Christen auf dem Egotrip

Individualismus – ein Phänomen unserer Zeit
„Der Individualismus der Moderne prägt uns alle, ob wir das wahrhaben wollen oder nicht. Er führte zu einer veränderten Gesellschaft: Nicht mehr die Gemeinschaft und die Traditionen bestimmen das Verhalten, sondern der einzelne. Der Mensch hat sich an die Stelle Gottes gesetzt und regelt eigenmächtig sein Schicksal.“ (S. 71) Einen zunehmenden Individualismus beobachtet man auch in Kirchen und Gemeinden. Auch hier zeigt sich die Tendenz, daß der einzelne seine Autonomie fordert. Man läßt sich nicht mehr reinreden, möchte autonom entscheiden. Jeder lebt seinen Glauben nach der ihm eigenen Überzeugung. Auf die Frage, ob man auch ohne Kirche Christ sein könne, antworteten 1992 80% der Deutschen mit «Ja» [Umfrageergebnisse «Was glauben die Deutschen», Emnid-Institut, Bielefeld, 1992. S. 72.]. Der Soziologe James Davison Hunter urteilt über den amerikanischen Evangelikalismus, daß er von einem individualisierten Konzept des Heils und einem subjektivistischen Glaubensbegriff geprägt sei, der sich frappant mit Ent ­wicklungen der Gesellschaft deckt [James Davison Hunter. American Evangelicalism: Conservative Religion and the Quandary of Modernity. New Brunswick: Rutgers University Press. 1983, S. 8.]. Man akzeptiere keine Autoritäten mehr. Deshalb sei der Evangelikalismus ohne eigentliche Führung und würde nur durch den Einfluß einiger Starprediger, Starevangelisten und überkonfessioneller Institutionen zusammengehalten. Viele Christen schotten sich mittlerweile ab, bleiben unverbindlich, leben ihr religiöses «Cocooning». Man möchte alles ausprobieren, aber für nichts haften. Christliche Gästehäuser müssen immer mehr Einzelzimmer bauen, denn niemand will mehr mit anderen das Zimmer teilen. Man zieht sich zurück, müde der vielen Belastungen des Alltags, schließt die Tür zu, will alleine sein. Individualisten sind lieber Beobachter, Zuschauer in der Gemeinde. Man hockt nur mit den Leuten zusammen, die auf der gleichen Wellenlänge liegen. Immer mehr Gemeinden klagen über die Unverbindlichkeit ihrer Mitglieder. Pflichtbewußtsein fehlt. Man macht nur noch, was Spaß macht oder was «mir etwas bringt». Eingeladene Prediger oder Gruppen stehen unter der Woche vor leeren Rängen. Gemeindegruppen suchen händeringend Mitarbeiter. Manche Gemeinden haben viele Gottesdienstbesucher, aber wenig Mitglieder. Man hält sich mit verbindlichem Anschluß vornehm zurück, man beobachtet, konsumiert, hält sich sein Schäfchen im Trockenen. Nur keine Bindungen bitte, das engt mich ein.“ (S. 65-66) Überhaupt gibt es kein Christsein ohne Gemeinde, ohne die geistliche Gemeinschaft der Gläubigen. Die Bibel spricht deutlich von der «koinonia», der brüderlichen Gemeinschaft der Kinder Gottes. Christliche Existenz kann nicht im Eremitendasein geführt werden. Miegel und Wahl stellen mit Recht fest: «Religionen wirken gemeinschaftsbildend [Miegel/Wahl, S. 35.].» Anders kann christlicher Glaube nicht recht existieren. Aber es geht um richtige Gemeinschaft. Die Sehnsucht nach Sinn drückt sich in unserer Gesellschaft in der Sehnsucht nach Gemeinschaft aus. Wir haben ein Bedürfnis nach Nähe, Wärme, Liebe und Zärtlichkeit. Diese Bedürfnisse tragen viele Christen automatisch in die Gemeinde hinein. Hier verlangt man die Stillung der individuellen Sehnsüchte. Gemeinschaft ist deshalb in, aber ihre Motive sind wenig biblisch. Es geht um mich selbst, nicht um den anderen.“ (S. 77) Weiterlesen