Gott vor der Tür

Gott wird keine Tür aufbrechen, um einzutreten.
Vielleicht schickt er einen Sturm um das Haus; der Wind einer Vorwarnung mag Türen und Fenster sprengen, ja das Haus in seinen Fundamenten erschüttern; aber ER kommt nicht dann, nicht so.
Die Türe muß von freiwilliger Hand geöffnet werden, bevor der Fuß der Liebe über die Schwelle tritt. Gott wartet, bis die Tür von innen aufgeht.
Jeder Sturm ist nur ein Angriff der belagernden Liebe.
Der Schrecken Gottes ist nur die Kehrseite seiner Liebe; es ist die Liebe draußen, die innen sein möchte. – Liebe, die weiß, das Haus ist kein Haus, nur ein Ort, fsolange ER nicht eintritt. C. S. Lewis; aus: Die Weisheit meines Meisters
„Siehe, ich stehe an der Tür und klopfe an; wenn jemand meine Stimme hört und die Tür auftut, zu dem werde ich eingehen und das Abendbrot mit ihm essen, und er mit mir.“ Offenbarung 3,20

Mit der „Verkaufsmasche“ kommen wir nicht weit

Als ich eines Nachmittags allein in der Cafeteria saß, weit weg von zu Hause, überwältigt und allein auf einem Campus von zwanzigtausend Studenten, kam ein älterer Student auf mich zu, lächelte und fragte, ob er sich zu mir setzen dürfe. Als er Platz nahm, war ich darauf vorbereitet, mit ihm eine hitzige Diskussion über Politik, Philosophie oder Wissenschaft zu führen. Da ich mich freute, Gesellschaft zu haben, bereitete ich mich mental auf alles Mögliche vor, was er mir an den Kopf werfen könnte.
Als er von seinem Teller Spaghetti aufblickte, war das erste, was er sagte: „Hast du Jesus Christus als deinen persönlichen Herrn und Retter angenommen?“
Ich war perplex und wusste nicht, wie ich antworten sollte. „Äh, ja, das habe ich in der Tat“, antwortete ich schließlich.
„Oh“, sagte er. „Ok, das ist gut“. Er sah etwas enttäuscht aus. Er hatte sich den falschen Tisch ausgesucht; er hatte gehofft, das Evangelium mit einem Nichtchristen besprechen zu können. Wir unterhielten uns höflich, während ich meinen Burger fertig aufaß. Er aß schnell und entschuldigte sich. Ich habe ihn seitdem niemals wiedergesehen.
Ich bin sicher, dass er Gott aufrichtig dienen wollte, indem er in dieser Cafeteria Zeugnis gab. Das Evangelium weiterzugeben ist gut, aber die Art und Weise, wie er nach meiner Errettung fragte, klang mehr wie eine Verkaufsmasche als wie eine ernste Frage. Das Mindeste, was mein Kommilitone hätte tun können, wäre gewesen, nach meinem Namen zu fragen und Interesse an mir als Person zu zeigen, bevor er mir eine Frage stellt, die durchaus berechtigt ist.
Viele Jahre lang dachte ich immer an diesen Tag zurück, wenn ich das Wort Evangelisation hörte. Der Begriff leitet sich von dem griechischen Wort evangel ab: gute Nachricht. Wie seltsam ist es darum, dass Evangelisation oft so aussieht, als ob man Jesus verkauft und hofft, dass man einen Nichtchristen überzeugen kann, Errettung „zu kaufen“.
Die Gute Nachricht muss nicht verkauft werden. Schlechte Nachrichten müssen verkauft werden, aber nicht gute. Als ich aufwuchs, wurde mir beigebracht, dass ich vor allem anderen das Geschäft abschließen musste, wenn ich evangelisiere. Ich lernte, dass ein Nichtchrist so schnell wie möglich das „Sündergebet“ sprechen oder im Gottesdienst nach vorn kommen müsse, egal was es kostet, denn morgen könnte er sterben. Das heißt, ich musste den Verkauf jetzt abschließen.
Als ich ernsthaft damit begann, die Evangelien zu lesen, bemerkte ich etwas Seltsames: Die Menschen drängten sich permanent um Jesus, obwohl er niemals ein Traktat verteilte. Er ging auf Leute zu und sagte: „Folge mir nach“, und im nächsten Moment gaben sie ihr Leben auf, um ihm überall hin zu folgen. Er war kein Handelsreisender.
