Apg 5,29 …

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File:Grace Community Church Worship.jpg (Created: 5 January 2007)

Sie führten sie aber herbei und stellten sie vor den Hohen Rat; und der Hohepriester befragte sie 28 und sprach: Wir haben euch streng geboten, in diesem Namen nicht zu lehren, und siehe, ihr habt Jerusalem mit eurer Lehre erfüllt und wollt das Blut dieses Menschen auf uns bringen. 29 Petrus und die Apostel aber antworteten und sprachen: Man muss Gott mehr gehorchen als Menschen.

32 Der Gott unserer Väter hat Jesus auferweckt, den ihr ermordet habt, indem ihr ihn ans Holz hängtet. 31 Diesen hat Gott durch seine Rechte zum Führer und Retter erhöht, um Israel Buße und Vergebung der Sünden zu geben. 32 Und wir sind Zeugen von diesen Dingen und der Heilige Geist, den Gott denen gegeben hat, die ihm gehorchen. 33 Sie aber ergrimmten, als sie es hörten, und ratschlagten, sie umzubringen.

https://www.bibleserver.com/ELB/Apostelgeschichte5%2C27-33

Mitte Juli wurden in USA / Californien neue Corona-Restriktionen verordnet. John MacArthur und Grace Community Church haben dagegen ein „strammes statement“ herausgegeben, dass nach einer grundsätzlichen Exegese zur Zuordnung von Staat und Kirche zu dem Schluß kommt, dass sie sich der behördlichen Anordnung höflich aber bestimmt widersetzen werden …

Ein FB-Freund Andreas Schnebel schrieb dazu am 27.07.2020:

Ich bin sehr froh, dass es Pastoren gibt, die in dieser Frage eindeutig auf dem Boden der Schrift argumentieren und handeln. Auch wenn ich in vielen nachgeordneten Fragen nicht einer Meinung mit Pastor John MacArthur bin, hier jedoch zu 100%. Die Thematik ist letztlich aus reformatorischer Sicht schon lange und eindeutig beantwortet: die Zuständigkeiten der Obrigkeiten sind klar und ohne Zweifel unterschieden. Dass heißt, Regierungen könnten von den Kirchen Konzile/Synoden einberufen lassen, damit diese selbst darüber entscheiden wie diese mit einer solchen Situation in ihrem Verantwortungsbereich umgehen, keinesfalls jedoch, dass weltliche Obrigkeiten das Recht haben in die Zuständigkeit der kirchlichen Obrigkeit hineinzuregieren bzw. anzuordnen, ob oder wie man einen Gottesdienst feiern darf.

Facebook

Meine kurze Antwort darauf am 28.07.2020 lautete:

Ich habe es auch gesehen und für falsch befunden: denn das „Man muss Gott mehr gehorchen“ hat einen anderen Hintergrund:

In dieser Pandemie werden nicht Gemeinde-Gottesdienste verboten, weil sie Christen sind, sondern um die Pandemie zu verhindern. Aus gleichem Grund werden Discos geschlossen und Fußballstadien, Sport- und Kultuveranstaltungen, von denen viele gerade nicht sonderlich christlich sind.

Von daher: nicht alles was mutig ist, ist nach m.E. auch biblisch: ich halte das für einen falschen Weg.

Facebook (Fehler korrigiert)

Andreas‘ prompte Antwort bringt nachfolgende Argumente, die er vor allem gegen die Argumentationslinie von Jonathan Leeman (Editorial Director of 9Marks) richtete, der die Frage stellte,


Jonathan Leeman sei grundsätzlich im Irrtum, wenn er die Frage nach der staatlichen Autorität über kirchliche Angelegenheiten bzw die Kirche und den Gottesdienst an sich als eine Ermessensentscheidung auf Grundlage von Gewissensgründen (Röm14:14) einordnet. Schnebel fragt nach dem „Wesen der Gemeinde an sich“, bzw. wer Autorität über diese hat und antwortet auf Leemanns vier Thesen wie folgt:

zu 1. Es steht dem Staat grundsätzlich nicht zu, über das ob, den Ort, die Zeit oder die Form eines Gottesdienstes zu entscheiden oder Einfluss darauf zu nehmen.

