Befreiungstheologie

Befreiungstheologie (auch: Theologie der Befreiung; >Genitivtheologien) ist die Bezeichnung einer umstrittenen kirchlichen Lehre und Bewegung, die in den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts in den lateinamerikanischen katholischen Kirchen entstanden ist. Befreiungstheologie geht davon aus, dass die unter gesellschaftlichen Zwängen der kapitalistischen Gesellschaftsordnung lebenden Menschen befreit werden müssen. Befreiungstheologie sieht in der biblischen Botschaft einen Zuspruch der politisch-gesellschaftlichen Befreiung und geht davon aus, dass diese Freiheit nötigenfalls auch mit Gewalt errungen werden darf. Theologische Begründung ist die Befreiungsgeschichte Israels aus Ägypten. Diese Begründung geht eine Verbindung mit marxistischen Gesellschaftsvorstellungen ein. In der Befreiungstheologie wird Sünde nicht mehr individuell, sondern als gesellschaftliches Problem, aus dem es Befreiung geben muss, verstanden. Die Befreiungstheologie steht, wenn auch damals ohne den marxistischen Hintergrund, in der Tradition ähnlicher Gedanken unter extremen Anhängern des Prämillennialismus und der Chiliasten (Thomas Müntzer, Täuferreich zu Münster und einige Puritaner).
Das politische Eintreten der Befreiungstheologie hat diese kirchliche Bewegung im scharfen Gegensatz zu den oft politisch extrem rechts stehenden Regierungen Lateinamerikas am Ende des 20. Jahrhunderts gebracht. Seit den 80er Jahren geriet die Befreiungstheologie in zunehmende Spannungen mit der Glaubenskongregation (Nachfolgerin der Inquisition) des Vatikans. Bischof Leonardo Boff (geb 1938), der katholische Hauptvertreter der Befreiungstheologie, bekam Redeverbot vom Vatikan. Ernesto Cardinal trat, obwohl er katholischer Priester war, in die marxistische Regierung Nicaraguas als Kulturminister ein. Ihm wurden daraufhin seine Priesterrechte durch den Vatikan entzogen. Befreiungstheologie wurde auf Afrika übertragen (anglik. Erzbischof Tutu) und war ein Hintergrund der südafrikanischen Antiapartheid-Theologie. Die >Feministische Theologie übertrug die Gedanken von klassen- und rassenkämpferischer Befreiung auf die Befreiung von patriarchalen Strukturen in der Gesellschaft und Kirche (u.a. D. Sölle). Großes Aufsehen erregte die Befreiungstheologie bei der Weltmissionskonferenz 1973 in Bangkok. Dort wurde auf dem Hintergrund der Befreiungstheologie die These der Wirkung des Heiligen Geistes auch in den Befreiungsbewegungen vertreten. Finanzelle Unterstützung marxistischer Befreiungsbewegungen durch den ÖRK (u.a. für Mugabe im damaligen Rhodesien, den ANC in Südafrika und die PLO in Palästina) führte zu langen Spannungen vor allem mit der Württemberger und Schaumburg-Lippischen Landeskirche, die zeitweise aus dem ÖRK austraten. Rainer Wagner

http://www.bibel-glaube.de/handbuch_orientierung/Befreiungstheologie.htmlLit.: P. Beyerhaus, Bangkok 73 – Anfang oder Ende der Weltmission?, 1973.

Befreiungstheologie Teil 1

Befreiungstheologie scheint zunächst ein sowohl sympathischer wie ehrenwerter Ansatz zu sein. Die “Stimme der Armen” zu erheben, ist natürlich die Aufgabe der Kirche. Eine Kirche, die ihre Stimme den Reichen und Mächtigen leiht, sollte doch wohl noch einmal in die Schrift schauen (5. Mose 15, 10; Mt 19, 23f).  Wenn auch etwas in die Jahre gekommen, so sind die Positionen doch mittlerweile in den westlichen Kirchen und der westlichen Theologie fest etabliert, ja, sie werden z.T. gar nicht als individuelle theologische Strömung wahrgenommen. Die Armen sind durch andere soziale Randgruppen ersetzt oder ergänzt worden, wie es eben gesellschaftlich nötig scheint (Schwarze Theologie, Feministische Theologie). Über diese soziale Aufmerksamkeit der Kirche lässt sich Positives sagen. Doch es gilt auch, ernste Bedenken anzubringen.
Zunächst zum positiven Grundaspekt dieser Art von Theologie: Befreiungstheologie entstand aus der aktiven Anteilnahme der Christen Lateinamerikas an den gesellschaftlichen Problemen ihrer Mitmenschen. Die Kirche hat sich also weder versteckt noch in eine eigene, heilige Welt geflüchtet, sondern “dem Volk aufs Maul” bzw. den Menschen ins Herz geschaut und ihre Bedürfnisse ernstgenommen. Drei Blickpunkte sind besonders wichtig: Für die Armen, für die Befreiung, für die kirchlichen Basisgemeinden. Es geht den Vertretern um eine politische, ethische und evangelischen Option für die Armen, die verändern will.
Es ist hervorzuheben, dass damit den Protagonisten der Bewegung in den 60er/70er Jahren ein Thema vor Augen lag, welches die (luth. und kath.) Kirche lange Zeit vernachlässigt hatte: Politische und gesellschaftliche Gerechtigkeit. Indem nun der Blick auf die sozialen Aspekte des Evangeliums gerichtet wurde, geschah eine Korrektur. Befreiungstheologie  mahnte, in ihrer besten Form, der diakonia, an, den Auftrag der Kirche den Brüdern und den Mitmenschen in der Welt zu dienen, nicht zu vergessen. Ein wichtger Vertreter dieser Seite war Óscar Romero.
Schwierigkeiten entstanden, wie so oft, wenn über die Grundlagen der göttlichen Offenbarung hinausgegangen wurde. Dies geschah hier meist unter dem Einfluss eines marxistischen Rationalismus[1]. Darunter sind folgende Thesen zu nennen.

  • die Armen Lateinamerikas stellen eine neue Inkarnation Christi dar
  • die Schrift wird ausschließlich politisch ausgelegt (sehen – urteilen – handeln)
  • Christus ist nun nur noch Vorbild und Beispiel der Befreiung, sein Tod hat die Bedeutung eines Märtyrertodes