Christen sind dazu aufgerufen, das Evangelium mit anderen zu teilen und auf die Kraft des Heiligen Geistes für sein Werk in ihrem Leben zu vertrauen, und gleichzeitig das Evangelium niemals als eine Verkaufsmasche zu behandeln. Manche Christen – besonderes neue, die begeistert von ihrem neuen Glauben sind – haben einen Eifer und eine Bereitschaft, das Evangelium zu teilen. Anderen fällt es schwerer und viele tun es überhaupt nicht. Ich vermute jedoch, dass die Zurückhaltung des durchschnittlichen Christen, seinen Glauben weiterzugeben, weniger mit Furchtsamkeit und Mangel an Mut zu tun hat. Viele Christen habe keine Hemmungen, zu erklären, warum sie einen besonderen Politiker oder eine Initiative unterstützen, sogar weniger populäre. Wieso also ist ihre Zunge gelähmt, wenn das Thema darauf kommt, warum sie an den Schöpfer des Universums glauben?
Ich vermute, dass es oft an unserem falschen Verständnis des Begriffs Glauben liegt. In unserer Zeit ist dieser Begriff fast ein Synonym geworden für ein irrationales – oder zumindest nicht-rationales – Festhalten an Glaubensüberzeugungen, für die wir keine Beweise haben. Statt zu behaupten, dass wir sowohl angeborenes als auch empirisches Wissen über Gott haben (was die Philosophen einen „gerechtfertigten wahren Glauben“ nennen), unterstellen wir, dass wir ein schwammiges Vertrauen hätten, dass irgendetwas da draußen ist – obwohl wir es nicht beweisen könnten. Wenn wir Christen solch ein schwaches Bild von Gott wiedergeben, ist es kein Wunder, dass Ungläubige nicht die Notwendigkeit verspüren, uns ernst zu nehmen.
Aber unser Glaube ist keine Ablehnung von Vernunft. Er ist nicht blind. Die gute Nachricht ist keine Einladung, eine irrationale Entscheidung zu treffen, sondern eine Geschichte über eine Person, die gelebt hat, gestorben ist und doch immer noch lebt. Wir geben nicht Nachrichten über eine Vorstellung eines Wesens wieder, der wahrer Gott und wahrer Mensch ist. Während Ungläubige vielleicht kein erfahrungsmäßiges Wissen von dieser Person haben mögen, sind sie doch im Ebenbild Gottes geschaffen und haben so eine gewisse Fähigkeit, ihn zu erkennen. Das ist die gemeinsame religiöse Grundlage, die wir mit ihnen teilen.
Unsere evangelistische Mission besteht deshalb einfach darin, mit anderen die gute Nachricht zu teilen, damit sie auch erkennen können, was wir erkannt haben. Bei meinem Erlebnis in der Cafeteria war es nicht die Frage des Studenten, die falsch war, sondern seine Herangehensweise. Er behandelte das Evangelium als eine Verkaufsmasche.
Gott kann Gebetskarten und Traktate gebrauchen, um verlorene Menschen zum Heil zu führen. Er kann junge Männer gebrauchen, die Seelen retten wollen, selbst wenn sie sich gar nicht für die Person interessieren, denen sie das Heil bringen wollen. Aber ich vermute, dass Jesus es vorziehen würde, wenn wir ihn als eine Person vorstellen, statt des Versuchs, ihn als eine Neuigkeit zu verkaufen. Ich denke, er würde wollen, dass wir erkennen, dass seine gute Nachricht nur weitergegeben und niemals verkauft werden braucht.
Joe Carter dient als Ältester in der Grace Hill Church in Herndon, Virginia (USA) und arbeitet als Redakteur bei der der Gospel Coalition.
Dieser Beitrag erschien zuerst bei Ligonier Ministries. Übersetzung und Wiedergabe mit freundlicher Genehmigung. Mehr Ressourcen von Ligonier Ministries.
https://www.evangelium21.net/media/1222/mit-der-verkaufsmasche-kommen-wir-nicht-weit

Das Evangelium in einer nach-christlichen Kultur

Wor­auf müs­sen wir heute ach­ten, wenn wir unse­re Gesell­schaft neu mit der Lie­be von Jesus und sei­ner guten Nach­richt (dem Evan­ge­li­um) errei­chen wol­len?

