Mit der „Verkaufsmasche“ kommen wir nicht weit

Als ich eines Nachmittags allein in der Cafeteria saß, weit weg von zu Hause, überwältigt und allein auf einem Campus von zwanzigtausend Studenten, kam ein älterer Student auf mich zu, lächelte und fragte, ob er sich zu mir setzen dürfe. Als er Platz nahm, war ich darauf vorbereitet, mit ihm eine hitzige Diskussion über Politik, Philosophie oder Wissenschaft zu führen. Da ich mich freute, Gesellschaft zu haben, bereitete ich mich mental auf alles Mögliche vor, was er mir an den Kopf werfen könnte.
Als er von seinem Teller Spaghetti aufblickte, war das erste, was er sagte: „Hast du Jesus Christus als deinen persönlichen Herrn und Retter angenommen?“
Ich war perplex und wusste nicht, wie ich antworten sollte. „Äh, ja, das habe ich in der Tat“, antwortete ich schließlich.
„Oh“, sagte er. „Ok, das ist gut“. Er sah etwas enttäuscht aus. Er hatte sich den falschen Tisch ausgesucht; er hatte gehofft, das Evangelium mit einem Nichtchristen besprechen zu können. Wir unterhielten uns höflich, während ich meinen Burger fertig aufaß. Er aß schnell und entschuldigte sich. Ich habe ihn seitdem niemals wiedergesehen.
Ich bin sicher, dass er Gott aufrichtig dienen wollte, indem er in dieser Cafeteria Zeugnis gab. Das Evangelium weiterzugeben ist gut, aber die Art und Weise, wie er nach meiner Errettung fragte, klang mehr wie eine Verkaufsmasche als wie eine ernste Frage. Das Mindeste, was mein Kommilitone hätte tun können, wäre gewesen, nach meinem Namen zu fragen und Interesse an mir als Person zu zeigen, bevor er mir eine Frage stellt, die durchaus berechtigt ist.
Viele Jahre lang dachte ich immer an diesen Tag zurück, wenn ich das Wort Evangelisation hörte. Der Begriff leitet sich von dem griechischen Wort evangel ab: gute Nachricht. Wie seltsam ist es darum, dass Evangelisation oft so aussieht, als ob man Jesus verkauft und hofft, dass man einen Nichtchristen überzeugen kann, Errettung „zu kaufen“.
Die Gute Nachricht muss nicht verkauft werden. Schlechte Nachrichten müssen verkauft werden, aber nicht gute. Als ich aufwuchs, wurde mir beigebracht, dass ich vor allem anderen das Geschäft abschließen musste, wenn ich evangelisiere. Ich lernte, dass ein Nichtchrist so schnell wie möglich das „Sündergebet“ sprechen oder im Gottesdienst nach vorn kommen müsse, egal was es kostet, denn morgen könnte er sterben. Das heißt, ich musste den Verkauf jetzt abschließen.
Als ich ernsthaft damit begann, die Evangelien zu lesen, bemerkte ich etwas Seltsames: Die Menschen drängten sich permanent um Jesus, obwohl er niemals ein Traktat verteilte. Er ging auf Leute zu und sagte: „Folge mir nach“, und im nächsten Moment gaben sie ihr Leben auf, um ihm überall hin zu folgen. Er war kein Handelsreisender.
