Angst vor Einsamkeit

Heute morgen hörte ich im Radio, dass ein fünfundfünfzig Jahre alter Mann tot in seiner Wohnung aufgefunden wurde. Die Nachricht war traurig genug, aber sie wurde noch tragischer durch die Tatsache, dass er schon drei Jahre lang tot war. Drei Jahre! Manche von uns erinnert diese Nachricht an unsere größte Furcht – allein und vergessen zu sterben.
Die Angst hinter der Angst vor Einsamkeit
Aber obwohl der Tod am meisten Angst vor dem Alleinsein wecken kann, nimmt diese Furcht viele Formen an und ist nicht auf das vorgerückte Alter beschränkt. Sie kann viel früher anfangen. Werde ich jemanden finden, der in der Schulmensa neben mir sitzt? Werde ich jemanden haben, mit dem ich mich auf der Feier unterhalten kann? Werde ich jemals jemanden finden, mit dem ich mein Leben verbringen kann? Wen kann ich als Person angeben, der in einem Notfall benachrichtigt werden soll? Was wird mit mir geschehen, wenn meine Ehe in die Brüche geht? Wird jemand mich überhaupt besuchen, wenn ich in ein Pflegeheim kommen sollte?
„Diese Fragen und Anliegen sind echt. So schwierig es aber ist, mit ihnen für sich genommen klarzukommen, merken wir manchmal, dass sie auf noch tiefere Ängste hinweisen. Für manche steht hinter dahinter ein „Ich bin es nicht wert, dass mich jemand kennt“ oder ein „Ich bin so langweilig oder bedrückt, dass niemand in meiner Nähe sein möchte. Ich bin so ein Versager“. Für manche, die sich abgekoppelt oder isoliert fühlen, spiegelt die Angst vor Einsamkeit ihre Überzeugung wider, dass sie nirgendwo „dazugehören“. Wieder andere, die durch Trauer oder Verrat verletzt wurden, sind gefangen in der Erwartung, wieder verletzt zu werden und am Ende wieder allein zu sein.
Der allgegenwärtige Gott
Ich war mein Leben lang ledig und habe über die Jahre mit vielen dieser Fragen gerungen. Aber ich bin dankbar, dass sich mir schon in frühen Jahren etwas in meinen Sinn und mein Herz eingeprägt hat, das mir ein festes Fundament gibt. Ich kann es vor meinem inneren Auge immer noch in goldener Schrift auf der vorderen Wand der Gemeinde stehen sehen, die wir besuchten, als ich acht war: „Und siehe, ich bin bei euch alle Tage“ (Mt 28,20). Ich habe die Predigten in diesem Alter vielleicht nicht gut verstanden, aber diese Verheißung vier Jahre lang jede Woche zu sehen, übte einen bleibenden Einfluss auf mich aus. Es fühlte sich an, als ob Jesus persönlich zu mir redete – Ich werde bei dir sein. Manche Kinder bilden sich imaginäre Freunde ein, aber wir haben einen wirklichen Freund, der anhänglicher ist als ein Bruder (Spr 18,24). Und er ist nicht einfach irgendwer. Er ist der mächtige „Ich bin“, der Mose aussandte, um sein Volk zu befreien und der den Tod für uns erduldete, um uns zu retten. Wann auch immer ich also Angst hatte oder mich überwältigt fühlte, war er nicht nur da, sondern er half mir, mit dem umzugehen, was mir Angst bereitete. Und das gilt heute genauso wie damals.

Psalm 139 tröstet uns auf wundervolle Weise:

Wo sollte ich hingehen vor deinem Geist, und wo sollte ich hinfliehen vor deinem Angesicht? Stiege ich hinauf zum Himmel, so bist du da; machte ich das Totenreich zu meinem Lager, siehe, so bist du auch da! Nähme ich Flügel der Morgenröte und ließe mich nieder am äußersten Ende des Meeres, so würde auch dort deine Hand mich führen und deine Rechte mich halten!

Dieser Psalm macht deutlich, dass Gott immer bei uns ist. Wir können ihm nicht entfliehen. Egal, wo wir hingehen – zum Himmel, in die Tiefen, ans Ende des Meeres – wir werden ihn dort finden und erkennen, dass er jeden Schritt des Weges bei uns war. Ob wir wach sind oder schlafen, im Haus sind oder draußen, der Herr ist bei uns. Und was ist mit den Ängsten, die uns anfechten? Dieser Psalm macht deutlich, dass er auch jeden unserer Gedanken kennt, jedes Wort, das aus unserem Munde kommt und jeden dunklen Winkel unseres Herzens, und uns doch nicht verlässt. Vielleicht ringen wir in Matthäus 28,20 am meisten mit der Aussage, dass er „alle Tage“ bei uns ist, weil in dieser Welt nichts beständig wirkt und wir manchmal nicht fühlen, dass er bei uns ist. Aber das ändert die Tatsache nicht, dass er da ist.
Niemals allein
Als Jesus kurz vor seinem Tod mit den Jüngern redete, sagte er ihnen, dass der Vater den Heiligen Geist senden würde, der nicht nur bei ihnen bleiben, sondern in ihnen sein würde (Joh 14,17). Da der Heilige Geist in uns lebt, sind wir in Wirklichkeit niemals allein. Heißt das, dass wir uns niemals einsam fühlen? Nein. Heißt das, dass wir niemals Angst vor dem Alleinsein haben? Nein. Aber es bedeutet, dass ich nicht auf mich allein gestellt bin, wenn ich mich so fühle. Weil Jesus mit uns ist und in uns wohnt, können wir nach anderen Ausschau halten, die sich fühlen, als ob sie nicht dazu gehören oder dass sie allein sind, und auf sie zugehen. Wenn ich verletzlich bin und mich allein fühle, bin ich nicht wirklich allein. Es gibt immer noch jemanden bei mir (und bei dir), der darum weiß, der sich sorgt und hilft. Und was vielleicht den größten Trost gibt: Wenn unser letzter Tag kommt werden wir die Fülle der Worte Jesu „Und siehe, ich bin bei euch alle Tage“ erfahren.

Jayne Clark leitet den Mitarbeiterstab der Christian Counseling & Education Foundation (CCEF). Sie ist Autorin der Bücher Healing Broken Relationships und Single and Lonely.

https://www.evangelium21.net/media/1958/angst-vor-einsamkeit

Dürfen Christen einen Arzt aufsuchen?

Es gibt viele Menschen, die sich so sehr dem Willen Gottes hingeben wollen, dass sie darüber alle Ärzte und Medikamente verachten und sich selbst dadurch des Öfteren vernachlässigen.
Sie sagen nämlich: »Ich habe mich nun einmal Gott hingegeben, er muss mein Arzt sein, und ich will von keinem Menschen Rat oder Medikamente annehmen.« Diese Menschen handeln zwar nicht falsch, wenn sie sich Gott vertrauensvoll ergeben. Dass sie jedoch nicht erkennen, wie Gott an allen seinen Geschöpfen durch angemessene natürliche Mittel handelt, ist ein Fehler und Missverständnis. Wir reden hier aber nicht von Wundern und Zeichen, sondern vom üblichen Lauf der Natur, wie ihn Gott eingepflanzt und erschaffen hat. Gott könnte alle Welt auf wundersame Weise speisen, wie er im Evangelium fünftausend Mann mit fünf Broten und danach viertausend mit sieben Broten speiste (vgl. Mt 14,13–21; 15,32–39). Aber er hat den Ackerbau eingesetzt, um die Welt zu ernähren. Wer nun sagen wollte: »Ich habe mich Gott hingegeben, der wird mich wohl speisen, ich muss weder säen noch ernten«, der würde nicht nur der Ordnung Gottes widersprechen und ihr zuwiderhandeln, sondern Gott versuchen. Ebenso hätte Gott das Rote Meer in einem Augenblick ohne Mitwirkung anderer Naturgewalten zerteilen können. Er ließ aber die ganze Nacht hindurch einen starken Wind wehen, um seinem Volk den Weg zu bereiten (vgl. Ex 14,21). Genauso könnte Gott auch in einem Augenblick alle Krankheiten über den Menschen ausschütten und sie in einem anderen Augenblick wieder von den Menschen fortnehmen. Gott verwendet aber passende Mittel und schickt den Menschen die Krankheiten durch schlechte und verdorbene Luft, durch Speise und Trank sowie durch Magenbeschwerden. Entsprechend nimmt er die Krankheiten durch Arzneien auch auf angemessene und natürliche Weise hinweg. Denn es kann doch niemand leugnen, dass Gott den Wurzeln und Kräutern eine besondere Kraft und Wirkung verliehen hat. Mein Lieber, warum sollte also niemand mehr als Arzt tätig sein?
Gott wollte König Hiskia von den Geschwüren der Beulenpest heilen und befahl ihm, Arznei für den Körper zu nehmen (vgl. Jes 38,21). Und der heilige König war nicht so ungefügig und widerspenstig, dass er geredet hätte: »Will Gott mich heilen, so kann er es wohl, was sollten da die Feigen auf dem Geschwür nützen?« Denn es steht im zweiten Buch der Könige, Kapitel 20, geschrieben [2Kön 20,7]: »Und Jesaja sprach: Bringt ein Feigenpflaster her. Und als sie es brachten, legten sie es auf das Geschwür, und er wurde gesund.«
Heinrich Bullinger (Schriften I, 2004, S. 115–117)

Im Zeitalter der Angst

Prof. Dr. Samuel Pfeifer (li.). Wie im Schneegestöber: Wir brauchen auch in der Pandemie Markierungen am Wegrand. Fotos: ZVG; SHUTTERSTOCK/LASEN DOLTSHINKOV Prof. Dr. Samuel Pfeifer (li.). Wie im Schneegestöber: Wir brauchen auch in der Pandemie Markierungen am Wegrand. Fotos: ZVG; SHUTTERSTOCK/LASEN DOLTSHINKOV

(IDEA) – ln meiner Sprechstunde ist Corona allgegenwärtig. Kaum jemand, der nicht auch seelisch davon betroffen wäre. Corona hat sich als schwere Last auf die Menschen gelegt. Insbesondere sensible Menschen leiden unter einer enormen Angst. Sie lesen jeden verfügbaren Artikel und steigern sich in die Gefahrenwelt hinein, weit über jede sinnvolle Vorsicht hinaus. Nicht wenige isolieren sich völlig von anderen Menschen und vereinsamen weit über das notwendige Mass hinaus.