Eine Ana­ly­se von Tim Kel­ler:

„Wir tre­ten in eine neue Ära ein, in der man als Christ nicht nur kei­ne sozia­len Vor­tei­le mehr hat, son­dern effek­tiv einen Preis dafür bezahlt … Die heu­ti­ge (west­li­che) Kul­tur prägt die Men­schen so, dass sie das Chri­sten­tum nicht nur anstös­sig, son­dern unver­ständ­lich fin­den … Die Lei­ter der Kir­chen müs­sen neue Wege fin­den, um Men­schen zu errei­chen, denen es nicht im Ent­fern­te­sten in den Sinn käme, in die Kir­che zu kom­men oder auch nur an die grund­le­gend­sten christ­li­chen Grund­la­gen zu glau­ben.“ – Zitat Timo­thy Kel­ler, eige­ne Über­set­zung

Ange­sichts der neu­en gesell­schaft­li­chen Rea­li­tä­ten ist es für Kel­ler aber kei­ne Fra­ge, ob man zugun­sten die­ser die theo­lo­gi­schen Grund­la­gen opfern müss­te:

Oft wird ja bezwei­felt, dass es mög­lich ist, an einer soli­den pro­te­stan­ti­schen Theo­lo­gie fest­zu­hal­ten und den­noch in Kon­tex­ten, in denen Christ­sein schein­bar kom­plett abge­lehnt wird, ganz­heit­lich und frucht­bar Gemein­de zu bau­en. Doch es ist mög­lich – nicht trotz einer klas­si­schen kon­ser­va­ti­ven Theo­lo­gie, son­dern gera­de auf die­ser Grund­la­ge. – Timo­thy Kel­ler, Cen­ter Church (deut­sche Aus­ga­be) S. 352f

In der Fol­ge nennt Timo­thy Kel­ler fünf Grund­ele­men­te, um den post-christ­li­chen Westen mit dem Evan­ge­li­um zu errei­chen.

1. Die Kultur anhand des Evangeliums erklären
Bevor wir einer Kul­tur das Evan­ge­li­um erklä­ren kön­nen, müs­sen wir die Kul­tur ANHAND des Evan­ge­li­ums erklä­ren.
Es genügt nicht zu bewei­sen, dass der christ­li­che Glau­be aktu­ell ist und mit unse­rer moder­nen Kul­tur mit­hal­ten kann, indem wir z.B. histo­ri­sche Bewei­se für die Auf­er­ste­hung von Jesus oder der Echt­heit der Bibel auf­füh­ren. Es braucht mehr als das.

Der bekann­te Kir­chen­va­ter Augustinus übte bei­spiels­wei­se mit sei­ner Schrift ‹Von der Bür­ger­schaft Got­tes› radi­ka­le Kri­tik an der vor­herr­schen­den heid­ni­schen Kul­tur und zeig­te auf, wie die­se heid­ni­sche Kul­tur an ihren eige­nen Stan­dards schei­tert. Erst durch die­se direk­te Kon­fron­ta­ti­on bekam das Evan­ge­li­um eine ernst­zu­neh­men­de Rele­vanz, weil es einen bes­se­ren Weg auf­zeig­te.

