Auch als säkularer Feiertag macht Weihnachten das Evangelium zugänglich

Weihnachten ist das einzige christliche Fest, das gleichzeitig ein großer säkularer Feiertag ist – möglicherweise der wichtigste in unserer Kultur. Das Ergebnis sind zwei ganz unterschiedliche Feste, die von jeweils Millionen Menschen zur gleichen Zeit begangen werden, was auf beiden Seiten zu Irritationen führt. Viele Christen müssen feststellen, dass auf immer mehr öffentlichen Weihnachtsveranstaltungen jeder Bezug auf den christlichen Ursprung des Festes geflissentlich vermieden wird. In Kaufhäusern und Einkaufszentren wird man zunehmend nicht mehr mit „Stille Nacht“ beschallt, sondern mit „Jingle Bells“. „Das Fest“ wird als Zeit für die Familie, als Anlass für Geschenke und als Werbung für den Frieden in der Welt vermarktet. Wie ein begeisterter User der beliebten Website „Gawker“ schrieb: „Weihnachten ist ein wunderbarer säkularer Feiertag.“
Auf der anderen Seite müssen viele nicht religiöse Menschen feststellen, dass die ursprüngliche Bedeutung von Weihnachten immer wieder wie ein ungeladener Gast anklopft, zum Beispiel durch die Melodien und Texte der alten Weihnachtslieder. Es kann peinlich sein, wenn man von seinem Kind bei der zweiten Strophe von „Stille Nacht“ gefragt wird: „Papa, was heißt das: ‚Da uns schlägt die rettende Stund …?‘“
Als Christ lasse ich die Gesellschaft, zu der ich gehöre, gerne an der Bedeutung dieses Festes teilhaben. Das säkulare Weihnachten ist ein Fest der Lichter, ein Fest der Familie und ein Tag, wo man sein Portemonnaie öffnet, sowohl für seine engsten Verwandten als auch für die Menschen, die besonders in Not sind. Diese Gebräuche machen uns alle reicher und passen sehr gut zu den christlichen Wurzeln dieses Feiertags.
Das „säkulare“ Weihnachten wird uns erhalten bleiben; es ist einfach zu wichtig für den Handel und seine Umsätze. Doch meine Befürchtung ist, dass in Zukunft immer weniger Menschen um seine eigentlichen Wurzeln wissen werden. Weihnachten als Fest der Lichter – das kommt ja von dem Glauben der Christen, dass es ein Licht für die Welt gibt – eine Hoffnung, die von außerhalb der Welt kommt. Das Schenken ist eine nahe liegende Reaktion auf die unerhörte Tatsache, dass Jesus sich selber den Menschen geschenkt hat, als er seine Herrlichkeit ablegte und als Mensch geboren wurde. Und die Spenden und Weihnachtsfeiern für die Armen und Bedürftigen erinnern uns daran, dass der Sohn Gottes nicht in eine aristokratische Familie hineingeboren wurde, sondern in eine arme; der Herr des Universums identifizierte sich mit den Niedrigen und Geringen und Verachteten.