Angst hat viele Gesichter. Einerseits gehört sie zum Menschen; sie schützt uns vor Gefahren. Wenn sie aber entgleist, dann wird sie zum seelischen Gefängnis, zum „tiefen schlammigen Wasser, wo kein Grund mehr ist“, wie dies schon David in Psalm 69 beklagte.

Neue Formen der Angst

Bei Corona zeigt die Angst eine Vielfalt von Ausdrucksformen. Ich beobachte aktuell eine Trias von drei A: Angst, Abwehr und Aggression. Wenden wir uns der Abwehr zu: „So schlimm kann es nicht sein!“ „Mich trifft es nicht!“ Die Bilder überfüllter Krankenhäuser werden ausgeblendet, die dramatischen Berichte des Pflegepersonals ignoriert. In ihrem Unverwundbarkeits-Gefühl gefährden Menschen in Abwehr sich selbst und andere. Ist ihre Abwehr nur eine andere Form von Angst?

Doch die Abwehr kann sich auch zur Aggression steigern. Der Lockdown gibt ein Gefühl des Eingesperrtseins und der Bevormundung. Der Freiheitsdrang bricht sich Bahn in Demonstrationen und bewusstem Bruch der Regeln. Propheten der Endzeit bekommen eine neue Plattform. In den Chatgroups des Internets tauschen sie ihre Botschaften aus, säen Zweifel an den Massnahmen und malen statt der Hoffnung auf eine Überwindung der Pandemie bewusst „den Teufel an die Wand“, auch wenn der manchmal das Gesicht von Bill Gates hat. Somit zeigt sich in der Corona-Pandemie eine neue Form der Angst, die weit über die Krankheit hinausgeht: tiefsitzende Ängste vor Weltuntergang und Zerstörung unserer Zivilisation. Dies verbaut auch den Blick für Wege aus der Krise. Es ist eine Tragik, dass einzelne Splittergruppen unter den Freikirchen die Angst vor dem Impfstoff schüren, mit diffusen Ängsten, unbegründeten Vorbehalten, mit einer Kombination von alternativmedizinischer Pseudowissenschaft und apokalyptischen Szenarien.

Vom Umgang mit der Wissenschaft


In der Not kann die Logik nicht trösten. Aber müssen wir deshalb jedem Zweifel Raum geben? Wie sollen wir als Christen mit wissenschaftlichen Erkenntnissen und Fortschritten umgehen? Im Schneegestöber geben rote Signalpfosten entlang der Strasse eine gewisse Orientierung. Wissenschaftliche Erkenntnisse sind solche Markierungen am Wegrand. Darauf stützt sich die Politik, um die Zahl der Ansteckungen zu reduzieren. In kurzer Zeit wurden neue Medikamente entwickelt, die den Verlauf der Krankheit deutlich mildern. Nun gibt es auch Impfstoffe, die uns längere Zeit gegen den Befall mit dem Virus schützen sollen. Die Ergebnisse sind ermutigend, die Nebenwirkungen bei Millionen Geimpften äusserst gering und in keinem Verhältnis zur Schwere der Krankheit. Für uns alle wird das Leben dadurch besser. Wir tun gut daran, uns mit bewährten Mitteln zu schützen und entsprechende Vorkehrungen zu treffen. Wer sich schützt, ist nicht ein Angsthase, sondern eine Person, die die Warnsignale ernst nimmt und umsetzt. Gerade, wenn man auch die Sicherheit und das Wohl von geliebten Menschen im Auge hat, wird man umso mehr alles tun, um eine gefährliche Erkrankung zu vermeiden.

Gelassenheit, Gottvertrauen, Geduld

So plädiere ich für eine Trias von drei G: Gelassenheit, Gottvertrauen und Geduld. Ich plädiere für Gelassenheit als Gegengewicht zu dieser totalen Fixierung des Lebens auf Corona. Es stimmt: Corona ist eine grosse Gefahr; ja – ich bin nicht unverwundbar; ich versuche mich zu schützen, so gut ich kann. Aber ich habe keine Garantie davor, nicht auch selbst zu erkranken. Mein Leben ist in Gottes Hand.

Vielleicht fällt eine solche Sichtweise demjenigen leichter, der bereits dem Tod ins Auge geschaut hat. Auch als Wissenschaftler und Facharzt brauche ich nicht nur Daten, sondern ein Grundvertrauen auf Gott, der mitten im „Schnee­gestöber“ bei uns ist. Den tiefsitzenden Ängsten vor Weltuntergang setze ich die Hoffnung entgegen, dass Gott über allem steht, und dass er mich führt. Ein Liedvers von Dietrich Bonhoeffer begleitet mein Leben: „Von guten Mächten wunderbar geborgen, erwarten wir getrost, was kommen mag. Gott ist bei uns am Abend und am Morgen und ganz gewiss an jedem neuen Tag.“ Aus einer Fabel ist folgende Geschichte überliefert: Da kommt ein Mann zum Rabbi und fragt: „Soll ich mein Reittier anbinden oder soll ich Gottvertrauen haben? Der Rabbi antwortet: „Binde es an und hab Gottvertrauen!“ Was lernen wir daraus? Beides ist wichtig: Achtsamkeit und Selbstschutz, mir und anderen zuliebe, aber auch das Vertrauen, dass Gott da ist, komme, was da wolle. Gepaart mit Geduld werden wir miteinander diese dunkle Zeit von Corona überwinden.
(Autor: Samuel Pfeifer)

Prof. Dr. Samuel Pfeifer ist Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie und lebt in Riehen.

https://www.ideaschweiz.ch/glaube/detail/im-zeitalter-der-angst-115059.html

Erstaunliche Botschaft einer lesbischen Schwester

Theoblog.de hat einen sehr interessanten, ehrlichen und ausgewogene Artikel von Hunter Baker übersetzt.

Eine erstaunliche Botschaft von einer lesbischen Schwester in Christus

An die Kirche – zum Thema Homosexuelle und Lesben:

Viele von euch glauben, dass es uns in euren Gemeinden, euren Schulen, in eurer Nachbarschaft nicht gibt. Ihr glaubt, dass wir nur wenige sind und dass man uns leicht erkennen kann. Ich sage Euch aber: wir sind viele. Wir sind eure Lehrer, eure Ärzte, eure Buchhalter und Hochschulsportler. Uns gibt es in allen Hautfarben, Typen und Körpergrößen. Wir sind Singles, Ehemänner und Ehefrauen, Mütter und Väter. Wir sind eure Söhne und Töchter, eure Nichten und Neffen, eure Enkelkinder. Wir arbeiten im Kindergottesdienst mit, sitzen in euren Kirchenbänken, singen in euren Chören und stehen auf euren Kanzeln. Ihr wollt uns nicht sehen, weil ihr uns entweder ignoriert oder weil es eure Gemeinde durcheinander bringen könnte. Wir SIND eure Gemeinde. Wir kommen Woche für Woche in eure Kirchen, weil wir Orientierung und einen Hoffnungsschimmer suchen, dass wir uns verändern können. Wir haben genauso wie ihr Jesus in unser Herz aufgenommen. Genau wir ihr wollen wir sein, wie Christus uns haben will. Wir beten jeden Tag um Gottes Führung, wie ihr es auch tut. Und genauso wie ihr versagen wir oft.

Wenn das Wort „homosexuell“ in der Gemeine fällt, halten wir den Atem an und bekommen es mit der Angst zu tun. Meist folgen diesem Wort dann Verdammung, Gelächter, Hass oder Witze. Nur ganz selten hören wir Worte der Hoffnung. Wir erkennen unsere Sünde wenigstens. Aber sieht die Kirche auch ihre Sünde? Seht ihr eure Sünde des Stolzes darüber, besser oder Jesus wohlgefälliger zu sein als wir? Seid ihr in euren Beziehungen zu uns Christus-ähnlich gewesen? Würdet ihr euch mit uns am Brunnen oder im Restaurant treffen, um ein Glas Wasser oder eine Tasse Kaffee mit uns zu trinken? Würdet ihr uns berühren, wenn wir Anzeichen von Aussatz oder AIDS hätten? Würdet ihr uns wie Christus den Zachäus vom Baum herunter rufen und bei uns zu Gast sein? Würdet ihr uns einladen, an eurem Tisch zu sitzen und das Brot mit euch zu brechen? Könnt ihr uns bedingungslos lieben und helfen, weil Christus wie bei euch an unserem Herzen arbeitet, damit wir alle zu Überwindern werden?