Zum ersten Aspekt: “Du sollst den Geringsten nicht vorziehen, aber auch den Großen nicht begünstigen (3. Mose 19, 15).” Vor Gott sind wir weder Jude, noch Grieche, weder Mann, noch Frau, weder arm, noch reich (vgl. Gal 3, 28). Die Armen haben den Reichen in der Beziehung auf Christus hin nichts voraus. Allein “der Herr hat uns  gemacht und nicht wir selbst zu seinem Volk und zu Schafen seiner Weide” (Ps. 100, 3). Das Evangelium spricht Menschen mit besonderen Lebensumständen eben keinen Vorzug zu. Jeder Mensch ist genau gleich verloren und für jeden Menschen gibt es nur eine soteriologische Hoffnung: Christus Jesus. Keine soziale Gruppe der Gesellschaft ist ihm näher als eine andere. Christus zu vertrauen ist für alle gleich, gleichschwer und gleichleicht:
Darum es falsch und unrecht, wenn gelehrt wird, daß nicht allein die Barmherzigkeit Gottes und [das] allerheiligste Verdienst Christi, sondern auch in uns eine Ursache der Wahl Gottes sei, um welcher willen Gott uns zum ewigen Leben erwählt habe. (FC, Solida Declaratio, XI Von der ewigen Vorsehung und Wahl Gottes, 88)
Zum zweiten Aspekt: Problematisch ist (auch hier wieder) die thematische Verengung, ja die vollkommene Blindheit gegenüber dem Offensichtlichen. Der ethische Schriftsinn (was man tun soll) wird den eigenen Überzeugungen gemäß selektiv herausgegriffen und zum einzig wahren erklärt. Damit wird aber der Schrift von außen her aufgezwungen, wie sie zu lesen ist. Ein Prinzip von außen wird angelegt, wo doch festzuhalten ist, dass die Schrift in ihrer Gänze sich selbst auslegt und:
[Die] prophetischen und apostolischen Schriften Alten und Neuen Testaments, als […] reine[], lauter[e]nBrunnen Isrälis, [sind] allein die einige, wahrhaftige Richtschnur, nach der alle Lehrer und Lehre zu richten und zu urteilen sind. (FC, Solida Declaratio, Von dem summarischen Begriff, 3)
Zum dritten Aspekt: Über die falsche christusbezogene Predigt. Man kann hier nicht lediglich von einer Verengung sprechen, sondern muss von einer Verdrehung, eine Verfälschung reden. Ausgangspunkt der Bedeutung Jesu Christi für die christliche Kirche ist seine Gottheit, sein Leiden am Kreuz und seine Auferstehung, denn durch seinen Tod haben wir Vergebung der Sünden und durch seine Auferstehung das ewige Leben erhalten (Joh 11, 25; Röm 6,5). Ist aber Christus nicht auferstanden, so ist der christliche Glaube nichtig (1. Kor 15,14). Es erschließt sich nicht, warum er dann nicht z.B. durch eine reine kommunistische Ideologie ersetzt werden könnte, warum es noch so ein bisschen der Folklore eines alten Buches bedarf. Dass diese Verdrehung tatsächlich die Irrelevanz des christusgemäßen Aspekts des Evangeliums zur Folge hat, zeigt ja gerade die verengte und ideologisch überfärbte Auslegung der Schrift (siehe zweiter Aspekt).
Die Rolle Christi als Vorbild ist der Bedeutung seines Handels für uns nachgeordnet – sie ist nicht irrelevant, folgt aber aus dem Ersten und kann ihm niemals vorausgehen – keine Heiligung ohne Rechtfertigung:
Derhalben der recht guten und Gott wohlgefälligen Werke, die Gott in dieser und zukünftiger Welt belohnen will, Mutter und Ursprung muß der Glaube sein, darum sie denn rechte Früchte des Glaubens wie auch des Geistes von St., Paulo genannt werden. (FC, Solida Declaratio, Von den guten Werken, 9)
Fazit: Gegen Ausbeutung der Armen, Wucher und Ungerechtigkeit zu predigen, ist eine Aufgabe der Kirche (wie sie schon Martin Luther wahrgenommen hat). Dies nicht zu vergessen, ist wichtig. Doch diese Botschaft ist nicht das Evangelium und darf nicht mit ihm verwechselt werden (siehe Romero). Die Predigt für die Armen darf nicht die Predigt vor den Armen ersetzen. Jeder Aspekt der christlichen Verkündigung muss eingebettet sein in das ganze Evangelium.

[1] In der Analyse Luthardts geprägt von den drei Grundprinzipien: Individualismus (der Wille und Verstand des Individuums ist das Absolute), Optimismus (aus Punkt 1 folgt notwendigerweise der Glaube an die grundlegende Güte der menschlichen Natur – Problematik siehe hier) und einem einseitigen Intellektualismus (daraus wieder folgt, dass der grundlegend gute Mensch nur der Bildung (oder auch der ihn befreienden Revolution) bedarf um das Himmelreich auf Erden zu erschaffen)
https://lutherischeslaermen.de/2016/09/02/befreiungstheologie-beigaben-fuer-die-theologische-orientierung/

Was ist die Kirche?

Heutzutage verstehen viele Menschen unter einer Kirche ein Gebäude oder eine religiöse Organisation. Das Wort „Kirche“ kommt vom griechischen Wort „kyriakos“ („zu einem Herrn gehörend“). Die Grundbedeutung von „Kirche“ bezieht sich also weder auf ein Gebäude noch auf irgendeine Organisation, sondern allein auf den „Kyrios“, den „Herrn“ Jesus Christus. Jesus hat nie den Bau von Kirchen oder die Bildung von Organisationen angeordnet. In deutschen Bibelübersetzungen kommt meistens das Wort „Gemeinde“ (manchmal auch „Versammlung“) vor. Doch sind „Gemeinde“, „Versammlung“ oder „Kirche“ jeweils nur interpretierende Wiedergaben der griechischen Bezeichnung „ekklesia“, die wörtlich „Herausgerufene“ bedeutet. Die Gemeinde oder Kirche im biblischen Sinn steht für eine Gruppe von Menschen, die Gott aus einem Leben der Sünde und des Todes herausgerufen hat: „der euch aus der Finsternis zu seinem wunderbaren Licht berufen hat“ (1. Petrus 2,9).

Die Gemeinde ist der Leib Christi, dessen Haupt Jesus ist. In Epheser 1,22-23 steht: „Und alles hat er seinen Füßen unterworfen und ihn als Haupt über alles der Gemeinde gegeben, die sein Leib ist, die Fülle dessen, der alles in allen erfüllt.“ Der Leib Christi besteht aus allen, die an Jesus Christus glauben, vom ersten Pfingsten (Apostelgeschichte 2) bis zur Wiederkunft Christi. Der Leib Christi hat zwei Aspekte:

1. Die weltweite Gemeinde oder Kirche besteht aus allen, die eine persönliche Beziehung mit Jesus Christus haben. „Denn in einem Geist sind wir alle zu einem Leib getauft worden, es seien Juden oder Griechen, es seien Sklaven oder Freie, und sind alle mit einem Geist getränkt worden“ (1. Korinther 12,13). Dieser Vers sagt aus, dass jeder und jede Gläubige ein Teil des Leibes Christ ist und zum Beweis dafür den Geist Christi erhalten hat. Die weltweite Gemeinde Gottes besteht aus allen, die durch den Glauben an Jesus Christus die Erlösung empfangen haben.

2. Die örtliche Gemeinde wird in Galater 1,1-2 erwähnt: „Paulus, Apostel, … und alle Brüder, die bei mir sind, den Gemeinden von Galatien“. Hier erkennen wir, dass es in der Provinz Galatien viele einzelne Gemeinden gab, die wir örtliche Gemeinden nennen. Eine Baptistengemeinde, eine evangelisch-lutherische Gemeinde, eine römisch-katholische Gemeinde usw., ist nicht die Gemeinde im Sinne von weltweiter Gemeinde, sondern jeweils ein Teil der Ortsgemeinde, dem örtlichen Leib der Gläubigen. Die weltweite Gemeinde umfasst alle, die zu Christus gehören und die Ihm im Hinblick auf die Errettung vertraut haben. Diese Glieder der weltweiten Gemeinde sollen die Gemeinschaft und Erbauung innerhalb der Ortsgemeinde suchen.