Dies sind starke Themen – und alle sind sie zweischneidige Schwerter. Jesus kam als das Licht in die Welt, weil wir geistlich zu blind sind, um selber unseren Weg zu finden. Jesus wurde ein Mensch und starb, weil unser moralischer Bankrott so total ist, dass wir nur auf diese Art Vergebung erlangen konnten. Und weil Jesus sich so für uns hingegeben hat, müssen wir uns mit Haut und Haaren ihm hingeben; Christen gehören nicht mehr sich selbst (vgl. 1. Korinther 6,19). Weih- nachten ist – genau wie Gott selber – sowohl wunderbarer als auch gefährlicher und bedrohlicher, als wir uns das vorstellen.
Mit jedem Jahr wird unsere zunehmend säkulare westliche Gesellschaft blinder für ihre eigenen historischen Wurzeln, von denen viele mit den Grundlagen des christlichen Glaubens zu tun haben. Aber einmal im Jahr, zu Weihnachten, werden diese Grundwahrheiten einem enorm großen Publikum ein kleines bisschen zugänglicher. Auf zahllosen Konzerten, Feiern und anderen Veranstaltungen kommen plötzlich unversehens Grundaussagen des christlichen Glaubens zur Sprache, selbst wenn die meisten der Teilnehmer mit Religion nichts am Hut haben. Nehmen wir als Beispiel das wohl bekannteste Weihnachtslied, „Stille Nacht, heilige Nacht“, das man in der Vorweihnachtszeit in Einkaufszentren, Supermärkten und an Straßenecken hören kann: Wer ist Jesus? – „Gottes Sohn, o wie lacht“, er ist Gott „in Menschengestalt“. Wozu kam er auf die Erde? – Um zu retten: „Christ der Retter ist da“. Wie tat er das? – In seinem Kommen auf die Erde zeigt sich die „Lieb aus göttlichem Mund“. Wie können wir dieses neue Leben bekommen? – Indem „uns schlägt die rettende Stund“, das heißt, indem wir diese Liebe und Rettung auch persönlich annehmen. Ursprünglich war das Lied sogar noch inhaltsreicher – von den eigentlich sechs Strophen sind heute nur noch drei allgemein bekannt.
Nicht alle der bekannteren Weihnachtslieder und Bibelabschnitte sind so inhaltsreich, aber Tatsache ist: An ein paar Tagen im Jahr kommen Hunderte Millionen Menschen auf Tuchfühlung mit dieser Botschaft; sie bräuchten sich nur die Mühe zu machen, die gleichen Fragen an diese Texte zu stellen, die wir gerade an „Stille Nacht“ gestellt haben. Wer Weihnachten verstanden hat, der hat die Botschaft von Jesus Christus verstanden.

