen Methode“ S. 44/45)

Die Einzigartigkeit der Bibel und ihre Einheit

Dieser Punkt entspringt direkt der Einzigartigkeit der Entstehung der Bibel. Wie konnten so viele Verfasser aus so vielen Generationen von solch total verschiedenen Hintergründen und Umgebungen ohne jede Absprache ein Werk schreiben, das so vollkommen in seiner Einheit ist? Betrachten wir es von einer anderen Seite: Stellen wir uns vor, dass zehn der berühmtesten Schriftsteller der Erde, die dieselbe Lebensweise haben, derselben Generation angehören, dieselbe Kultur haben, dieselben Auffassungen vertreten, am selben Ort wohnen, sich in der gleichen Gemütsverfassung befinden und dieselbe Sprache sprechen, dass diese also etwas schreiben wollen über ein umstrittenes Thema – würde das Geschriebene dann miteinander übereinstimmen? Das ist unmöglich. Aber wie kommt es dann, dass das in der Bibel wohl der Fall ist?

Beachten wir, dass die Bibel über Hunderte von umstrittenen Themen spricht (Themen, über die sehr unterschiedliche Meinungen bestehen). Die Autoren der Bibel schreiben über Geschichte, Theologie, Philosophie, über den Kosmos, die Natur und über den Menschen; sie schreiben „gewagte“ Prophezeiungen, Lebens- und Reisebeschreibungen. Sie scheuen sich nicht, die schwierigsten und tiefsinnigsten Themen anzuschneiden. Darüber konnten sie unmöglich miteinander beraten. Aber woher kommt dann diese Harmonie und Einheit in der Bibel? Oft haben Menschen gemeint, Unterschiede und Widersprüche gefunden zu haben (wir werden noch einigen begegnen). Aber es scheint, dass sie dann nicht gewissenhaft genug gelesen oder den Kontext (d.h. den Textzusammenhang) und den Hintergrund des Geschriebenen außer Acht gelassen haben. Wo sie (oft sehr naiv) Widersprüche zu sehen glaubten, stellten sich diese oft nur als verschiedene Aspekte ein und desselben Themas heraus, die einander wunderbar ergänzen. Alle Streitigkeiten über die Bibel haben nur dazu geführt, dass ihre perfekte Harmonie sich noch deutlicher abzeichnete.

Natürlich behaupten wir hier Dinge, die im Grunde noch bewiesen werden müssen. Aber wir müssen einmal irgendwo anfangen, und die Harmonie der Bibel kann sich erst als echt erweisen nach ihrem gründlichen Studium. Der Leser muss hier selbst auf Entdeckungsreise gehen. Er wird dabei feststellen, was Millionen vor ihm entdeckten: Die Bibel ist eine wunderbare Einheit. Sie besteht nicht aus wahllos zusammengewürfelten verschiedenen Werken, sondern da ist eine Einheit, die das Ganze miteinander verbindet. Das ist auch wichtig für die Bibelauslegung. Genau wie jeder Teil des menschlichen Körpers nur richtig erklärt werden kann im Zusammenhang mit dem Rest des Körpers, so kann auch der einzelne Teil der Bibel nur im Zusammenhang mit dem Rest der Bibel richtig ausgelegt werden. Es gibt wohl kaum eine Regel in der Exegese (Bibelauslegung), die so oft übertreten wird wie diese (und das völlig achtlos).

Der „rote Faden“, der sich durch die ganze Bibel zieht, verdeutlicht ihre Einheit. Von der Genesis bis zur Offenbarung geht es um die großen Fragen „Wer ist Gott?“ und „Wer ist der Mensch?“. Darauf folgt die wichtige Frage: „Gibt es die Möglichkeit einer Verbindung zwischen Gott und dem Menschen, und wenn ja, wie?“ Die Einzigartigkeit der Bibel besteht darin, dass sie in der Beantwortung dieser Fragen nicht auf ein liturgisches Programm oder eine Reihe religiöser Verpflichtungen hinweist – ein Mensch kann den Forderungen Gottes sowieso nie ganz gerecht werden –, sondern auf eine Person: Jesus Christus; Er ist der einzig wahre Weg für den Menschen zu Gott. Das ganze Alte Testament weist im Grunde, sei es durch Bilder, sei es durch direkte Verheißungen, auf diese Person hin, und das Neue Testament zeigt uns die Erfüllung der Verheißungen und die Bedeutung und Folgen des Kommens Christi. In dieser Einheit ihrer Thematik ist die Bibel einzigartig. Nur dadurch ist es auch möglich geworden, aus der Bibel eine zusammenhängende und konsequente christliche Lehre aufzubauen.