An alle, die die Kirche verändern wollen, um Schwule und Lesben mit ihrem homosexuellen Lebensstil zu akzeptieren: Ihr gebt uns keine Hoffnung. Alle, die wir Gottes Wort kennen und es nicht verwässern wollen, damit es unseren Wünschen und Sehnsüchten entspricht, wir bitten euch: lest den Brief von Johannes an die Gemeinde in Pergamon:

„Doch einen Vorwurf kann ich dir nicht ersparen: Du duldest in deiner Mitte Anhänger der Lehre Bileams. Bileam hatte Balak den Rat gegeben, die Israeliten zum Essen von Opferfleisch, das den Götzen geweiht war, und zu sexueller Zügellosigkeit zu verführen und sie dadurch zu Fall zu bringen. Auch bei dir gibt es Leute wie Bileam: Es sind die Anhänger der Lehre der Nikolaiten. Darum sage ich dir: Kehre um!”

Um politisch korrekt zu sein, seid ihr bereit, bei Gottes Wort Kompromisse zu machen. Aber wir lassen uns nicht täuschen. Wenn wir eure Kompromissbereitschaft akzeptieren, dann müssen auch wir Kompromisse machen. Dann müssen wir eure Lügen, euren Ehebruch, eure Lust, euren Götzendienst, eure Süchte, EURE Sünden auch akzeptieren. „Wer bereit ist zu hören, achte auf das, was der Geist den Gemeinden sagt!“

Wir bitten euch genauso wenig um die Akzeptanz unserer Sünden wie wir bereit sind, eure Sünden zu akzeptieren. Wir bitten euch einfach nur um die gleiche Unterstützung, Liebe, Orientierung und vor allem Hoffnung, die alle anderen in eurer Gemeinde auch bekommen. Wir sind eure Brüder und Schwestern in Christus. Wir sind noch nicht, was wir sein sollen, aber Gott sei Dank sind wir auch nicht mehr die, die wir waren. Bemühen wir uns miteinander, dass alle sicher nach Hause finden.
Eine Schwester in Christus


Gott vor der Tür

Gott wird keine Tür aufbrechen, um einzutreten.
Vielleicht schickt er einen Sturm um das Haus; der Wind einer Vorwarnung mag Türen und Fenster sprengen, ja das Haus in seinen Fundamenten erschüttern; aber ER kommt nicht dann, nicht so.
Die Türe muß von freiwilliger Hand geöffnet werden, bevor der Fuß der Liebe über die Schwelle tritt. Gott wartet, bis die Tür von innen aufgeht.
Jeder Sturm ist nur ein Angriff der belagernden Liebe.
Der Schrecken Gottes ist nur die Kehrseite seiner Liebe; es ist die Liebe draußen, die innen sein möchte. – Liebe, die weiß, das Haus ist kein Haus, nur ein Ort, fsolange ER nicht eintritt. C. S. Lewis; aus: Die Weisheit meines Meisters
„Siehe, ich stehe an der Tür und klopfe an; wenn jemand meine Stimme hört und die Tür auftut, zu dem werde ich eingehen und das Abendbrot mit ihm essen, und er mit mir.“ Offenbarung 3,20

Lachen und Weinen

In der Nachfolge Jesu lebt die Gemeinde als Seelsorgerin nicht ein entrücktes Dasein, sondern kennt sich als ein wissendes Stück der versöhnten Welt, nimmt in der Nachfolge Jesu teil an der Lust und am Weh der Welt Sie steht unter der Mahnung: »Freuet euch mit den Fröhlichen, weinet mit den Weinenden« (Röm 12,15). Die Gemeinde weiß zwar um die Kürze der Zeit, die das Lachen und Weinen relativiert (1Kor 7,29 f); aber sie wird deshalb nicht gemahnt, das laute Lachen der Welt zu temperieren. Sie wird ausdrücklich zuerst zum Mitlachen und dann auch zum Mitweinen aufgerufen, d.h. sie soll teilnehmen, herzlich teilnehmen an den Freuden und Leiden der Kreatur. Nur im Mitlachen und Mitweinen, im Mitfühlen mit den Weltkindem kann die Gemeinde ihr Amt der Seelsorge ausüben. Gerade dies haben wir in der Kirche weithin verlernt, daß es eine Seelsorge des Mitlachens gibt. »Schmunzeln ist auch eine Gnade, von der leider die Theologen nicht schreiben.«
Rudolf Bohren (Dem Worte folgen, 1969, S. 100–101)

