Auferstehung

Auferstehung ist Wiederherstellung des ganzen Menschen
Auferstehung ist erneute Schöpfung
Auferstehung ist Wiederherstellung des ganzen Menschen
Das Neue Testament spricht nicht von der Unsterblichkeit der Seele; es verkündigt die Auferstehung der Toten. Im Griechischen lautet der Ausdruck eigentlich: »Wiedererstehen«.
Das Neue Testament weiss nichts von einem einstigen Aufgehen der menschlichen Person in der Allseele; so denkt man sich oft die »Unsterblichkeit der Seele«. Christus und die Apostel sprechen überall von der Wiederherstellung des Menschen in seiner gottgeschaffenen Eigenart. Fortbestehen soll nicht ein Teil des Menschen (seine Seele, sein Geist); sondern der ganze Mensch einschliesslich des Leibes soll in eine neue Wirklichkeit hineinverwandelt werden.
Das Neue Testament kennt nicht die spätgriechische Geringschätzung des Leibes. Sie ehrt ihn als Gottes Schöpfung. Der Leib, wie ihn der Schöpfer anfänglich dem Menschen gab, war nicht ein Gefängnis des Geistes, sondern in untrennbarer Einheit mit dem Geist ein Gleichnis der göttlichen Herrlichkeit (dies ist der Sinn von 1. Mose 1,26). Der Leib ist ein angemessenes Werkzeug und Ausdrucksmittel des inneren Menschen; die Gemeinde, der leibhaftige Menschen angehören, ist ein Tempel Gottes und eine Wohnung seines Geistes (1. Kor. 3,16). Der jetzige Leib ist zwar dem Tod verfallen; deswegen wird der Mensch aber in der Vollendung nicht ohne Leib sein. Er wird vom Tod erstehen mit einem neuen Hoheitsleib (Phil. 3,21).
Auferstehung ist erneute Schöpfung
Nicht das, was der Mensch auf Erden aus sich selbst gemacht hatte, nicht das, was in diesen Weltverhältnissen aus ihm geworden war, soll fortleben. Sondern so, wie Gott anfänglich ihn schuf, soll er wieder aufleben, ja dieser göttliche Anfang soll in der Auferstehung vollendet sein, viel herrlicher noch als »am ersten Tag«. Der auferstandene Mensch wird im göttlichen Lichtglanz erstrahlen (1. Kor. 15,25 ff.).
Das göttliche Original, das jeder Mensch darstellt, wird hier erst zur vollen Entfaltung kommen. Darum wird jeder kenntlich sein als der, der er ist. Im Vergleich zum jetzigen Zustand des Menschen bedeutet die Auferstehung eine völlige Verwandlung oder Neuschöpfung (1. Kor 15,51). Das sagt der Apostel Paulus mit den Worten: »Es wird gesät in Niedrigkeit und wird auferstehen in Herrlichkeit. Es wird gesät in Armseligkeit und wird auferstehen in Kraft. Es wird gesät ein natürlicher Leib und wird auferstehen ein geistlicher Leib« (1. Kor. 15,43 f.).
Autor: Ralf Luther Quelle: Neutestamentliches Wörterbuch

https://www.jesus.ch/information/bibel/neutestamentliches_woerterbuch/146156-auferstehung.html

Ist das Neue Testament vertrauenswürdig? Die Auferstehung von Jesus Christus aus der Sicht eines Historikers

Die Auferstehung von Jesus Christus ist der Grund des christlichen Glaubens (1 Kor 15,14, „Ist Christus nicht auferstanden, so ist euer Glaube eine Illusion“) und der christlichen Hoffnung (1 Petr 1,3, „wiedergeboren zu einer lebendigen Hoffnung durch die Auferstehung Jesu“). Im Gedenken an diese Auferstehung feiern die Christen weltweit jedes Jahr das Osterfest und in jeder Woche den Sonntag. Was kann ein (Alt-)Historiker über die Auferstehung von Jesus sagen? Da Geschichte nicht durch Versuche wiederholbar ist, arbeiten Historiker nicht wie Naturwissenschaftler, sondern wie Juristen. Sie rekonstruieren vergangene Ereignisse auf Grund von Quellen, Indizien und Zeugenaussagen; sie führen also einen „Indizienprozess“.

Welche Quellen und Zeugnisse gibt es nun für die Auferstehung Jesu?

Historisch ernst zu nehmen sind hier vor allem die Schriften des Neuen Testaments, d. h. die Evangelien, die Apostelgeschichte und auch die Briefe. Weiteres Material außerhalb des Neuen Testaments ist historisch nicht sehr ergiebig, abgesehen von einer sehr wichtigen Ausnahme: einer Notiz des römischen Geschichtsschreibers Tacitus (ca. 55–120 n. Chr.). Er äußert sich im Zusammenhang mit dem Brand Roms zur Zeit des Kaisers Nero auch über die Christen (sie wurden von Nero fälschlich als Brandstifter bezeichnet) und schreibt über sie: „Dieser Name stammt von Christus, der unter Tiberius vom Prokurator Pontius Pilatus hingerichtet worden war.“ (Tacitus, Annalen XV, 44). Das ist eine präzise Übereinstimmung mit der Überlieferung des Neuen Testaments.

Hatten die Autoren des Neuen Testaments überhaupt ein Interesse an historischen Fragen?

Den Schreibern des Neuen Testaments und den ersten Christen waren historische Fakten durchaus wichtig: z. B. können wir die Kreuzigung Jesu auf Grund historischer Angaben im Neuen Testament auf den 7. April 30 datieren. Im Glaubensbekenntnis wurde später als einziger Name neben dem von Jesus Christus und Maria der Name von Pontius Pilatus aufgenommen. „Gekreuzigt unter Pontius Pilatus“, d. h. nicht irgendwann, irgendwo, irgendwie, sondern zur Zeit der Statthalterschaft von Pilatus in Judäa (26–36 n. Chr.).

Hatten die Menschen in der Antike nicht andere Vorstellungen von historischer Wahrheit als wir heute?

Die Göttinger Althistorikerin Helga Botermann hat gezeigt („Der Heidenapostel und sein Historiker“, in: ThBeitr 24/2 (1993); auch im Internet unter  www.iguw.de), dass Lukas wie jeder (auch moderne) Historiker ein Bild von der Vergangenheit entwirft unter methodisch richtiger Benutzung der Quellen und mit dem Anspruch auf Wahrheit, nämlich die Dinge so darzustellen, wie sie gewesen sind. Seine Darstellung – wenige Jahrzehnte nach den Ereignissen abgefasst – beruht auf Augenzeugenberichten (Lk 1,2), und bei der Apostelgeschichte auch auf eigenen Erinnerungen.

Er schrieb für eine zeitgenössische Leserschaft, die aus Erzählungen oder aus eigener Kenntnis ein Urteil von den Dingen besaß. Es besteht also keine Veranlassung, seiner Geschichtserzählung von vornherein mit einem pauschalen Skeptizismus zu begegnen. Die Informanten des Lukas waren zugleich seine Kritiker. Das macht die Annahme von vornherein unwahrscheinlich, er hätte willkürlich seine Vorurteile und Intentionen der Geschichtserzählung aufpfropfen können. (Botermann)

Welche Indizien gibt es nun für die Auferstehung von Jesus?

Das leere Grab. Es wird in allen Evangelien überliefert. Dabei werden drei Gruppen von Zeugen genannt: Soldaten, die das Grab bewachen sollten, Frauen, die gekommen waren, um den Leichnam einzubalsamieren und die Jünger, die von den Frauen gerufen wurden.