Christen sind dazu aufgerufen, das Evangelium mit anderen zu teilen und auf die Kraft des Heiligen Geistes für sein Werk in ihrem Leben zu vertrauen, und gleichzeitig das Evangelium niemals als eine Verkaufsmasche zu behandeln. Manche Christen – besonderes neue, die begeistert von ihrem neuen Glauben sind – haben einen Eifer und eine Bereitschaft, das Evangelium zu teilen. Anderen fällt es schwerer und viele tun es überhaupt nicht. Ich vermute jedoch, dass die Zurückhaltung des durchschnittlichen Christen, seinen Glauben weiterzugeben, weniger mit Furchtsamkeit und Mangel an Mut zu tun hat. Viele Christen habe keine Hemmungen, zu erklären, warum sie einen besonderen Politiker oder eine Initiative unterstützen, sogar weniger populäre. Wieso also ist ihre Zunge gelähmt, wenn das Thema darauf kommt, warum sie an den Schöpfer des Universums glauben?
Ich vermute, dass es oft an unserem falschen Verständnis des Begriffs Glauben liegt. In unserer Zeit ist dieser Begriff fast ein Synonym geworden für ein irrationales – oder zumindest nicht-rationales – Festhalten an Glaubensüberzeugungen, für die wir keine Beweise haben. Statt zu behaupten, dass wir sowohl angeborenes als auch empirisches Wissen über Gott haben (was die Philosophen einen „gerechtfertigten wahren Glauben“ nennen), unterstellen wir, dass wir ein schwammiges Vertrauen hätten, dass irgendetwas da draußen ist – obwohl wir es nicht beweisen könnten. Wenn wir Christen solch ein schwaches Bild von Gott wiedergeben, ist es kein Wunder, dass Ungläubige nicht die Notwendigkeit verspüren, uns ernst zu nehmen.
Aber unser Glaube ist keine Ablehnung von Vernunft. Er ist nicht blind. Die gute Nachricht ist keine Einladung, eine irrationale Entscheidung zu treffen, sondern eine Geschichte über eine Person, die gelebt hat, gestorben ist und doch immer noch lebt. Wir geben nicht Nachrichten über eine Vorstellung eines Wesens wieder, der wahrer Gott und wahrer Mensch ist. Während Ungläubige vielleicht kein erfahrungsmäßiges Wissen von dieser Person haben mögen, sind sie doch im Ebenbild Gottes geschaffen und haben so eine gewisse Fähigkeit, ihn zu erkennen. Das ist die gemeinsame religiöse Grundlage, die wir mit ihnen teilen.
Unsere evangelistische Mission besteht deshalb einfach darin, mit anderen die gute Nachricht zu teilen, damit sie auch erkennen können, was wir erkannt haben. Bei meinem Erlebnis in der Cafeteria war es nicht die Frage des Studenten, die falsch war, sondern seine Herangehensweise. Er behandelte das Evangelium als eine Verkaufsmasche.
Gott kann Gebetskarten und Traktate gebrauchen, um verlorene Menschen zum Heil zu führen. Er kann junge Männer gebrauchen, die Seelen retten wollen, selbst wenn sie sich gar nicht für die Person interessieren, denen sie das Heil bringen wollen. Aber ich vermute, dass Jesus es vorziehen würde, wenn wir ihn als eine Person vorstellen, statt des Versuchs, ihn als eine Neuigkeit zu verkaufen. Ich denke, er würde wollen, dass wir erkennen, dass seine gute Nachricht nur weitergegeben und niemals verkauft werden braucht.
Joe Carter dient als Ältester in der Grace Hill Church in Herndon, Virginia (USA) und arbeitet als Redakteur bei der der Gospel Coalition.
Dieser Beitrag erschien zuerst bei Ligonier Ministries. Übersetzung und Wiedergabe mit freundlicher Genehmigung. Mehr Ressourcen von Ligonier Ministries.
https://www.evangelium21.net/media/1222/mit-der-verkaufsmasche-kommen-wir-nicht-weit