Zusammengefasst: die Kirche ist weder ein Gebäude noch eine Denomination oder Konfession noch eine Organisation. Gemäß der Bibel ist die Kirche der Leib Christi – bestehend aus allen, die zur Errettung ihr Vertrauen auf Jesus Christus gesetzt haben (Johannes 3,16; 1. Korinther 12,13). Ortsgemeinden sind Versammlungen von Gliedern der weltweiten Kirche. Die örtliche Gemeinde ist dort zu finden, wo Glieder der weltweiten Kirche die Grundsätze des „Leibes“ nach 1. Korinther 12 vollständig anwenden: ermutigen, lehren und einander auferbauen in der Erkenntnis und Gnade des Herrn Jesus Christus.
https://www.gotquestions.org/Deutsch/definition-kirche.html

Notizen zur Ringparabel

Das Drama G. E. Lessings „Nathan der Weise“ (1779)

Der Anlass für die Ringparabel ist die Frage des Muslim Saladin an den Juden Nathan: „Was für ein Glaube […] hat dir am meisten eingeleuchtet?“ Der Gefragte überlegt fieberhaft, was er ihm darauf antworten soll, und entscheidet sich ihm durch ein „Märchen“ die Antwort zu geben: Vor langer Zeit lebte ein Mann, der einen Ring am Finger trug, der die Fähigkeit besaß vor Gott und Menschen angenehm zu machen. Diesen vererbte er dem Sohn, den er am liebsten hatte. Dieses Erbritual wiederholte sich über Generationen bis ein Vater sich nicht zwischen seinen drei Söhnen entscheiden konnte, da ihm alle gleich lieb waren. In dieser Verzweiflung, keinen bevor- bzw. benachteiligen zu wollen, ließ er zwei Kopien des Rings anfertigen, die dem ursprünglichen Ring, wie ein Ei dem andern glichen. Selbst der Vater konnte, nachdem er die Duplikate erhalten hatte, den eigentlichen Ring nicht mehr ausfindig machen. Der Vater überreichte jedem Sohn einzeln seinen Ring, verschied und hinterließ jeden Sohn im Glauben den wahren Ring zu besitzen. Als ein jeder feststellte, dass die beiden anderen Brüder ebenfalls einen Ring besaßen, suchten sie Rat bei einem Richter. Doch dieser konnte nur die Gleichheit aller Ringe feststellen und ihnen folgenden Rat mitgeben: „Mein Rat ist aber der: ihr nehmt die Sache völlig wie sie liegt. Hat jeder seinen Ring von seinem Vater so glaube jeder sicher seinen Ring den echten. […] Wohlan! […] Es strebe von euch jeder um die Wette, die Kraft des Steins in seinem Ring‘ an den Tag zu legen!“ Die Aussage ist klar, die jeweilige Religion, sei es Judentum, Christentum und Islam, ist im Grunde sich ähnelnd und solle sich durch die Betätigung als die richtige erweisen. Die Frage, welche die wahre Religion ist, erübrigt sich damit.

Der Grund für die aktuelle Popularität dieser Parabel ist offensichtlich, versucht sie doch die Spannungen zwischen den Religionen bzw. den jeweiligen Anhängern aufzuheben und einem friedlichen Miteinander eine Plattform zu bieten. Die FDP beanstandete bereits 2010 in einem Thesenpapier, dass eine geeignete Integrationsphilosophie nicht nur christlich-jüdischer Natur sein könne und verweist dabei auf die lessingsche Ringparabel, die durch die in ihr vermittelte Toleranzidee vorbildlich sei.

Doch was sind die Schwächen dieses „Märchens“, wie Nathan der Weise seine fiktive Erzählung selber bezeichnet? Einige Gedanken hierzu möchte ich skizzenartig aufzeichnen. Der erste und vielleicht auffälligste Punkt ist, dass eine Gleichstellung der drei sogenannten abrahamitischen Religionen aufgrund der gravierenden und konträren Glaubensaussagen eine allzu große Vereinfachung darstellt. Das aktuelle Magazin (10/2019) des ethos stellt das einleuchtend und in Kürze dar. Während das Christentum sich auf die eine Person Jesus aus Nazareth konzentriert und ihn als den verheißenen Messias ehrt, widerspricht das Judentum mit Unnachgiebigkeit diesem Verständnis. Auch der Islam und das Christentum weisen erhebliche und unvereinbare Unterschiede auf: Während Jesus im Christentum als der Sohn Gottes dargestellt wird, verweigert der Koran ihm ausdrücklich diese Stellung: „Nicht steht es Allah an, einen Sohn zu zeugen. Preis ihm!“ (Sure 19,35). Auch dem für den christlichen Glauben elementaren Kreuzestod Christi zur Sühnung der Sünden (z.B. 1Kor 2,2) wird im Koran direkt widersprochen, wenn es darin über den Menschen Jesus heißt: „Doch ermordeten sie ihn nicht und kreuzigten sie ihn nicht …“ (Sure 4,157). Die Frage, die mit Recht an die Parabel zu stellen wäre, ist, wie diese sich widersprechenden Glaubensrichtungen letztendlich doch eins sein sollen.

Ein zweiter Punkt: Eine der zentralen Aussagen der Parabel ist die, dass die tätige Liebe das Eigentliche sei. Dass sowohl das Almosengeben, im Koran eine der fünf Säulen, als auch das höchste christliche Gebot, Gott und den Nächsten zu lieben, eine gemeinsame Schnittstelle haben, ist nicht zu leugnen. Jedoch unterscheidet sich das Christentum fundamental vom islamischen Verständnis hinsichtlich des Zweckes dieser tätigen Liebe. Während im Islam die Werke das Wohlgefallen Allahs wecken sollen, können diese Werke im christlichen Glauben nie zum Wohlgefallen vor Gott führen, da der Mensch gleichgültig, wie stark er sich anstrengen möge, nicht durch seine Werke gerecht werden kann. Allein der Glaube an den stellvertretenden Tod Christi vermag ihn vor Gott angenehm zu machen. Erst als Folge dieser Rechtfertigung ermahnt die Bibel mit allem Eifer gute Werke zu tun (u.a. der Titusbrief).

Ein dritter Aspekt: Ein gerade für die Aufklärung charakteristisches Merkmal ist die Wandlung, die sich innerhalb der Parabel vollzieht. Während zu Beginn der Parabel der Ring, also der wirkliche Glaube, vor Gott angenehm macht, sollen am Ende der Parabel die Söhne die Echtheit ihres Ringes (Glaubens) durch ihr Verhalten beweisen. Nicht Gott und seine Offenbarung, sondern die Vernunft des Menschen wird zum entscheidenden Kriterium für Wahrheit und Fälschung.

Eine Frage, die ich mir persönlich stelle, ist die nach der Person des Vaters: Was muss das für ein Vater sein, der zwei seiner Söhne mit einem unechten Ring betrügt? Er weiß genau, dass nur einer den wahren Ring erhalten und damit das Wohlgefallen Gottes erlangen kann, aber statt mit ihnen Wahrheit zu reden, lässt er sie in die Irre gehen. Das ist für mein Dafürhalten eine gewöhnungsbedürftige Art von Liebe.