Das leere Grab wurde in der Antike, in einer Zeit, da eine Nachprüfung noch möglich war, nicht bestritten. Umstritten war, wie es zum leeren Grab kam. Die verbreitete Behauptung, der Leichnam Jesu sei gestohlen worden (Mt 28,13), um eine Auferstehung vorzutäuschen, zeigt, dass auch die Gegner Jesu von der Leiblichkeit der Auferstehung ausgingen. Hätten die Anhänger Jesu nicht die Leiblichkeit der Auferstehung verkündigt, dann wäre die Behauptung vom Leichenraub sinnlos. Das Aufweisen des Leichnams hätte dann nichts bewiesen, sein Fehlen auch nicht. Es ist offensichtlich, dass die Juden die Auferstehungsbehauptung als ein Auferwecktwerden Jesu aus dem Grabe verstanden haben und offenbar konnten sie einen Leichnam nicht vorweisen (so der Berner Theologieprofessor Johannes Heinrich Schmid). Das Argument, dass der Leichnam noch im Grabe verwese, begegnet in der Überlieferung nicht. Eine solche Behauptung, wenn man sie hätte beweisen können, wäre sehr viel wirksamer gewesen als die Leichenraubhypothese (so der Neutestamentler Prof. Martin Hengel, Tübingen).

Im Grab zurück blieben Leinentücher und das zusammengefaltete Schweißtuch (Joh 20,4 ff.). Das spricht gegen einen Leichenraub, denn man wickelt einen Leichnam, den man rauben will, nicht vorher aus.

In neuerer Zeit wurde manchmal behauptet: „Das Grab war nicht leer“. Man argumentiert: Paulus wusste nichts vom leeren Grab, sondern das leere Grab findet sich nur in den Berichten der (nach Meinung vieler Theologen etwas später als die Briefe des Paulus verfassten) Evangelien wieder. Dazu ist zu sagen:

a. Wenn Paulus nichts über das leere Grab schreibt, dann heißt das nicht, dass er nichts davon wusste. Das ist ein logischer Fehlschluß. Vielleicht war die Tatsache des leeren Grabes ja zu seiner Zeit so bekannt, dass er nichts darüber schreiben musste.

b. In seinen Briefen äußert sich Paulus an keiner Stelle über die historischen Fragen der Auferstehung, wie es etwa die Evangelien tun. Er muss also auch nichts über das leere Grab schreiben. Die wichtigste Stelle, die wir trotzdem zu dieser Thematik in seinen Briefen finden, 1 Kor 15,1–10 (25 Jahre nach den Ereignissen verfasst), geht der Frage nach, wie ist das allgemein mit der Auferstehung der Toten? Und in diesem Zusammenhang schreibt Paulus: Wie kann es Leute geben, die sagen, es gäbe keine Auferstehung der Toten, wo doch Gott Jesus von den Toten auferweckt hat? Paulus setzt also die Kenntnis der Gemeinde von der Auferstehung Jesu voraus. An diese Kenntnis knüpft er in seiner Argumentation an. In diesem Zusammenhang nennt er auch Zeugen für die Auferstehung von Jesus.

c. In der Apostelgeschichte, die als historische Quelle grundlegend ist für den Rahmen einer Geschichte des Urchristentums (Botermann), äußert sich Paulus (Kapitel 13) zum Grab Jesu und stellt es in einen Gegensatz zum Grab Davids (das tat vor ihm auch schon Petrus, Apg 2,29–31): „David entschlief … und wurde zu seinen Vätern versammelt und sah die Verwesung. Der aber, den Gott auferweckt hat, sah die Verwesung nicht.“ (13,36 f.) Paulus wusste also durchaus etwas vom leeren Grab. Auch die Formulierung in 1 Kor 15,4 „begraben … auferweckt“ setzt doch wohl die Überzeugung eines leeren Grabes voraus.

Außerdem: Wenn das Grab nicht leer gewesen wäre, hätte sich die Verkündigung der ersten Christen über die Auferstehung von Jesus in Jerusalem nicht lange halten können.

Berichte über die Begegnungen mit dem Auferstandenen, werden in allen Evangelien, zu Beginn der Apostelgeschichte, aber auch in der schon zitierten Passage in 1 Kor 15 überliefert. Kann man das erfinden? Der jüdische Neutestamentler Pinchas Lapide hält das für undenkbar:

„Wenn die geschlagene und zermürbte Jüngerschar sich über Nacht in eine siegreiche Glaubensbewegung verwandeln konnte, lediglich auf Grund von Autosuggestion oder Selbstbetrug – ohne ein durchschlagendes Glaubenserlebnis –, so wäre das im Grunde ein weit größeres Wunder als die Auferstehung selbst.“

Für Lapide ist es besonders bemerkenswert, dass Frauen als erste Zeugen des Auferstandenen genannt werden. Denn damals galt das Zeugnis von Frauen nichts. („Das Zeugnis der Frau ist nicht rechtsgültig wegen der Leichtfertigkeit und Dreistigkeit des weiblichen Geschlechts“, so der jüdische Historiker Flavius Josephus (38–100 n. Chr.)). Was machte es dann also für einen Sinn, Frauen als Zeugen für ein nicht geschehenes Ereignis zu erfinden?

Der Vorgang der Auferstehung selbst wird nicht beschrieben. Niemand war Zeuge dieses Handelns Gottes. Die Autoren des Neuen Testaments lassen allerdings keinen Zweifel an der Leiblichkeit des Auferstandenen: „… ein Geist hat nicht Fleisch und Bein wie ihr seht, dass ich habe.“ (Lk 24,39) oder: „sie umfassten seine Füße.“ (Mt 28,9). Durch die Himmelfahrt Jesu kommen die Begegnungen mit dem Auferstandenen zu einem sichtbaren Abschluss.

Die Wirkungsgeschichte. Die Hoffnungen der Jünger waren mit dem Tod Jesu am Kreuz begraben worden. Einen Widerhall dieser tiefen Enttäuschung findet man in der Geschichte von den Emmausjüngern (Lk 24). Das leere Grab allein hatte bei ihnen keinen (Oster-)Jubel ausgelöst.

Die Jünger blieben aber trotz Spott, Verfolgung und Tod bei ihrer Verkündigung: „Gott hat den Jesus Christus, den ihr gekreuzigt habt, auferweckt“. Sie verkündigten diese Botschaft mitten in Jerusalem wenige Wochen nach der Kreuzigung (Apg 2). Von ihrer jüdischen Erziehung her waren die Jünger nicht darauf vorbereitet, dass der Messias sterben und dass Gott ihn auferwecken würde. Noch einmal Lapide:

„Solch eine nachösterliche Verwandlung, die nicht weniger real als plötzlich und unverhofft war, bedurfte wohl eines konkreten Grundes, der die Möglichkeit einer leiblichen Auferstehung keineswegs ausschließen kann. Eins dürfen wir mit Sicherheit annehmen: An ausgeklügelte Theologenweisheit haben weder der Zwölferkreis noch die Urgemeinde geglaubt.“

Waren die Menschen in der Antike leichtgläubiger als wir, die wir von der Aufklärung geprägt sind?

Als Paulus in Athen über die Auferstehung von Jesus (Apg 17) sprach, gab es anschließend drei Gruppen von Hörern: die Spötter, die sich auf Grund ihrer philosophischen Vorurteile (es gibt keinen Gott bzw. Gott will/kann nicht in die Geschichte eingreifen) so etwas überhaupt nicht vorstellen konnten; die Vertager, die meinten, man solle später auf die Sache noch einmal zurückkommen, und die Hörer, die zum Glauben an den auferstandenen Jesus kamen. Eine besondere Leichtgläubigkeit ist hier nicht erkennbar.

Fazit

Nach der historischen Überlieferung ist diese Auferstehung sehr gut bezeugt: Das leere Grab, die Begegnungen mit dem Auferstandenen, die Reaktion der Jünger. Die drei Hörergruppen von Athen wird es auch heute – nach der Aufklärung – geben, wenn über die Auferstehung von Jesus gesprochen wird.