Perfektionismus

Wer ein Standardlexikon zur Hand nimmt, findet den Perfektionismus „als ein übertriebenes Streben nach Vollkommenheit“ beschrieben. Schaut man sich in unserem Alltag um, so entdeckt man dieses Streben an vielen Stellen. Fitnessprogramme versprechen uns die perfekte Figur. Modeberater verhelfen uns zum perfekten Outfit. Im Reisebüro wird uns der perfekte Urlaub angepriesen. Wir sind umgeben von einer hochentwickelten Technologie, sodass wir nahezu perfekte Autos oder Computer haben können. Und selbstverständlich erwartet die Spieler auf dem Fußballfeld der perfekte Rasen.
Nun ist es keineswegs falsch, sich an einem solchen Perfektionismus zu freuen. Ein perfekt gespieltes Musikstück hört sich allemal besser an als ein fehlerhaft herunter gespielter Vortrag. Dazu kommt, dass ohne jenes Streben nach Perfektion viele Entwicklungen in Wissenschaft und Technik niemals möglich gewesen wären. Die meisten Wissenschaftler sind Perfektionisten. Und als Patient erwarte ich von einem Chirurgen oder Zahnarzt, dass er sein Handwerk möglichst perfekt versteht. Mitarbeiter, die ein Gemeindefest möglichst perfekt vorbereiten, sind ein wahrer Segen für eine Gemeinde.
Dennoch besitzt der Perfektionismus auch eine sehr negative Kehrseite. Das Streben nach Perfektion kann zu einer wahren Besessenheit werden, unter der die Betroffenen selbst und auch ihr Umfeld früher oder später leiden. Um diese Art der Perfektion, die ein ernstes psychisches Leiden darstellt, soll es im Folgenden gehen. Wir wollen verstehen, warum der Perfektionismus uns zutiefst unglücklich machen kann. Zugleich wollen wir vom Evangelium her Wege entdecken, wie man sein Bestes geben kann, ohne daran zu zerbrechen.
KENNZEICHEN EINER PERFEKTIONISTISCHEN LEBENSEINSTELLUNG
Perfektionismus und zwanghaftes Handeln sind sehr eng miteinander verwandt. Perfektionisten wollen alles genau richtig machen. Fehler wollen sie unter allen Umständen vermeiden. Wie ein solches Verhalten den Alltag lahmlegen kann, zeigt das folgende Beispiel: Ein Student sollte während eines Praktikums auf einem landwirtschaftlichen Betrieb bei der Kartoffelernte mithelfen. Dabei sollte er, der klaren Anweisung des Bauern folgend, die großen Kartoffeln in die eine und die kleinen Kartoffeln in die andere Kiste werfen. Zum Erstaunen des Landwirtes hatte der Student auch nach über einer Stunde schweißtreibender Arbeit keine der beiden Kisten voll bekommen. Auf die Nachfrage des Landwirtes, weshalb er nicht vorwärts komme, sagte der Student: „Ich kann nicht entscheiden, welche Kartoffel groß und welche klein ist.“ Nun mag dieses Beispiel zum Schmunzeln anregen und mancher wird vielleicht sagen „typisch Kopfarbeiter“. Dennoch zeigt das Beispiel die schwierigen Folgen perfektionistischen Verhaltens auf. Entscheidungen zu treffen fällt schwer. Die Arbeit wird nie fertig. Ständig läuft man fremden oder eigenen Erwartungen hinterher. Dass solche Muster den Alltag erheblich beschweren, liegt auf der Hand.
Eine praktische Folge dieser Einstellung ist das Denken in absoluten Polaritäten. So gibt es für einen Perfektionisten nur das absolut Richtige und das absolut Falsche, die absolute Ordnung oder die Angst vor dem absoluten Chaos. Dazwischen gibt es für ihn nichts. Entweder engagiert er sich ganz oder gar nicht. Halbe Sachen kennt er nicht. Wenn er nicht abschätzen kann, wie eine Sache am Ende ausgeht, lässt er lieber die Finger davon. Perfektionisten meiden Risiken. Die Dinge müssen kalkulierbar sein. Die Hintergründe eines solchen Verhaltens lassen sich leicht erahnen. Wenn Perfektionisten auf die unabsehbaren Folgen und Gefahren einer Sache starren, dann hat dies nicht nur sachliche Gründe, sondern hat auch mit ihrer Angst zu tun. Es ist die Angst, die Kontrolle über die Dinge zu verlieren, die Angst, dass alles schief läuft, oder die Angst zu versagen. Wo die Angst jedoch zum handlungsleitenden Prinzip wird (etwa in der Erziehung der Kinder), wird das Leben sehr schnell eng. Perfektionismus kann sich in christlichem Kontext als Gesetzlichkeit äußern.
Der Anspruch, selbst perfekt zu sein oder alles perfekt machen zu müssen, hat fatale Folgen für den, der nach diesem Prinzip seinen Alltag ordnet. Wer von sich selbst nur das Allerbeste erwartet und sich selbst nach diesem Maßstab beurteilt, für den ist jedes Anzeichen eigener Unvollkommenheit ein ernstes Problem. Entweder muss er solche Unvollkommenheiten leugnen, was meistens auch eine Zeit lang sehr gut gelingt. Oder er muss sich angesichts solchen „Versagens“ selbst verurteilen. Pannen und Misserfolge zeigen ihm, dass er ein hoffnungsloser Versager ist. Perfektionisten fällt es schwer, zwischen
Person und Sache zu unterscheiden. Vom Erfolg oder Misserfolg einer Sache schließen sie auf den Wert oder den Unwert der eigenen Person. Für Fehler suchen sie die Ursache ausschließlich bei sich selbst. Die Frage, was man aus Fehlern lernen kann, wäre in dieser Situation eine gesündere Reaktion.
SEELSORGERLICHE ASPEKTE
Vertreter eines christlichen Perfektionismus suchen ihre Lehren häufig mit neutestamentlichen Aussagen zu stützen. Hat Jesus seine Jünger nicht selbst zur Vollkommenheit ermahnt (vgl. Matthäus 5,48)? Erwartet nicht auch Paulus den tadellosen Lebenswandel und das makellose Verhalten der Christen (vgl. Philipper 2,15)?
Wir sehen an dieser Stelle exemplarisch, wie die Interpretation einzelner Bibelstellen, ohne den biblischen Gesamtrahmen mitzudenken, ins Abseits führt. Weder für Jesus noch für Paulus ist der Weg zur christlichen Vollkommenheit eine Möglichkeit des Menschen. Im Gegenteil: In sich selbst findet der Mensch überhaupt keinen Anhaltspunkt, Gott zu gefallen oder sich der Vollkommenheit Gottes anzunähern.
Der perfektionistische Christ lebt unter dem Gesetz. Wir können dieses Gesetz als das Gesetz der Fehlerlosigkeit, der sozialen Zwänge oder auch als das Gesetz der eigenen Ansprüche bezeichnen. Letztlich ist dieses Gesetz nur eine Variante jenes Gesetzes Gottes, an dem Paulus und Martin Luther gescheitert sind, und an dem letztlich jeder Mensch nur scheitern kann. Ein Beispiel für jene gesetzesstrenge Haltung liefert der Romanschreiber Titus Müller in dem Mittelalter-Roman „Das Mysterium“. Dort beschreibt er, wie die christliche Sekte der Katharer im 14. Jahrhundert in München ihr Unwesen trieb. Das Oberhaupt jener Sekte Amiel von Ax scharte dort seine Anhänger um sich, um sich mit ihnen zusammen einem sündlosen und vollkommenen Leben zu verschreiben. Der meisterhaft geschriebene Roman zeichnet nicht nur die historischen Verhältnisse jener Zeit präzise nach. Er verarbeitet auch die theologische Frage von Gesetz und Gnade. Erst als dem Sektenführer Amiel von Ax am Ende seines Lebens der Widerspruch zwischen perfektionistischem Ideal und eigener Lebenswirklichkeit bewusst wird, beginnt er, sich für die Gnade Gottes zu öffnen. Die Katharer, die sich selbst „perfecti“ (Die Vollkommenen) nannten, bilden ein Muster für jenen christlichen Perfektionismus, der in der Geschichte der Gemeinde Jesu bis heute mehr oder weniger treue Nachahmer findet.
Wer dem eigenen Perfektionismus entkommen will, muss ihn an der Wurzel packen. Die Wurzel aber ist die Angst. Wie gelingt es, diese Angst vor Ablehnung, Versagen oder Minderwertigkeit zu zähmen?
Der Weg der Erlösung kann nur über das Kreuz Jesu Christi führen. Wo ein Mensch sich selbst und damit seine Angst und seine Minderwertigkeitsgefühle dem gekreuzigten Herrn ausliefert, geschieht zweierlei. Zum einen kann er sich seine Angst vor sich selber und vor Gott eingestehen. Dies ist entscheidend. Denn nur, was wir uns eingestehen und nicht verdrängen, kann erlöst werden. Das Zugeben und Offenlegen der eigenen Angst im Gebet ist daher eine der wichtigsten Voraussetzungen auf dem Weg der inneren Heilung. Dort, wo die Angst eingestanden wird, kann schließlich das andere geschehen. Der oder die Betroffene wird auf eine geheimnisvolle Weise mit Vertrauen beschenkt. Mit anderen Worten: Die Angst kann sich unter dem Kreuz in Vertrauen verwandeln. Dies geschieht in aller Regel nicht von heute auf morgen. Doch kann ein solches Ehrlichwerden vordem gekreuzigten Jesus der Beginn eines Weges in die Freiheit sein.
Biblisch gesprochen ist also die Rechtfertigung das eigentliche Mittel gegen einen zwanghaften Perfektionismus. Denn wo die Gnade in einem Leben Raum gewinnt, kann das eigene Streben nach Vollkommenheit, das im Kern ein Streben nach Anerkennung ist, überwunden werden. Das Ergebnis solchen „Sterbens“ und „Auferstehens“ ist, dass man mit der Zeit die eigenen Fehler und Unzulänglichkeiten annehmen und sich selbst lieben kann. Ein eindrückliches Beispiel hierfür ist Nick Vujicic. Der im Rahmen von „Jesus House“ in Deutschland bekannt gewordene Australier ist ohne Arme und Beine zur Welt gekommen. Gerade als Jugendlicher musste er aufgrund seiner Behinderung ernste Krisen bewältigen. Nachdem er schließlich zum Glauben an Jesus gefunden hat, bekennt er offen: „Obwohl ich alles andere als perfekt bin, bin ich trotzdem der perfekte Nick Vujicic.“ Und er ergänzt: „Wir sind alle vollkommen unvollkommen.“ Das Leben von Nick Vujicic ist ein eindrückliches Beispiel dafür, dass dort, wo man die eigenen Mängel und Schwächen annimmt, erstaunlich Neues entstehen kann.
GOTTES GNADE BEWIRKT NEUE HINGABE
Die Gnade Gottes befreit nicht nur von Ängsten, sie befähigt auch zu einer neuen Haltung. Wo ein Mensch frei geworden ist von sich selber, kann er sich neuen Zielen hingeben. Wo nicht mehr Versagensangst und deren Kehrseite, der ungezügelte Perfektionismus, einen Menschen bestimmen, treten neue Prioritäten ins Blickfeld. Nun kann er sein Leben zur Ehre Gottes einsetzen.
Was könnte unter uns Christen und in unseren Gemeinden heute geschehen, wenn wir diese entscheidende Grundfrage unseres Lebens noch einmal klären würden? Was könnte geschehen, wenn wir unsere „Hausaufgaben“ machen und Jesus auch dort Raum geben würden, wo unsere Angst oder unser Stolz sitzt? Vermutlich würde eine große Freiheit entstehen. Fesseln der Angst würden fallen. Eine Dynamik, seine Sache zur Ehre Gottes wirklich gut zu machen, könnte sich entwickeln. Wir würden uns nicht mehr so sehr um uns selbst, unseren Ehrgeiz oder unsere Angst drehen, sondern könnten uns selbst ganz für ihn verschwenden.
Christen sind nicht perfekt. Sie müssen es auch nicht sein. Wo aber die Gnade ihr Leben durchgreift, kann etwas geschehen, wozu sie aus eigenem Vermögen niemals im Stande wären.
Siehe auch Perfektionismus Der Weg zum Himmel – oder zur Hölle?
http://bibelkreis-muenchen.de/?p=279

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Perfektionismus Der Weg zum Himmel – oder zur Hölle?

In unserer Kultur sind wir von den verführerischen Sirenen des Perfektionismus umgeben. Überall wo wir gehen und stehen, wohin wir uns auch wenden, finden wir Werbung, Zeitschriften, Diät- und Fitnessprogramme, die uns dazu verleiten wollen, den perfekten Körper, perfekte Gesundheit, das perfekte Hausund perfekte Kleidung zu haben. Darüber hinaus sind wir umgeben von einer hoch entwickelten Technologie, sodass wir nahezu perfekte Autos, Computer usw. haben können. Letztendlich können wir in jeder Lebenssituation Perfektion erwarten– selbst Fußballfelder mit immer-grünem Gras. Nun ist es natürlich nicht falsch, sich an einem hohen Standard zu freuen. Es ist wundervoll, den Klang von einer fast perfekten HiFi-Anlage zu genießen. Es ist nicht falsch, nach höchster Qualität im Leben zu streben. Auch nicht alle Perfektion ist falsch. Ich möchte dies betonen, denn am Ende dieser Vorlesung mag der Eindruck entstehen, dass Perfektionismus ein großes Übel ist. Es gibt aber auch einige sehr gute Aspekte des Perfektionismus. Viele große wissenschaftliche Errungenschaften und bedeutende Werke der Kunst, Musik und Literatur wurden von Perfektionisten hervorgebracht. Hier möchte ich mich jedoch auf die negativensten Aspekte konzentrieren, weil ich der Ansicht bin, dass sie eine sehr destruktive und lähmende Wirkung bei vielen Menschen haben. Das Problem entsteht, wenn wir zwanghaft glauben, dass Perfektion möglich ist und wir so hohe Maßstäbe haben, dass sie in der Realität unmöglich zu erreichen sind. Allerdings stellt sich die Sache nicht so einfach dar, weil ich in mir bestimmte Lebensbereiche sehe, wo ich Perfektionist bin, während dies in anderen Bereichen nicht einmal annähernd der Fall ist. Ich denke beispielsweise an eine wundervolle Lehrerin, ihre Schüler lieben sie und sie erzielt hervorragende Ergebnisse. Aber als sie ihr erstes Baby bekam, das wie fast alle Babys ziemlich unvorhersehbar und unordentlich war, fühlte sie, dass die Kontrolle verlor und wurde ziemlich deprimiert. Bestimmte Situationen bringen Perfektionismus auf eine sehr negative Art und Weise zum Vorschein, andere führen zu einem positiven Perfektionismus. Wenn der Selbstwert einer Person davon abhängt, solche hohen Maßstäbe zu erreichen, führt dies unweigerlich zur Selbstverurteilung und in eine persönliche Hölle aus sich wiederholenden Fehlern und ewigem Bedauern. Manchmal führt Perfektionismus auch zu verschiedenen Formen der Psychopathologie – von extremen Angstzuständen, Depressionen, Phobien, zwanghafter Sauberkeit, bis hin zu Kontrollzwängen und Ähnlichem. Zunächst möchte ich die dem Perfektionismus zugrunde liegenden Gedankenmuster und Ängste betrachten. Dann werden wir seine Wurzeln untersuchen und schließlich noch auf einige praktische Änderungsstrategien zu sprechen kommen.