In Bezug auf ewigkeitsrelevante Dinge scheint es mir äußerst gewagt zu sein, das Vertrauen auf ein Märchen zu setzen. Denn wie äußert sich Nathan im Selbstgespräch bevor er dem eintretenden Muslim die Geschichte erzählt: „Nicht die Kinder bloß, speist man mit Märchen ab.“
https://christusallein.com/2019/11/06/notizen-zur-ringparabel/

Von Gott getrennt

„Je länger Menschen von Gott getrennt gelebt haben, desto geringer ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie sich aus freiem Willen anvertrauen können. Deshalb kommen die meisten Menschen auch zum Glauben, wenn sie noch relativ jung sind. […] Je länger man mit einer schlechten Angewohnheit lebt, desto schwieriger ist es, sie wieder abzulegen.“J. P. Moreland, Philosoph & Theologe“Denk schon als junger Mensch an deinen Schöpfer, bevor die beschwerlichen Tage kommen und die Jahre näher rücken, in denen du keine Freude mehr am Leben hast.“Das Alte Testament, Prediger 12:1 (HfA)

Totalitäre Ideologien

„Totalitäre Ideologien [finden] ihre bereitwilligsten Abnehmer auch immer unter zugrundegehenden, ausgelaugten und erschöpften Kulturen, in denen die überlieferten Wertordnungen – gerade auch die religiösen – unglaubwürdig geworden sind und also jenes Vakuum vorbereitet haben.“Helmut Thielicke, ev. Theologe und Ethiker

„Für jemanden die Hand ins Feuer legen“.

Jesus Christus spricht: Ihr urteilt, wie Menschen urteilen, ich urteile über keinen. Johannes 8,15

Sind Sie der Meinung, sich ein gutes Urteil über andere Menschen bilden zu können? Zu wissen, ob man „die Hand für den anderen ins Feuer legen kann“? Mir fällt das schwer. Ich täuschte mich schon so oft in Menschen. Es gibt Menschen, denen ich voll vertraut habe, für die ich „meine Hand ins Feuer“ gelegt hätte, aber bitter enttäuscht wurde. Andererseits gab es Menschen, denen ich überhaupt nichts zugetraut hatte, aber sie überraschten mich mit ihrer Güte, Treue und Menschlichkeit.

Wenn es auch lebenswichtig ist, zu überlegen, wie viel Vertrauen man einem anderen Menschen entgegenbringt, so sollte man auf ein letztgültiges Urteil bewusst verzichten. Denn menschliches Urteil ist meistens falsch.

Für mich ist der kostbarste, freundlichste, ehrlichste, treueste und edelste Mensch, der jemals je gelebt hat, Jesus Christus. Und wie haben seine Zeitgenossen über ihn geurteilt?

Er sei Alkoholiker (Mt 11,3); er sei durchgeknallt (Mk 3,21); er sei besessen (Joh 7,20), er sei ein Gotteslästerer (Mt 9,3), er sei ein Rebell und Vaterlandsverräter (Joh 19,12), er sei ein Verführer (Joh 7,12). Menschliche Urteile können einfach falsch sein, weil man als Mensch nur die Oberfläche sieht, nicht das Herz und meist auch nicht die Hintergründe.

Einmal kam eine Frau zu Jesus. Die ganze Stadt, in der sie lebte, hatte ein festes Urteil über sie gefasst: „Diese Frau ist eine Sünderin!“ Das stand fest. Diese Frau ist also jemand, der von Herzen gern Gottes Gebote übertritt.

Aber Jesus sah in ihr eine kostbare Seele, er sah ihre tiefe Liebe zu Gott, die sie sich trotz ihrer tausend Fehler, die sie gemacht hatte, sehnsüchtig erhalten hatte und Jesus beleuchtete diesen Wesenszug ihres Herzens mit den Worten: „Sie hat viel Liebe!“

Sofort urteilten die anderen Menschen: Jesus kann kein Prophet sein, sonst wüsste er, wer die Frau ist – sie akzeptierten Jesu Wort über sie nicht (Lk 7,36ff).

Auf der anderen Seite begegnete Jesus sehr einflussreichen, gebildeten, ehrenwerten Menschen, die von aller Welt geachtet wurden. Über sie sagte er: „Ihr Heuchler, die ihr seid wie die übertünchten Gräber, die von außen hübsch aussehen, aber innen sind sie voller Totengebeine und lauter Unrat!“ (siehe Mt 23,27). Menschliches Urteil ist gemessen an göttlichem Urteil in der Regel falsch. Es ist meist ein Projektionsurteil über das eigene Ich im Sinne von: „Was siehst du aber den Splitter in deines Bruders Auge und nimmst nicht wahr den Balken in deinem Auge?“ (Mt 7,3).

Wenn Jesus sagte: „Ich urteile nicht“ – dann heißt das, dass er die Menschen nicht mit menschlichem Schubladendenken richtet und abschreibt. Er lässt jedem Menschen Freiraum sich zu entwickeln und sein eigenes Wesen zu Tage zu fördern. Am Ende wird alles offenbar sein und jeder wird erkennen, dass Gottes Urteil über einen Menschen gerecht ist. 

21. Juni: Weltyogatag – Internationaler Tag des Yoga – International Day of Yoga

Der Weltyogatag oder der Internationale Tag des Yoga ist ein Welttag, der erstmals 2015 und seither jährlich am 21. Juni begangen wird.

Dazu der Kenner und Ex-Guru Rabindranath R. Maharaj im Buch „Der Tod eines Guru“, http://clv-server.de/pdf/255414.pdf, siehe Seite 12, Seite 22, Seite 64, Seite 69, Seite 92, etc.

Siehe z.B. Seite 92:

Der Friede, den ich während der Meditation erlebte, verließ mich zwar schnell, aber die okkulten Kräfte, die durch meine Yogaübungen gefördert wurden, blieben mir und begannen schon in der Öffentlichkeit wirksam zu werden. Da ich wusste, dass ich ohne solche Kundgebungen des Übernatürlichen nie eine große Anhängerschaft gewinnen würde, freute ich mich über meine wachsende geistliche Macht.

Siehe z.B. Seite 111

Durch Yoga erfuhr ich zunehmend die Gegenwart
von Geistwesen, die mich leiteten und mir psychische Kräfte verliehen.

Seite 173:

Wir verstanden bald, dass nicht Nanas Geist uns verfolgt hatte, sondern Geistwesen, die in der Bibel Dämonen genannt werden. Das sind Engel, die sich Satan in seiner Auflehnung gegen Gott angeschlossen haben und jetzt darauf aus sind, Menschen zu verwirren und sie zu verführen, sich ihrer Auflehnung anzu schließen. Sie sind auch die eigentliche Macht, die hinter jeder Gottheit und jeder Philosophie steht, die dem wahren Gott seine Stellung als Schöpfer und Herr streitig machen. Das waren die Wesen, denen ich in der Trance des Yoga und in der tiefen Meditation begegnet war, die sich
allerdings als Shiva oder eine andere Hindu-Gottheit ausgaben.

S. 191:

Sie war voller Lob für Baba Muktananda, den Guru, in dessen Tempel sie die ganzen Jahre gelebt hatte. Als inzwischen ausgebildete Yogalehrerin wollte sie uns die Vorzüge der Körperkontrolle durch Meditation anpreisen – wodurch man sich der Herrschaft böser Geister öffnete, wie wir erkannt hatten; aber wie hätten wir ihr das beibringen können?…
Philosophisch gesehen mag es einleuchten, dass der Hinduismus recht hat, wenn er alle Religionen akzeptiert. Alle streben ja demselben Ziel zu, nur auf verschiedenen Wegen. Doch wer Toleranz und religiösen Synkretismus befürwortet, hat nicht erkannt, dass wir es tatsächlich mit schwerwiegenden Unterschieden zu tun haben, die unser Leben zutiefst beeinflussen. Solch grundlegende Verschiedenheiten können auch durch ökumenische Übereinkünfte nicht überbrückt werden.