Dr. Jürgen Spieß ist Althistoriker und war Leiter des Instituts für Glaube und Wissenschaft, Marburg.

Institut für Glaube und Wissenschaft, Marburg, www.iguw.de

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Verwendete und weiterführende Literatur:

Biddle, Das Grab Christi. Neutestamentliche Quellen – Historische und archäologische Forschungen – Überraschende Erkenntnisse, Gießen 1998.

Botermann, „Der Heidenapostel und sein Historiker“, in: Theologische Beiträge 24/2, 1993, 62–84.

H.-J. Eckstein/M. Welker (Hrsg.), Die Wirklichkeit der Auferstehung, Neukirchen-Vluyn 2002.

Hempelmann, Jesus lebt – das Grab ist leer! Wie glaubhaft ist die Auferstehung?, Wuppertal 2002.

Hengel, „Das Begräbnis Jesu bei Paulus und die leibliche Auferstehung aus dem Grabe“, in: F. Avemarie/H. Lichtenberger (Hrsg.), Auferstehung – Resurrection, Tübingen 2001, 119–183.

Lapide, Auferstehung – Ein jüdisches Glaubenserlebnis, Stuttgart 21978. J. H. Schmid, Die Auferweckung Jesu aus dem Grab, Basel 2000.

Spieß, Ist Jesus auferstanden? Ein Historiker zur Auferstehung von Jesus Christus, Marburg 42011.

„Sind wir bereit, Jesus auf neue, ungewohnte Weisen zu begegnen?“

Stell Dir vor, es ist Ostern und Du verpasst es! Stell Dir vor, Jesus geht neben Dir und Du merkst es nicht!

So jedenfalls ist es den beiden Emmaus-Jüngern ergangen. Ein scheinbar fremder Wanderer schließt sich ihnen an und kommt mit ihnen ins Gespräch. Er fragt sie aus über die Ereignisse der letzten Tage in Jerusalem und sie erzählen von Jesus.

Die Jünger erzählen und erzählen – der Fremde hört zu – und sie merken einfach nicht, dass dieser Fremde, der da mit ihnen geht, genau der ist, von dem sie gerade sprechen: Jesus .Wie ist so etwas möglich? Lukas schreibt: Sie waren „wie mit Blindheit geschlagen“ oder nach einer anderen Übersetzung „ihre Augen waren gehalten, dass sie ihn nicht erkannten“. Wir kennen alle solche Situationen aus dem Alltag, wo wir etwas nicht sehen, was eigentlich ganz offenkundig ist. Etwas anders war die Situation der Emmausjünger schon, aber erstaunlich ist es doch, dass sie Jesus zunächst überhaupt nicht erkennen. Woran lag das? Zum einen daran, dass sie überhaupt nicht damit gerechnet haben, dass ihnen Jesus begegnen könnte.

Sie waren überzeugt: Jesus ist tot. Und tot ist tot – ganz gleich was da ein paar Frauen behaupten, selbst dann, wenn sie von Engelbegegnungen erzählen. Wir glauben nur das, was in unser Weltbild passt.

Wie ist das bei uns? Woran machen wir unseren Glauben fest? An historischen Ereignissen? An unseren Vorstellungen, wie Gott zu sein hat? An unseren Erfahrungen aus der Vergangenheit? An unserem Weltbild?

Ich befürchte, wir ähneln den Emmaus-Jüngern mehr als wir wollen.

Wenn wir Jesus an einem Ort begegnen, wo wir nicht mit ihm rechnen, dann erkennen wir ihn oftmals nicht.

Wenn Jesus uns auf eine neue Weise begegnen will, mit einem anderen Gesicht, so wie wir ihn bislang noch nie gesehen haben, dann erkennen wir ihn meistens nicht. Je stärker wir festgelegt sind auf eine bestimmte Glaubensvorstellung („So ist Gott und nicht anders“) desto schwerer fällt es uns Gott auf eine neue Weise kennen zu lernen.

Sie seien beunruhigt durch das Gerede der Frauen, sagen die Jünger „Beunruhigt“ – sie merken nicht, dass diese Beunruhigung göttlichen Ursprungs ist.

Vielleicht klagst Du darüber, dass du so wenig von Gott spürst, so wenig mit ihm erlebst. Kann es sein, dass Jesus Christus, der Auferstandene, Dir gerade in dem begegnen möchte, was Dich beunruhigt?

Der Jesus, der neben den Jüngern geht, muss etwas anders ausgesehen haben, als der Jesus, wie sie ihn vorher kannten, sonst hätten sie ihn sicher gleich erkannt. Auch in den anderen Auferstehungsberichten wird Jesus nicht immer gleich erkannt. Es ist Jesus – und doch erscheint er auf eine neue Weise.

Sind wir bereit, ihm auf neue, ungewohnte Weisen zu begegnen?

Je enger Dein Bild von Gott ist, je konkreter Deine Vorstellung ist, wie Jesus zu sein hat, desto kleiner ist auch der Raum, den Du ihm lässt, Dir etwas Neues zu zeigen.

Glücklicherweise hat die Geschichte der Emmaus-Jünger aber einen anderen Ausgang. Sie endet nicht damit, dass die beiden weiterhin frustriert ihres Weges zogen und Jesus sie dann irgendwann unbemerkt verlassen hat. Die Emmaus-Jünger erleben ihr ganz persönliches Osterfest und diese Ostererfahrung besteht aus drei Teilen:

Schuppen fallen von den Augen

Der scheinbar fremde Wanderer erklärt den Jüngern die Zusammenhänge. Obwohl er sich am Anfang unwissend gestellt hat, weiß er um alles und er kann den Jüngern das erklären, was sie bislang nicht verstanden haben: Es musste alles so kommen, wie es gekommen ist. Jesus musste leiden und sterben, bevor er von Gott zum Herrn über diese Welt eingesetzt werden konnte. Wir haben heute vielleicht andere Fragen als die Jünger damals, aber die Erfahrung, dass wir manchmal in unserem Leben und Glauben mit Blindheit geschlagen sind, kennen wir doch auch. Wir kreisen und kreisen um dasselbe Problem wochenlang, vielleicht monatelang und erkennen keinen Ausweg. Und auf einmal gibt es so einen lichten Moment. Uns werden plötzlich Zusammenhänge klar, die uns zuvor verwirrend erschienen. Wir wissen, was wir tun müssen, obwohl uns vorher alles nur unklar erschien. Das ist das Wirken des Heiligen Geistes. Jesus versprach, dass er uns durch den Heiligen Geist in alle Wahrheit leiten will. Plötzlich wissen wir, wo es lang geht und was zu tun ist. (Das ist dann sozusagen für den Kopf). Hier ist unser Verstand angesprochen.

Aber Ostern erreicht noch weitere Dimensionen unseres Lebens:

Herzen beginnen zu brennen

So umschreibt die Lutherbibel die Erfahrung der Emmaus-Jünger. Nachdem Jesus bei ihnen eingekehrt war, nachdem er das Brot gebrochen hatte und in ihnen damit eine Erinnerung geweckt hatte, nachdem er vor ihren Augen entschwunden war, sagen sie zueinander: „Brannte nicht unser Herz…“ oder nach „Hoffnung für alle“-Übersetzung „Haben wir es nicht in unserem Innersten gespürt…“

Der Glaube ist nicht nur eine Sache des Kopfes, das Herz spielt eine ganz entscheidende Rolle.

Ostermomente sind die Momente, wo es einem warm ums Herz wird, wo man auf eine eigentümliche Weise spürt: Es gibt einen liebenden Gott – und dieser Gott ist mir jetzt ganz nah.

Das sind die Momente, wo unser Herz und unsere Seele berührt werden.