Die Gedankenmuster und Ängste des Perfektionismus

Grundlegend für die Lebenseinstellung eines Perfektionisten sind bestimmte Gedankenstrukturen, die aus bestimmten Ängsten heraus entstehen.

1) Alles-oder-Nichts, Schwarz-Weiß- Denken. Ich muss alles genau richtig machen oder es gleich sein lassen. Eine Person, die Dinge in dieser Weise betrachtet, sieht alles in völlig gegensätzlichen Kategorien beispielsweise von absoluter Ordnung oder Chaos, absoluter Sauberkeit oder totalem Schmutz, absolut gut oder absolut böse, ein Heiliger oder ein Sünder sein, ein kompletter Erfolg oder eine absolute Niederlage. Hinter diesem Alles-oder-Nichts bzw. Schwarz-Weiß-Denken steckt eine tiefe Angst zu versagen. Manchmal werden Perfektionisten zwei Typen eingeteilt: getriebene Perfektionisten (driving perfectionists) und besiegte Perfektionisten (defeated perfectionists). Man kann intensiv versuchen, Perfektion in einigen Lebensbereichen zu erreichen, diesen Versuch aber gleichzeitig in anderen Bereichen aufgegeben haben – und so zwischen Getriebensein und Niederlage hin- und herschwanken.

2) Eine Intoleranz der Mehrdeutigkeit. Dieses Problem besteht darin, Ausgeglichenheit oder Spannung mit den unvermeidlichen Polaritäten des Lebens zu leben. Perfektionisten stellen oftmals ihre Gefühle in den Mittelpunkt – sie schwanken von einem Pol zum anderen, ohne jemals völlig zufrieden zu sein. Wir müssen bestimmte Polaritäten zusammenhalten – die Polaritäten von Freiheit und Form, d.h. einerseits Freiheit und Unabhängigkeit zu wollen und andererseits Sicherheit und Verlässlichkeit. Der Perfektionist wird sich häufig vollständig für etwas verantwortlich fühlen oder aber jegliche Verantwortung von sich weisen.

3) Eine Tyrannei der „müsste“ und „sollte“ des Lebens. Hier geht es darum, dass sich bestimmte Verpflichtungen innerlich immer mehr verfestigen. Der Perfektionist ist teilweise von Schuld getrieben, nicht Schuld in Bezug auf Gott, sondern einer Schuld und Scham, die durch den vermeintlichen kritischen Blick der Eltern entstanden ist, durch die Sorge, was andere denken mögen, oder durch das, was wir glauben, was unsere Eltern über unser Verhalten denken. Ich sollte dieses Haus so sauber wie meine Mutter halten können, auch wenn drei Kinder herumtoben“. „Ich sollte in der Lage sein, alle diese Gemeindemitglieder zu besuchen“. Ich sollte nur Einsen bekommen und Mitglied des Tennisteams werden“. Die Erwartung, dass ich ein Heiliger und perfekt sein werde, hat zur Folge, dass jedes Anzeichen von Unvollkommenheit zeigt, was für ein hoffnungsloser Versager ich bin. Und mit jedem Misserfolg geht ein höheres Maß an Schuld und Selbstverurteilung einher „ein Teufelskreis entsteht, indem ich mir sage, dass ich diesen Fehler nicht so häufig wiederholen darf. Die Frage, was ich aus diesen Fehlern lernen kann, wäre in dieser Situation eine gesündere Reaktion. Ja, ich habe einen Fehler gemacht, aber ich kann es wieder versuchen; ist kein völliges Versagen. Vielleicht ist dies gar nicht meine Gabe, vielleicht muss ich nicht so hart mit mir sein und mich nicht so niederschmettern lassen, wenn ich patze“. Ich denke an ein weiteres Beispiel von einer Frau, die so stolz war auf ihr Haus und so eifrig, es absolut perfekt zu halten, dass sie immer den ganzen Teppich mit Zeitungspapier abdeckte, wenn Besucher kamen, damit nichts schmutzig würde. Ihre Kinder konnten fast nie Freunde zum Essen oder gar zum Übernachten mitbringen, weil sie schreckliche Angst davor hatte, dass sie mit ihren schmutzigen Händen die Wände an der Treppe berühren würden. Dies ist ein dysfunktionaler Perfektionismus, weil er Sauberkeit und Ordnung über persönliche Beziehungen stellt. Diese Frau war von Schuld getrieben, von Versagensangst, und noch tiefer liegend von der Angst vor Ablehnung. Diese tiefen Ängste treiben uns in eine Vielzahl von Verhaltensmuster hinein, die allesamt nutzlos und falsch sind. Dahinter verbirgt sich oft das starke Verlangen nach Liebe und Anerkennung.

4) Eine praktische Folge davon, alles richtig machen zu wollen, ist übermäßiges Zögern und Unentschlossenheit. Das Motto des Perfektionisten könnte „Nichts gewagt, nichts verloren“ lauten. Paul Tillich formuliert es in seinem Buch „Mut zum Sein“ so: Es gibt eine Angst, schuldig zu werden, ein Grauen, sich verdammt zu fühlen“. Diese Angst ist so stark, dass sie verantwortliche Entscheidungen und jede Art moralischen Handelns fast unmöglich macht. Paul Tournier sagt, der Perfektionist „möchte alles machen, wählt aber nichts und fängt somit nie an. Leben heißt, das eine zu wählen und das andere dafür nicht, aber diese Menschen werden nichts aufgeben und dadurch alles verlieren.“ Dennis Gibson gibt ein hervorragen- Beispiel eines Perfektionisten, der die Menükarte in einem Restaurant studiert, hin- und hergerissen zwischen dem Seezungenfilet und der Lasagne. Er bestellt das eine, überlegt, wechselt zum anderen, und fordert den Kellner auf, doch wieder das erste zu notieren. Seine genervte Frau löst schließlich das Problem, indem sie sagt: „Ich werde die Lasagne bestellen und du das Seezungenfilet“. Von der offensichtlich ansteigenden Ungeduld des Kellners genötigt, stimmt der Mann zu. Beim Servieren schaut er auf die Lasagne seiner Frau und sagt: „Ich wusste, ich hätte die bestellen sollen.“ Er hat an alles gedacht, damit niemand etwas an seiner Wahl aussetzen kann. Aus Furcht, das Seezungenfilet könnte die falsche Wahl sein, beeilt sich der Mann hinzuzufügen, dass es nicht seine Entscheidung war, weil er dazu gedrängt wurde, und er wirklich lieber das andere gehabt hätte. Man hat Angst sich festzulegen, weil man falsch liegen könnte. Man hat das Verlangen, die Kontrolle in der Hand zu behalten und sein eigenes Schicksal zu steuern. Manchmal vermeiden wir die schwierige Aufgabe eine Entscheidung zu treffen, indem wir zögern, aber als Grund angeben, wir würden „auf den Herrn warten“ oder „Gottes Willen suchen“. Diese Aussagen degenerieren leicht zu Klischees, die Unentschlossenheit rechtfertigen. Es ist einfacher zu sagen, dass wir noch auf den Herrn warten, als eine schwierige Entscheidung zu treffen, die gute oder schlechte Folgen haben kann. Unsere zwanghaften Neigungen schrecken vor Festlegung zurück. Unsere religiöse Sprache bietet uns einen fromm klingenden Deckmantel für Feigheit. Wir legen ein Vlies aus anstatt nach bestem Wissen und Gewissen zu entscheiden und aus möglichen schmerzvollen Fehlern zu lernen. Wir wollen nicht durch Versuch und Irrtum lernen, obwohl dies einer der bevorzugten Wege Gottes ist, um uns Weisheit zu lehren. Um im Leben weiterzukommen, müssen wir Standpunkte und mögliche Alternativen fallen lassen. Unser zwanghafter Wunsch immer alles unter Kontrolle zu haben, besteht darauf, alle Möglichkeiten bis zum Schluß offen zu halten falls wir einen Fehler machen. Dabei opfern wir Freude zugunsten der Kontrolle.