zu 2.Der angeführte Vergleich mit der Verdunklungsanordnung im 2.WK, dem die Kirchen gefolgt seien, passt nicht. Der GD wurde durch die Verdunkelungsanforderungen in keiner Weise eingeschränkt.

zu 3. Es geht in keiner Weise darum „Muskeln zu trainieren“ bzw. für zukünftige Auseinandersetzungen mit einer übergriffigen weltlichen Obrigkeit auszutesten wie weit man gehen kann oder mutig zu sein. Es geht um biblische Grundsätze, die nicht erst seit den Tagen der Reformatoren bekannt sind, sondern bereits seit den Tagen Konstantins.
zu 4. Auch hier irrt Jonathan Leeman bzw. Mark Dever, insofern er ihm zustimmt. Die Autorität einer Obrigkeit, egal welcher, steht und fällt mit der (zumindest praktischen) Anerkenntnis der Obrigkeit Gottes und seiner Gebote. Ja, das Konzept aller Obrigkeit, jeder menschlichen Ordnung kommt von Gott, dies lehrt die Schrift von Anfang an. In Römer 13 spricht Paulus, wenn er von Obrigkeit spricht, zunächst einmal nicht von dem modernen, totalen, machiavellistischen Staate, sondern erst einmal von jeder Obrigkeit.

Zu Recht verweist A. Schnebel weiter unten dann auf das deutsche GG:
„Das Konzept biblischer Obrigkeit steht und fällt also mit der Anerkenntnis des Rechts Gottes und einer sinngemäßen Umsetzung, sprich einer Verfassung welche sich ein Volk gibt (z.B. Präambel des GG: „Im Bewußtsein seiner Verantwortung vor Gott und den Menschen“…“hat sich das Deutsche Volk kraft seiner verfassungsgebenden Gewalt dieses Grundgesetz gegeben.“).“ – Erst dem nachgeordnet stünde menschliche Autorität und Amt.

Allerdings läuft seine Argumentation zu Römer 13 ins Leere, wenn er zitiert, was da so nicht steht …

  • Schnebel: (…), „auch Paulus und Petrus lehren die Aufgabe der Könige und Statthalter für Recht zu sorgen. Einziger Sinn und Zweck, die Daseinsberechtigung jeder Obrigkeit besteht also darin den Menschen, also uns „zugut“ zu sein, das Recht umzusetzen, welches von Gott kommt und die Bösen straft (Römer 13).

Römer 13,1-5:
Jede Seele unterwerfe sich den übergeordneten staatlichen Mächten! Denn es ist keine staatliche Macht außer von Gott, und die bestehenden sind von Gott verordnet. 2 Wer sich daher der staatlichen Macht widersetzt, widersteht der Anordnung Gottes; die aber widerstehen, werden ein Urteil empfangen. 3 Denn die Regenten sind nicht ein Schrecken für das gute Werk, sondern für das böse. Willst du dich aber vor der staatlichen Macht nicht fürchten, so tue das Gute, und du wirst Lob von ihr haben; 4 denn sie ist Gottes Dienerin, dir zum Guten. Wenn du aber das Böse tust, so fürchte dich! Denn sie trägt das Schwert nicht umsonst, denn sie ist Gottes Dienerin, eine Rächerin zur Strafe für den, der Böses tut. 5 Darum ist es notwendig, untertan zu sein, nicht allein der Strafe wegen, sondern auch des Gewissens wegen.