Das sind auch die Momente, wo wir zu Tränen gerührt sind. Wenn Menschen die Liebe Gottes erfahren, dann fließen oftmals auch Tränen. Dann sind unser Herz und unsere Seele angesprochen. Ich spreche nicht von einer frommen Gefühlsduselei, sondern von Augenblicken, wo sich Gott uns als liebender Vater in unserem Herzen offenbart oder wo wir Jesu als Heiland und Erlöser erkennen.

Und das hat Auswirkungen:

Menschen geraten in Bewegung

Wenn ich die Geschichte der Emmaus-Jünger lese, bin ich immer wieder darüber erstaunt, dass sie sich nach ihrer Begegnung mit Jesus gleich wieder auf den Weg zurück nach Jerusalem gemacht haben. Das war nicht mal eben kurz um die Ecke, das war eine mehrstündige Strecke, die sie wieder zurücklegen mussten – und das, wo sie doch eben erst in Emmaus, dem Ziel ihrer Reise angekommen waren. Die Jünger laufen zurück nach Jerusalem. Der Rückweg geht schneller als der Hinweg. Sie wollen den anderen Jüngern berichten, was sie erlebt haben und kommen gar nicht zu Wort, denn auch die haben etwas erlebt und etwas zu erzählen.

Wer die gute Nachricht von der Auferstehung Jesu hört, der kann das nicht für sich behalten, der wird in Bewegung gesetzt, um dies anderen weiterzusagen.

Ostern für Kopf, Herz und Füße – das war die Erfahrung der Emmaus-Jünger vor fast 2000 Jahren und ich wünsche mir, dass dies auch unser Osterfest 2022 prägt.

Ich wünsche jedem in diesem Jahr eine besondere Ostererfahrung – vielleicht im Kopf, dass Dir etwas neu klar wird, es Dir wie Schuppen von den Augen fällt; oder im Herzen, dass Dich in Deinem Innersten das Gefühl erreicht, es gibt einen lebendigen und liebenden Gott und der Dich meint; oder in den Füßen, dass Du, wenn Du Dich auf den Weg zu anderen Menschen machst, dabei erlebst: Jesus ist dabei – und er zeigt sich Dir und anderen neu. In diesem Sinne ein frohes und gesegnetes Osterfest!
Pastor Andreas Engelbert
https://promisglauben.de/pastor-andreas-engelbert-sind-wir-bereit-jesus-auf-neue-ungewohnte-weisen-zu-begegnen?
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Ein Gebet von Søren Kierkegaard zu Karfreitag

Ja, du unser Herr und Heiland,

nicht einmal in dieser Hinsicht

sollten wir uns auf unsere eigene Kraft verlassen,

so als könnten wir aus uns selbst

dein Gedächtnis tief genug hervorrufen

oder beständig festhalten,

wir, die so viel lieber bei dem Erfreulichen verweilen

als beim Traurigen,

wir, die wir alle guten Tage,

Frieden und Geborgenheit ersehnen,

wir, die wir so gerne  in einem tieferen Sinne

von den Schrecken nichts wissen wollen,

damit sie nicht, wie wir so töricht meinen,

unser so glückliches Leben

düster und ernst machen,

oder damit sie nicht unser scheinbar unglückliches Leben,

dann doch zu düster und ernst machen.

Deshalb bitten wir dich,

du, dessen wir doch gedenken wollen,

wir bitten dich,

du mögest uns selbst daran erinnern.

O, was für eine merkwürdige Sprache ein Mensch spricht,

wenn er mit dir reden soll.

Diese Sprache ist ja gleichsam unbrauchbar,

wenn sie unser Verhältnis zu dir

oder dein Verhältnis zu uns ausdrücken soll.

Ist denn das auch ein Gedenken,

wenn der, dem gedacht wird,

selbst an den denken muss, der sich erinnert!

So redet menschlich gesehen

nur der Erhabene und Mächtige,

der so viel und so wichtiges zu bedenken hat.

Der sagt zu dem Geringeren:

Du musst mich selbst daran erinnern,

dass ich an dich denken soll.

Ach, und dasselbe sagen wir zu dir,

du Heiland und Erlöser der Welt;

ach, und dasselbe ist,

wenn wir es zu dir sagen,

eben Ausdruck unseres Geringseins,

unserer Nichtigkeit im Vergleich zu dir,

der du bei Gott bist, über alle Himmel erhaben.

Wir bitten dich,

erinnere du uns selbst an dein Leiden und deinen Tod,

erinnere uns oft,

bei unserer Arbeit,

in Freud und Leid,

an die Nacht, als du verraten wurdest.

Wir bitten dich darum, und wir danken dir,

wenn du uns erinnerst,

wir danken dir auch so,

wie die nun, die heute hier versammelt sind

und zum Alter gehen,

um die Gemeinschaft mit dir zu erneuern.

 Christliche Reden, 1848, SKS 10,295f.

Übersetzung von Eberhard Harbsmeier. Eine Edition aller Gebete Kierkegaards in neuer deutscher Übersetzung erscheint demnächst.

„Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“(1)

