Zugpferd einer Auflösung?

Allem nach ist zu sagen: Die christliche Gemeinde muß sich dagegen wehren, daß sie zum Zugpferd einer Auflösung ihrer ethischen Maßstäbe gemacht werden soll, einer Relativierung, zu der das Alte wie das Neue Testament nicht die geringste Handhabe bieten. Die biblischen Urteile sind gerade deshalb relevant, weil sie das homosexuelle Verhalten, die Praxis, betreffen. Eben diese ist heute das Problem. Es ist also nicht einzusehen, wieso die Regel der Herrschaft Gottes – wie für jeden anderen Fall menschlicher Unzulänglichkeit und Verirrung auch – für die Frage der Homosexualität nicht gültig und heilbringend sein sollte. Paulus hat in 1.Korinther 6 gerade hierzu Erschöpfendes und Vorbildliches gesagt, indem er sowohl die Norm als auch die Kraft des neuen Lebens beschrieb.
Klaus Bockmühl in „Die Diskussion über Homosexualität aus theologischer Sicht“ (Leben nach dem Willen Gottes, BWA Bd. II/3, Gießen: Brunnen, 2006, S. 31–32, erstmals erschienen in: Evangelische Theologie, Jg. 24/1964, S. 242–266)

Zugpferd einer Auflösung?

Die Didache und der Schwangerschaftsabbruch

Die Didache, auch „Die Lehre des Herrn durch die zwölf Apostel für die Heiden“ genannt – ist eine frühchristliche Schrift, die wahrscheinlich im 1. Jahrhundert nach Christus entstanden ist. Sie gibt Einblick in das Gemeindeleben und die Ethik der ersten Christen. Ich zitiere das 2. Kapitel:

2.1. Das zweite Gebot der Lehre aber: 2. Du sollst nicht töten, du sollst nicht ehebrechen, du sollst nicht Knaben schänden, du sollst nicht huren, du sollst nicht stehlen, du sollst nicht Zauberei treiben, du sollst nicht Gift mischen, du sollst nicht ein Kind durch Abtreibung morden, und du sollst das Geborene nicht töten. 3. Du sollst nicht begehren das (Eigentum) deines Nächsten, du sollst nicht falsch schwören, du sollst nicht falsches Zeugnis ablegen, du sollst nicht schmähen, du sollst Böses nicht nachtragen. 4. Du sollst nicht wankelmütig sein und nicht doppelzüngig; denn eine Schlinge des Todes ist die Doppelzüngigkeit. 5. Dein Wort soll nicht erlogen sein, nicht leer, sondern voller Tat. 6. Du sollst kein Habgieriger sein, auch kein Räuber, auch kein Heuchler, auch nicht boshaft, auch nicht hochmütig. Du sollst keinen bösen Entschluß fassen wider deinen Nächsten. 7. Du sollst keinen Menschen hassen; vielmehr sollst du die einen zurechtweisen, für die anderen sollst du beten, wieder andere sollst du lieben mehr als dein Leben.
https://theoblog.de/die-didache-und-der-schwangerschaftsabbruch/35237/

Gottesgabe oder Fluch?

Oder: Muss ein Christ auf Alkohol verzichten?
Seit vielen Jahrtausenden werden von Menschen alkoholische Getränke konsumiert. Von den Sumerern in Mesopotamien wissen wir, dass sie schon um 3000 v. Chr. große Mengen Bier herstellten und wohl über ein Drittel der Getreideernte auf die Bierproduktion verwandten. Der Alkoholgehalt dieses Getränks, das mit unseren heutigen Bieren nur wenig gemein hat, lag aber nur bei etwa 2%.
Bier war auch das bevorzugte Getränk bei den Ägyptern. Wein war dort nur der Oberschicht vorbehalten. Im Kaukasus, in Persien sowie in Israel war der vergorene Getreidesaft jedoch kaum verbreitet. Hier dominierte der Wein, weshalb der Weinanbau praktisch im gesamten AT ein Thema ist. Erst der Islam brachte die Weinkultur in Palästina zum Erliegen, denn der Koran verbietet den Gläubigen ausdrücklich den Genuss von Wein. Hochprozentige Spirituosen konsumierte man in der Antike nicht, da die Destillierung noch unbekannt war.
Die allgemeine Verbreitung alkoholischer Getränke hatte auch praktische Gründe: „Natürliche alkoholische Getränke waren über ihren Nährwert hinaus hochwertige Träger von Vitaminen und lebenswichtigen Spurenelementen und eigneten sich aufgrund der konservierenden Eigenschaften des Alkohols zur Vorratshaltung. Wegen des vergleichsweise niedrigen Gehalts an Alkohol stand dessen Wirkung als Droge nicht im Vordergrund. Es ging den Konsumenten eher um die Erfrischung mit einem Durstlöscher, der nicht leicht verdarb. Gegenüber dem oft gefährlichen Brunnenwasser besaßen alkoholische Getränke die Vorteile der geringeren Keimbelastung und des größeren Nährstoffgehalts Bier war […] der gewöhnlichste Trank der Ägypter.“ (Judith Rosta, Manfred V. Singer, Über die Kunst des rechten Alkoholgenusses – eine kleine Kulturgeschichte des Alkohols).