Wahre Worte…

S. 194:

Im Studio beobachtete ich Mutter. Sie saß vor der Fernsehkamera und pries die Vorzüge von Yoga und Meditation. Ich war davon überzeugt, dass sie den Frieden, von dem sie sprach, selber nie erfahren hatte. Ich hatte ja selbst versucht, ein Gefühl des Friedens zu simulieren; aber es war nie echt. Frieden bekommen wir nur, wenn wir in der rechten Beziehung zu unserem Schöpfer stehen; und in dieser Beziehung stand sie nicht.

S. 200:

Ich stieß dabei öfters auf Drogensüchtige. Dabei machte ich eine aufregende Entdeckung: Etliche erlebten mit der Droge genau dasselbe, was ich durch Yoga und Meditation erlebte. Verwundert hörte ich zu, wie sie mir die »wunderbare und friedvolle
Welt« schilderten, die sich ihnen durch LSD öffnete. Diese Welt der psychedelischen Farben und Klänge war mir nur allzu bekannt. Natürlich gab es auch schlechte Trips, aber im Allgemeinen hingen die Drogensüchtigen an diesen Erlebnissen – wie auch ich, als
ich noch Yoga praktiziert hatte. »Ich brauchte keine Drogen, um Visionen von anderen
Welten und Wesen zu haben, psychedelische Farben zu sehen und eine Einheit mit dem Universum zu verspüren«, erzählte ich ihnen. »All das öffnete sich mir durch Transzendentale Meditation. Aber das Ganze war ein Bluff, ein Betrug von bösen Geistern,
die meinen Verstand beschlagnahmten, sobald ich die Kontrolle über ihn fahren ließ. Ihr werdet betrogen. Der einzige Weg, Erfüllung und Frieden zu finden, ist der Glaube an Jesus Christus.«

S. 203:

Meine Besorgnis wuchs, als mir klar wurde, dass Satan daran war, den
Westen völlig mit östlichem Mystizismus zu unterwandern. Wenige Christen [inklusive Solomons Porch nicht] schienen diese Strategie zu durchschauen und zu bekämpfen. Wollte Gott etwa mich, einen ehemaligen Hindu, zurüsten, die Millionen Menschen im Westen zu warnen, die auf östliche Philosophie hereinfielen, die ich als falsch erkannt hatte?

S. 223:

Ich sah meine Verantwortung, solch bewusste Lügen auch in der Öffentlichkeit bloßzustellen. In meinen Vorträgen warnte ich vor Yoga und Meditation als einer satanischen Falle. Oft sprach ich an Universitäten über vergleichende Religionen, da ich
Hinduismus und Christentum aus eigener Erfahrung kannte.

S. 250:

Höheres Bewusstsein
Es gibt verschiedene »Ebenen« des Bewusstseins, die einem durch Yoga und Meditation zugänglich sind. Sie werden als »höher« bezeichnet, weil sie sich vom normalen Bewusstsein unterscheiden und angeblich auf dem Weg zum Nirwana durchschritten werden. Verschiedene Schulen definieren sie verschiedenartig.
Einige typische Stufen sind: »Einheits-Bewusst sein«, bei dem man ein mystisches Einssein mit dem Universum erlebt; oder das »Gott-Bewusstsein «, wo man meint, Gott zu sein. Ähnliche Bewusstseinsstufen werden durch Hypnose, mediale Trance, gewisse Drogen, Zauberriten, Voodoo etc. erreicht.
Sie weisen letztlich nur geringfügige Unterschiede ein und desselben okkulten
Phänomens auf.

Kundalini
Wörtlich »zusammengerollt«; ist der Name einer Göttin, die durch eine Schlange dargestellt wird, die in dreieinhalb Windungen mit dem Schwanz im Mund schläft. Diese Göttin oder »Schlange des Lebens, des Feuers und der Weisheit« soll angeblich am unteren Ende der Wirbelsäule jedes Menschen schlafen. Wenn sie ohne die notwendige Selbstbeherrschung aufgeweckt wird, tobt sie im Menschen wie eine grässliche Schlange, und zwar mit unwiderstehlicher Kraft.
Man behauptet, dass Kundalini ohne die geforderte Beherrschung übernatürliche psychische Kräfte aus dämonischen Quellen erzeuge, die schlussendlich zum geistlichen, moralischen und körperlichen Untergang führen. Gerade diese Kundalini-Kraft versucht Meditation und Yoga zu wecken und zu beherrschen. Auch im Westen haben verschiedentlich Leute, die in Transzendentaler Meditation und anderen Arten der Meditation geübt sind, Erfahrungen mit
Kundalini gemacht.

Und zusammenfassend zu Yoga im Glossar (S. 256):

Yoga
Wörtlich »zusammenjochen«; bezieht sich auf die Einheit mit Brahman. Es gibt mehrere Arten und Schulen des Yoga, ebenso verschiedene Verfahren; aber alle verfolgen als oberstes Ziel die Vereinigung mit dem Absoluten. Die Stellungen und Atemübungen sollen Hilfen zur Meditation und ein Mittel zur Körperbeherrschung sein, wodurch man lehrt, alle Begierden, die der Körper dem Geist aufzwingen will, zu verleugnen.
Yoga will aber insbesondere einen Trancezustand herbeiführen, der angeblich den Geist herabzieht zur Verjochung mit Brahman. Es ist ein Mittel, sich von der Welt der Illusion zurückzuziehen, um die eine wahre Wirklichkeit zu suchen. Wer lediglich körperliche Ertüchtigung anstrebt, soll lieber Turnübungen machen, denn kein Bestandteil des Yoga kann von der Philosophie, die dahinterliegt, getrennt werden.

Der Heilige Geist schenkt Gottesfurcht

Die Furcht des Herrn ist der Anfang der Erkenntnis; nur Toren verachten Weisheit und Zucht! (Sprüche 1, 7) Die Gottesfurcht ist der Anfang der Erkenntnis, und weil der Heilige Geist es ist, der überhaupt erst Erkenntnis schafft, ist auch die Gottesfurcht ein Werk von Ihm. Der רוּחַ דַּעַת וְיִרְאַת יְהוָֽה (Ruach da’at weJir’at Jahweh – Geist der Erkenntnis und der Furcht Jahwes) ist somit der Heilige Geist, der dem von Ihm erfüllten Menschen Erkenntnis schenkt und ihn dazu führt, Ehrfurcht vor Gott zu haben angesichts der Größe, Herrlichkeit, Heiligkeit, Macht, Stärke, Ehre, Liebe und Gerechtigkeit Gottes. Dieser Geist ist auf dem Messias, wie Jesaja 11, 2 zeigt. Der dortige Kontext zeigt auf, dass für Gott die Furcht Jahwes ein Wohlgeruch ist. Abraham Meister schreibt dazu meisterhaft: „Die Gottesfurcht ist demnach ein ständiges zu Gott aufsteigendes Opfer der Anbetung. Der Geist der Furcht Jahwes richtet sich in seinem Rechtsurteil nicht nach dem äußeren Schein oder Gerede, sondern seine Gottesfurcht ist durch die Erkenntnis mit göttlichem Tiefgang und Scharfsinn vereinigt.“1 Von dieser Gottesfurcht ist auch in Hiob die Rede: Und er sprach zum Menschen: »Siehe, die Furcht des Herrn, das ist Weisheit, und vom Bösen weichen, das ist Einsicht!« (Hiob 28, 28) sowie in den Psalmen: Die Furcht des Herrn ist der Anfang der Weisheit; sie macht alle einsichtig, die sie befolgen. Sein Ruhm bleibt ewiglich bestehen. (Psalm 111, 10)