Der Schrei der Verlassenheit
„Hörst du Jesu Worte? Kannst du sehen, was im innersten Kern der Dreieinigkeit geschieht? Zum ersten Mal in der Geschichte wird das Band zwischen Vater und Sohn zerrissen. Die Dreieinigkeit ist zerbrochen, damit du und ich gerettet werden können.“ – So könnte der Kommentar eines begeisterten Evangelisten am Karfreitag lauten.
Oder vielleicht ist es der Seelsorger, der versucht, mitten in den Trümmern einer zerbrochenen Ehe Hoffnung zu geben: „Selbst die ewige Liebe zwischen Vater und Sohn wurde am Kreuz für eine kurze Weile zerbrochen. Es gibt Hoffnung, dass ihr euch versöhnt.“
Man kann sich wahrscheinlich eine Vielzahl ähnlicher Fälle vorstellen. Der „Schrei der Verlassenheit“, wie er genannt wird (Jesus zitiert darin Psalm 22), hat gleichermaßen für Staunen und Spekulation gesorgt. Schlussendlich werden pastorale Seelsorge und evangelistischer Eifer nicht durch schwache Theologie gestärkt, ganz egal wie wohlmeinend die obigen Beispiele sein mögen, und wie gnädig der Herr sein möge, wenn er unsere kläglichen Bemühungen für seine Absichten gebraucht. Was können wir also über diesen Schrei sagen und was nicht?
Die ungeteilte Dreieinigkeit
Zunächst und vor allen Dingen dürfen wir nicht sagen, dass die Dreieinigkeit zerrissen wurde. Wir könnten viele Gründe auflisten, warum die Aussage „die Dreieinigkeit wird zerbrochen“ dazu führt, dass wir die Grenzen biblischer Orthodoxie verlassen. Wir wollen uns hier aber auf drei Gründe beschränken.
Erstens würden wir damit die Lehre der Bibel über die Einheit der Gottheit untergraben. Es gibt nicht drei „Götter“, die alle ganz eng und in tiefer Liebe miteinander verbunden sind und alle als eine Person handeln. Es gibt einen Gott (5Mose 6,4), und dieser eine Gott besteht nicht aus drei „Teilen“ – Vater, Sohn und Heiliger Geist – als müsste man alle drei Teile zusammensetzen, um das Ganze zu erhalten. Nein. Vater, Sohn und Heiliger Geist sind aus einer Substanz und besitzen voll und ganz dasselbe göttliche Wesen. Es ist unmöglich, sie zu trennen, weil diese eine Substanz nicht teilbar ist. Es gibt einen Gott.
„Vater, Sohn und Heiliger Geist sind aus einer Substanz und besitzen voll und ganz dasselbe göttliche Wesen. Es ist unmöglich, sie zu trennen, weil diese eine Substanz nicht teilbar ist. Es gibt einen Gott.“
Außerdem müssen wir bedenken, dass Gott sich nicht verändert (Jak 1,17; Mal 3,6). Wenn man impliziert, dass die Dreieinigkeit an einem Freitagnachmittag im ersten Jahrhundert für ein paar Stunden zu einer „Zweieinigkeit plus eins“ geworden ist, bedeutet das unter anderem, Gott zu einem Geschöpf zu erklären, das dem Wandel und den Beschränkungen der Zeit unterworfen ist. Aber Gottes Existenz ist nicht an Raum und Zeit gebunden. Gott bewegt sich nicht wie wir Menschen von Montag zu Dienstag zu Mittwoch.
Schließlich sollten wir uns daran erinnern, dass Gott nicht leiden kann. Er ist unempfindlich. Es ist zwar nicht einfach, diese Lehre mit ein paar Bibelversen zu belegen, aber sie ergibt sich aus der Lehre der Schrift über Gottes unveränderliches Wesen und seine Selbstgenügsamkeit. Calvin drückt es so aus: „Sicherlich hat Gott kein Blut, leidet nicht und kann nicht mit Händen berührt werden.“1 Nichts kann ihm schaden, nichts kann seine Freude verringern, nichts kann ihn zerreißen. Gott sei Dank!
Was auch immer „verlassen“ bedeutet, es kann also kein vermeintlicher Bruch in der Dreieinigkeit sein. Wohin sollen wir uns stattdessen wenden?
Christus, der Gott-Mensch
Lasst uns mit der Fleischwerdung beginnen. Gott, der Sohn, nahm eine reale menschliche Natur an. Nicht nur einen Körper, oder eine „Hülle aus Haut“, wie ich es einmal einen Prediger sagen hörte. Er nahm voll und ganz menschliche Natur an. Jesus hat daher einen wirklich menschlichen Verstand, ein wirklich menschliches Herz, eine wirklich menschliche Seele.
Jedes Leid erlebt er in dieser wahren menschlichen Natur. Hebräer 2 trifft genau diese Aussage:
„Weil nun die Kinder Blutes und Fleisches teilhaftig sind, hat auch er in gleicher Weise daran Anteil gehabt, um durch den Tod den zunichtezumachen, der die Macht des Todes hat, das ist den Teufel.“ (Hebr 2,14)
Weil wir Fleisch und Blut sind, musste Jesus desselben Fleisches und Blutes teilhaftig werden, damit er für uns sterben konnte. In seiner göttlichen Natur war das unmöglich. Sein Leid musste menschliches Leid sein. Nicht nur, weil Gott nicht leiden kann, sondern damit er uns angemessen vertreten kann. Hebräer 2 fährt fort:
„Daher musste er in allem den Brüdern gleich werden, damit er barmherzig und ein treuer Hoher Priester vor Gott werde, um die Sünden des Volkes zu sühnen; denn worin er selbst gelitten hat, als er versucht worden ist, kann er denen helfen, die versucht werden.“ (Hebr 2,17–18)
„Man kann die Dreieinigkeit nicht auseinanderreißen, stattdessen leidet Gott der Sohn im Fleisch.“
Jesus „musste“ uns gleich gemacht werden, um Versöhnung für uns zu schaffen. In seiner menschlichen Natur ertrug er das für unsere Rettung nötige Leiden. Dieses Leiden ist natürlich immer noch das Leiden des Gottessohnes. Es gibt keinen Menschen Jesus Christus, der nicht Gott der Sohn ist. Aber es ist wichtig, dass wir verstehen, dass all sein Leiden – einschließlich seines Todes, mit dem er den Zorn trug und die Gerechtigkeit erfüllte – ein Leiden gemäß seiner menschlichen Natur ist. Noch einmal: Man kann die Dreieinigkeit nicht auseinanderreißen, stattdessen leidet Gott der Sohn im Fleisch.
Hinein in die Finsternis
Aber bisher haben wir noch nicht viel Positives über die Bedeutung des Schreies gesagt. Matthäus gibt uns den Kontext:
„Aber von der sechsten Stunde an kam eine Finsternis über das ganze Land bis zur neunten Stunde; um die neunte Stunde aber schrie Jesus mit lauter Stimme auf und sagte: Elí, Elí, lemá sabachtháni? Das heißt: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ (Mt 27,45–46)
Jesus wurde um die dritte Stunde gekreuzigt, etwa um 9 Uhr morgens (Mk 15,25). Aber von der sechsten bis zur neunten Stunde bedeckte Finsternis das Land: von 12 Uhr bis 15 Uhr. Die Finsternis zeigt uns, dass Gott im Gericht gekommen ist. Amos hatte es bereits vorausgesagt:
„da lasse ich die Sonne am Mittag untergehen und bringe Finsternis über die Erde am lichten Tag.“ (Am 8,9)
Finsternis ist ein Zeichen dafür, dass Gottes Gericht gekommen ist. Erinnere dich an die neunte Plage über Ägypten. Aber die Finsternis deckt Dinge auch zu. In einer gewissen Weise wird es immer für uns verborgen sein, was genau dort in jenen drei Stunden geschah. Wir können – Gott sei Dank! – nicht genau wissen, was Christus erlebte. Es ist eine Versuchung zu denken, manche Lehren seien geheimnisvoll (wie die Dreieinigkeit, oder wie Gottes Souveränität mit menschlicher Verantwortung zusammenpasst), und andere seien unkompliziert und leicht verständlich (wie das Kreuz). Aber Gott verhüllt den Höhepunkt von Christi Werk mit Finsternis. Es gibt eine ganze Menge, was wir von dem bekräftigen können und sollen, was zu uns durchgesickert ist, aber wir sollten niemals so tun, als hätten wir es vollständig ergründet.
Können wir denn wenigstens eine flackernde Kerze in die Finsternis hineintragen? Ja, ich denke schon. Was werden wir sehen? Was wird uns der Schrei offenbaren?
Nicht die Trennung der Menschlichkeit Christi von seiner Göttlichkeit. Die Fleischwerdung wird niemals rückgängig gemacht. Obwohl im Tod Christi menschlicher Körper und Seele voneinander getrennt wurden, sein Körper begraben und seine Seele im Paradies, blieben beide mit seiner göttlichen Person vereint.
Von der Finsternis ins Licht
Noch werden wir einen Mann sehen, der seinen Glauben verliert. Hier ist ein Mann, der seinen Gott immer noch kennt: „Mein Gott, mein Gott …“ und er kennt seine Psalmen. Der Schrei ist die erste Zeile aus Psalm 22, und wie allseits bekannt, beschreibt die erste Hälfte des Psalms das Leiden Christi in bemerkenswerten prophetischen Einzelheiten. Aber ab Vers 23 verändert sich der Ton. Wir bewegen uns von der Finsternis ins Licht, vom Tod zur Auferstehung:
„Du hast mich erhört. Verkündigen will ich deinen Namen meinen Brüdern; inmitten der Versammlung will ich dich loben.“ (Ps 22,22–23)
Sicherlich hat Jesus nicht den Glauben verloren, selbst bei seinem Schrei in der Finsternis. Er weiß, dass er nicht vollständig verlassen wird, dass Auferstehung und Freude folgen werden.
„Als Sohn wusste er im Glauben, dass Gott Freude an ihm hatte – und diese hatte er auch weiterhin. Aber als Vermittler, der an unserer Stelle stand, kannte er Gottes Zorn über die Sünde.“
Manche geben sich damit zufrieden. Christus erkennt in seiner Qual an, dass der Tod ihm nicht erspart bleiben wird, während er gleichzeitig darauf vertraut, dass die Auferstehung bevorsteht. Aber ich denke, wir könnten noch einen Schritt weiter gehen. Der Puritaner Thomas Goodwin ist ein treuer Wegweiser und steht stellvertretend für viele in der reformierten Tradition. Goodwin erklärt es so: das Stehen unter dem Fluch bedeutet, (zumindest teilweise) von allem Trost Gottes abgeschnitten zu sein. Das ist es, was Christus erlebt haben muss. Es ist nicht so, dass Gott aufgehört hat, Jesus zu unterstützen, geschweige denn ihn zu lieben. Wie könnte er am Höhepunkt des Werkes seines Sohnes keine Freude an ihm gehabt haben (Joh 10,17)? Stattdessen wurde Christus „nur hinsichtlich der Freude an Gottes Angesicht und des Trostes von ihm“ abgeschnitten.2 „Der Schrei sagt uns nicht alles über die Sühnung oder darüber, was Jesus erlitt. Aber er sichert uns zu, dass er in eine Finsternis hineinging, der wir uns niemals werden stellen müssen.“
Christus trug den Zorn Gottes über die Sünde in seiner Seele und an seinem Körper. Während dieser Zeit stand er in zweifacher Beziehung zu Gott. Als Sohn wusste er im Glauben, dass Gott Freude an ihm hatte – und diese hatte er auch weiterhin. Aber als Vermittler, der an unserer Stelle stand, kannte er Gottes Zorn über die Sünde. Hier noch ein letztes Mal Goodwin:
„Christus konnte sich selbst als Sohn betrachten, als natürlichen Sohn, und als solcher geliebt. Er konnte sich als Sohn betrachten, als einen Sohn, der seinem Vater Gehorsam leistet, selbst im Erleiden des Zorns, und ihm niemals mehr gefiel als jetzt … und doch … als Bürge für Sünder, und als solcher bestraft, und in dieser Hinsicht konnte er Gott in dem Moment für zornig und voller Zorn gegen ihn halten.“3
Christi Zuversicht darauf, dass Gott als Sohn und treuer Diener „für ihn“ und als Vertreter und Repräsentant (Bürge) „gegen ihn“ war – beides fand seinen Ausdruck in diesem einen Schrei: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Der Schrei sagt uns nicht alles über die Sühnung, oder darüber, was Jesus erlitt. Aber er sichert uns zu, dass er in eine Finsternis hineinging, der wir uns niemals werden stellen müssen.
Jonty Rhodes ist Pastor der Christ Church Central Leeds, einer Gemeinde der International Presbyterian Church in Leeds, Vereinigtes Königreich. Er hat die letzten zehn Jahre damit verbracht, Gemeinden in England zu gründen, und ist Autor von Covenants Made Simple. Jonty ist mit Georgina verheiratet und sie haben vier Kinder.
Fußnoten
1 Calvin, Institutio II.XIV.2. 

