Wert und Würde

Am Montag beginnt eine neue Staffel von „Big Brother“. Da ist eigentlich – im Vergleich zu dem, was sonst so alles passiert in der Welt – irrelevant, aber doch hat es vielleicht mehr mit der Gegenwartskultur zu tun als auf den ersten Blick erkennbar ist.
Schaut man nämlich auf die derzeit recht aggressiv gefahrene Werbekampagne in Berlin, dann zeigt sich, dass hier Interesse an der Sendung dadurch geweckt werden soll, dass es den Zuschauern offenbar ermöglicht wird, die teilnehmenden Personen mit ein bis fünf Sternchen zu bewerten, also etwa so, wie auf einschlägigen Portalen sonst Waren oder Dienstleistungen bewertet werden. Nun also die Menschen selbst. Dabei gibt es offensichtlich bereits jetzt Unterschiede: Tim hat 3,3 Punkte, Michelle 3,4 Punkte und Vanessa 3,2 Punkte. Warum auch immer.
Aber darum geht es ja auch gar nicht. Es geht darum, dass hier eine Form der Evaluation von Menschen medial verbreitet wird, die unserem – sowohl christlich als auch humanistisch fundierten – Bild des Menschen widerspricht. Es ist ein Frontalangriff auf die Menschenwürde, dass Menschen sich als solche einem System der Bewertung nach Punkten unterwerfen. Es geht ja nicht um Fähigkeiten, die benotet werden, sondern um die Personen selbst. Nicht Tims Geographiekenntnisse, nicht Michelles verbale Schlagfertigkeit, nicht Vanessa Singstimme wird bewertet, sondern Tim, Michelle und Vanessa.
Es ist kein freiheits- und autonomiebeschränkender Paternalismus, wenn man sich angesichts dessen gegen diese Show ausspricht. Es ist vielmehr die Sorge um das, was uns als Menschen ausmacht: dass wir – unabhängig davon, was wir tun und was wir können – eine Würde haben, keinen Wert, erst recht keine Punktzahl zwischen eins und fünf. Ohne die Absolutheit seiner Würde droht der Mensch schnell zum Spielball von Interessen, läuft Gefahr, instrumentalisiert zu werden. Wer sich als Mensch bepunkten lässt, gibt in letzter Konsequenz den Anspruch auf unbedingte Achtung seiner Person und seines Lebens auf.
Übertreibe ich? Vielleicht. Doch auch, wenn das ganze ein „Spiel“ ist, dass vor allem „unterhalten“ und „Spaß“ machen soll, muss man sich fragen, welches Menschenbild hier vermittelt wird. Ja, gerade dann, wenn der Kontext eigentlich der zweckfreien Unterhaltung dient, wenn also das Bewertungsverfahren subtil Einzug hält, ist diese Frage angebracht. Josef Bordat  https://jobosblog.wordpress.com/2020/02/07/wert-und-wuerde/