„Vaterunser“

Interessanterweise ist die Formulierung des Vaterunsers bei Lukas nicht Wort für Wort dieselbe wie bei Matthäus. Das Vaterunser ist so etwas wie die Zusammenfassung aller anderen Gebete, die große Gebetsvorlage, was die Prioritäten und Themen, den Zweck, ja den Geist allen Betens betrifft. Und so gilt: „Mag er [der Beter] auch noch so verschiedene Worte brauchen, so soll er doch im Sinn keine Abweichung eintreten lassen.“ Das Vaterunser muss all unseren Gebeten seinen Stempel aufdrücken und sie durch und durch prägen, und wie könnte man das besser erreichen als durch Luthers Übung, zwei Mal täglich das Vaterunser mit eigenen Worten nachzubeten, um anschließend zum freien Lob- und Bittgebet überzugehen?
Nicht minder wichtig ist die Tatsache, dass Jesus das Vaterunser im Plural und nicht im Singular formuliert hat. Wir bitten Gott, uns zu geben, was wir brauchen. Calvin schreibt: „Die Gebete der Christen müssen auch die anderen mit umfassen und ihr Ziel … in der Förderung der Gemeinschaft der Gläubigen haben.“ Der amerikanische Theologe Michael S. Horton stellt klar, dass nach Calvin „der öffentliche Gottesdienst die private Andacht prägt und nicht umgekehrt“. Calvin war die Gestaltung des Gemeindegottesdienstes und der Liturgie ein großes Anliegen, weil er hierin eine wichtige Vorlage für das private Gebet des einzelnen Christen sah. Tim Keller Beten S. 130–131 Hervorhebung

Die sechste Bitte Und führe uns nicht in die Versuchung

154. wenn das Wort “ Versuchung “ oder “ Prüfung “ nicht so allgemein üblich wäre, so stünde es viel besser und wäre klarer, wenn man es so ausdrückte: „Und führe uns nicht in Anfechtungen“. In diesem Gebet lernen wir aber, wie elend das Leben auf Erden ist. Denn es ist lauter Anfechtung, und wer hiernach Frieden und Sicherheit für sich sucht, handelt nicht weise; er kann es auch niemals dazu bringen. Und wenn wir alle es begehrten, so ist es doch unmöglich. Es ist ein Leben der Anfechtung und bleibt es.
155. Darum sagen wir nicht: „Nimm die Anfechtung weg von uns“, sondern: „Führe uns nicht hinein“, als wollte man sagen: „Wir sind hinten und vorne von Anfechtungen umgeben und können uns nicht davon freimachen. Aber, o unser Vater, hilf uns, dass wir nicht hineingeraten, d. h. dass wir nicht dazu einwilligen und so überwunden und unterdrückt werden“. Denn wer in die Sünde einwilligt, der sündigt und wird ein Gefangener der Sünde“, wie Paulus (Römer 7,23) sagt. Weiterlesen