Tim Keller ist Gründer der Redeemer Presbyterian Church (PCA) in Manhattan (USA), Vorsitzender des Redeemer City to City-Netzwerkes und Vizepräsident der Gospel Coalition (TGC). Er hat zahlreiche Bücher geschrieben, darunter Warum Gott? (5. Aufl., 2013) und Glauben wozu? (2019). Er und seine Frau Kathy haben drei Kinder.
Dieser Artikel ist ein Auszug aus: Timothy Keller, Stille Nacht – Heilige Nacht Warum wir Weihnachten heute noch feiern. Übersetzt von Dr. Friedemann Lux, Brunnen Verlag, Gießen 2018, ISBN: 978-3-7655-0998-8, http://www.brunnen-verlag.de
https://www.evangelium21.net/media/1711/zwei-unterschiedliche-weihnachtsfeste

Bist du abgehoben oder aufgehoben?

Advent bedeutet „Ankunft“: Es ist die Zeit, in der Christen sich auf die Ankunft von Jesus vorbereiten. Früher war der Advent ein Monat des Fastens und der Busse, der bewussten Hinwendung zu Gott. Heute verdrängen oftmals Einkaufsstress und Ablenkungen den Sinn der Adventszeit. Vor 2000 Jahren kam Jesus Christus, Gottes Sohn, als heiliges Baby zu uns auf die Welt, damit wir uns von Herzen freuen. Wir freuen uns ja auch, wenn in unserer Familie ein Kind geboren wird und unsere Verwandtschaft wächst und gedeiht. Jesus reifte zum Mann heran und nahm stellvertretend für uns unsere Schuld und Sünde auf sich, um uns mit Gott zu versöhnen. Wenn wir Gott im Gebet unsere Sünden bekennen und sein Angebot der Vergebung ergreifen, sind wir in Gottes Armen sicher geborgen: „Von allen Seiten umgibst du mich und hältst deine Hand über mir“ (Psalm 139,5). Doch bereits damals gab es Widerstand gegen Weihnachten: Eine abgehobene Weltanschauung hiess mit dem Fachbegriff „Gnosis“ (= Erkenntnis). Sie behauptete, dass Gott in rauschhaften Festen erfahrbar sei. Viele politische Richtungen sind heutzutage leider ebenso abgehoben: „Wir schaffen das auch ohne Gott!“, obwohl es gar keine Anzeichen dafür gibt, dass wir Menschen es ohne Gott schaffen könnten und es am Ende gut herauskommen wird. Darin liegt die Grundsünde von uns Menschen: Wir wollen selbst Gott sein und uns eigene Regeln aufstellen. Die Bibel stellt dieser abgehobenen Philosophie zwei Beziehungen gegenüber, nämlich diejenige zu Gott und zum Mitmenschen: Wir drücken Gott unsere Liebe aus, wenn wir seinem Wort der Bibel gehorchen. Unsere Mitmenschen lieben wir, wenn wir ihnen mit Gottes Hilfe Gutes tun. Das Neue Testament bezeugt auf jeder Seite, dass Jesus gleichzeitig ganz Gott und ganz Mensch war und mächtig in das Leben einzelner Menschen eingegriffen hat. Weihnachten zeigt uns: Gott schaffts! Er ist der Aktive, der zu uns kommt, weil er uns liebt. Jeder Mensch ist bei Jesus herzlich willkommen: Er nimmt uns an, wie wir sind, aber lässt uns nicht so, wie wir gewesen sind, sondern erneuert uns durch seinen Heiligen Geist und die Bibel. Das Evangelium, die frohe Botschaft und gute Nachricht, lautet: Gott wurde in Jesus ein Kind, damit wir Kinder Gottes werden können und in seiner Gegenwart aufgehoben sind: „Seht, welch eine Liebe uns der Vater gegeben hat, dass wir Kinder Gottes heißen sollen! Und wir sind es“ (1.Johannesbrief 3,1).

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Michael Freiburghaus, ref. Pfarrer Leutwil-Dürrenäsch Quelle: Wynentaler Blatt, Nr. 94, 13.12.2019, S. 27.