2 The Works of Thomas Goodwin, Bd. 5, Reformation Heritage Books, 2006, S. 279. 

3 Ebd., S. 283. 

https://www.evangelium21.net/media/3265/wurde-die-dreieinigkeit-am-kreuz-zerrissen

Die Totenehrung fällt aus

Immer wieder hat man Jesus für tot erklärt. Die Totenscheine, die seinen Abgang für ewig besiegeln sollten, trugen die unterschiedlichsten Unterschriften. Sie wurden nicht nur von seinen erklärten Gegnern ausgestellt – von Kaiphas und Pilatus, von Marx und Mao. Auch viele seiner Freunde konnten es bis heute nicht fassen, dass er nicht im Grab geblieben ist. Seine ersten Anhänger haben nicht anders gedacht. Auch die Frauen nicht, die am Grab dem Toten ihre letzte Liebe erweisen wollten. Doch die Totenehrung fällt aus. Das Grab ist leer. Gott hat gehandelt. Er hat Jesus auferweckt. Alles andere wäre eine unmögliche Möglichkeit. Gott schreibt ihn nicht ab. Er verschreibt ihm Auferstehung, Leben und nicht Tod! – Jesus lebt! Lassen wir uns nicht von Totenscheinen beeindrucken, die man wieder und wieder für ihn ausstellt. Sie stimmen alle nicht. Das unfassbare Ereignis seiner Auferstehung ist die Wirklichkeit, auf die wir bauen können. Er ist wahrhaftig auferstanden! Beat Weber
https://cns-cas.ch/wp-content/uploads/2021/06/Passions-und-Osterzeit-im-Zeichen-der-%E2%80%9ECorona.pdf

Beat Weber, Pfr. Dr. theol., ist zusammen mit seiner Frau, Sonja Weber-Lehnherr, seit 2017 Mitarbeiter der Evangelischen Stadtmission Basel im Bereich Seniorenseelsorge & Verkündigung (in Seniorensiedlungen).

Die Auferstehung….ist die Antwort auf alle unsere Bedürfnisse

„Die Auferstehung….ist die Antwort auf alle unsere Bedürfnisse. Kein anderes Ereignis der Antike tut das oder könnte das bewirken. Das heißt, wir müssen die Einzigartigkeit und Bedeutung der Auferstehung nicht besonders hervorheben; sie ist relevant per se. Wir müssen sie nur bekannt-machen und mit Freude und Zuversicht aus ihr leben. Denn es handelt sich bei der Auferstehung nicht um eine Idee, ein Konzept oder eine Lehre …. Vielmehr ist sie die Kraft Jesu, welche die zerrüttete, gebrechliche Menschheit in ein neues unzerstörbares Leben hineinführt“. John Stott

Ostergottesdienst

„Immer wieder erschüttert es mich in Ostergottesdiensten, mit welcher Selbstverständlichkeit die Nachricht aufgenommen wird, dass Christus auferstanden sei. Wer wirklich begriffen hätte, was das heißt, den würde es von den Sitzen lupfen. Und ich habe wenigstens gelegentlich auch die große Erschütterung bemerkt, die sich einstellte, wenn eine vollmächtige Predigt die Osterbotschaft wirklich begreifen ließ. Wenn sie uns aufgeht, wo wir vorher die Hypotheken unserer Vergangenheit im Rücken und eine von Sorgen umstellte Zukunft vor uns hatten. Dann sieht das Leben plötzlich anders aus, und man wird dann auch anders leben. Es wird sich eine Umwertung aller Werte vollziehen: Wir werden lächelnd dem ins Angesicht sehen, was uns bisher die Nerven verlieren ließ; und wir werden Dinge fürchten lernen, die wir bisher begehrten oder für harmlos hielten.“ (Helmut Thielicke)