Aus So entstand die Bibel, CLV, 1992, von Prof. Dr. W.J. Ouweneel und W.J.J. Glashouwer http://www.clv.de

https://www.fbibel.de/die-einzigartigkeit-ihrer-entstehung-a10902.html

https://bibelkreismuenchende.wordpress.com/2021/02/14/die-einzigartigkeit-der-bibel/

Die Einzigartigkeit der Bibel

Die Einzigartigkeit ihrer Entstehung
Wir werden sieben einmalige Kennzeichen der Bibel aufzeigen, und dann dürfen Sie selbst Ihre Schlussfolgerungen daraus ziehen. Erstens: Niemand kann leugnen, dass die Bibel einzigartig ist in ihrer Entstehungsweise. Nehmen Sie irgendein Buch und prüfen Sie, wie es entstanden ist. Normalerweise entschließt sich jemand, ein Buch zu schreiben: Er sammelt Material, entwirft ein Schema für das Buch, schreibt oder diktiert den Inhalt und lässt das Ganze vervielfältigen oder drucken. Handelt es sich jedoch um ein Buch, das von mehreren Autoren geschrieben wird, müssen sie sich erst zusammensetzen und einen Plan entwerfen, der zeigt, wie das Buch aussehen soll. Sie müssen absprechen, wer welchen Beitrag zu dem Buch liefern soll, und meistens gibt es noch einen oder mehrere Redakteure, die von allen Beiträgen ein zusammenhängendes Ganzes machen.
Aber die Bibel ist in dieser Hinsicht vollkommen einzigartig. Sie wurde von mehr als vierzig Schreibern verfasst, die sich gegenseitig nicht kannten. Das war auch kaum möglich, denn sie schrieben das Buch in einem Zeitraum von mindestens 1500 Jahren, vielleicht noch viel mehr, wie wir später zeigen werden. Es ist ein großes Wunder, wie die Bibel langsam, über mehr als fünfzig Generationen, zu dem Buch wurde, das wir heute haben. Ohne irgendeinen Plan oder Entwurf fügte sich von Jahrhundert zu Jahrhundert ein Teil zum anderen, bis die Bibel komplett war. Die Schreiber der Bibel kamen aus sehr unterschiedlichen Milieus und Kulturen. Da gab es zum Beispiel Mose, den Politiker (unterrichtet in den Weisheiten Ägyptens); Josua, den General; Salomo, den König; Amos, den Hirten; Nehemia, der am Königshof lebte; Daniel, den Staatsmann; Petrus, den Fischer; Lukas, den Arzt; Matthäus, den Zöllner, und Paulus, den Rabbiner.
Sie haben an ganz verschiedenen Orten und unter ganz unterschiedlichen Umständen geschrieben. Mose schrieb in der Wüste, Jeremia in einem Kerker, David auf den Bergen und in seinem Palast, Paulus im Gefängnis, Lukas während der Reise, Johannes, als er im Exil auf der Insel Patmos lebte, andere während der Spannungen eines militärischen Feldzugs.
Sie schrieben in verschiedenen Gemütsverfassungen: der eine in großer Freude, der andere in Trauer und Verzweiflung. Sie verfassten ihre Bücher in drei verschiedenen Weltteilen: Asien, Afrika und Europa. Sie schrieben in drei Sprachen: das Alte Testament größtenteils in der hebräischen und kleine Teile in der (verwandten) aramäischen Sprache, das Neue Testament war griechisch abgefasst. Und aus allen diesen verschiedenen Quellen und Zeiten entstand ein Buch. Mose verfasste fünf Bücher. Als David regierte, waren wieder ein paar dazugekommen. Kurz nach der babylonischen Gefangenschaft, zur Zeit des Schriftgelehrten Esra, war das Alte Testament, Buchstabe für Buchstabe, Wort für Wort, Satz für Satz, nahezu fertig. Vierhundert Jahre vor Christi Geburt war das Buch fertiggestellt, das wir heute unverändert vor uns haben. Wie es uns der Geschichtsschreiber Flavius Josephus berichtet, respektierte man das sogenannte Alte Testament so sehr, dass niemand es gewagt hätte, im Laufe der Jahrhunderte etwas hinzuzufügen oder hinwegzutun.