Uns ist ein Kind geboren

Weihnachten ist heute ein Fest der Gaben, der Kinder und der Familie. Allerdings ist dies, historisch gesehen, ein recht junges Phänomen. Bis zum Beginn der Neuzeit machte man Kindern nur am Tag des Hl. Nikolaus am 6. Dezember Geschenke. Erst in den letzten Jahrhunderten wanderte die Beschenkung zum Weihnachtsfest herüber.
Bis in die Neuzeit hinein war Weihnachten daher ein klassisches Kirchenfest praktisch ohne private oder familiäre Seite. Erst seit der Reformation verlagerte sich das Weihnachtsfest in den Städten immer mehr aus der Kirche in die Familie hinein. Im 19. Jahrhundert fand die liturgische Feier zwar noch in der Kirche statt, das eigentliche Weihnachtsfest aber wurde zu Hause gefeiert. Die Weihnachtsfeier wurde zu einer bürgerlichen Privatangelegenheit, zu einem Familienereignis mit Bescherung, Weihnachtsbaum und Festessen. Und mehr und mehr rückten die Kinder in den Mittelpunkt.
Weihnachten war also lange nicht so sehr ein Fest der Kinder, wohl aber das Fest des Kindes – des Säuglings, der einst in Bethlehem geboren wurde. Bei Lukas sind in der Weihnachtsgeschichte die Worte eines Engels an die Hirten wiedergegeben: „An folgendem Zeichen werdet ihr das Kind erkennen: Es ist in Windeln gewickelt und liegt in einer Futterkrippe“ (Lk 2,12). Tatsächlich finden sie das Kleinkind oder den Säugling (so wörtlich brephos), der „der Messias, der Herr“ oder „Retter“ ist (V. 16 und 11). Später im Kapitel wird von der Darbringung Jesu im Tempel in Jerusalem berichtet. Hier ist von dem Kleinkind (gr. paidion) die Rede, das der alte Simeon aber immer noch offensichtlich leicht in seine Arme nehmen konnte (V. 28).
In Lukas 1–2 steht (neben dem ebenfalls kleinen Johannes, dem Täufer) ein Säugling oder Kleinkind im Mittelpunkt. Warum überhaupt ein kleines Kind? Warum kam der Sohn Gottes nicht direkt in der Gestalt eines erwachsenen Mannes auf die Erde? Wäre dies dem Allmächtigen nicht möglich gewesen? Warum keine eindrücklichere Erscheinung? Warum ausgerechnet ein Säugling, der doch in der griechisch-römischen Kultur noch nicht einmal als richtiger Mensch galt?
Die Geburt eines Kindes zeigte, dass sich Vorhersagen aus dem Alten Testament erfüllten. Hier ist natürlich Jesaja 9,5 zu nennen – ein Vers, der damals schon lange messianisch verstanden wurde: „Ein Kind wurde uns geboren, ein Sohn wurde uns geschenkt. Die Herrschaft wurde auf seine Schulter gelegt. Man rief seinen Namen aus: Wunderbarer Ratgeber, Starker Gott, Vater in Ewigkeit, Fürst des Friedens.“
Warum ein Kind? Fünf weitere Dinge können wir nennen.
1. Das Kind Jesus zeigt, dass der Retter ein wirklicher Mensch ist. Woher hätte ein erwachsener Jesus, der direkt vom Himmel gekommen wäre, seinen Leib bekommen? Sein Körper wäre ein himmlischer gewesen, ein anderer Körper als der unsere. Die Geburt des Kindes durch eine Frau versichert uns, dass Jesus einen irdischen Körper wie wir erhielt. Auch wenn dieser Körper nun „verherrlicht“, also verwandelt ist, ist und bleibt es doch ein wirklich menschlicher Körper.
Jesus hatte eine menschliche Seele und einen menschlichen Leib; er starb mit diesem Leib und wurde mit ihm auferweckt; mit dem verwandelten Körper wurde er in den Himmel aufgenommen. So wie er werden auch wir Christen eines Tages „alle verwandelt werden“ (1 Kor 15,51). Dieser Jesus selbst wird „unseren armseligen Leib verwandeln in die Gestalt seines verherrlichten Leibes“ (Phil 3,21).