Palmsonntag im Alten Testament

Jedes Jahr an Palmsonntag spielt sich in unserem Gottesdienst eine ähnliche Szene ab: Mit riesigen Palmenblättern kommen Kinder in den Saal gelaufen, mit denen sie der Menge freudig entgegen fächern (oder mit denen sie sich gegenseitig schlagen). Dies soll symbolisch den Einzug Jesu in Jerusalem darstellen. Viele von uns kennen die Geschichte: Unser Herr Jesus zieht, vorbei an einer jubelnden Menge, auf einem Esel nach Jerusalem ein.
„Viele hundert Jahre vor Jesu Geburt ist bereits ein anderer König auf einem Esel nach Jerusalem eingezogen.“
Doch nicht jeder weiß, dass viele hundert Jahre vor Jesu Geburt bereits ein anderer König auf einem Esel nach Jerusalem eingezogen war. Der erste triumphale Einzug offenbart uns viele wundervolle Wahrheiten über den zweiten.
Ein frierender König, ein hinterlistiger Prinz und skrupellose Partnerschaften
Unsere Geschichte beginnt in 1. Könige. König David, der als Kind gegen Riesen gekämpft und als junger Mann Heere besiegt hatte, ist jetzt ein alter Mann, zu schwach, um sich selbst warm zu halten (1Kön 1,1–4). Jeder weiß, dass die Tage Davids gezählt sind. Bald wird es einen neuen König geben.
Adonija, einer von Davids Söhnen, beschließt, der nächste König zu werden (1,5–10). Er beginnt, strategische Beziehungen aufzubauen. Zuerst mit dem Heerführer Joab, dann auch mit dem priesterlichen Oberhaupt Abjatar. Beide lädt er zu seiner selbsternannten und geheimen Krönungszeremonie ein.
Aufmerksame Leser wissen allerdings, dass David bereits Salomo zu seinem Nachfolger ernannt hatte (1Chr 23,1; 29,22). Adonijas Machtspiel war also eine feindliche Übernahme und tödliche Bedrohung für seine Rivalen, in diesem Fall seinen königlicher Bruder Salomo und seine Königsmutter Bathseba. Und es wurde auch zu einer Bedrohung für Gottes Versprechen. Der Herr hatte David nämlich zugesagt, dass seine königliche Dynastie (2Sam 7,12–13) durch Salomo weitergeführt werden würde (1Chr 22,9–10).
Bei diesem Familienstreit um Gottes Königreich ging es um Leben und Tod.
Eine mutige Frau, ein treuer Prophet und der rechtmäßige König
Dann erscheint Bathseba auf der Bildfläche. Sie warnt den ahnungslosen König David davor, was in seinem Königreich vor sich geht (1Kön 1,11–27). Gemeinsam mit dem Propheten Nathan erinnert sie ihn an den Eid, den er als Antwort auf Gottes Bundesversprechen abgelegt hatte (Bathseba bedeutet übersetzt „Tochter des Eides“).
David bekräftigt daraufhin seinen Plan, Salomo zu krönen (1,28–31) und beginnt sofort mit der Ausführung (1,32–37). Er lässt einen gottesfürchtigen Propheten, ein gottesfürchtiges priesterliches Oberhaupt und einen seiner gottesfürchtigen Berater rufen, nämlich Nathan, Zadok und Benaja.
David übergibt Salomo sein königliches Maultier (eine Art „Air Force One“ der Antike) und führt ihn damit von der Gihon-Quelle über das Kidron-Tal nach Jerusalem. Salomo wird gesalbt und, begleitet von lautstarken Feierlichkeiten, auf den Thron gesetzt. Das ist nicht vergleichbar mit der geheimen Krönungszeremonie auf Adonijas Privatparty – hier feiert Gottes Volk öffentlich und laut jubelnd seinen König (1,38–40). Adonijas Feierlichkeiten lösen sich schlagartig auf, als der Jubel für Salomo die Zeremonie des Betrügers übertönt (1,41–49).
Der erste Einzug als Spiegelbild des zweiten
Salomos Ritt nach Jerusalem über das Kidron-Tal und die Gihon-Quelle (1,33.38) bezeugen, dass er der wahre König ist. Er bezeugt, dass das priesterliche Oberhaupt Abjatar samt aller religiösen Führungspersonen, die ihm folgen, Betrüger sind. Und er bezeugt, dass der Heerführer Joab trotz seiner militärischen Macht als Verlierer hervorgeht. Dieser eine, dieser König auf dem Esel, das ist der wahre Sohn Davids.
Und an Palmsonntag feiern wir das Ereignis. Jesus reitet den gleichen Weg wie Salomo durch das Kidron-Tal und zieht auf einem Esel nach Jerusalem ein (Mt 21,1–10). Auf einem Esel anstatt auf einem Kriegspferd zu reiten zeugt von Demut (Sach 9,9). Es stellt definitiv einen Kontrast zwischen dem Reich Gottes und der Art dar, wie Herodes oder Pilatus damals bei ihrem Einzug in die Stadt empfangen worden wären.
Aber als Spiegelbild der Krönung Salomos lehrt uns der triumphale Einzug Jesu noch mehr. Wir erkennen, dass die Schriftgelehrten und Pharisäer – die religiösen Führungspersonen, die sich ihm entgegenstellen – Betrüger sind. Wie die Söhne Elis repräsentieren sie nicht länger den wahren und lebendigen Gott (1Sam 2,31ff). Auch Rom mit all seiner militärischen Macht kann nicht mehr tun als nur zuzusehen. Sogar Blinde konnten sehen (Mt 20,30–31), dass Jesus, dieser König auf dem Esel, der wahre Sohn Davids ist (Mt 21,9.15).
Hier ist er endlich, der wahre König.
„Mehr-als-Salomo“ ist da
Zum Glück ist das Königtum Jesu in vielerlei Hinsicht anders als das von Salomo. Salomo wandte sich vom Glauben an Gott ab und betete Götzen an; Jesus tat dies nie. Sogar als er am Kreuz hing und langsam erstickte, befahl er seinen Geist in Gottes Hände (Lk 23,46).
„Zum Glück ist das Königtum Jesu in vielerlei Hinsicht anders als das von Salomo. Salomo wandte sich vom Glauben an Gott ab und betete Götzen an; Jesus tat dies nie.“
Salomo lebte in Sünde und nahm sich Königinnen aus fremden Ländern zu Frauen, um seinen eigenen Status zu stärken (1Kön 11,1–4). Jesus hingegen gab sich für seine Braut, die Gemeinde, hin. Salomo wurde durch den schlechten Einfluss seiner Frauen befleckt (Neh 13,26), doch Jesus reinigte und heiligte seine Braut, „damit er sie sich selbst darstelle als eine Gemeinde, die herrlich sei, so dass sie weder Flecken noch Runzeln noch etwas ähnliches habe, sondern dass sie heilig und tadellos sei“ (Eph 5,27).
Salomo baute einen Tempel, doch verführte sein Volk anschließend dazu, fremde Götzen anzubeten. Jesus erschuf einen neuen Tempel und ist das Oberhaupt seines auserwählten Volkes: „Ich will meinen Brüdern deinen Namen verkündigen; inmitten der Gemeinde will ich dir lobsingen!“ (Ps 22,22; Heb 2,12). Salomo führte sein Volk auf den Weg in das Exil. Doch Jesus wurde der Weg zu Gott – „der Weg, die Wahrheit und das Leben“ (Joh 14,6).
Salomo starb, genauso wie sein Vater David vor ihm (1Kön 11,43). Jesus aber wurde von den Toten auferweckt, um uns das ewige Leben zu schenken – nicht nur David und Salomo, sondern all seinen königlichen Söhnen und Töchtern (Hebr 2,10).
An Palmsonntag feiern wir den Triumph des zweiten Königs, der auf einem Esel nach Jerusalem einzog. Er wird begleitet von Anbetung und Lobgesang von Kindern und Erwachsenen. Er entlarvt alle betrügerischen Anwärter auf seinen Thron und erinnert uns daran, dass er – er allein – der einzig wahre König ist, dem es sich zu folgen lohnt. Von Matthew Westerholm
Matthew Westerholm ist Pastor in der Bethlehem Baptist Church und zuständig für den Bereich Musik. Mit seiner Frau Lisa und ihren drei Söhnen lebt er in Minneapolis.
https://www.evangelium21.net/media/2634/palmsonntag-im-alten-testament

Passionsandacht „Es geht am Kreuz um unsere Not“

Pfr. Wilhelm Busch (1897-1966)

»Sie spotteten und sprachen: Er hat Gott vertraut; der erlöse ihn nun, hat er Lust zu ihm.« (Matthäus 27,43)

Aus den dunklen Urzeiten der Menschheit wird uns 1. Mose 11 eine aufwühlende Geschichte berichtet. Es hat damals alle Welt einerlei Sprache. Eines Tages fassten die Menschen den Beschluss: »Wohlauf, lasst uns einen Tun bauen, dessen Spitze bis in den Himmel reicht, dass wir uns einen Namen machen.« Nun beginnt der Titanentrotz des Menschen den Bau des babylonischen Turms, der als phantastisches Zeichen die »Pensionierung Gottes« und die Selbstherrlichkeit des Menschen proklamieren soll.