In Europa änderte sich daran über Jahrtausende wenig. Neben dem Brot war das Bier Hauptnahrungsmittel der breiten Bevölkerung. Bier wurde noch bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts als nahrhafte Stärkung für Arbeiter empfohlen, ja sogar als „hervorragendes Familiengetränk“ beworben. „Gesundheitsbier“ oder „Heilbier“ wurde auch in Apotheken vertrieben und auch Kindern angeboten.
Bis ins 19. Jahrhundert waren Alkoholika tatsächlich fast die einzig vorhandenen schmerzlindernden und betäubenden Mittel, um medizinische Eingriffe vornehmen zu können. Noch um 1900 ging man davon aus, dass eine bestimmte Menge Alkohol eine medizinisch vorbeugende Wirkung hat, wurden „Wein-Kuren“ verschrieben. Der destillierte Branntwein galt lange als Lebenselixier schlechthin, worauf Namen wie „Aqua vitae“ (lat. Wasser des Lebens), „akevitt“ oder auch „Whisky“ (nach einem gälischen Wort mit derselben Bedeutung) hinweisen. Heute wird der Alkohol in der Medizin nur noch als Desinfektions-, Einreibungs- und Kühlungsmittel, sowie natürlich zur Lösung für Medikamente in Tropfen verwendet.
„Saufteufel“ und „Gnade der Nüchternheit“
Die Geschichte des Alkohols wird natürlich auch von seinem Missbrauch begleitet. Hinweise auf Trunkenbolde finden sich schon in der ägyptischen Literatur. Der Römer Seneca: „Sobald des Weines überwältigende Kraft die Herrschaft über uns gewonnen, tritt jedes bisher verborgene Laster zu Tage.“ Martin Luther lobte in den Tischreden auf der einen Seite den Alkohol: „Unser Herrgott gönnet uns wohl, daß wir essen, trinken und fröhlich seien. Deshalb hat er auch so viele Dinge geschaffen… Der Wein hat ein Zeugnis in der Schrift…“ (730, 732) Genauso beklagte er aber auch oft den „Saufteufel“: „Denn das Beste vom Menschen vergeht mit der Trunkenheit.“ (734)
„Eine latente Trunkenheit dürfte Jahrtausende lang der Normalzustand gewesen sein“, so die oben zitierten Autoren. Wenn heute hoher Alkoholkonsum beklagt wird, so ist zu bedenken, dass früher von normalen Menschen täglich literweise Bier getrunken wurde, wenn auch mit niedrigerem Alkoholgehalt (auch der Wein z.B. der Römer hatte meist weniger Alkohol als heute). Im 19. Jahrhundert verschärfte sich das Problem, da sich der Alkohol durch Massenproduktion deutlich verbilligte und vor allem immer mehr hochprozentige Alkoholika auf den Markt kamen. Aber es erschienen nun auch echte Alternativen: Tee und Kaffee wurden im Bürgertum immer beliebter und begannen ihren Siegeszug.
Ab etwa 1800 nahmen die wissenschaftlichen Erkenntnisse über die Folgen des Alkohols zu. Alkoholismus wurde als Krankheit identifiziert, wobei allerdings auch die falsche Vorstellung von der Vererbung des Alkoholismus aufkam. Erstmals bildeten sich nun Abstinenzbewegungen. In Nordamerika entstanden diese meist auf protestantischem Hintergrund (Methodisten und Baptisten); in Litauen ragte Mitte des 19. Jahrhunderts Bischof Motiejus Valančius heraus, der in seinen Blaivybės Gromatos (Briefe/Schriften über die Nüchternheit) die Abstinenzbewegung seiner Zeit als großen Segen Gottes betrachtete, durch den Gott die Menschen aus der „Flut der Trunkenheit“ heraus riss.
Im 20. Jahrhundert verlor das Bier seine Rolle als Grundnahrungs- und Arzneimittel und auch als wichtigster Durstlöscher. Im Vordergrund steht heute allein das Genussmittel Alkohol. Die Wirkungsweise des Ethylalkohols oder Ethanols (chemische Formel C2H5OH) ist heute gut bekannt. Alkohol ist ein psychoaktiver Stoff, der als sog. Depressant auf das Nervensystem eine dämpfende Wirkung hat. Er wirkt toxisch, was bei Rauschzuständen offensichtlich wird, kann psychische wie körperliche Abhängigkeit auslösen. Alkohol findet sich oft nicht auf Listen von Drogen, aber natürlich ist er in Hinsicht auf die Wirkungsweise eine solche.