Meister, Abraham, Namen des Ewigen, Mitternachtsruf Verlag Pfäffikon, 1973,

Albrecht Dürer (1471–2021)

Zum 550. Geburtstag des Künstlergenies aus Nürnberg

Der erste Künstler

Seine „Betenden Hände“ sind heute eines der weltweit beliebtesten Tattoo-Motive, aber auch in vielen Stuben hängt eine Reproduktion der Zeichnung. Diese ungewöhnliche Ikone entstand 1508 als Teil der Studie eines Apostels auf dem sog. Heller-Altar (Himmelfahrt und Krönung Mariens) – ein eher unscheinbares Detail, dem Albrecht Dürer aber große Aufmerksamkeit widmete. Der im Mai vor 550 Jahren in Nürnberg geborene Künstler ist Kult – und das seit Jahrhunderten.

Ob nun in Druckgraphik, Malerei oder Zeichnung – an der Schwelle zur Neuzeit hob Dürer die Kunst nördlich der Alpen fast schon im Alleingang auf ein ganz neues Niveau. Sein einsichtiger Vater ließ den Fünfzehnjährigen vom Goldschmiedehandwerk der Familie zur Ausbildung in Malerei wechseln. Schon mit Anfang Zwanzig schuf Dürer dann auf seiner ersten Italienreise wie nebenbei das Landschaftsaquarell als eigenständiges Genre. Bald tauchten auch beeindruckend lebensnahe Wiedergaben von Tieren aller Art auf: Man denke nur an den berühmten ruhenden Hasen in Aquarell und das Große Rasenstück aus dem Jahr 1503. Der neue Blick auf das Unscheinbare zeigt sich fast in jedem Werk wie auch bei den Hausschweinen im Verlorenen Sohn (1496). Dank dieses Kupferstiches können Kulturhistoriker nun recht genau sagen, welche Art von Vieh damals in deutschen Ställen stand.

Dürer begründete auch das in Kupfer gestochene Portrait. Mit viel Einfühlungsvermögen stellte er zum Beispiel Philipp Melanchthon dar. Der Künstler kannte Luthers Freund und Mitstreiter wohl seit 1518. Seine Darstellung prägte die Vorstellung des Aussehens des Reformators nachhaltig. Welche Brillanz Dürer erreichte, wird im Bildnis von Erasmus von Rotterdam (ebenfalls 1526 entstanden) erkennbar. Der Kupferstich in Größe einer Buchseite zeigt in einem seither kaum wieder erreichten Detailreichtum, dass hier ein früherer Lehrling eines Handwerkes der feinsten Handarbeit gearbeitet hat.

Ein Vergleich mit Werken anderer Künstler der Epoche lässt auf den ersten Blick erkennen, welche Virtuosität Dürer auch in der Technik des Holzschnitts erlangte. Aus der „Apokalypse“ von 1498 sind bis heute die alles niedertrampelnden vier apokalyptischen Reiter allseits bekannt. In fünfzehn Holzschnitten hatte Dürer Szenen aus teilweise auseinanderliegenden Textstellen der Offenbarung zusammengestellt. Es gelang dem noch jungen Künstler die Illustration eines außerordentlich schwierig darzustellenden Textes. Dürer gestaltete, komponierte und finanzierte dieses große Projekt in Eigenregie; es war also, anders als damals üblich, kein Auftragswerk. Die heimlich offenbarung iohannis ist das erste große Kunstwerk der Neuzeit, das in Herstellung und Vertrieb allein vom Künstler betreut wurde.

Neben der Apokalypse entstanden in späteren Jahren vier weitere Illustrationsserien: das Marienleben, die Große und Kleine Passion (Holzstich) und die Kupferstichpassion. Johann Konrad Eberlein schreibt in seinem Buch Albrecht Dürerohne zu übertreiben: „Dürer erweist sich als ein Meister von unerschöpflicher Phantasie und Darstellungskraft. Ein Mann allein schuf eine ganze Ikonologie der christlichen Bilderwelt.“

Den Geist eines neuen Zeitalters symbolisieren natürlich auch Dürers Selbstbildnisse. Das Gemälde aus dem Jahr 1493 zeigt den jungen Mann, der den Betrachter direkt anblickt. Das heute im Louvre hängende Werk ist eines der ersten vollwertigen Selbstportraits eines Künstlers überhaupt (erst etwa zehn Jahre später malte Raffael in Italien sein Konterfei; wie Dürer zeichnete sich auch dieser schon als Jugendlicher selbst). „Meine Lebensschicksale ruhen in Gottes Hand“, so in Hochdeutsch ganz oben als eine Art Bildüberschrift. Es folgten nur noch zwei Gemälde: ein weiteres im Halbportrait 1498 und schließlich das Selbstbildnis im Pelzrock aus dem Jahr 1500.

Darin schaut der kaum Dreißigjährige den Betrachter frontal an. Solch eine Darstellung war bisher eigentlich Christus vorbehalten. Es wundert daher nicht, dass die Interpretation des berühmten Werkes, das 1805 aus Nürnberg nach München gelangte, bis heute vieldiskutiert ist. Ein narzisstisches oder gar gotteslästerliches Motiv ist aber als Deutung gewiss auszuschließen. Möglicherweise ging es Dürer in erster Linie um die Annahme der Malerei unter die sieben freien Künsten an der neuen Universität Wittenberg, also um die Etablierung der Malerei als universitär lehrbarer Disziplin. Jedenfalls kann gesagt werden, dass das Werk ikonographisch den ersten Abschluss einer langen Entwicklung ausdrückt, die Larry Siedentop vor einigen Jahren im gleichnamigen Werk „die Erfindung des Individuums“ nannte.

Mit Dürer wurde die Entwicklung vom anonymen Handwerkskünstler des Mittelalters zur individuellen Künstlerpersönlichkeit klar erkennbar abgeschlossen. Und wieder setzte der Nürnberger dabei ein neues Zeichen: sein persönliches Monogramm. Das A mit einem D unter dem Querstrich findet sich auf so gut wie allen Arbeiten Dürers und macht ihn damit auch zum Erfinder des Markenartikels. Der Künstler als Unternehmer begann sich um den Schutz seiner Werke zu kümmern, denn damals waren Plagiate nicht unüblich.

Der evangelische Christ

Jahrzehntelang war Dürer fest in das religiöse Leben seiner Zeit eingebunden. Themen seiner Kunst waren biblische Geschichten, antike Mythen sowie Personen und Überlieferungen der Kirchengeschichte. Am häufigsten stellte Dürer den Kirchenvater Hieronymus dar, den Schöpfer der lateinischen Vulgata-Bibel. 1511 illustrierte er in einem Schnitt die Gregorsmesse: Papst Gregor (6. Jhdt.) erscheint während der Messe auf dem Altar Jesus als Schmerzensmann; dies galt als Beweis der Lehre von der Transsubstantiation. Kaum zehn Jahre später sollte Dürer über das Abendmahl ganz anders denken.