Das Evangelium in einer nach-christlichen Kultur

Wor­auf müs­sen wir heute ach­ten, wenn wir unse­re Gesell­schaft neu mit der Lie­be von Jesus und sei­ner guten Nach­richt (dem Evan­ge­li­um) errei­chen wol­len?

Eine Ana­ly­se von Tim Kel­ler:

„Wir tre­ten in eine neue Ära ein, in der man als Christ nicht nur kei­ne sozia­len Vor­tei­le mehr hat, son­dern effek­tiv einen Preis dafür bezahlt … Die heu­ti­ge (west­li­che) Kul­tur prägt die Men­schen so, dass sie das Chri­sten­tum nicht nur anstös­sig, son­dern unver­ständ­lich fin­den … Die Lei­ter der Kir­chen müs­sen neue Wege fin­den, um Men­schen zu errei­chen, denen es nicht im Ent­fern­te­sten in den Sinn käme, in die Kir­che zu kom­men oder auch nur an die grund­le­gend­sten christ­li­chen Grund­la­gen zu glau­ben.“ – Zitat Timo­thy Kel­ler, eige­ne Über­set­zung

Ange­sichts der neu­en gesell­schaft­li­chen Rea­li­tä­ten ist es für Kel­ler aber kei­ne Fra­ge, ob man zugun­sten die­ser die theo­lo­gi­schen Grund­la­gen opfern müss­te:

Oft wird ja bezwei­felt, dass es mög­lich ist, an einer soli­den pro­te­stan­ti­schen Theo­lo­gie fest­zu­hal­ten und den­noch in Kon­tex­ten, in denen Christ­sein schein­bar kom­plett abge­lehnt wird, ganz­heit­lich und frucht­bar Gemein­de zu bau­en. Doch es ist mög­lich – nicht trotz einer klas­si­schen kon­ser­va­ti­ven Theo­lo­gie, son­dern gera­de auf die­ser Grund­la­ge. – Timo­thy Kel­ler, Cen­ter Church (deut­sche Aus­ga­be) S. 352f

In der Fol­ge nennt Timo­thy Kel­ler fünf Grund­ele­men­te, um den post-christ­li­chen Westen mit dem Evan­ge­li­um zu errei­chen.

1. Die Kultur anhand des Evangeliums erklären
Bevor wir einer Kul­tur das Evan­ge­li­um erklä­ren kön­nen, müs­sen wir die Kul­tur ANHAND des Evan­ge­li­ums erklä­ren.
Es genügt nicht zu bewei­sen, dass der christ­li­che Glau­be aktu­ell ist und mit unse­rer moder­nen Kul­tur mit­hal­ten kann, indem wir z.B. histo­ri­sche Bewei­se für die Auf­er­ste­hung von Jesus oder der Echt­heit der Bibel auf­füh­ren. Es braucht mehr als das.

Der bekann­te Kir­chen­va­ter Augustinus übte bei­spiels­wei­se mit sei­ner Schrift ‹Von der Bür­ger­schaft Got­tes› radi­ka­le Kri­tik an der vor­herr­schen­den heid­ni­schen Kul­tur und zeig­te auf, wie die­se heid­ni­sche Kul­tur an ihren eige­nen Stan­dards schei­tert. Erst durch die­se direk­te Kon­fron­ta­ti­on bekam das Evan­ge­li­um eine ernst­zu­neh­men­de Rele­vanz, weil es einen bes­se­ren Weg auf­zeig­te.

In dem Sin­ne kom­men wir auch heu­te nicht dar­um her­um, die vor­herr­schen­de säku­la­re Kul­tur des Westens und ihren Anspruch auf Neu­tra­li­tät, Objek­ti­vi­tät und Uni­ver­sa­li­tät anhand des Evan­ge­li­ums zu hin­ter­fra­gen. Ins­be­son­de­re soll­te ein sol­ches Vor­ge­hen auf­zei­gen, dass das moder­ne säku­la­re Bezugs­sy­stem im Bestre­ben, das indi­vi­du­el­le Selbst voll­stän­dig von allen Ansprü­chen der Tra­di­ti­on, Reli­gi­on, Fami­lie und Gemein­schaft zu befrei­en, zu unse­ren moder­nen Ver­hält­nis­sen geführt hat, in der

  • alle Wer­te rela­tiv
  • alle Bezie­hun­gen ein Tausch­han­del
  • alle Iden­ti­tä­ten hoch­gra­dig zer­brech­lich
  • alle (angeb­li­chen) Quel­len der Erfül­lung ent­täu­schend sind.

Das Nar­ra­tiv der Spät­mo­der­ne lau­tet: „Frei sein ist der Sinn des Lebens“. Es gilt, die­se herr­schen­de Defi­ni­ti­on von Frei­heit anhand des Evan­ge­li­ums zu beleuch­ten und zu hin­ter­fra­gen und die Frei­heit durch Chri­stus in Rela­ti­on zu stel­len, wie dies im näch­sten Punkt beschrie­ben wird.
2. Eine Evangeliums-Dynamik, die dem Nach-Christentum gerecht wird
Nie­mand kann ohne Sinn, Zufrie­den­heit, Frei­heit, Iden­ti­tät, Ver­ge­bung und Hoff­nung leben. Es gilt also, die gän­gi­gen Ant­wor­ten der Men­schen auf die gros­sen Fra­gen des Lebens respekt­voll zu hin­ter­fra­gen und zur gege­be­nen Zeit in Rela­ti­on zur unüber­trof­fe­nen Erfül­lung zu stel­len, die das Evan­ge­li­um bereit­hält:

  • Einen Sinn im Leben, der nicht durch Leid genom­men wer­den kann (gege­be­nen­falls sogar ver­tieft wer­den kann)
  • Eine Zufrie­den­heit, die nicht auf Umstän­den basiert
  • Eine Frei­heit, die Gemein­schaft und Lie­bes­be­zie­hun­gen nicht zu einem Tausch­han­del degra­diert
  • Eine Iden­ti­tät, die nicht zer­brech­lich ist und nicht auf Lei­stung oder Abgren­zung basiert
  • Einen Weg, um mit Schuld und Ver­ge­bung umzu­ge­hen, ohne blei­ben­de Bit­ter­keit und Scham
  • Eine Grund­la­ge, um Gerech­tig­keit zu bewir­ken, ohne dabei selbst zum Unter­drücker zu wer­den
  • Einen Weg, um nicht nur der Zukunft, son­dern dem Tod selbst gelas­sen und im Frie­den zu begeg­nen

In Anleh­nung an Jona 2,10: «Bei dem HERRN ist Ret­tung.» sieht Kel­ler fol­gen­de zwei Kern­ele­men­te in der Ver­kün­di­gung des Evan­ge­li­ums in einer post-christ­li­chen Kul­tur als unum­gäng­lich:

  • Die schlech­te Nach­richt: Du ver­suchst dich sel­ber zu erlö­sen, aber du schaffst es nicht.
  • Die gute Nach­richt: Du kannst nur durch Chri­stus erlöst wer­den, nicht durch dei­ne Bemü­hun­gen.

3. Eine dem kulturellen Standard entgegengesetzte Art des Gemeinschaftslebens
Die christ­li­che Gemein­de der ersten Jahr­hun­der­te leb­te mit Über­zeu­gung fol­gen­de fünf Wesens­merk­ma­le, die zusam­men ein unzer­trenn­ba­res Gan­zes bil­den:


  1. Mul­ti-kul­tu­rell: In den Gemein­den leb­ten Men­schen ver­schie­den­ster eth­ni­scher Hin­ter­grün­de zusam­men
  2. Sozi­al: Sie küm­mer­ten sich mit gros­sem Enga­ge­ment um Arme und Rand­stän­di­ge
  3. Gewalt­los: Sie such­ten Ver­ge­bung statt Ver­gel­tung
  4. Schutz des Lebens: Sie waren vehe­ment und ganz prak­tisch gegen Abtrei­bung und Kinds­tö­tung
  5. Alter­na­ti­ve Sexu­al­ethik: Ihre Sexu­al­ethik war revo­lu­tio­när anders als die Sexu­al­ethik der römi­schen Kul­tur

Wich­tig ist zu ver­ste­hen, dass die­se fünf aktiv geleb­ten, ethi­schen Wer­te der Chri­sten für die römi­sche Gesell­schaft anstös­sig, aber gleich­zei­tig auch anzie­hend waren.
Indem die ersten Chri­sten die fünf Wer­te leb­ten, zeig­ten sie durch ihr Leben die Schwä­chen des römi­schen Rei­ches und des­sen Kul­tur auf. So wur­de das Chri­sten­tum mit der Zeit zu einer ernst­zu­neh­men­den und sogar attrak­ti­ven Opti­on für eine Gesell­schaft, wel­che die Chri­sten gleich­zei­tig ver­folg­te und ver­ach­te­te.
In die­sem Sin­ne inter­pre­tier­ten die Chri­sten durch ihr Leben die römi­sche Kul­tur anhand des Evan­ge­li­ums (sie­he Punkt 1).