Bei niedrigem und mäßigem Konsum von Alkohol besteht kaum ein Gesundheitsrisiko; auch die Gefahr der Abhängigkeit ist dann sehr gering. Dennoch ist Alkohol deutlich gefährlicher als z.B. Cannabis: „Alkohol ruiniert Lebern, Hirnzellen und Ehen. Gerade angetrunkene Männer neigen zu Gewalt. Ein paar Wodkas zu viel, und friedfertige Gestalten verwandeln sich in Schläger, Vergewaltiger, sogar Mörder. Ein Drittel aller Gewaltdelikte in Deutschland wird von Tätern begangen, die durch Alkohol jede Hemmung verloren haben.“ („Der Spiegel“, 25/2015)
Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfiehlt daher, täglich nicht mehr als zwei „Standarteinheiten“ (SE) zu sich zu nehmen (1 SE beträgt 10g reiner Alkohol). Die Deutsche Hauptstelle gegen die Suchtgefahren setzt die Grenze des „moderaten“ und „risikoarmen“ Alkoholkonsums ähnlich bei 13g für Frauen (entspricht 0,3l Bier) und 20g für Männer (0,25l Wein) an. Als Mann sollte man also unter 0,5l Bier pro Tag bleiben. Ein Verbrauch von täglich 30g reinem Alkohol gilt als „Problemkonsum“, da das Suchtrisiko deutlich steigt. 5–10 Prozent der Männer und 2–5 Prozent der Frauen sind davon in den europäischen Ländern meist betroffen. In Deutschland wird geschätzt, dass 2,5% einen gefährlichen Konsum (zwischen 60 und 120g reiner Alkohol pro Tag bei Männern) und ca. 0,5 Hochkonsum (mehr als 120g) zeigen. Als alkoholabhängig gelten ca. 2,5% der Bundesbürger: in Litauen ist (bei Einschluss von Dunkelziffern) von ähnlichen und wohl höheren Zahlen auszugehen.
„Trink deinen Wein mit gutem Mut“
Kommen wir zu Sicht der Bibel. An über 250 Stellen werden in den biblischen Schriften alkoholische Getränke erwähnt. Ganz überwiegend handelt es sich dabei um Wein bzw. verdünnten Wein. Im hebräischen AT wird Wein mit den Begriffen jajin, tiro und asim bezeichnet, alle drei überschneiden sich weitgehend in ihrer Bedeutung. Im griechischen NT ist fast immer der Begriff oinos gebraucht, vereinzelt gleukos (=neuer, süßer Wein) und oxos (=Weinessig).
Wein war im antiken Israel ein Alltagsgetränk, ja sogar Grundnahrungsmittel. Traubensaft wurde in geringerem Umfang getrunken, da er sich bei den klimatischen Bedingungen im Nahen Osten nicht lange lagern ließ. Es verwundert daher nicht, dass die Bibel zuerst einmal ganz normal über Wein als Teil der täglichen Nahrung redet wie in Pred 9,7: „So geh hin und iß dein Brot mit Freunden, trink deinen Wein mit gutem Mut…“ (andere Stellen: Dt 14,26; 2 Chron 2,9; Klg 2,12; Jes 55,1).
Ausgesprochen positiv wird der Wein an einigen Stellen als erfrischend und belebend bezeichnet wie in Ps. 104,15: „daß der Wein erfreue des Menschen Herz…“ In 2 Sam 16,2 wird beschrieben, wie David Brote, Früchte und Wein zur Stärkung gebracht werden. (S. auch Gen 27,28.)
Wie bis heute war Wein natürlich auch ein Bestandteil von Feierlichkeiten. Das berühmteste biblische Beispiel ist sicher die Hochzeit zu Kana, als Jesus Wasser in Wein verwandelte (Joh 2,1–11; s. auch Gen 14,18; Est 1,7). Bemerkenswert in diesem Zusammenhang, dass Jesus den Jüngern auch eine himmlische Eucharistiefeier mit Wein ankündigte (Mt 26,29). Wein konnte auch Bestandteil des Tempelopfers sein (Ex 29,40; Lev. 23,13; Num. 28,14), hatte insofern im AT eine kultische Funktion. Allerdings wird dem Alkoholkonsum oder gar -rausch nirgendwo eine kultische Bedeutung beigemessen. Ganz anders in den heidnischen Religionen wie die Inschrift einer Tempelanlage der 18. Dynastie in Ägypten deutlich macht: „Betrinkt euch tüchtig und feiert einen schönen Tag, wie es euer Gott befohlen hat.“
Wein wurde auch aus medizinischen Gründen (im weiteren Sinne) konsumiert wie z.B. Spr 31,6 zeigt: „Gebt starkes Getränk denen, die am Umkommen sind, und Wein den betrübten Seelen“. In der bekannten Geschichte vom barmherzigen Samariter (Lk 10) behandelt dieser die Wunden des Ausgeraubten mit „Öl und Wein“ (V. 34). Viel zitiert wird außerdem 1 Tim 5,23: „Trinke nicht mehr nur Wasser, sondern nimm ein wenig Wein dazu um des Magens willen, weil du oft krank bist“. Welche Wirkung des Alkohols hier jeweils im Blick ist, ist schwer genauer zu sagen. Möglicherweise geht es z.B. Paulus nur um die desinfizierende Wirkung des Alkohols.
