Schüler der Schrift

„Niemand kann auch nur zum geringsten Verständnis rechter und gesunder Lehre gelangen, wenn er nicht Schüler der Schrift wird.“
(Johannes Calvin, 1509-1564)
Immer wieder, in allen Jahrhunderten wurde Christsein professionalisiert. Die „normalen“ Menschen können sich beruhigt zurücklehnen und ihren Alltagsgeschäften nachgehen, während sich die „Spezialisten“ stellvertretend für alle anderen der Frage nach Gott widmen. Für die großen Kirchen wurde das zeitweilig auch zu einem einträglichen Geschäft. Man ließ sich die Vermittlung eines guten Gewissens oder die Zusage der himmlischen Herrlichkeit gut bezahlen. Außerdem schmeichelte es ungemein dem Ego, wenn man über einen wichtigen Bereich der Realität sozusagen alleine bestimmen konnte.
In der Gegenwart, in der es für alles und jedes eine Bescheinigung braucht, erwartet man das natürlich auch von einem Pfarrer und Theologen. Der soll seine Aufgabe ebenso professionell erledigen wie der Arzt oder Automechaniker. In der zumeist akademischen Ausbildung an deutschen Universitäten muss sich der Theologe in erster Linie mit den Annahmen der Gesellschaftswissenschaften und den verschiedenen Meinungen einflussreicher Professoren beschäftigen. Die persönliche Beziehung des Studenten zu Gott, seine Bekehrung oder sein Umgang mit der Bibel sind Privatangelegenheit, so wird vermittelt. Deshalb gibt es immer mehr vollamtliche Theologen, die zwar alle erforderlichen Scheine und Diplome besitzen, aber kaum eigene Glaubensfestigkeit. Dabei sind es gerade die Charaktereigenschaften und die Stabilität des Glaubens die in der Bibel Als entscheidende Qualifikationen für ein geistliches Leitungsamt genannt werden.
Calvin hat zweifellos vollkommen Recht, wenn er fordert, dass ein geistlicher Lehrer oder gemeindlicher Theologe vor allem Vorbild sein muss in seinem Umgang mit Gott und seinem Wort. Denn die Bibel will nicht in erster Linie das theologische Wissen erweitern, sondern das Leben verändern und die Beziehung zu Gott stärken. Nach den Reformatoren forderten deshalb auch die Väter des Pietismus eine Erneuerung der theologischen Ausbildung, hin zu mehr Glaubwürdigkeit und persönlicher Glaubenspraxis.
„Ein Ältester aber soll untadelig sein, Mann einer einzigen Frau, nüchtern, besonnen, würdig, gastfrei, geschickt im Lehren, kein Säufer, nicht gewalttätig, sondern gütig, nicht streitsüchtig, nicht geldgierig, einer, der seinem eigenen Haus gut vorsteht und gehorsame Kinder hat, in aller Ehrbarkeit. Denn wenn jemand seinem eigenen Haus nicht vorzustehen weiß, wie soll er für die Gemeinde Gottes sorgen? Er soll kein Neugetaufter sein, damit er sich nicht aufblase und dem Urteil des Teufels verfalle. Er muss aber auch einen guten Ruf haben bei denen, die draußen sind, damit er nicht geschmäht werde und sich nicht fange in der Schlinge des Teufels.“ (1.Timotheus 3, 2-7) Michael Kotsch

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