4. Ein Gegen-Katechismus für ein digitales Zeitalter

Kel­ler bezieht hier das Wort ‹Kate­chis­mus› nicht auf das klas­si­sche Fra­ge-Ant­wort-Sche­ma, son­dern betont die grund­sätz­li­che Art und Wei­se, wie die Kir­che die Chri­sten mit den bibli­schen Leh­ren form­ten. Denn es ging dabei nicht nur dar­um, sich die bibli­sche Leh­re als sol­che ein­zu­prä­gen, son­dern die­se auch in Rela­ti­on zur domi­nan­ten Alter­na­ti­ve zu set­zen, wel­che die vor­herr­schen­de Kul­tur anbie­tet. Chri­sten soll­ten dar­in gelehrt und trai­niert wer­den, den Zeit­geist und sei­ne Ansprü­che anhand der bibli­schen Leh­re zu dekon­stru­ie­ren und sich vor sei­nem Ein­fluss zu schüt­zen.
Das bedeu­tet: Die Nar­ra­ti­ve der domi­nan­ten Kul­tur und ihre Defi­ni­ti­on von Iden­ti­tät, Frei­heit und Moral müs­sen auf der Grund­la­ge der Bibel als sol­che iden­ti­fi­ziert und als nicht-plau­si­bel ent­larvt wer­den. Die Kir­che muss zudem ihre Mit­glie­der dar­auf trai­nie­ren, ihren Glau­ben in ihren Arbeits­all­tag zu inte­grie­ren (statt nur am Sonn­tag zu ‹polie­ren›), damit das Evan­ge­li­um auf natür­li­che Wei­se ‹Salz und Licht› sein kann.

5. Gnade auf den Punkt bringen
Das Ver­ständ­nis für den Unter­schied zwi­schen Evan­ge­li­ums-Gna­de und reli­giö­sem Mora­lis­mus darf uns nie­mals abhan­den­kom­men, so Kel­ler. Er bezeich­net die nach-christ­li­che Welt in einem Vortrag als immun gegen das Chri­sten­tum, weil die Men­schen das Evan­ge­li­um mit Mora­lis­mus ver­wech­seln. Kel­ler selbst for­mu­liert das Evan­ge­li­um der Gna­de so:

Du bist so feh­ler­haft und ver­lo­ren, dass Chri­stus für dei­ne Erlö­sung ster­ben muss­te, aber gleich­zei­tig so sehr geliebt und ange­nom­men, dass er es ger­ne für dich tat. Timo­thy Kel­ler

Jesus macht im Gleich­nis der ver­lo­re­nen Söh­ne in Lukas 15 klar und deut­lich, dass das Evan­ge­li­um weder mit Rela­ti­vis­mus (jün­ge­rer Sohn) noch mit Mora­lis­mus (älte­rer Sohn) zu ver­wech­seln ist. Auch der Kir­chen­va­ter Tertullian bemerk­te, dass jede Wahr­heit zwi­schen zwei Häre­si­en gekreu­zigt wird. Die befrei­en­de Wahr­heit des Evan­ge­li­ums der Gna­de ist die drit­te und bes­se­re Opti­on.

Johan­nes Hartl sagt in ei­nem Vor­trag die «Euro­pä­er den­ken, Christ sein bedeu­te, ein guter Mensch zu sein.» Hartl nennt die­se Defi­ni­ti­on ein ‹Fake-Evan­ge­li­um›. Denn was bedeu­tet es, ein guter Mensch zu sein? Der Rela­ti­vist sagt: «Ich bin ein guter Mensch, denn es gibt nur gute Men­schen. Jeder soll so leben, wie es für ihn stimmt». Der Mora­list sagt: «Ich bin ein guter Mensch, weil ich kei­ner von den Bösen bin! Ich bin ein guter Mensch, weil ich Gutes tue.» Pikant dar­an: Bei­de Defi­ni­tio­nen und die dar­aus resul­tie­ren­den Ver­hal­tens­wei­sen kön­nen völ­lig reli­gi­ons­un­ab­hän­gig gelebt wer­den, auch als Athe­ist.
Die bibli­sche Botschaft vom Kreuz hin­ge­gen besagt:

  • Der Mora­list hat schon ein wenig recht, es gibt die Bösen. Doch die gan­ze Wahr­heit lau­tet: Wir alle gehö­ren zu den Bösen. Johannes 3,19
  • Der Rela­ti­vist hat auch ein wenig recht, denn es gibt den guten Men­schen. Doch die gan­ze Wahr­heit lau­tet: Kei­ner von uns ist gut! Römer 3,12
  • Es gibt nur einen guten Men­schen, und der besieg­te das Böse durch sei­nen stell­ver­tre­ten­den Tod für die Mensch­heit. 2.Korinther 5,21
  • Das Evan­ge­li­um der Gna­de rich­tet unse­ren Blick auf den gekreu­zig­ten Got­tes­sohn und sagt uns: «So ver­lo­ren wärst du. Und so geliebt bist du.» Johannes 3,16

Timo­thy Kel­ler beschreibt in ei­nem Vortrag über das Evangelium in der Postmoderne sein Umden­ken wie folgt:
Ich hielt das Evan­ge­li­um lan­ge nur für Anfän­ger-Wahr­hei­ten, die das erfor­der­li­che Mini­mum an Leh­re für den Ein­stieg ins Glau­bens­le­ben beschrei­ben. Theo­lo­gie, so dach­te ich, ist das anspruchs­vol­le­re, sub­stan­zi­el­le­re, tie­fe­re, bibli­sche Zeug. Wie falsch ich damit lag!
Alle Theo­lo­gie muss eine Erläu­te­rung und Dar­stel­lung des Evan­ge­li­ums sein, ins­be­son­de­re im post­mo­der­nen Zeit­al­ter… in dem die Grund­la­gen der christ­li­chen Welt­an­schau­ung weit­ge­hend unbe­kannt sind. Dar­um müs­sen wir in unse­ren Aus­sa­gen jedes Mal zum Herz­stück der Sache vor­drin­gen, dem Evan­ge­li­um der Gna­de. Der ungekürzte Artikel ist auf nachfolgende Internetseite zu finden. (Emanuel Hunzinker)
https://danieloption.ch/featured/das-evangelium-in-einer-nach-christlichen-kultur

Im Zentrum des christlichen Glaubens steht Evangelium, steht die gute Botschaft: »Es ist vollbracht.«

Jesus steht im Mittelpunkt des Evangeliums vom Reich. Denn er bringt das Reich, er verwirklicht die Herrschaft Gottes. Mit ihm tritt die sehnlich erwartete allgemeine Tendenzwende ein: »Christus hat dem Tod die Macht genommen und das Leben und ein unvergängliches Wesen ans Licht gebracht durch das Evangelium« (2. Tim 1,10). Jesus eröffnet den Menschen neu den Zugang zu Gott und versöhnt sie mit ihm. Er ist der Mittler, er »erlöst die, die durch Furcht des Todes im ganzen Leben Knechte sein mußten« (Hebr 2,15). Er bewirkt, daß wir »Kinder Gottes heißen sollen, und wir sind es« (1. Joh 3,1). Er heilt die Verwundeten, er entreißt die Menschen dem Schicksal der Vergeblichkeit und Sinnlosigkeit. Das Werk Christi, Christus »mitsamt all seinen Wohltaten« (Calvin) ist der Inhalt der guten Botschaft. Wenn wir doch nur wieder anfingen, Jesus und sein Werk zu verkündigen, statt alles mögliche andere! Dies muß heute, in einer Zeit der Moralisierung, der Ethisierung des Christentums, wieder betont werden: Im Zentrum des christlichen Glaubens steht Evangelium, steht die gute Botschaft: »Es ist vollbracht.« Das Evangelium ist nicht in erster Linie eine neue Pflichtenlehre. Gewiß, es hat eine Aufgabe für den erlösten Menschen, einen Auftrag, der dazu mithilft, seinem Leben Würde und guten Sinn zu geben, die Mitarbeit am Werk Gottes selbst, die Bewässerung der Wüste in Natur und Menschenwelt, die Erhaltung des gefährdeten und die Heilung des verletzten Lebens. Aber dieser Auftrag, mit Gott zu arbeiten, ist nur zu verstehen auf der Basis der Versöhnung, der Freundschaft mit Gott, ja der Kindschaft Gottes. Ohne die Gottesfreundschaft, ohne »Schritte zur Mitte«, ohne die Voraussetzung des Evangeliums als Evangelium fehlte es uns an der Kraft zu lieben.(Bockmühl-Werk-Ausgabe, Bd 2, S. 125–126)

Was ist das Evangelium?