Schließlich erwähnen die Propheten des AT den Wein, um in ihren Visionen das zukünftige Heilszeitalter auf Erden zu veranschaulichen – Jes. 25,6: „Und der Herr Zebaoth wird auf diesem Berge allen Völkern ein fettes Mal machen, ein Mahl von reinem Wein, von Fett, von Mark, von Wein, darin keine Hefe ist.“ (S. auch Joel 4,18; Amos 9,13)
„Sauft euch nicht voll Wein“
Neben diesen neutralen bzw. positiven Aussagen zum Wein finden sich in der Bibel aber auch eine Vielzahl von Warnungen vor einem zu hohen Alkoholgenuss, vor Sauferei. Im AT nimmt besonders Jesaja kein Blatt vor den Mund: „Weh denen, die morgens früh auf sind, dem Saufen nachzugehen, und sitzen bis in die Nacht, daß sie der Wein erhitzt“ (5,11); „Weh denen, die Helden sind, Wein zu saufen, und wackere Männer, Rauschtrank zu mischen“ (5,22). Scharf verurteilt er die Führer des Volks in Samaria und Jerusalem (Kap 28): „Aber auch diese sind vom Wein so toll geworden und taumeln von starkem Getränk… sie sind toll beim Weissagen und wanken beim Rechtsprechen“ (V. 7). Im Buch der Sprüche finden sich ebenfalls klare Warnungen: „Der Wein macht Spötter, und starkes Getränk macht wild; wer davon taumelt, wird niemals weise“ (20,1). (S. auch 23,20–21.30–31; 31,4–5). Zu hoher Alkoholkonsum beeinträchtigt das Urteilsvermögen und führt so zu törichten Entscheidungen (Est 1,10) bis hin zum Mord (2 Sam 13,28–29).
Im NT ist Paulus Warnung in Eph 5,18 am bekanntesten: „Und sauft euch nicht voll Wein, woraus ein unordentliches Wesen folgt, sondern laßt euch vom Geist erfüllen“. In 1 Tim 3,8 wird als Qualifikation für einen Diakon genannt „kein Säufer“ zu sein. In Tit 2,3 warnt Paulus die älteren Frauen (!) davor, sich „nicht dem Trunk“ zu ergeben. (S. auch Röm 13,13).
Es ist zu beachten, dass aus diesen Warnungen nicht zu viel abgeleitet wird. Deimantas Karvelis schreibt in „Konkurrent des Heiligen Geistes – geschichtliche und theologische Spuren des Weins im Christentum“ („Šventosios Dvasios konkurentas – Istoriniai ir teologiniai vyno krikščionybėje pėdsakai“, http://www.btz.lt): „Der einzig erlaubte Gebrauch ist für medizinische Zwecke (Lk 10, 34; 1 Tim 5, 23).“ Auf dem Hintergrund der gesamten biblischen Botschaft kann jedoch keinesfalls behauptet werden, der medizinische Gebrauch sei der einzig gerechtfertigte. Der Historiker schreibt: „Zweifellos sollen Christen voll des Geistes leben und nicht Wein genießen (Eph 5, 18), der die Gesundheit des Körpers des Christen zerstört; und dieser Körper ist doch der Tempel des Heiligen Geistes (1 Kor 3, 17).“ Hier wird der Weinkonsum als solcher im Gegensatz zum Wirken des Geistes gesehen, was nicht biblisch zu begründen ist. Und Eph. 5,18 ist nicht vom Weinkonsum, sondern von seinem Missbrauch die Rede; es geht dort um Betrinken und nicht um Genuss.
Oft wird in Diskussionen zu diesen Fragen darauf hingewiesen, dass der Weinkonsum der Antike sich von dem heutigen unterschied (wir wiesen schon darauf hin, dass sich auch das damalige Bier ein anderes als die heutigen war). Robert H. Stein hat dazu in „Ist der ‘Wein’ des Neuen Testaments der gleiche wie in unserer Zeit?“ (Difficult Passages in the New Testament) gute Ausführungen gemacht. Er betont zuerst, dass es sich beim Wein nicht um alkoholfreien Saft handelt: „Es ist offensichtlich, dass ‘Wein’ in der Bibel nicht unvergorener Saft bedeuten kann, denn das Gebot sich nicht zu betrinken (Eph. 5,7) und viele weitere Warnungen vor falschem Weinkonsum in der Schrift (z.B. Lev 10,9; Spr 20,1; 21,17; 23,29–35) hätten überhaupt keinen Sinn, wenn sich dieses Wort auf ein nichtalkoholisches Getränk beziehen würde. Auf der anderen Seite ist auch klar, dass dies Wort nicht exakt dasselbe bezeichnet, was wir heute Wein nennen.“
Wein ist also Wein. Andererseits gilt aber auch, dass das „Wein“ genannte Getränk einen deutlich geringeren Alkoholanteil hatte, denn „vor dem Verbrauch wurde er immer verdünnt.“   Der Anteil des beigefügten Wassers konnte unterschiedlich sein, doch nur Barbaren tranken ganz unverdünnten Wein. Ein mit gleichem Anteil Wasser vermischter Wein wurde sogar als ‘starkes Getränk’ angesehen und abgelehnt. Der Begriff ‘Wein’ oder oinos bedeutete daher in der alten griechischen Welt nicht Wein, wie wir ihn kennen, sondern mit Wasser verdünnter Wein. In der Regel wurde mit Wein also ein Wein-Wasser-Gemisch bezeichnet. Wenn reiner Wein gemeint sein sollte, wurde dieser ‘unverdünnter [akratesteron] Wein’ genannt.“ Diesem Brauch folgend war auch der Abendmahlswein der frühen Kirche wohl meist verdünnt. Stein zitiert Cyprian, der um 250 für das Abendmahl verdünnten Wein vorsah.