In dem Sin­ne kom­men wir auch heu­te nicht dar­um her­um, die vor­herr­schen­de säku­la­re Kul­tur des Westens und ihren Anspruch auf Neu­tra­li­tät, Objek­ti­vi­tät und Uni­ver­sa­li­tät anhand des Evan­ge­li­ums zu hin­ter­fra­gen. Ins­be­son­de­re soll­te ein sol­ches Vor­ge­hen auf­zei­gen, dass das moder­ne säku­la­re Bezugs­sy­stem im Bestre­ben, das indi­vi­du­el­le Selbst voll­stän­dig von allen Ansprü­chen der Tra­di­ti­on, Reli­gi­on, Fami­lie und Gemein­schaft zu befrei­en, zu unse­ren moder­nen Ver­hält­nis­sen geführt hat, in der

  • alle Wer­te rela­tiv
  • alle Bezie­hun­gen ein Tausch­han­del
  • alle Iden­ti­tä­ten hoch­gra­dig zer­brech­lich
  • alle (angeb­li­chen) Quel­len der Erfül­lung ent­täu­schend sind.

Das Nar­ra­tiv der Spät­mo­der­ne lau­tet: „Frei sein ist der Sinn des Lebens“. Es gilt, die­se herr­schen­de Defi­ni­ti­on von Frei­heit anhand des Evan­ge­li­ums zu beleuch­ten und zu hin­ter­fra­gen und die Frei­heit durch Chri­stus in Rela­ti­on zu stel­len, wie dies im näch­sten Punkt beschrie­ben wird.
2. Eine Evangeliums-Dynamik, die dem Nach-Christentum gerecht wird
Nie­mand kann ohne Sinn, Zufrie­den­heit, Frei­heit, Iden­ti­tät, Ver­ge­bung und Hoff­nung leben. Es gilt also, die gän­gi­gen Ant­wor­ten der Men­schen auf die gros­sen Fra­gen des Lebens respekt­voll zu hin­ter­fra­gen und zur gege­be­nen Zeit in Rela­ti­on zur unüber­trof­fe­nen Erfül­lung zu stel­len, die das Evan­ge­li­um bereit­hält:

  • Einen Sinn im Leben, der nicht durch Leid genom­men wer­den kann (gege­be­nen­falls sogar ver­tieft wer­den kann)
  • Eine Zufrie­den­heit, die nicht auf Umstän­den basiert
  • Eine Frei­heit, die Gemein­schaft und Lie­bes­be­zie­hun­gen nicht zu einem Tausch­han­del degra­diert
  • Eine Iden­ti­tät, die nicht zer­brech­lich ist und nicht auf Lei­stung oder Abgren­zung basiert
  • Einen Weg, um mit Schuld und Ver­ge­bung umzu­ge­hen, ohne blei­ben­de Bit­ter­keit und Scham
  • Eine Grund­la­ge, um Gerech­tig­keit zu bewir­ken, ohne dabei selbst zum Unter­drücker zu wer­den
  • Einen Weg, um nicht nur der Zukunft, son­dern dem Tod selbst gelas­sen und im Frie­den zu begeg­nen

In Anleh­nung an Jona 2,10: «Bei dem HERRN ist Ret­tung.» sieht Kel­ler fol­gen­de zwei Kern­ele­men­te in der Ver­kün­di­gung des Evan­ge­li­ums in einer post-christ­li­chen Kul­tur als unum­gäng­lich:

  • Die schlech­te Nach­richt: Du ver­suchst dich sel­ber zu erlö­sen, aber du schaffst es nicht.
  • Die gute Nach­richt: Du kannst nur durch Chri­stus erlöst wer­den, nicht durch dei­ne Bemü­hun­gen.

3. Eine dem kulturellen Standard entgegengesetzte Art des Gemeinschaftslebens
Die christ­li­che Gemein­de der ersten Jahr­hun­der­te leb­te mit Über­zeu­gung fol­gen­de fünf Wesens­merk­ma­le, die zusam­men ein unzer­trenn­ba­res Gan­zes bil­den:


  1. Mul­ti-kul­tu­rell: In den Gemein­den leb­ten Men­schen ver­schie­den­ster eth­ni­scher Hin­ter­grün­de zusam­men
  2. Sozi­al: Sie küm­mer­ten sich mit gros­sem Enga­ge­ment um Arme und Rand­stän­di­ge
  3. Gewalt­los: Sie such­ten Ver­ge­bung statt Ver­gel­tung
  4. Schutz des Lebens: Sie waren vehe­ment und ganz prak­tisch gegen Abtrei­bung und Kinds­tö­tung
  5. Alter­na­ti­ve Sexu­al­ethik: Ihre Sexu­al­ethik war revo­lu­tio­när anders als die Sexu­al­ethik der römi­schen Kul­tur