Wir alle waren einmal Säuglinge. Jesus kam ebenfalls als Säugling auf die Welt und zeigte auch dadurch, dass er uns wirklich gleich geworden ist. Daher können wir gewiss sein, dass wir auch in der Ewigkeit ihm ähneln werden – mit dem eigenen, echten Körper.
2. Das Kind Jesus zeigt, dass sich der Retter vom Beginn seines irdischen Lebens an erniedrigte. Die Position eines Kindes ist bis heute zweifellos ein sehr niedrige, denn sehr viele Dinge können sie nicht, weshalb sie auch die meisten Rechte nicht in Anspruch nehmen können; vieles lässt man sie nicht tun. Auch Maria und Josef kontrollierten das Leben Jesu anfangs fast vollständig, später war er ihnen Gehorsam schuldig.
Heute begegnen wir kleinen Kinder zwar meist recht emotional, aber dies war historisch gesehen längt nicht immer der Fall und in der Antike eher genau anders herum. Das Kleinkind stand in jeder Hinsicht niedrig und wurde sogar mehr verachtet als geschätzt. Hinzu kommt, dass Jesus irgendwo am Rand des Römischen Imperiums, in einer unbedeutenden Kleinstadt in einem kleinen Vasallenkönigtum geboren wurde – der Retter der Welt kam nicht im damaligen Zentrum der Welt, nicht in Rom und noch nicht einmal in Jerusalem zur Welt; nicht in einem Palast und nicht in einer Villa der Wohlhabenden. Jesus wurde in einem einfachen Haus mit zwei Räumen geboren, in dem das Gästezimmer (traditionell eher falsch als „Herberge“ übersetzt) wegen der vielen Besucher im Ort belegt war. Einfacher konnte der Messias nicht in die Welt kommen.
Nicht nur in der Passion, in Leid, Kreuz und Tod, erniedrigte sich Jesus. Er litt in seinem gesamten Leben, war immer gehorsam und in niedriger Position. Paulus schreibt: „Er entäußerte sich und wurde wie ein Sklave und den Menschen gleich. Sein Leben war das eines Menschen; er erniedrigte sich und war gehorsam bis zum Tod, bis zum Tod am Kreuz.“ (Phil 2,7–8) Von der Geburt „bis zum Tod“.
3. Vor allem das Kind Jesus zeigt, dass der Retter auf Erden schwach Säuglinge sind in erster Linie schwach. Sie atmen, essen, verdauen und schlafen. Ansonsten tun sie kaum etwas, nicht einmal sprechen können sie. Die Hilflosigkeit und Schwäche des Menschen zeigt sich wohl nirgends so deutlich wie im Kleinkindalter.
Jesus wuchs natürlich zu einem erwachsenen und recht kräftigen Mann heran (schließlich arbeitete er viele Jahre auf dem Bau). Doch die allen Menschen gemeine Schwäche begleitete ihn sein Leben lang, und obwohl auch Gott hielt er bewusst an dieser Schwäche fest. „Wenn du Gottes Sohn bist, so befiehl, dass aus diesen Steinen Brot wird“ (Mt 4,3). Sei stark, schließlich bist du doch Gott! Zeig, was du kannst!, so der Widersacher. Doch Jesus gab Versuchung des Teufels nicht nach und blieb hungrig.
Mit Angst und Zittern sah Jesus dem nah bevorstehenden Leiden am Kreuz entgegen. Als er dann an diesem hing, spotteten die Menschen: „Wenn du Gottes Sohn bist, rette dich selbst und steig herab vom Kreuz!“ „Andere hat er gerettet, sich selbst kann er nicht retten. Er ist doch der König von Israel! Er soll jetzt vom Kreuz herabsteigen, dann werden wir an ihn glauben.“ (Mt 27,40–42) Mit anderen Worten: Du bist zu schwach! Sicher konnte Jesus vom Kreuz herabsteigen und damit allen seine Gottheit beweisen, aber er tat es nicht. In seiner Person zeigte Jesus, dass Gottes Kraft in den Schwachen mächtig ist (2 Kor 12,9–10).