Die Bibel hat also insgesamt eine sehr realistische Sicht des Alkohols – positive wie negative Aspekte werden gleichermaßen deutlich gesehen. Grundsätzlich ist Alkoholgenuss erlaubt, es wird jedoch deutlich zur Mäßigung geraten und vor Missbrauch gewarnt. Völlig enthaltsam lebten wohl nur die Nasiräer (Num. 6,3–4; zu den bekanntesten gehörten Samson, Samuel und später Johannes der Täufer [s. Lk 1,15]) und zeitweise die Priester (Lev 10,9). Jesus hat höchstwahrscheinlich auch selbst Wein getrunken, da man ihm sonst wohl kaum nachgesagt hätte, ein „Fresser und Weinsäufer“ zu sein (Mt 11,19). Daher ist G. Meadows zuzustimmen, wenn er schreibt: „Careful biblical interpretation requires that the choice to abstain [from alcohol] be made for reasons other than the demand of the biblical pattern“. (W. A. Elwell, Evangelical Dictionary of Biblical Theology)
Über diesen biblischen Befund sollte nicht zu schnell hinweg gegangen werden. Man beachte, dass die einzige Droge, die die Bibel ausführlicher betrachtet, nicht einfach als Übel bezeichnet wird, im Gegenteil. Grundsätzlich ist der Wein eine Gabe Gottes! Angesichts der Dämonisierung des Alkohols durch radikale Abstinenz-Anhänger sollte dies nicht vergessen werden. Aber wie alle Gaben Gottes (man denke nur an Sexualität und Reichtum) kann er missbraucht werden.
Wenn Laima Bulotaitė in Priklausomybių anatomija (Anatomie der Abhängigkeiten) den „Konsum alkoholischer Getränke“ als solche als „Übel“ bezeichnet, so ist daher klar und eindeutig zu widersprechen. Sie meint, man müsse junge Menschen „beibringen, wie man diesem Übel widerstehen kann, so dass sie den Drogen ein klares ‘Nein’ sagen können.“ Offensichtlich gibt es in ihrer Vorstellung überhaupt keinen verantworteten, mäßigen Gebrauch von Drogen, einschließlich Alkohol. So kommt sie zu wenig hilfreichen Tipps wie diesen: „Trinken Sie nicht vor den Kindern… Trinken Sie nie mit Ihren Kindern und bieten Sie ihnen keine alkoholischen Getränke an.“ Wie sollen Heranwachsende den Umgang mit Alkohol lernen, wenn er zu einem Tabu erklärt wird? Wenn Verbrauch an sich schon ein Übel ist und man davor schützen müsse? Wie soll sich eine vernünftige Kultur des Alkoholkonsums entwickeln, wenn diese Kultur in Familien nicht entwickelt und vorgelebt wird? Hier darf man nicht von einem Extrem, der Sauferei, ins andere, der Tabuisierung und des Verheimlichens, fallen. Gegen Ende mehr dazu.
(Stichwort Verheimlichen: Ähnliches ist ja zum Rauchen zu sagen; so werden Schulen [in Litauen] zu rauchfreien Zonen erklärt, aber keiner vermag einem zu sagen, was die rauchenden Lehrer dort machen – gibt es sie etwa nicht? Halten es die vom Nikotin Abhängigen etwa 6–8 Stunden ganz ohne Droge aus? Was machen sie in der Zeit? Offensichtlich wird hier ein Konsum in den Untergrund gedrängt – und die rauchenden Schüler soll dann die Polizei aus den Treppenhäusern und Höfen der benachbarten Häuserblöcke jagen… Aber offiziell gilt das Problem als gelöst, wird in der Schule doch nicht geraucht.)
Freiwilliger Verzicht in bestimmten Situationen
Was folgt daraus für die Praxis der Kirchen heute? Hier ist an den Grundsatz zu erinnern, dass nur Gottes Gebote und sein Wort definieren, was Sünde ist, denn einzig Gott ist der Gesetzgeber und Richter (Jes 33, 22; Hbr 4, 12; Jak 4, 12). Der Kürzere Westminster-Katechismus definiert Sünde so: „Sünde ist jeder Mangel an Übereinstimmung mit dem Gesetz Gottes oder jede Übertretung desselben“ (Fr. 14). Luther: „Zuerst ist zu wissen, dass es keine guten Werke gibt als allein die, die Gott geboten hat, wie es ebenso keine Sünde gibt, als allein die, die Gott verboten hat.“ (Von den guten Werken) Die Freiheit des Gewissens darf nicht dadurch eingeschränkt werden, dass Christen Pflichten als göttliche Gebote auferlegt werden, die über Gottes Wort hinausgehen. Mit einem Wort: es darf nur das verboten werden, was Gottes Wort verbietet (und was darauf vernünftig abgeleitet werden kann), und es darf nur zur allgemeinen Pflicht gemacht werden, was Gottes Wort befiehlt. In den Berner Thesen von 1528: „Die Kirche Christi macht nicht Gesetze und Gebote ohne Gottes Wort. Deshalb binden alle Menschensatzungen, die man Kirchengebote nennt, uns nicht weiter, als sie im göttlichen Wort begründet und geboten sind.“
Wie wir sahen, verbietet die Bibel den Alkoholkonsum als solchen nicht, ja er wird ausdrücklich erlaubt, weshalb dieser nicht als Sünde bezeichnet werden darf. Abstinenz ist eine Möglichkeit, aber keine Pflicht. Eine Gemeinde hat daher auch nicht das Recht, den Mitgliedern den kompletten Alkoholverzicht (also auch im privaten Leben) vorzuschreiben. Man kann sich auf die Regel einigen, in der Gemeinde und während ihrer Veranstaltungen aus vielerlei guten Gründen auf Alkohol zu verzichten. Doch dies hat dann nur den Status einer praktischen Übereinkunft, aber nicht den eines direkten göttlichen Gebotes und darf sich nicht auf das gesamte Leben des Christen ausdehnen. Will eine Kirche vor Missbrauch warnen, empfiehlt sich eine weite Formulierung wie „schädliche Gewohnheiten, die zu Abhängigkeiten führen können, sind zu meiden“, da so die Freiheit des Einzelnen bewahrt bleibt und auch andere Drogen gleich miteingeschlossen sind.