  • Merke: das „dir zum Guten“ in Vers 4 steht nicht so libertär, wie es A. Schnebel und seine Art von Geschichtsphilosophie es gerne hätten. Es wird vielmehr vorausgesetzt, dass die Regierung „dir zum Guten“ ist (auch wenn sie z.B. Steuern fordert, was Andreas (und ich) auch nicht so gerne haben …)
  • In Rom herrschte Kaiser Claudius bzw. Nero

Schnebel: (…), „Deshalb – und nur deshalb- sollen wir uns jeder menschlichen Ordnung um des Herrn willen unterordnen: wenn diese die Übeltäter bestraft und die Guten lobt (1.Petrus2). Wenn sich eine Regierung jedoch anmaßt das Gute böse und das Böse gut zu nennen, das Recht Gottes pervertiert (Jesaja 5,20), das Recht ignoriert, aussetzt und verdreht wie die unsere, besteht die Pflicht und Aufgabe der Kirche dagegen aufzustehen!

1Petrus 2,11-17:

Geliebte, ich ermahne euch als Beisassen und Fremdlinge, dass ihr euch der fleischlichen Begierden, die gegen die Seele streiten, enthaltet, 12 und führt euren Wandel unter den Nationen gut, damit sie, worin sie gegen euch als Übeltäter reden, aus den guten Werken, die sie anschauen, Gott verherrlichen am Tage der Heimsuchung! 13 Ordnet euch aller menschlichen Einrichtung unter um des Herrn willen; sei es dem König als Oberherrn 14 oder den Statthaltern als denen, die von ihm gesandt werden zur Bestrafung der Übeltäter, aber zum Lob derer, die Gutes tun! 15 Denn so ist es der Wille Gottes, dass ihr durch Gutestun die Unwissenheit der unverständigen Menschen zum Schweigen bringt – 16 als Freie und nicht als solche, die die Freiheit als Deckmantel der Bosheit haben, sondern als Sklaven Gottes. 17 Erweist allen Ehre; liebt die Bruderschaft; fürchtet Gott; ehrt den König!

  • Merke: das von A. Schnebel so epathisch betonte „wenn“ gibt es in 1Petrus 2 gar nicht: es wird postuliert, dass die Regierung – von Gott gesandt – Lob gebe für Gutes tun. Was passiert wenn sie es nicht tut, steht da nicht. Ob man dagegen aufstehen muss, wie es Andreas postuliert, bezweifel ich tatsächlich!
  • Die Atmosphäre des Textes ist in Summe vielmehr, dass Unterordnung auch dann geboten ist, wenn die Regierung sich nicht korrekt verhält zu der von A. Schnebel vorausgesetzten / angenommenen Ordnung …
  • … die er z.T. ziemlich direkt aus dem Alten Testament herleitet (Theokratie Israels …): vgl. „Gott setzte also zunächst Richter und Vorsteher über Israel ein (5Mo16:18) um Unrecht aller Art zu begegnen, auch die Aufgabe des Königs, welchen Israel gegen Gottes Willen begehrte, war es von Beginn an Recht zu sprechen (1Sam8) …“; sowie Verweis auf Jesaja 5,20

Der viel kritisiert Leemann dagegen betont, dass die 3 Kreise (Familie, Kirche, Staat) nicht völlog getrennt sind sondern sich bisweilen überlappen:

Fourth, and this is my most wonky point, MacArthur draws a strict line between the jurisdictions of state, church, and family. I, too, affirm the separation of these jurisdictions and have written amply on the topic. Yet here’s what we need to keep in mind. Those jurisdictional circles, to some extent, overlap whenever it’s the same people who are bound by those distinct jurisdictions. After all, each of those authorities can possess a claim on a person, no matter what building the person is standing in.