Auch das Niederländische Glaubensbekenntnis (1561) formuliert diese Wahrheit: Jesus „hat die Gestalt eines Knechtes an sich genommen und ist gleich wie ein anderer Mensch geworden und hat wahrhaft menschliche Natur mit allen ihren Schwachheiten (die Sünde ausgenommen) wahrhaft angenommen, als er empfangen wurde im Schoß der heiligen Jungfrau Maria, durch Kraft des Heiligen Geistes…“ (18).
4. Das Kind Jesus zeigt damit, an welchen Retter wir glauben. Jesus ist König und Herr, „Starker Gott“ und „Fürst des Friedens“. Eines Tages werden ihn alle sehen, wenn er kommt, „zu richten die Lebenden und die Toten“, wie es im Apostolischen Glaubensbekenntnis heißt. Dann werden alle an ihn glauben, denn „jedes Auge wird ihn sehen“ (Off 1,7). Doch bis dahin sind seine Größe und Herrlichkeit in Teilen verborgen. Jetzt sehen wir Jesus nicht, vielmehr glauben wir an ihn. Wir glauben vor allem an den Retter als „den Gekreuzigten“ (1 Kor 1,23), also an den Erniedrigten und Schwachen. Objekt unseres Glaubens ist zwar auch der zukünftigen Weltenrichter (weshalb dieser auch im Apostolikum genannt wird), aber in erster Linie „das uns zugewandte, sichtbare Wesen Gottes – d.h. seine Menschlichkeit, Schwachheit, Torheit“, so Luther in den Thesen zur Heidelberger Disputation von 1518. Gott erkennen wir nun vor allem in der Niedrigkeit Jesu. Der Reformator: „So reicht es für niemand aus, Gott in seiner Herrlichkeit und Majestät zu erkennen, wenn er ihn nicht in der Niedrigkeit und Schmach seines Kreuzes erkennt.“
5. Das Kind Jesus zeigt schließlich, wer die Gläubigen selbst sind. Jeder Säugling ist von anderen Menschen völlig abhängig, vor allem natürlich von seinen Eltern. Er kann ihnen direkt kaum etwas geben, hat nichts zum Eintauschen. Ein Kleinkind ist daher ganz auf Empfangen eingerichtet. Daher sollen auch erwachsene Menschen die Rettung in dieser Abhängigkeit und mit dem Vertrauen eines Kindes empfangen. „Wer das Reich Gottes nicht wie ein Kind annimmt, wird nicht hineinkommen“ (Lk 18,17), sagte Jesus. Wenn dieser selbst von seinem himmlischen Vater und auch seinen irdischen Eltern abhängig war, zu Beginn des Lebens sogar ganz abhängig und hilflos, wieviel mehr gilt dies dann für uns?
Vor Gottes Angesicht stehen alle Menschen mit leeren Händen da: Wir selbst haben nichts, was wir Gott für unser Heil anbieten könnten. „Da ich denn nichts bringen kann / Schmieg‘ ich an Dein Kreuz mich an“, heißt es in der deutschen Übersetzung des berühmten Liedes „Rock of Ages“ von A. M. Toplady. Geistlich sind wir alle Bettler, wie Luther sagte, oder eben Säuglinge. Sicher sollen Christen im Glauben wachsen und in dieser Hinsicht nicht kleine, unmündige Kinder bleiben. Aber wie wir auf Erden als Christen immer Jünger, also Schüler und Lernende, bleiben werden, so bleiben wir auch empfangende Kinder. Die völlige Abhängigkeit von Jesus bleibt. Was Johannes Calvin in seiner Institutio schreibt, gilt für alle erwachsenen Christen: „Unser ganzes Heil, alles, was dazu gehört, ist allein in Christus beschlossen. Deshalb dürfen wir auch nicht das geringste Stücklein anderswo ableiten… In ihm liegt ja die Fülle aller Güter, und deshalb sollen wir aus diesem Brunnquell schöpfen, bis wir satt werden, nicht aus einem anderen!“ (Inst. II,16,19)
Weihnachten ist das Fest des Kindes, denn in seinem Zentrum steht das Kind Jesus. Gleichzeitig erinnert das Fest daran, dass alle Gläubigen Kinder sind, die auf Gottes Geschenk des Heils angewiesen sind. Weihnachten ist daher das Fest des Kindes und der Kinder, aller Kinder Gottes.  Holger Lahayne   http://lahayne.lt/2018/12/27/warum-ein-kind/