Ihr wisst, wie es weiterging: Der Turm wurde nie fertig. Der Herr fuhr hernieder und verwirrte ihre Sprache, dass einer den ändern nicht mehr verstand. Und dabei ist es geblieben, wie ja die Gegenwart zeigt. Aber die Verwirrung ging noch tiefer. Nicht nur zwischen Mensch und Mensch wurde die »Sprache verwirrt«, sondern auch zwischen Mensch und Gott. Der Mensch versteht auch die Sprache Gottes nicht mehr, solange Gott ihm nicht durch den Heiligen Geist hilft. Davon redet unser Text. Das Kreuz ist die deutlichste Rede Gottes. Aber — wer versteht sie? Die Leute unter dem Kreuz jedenfalls nicht.

Das dreifache Missverständnis des Kreuzes.

  1. Es geht nicht um Jesu Not, sondern um unsre

Da stehen die Spötter unter dem Kreuz. Und es ist, als streife ihr Herz eine Ahnung von Jesu ungeheurer Not. Aber auch daraus machen sie nun einen Spott: »Du hast dich ja so oft erfolgreich an Gott gewandt. Tu es doch auch jetzt in deiner Not!« Welch ungeheures Missverständnis! Es geht auf Golgatha gar nicht um Jesu Not. Es geht vielmehr um unsre Not. Dieses Missverständnis hat die ganze Kirchengeschichte durchzogen. Die katholische Mystik des Mittelalters, besonders die franziskanische Mystik, geht in der Linie des Mitleids mit dem leidenden Heiland. In dem bekannten Lied »Stabat mater« stellt sich die Seele gleichsam neben Maria unter das Kreuz und klagt mit ihr: »Lass mein Weinen um den Reinen mit dem Deinen sich vereinen, bis zu meiner letzten Stund; trauernd mich mit dir zu sehen, an dem Fuß des Kreuzes stehen, wünsch ich mir von Herzensgrund.«

Ja, sogar im evangelischen Gesangbuch findet sich dieses Missverständnis, als gehe es um Jesu Not: »O süßer Bund, o Glaubensgrund, wie bist du doch zerschlagen! Alles, was auf Erden lebt, muss dich ja beklagen.« Luther nennt das in der lateinischen Ausgabe der Schrift »Von der Freiheit eines Christenmenschen« einen »kindischen und weibischen Unsinn«.

Es geht am Kreuz um unsre Not! Und zwar um eine größere, als die der Krieg mit sich bringt. Es geht um die Not unseres Gewissens, um die Not unserer friedlosen Seele, um die Not, dass wir der Hölle zueilen. Ein befreundeter Missionar erzählte mir einst von einem indischen Götzenfest. Tausende sind versammelt. Da kommen die riesigen Triumphwagen der Götter. Ihre Räder sind wie ungeheure Walzen. Und auf einmal stürzt ein Mann aus der Menge, wirft sich unter die Räder und lässt sich zermalmen. Aus Hunger nach Frieden des Herzens! Um diese Not, welche die wahre Menschheitsnot ist, geht es an Jesu Kreuz. Diese Not will er stillen. Hier wird für uns alle der Friede mit Gott erfochten.

  1. Es geht nicht um Jesu Erlösung, sondern um unsre

Da stehen sie unter dem Kreuz des Sohnes Gottes und spotten: »Er hat Gott vertraut, der erlöse ihn nun…!« Welch ungeheures Missverständnis! Es geht auf Golgatha nicht darum, dass Jesus erlöst wird. Es geht um unsre Erlösung!

Auch dieses Missverständnis ist bis zum heutigen Tag vorhanden. Nicht nur Jesus hat am Kreuz gehangen. Auch die Sache seines Reiches geht in dieser Weltzeit den Kreuzesweg. Den Feinden Christi ist das nun Anlass zu höhnischem Triumphgeschrei, den gutmeinenden Leuten aber zu schwerer Sorge. Wie oft begegnen mir wohlmeinende Leute, die um die Kirche Christi recht besorgt sind und allerlei gute Vorschläge haben, wie man der Sache der Kirche und Christi aufhelfen könnte. Also: diese Sorge dürfen wir getrost fallen lassen. Es geht nicht darum, dass Jesus und seine Sache erlöst werden. Nein! Es geht vielmehr darum, dass wir erlöst werden.

Oh, ihr törichten Hohenpriester, Schriftgelehrten und Ältesten! Da steht ihr nun und ruft: »Er hat Gott vertraut, der erlöse ihn nun!« Ja, habt ihr euch denn schon mal Ge-danken gemacht, wer euch erlösen soll? Erlösen von eurer Blindheit, von eurem geistlichen Tod, von eurer Schuld, von der Gewalt der Finsternis, von der Hölle, ja, von euch selbst? Wer soll euch denn erlösen? Seht nur auf den Mann am Kreuz! Der tut es!

Einer der edelsten Männer der katholischen Kirche, Vinzenz von Paul (gest. 1660), traf in einer französischen Hafenstadt einen Galeerensklaven, der ihm durch sein trauriges Gesicht auffiel. Auf Befragen erfuhr er, dieser Mann sei wegen Wilderns zu sechs Jahren Galeere verurteilt worden. Vier Jahre habe er verbüßt. Seine Frau und Kinder seien in großer Not. Wenn jemand für ihn einträte, würde er natürlich freigelassen. Da ließ sich Vinzenz von Paul an die Galeere schmieden. Und der Mann durfte heimkehren.

Das ist ein schwaches Gleichnis für die Erlösung Jesu. Wer will sie auch erklären? Aber im Glauben darf man es erfahren: »Die Strafe liegt auf ihm, auf dass wir Frieden hätten« (Jesaja 53,5). Und der Glaube bekennt mit Luther: »Ich glaube, dass Jesus Christus sei mein Herr, der mich verlorenen und verdammten Menschen erlöset hat, erworben und gewonnen von allen Sünden, vom Tode und von der Gewalt des Teufels, nicht mit Gold oder Silber, sondern mit seinem heiligen teuren Blut und mit seinem unschuldigen Leiden und Sterben, auf dass ich sein eigen sei… «

  1. Es geht nicht darum, ob Gott zu Jesus Lust hat, sondern darum, ob er zu uns noch Lust hat

Da spotteten die Feinde Jesu in ihrer geistlichen Blindheit unter dem Kreuz: »Er hat Gott vertraut; der erlöse ihn nun, hat er Lust zu ihm!« Welch ein Missverständnis! Das ist keine Frage, ob Gott Lust zu seinem Sohn hat. Zweimal hat Gott vernehmlich gesagt: »Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe.« Nein, darum geht es, ob Gott noch Lust zu diesen Menschen hat. Wenn ich Gott wäre, hätte ich keine Lust zu dieser blinden, blutdürstigen, verkehrten, charakterlosen Menschheit. Aber — und das ist das unfassbare Wunder des Evangeliums — Gott hat zu dieser Menschheit Lust, so Lust, dass er seinen eingeborenen Sohn ans Kreuz gab. Lasst mich ein Bild gebrauchen. Und nun will ich reden mit denen, die einen Sohn im Felde verloren haben. Oh, wie blutet da das Herz! Wenn es könnte, würde es den Sohn aus der Erde holen. Meint ihr, Gottes Vaterherz sei anders? Er hat auch Söhne und Töchter, die tot sind, geistlich tot, tot in Sünde und Gottesferne, gefallen! Ja, gefallen in Unglaube, Ungehorsam, Verdammnis. Da entbrennt sein Herz. Er kann es nicht lassen: Er will sie aus dem Tode erretten. Darum hängt der Heiland am Kreuz.

Wer’s nicht verstehen kann, der glaube doch denen, die es schon erfahren haben: sein Tod ist unser Leben; sein Sterben ist unsere Versöhnung. Sieh doch Gottes Werben um dich, dass er seinen Sohn gibt. Oh, wie hat Gott Lust an denen, die glauben und sich bekehren, die gekleidet sind in die Gerechtigkeit Jesu Christi. Predigt am Sonntag Reminiscere 1944
Quelle: www.sermon-online.com
Zum 125. Geburtstag von Pfr. Wilhelm Busch (1897-1966)

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