Abschließend muss noch auf ein Argument eingegangen werden, mit dem dennoch ein weitgehendes Alkoholverbot für Christen begründet wird. Manche gestehen ein, dass die Bibel den Alkohol erlaubt und „gesetzlich“ nicht verbietet; Alkoholkonsum als solcher ist keine Sünde. Aber aus Liebe und Rücksichtnahme auf schwache Geschwister müsse heute dennoch auf Alkohol verzichtet werden. Grundlage sind die Ausführungen vom Paulus in Röm 14 und dort die Verse 17 und vor allem 21, wo es ausdrücklich heißt, es sei besser auf Wein zu verzichten, wenn dies zum Anstoß eines Bruders sei.
Im Kapitel geht es um die Starken und Schwachen im Glauben. Die Starken sind überzeugt, dass sie alles essen und trinken können; die Schwachen enthalten sich vom Fleisch und Alkohol. Beide Gruppen sind in der Gemeinde anzutreffen und müssen in Liebe miteinander umgehen. Der Schwache soll aufgenommen und nicht verachtet werden, aber umgekehrt gilt auch, dass die Schwachen den Starken nicht alle Regeln vorschreiben. Das Verhalten der Schwachen soll nicht pauschal zur allgemeinen Norm erhoben werden, schließlich macht Paulus eindeutig klar, dass im Prinzip weder Fleisch noch Wein zu verbieten sind. Wein selbst ist keinerlei Übel, denn „nichts [ist] unrein an sich selbst“ (V. 14).
An die Adresse der Starken sagt der Apostel nun aber in Vers 13: „richtet darauf euren Sinn, dass niemand seinem Bruder einen Anstoß oder Ärgernis bereite.“ Die beiden Substantive am Ende des Satzes geben die gr. Worte proskomma und skandalon wider. Dies ist überraschend strenge Rede, denn es geht um Hindernisse zum Glauben und um etwas, was zum Abfall vom Glauben führt. Kenneth L. Gentry: „Paulus betont, dass der Starke seine Stärke nicht missbrauchen darf, indem er den Schwachen zum Sündigen gegen sein Gewissen führt.“ (God Gave Wine)
Die Starken sollen darauf achten, dass sie die Schwachen nicht in den Unglauben und die Sünde treiben. Bedeutet das nun, dass alle Christen überall und immer ‘sicherheitshalber’ auf Alkohol verzichten müssen – man weiß ja nie, ob nicht der eine oder andere zum Sündigen verführt werden könnte. Dies macht jedoch kaum Sinn. Einmal ist zu beachten, dass in V. 21 auch das Fleisch genannt wird – sollte wir dann nicht auf allen Fleischkonsum verzichten?
Häufig wird nun auch auf 1 Kor 8,13 Bezug genommen: „Mein Bruder und meine Schwester dürfen wegen dem, was ich esse, nicht in Sünde geraten. Lieber will ich mein Leben lang auf Fleisch verzichten, als dass eines von meinen Geschwistern durch mich zu einer Sünde verführt wird.“ Wir wissen aber nun ja, dass Paulus nicht vollkommen auf Fleisch verzichtet hat. Es geht hier (was die gr. Zeitform des Aorist deutlich macht) um einen Verzicht in einer bestimmten Situation und zu einem bestimmten Zeitpunkt. Wie auch 1 Kor 9,22 deutlich macht, wird der Starke aus Liebe zum Schwachen hier und da schwach, lässt sich also gleichsam zum Schwachen herab. Dies aber deshalb, um den Schwache zu „gewinnen“. Dieser soll überzeugt werden, soll nicht schwach bleiben. Thomas Schirrmacher: „Paulus will offensichtlich nicht, dass die Schwachen Fleisch essen, weil sie unter Druck gesetzt oder über den Tisch gezogen wurden, sondern nur wenn und weil sie überzeugt wurden. Er will keine Christen, die blind und gegen ihre Überzeugungen handeln oder sich nur äußerlich anpassen“ (Ethik, II).
Den Starken darf also nicht vorgeschrieben werden, immer und überall auf Alkohol zu verzichten. Denn so würden die Schwachen die Gebote Gottes neu schreiben und zu sehr die christliche Freiheit einengen. Die Starken müssen aber Rücksicht nehmen und je nach Situation auf ihr Freiheit zeitweise verzichten, damit der Schwache nicht zum Handeln gegen sein Gewissen getrieben wird.