Wenn Gott Mensch würde für mich, dann würde ich ihn lieben

„Wenn Gott Mensch würde für mich, dann würde ich ihn lieben, ihn ganz allein. Dann wären Bande zwischen ihm und mir, und für das Danken reichten alle Wege meines Lebens nicht; ein Gott, der Mensch würde aus unserem liebenswerten, elenden Fleisch, ein Gott, der das Leid auf sich nähme, das ich heute leide. Ja, wenn Gott Mensch würde für mich, dann würde ich ihn lieben … Aber welcher Gott wäre dumm genug dafür?“ Aus dem Krippenspiel „Bariona oder der Sohn des Donners“ von Jean-Paul Sartre

Dezember-Psalm

Mit fester Freude
Lauf ich durch die Gegend
Mal durch die Stadt
Mal meinen Fluss entlang
Jesus kommt
Der Freund der Kinder und der Tiere
Ich gehe völlig anders
Ich grüße freundlich
Möchte alle Welt berühren
Mach dich fein
Jesus kommt
Schmück dein Gesicht
Schmück dein Haus und deinen Garten
Mein Herz schlägt ungemein
Macht Sprünge
Mein Auge lacht und färbt sich voll
Mein Glück
Jesus kommt
Alles wird gut
Hanns Dieter Hüsch
Aus: Hüsch – Chagall, das kleine Weihnachtsbuch,
2003/8  Copyright: tvd-Verlag Düsseldorf, 1997. S. 6.
https://www.ojc.de/salzkorn/2010/gebet/dezember-psalm/

Wie Zion zur Tochter wurde

Ein Junge will von mir wissen: Wer ist denn dem Zion seine Tochter? Ich merke: Er stellt sich ein Mädchen vor, das laut jubelt und eben die Tochter eines gewissen Zions ist. Und – so fragt der Junge weiter – der Sohn vom David, heißt der Hosianna? Auch ein komischer Name.
Ich kläre ihn auf: Es gibt keinen Zion, dessen Tochter jubelt, und es gibt keinen David mit einem Sohn namens Hosianna. Tochter Zion ist ein biblischer Begriff. Er bezeichnet einfach die Stadt Jerusalem. Die Belege für die Personifikation beschränken sich auf die Prophetenbücher, und einige Psalmen. Hosianna ist ein Ruf der Freude, und des Jubels.
Es ist eigentlich ein Weihnachtslied, das ursprünglich überhaupt kein Weihnachtslied war. Eher im Gegenteil. Die Melodie klaute der Barockkomponist Georg Friedrich Händel zunächst einmal bei sich selbst: Er recycelte einen Chorsatz aus dem Oratorium „Josua“ für seinen „Judas Maccabaeus“. Dieses „Siegesoratorium“ widmete Händel einem, den man bis heute in Schottland in unguter Erinnerung hat: Wilhelm August, Herzog von Cumberland, englischer Sieger in der blutigen Schlacht von Culloden, in der das alte Schottland der Clans unterging. Zur Melodie von „Tohochter Zion“ bejubelte das Volk in England das Ende des Jakobitenaufstands von 1745/46, die Niederlage der nördlichen Nachbarn und das Desaster des Hauses Stuarts: „See the conqu’ring hero ­comes“ – seht, der erobernde Held kommt, ging der Text.
Die Verse von „Tochter Zion“ aber stammen aus dem Jahr 1826 und gehen auf den evangelischen Theologen Friedrich Heinrich Ranke zurück – übrigens einen Bruder des großen, später geadelten Historikers Leopold von Ranke (1798-1876). Bedient hat sich Ranke beim Propheten Sacharja (9,9), wo es heißt: „Du, Tochter Zion, freue dich sehr, und du, Tochter Jerusalem, jauchze! Siehe, dein König kommt zu dir…“
Mit „Tochter Zion“ ist die Stadt Jerusalem gemeint, die sich freuen soll, weil der Sohn Davids, also Jesus, als Friedensbringer zu ihr kommen wird. Der Einzug Jesu in Jerusalem (Matthäus 21,1-9) und die Zuschreibung als „Friedefürst“ sowie als Kind des ewigen Vaters (Jesaja 9,5).
Zwischen dem vierstimmigen Chorsatz von Händel und dem Lied von Ranke bestehen einige wenige Unterschiede. Händels Chorsätze aus Judas Maccabäus und Joshua stehen in G-Dur. Auf den Chorsatz von Händel legte und zwei weitere Strophen beifügte, die das kommende, ewige Friedensreich Jesu Christi besingen. Ranke entwarf es für den musikalischen Salon von Karl Georg von Raumer. Dessen Schwägerin Louise Reichhardt veröffentlichte das Lied 1826 in ihrer in Hamburg herausgegebenen Sammlung Christliche, liebliche Lieder, unter der Überschrift „Am Palmsontage“. Über diese Publikation gelangte das Lied in Schulliedersammlungen und wurde populär.
Friedrich Heinrich Ranke hat übrigens auch den Text für ein anderes bekanntes Weihnachtslied besorgt. 1823 schrieb er „Herbei, o ihr Gläubigen“, wobei er auf das lateinische Original „Adeste Fideles“ zurückgriff.
Das Lied „Tochter Zion“ kann an drei Stationen des Kirchenjahres erklingen. Entstanden ist es für den Palmsonntag, Advent und Weihnachten. In der NS-Zeit war das Lied mit seinem „jüdischen“ Titel verpönt.