Evangelium bedeutet gute Botschaft. Das Evangelium hat das römische Reich auf den Kopf gestellt. Das Evangelium wird in der Bibel als etwas Einzigartiges und Außergewöhnliches beschrieben. Engel möchten das Evangelium ständig anschauen, berichtet ein Apostel (1. Petrus 1,12). Das Evangelium gibt nicht nur Kraft, sondern es ist die Kraft Gottes. Paulus sagt nämlich: “Ich schäme mich des Evangeliums nicht, denn es ist Gottes Kraft zum Heil jedem Glaubenden.” (Römer 1,16)
Das Evangelium zeigt uns unsere Hilflosigkeit und Sünde, denn Christus musste am Kreuz dafür sterben. Gleichzeitig sagt das Evangelium uns, dass das Leben und Sterben Christi ausreicht, um für unsere Sünde zu bezahlen. Das Evangelium ist in dem Sinne keine Religion, sondern ein Eingeständnis, dass wir nicht mehr diejenigen sind, die unser Leben retten und kontrollieren. Stattdessen sagt uns das Evangelium: Jesus Christus ist der Erlöser, er befreit uns von Egoismus, aber auch von Selbstzerfleischung und Religiösität, von Hedonismus, aber auch von Moralismus.
Unsere Kirchen und Gemeinden sind jedoch voll von verzerrten Formen des Evangeliums. Pastor Trevin Wax machte folgende Beobachtungen:
Es gibt
•    das therapeutische Evangelium: Das Evangelium ist dazu da, unser volles Potential auszuschöpfen. Die Gemeinde ist dazu da, uns glücklich zu machen
•    das formale Evangelium: Sünde bedeutet, die Gemeinderegeln zu missachten. Der Tod Christi gibt mir einen Katalog mit Regeln und Formen, an die ich mich halten muss.
•    das moralistische Evangelium: Es geht vor allem um Sünden (Plural) und nicht um Sünde (Singular = unser sündiges Wesen). Der Tod Christi ermöglicht uns eine zweite Chance und macht bessere Menschen aus uns. Erlösung erfolgt durch Disziplinierung des Willens mit Gottes Hilfe.
•    Evangelium ohne Gericht: Gottes Vergebung muss nicht notwendigerweise durch den Opfertod Christi erfolgen. Beim Gericht geht es mehr um Gottes Güte und nicht so sehr um eine Bestrafung menschlicher Rebellion. Evangelisation ist nicht dringend.
•    Gemeinschaftsevangelium: Errettung bedeutet, Gemeinschaft und Freundschaft in der Gemeinde zu finden. Das Evangelium wird auf Beziehungen reduziert, die uns dabei  helfen, das Leben zu genießen.
•    das Aktivistenevangelium: Es geht darum, eine gerechte Gesellschaft zu schaffen. Die Kraft des Evangeliums zeigt sich in einer veränderten Kultur. Die Kirche steht vereint hinter politischen und gesellschaftlichen Projekten.
•    Evangelium ohne Gemeinde: Der Schwerpunkt der Errettung liegt auf dem Individuum, sodass die Gemeinschaft mit Gläubigen zur Nebensache wird. Gemeinde ist nur eine Option für meine persönliche Spiritualität oder sogar ein Hindernis, um wirklich christusähnlich zu werden.
•    das mystische Evangelium: Errettung erfolgt durch ein emotionales Erlebnis mit Gott. Die Gemeinde ist dazu da, dass ich mich nahe bei Gott fühle und sie unterstützt mich auf meiner Suche nach mystischen Erfahrungen.
•     das quietistische Evangelium: Errettung bezieht sich auf geistliche Dinge, nicht auf weltliche Angelegenheiten. Der christliche Glaube dreht sich nur um individuelle Lebensveränderung und hält sich raus aus Gesellschaft oder Politik.
Paulus jedoch, stellt uns das Evangelium als etwas vor, was unabhängig von unserer Performance oder unseren Gefühlen fest steht. Es geht darum, was Gott getan hat. In Römer 8 sagt er:
“Also ist jetzt keine Verdammnis für die, die in Christus Jesus sind. Denn das Gesetz des Geistes des Lebens in Christus Jesus hat mich freigemacht von dem Gesetz der Sünde und des Todes. Denn das dem Gesetz Unmögliche, weil es durch das Fleisch kraftlos war, tat Gott, indem er, seinen eigenen Sohn in Gleichgestalt des Fleisches der Sünde und für die Sünde sendend, die Sünde im Fleisch verurteilte.”
Weiter schreibt er, dass sich dieses Prinzip auf jede Ebene unseres Denkens, unseres Fühlens, unserer Beziehungen, unserer Arbeit und unseres Verhaltens auswirkt.
Von: Conrad