5) Beziehungen verschlechtern sich verständlicherweise durch die zugrunde liegende Angst, abgelehnt zu werden. Dies kann zu einer abwehrenden Hypersensibilität gegenüber Kritik führen. Kommunikation über echte Schwierigkeiten, Scheitern oder Kämpfe ist dann sehr schwierig, und bleibt wenig Raum für echte Intimität. Perfektionisten erwarten viel von sich selbst und anderen und sind unvermeidlicherweise enttäuscht und frustriert, was wiederum zu Irritation und Verärgerung führt. Letztlich gibt eine echte Angst die Kontrolle zu verlieren, sodass Gefühle, vor allem Ärger stark unterdrückt werden müssen. Wenn sie dann doch herauskommen, geschieht dies in einer Art und Weise, die für alle sehr beängstigend ist. Das überragende Verlangen besteht darin, alles unter Kontrolle zu haben.

Die Wurzeln des Perfektionismus

1. Überkritische Eltern Perfektionistische Eltern bringen ihren Kinder häufig bei, Perfektionisten zu sein, sowohl dadurch, wie sie Beziehungen gestalten, als auch dadurch, wie sie mit dem Leben zurechtkommen „ihre hohen Erwartungen an sich selbst und an ihre Kinder. Solche Eltern neigen zu drei besonders gefährlichen Veranlagungen:

(1) Eine fehlende Toleranz gegenüber Fehlern dadurch eine übersteigerte Kritik an sich selbst und an den eigenen Kindern. Diese Eltern brauchen die Worte des Paulus: „Väter, reizt eure Kinder nicht zum Zorn“.

(2) Sie haben große Schwierigkeiten, ihre Zuneigung zeigen oder jemand zu loben, weil selbst nicht viel davon erlebt haben.

(3) Anerkennung ist immer an Bedingungen geknüpft, zumindest kommt es so bei dem Kind an. Wenn nicht vorne dabei ist, wenn es keine Eins bekommt, dann kann es sein, dass es nicht akzeptiert wird. PsychodynamischeTheorien Sigmund Freud war der Überzeugung, dass Perfektionismus und zwanghafte Neigungen eine Fixierung während der Analphase darstellen, der Zeit des Toilettentrainings. Er lag richtig, dass in dieser Zeit im Kopf eines Kindes Kämpfe mit seinen Eltern ablaufen, nicht so sehr das Toilettentraining an sich betreffend als viel-     mehr die Fragen von Macht und Kontrolle. Wenn ein Kind (im Alter von 18 Monaten) z.B. anfängt mit Trennung und Unabhängigkeit zu experimentieren und die Mutter ärgerlich reagiert, dann kann das Kind innerlich Hassgefühle gegenüber der Mutter und gleichzeitig ein enormes Bedürfnis nach ihr empfinden – ein sich verstärkendes Schwanken zwischen Hass und Liebe. Ein Kind benötigt viel Hilfe, um über diese Phase hinwegzukommen, und in einem guten, liebevollen, fürsorglichen Zuhause wird dieses Stadium leicht überwunden. Das Kind lernt mit Unabhängigkeit, Abhängigkeit und starken Emotionen umzugehen. Harry Stack Sullivan, ein post- ‘freudianischer Psychotherapeut und Analytiker, glaubte, dass Perfektionismus auf die Unsicherheit in einer Familie, in der es wenig Liebe gibt, zurückzuführen ist. Wo Durcheinander und Chaos in der Familie herrscht, kann es sein, dass das Kind in seinem eigenen persönlichen Bereich alles sehr ordentlich macht, um mit dem es umgebenden Durcheinander zurechtzukommen. Um die Vorhersehbarkeit von Ereignissen zu erhöhen, wird diese Person dafür sorgen, dass ihr Zimmer jeden Tag gleich aussieht, sie ihre Kleidung immer in der gleichen Reihenfolge auszieht und an exakt demselben Platz ablegt. Es mag sein, dass sie jeden Tag den gleichen Weg zur gleichen Uhrzeit nimmt. Sie will das Risiko minimieren, unerwartet durch ein Ereignis getroffen zu werden, das zu Schwierigkeiten, Konflikten und emotionalem Aufruhr führen könnte. Wenn die Welt nicht geordnet ist, wenn geschätzte Dinge sich verändern, kann Chaos in ihrem ganzen Leben entstehen. Leon Salzmann, Autor von „The Obsessional Personality“, schreibt: „Es gibt guten Grund zu glauben, dass der zwanghafte Verteidigungsmechanismus die weitverbreitetste Technik ist, die es Menschen möglich macht, eine gewisse Illusion von Sicherheit in einer unberechenbaren Welt zu erlangen“. Karen Horney, eine neofreudianische Analytikerin, hob die Art und Weise hervor, wie wir ein idealisiertes Bild unseres Selbst entwickeln, um mit Gefühlen wie Unsicherheit, Unterlegenheit und Selbstverachtung fertig zu werden. Sie spricht von dem idealisierten Bild als ein „verzehrendes Monster“: „Wenn wir Selbstverachtung und ihre verheerende Kraft betrachten, können wir nicht anders als darin eine große Tragödie zu sehen, vielleicht die größte der Menschheit. Indem sich der Mensch nach dem Unendlichen und Absoluten ausstreckt, beginnt er zugleich sich selbst zu zerstören. Wenn er einen Pakt mit dem Teufel schließt, der ihm Ruhm verspricht, muss er in die Hölle, die Hölle in sich selbst“.

3 Gene, Temperament und Kultur

Selbstverständlich haben Kinder von früh an verschiedene Persönlichkeiten und Temperamente, und einige Kinder sind Perfektionisten im Sinne von Ordentlichkeit und dem Zwang, Dinge prüfen. Es gibt auch einige kulturelle Prädispositionen. Japan und die Schweiz sind perfektionistische Kulturen. Sie bringen eine Menge guter Dinge mit hoher Qualität und exzellenten Standards hervor. Es gibt auch perfektionistische Subkulturen, und ich glaube, dass einige Kirchen in diese Kategorie fallen. Dort ist es nicht erlaubt, seine wahren Gefühle, Schwierigkeiten oder Kämpfe im Leben zu zeigen, vielmehr muss man so erscheinen, als ob alles im Leben gut läuft! Probleme zu haben zeigt, dass man keine reife oder geistliche Persönlichkeit ist.

4. Reaktion auf eine gefallene Welt

Wir müssen nun die Perspektive von den Details des alltäglichen Lebens auf die großen Fragen nach unserer Herkunft und Bestimmung lenken. Wir müssen fragen, warum wir die Probleme haben, die wir haben. Aus der Bibel wissen wir, dass wir von Gott vollkommen geschaffen wurden in einer vollkommenen Welt. Wir wissen auch, dass wir eines Tages wieder vollkommen sein werden. Viele unserer Bestrebungen und Sehnsüchte spiegeln somit die Realität dessen wider, wer wir wirklich sind. Doch seit der Rebellion von Adam und Eva ebenso wie unserem eigenen Schuldigwerden, leben wir in einer unvollkommenen, gefallenen Welt, in der wir einige der Frustrationen akzeptieren müssen, die aus der Unvollkommenheit erwachsen – bis Christus wiederkommt. David Brenner schreibt: „Die Suche nach Vollkommenheit ist eine geistliche Suche. Es ist die Suche nach Ganzheit. Viel mehr als die Suche nach der Abwesenheit von Fehlern ist es die Sehnsucht nach dem Ideal, nach dem, was richtig, schön und rein ist. Obwohl es einfach ist, solche Sehnsüchte als Naivität anzusehen, ist eine Person, die jeglichen Idealismus und Hang zum Perfektionismus verloren hat, sehr bedauernswert. Die Sehnsüchte von Perfektionisten erinnern uns fortwährend an unsere Schwächen und Beschränkungen, aber ohne solche Erinnerungshilfen würden wir um so leichter vergessen, dass das Paradies, obwohl verloren, der Platz ist, nach dem wir uns sehnen.“ In gleicher Weise sind wir ursprünglich von Gott geschaffen worden, um in Beziehungen zu leben – mit Gott und mit anderen – und um über die restliche Schöpfung zu herrschen. Wenn das Vertrauen in Beziehungen schon in frühen Jahren ausgehöhlt wurde, wird ein Kind dazu neigen, sich selbst vor dem Schmerz einer tiefen, aber nicht erfüllten Sehnsucht nach Liebe, Bestätigung und Zuneigung zu schützen, indem es lernt, Gefühle und andere Menschen zu steuern, um wenigstens einige Bedürfnisse zu stillen. Dieser Lebens und Beziehungsstil wird sich oft bis ins Erwachsenenalter durchziehen. Die ursprünglich gottgegebene Aufgabe der Herrschaft ist verfälscht und wird eingespannt in dem Versuch, alles im Leben zu beherrschen. Diese sündhaften Strategien, den Schmerz zu unterbinden und Bedürfnisse zu erfüllen, mögen kurzfristig funktionieren, doch langfristig verschlimmern sie das Problem, da sie letztendlich sehr egoistisch sind. Salzmann’s Arbeiten deuten darauf hin, dass es zwei große Themen in der perfektionistischen, zwanghaften Denkweise gibt. Das erste ist eine negative Einstellung gegenüber der Tatsache, dass man eine begrenzte Person in einer Welt der Ungewissheit ist. Jemand äußerte einmal, er sei wütend, dass er nur einen endlichen Verstand habe. Er war ausgesprochen frustriert, endlich und gefallen zu sein, denn wenn er perfekt wäre, gäbe es nicht die Gefahr zu versagen oder abgelehnt zu werden. Hierin können wir die Attraktivität einer perfektionistischen Theologie sehen, in der Gesundheit und Wohlstand versprochen werden. Diese Erwartung impliziert, dass wir die Einschränkungen einer gefallenen Welt überschreiten und den Himmel schon jetzt haben können. Zu viel wird zu schnell versprochen. Ein Großteil der Attraktivität der New-Age-Bewegung liegt in dem Versprechen der Vollkommenheit durch unsere eigene Anstrengung oder durch eine veränderte Sicht der   Realität und den Glauben, dass alles schon perfekt ist. Die Vorliebe des Perfektionisten für die Illusion der Kontrolle und die Möglichkeit, das Leben vorhersehbar zu machen, ist der zweite Punkt von Salzmann. Gibson spricht von der „Gier nach Allmächtigkeit“. Der Perfektionist möchte nicht, dass irgendjemand ihn beherrscht. Er möchte die vollständige Kontrolle oder gar keine. Dies erinnert an die Versuchung von Adam und Eva: „Ihr werdet sein wie Gott“ (1. Mose 3). Ihr werdet herrschen, ihr werdet nicht eingeschränkt sein, ihr werdet nicht endlich sein, ihr werdet wie Gott sein, ihr könnt es selbst schaffen“. Genau deshalb ist der Perfektionismus der Weg zur Hölle, denn im Grunde genommen besagt er, dass du Gott sein kannst und alles, was geschehen wird, beherrschen kannst. Es ist nicht verwunderlich, dass wir ähnlich empfinden, denn im Vergleich zu unseren Vorfahren vor 500 Jahren haben wir in sehr starkem Maße gelernt, unsere Umwelt und auch unsere Gesundheit zu kontrollieren.