May 4, 2016 · by Holger Lahayne · in Dienste, Ethik-Buch
Der Rest des Artikel ist unter folgenden Link nachzulesen.
http://lahayne.lt/2016/05/04/gottesgabe-oder-fluch/

Boris Palmer ist konsequent

Und liegt konsequent falsch.
Der Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer hat heute Morgen offenbar folgendes gesagt: „Wir retten in Deutschland möglicherweise Menschen, die in einen halben Jahr sowieso tot wären – aufgrund ihres Alters und ihrer Vorerkrankungen“. Das sei nicht hinnehmbar, wenn man es gegen die durch den lockdown zusätzlich zu erwartenden Hungertoten, darunter viele Kinder, verrechne.
Das kann man, das muss man kritisieren. Viele tun das auch. Was jedoch übersehen wird, das ist die Tatsache, dass Boris Palmers Auffassung von der – im weitesten Sinne – politischen Praxis gar nicht so weit entfernt ist. Im Grunde ist das, was Boris Palmer sagt, sehr zeitgemäß. Denn längst ist das Kosten-Nutzen-Kalkül, auf dem seine Position basiert, Bestandteil vieler Entscheidungen, auch der mit existenzieller Bedeutung. Menschenwürde ist damit etwas, das nicht mehr unbedingt gilt, sondern bei diesem Kalkül als Konstante veranschlagt wird. Damit verwässert sie das utilitaristische Ergebnis etwas, sie macht aber keinen Strich durch die Rechnung. Genau das wäre aber ihre Aufgabe, schlüge sie tatsächlich als unantastbar zu Buche, wie das Grundgesetz gleich zu Beginn verheißt.
Wenn wir den Kreis der Konsequenzen etwas enger ziehen und uns dazu die Handreichung für den Umgang mit Ressourcen in der Corona-Krise anschauen, die von vielen großen Einrichtungen des Gesundheitswesens mitgetragen wird, kommt genau dieser Gedanke der Abwägung von „Leben gegen Leben“ zum Ausdruck. Und wer bei der Prüfung von „Komorbidität mit deutlicher Einschränkung der Langzeitprognose“ durchs Raster fällt, sollte klar sein: die „Menschen, die in einen halben Jahr sowieso tot wären – aufgrund ihres Alters und ihrer Vorerkrankungen“. Insoweit basiert Palmers Position auf einem Denken, auf dem auch eine Empfehlung basiert, nach der alle Krankenhäuser in Deutschland arbeiten, wenn es eng wird.
Nun wird es aber nicht in Deutschland eng, sondern weltweit. Palmer verrechnet deutsche Senioren und afrikanische Kinder. Ist das der eigentliche Skandal? Ich hoffe nicht. Ich wünschte mir, die Kritik wäre fundamental. Denn das Problem von Palmers Position ist ein grundsätzliches: Er wählt den falschen ethischen Ansatz, er folgt der „schlechten Lehre vom guten Zweck“ (Robert Spaemann). Genau die ist aber Basis des utilitaristischen Kalküls, bei dem der Nutzen (mindestens) größer sein muss als die Kosten und idealerweise durch die „richtige“ Handlung maximiert wird.
Das Problem: Kann ich – als Entscheider im Gesundheitswesen oder in der Politik – wissen, ob ich der Maxime einer „universalen Nutzenmaximierung“ gerecht geworden bin? Und angenommen ich hätte einen Katalog an Folgen vor Augen – leitet mich dieser tatsächlich zu moralischem Verhalten an? Also, angenommen, ich wüsste aufgrund der statistischen Erwartung, dass für jeden durch Kontaktbeschränkung geretteten deutschen Senior zwei Kinder in Afrika mehr verhungern als gewöhnlich – hätte ich dann aus moralischen Gründen einem Lockdown widersprechen müssen? So etwas meint Palmer offenbar. Und es ist ja erstmal nachzuvollziehen: zwei Menschen sind „mehr wert“ als ein Mensch – wenn wir eben „Leben gegen Leben“ verrechnen. Selbst bei einem „Gleichstand“ könnte man über die Berücksichtigung der Restlebenserwartung und der Maßgabe „universaler Nutzenmaximierung“ zu dem gleichen Resultat kommen: die Kosten des Lockdown überwiegen den Nutzen. Auch das scheint Palmer zu bejahen. Das heißt aber, dass ich über die Folgen meiner Entscheidung bzw. Handlung genau Bescheid weiß, damit ich in die Rechnung die richtigen Faktoren und Konstanten einsetze.
Eberhart Schockenhoff hat an solchen Kalkülen erhebliche Zweifel: „Konsequentialistische Ethikansätze wie der Utilitarismus oder die teleologische Ethik schreiben dem Menschen die Verantwortung für sämtliche vorhersehbaren Folgen seiner Handlungen zu. Wenn dem Menschen die grenzenlose Optimierung seiner Handlungsfolgen aufgetragen ist, stellt dies in vielen Fällen eine rigoristische Überforderung der Handelnden dar“. Und er spricht hier nur von den „vorhersehbaren Folgen“. Weiß ich, ob das alle sind, die letztlich eintreffen? Und weiß ich sicher, dass sie wirklich eintreffen? Schön wär’s, ein solches Wissen zu haben! Nur dann – d.h. für klar umrissene, überschaubare Dilemma-Situationen, wie sie in Gedankenexperimenten vorkommen, nicht aber in der Wirklichkeit – hätte das utilitaristische Denken überhaupt ansatzweise irgendeinen Sinn.