Wich­tig ist zu ver­ste­hen, dass die­se fünf aktiv geleb­ten, ethi­schen Wer­te der Chri­sten für die römi­sche Gesell­schaft anstös­sig, aber gleich­zei­tig auch anzie­hend waren.
Indem die ersten Chri­sten die fünf Wer­te leb­ten, zeig­ten sie durch ihr Leben die Schwä­chen des römi­schen Rei­ches und des­sen Kul­tur auf. So wur­de das Chri­sten­tum mit der Zeit zu einer ernst­zu­neh­men­den und sogar attrak­ti­ven Opti­on für eine Gesell­schaft, wel­che die Chri­sten gleich­zei­tig ver­folg­te und ver­ach­te­te.
In die­sem Sin­ne inter­pre­tier­ten die Chri­sten durch ihr Leben die römi­sche Kul­tur anhand des Evan­ge­li­ums (sie­he Punkt 1).

4. Ein Gegen-Katechismus für ein digitales Zeitalter

Kel­ler bezieht hier das Wort ‹Kate­chis­mus› nicht auf das klas­si­sche Fra­ge-Ant­wort-Sche­ma, son­dern betont die grund­sätz­li­che Art und Wei­se, wie die Kir­che die Chri­sten mit den bibli­schen Leh­ren form­ten. Denn es ging dabei nicht nur dar­um, sich die bibli­sche Leh­re als sol­che ein­zu­prä­gen, son­dern die­se auch in Rela­ti­on zur domi­nan­ten Alter­na­ti­ve zu set­zen, wel­che die vor­herr­schen­de Kul­tur anbie­tet. Chri­sten soll­ten dar­in gelehrt und trai­niert wer­den, den Zeit­geist und sei­ne Ansprü­che anhand der bibli­schen Leh­re zu dekon­stru­ie­ren und sich vor sei­nem Ein­fluss zu schüt­zen.
Das bedeu­tet: Die Nar­ra­ti­ve der domi­nan­ten Kul­tur und ihre Defi­ni­ti­on von Iden­ti­tät, Frei­heit und Moral müs­sen auf der Grund­la­ge der Bibel als sol­che iden­ti­fi­ziert und als nicht-plau­si­bel ent­larvt wer­den. Die Kir­che muss zudem ihre Mit­glie­der dar­auf trai­nie­ren, ihren Glau­ben in ihren Arbeits­all­tag zu inte­grie­ren (statt nur am Sonn­tag zu ‹polie­ren›), damit das Evan­ge­li­um auf natür­li­che Wei­se ‹Salz und Licht› sein kann.

5. Gnade auf den Punkt bringen
Das Ver­ständ­nis für den Unter­schied zwi­schen Evan­ge­li­ums-Gna­de und reli­giö­sem Mora­lis­mus darf uns nie­mals abhan­den­kom­men, so Kel­ler. Er bezeich­net die nach-christ­li­che Welt in einem Vortrag als immun gegen das Chri­sten­tum, weil die Men­schen das Evan­ge­li­um mit Mora­lis­mus ver­wech­seln. Kel­ler selbst for­mu­liert das Evan­ge­li­um der Gna­de so:

Du bist so feh­ler­haft und ver­lo­ren, dass Chri­stus für dei­ne Erlö­sung ster­ben muss­te, aber gleich­zei­tig so sehr geliebt und ange­nom­men, dass er es ger­ne für dich tat. Timo­thy Kel­ler

Jesus macht im Gleich­nis der ver­lo­re­nen Söh­ne in Lukas 15 klar und deut­lich, dass das Evan­ge­li­um weder mit Rela­ti­vis­mus (jün­ge­rer Sohn) noch mit Mora­lis­mus (älte­rer Sohn) zu ver­wech­seln ist. Auch der Kir­chen­va­ter Tertullian bemerk­te, dass jede Wahr­heit zwi­schen zwei Häre­si­en gekreu­zigt wird. Die befrei­en­de Wahr­heit des Evan­ge­li­ums der Gna­de ist die drit­te und bes­se­re Opti­on.