Die zentrale Bedeutung der Gnade

Alle großen Weltreligionen außer einer haben dieselbe treibende Kraft: Wie kann der Mensch seine Endlichkeit überwinden und wie Gott werden? Und die meisten der großen Religionen haben Rituale, Wege, um sich selbst gut genug zu machen. Alle großen Religionen bis auf eine sind ein ‘Verfahren’, um Furcht und Angst zu schmälern durch menschliche Errungenschaften, durch Werke und Rituale, im Dienste irgendeines Gottes – um so schließlich die Illusion möglicher Akzeptanz und Sicherheit zu vermitteln. Das Christentum ist zutiefst und in wundervoller Weise anders. Francis Schaeffer wurde nicht müde zu betonen, dass das Christentum die leichteste und schwerste Religion zugleich ist. Es ist die leichteste, weil wir mit nichts, mit leeren Händen zum Kreuz kommen. Und gleichzeitig ist es die schwerste aus genau dem gleichen Grund. Unser Stolz will uns nicht annehmen lassen, dass wir mit offenen Händen kommen. Wir wollen immer etwas tun, zu unserer eigenen Erlösung beitragen, ultimativ die letzte Karte selbst in der Hand halten, derjenige sein, der sagt, wir haben die Kontrolle anstelle von Gott. Doch der Perfektionismus kann auch der Weg in den Himmel sein, weil er uns dahin treibt zu erkennen, dass wir Gottes Ansprüchen nicht durch eigenes Tun genügen können. Wie das (alttestamentliche) Gesetz, so führt auch der Perfektionismus „auf Christus hin, damit wir durch den Glauben gerecht würden“ (Gal. 3,24). Wir kommen mit nichts und nehmen das Geschenk seiner Liebe, Annahme und seines Opfers am Kreuz für uns an, beugen uns in tiefer Abhängigkeit, unterwerfen unseren Willen dem seinen, wissend, dass wir angenommen, geliebt und wertgeschätzt sind – nicht aufgrund dessen, was wir tun, sondern weil wir erkennen, wie unvollkommen wir sind, wie sündig und wie wenig wir mit Gottes Vollkommenheit mithalten können. In Gottes Augen hängt mein Wert nicht von meinen Werken ab. Ich muss nicht unter dem Gesetz leben, sondern unter der Gnade. So viele der perfektionistischen Christen leben immer noch unter dem Gesetz. Irgendwie können sie sich die Gnade Gottes nicht aneignen, weil eine grundlegende Unsicherheit da ist mit einer tiefen Angst vor Ablehnung, Versagen, Nicht-Sein und dem Verlust der Kontrolle. Aber alle diese Ängste werden ‘angegangen’, wenn ein Mensch zurückfindet in die Beziehung zu dem liebenden Gott, der uns mit allen unseren Fehlern und Unzulänglichkeiten annimmt. Er hat Pläne, wie er diese alte zerfallene Hütte meines Lebens in einen glanzvollen Palast umwandeln kann, der es wert ist, dass ein König darin lebt. Und er ist derjenige, der uns vollkommen machen wird, denn aus uns selbst heraus können wir dies nicht. Man mag einwenden, dass es doch eine Bibelstelle mit einer Aussage von Jesus gibt, die den Perfektionisten rechtfertigt: „Darum sollt ihr vollkommen sein, wie euer Vater im Himmel vollkommen ist“ (Matth. 5, 48). Ist das nicht genug? Ist das nicht die einzige Aufforderung, die wir brauchen? Dieser Text deutet sicherlich die Richtung an, in die wir gehen müssen. Das griechische Wort, das mit „vollkommen“ übersetzt wird, ist ‘teleios’ und bedeutet wörtlich ausgereift, ein vorgegebenes Ziel erreichend. Wir sind aufgefordert, reif und heilig zu sein. Paulus erkennt jedoch, dass noch keine Vollkommenheit herrscht: „Wenn aber kommen wird das Vollkommene, so wird das Stückwerk aufhören“ (1. Kor. 13,10). Eines Tages werden wir vollkommen sein, aber noch nicht heute. „Nicht, dass ich’s schon ergriffen habe oder schon vollkommen sei; ich jage ihm aber   nach, ob ich’s wohl ergreifen könnte, weil ich von Christus Jesus ergriffen bin“ (Phil. 3,12). Paulus spricht auch von der „Verklärung von einer Herrlichkeit zur anderen“ (2. Kor. 3,18). Wir sind gerettet und gerechtfertigt, und wir sind jetzt in einem Prozess der Veränderung, der Erneuerung und der Vervollkommnung.

Strategien zur Veränderung

Nun mögen wir zwar wissen, dass wir uns selbst nicht perfekt machen können, und dennoch mit perfektionistischen Tendenzen kämpfen. Unsere sündige Natur ist immer noch aktiv und wir brauchen Hilfe, um die vielen alten, unsicheren, perfektionistischen Gedankengänge, die weiterhin in unseren Köpfen ablaufen, zu verändern. Wir mögen wissen, dass wir von Gott angenommen sind, fühlen es aber in unserem Herzen häufig genug nicht. Und deshalb leben wir nicht so, als ob wir angenommen wären. Wie können wir uns und anderen helfen, sich zu verändern, mehr wie Christus zu werden, reifer zu werden? Erkenntnis ist hilfreich, aber oft nicht ausreichend. Tatsächlich sind Perfektionisten sehr gut im Erkennen und Verstehen der Wurzeln ihres Problems, aber sie können nichts ändern und brauchen deshalb praktische Strategien als Hilfestellung. Weil uns die Kämpfe, die ein Perfektionist hat, um mit dem Leben zurechtzukommen, nicht fremd sind, kann es zu einer Balance kommen zwischen Mitgefühl und Herausforderung, zwischen einer Umarmung und einem Tritt! Dies ist wirklich eine Konfrontation mit der Realität. Eine perfektionistische Freundin hatte eine solche Konfrontation mit der Realität als sie als Missionarin nach Afrika ging. Umgeben von Dreck, Unvollkommenheit und Chaos, wo niemand wusste, welche Uhrzeit gerade ist und nichts pünktlich lief, musste sie sich ändern! In dieser potentiell sehr beängstigenden Situation erkannte sie, dass sie in einer nicht realen Fantasiewelt gelebt hatte mit dem Glauben, Perfektion auf Erden sei (annähernd) möglich! David Burns zählt einige Wege auf, Menschen mit kognitiven Therapien zu helfen:

(1) Bitte die Person alle Vor- und Nachteile des Bemühens, Perfektion im Leben zu erreichen, aufzulisten. Ein Mädchen wurde gebeten, dies zu tun, und konnte zwei Vorteile und sechs Nachteile auflisten. „Es macht   mich so nervös und angespannt, dass ich manchmal keine gute oder zumindest befriedigende Arbeit tun kann. Zweitens bin ich oft nicht bereit, die Fehler zu riskieren, die nötig sind, um ein kreatives Stück Arbeit zu bewerkstelligen. Drittens hindert mich mein Perfektionismus daran, neue Dinge auszuprobieren und neue Entdeckungen zu machen, weil ich so damit beschäftigt bin, ungefährdet zu sein…. Wenn man die Vor- und Nachteile aufschreibt, fängt man an zu sehen, dass die Kosten den Nutzen übersteigen.

(2) Um zu versuchen, das gestörte Alles-oder-Nichts-Denken umzuprogrammieren, bittet David Burns Perfektionisten „einen Tag lang zu überprüfen, ob die Welt in sinnvoller   Weise gedeutet werden kann, wenn man nur die Kategorien ‘Alles’ oder ‘Nichts’ verwendet“. Sind diese Wände völlig sauber oder gibt es dort etwas Schmutz? Ist diese Person vollkommen hübsch oder total hässlich oder irgendwo dazwischen? Die Aufgabe zeigt normalerweise deutlich die Irrationalität dieses dichotomischen Denkens.