Über Dürers persönlichen Glaubensweg wissen wir aus direkter Quelle nur wenig. Offensichtlich gehörte er aber zu den frühen Anhängern Luthers und der evangelischen Lehre. Dem Wittenberger Professor schickte er schon Anfang 1518 eine Druckgraphik zu. Im Herbst des Jahres trafen sich beide sogar in Nürnberg, als Luther sich auf der Rückreise vom Reichstag in Augsburg befand. Und 1520 schrieb Dürer an den kursächsischen Hofkaplan Georg Spalatin:

„Und hilf mir Gott, dass ich zu Doctor Martinus Luther komme, so will ich ihn mit Fleiß portraitieren und in Kupfer stechen zu einem langen Angedenken des christlichen Manns, der mir aus großen Ängsten geholfen hat.“

Im Brief bat er außerdem um die Zusendung aller neuen deutschsprachigen Lutherschriften. Zu einer Darstellung Luthers durch Dürer kam es aber nie.

„Es war damals also alles andere als ein Geheimnis, dass der berühmteste Künstler Deutschlands die kirchliche Reformbewegung mit Sympathie betrachtete.“
Der Nürnberger Ratsschreiber Lazarus Spengler, der, so Luther, „allein das Evangelium in Nürnberg eingeführt hat“, war einer der engsten Freunde Dürers. Er widmete Dürer seine Schrift Ermahnung und Unterweisung zu einem tugendhaften Leben (1520). Das gleiche tat im Herbst 1521 Andreas Bodenstein, genannt Karlstadt, damals noch in Wittenberg. Er stellte seinem Werk Von Anbetung und Ehrerbietung eine Widmung an Dürer voran. Es war damals also alles andere als ein Geheimnis, dass der berühmteste Künstler Deutschlands die kirchliche Reformbewegung mit Sympathie betrachtete.

Dürer-Experte Thomas Schauerte hat sicher recht: „Dürers Beziehungen zum neuen Glauben wurzeln […] im Humanismus.“ (Dürer. Das ferne Genie) Dies war damals nichts Ungewöhnliches. Dürer hatte keine höhere Schulbildung genossen, konnte kein Griechisch und kaum Latein, war jedoch mit Humanisten wie dem Nürnberger Willibald Pirckheimer befreundet, traf persönlich auch Erasmus von Rotterdam – beide hielten letztlich am katholischen Glauben fest.

Dass Dürer aber persönlich mit dem Anliegen der Reformation verbunden war, zeigt seine sog. „Lutherklage“ vom Mai 1521. Der Künstler war gerade auf einer Reise in den Niederlanden, als Luther nach dem Reichstag in Worms verschwand. Natürlich wusste damals auch Dürer noch nichts vom Aufenthalt des Mönchs auf der Wartburg. In sein Tagebuch schrieb er:

„Und lebt er [Luther] noch oder haben sie ihn ermordet, was ich nicht weiß, so hat er dies erlitten um der christlichen Wahrheit willen und weil er das unchristliche Papsttum gestraft hat, das da gegen die Befreiung durch Christus ankämpft.“

Fast resigniert beklagte Dürer, was „die Tyrannei der weltlichen Gewalt und die Macht der Finsternis vermag“. Und wenn Luther tot ist, „wer wird uns hinfort das heilige Evangelium so klar vortragen?“ Gott möge dann „einen anderen erleuchteten Mann senden“.

Dürers Hinwendung zur Reformation spiegelte sich auch in seinen Werken wider. Nachdem der Künstler in Jahrzehnten in insgesamt 18 Drucken und mehreren Gemälden Maria thematisiert hatte, tauchten nach 1520 auf einmal keine Madonnen-Darstellungen mehr auf. 1523 bemerkte er handschriftlich unter einer Darstellung einer Wallfahrt zu einem Marienbildnis in Bayern: „Dies Gespenst hat sich wider die Heilige Schrift erhoben zu Regensburg“; der Bischof fördere den Kult aus reiner Profitgier („zeitlich Nutz halben“). Auch ein Brief Dürers vom Ende des Jahres 1524 ist zu nennen, in dem er über die Evangelischen schreibt: „Wegen des christlichen Glaubens müssen wir in Gefahr und Schmach gelangen, denn man schmäht uns, nennt uns Ketzer.“ Schließlich ist auf eine Inschrift im kunstdidaktischen Werk Unterweisung der Messung (1525) hinzuweisen: „Das Wort Gottes bleibt ewig; dieses Wort ist Christus, das Heil aller Christgläubigen“ – in dieser Formulierung ein klares Bekenntnis zum evangelischen Glauben.

Übrigens traf Dürer im Jahr 1519 aller Wahrscheinlichkeit nach auch Huldrych Zwingli. Im Dezember 1523 ließ er in einem Brief Grüße an den Zürcher Reformator ausrichten. Es gibt Hinweise darauf, dass Dürer in seinem letzten Lebensjahrzehnt eher der oberdeutsch-schweizerischen als der lutherischen Abendmahlsauffassung zuneigte. Das endgültige Auseinandergehen des lutherischen und reformierten Zweiges nach dem Religionsgespräch in Marburg 1529 erlebte Dürer nicht mehr, denn er starb 1528.

Der lehrende Maler

Im neunzehnten Jahrhundert wurde Dürer national und konfessionell vereinnahmt. So schrieb der Theologe Christian Ernst Luthardt 1875, dieser sei „der deutscheste aller deutschen Künstler, und der evangelischste“. Dies führt jedoch an den Absichten Dürers vorbei. Der zweite Superlativ ist auch deswegen schon überzogen, weil der Nürnberger die Bilderstürmerei und die allgemeine Ablehnung der religiösen Kunst bei manchen Reformationsanhängern naturgemäß sehr kritisch betrachtete. Er bedauerte, „dass jetzt bei uns und zu unserer Zeit die Kunst der Malerei durch einige sehr verachtet wird“.

Dürer wollte nie künstlerisches Sprachrohr der Reformation werden. Er wurde nicht zum „Maler der Reformation“ wie Lucas Cranach d. Ä., illustrierte keine Flugblätter und Schriften der Reformatoren. Wiederum in den Spuren des Humanismus sah er sich eher selbst als Lehrer – als pictor doctus, als gelehrter und lehrender Maler oder Künstler. Dem entspricht der hohe Anspruch seiner didaktischen Werke: Ein Unterricht der Malerei, ein umfassendes und praktisches Handbuch für die Führung einer Malerwerkstatt, nahm Dürer in Angriff; es blieb jedoch nur Projekt. 1525 erschien aber Unterweisung der Messung mit dem Zirkel und Richtscheit. Dürer selbst, der Autodidakt in Mathematik, gibt darin Künstlern ein Lehrbuch in angewandter Geometrie an die Hand. 1527 folgte die Befestigungslehre, und im folgenden Jahr, schon nach Dürers Tod, kam die Proportionslehre aus dem Druck. Dieses dritte theoretische Werk führt den bildenden Künstler oder Kunsthandwerker u.a. in die Perspektive ein. Bis heute bekannt ist die Illustration des „Zeichnern der Laute“. Bedenkt man, dass Dürer keine Universität besucht hatte und auch diese Werke weitgehend allein konzipierte, wird die Größe seiner Leistung erkennbar.

