Calvins Einfluss in Genf

Weshalb war Calvin erfolgreich gewesen? Auf diese Frage gibt es keine einfach Antwort. Doch das wichtigste Element von Calvins Erfolg war vielleicht sein Predigtdienst. Im Jahre 1549 gab es tägliche Predigten- drei am Sonntag -, wöchentliche Katechismusklassen, theologische Diskussionen, Zusammenkünfte von Geistlichen zum Bibelstudium („congrégations“) und Konsistorialratssitzungen. … Man darf nicht vergessen, dass Calvin vor allem ein pflichtbewusster lokaler Geistlicher war. Er hatte sich selbst seinen Genfer Aufgaben verschrieben. Jeder Versuch, den Genfer Geistlichen und Politiker Calvin zugunsten des Theologen und der ‚Berühmtheit’ Calvins zu übersehen, ist problematisch.

William G. Naphy. Calvins zweiter Aufenthalt in Genf. Aus: Herman J. Selderhuis (Hg.) Calvin Handbuch. Mohr Siebeck: Tübingen 2008. S. 53.

Calvins Beziehung zu Luther

Calvin hegte für Luther grosse Bewunderung. Die Beziehung des Genfers Reformators zum Wittenberger hat für mich Vorbildcharakter.

  • Starker Einfluss: Calvin wollte Luther zwar nicht mit Elias vergleichen, als hätte es nach Luther nie mehr Propheten gegeben, aber er sagte, dass ‚das Evangelium von Wittenberg ausgegangen’  sei.
  • Beeindruckt: Er war beeindruckt, als er über Bucer einen persönlichen Gruss von Luther mit der Nachricht erhielt, Luther habe seine Bücher mit Genuss gelesen.
  • Nötiger Abstand: Calvin schreibt in einem Brief an Bullinger, er habe hinsichtlich Luthers immer seine Freiheit gewahrt.
  • Person und Sache getrennt. Für Calvin war Luther zu scharfzüngig, zu wenig nuanciert in seinen Urteilen. Er verwende problematische Formulierungen sowie ungeschickte Vergleiche. Calvin hatte offenbar grössere Schwierigkeiten mit Luthers Charakter als mit seinen Auffassungen.

1555 seufzte Calvin: „Ach, lebte Luther doch noch. Er war zwar heftig, aber er ging nie so weit wie seine Gefolgsleute, die man keine Schüler, nur Nachmacher, ja Affen nennen kann.“

Christen helfen, aber sie nerven auch.

Sie sind das Salz der Welt, das in deren offenen Wunden schmerzt.
Was die Nicht-Christen damals wie heute an den Christen irritiert, sind vor allem zwei Besonderheiten:
Ihr religiöser Absolutheitsanspruch.
Ihre auf die Ehe und deren Erhalt ausgerichtete Sexualmoral.
Auch wenn es viele vermeintlich progressive Christen nicht wahrhaben wollen: Beide Haltungen sind essentiell, weil sie zusammengehören. Der Gott, dessen Wesen treue Liebe ist, will, dass diese treue Liebe auch im zwischenmenschlichen Bereich realisiert wird. […]
Immer wieder stehen Christen in der Versuchung, sich dem Widerstand zu beugen. Im Römischen Reich durch den Vollzug des Kaiseropfers, in mehrheitlich muslimischen Ländern durch Konversion, im westlichen Kulturkreis durch Assimilation an die hedonistischen Wertvorstellungen.“
Markus Spieker aus seinem Buch Jesus eine Weltgeschichte

Christlicher Einsatz gegen die Sklaverei

„Augustinus berichtet in seinem Brief, der erst vor wenigen Jahrzehnten wiederentdeckt wurde, von einer besonders dramatischen Befreiungsaktion. Im Umfeld seiner Gemeinde in Hippo, heute Algerien, trieben um das Jahr 425 Sklavenhändler aus der heutigen Türkei ihr Unwesen. Mit Unterstützung korrupter Staatsbeamter überfielen sie Familien und verschleppten deren Kinder. Außerdem lockten sie junge Männer und Frauen mit falschen Versprechungen auf ihre Schiffe, um sie später als Zwangsarbeiter oder Sexsklaven zu verkaufen.
Eines Tages machte unter den Christen von Hippo die Nachricht die Runde, die Menschenhändler planten einen neuen Sklaventransport. Einige der Unglücklichen befanden sich schon auf dem Schiff, das demnächst in See stecken sollte. Die anderen waren in einem Haus eingesperrt. Weil die lokalen Behörden nicht einschreiten wollten, nahmen die Christen das Recht selbst in die Hand. In einer Nacht-und-Nebel-Aktion befreiten sie alle Gefangenen. Anschließend nahmen sie die zumeist jugendlichen Verschleppten in ihre Obhut oder brachten sie zurück zu ihren Familien.“
Aus Markus Spiecker, Jesus eine Weltgeschichte.