(3) Führe eine tägliche Liste aller selbstkritischen Gedanken „der Gedanken, die von selbst entstehen, wenn jemand unter Druck ist. Du verlierst ein Tennisspiel und versinkst sofort in tiefste Verzweiflung, weil du denkst, vollkommen versagt zu haben. Du kochst ein Essen und es geht schief „das ist das Ende der Welt. Natürlich gibt es andere Wege, diese Dinge zu beurteilen, aber du musst zunächst erkennen, dass du gewöhnlicherweise so reagierst, um zu begreifen, dass du etwas ändern musst und dabei auf Hilfe von anderen angewiesen bist. Du brauchst kein Opfer deiner automatischen Gedankengänge zu sein. Du kannst selbst agieren, indem du dich für einige Veränderungen entscheidest und gegen bestimmte Verhaltensmuster angehst.

(4) Setze realistische Ziele. Die meisten Perfektionisten nehmen an, dass dann, wenn man sich die höchsten persönlichen Ziele setzt, dies auch zu den besten Leistungen führt. Aber sie haben diese Annahme niemals objektiv getestet. Athleten und Geschäftsleute, die nach Höchstleistung streben, bleiben oft darunter, doch wenn man das Durchschnittliche anvisierst, wird man häufiger Erfolg haben.

(5) Perfektionisten müssen heraus gefordert werden im Blick auf das Bild, das sie von ihrer Gottesbeziehung haben, vor allem Annahme und Vertrauen betreffend. Sie müssen lernen, sich auf Tatsachen und nicht auf Gefühle zu verlassen. Ein gutes Beispiel für das verdrehte Denken des Perfektionisten geben Minirth und Meier: „John P. Workaholic fühlt sich unsicher in Beziehungen, auch in derjenigen zu Gott. Da die Liebe, die er von seinen Eltern erfahren hat, auf Bedingungen basierte, denkt er dasselbe von Gott. Dadurch hat er Probleme mit seinem Glauben und zweifelt an seiner Erlösung. Um diesem Zweifel zu begegnen, nimmt John einen extrem calvinistischen Standpunkt ein. Er hat ein überzogenes Verständnis von der Souveränität Gottes und glaubt, dass das Individuum absolut keine Verantwortung für sein Leben trägt. Natürlich ist die einzige Aufgabe des Menschen in Bezug auf die Errettung, an Jesus Christus zu glauben, doch John neigt dazu, darüber noch „es gibt absolut keine menschliche Verantwortung. Dies hilft ihm, seine tief sitzenden Unsicherheiten und Ängste, abgelehnt zu werden, zu kontrollieren. Tatsächlich bittet John jedoch im Stillen Gott allen Ernstes hundert Mal in sein Leben zu kommen, denn tief innerlich fühlt er nicht, dass Gott ihn ohne Bedingungen annehmen könnte. So denkt er wie ein Hyper-Calvinist, um von seiner Schuld befreit zu werden, aber er fühlt wie ein Armenier „von Gott angenommen nur auf der Basis von Bedingungen.“ Ein anderer Therapeut gibt ein Beispiel davon, wie er einem Patienten half, sich von diesem Bild Gottes zu befreien. Er ließ Tom die Rolle Gottes übernehmen. Tom konnte nicht glauben, dass Gott ihn so, wie er ist, akzeptieren könnte, und er meinte, wenn er in Reue zu Gott käme, würde dieser irgendwie erwarten, dass er perfekt sein sollte. Der Therapeut ließ Tom in der Rolle Gottes vier Dinge zu einem imaginären Tom sagen. Erstens, „Tom Du bist nicht gut genug, dass ich dir vergebe“; zweitens, „Es ist dir möglich, gut genug zu werden, dass ich dir vergebe“; drittens, „Deine Errettung, Tom, hängt von deiner Anstrengung ab“; und viertens, „Tom, hiermit erkläre ich das Konzept der Gnade für ungültig.“ Diese halbhumorvolle Technik half Tom, sein falsches Verständnis von Gottes Gnade zu erkennen.

Das Umfeld für Veränderung – eine andere Familie

Wir stehen nicht allein im Kampf. Wir brauchen uns gegenseitig im Prozess der Heiligung und der Veränderung. Dabei ist die Struktur der Kirche von besonderer Bedeutung. Individuelle Seelsorge alleine ist unangebracht. Ich glaube, dass es wichtig ist, kleine gemeinschaftliche Gruppe zu haben, in denen man sich angenommen fühlt, so, wie man ist. Es mag einige Monate oder auch Jahre dauern, bis wir so viel Vertrauen entwickelt haben, dass wir anderen Menschen zu sehen erlauben, dass wir gar nicht so perfekt sind, und bereit werden, diese Neigungen und die Schwierigkeiten des Lebens mit ihnen zu teilen. Wir müssen gemeinsam begreifen, wie Paulus, David oder andere ‘Männer Gottes’ mit dem Leben rangen. Wir müssen fähig werden zu akzeptieren, dass wir Fehler machen, dass wir nicht auf alles eine Antwort haben und dass wir manchmal in dieser unsicheren, gefallenen Welt handeln müssen ohne alle Konsequenzen unseres Handelns zu kennen. Wir müssen den Mut haben, aus unserem vorhersehbaren Lebensstil auszusteigen. In L’Abri lernen wir die Menschen, die zu uns kommen, recht gut kennen. Sie bleiben manchmal bis zu drei Monate am Stück und studieren mit uns, arbeiten mit uns, essen mit uns und nehmen auch ein Stück weit an unserem Familienleben teil. Diese Alltäglichkeiten helfen oft den Perfektionisten, aus ihren eingefahrenen Denkmustern auszubrechen. Der Staubsauger versagt und wir haben keinen zweiten, der funktioniert. Nachdem man im Garten Unkraut gejätet hat, bleibt dieser nicht lange so. Für ein Mädchen war Volleyball spielen die Befreiung von ihrem Perfektionismus. Es dauerte zwei Monate, sie zum Mitspielen zu bewegen, aber irgendwann riskierte sie es. Ihre Angst bestand darin, abgelehnt zu werden, wenn sie nicht gut genug spielen konnte. Aber sie erkannte, dass sie akzeptiert wurde, auch wenn sie nur sehr mittelmäßig spielte. Diese Erfahrung half ihr, auch in anderen Lebensbereichen etwas zu wagen. Ein anderes Mädchen schrieb: „Ich wurde angenommen, ich wurde frei, mein Bestes zu geben „ohne die lähmende Angst zu versagen oder abgelehnt zu werden.“ Zu lernen, ehrlich mit Verletzungen und Enttäuschungen, mit Schuld und Bitterkeit umzugehen, gehört ebenfalls zum Kern von Veränderung. Zu lernen, anderen zu vergeben   und Vergebung anzunehmen, ist von entscheidender Bedeutung für den Heilungsprozess. Dies sind Themen für andere Vorträge. Gibson fasst den fortwährenden Kampf zusammen, indem er auf Salzmann’s Beschreibung der zwanghaften Persönlichkeit antwortet: „Das Wichtigste im Blick auf die Erneuerung unseres Denkens ist die Tatsache, dass wir beschränkte Säugetiere in einer gefährlichen Welt sind. Der zwanghafte Perfektionist sagt: Ich werde die Beschränkungen nicht tolerieren. Ich will die Kontrolle haben. Ich kann die Kontrolle haben.’ Salzmann behauptet sehr kraftlos, dass wir unsere Beschränkungen akzeptieren müssen, dann werden wir zufrieden sein. Ein falscher Trostspender rät dem Zwanghaften: ‘Die Welt ist gar kein gefährlicher Ort, so wie du es fürchtest. Vertraue nur. Du wirst nicht verletzt werden.’ Aber das Christentum lehrt, dass wir begrenzt   sind, dass die Welt gefährlich ist „es ist nicht nur möglich, sondern sicher, dass man da draußen verletzt wird. Aber das Christentum lehrt auch, dass wir das alles zulassen können, weil es nur ein kleiner Ausschnitt in einem größeren Bild ist. Es gibt einen liebenden Gott, der alles zu einem Ende führt, das auch unser Wohlergehen beinhaltet. Er ist der, der zu dir sagt: ‘ICH BIN, deshalb brauchst du dich nicht zu fürchten.’ Die Antwort liegt darin, sich dem lebendigen Gott unterzuordnen und diese Unterordnung wird uns von der Knechtschaft, unseren eigenen Weg haben zu müssen, befreien. Wahre Freiheit finden wir, indem wir uns seinem Willen unterordnen.“ Gibson kommt zu dem Schluss: „Salzmann lässt uns zurück mit einem zynischen Achselzucken, doch das Evangelium der Gnade Gottes lässt uns zurück mit einem Lied: ‘verloren im Staunen, in Liebe und Lob’.“ Richard Winter Francis Schaeffer Institute Covenant Seminary St. Louis, USA

Literatur: Benner, David: Psychotherapy and the spiritual quest. Hodder and Stoughton, 1989. Burns, David: The Perfectionist’s Script for Self-Defeat’ in Psychology Today, Nov, 1980. Gibson, Dennis: The Obsessive Personality and the Evangelical’ in Journal of Psychology and Christianity, Vol.1, No.3. Horney, Karen: Neurosis and Human Growth. New York, Norton, 1950. Minirth, Frank and Meier, Paul: Happiness is a choice. Grand Rapids, Baker, 1978. Salzmann, Leon: Treatment of the Obsessional Personality. Übersetzung der „L’Abri Lectures No. 5“ http://www.labri.org/germany/resource/Akzente_2005_1.pdf