Weihnachten: Ge­schen­ke schen­ken – Was sagt die Bibel dazu?

Geschenke haben in der Bibel oft Hintergedanken. „Wenn man in der Bibel mal zum Thema „Geschenk“ nachschlägt, scheint es genauso problembehaftet weiterzugehen: Wir finden Geschenke der Besänftigung (z.B. Jakob an Esau – vgl. 1. Mose 32-33; Josephs Brüder an Joseph – 1. Mose 43) oder Geschenke, die den Beschenkten in eine gewisse Schuld und Verpflichtung führen sollten (z.B. 1. Mose 14,21-23). Geschenke wurden als „Türöffner“ verwendet (1. Mose 24,22; 43,11.26; 2. Könige 5,5; 8,8-9) oder als Zeichen der Ehrerbietung erbracht (1. Könige 10,25). Beliebt waren natürlich auch Bestechungsgeschenke (1. Könige 13,7; 15,19). In den Sprüchen lesen wir dazu: „Das Geschenk macht dem Menschen Raum und verschafft ihm Zutritt zu den Großen.“ (Sprüche 18,16)
… Gerade in der Weihnachtszeit drehen auch wir Christen am Rad des Konsums fleißig mit und die berechtigte Frage kommt auf: Tun wir unserer Familie und Freunden wirklich etwas Gutes, wenn wir sie beschenken? Was geschah, als Gott sein Volk im verheißenden Land etwas mehr von dem Überfluss seiner Gnade hat schmecken lassen (vgl. 5. Mose 8,7-9)? Von Dankbarkeit und Zufriedenheit keine Spur. Dafür überall Götzendienst statt Gottesdienst. Nicht Gottes Liebe sondern der Mammon regierte die Herzen. Wir stehen in derselben Gefahr. Es ist immer schwer für uns Gottes gute Gaben in Dankbarkeit und Anbetung zu genießen. Durch zu viele und unbedachte Geschenke können wir darum mehr Schaden als Nutzen anrichten. Vielleicht ist es deshalb geschickter, sich statt der üblichen Vorsätze „Dieses Jahre schenken wir uns mal Nichts“ oder „Jeder nur eine Kleinigkeit“ zusammen zu tun und die Menschen zu beschenken, die wirklich Hilfe nötig haben.

Rühle schlägt drei Prinzipien des Schenkens vor:

  1. Christen sollen bedingungslos schenken an die, die es brauchen. Es geht um das Stillen von wahrer Bedürftigkeit. (Auch Reiche können in manchen Bereichen bedürftig sein. Es geht nicht nur um Armut.)
  2. In ihrem Schenken soll ihre Freude und Dankbarkeit zu Gott deutlich werden und auf seine Gnade hinweisen. Sie schenken, weil sie beschenkt wurden. Sie schenken, weil sie andere an ihrer Freude und ihrem Segen Anteil geben wollen.
  3. Ein Geschenk kann „Hintergedanken“ haben. Es kommt darauf an, welche. Will ich wirklich etwas Gutes für den Beschenkten oder nur einen Vorteil für mich?
    http://www.josiablog.de/2017/12/geschenke-schenken-was-sagt-die-bibel-dazu/