Abschließend muss auf ein Meisterwerk Dürers eingegangen werden, das ebenfalls belehrenden Charakter hat: die „Vier Apostel“ aus dem Jahr 1526. In einem Handbuch der Malerei von 1837 heißt es geradezu feierlich zu dem großformatigen Zweitafelbild: „Das erste vollendete Kunstwerk, welches der Protestantismus hervorgebracht hat.“ Heute meinen Experten wie Schauerte, dass man bei den Aposteln „das eigentliche Schlachtfeld der Meinungen in der Auseinandersetzung um Dürers religiöse Überzeugung betritt“ (Dürer als Zeitzeuge der Reformation).

Die „Vier Apostel“ stellt Johannes, Petrus, Paulus und Markus dar. Der Evangelist Markus war zwar kein Apostel wie die drei anderen, doch der Titel des Bildes setzte sich schon früh durch. Auf der linken Tafel ist der jugendliche Johannes zu sehen, hinter ihm verdeckt steht Petrus, erkennbar an seinem Schlüssel. Beide blicken in eine biblische Schrift, das Johannesevangelium. In der rechten Tafel schaut Markus (mit einer Schriftrolle) Paulus an. Dieser dominiert mit seinem Gewand die rechte Bildhälfte, hält in der einen Hand ein Schwert, in der anderen ein geschlossenes Buch und blickt den Betrachter direkt an.

Die „Apostel“ befinden sich heute in der Alten Pinakothek in München. Während des Dreißigjährigen Kriegs gelangte das Werk in den Besitz der Wittelsbacher. Ursprünglich waren die beiden Tafeln aber ein Geschenk Dürers an den Rat seiner Heimatstadt Nürnberg. Die Reichsstadt hatte gerade erst die Reformation eingeführt. Mit dem Werk knüpfte der Künstler an der Tradition mittelalterlicher Rathausbilder an, die zur guten Regentschaft ermahnten.

Der Rat der Stadt wird in zwei Inschriften an der Sockelleiste der beiden Tafeln direkt angesprochen. Der Text besteht aus einer Überschrift und vier auf die Dargestellten bezogenen Bibelzitaten nach der damals neuen Übersetzung Luthers. Ganz evangelisch wird die Stadtregierung aufgefordert, das Bibelwort zu respektieren und durch die Dargestellten ermahnt, nicht religiösen Verführern, den „falschen Propheten“, zu folgen. Ins Hochdeutsche übertragen beginnt die Inschrift wie folgt:

„Alle weltlichen Regenten sollen in diesen gefährlichen Zeiten in entsprechender Weise darauf Acht haben, dass sie an Stelle des göttlichen Wortes nicht menschliche Verführungen annehmen. Denn Gott will nicht, dass etwas zu seinem Wort hinzu oder hinweg genommen wird. Deshalb soll die Warnung dieser vier vortrefflichen Männer – Petrus, Johannes, Paulus und Markus – gehört werden.“

Anschließend wird 2. Petrus 2,1–3 zitiert: eine strenge Warnung vor „falschen Propheten“ und „falschen Lehrern, die verderbliche Irrlehren einführen und verleugnen den Herrn“. Es folgen ähnliche Ermahnungen aus 1. Johannes 4,1–3 und 2. Timotheus 3,1–7. Schließlich zitiert Dürer Markus 12,38–40, die „Warnung vor den Schriftgelehrten“, die das Ansehen in der Gesellschaft genießen und nach Ehre streben, doch „sie fressen die Häuser der Witwen und verrichten zum Schein lange Gebete.“

Dass der Rat der Stadt vor allem mit Bibelzitaten ermahnt wird, ist natürlich kein Zufall. Dies entsprach ganz dem neuen evangelischen Glauben. Und die linke Tafel unterstreicht optisch: Die Bibel selbst muss gelesen und studiert werden. Nur wer die Botschaft der Bibel tatsächlich kennt, kann sie auch gegen die falschen Propheten verteidigen. Johannes und Petrus veranschaulichen diesen Aspekt durch ihr vertieftes Blicken in das Buch. Paulus auf der rechten Tafel stellt einen zweiten wichtigen Aspekt dar: die wachsame Verteidigung des biblischen Glaubens. Traditionell wird er mit einem Schwert abgebildet, das Instrument seines Martyriums, aber auch das „Schwert des Geistes, welches ist das Wort Gottes“ (Eph 6,17). Die biblische Botschaft ist also zu studieren; dies wiederum ermöglicht ihre wirkungsvolle Verteidigung gegen die „Anschläge des Teufels“ (Eph 6,11) – konkret die Verführungen der Irrlehrer.

„Die zivile Gewalt in Stadt und Staat hat an der göttlichen Gerichtsbarkeit teil, wird aber wiederum von ihr gerichtet werden. Denn die Maßstäbe des Wortes Gottes gelten überall, auch für die zivile Obrigkeit.“
Dürers monumentale „Vier Apostel“ gelten als das künstlerische wie politische Vermächtnis des Nürnbergers. Kein Wunder, dass es auch zu diesem Werk zahlreiche Interpretationen gibt. Schauerte erkennt in den zwei Tafeln ein „gemaltes Plädoyer für den Wert der bedrohten Kunst und gegen Bilderverbot und Ikonoklasmus“. Andere sahen in den vier Gestalten symbolische Darstellungen der vier Temperamente der Antike. Doch man sollte nicht zu schnell an der wichtigsten Pointe der Gesamtkomposition vorbeigehen. Die „Apostel“ sind ein Lehrstück der politischen Ethik; und in die zu Belehrenden bezog sich Dürer gewiss auch selbst ein, war er doch seit 1509 Mitglied des Großen Rats der Stadt Nürnberg.

Die politische Grundaussage des Werks ist, so schon die Präambel der Inschrift, dass das Wort Gottes herrschen solle – nicht die Kirche (Petrus mit seinem Schlüssel als angeblich erster Stellvertreter Christi ist „unkatholisch“ nach hinten gerückt), auch nicht Menschen als oberste Instanz (keiner der vier Männer konfrontiert den Betrachter direkt, Paulus Körper ist abgewendet, er blickt nur aus dem Augenwinkel). Die zivile Gewalt in Stadt und Staat hat an der göttlichen Gerichtsbarkeit teil, wird aber wiederum von ihr gerichtet werden. Denn die Maßstäbe des Wortes Gottes gelten überall, auch für die zivile Obrigkeit.

Dürer wollte mit den „Aposteln“ der Stadt ein Werk zum „Gedächtnis“ hinterlassen, so mehrfach im die Schenkung begleitenden Schreiben. Bis heute kann dieses Hauptwerk als Markierungen in „gefährlichen Zeiten“ dienen, in denen selbst Verfassungen nicht mehr allzu viel gelten und der Staat außer Rand und Band zu geraten droht.
Holger Lahayne ist Missionar in Litauen. Er arbeitet als Zweitpastor der ev.-reformierten Gemeinde in Vilnius und unterrichtet an einer theologischen Ausbildungsstätte im Land. Außerdem leitet er den Vorstand der litauischen Studentenmission LKSB. Er bloggt unter lahayne.lt.
https://www.evangelium21.net/media/2809/albrecht-duerer-1471-2021