(…)

Likewise, churches should observe state-established fire codes, building codes, zoning restrictions, historical-preservation-society codes (if you’re on Capitol Hill), and more, all of which impinge on and limit our gatherings. Yet most of us have not stopped and said, “This is hindering our worship” or “This is the state exercising authority over church practice.” Rather, we understand the state is doing its job even there. We understand that we are not ancient Israel. And though in one sense all space is sacred for a Christian because all space is under Christ’s lordship, in another sense no space is sacred, at least in a Temple-like way; and the government’s authority also extends everywhere inside its borders.

https://www.9marks.org/article/a-time-for-civil-disobedience-a-response-to-john-macarthur/

Das macht für mich mehr Sinn…

Bei all‘ dem gehen wir fehl, wenn wir nicht sehen, dass a) Christen (als Christen / Kirchen) keinen politischen Auftrag haben, b) Apg 5 hier nicht greift, weil der Kontext ein anderer ist:

  • dort Verbot im Namen Jesu zu predigen
  • hier Verbot Veranstaltungen, auch Gottesdienste, mit großen Menschenansammlung abzuhalten, um eine Pandemie zu verhindern

Ja, man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen. Aber bitte dann, wenn es die Schrift fordert: wenn die Verkündigung des Evangeliums und der bibl. Lehre untersagt würde. Das ist nicht untersagt, hier geht es nicht um Diskriminierung von Christen als Christen, sondern um Loyalität in einer Pandemie und um temporäre andere Formen des „Zusammenkommens“.

Das man sich als Bürger beschweren kann (ich habe zweimal an die bayr. Gesundheitsministerien geschrieben) und es nicht über Jahre so weitergehen kann, ist klar. Geben wir den Regierenden aber Zeit, beten wir für sie und seien wir als Christen ein Vorbild für die Gesellschaft:

Fazit

Ich bin froh, dass wir als Christen verschiedener Meinung über Corona und den Umgang damit haben können :

  • wir sollten es weiterhin mit Respekt und Fairness tun, wie es Andreas Schnebel (dessen Meinung ich nicht teile) in seiner Befürwortung für John MacArthur (dessen Meinung er sonst meistens nicht teilt … ) tut,
  • als auch Jonathan Leeman es in seiner kritischen Antwort (dessen Meinung ich in diesem Fall zumindest teile …) getan hat

Auch wenn wir über Römer 13 streiten: Römer 14 ist „klar“ …

Du aber, was richtest du deinen Bruder? Oder auch du, was verachtest du deinen Bruder? Denn wir werden alle vor den Richterstuhl Gottes gestellt werden. 11 Denn es steht geschrieben: „So wahr ich lebe, spricht der Herr, mir wird sich jedes Knie beugen, und jede Zunge wird Gott bekennen.“ 12 Also wird nun jeder von uns für sich selbst Gott Rechenschaft geben. 13 Lasst uns nun nicht mehr einander richten, sondern haltet vielmehr das für recht, dem Bruder keinen Anstoß oder kein Ärgernis[3] zu geben!

https://www.bibleserver.com/ELB/R%C3%B6mer14


Weitere Quellen:

Corona auf brink4u:

Apg 5,29 …

Augen aufmachen

Ich vermisse in Deutschland die evangelikalen Hirten, die die Augen aufmachen, in dieser schweren Zeit den Christen Orientierung und den Nichtchristen das Evangelium, Orientierung und Hilfe bringen. Es scheint unter Nichtchristen proportional mehr mit offenen Augen zu geben als unter den Christen in Deutschland. Daniel von Wachter

Zwei Bücher zu dem Thema Covid bzw. Corona. Wo ist Gott in dieser Welt?: . und was ist mit COVID 19? John Lennox, Corona und Christus John Piper

Man sollte beide Büchlein hintereinander lesen: Während der eine John der Souveränität Gottes und auch der Gefallenheit der Schöpfung im Zusammenhang mit dem Leid mehr Beachtung schenkt als Lennox, widmet der andere John auch einige Gedanken der finalen Gerechtigkeit, d. h., er wird dem eschatologischen Vorbehalt jeder Annäherung an die Theodizee gerecht, und lässt den mitleidenden Gott nicht unerwähnt, den ich bei Piper vermisse. Seelsorgerlich feinfühliger und mir zugänglicher ist definitiv Lennox.

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Marcel Haldenwang