Doch der Mensch weiß nicht alles, er ist nicht dafür gemacht, in die Rolle eines „Herrn der Geschichte“ (Spaemann) zu schlüpfen. Darum gilt: „Eine Moraltheorie, die den Verantwortungsspielraum, innerhalb dessen ein Mensch sein Handeln bedenken soll, nicht differenzierter umschreiben kann als es durch die Zuschreibung sämtlicher Handlungsfolgen geschieht, wird im Ergebnis hypertroph; sie scheitert an der Endlichkeit des Menschen, der nicht für die Optimierung von Weltläufen, sondern für das verantwortlich ist, was er innerhalb seiner Grenzen vernünftigerweise tun oder unterlassen kann“ (Schockenhoff).
Menschliche Verantwortung kann also immer nur eine „abgestufte“ sein, wobei es „nach oben und nach unten hin eine Grenze gibt, jenseits derer wir unsere Verantwortung nur noch negativ, durch Unterlassen wahrnehmen können, dies allerdings dann auch müssen, und zwar mit einer Eindeutigkeit und Striktheit, die bei der aktiven Verantwortlichkeit fast nie gegeben ist. Die Obergrenze liegt dort, wo das Ganze des Universums beziehungsweise der Welt und der Menschheit ins Spiel kommt, die untere Grenze dort, wo die Würde der einzelnen Person tangiert wird“ (Spaemann). Die utilitaristische Ethik, so Spaemann, ist sich nicht der Beweislast bewusst, die sie übernimmt, und über das Ausmaß der Last, die sie dem Menschen aufbürdet, wenn sie die universalteleologische Orientierung ihres Konzepts, die in der theologischen Tradition immer als göttliche Prärogative gedacht ist, auf den handelnden Menschen überträgt.
Und da wären wir wieder beim Zeitgemäßen von Boris Palmers Auffassung: Wenn wir in so vielen Bereichen „Gott spielen“, warum nicht auch bei der Festlegung eines „universalen Nutzenmaximums“? Das wäre – wie Palmers Position – konsequent. Konsequent falsch, wenn wir die Argumente Spaemanns und Schockenhoffs betrachten. (Josef Bordat)
https://jobosblog.wordpress.com/2020/04/28/boris-palmer-ist-konsequent/

Liebe und tue, was du willst

Was gut für ihn ist, weiss der Mensch nicht von sich aus. Es muss ihm von Anfang an gesagt werden (Mi 6,8; vgl 1Mo 2,16f). (Helmut Egelkraut)
Die Gebote, die Gott den Menschen gegeben hat, sind nicht Ziel des Lebens, sondern Rahmen des Guten. Das Gesetz ist bleibende Norm für uns Christen. Weshalb?
Das sorgfältige Studium des NT zeigt, dass die Alternative zur Freiheit von der Herrschaft des Gesetzes nicht die Missachtung des Gesetzes ist. Paulus rechnet sogar damit, dass im Endgericht alle Menschen nach dem Massstab des Gesetzes gerichtet werden (1Kor 7,17-19).
Ein Christ lehnt also das Gesetz nicht ab wie ein „Gesetzloser“, sondern ist ein zum Leben mit den Geboten berufener Jünger (vgl. Mt 28,20). „Der Indikativ der Gotteskindschaft (Gal 4,6f) bedingt den Imperativ, im Geist zu wandeln und die Frucht des Geistes hervorzubringen (Gal 5,22f).“ (Otto Betz)
Wer durch den Geist die Liebe Gottes empfangen hat (Röm 5,5), wird durch sie gedrängt und befähigt, das im Liebesgebot zusammengefasste Gesetz zu erfüllen (Röm 13,8-10). Das alttestamentliche Gesetz wird „nach der Kreuzigung Christi das Mass und der Standard des Lebens des Christen“ (Eckhard Schnabel).
Wir wissen aber‘, sagt der Apostel Paulus, ‚dass das Gesetz gut ist, wenn einer es ordentlich gebraucht‘ (1Tim 1,8). Dieser Ausspruch weist sowohl jene zurück, welche das Gesetz schlecht gebrauchen, als auch jene, welche meinen, es sei schlecht. (Augustinus, c. adu. Leg. II,2,8)
Wenn also Augustinus in seinem Kommentar zum 1. Johannesbrief schreibt: „Liebe, und tue, was du willst“ (ep. Io. tr. VII,8), dann predigt er keine Liebe ohne Gesetz, sondern fokussiert auf die Liebe, die den Menschen freisetzt, mit Freude das zu tun, was Gott gefällt, ganz im Sinne von Joh 14,15, wo Jesus sagt: „Wenn ihr mich liebt, werdet ihr meine Gebote halten.“
Aus dem Vortrag von Ron Kubsch an der E21-Konferenz zum Thema “Der Christ und das Gesetz” http://www.hanniel.ch/?p=5891