Die Entstehung des Neuen Testaments ist fast noch wunderbarer als die Entstehung des Alten Testaments. Soweit wir wissen, hat Christus selbst nie auch nur einen Satz als göttliche Offenbarung geschrieben! Und seine Jünger, die ja Juden waren, hätten niemals gewagt, dem Alten Testament auch nur einen Satz hinzuzufügen. Sogar fünfzig Jahre nach der Geburt Christi hatte man aller Wahrscheinlichkeit nach noch keinen Buchstaben des Neuen Testaments geschrieben. Aber dann geschah das Wunder. Ohne dass vorher ein Plan verfasst wurde, entstehen die Bücher des Neuen Testaments. Sie werden geschrieben von ganz unterschiedlichen Menschen, die oft weit voneinander entfernt leben. Hier entsteht eine Lebensbeschreibung von Jesus Christus, dort entsteht ein Brief, etwas weiter wird ein wundervoller Aufsatz geschrieben (wie z.B. der Hebräerbrief). Wieder irgendwo anders entsteht ein neutestamentarisches Werk mit prophetischer Bedeutung. Diese Schriften kursieren und werden gesammelt von Christengemeinden, die wohl kaum Schwierigkeiten haben mit der Frage, welche Bücher nun zu dieser Kollektion gehören und welche nicht. Ihre Ehrfurcht vor diesen Schriften ist so groß, dass das Neue Testament sofort von nahezu allen Christen anerkannt wird und fast niemand die Dreistigkeit hat, irgendetwas hinzuzufügen oder hinwegzutun. Man beachte: Die Verfasser der vier Evangelien setzten sich nicht erst zusammen und kamen nach ernstem Gebet und vielen Überlegungen zu der Überzeugung, dass Matthäus über Christus als den König schreiben würde, Markus ihn als Diener zeigen sollte, Lukas ihn als wahren Menschen und Johannes ihn als Gottes Sohn darstellen würde. Nichts dergleichen. Auch die anderen Schreiber kamen nicht zusammen, um festzulegen, dass beispielsweise Paulus und Johannes mehr über die christliche Lehre (und das jeder von einem anderen Gesichtspunkt aus) und Jakobus und Petrus mehr über das praktische Christsein schreiben sollten. Davon kann keine Rede sein. Aus einem tiefbewegten Bedürfnis heraus versuchte jeder, einen bestimmten Aspekt zu beleuchten – aber als alle Werke fertiggestellt waren, war eine wunderbare Einheit entstanden.
Aus So entstand die Bibel, CLV, 1992, von Prof. Dr. W.J. Ouweneel und W.J.J. Glashouwer

Bibelkritik und historisch-kritische Methode – ein „starker Glaube“

Die Bibelkritik ist fast so alt wie die Menschheit. Schon im Garten Eden wurden Adam und Eva durch die berühmte Frage des Teufels versucht: „Sollte Gott gesagt haben…?“ Nach dem Sündenfall gehört es zum Wesen des Menschen, sich gegen Gott aufzulehnen, seinem Willen zu widerstehen und seiner Wahrheit zu misstrauen. Seitdem es das geschriebene Wort Gottes gibt, erfährt es Widerspruch, Zweifel und Unglauben. Halten wir also fest: Die innere Haltung der Bibelkritik gehört zum Wesen der Sünde und des Sünders von Anfang an. Weiterlesen