Johan­nes Hartl sagt in ei­nem Vor­trag die «Euro­pä­er den­ken, Christ sein bedeu­te, ein guter Mensch zu sein.» Hartl nennt die­se Defi­ni­ti­on ein ‹Fake-Evan­ge­li­um›. Denn was bedeu­tet es, ein guter Mensch zu sein? Der Rela­ti­vist sagt: «Ich bin ein guter Mensch, denn es gibt nur gute Men­schen. Jeder soll so leben, wie es für ihn stimmt». Der Mora­list sagt: «Ich bin ein guter Mensch, weil ich kei­ner von den Bösen bin! Ich bin ein guter Mensch, weil ich Gutes tue.» Pikant dar­an: Bei­de Defi­ni­tio­nen und die dar­aus resul­tie­ren­den Ver­hal­tens­wei­sen kön­nen völ­lig reli­gi­ons­un­ab­hän­gig gelebt wer­den, auch als Athe­ist.
Die bibli­sche Botschaft vom Kreuz hin­ge­gen besagt:

  • Der Mora­list hat schon ein wenig recht, es gibt die Bösen. Doch die gan­ze Wahr­heit lau­tet: Wir alle gehö­ren zu den Bösen. Johannes 3,19
  • Der Rela­ti­vist hat auch ein wenig recht, denn es gibt den guten Men­schen. Doch die gan­ze Wahr­heit lau­tet: Kei­ner von uns ist gut! Römer 3,12
  • Es gibt nur einen guten Men­schen, und der besieg­te das Böse durch sei­nen stell­ver­tre­ten­den Tod für die Mensch­heit. 2.Korinther 5,21
  • Das Evan­ge­li­um der Gna­de rich­tet unse­ren Blick auf den gekreu­zig­ten Got­tes­sohn und sagt uns: «So ver­lo­ren wärst du. Und so geliebt bist du.» Johannes 3,16

Timo­thy Kel­ler beschreibt in ei­nem Vortrag über das Evangelium in der Postmoderne sein Umden­ken wie folgt:
Ich hielt das Evan­ge­li­um lan­ge nur für Anfän­ger-Wahr­hei­ten, die das erfor­der­li­che Mini­mum an Leh­re für den Ein­stieg ins Glau­bens­le­ben beschrei­ben. Theo­lo­gie, so dach­te ich, ist das anspruchs­vol­le­re, sub­stan­zi­el­le­re, tie­fe­re, bibli­sche Zeug. Wie falsch ich damit lag!
Alle Theo­lo­gie muss eine Erläu­te­rung und Dar­stel­lung des Evan­ge­li­ums sein, ins­be­son­de­re im post­mo­der­nen Zeit­al­ter… in dem die Grund­la­gen der christ­li­chen Welt­an­schau­ung weit­ge­hend unbe­kannt sind. Dar­um müs­sen wir in unse­ren Aus­sa­gen jedes Mal zum Herz­stück der Sache vor­drin­gen, dem Evan­ge­li­um der Gna­de. Der ungekürzte Artikel ist auf nachfolgende Internetseite zu finden. (Emanuel Hunzinker)
https://danieloption.ch/featured/das-evangelium-in-einer-nach-christlichen-kultur

Warum Evangelisation so wichtig?

John Stott  wurde immer wieder gefragt: „Warum ist Ihnen denn die Evangelisation so wichtig? Ist denn nicht heute vor allem dies dran, gegen weltweite Nöte und gegen weltweite Ungerechtigkeit etwas zu tun? Hören Sie denn nicht das Schreien der Verhungernden?“ – „Doch, das tue ich“, antwortete John Stott, „aber Gottes Geist hat mir auch die Not derer vor Augen gestellt, die ohne einen Erlöser ewig in Gott-Ferne bleiben! Ich bekomme das Schreien dieser Verlorenen nicht aus den Ohren!“ – „Der Geist wird euch in alle Wahrheit leiten!“