Wie das Evangelium uns befreit

Wir wissen, dass mit uns etwas nicht in Ordnung ist. Doch wir versuchen uns ständig einzureden, dass alles in Ordnung ist. Die gute Botschaft sagt dem Menschen: Es ist vollbracht!
Das Evangelium sagt uns, dass wir unerhört schlecht sind, schlechter als du es dir vorstellen kannst. Aber auch, dass wir mehr geliebt sind, als du es dir nur erahnen kannst. Deswegen können wir aufhören, Masken zu tragen, jemand vorgeben zu sein, der wir nicht sind. Wir müssen nicht mehr Leuten nach dem Mund reden, Menschen beeindrucken, Menschen benutzen, um selbst einen Vorteil davonzutragen.
In unserer perfektionistischen Burnout-Kultur befreit uns das Evangelium, weil es uns sagt, dass wir schwach sind. Dass aber gleichzeitig Christus unsere Stärke ist. Unsere Fehler und Schwächen können wir zugeben, weil unser Wert in Christus ist.
Das Evangelium befreit uns in dieser Gesellschaft die Ellenbogen auszufahren und Selbstverwirklichungs-Trips zu fahren. Wenn du verstehst, dass deine Sicherheit, dein Wert, deine Identität in Christus ist, dann musst du nicht mehr gewinnen. Du bist dazu befreit, zu verlieren. Vielleicht kannst du irgendwann mit dem Apostel Paulus sagen: „Das Leben ist Christus und Sterben Gewinn.“
Im Leben kannst du dann geben, statt immer nur zu nehmen, denn Christus ist dein reichster Besitz.
Freiheit gibt es dann, wenn das Evangelium dir deutlich macht, dass Christus dir alles gegeben hat. Dann ist man befreit von anderen Dingen, mit denen wir permanent versuchen, unser Selbstwertgefühl zu steigern und abzusichern.
weiterlesen: thegospelcoalition.org/bl…/its-okay-to-not-be-okay/

Das Evangelium Gottes

Paulus, Knecht Christi Jesu, berufener Apostel, ausgesondert für das Evangelium Gottes.  (Röm 1,1)
Wir haben davon gesprochen – und es wird wahrscheinlich nicht das letzte Mal gewesen sein – daß der Apostel hier den reichen Inhalt seines Evangeliums in eine Nußschale preßt. Er stellt es gewissermaßen in einem komprimierten Abriß dar. Umso wichtiger ist es für uns, etwas von dem zu verstehen, was er in so wenigen Worten zusammenfaßt. Wir werden uns mit ihnen sorgfältig beschäftigen müssen. „Ich bin ausgesondert“, sagt er, „für das Evangelium Gottes.“ Nun, es kommt mir oft so vor, als ob wir mit dem Wort, Evangelium’ viel zu vertraut sind, als daß wir noch seinen tiefen und überwältigenden Grundgedanken recht erfassen könnten. Evangelium bedeutet, wie wir alle wissen, gute Botschaft‘, und eben das ist es, was wir leicht vergessen, wie ich manchmal fürchte. Wir schlagen in unseren Wörterbüchern nach, finden dort, daß Evangelium, gute Botschaft‘ heißt und geben uns damit zufrieden. Wir sind Philologen, interessieren uns für die Bedeutung und Herkunft der Wörter, und hei diesen Wörtern endet oft unser ganzes Schriftstudium. Wir begnügen uns mit dem Buchstaben, doch es gelingt uns nicht, zum Geist durchzudringen. Wenn wir wissen, daß Evangelium, gute Botschaft‘ bedeutet, dann stellt sich uns die wichtige Frage, ob wir das Evangelium auch als eine gute Botschaft erfahren haben. Haben wir wirklich Verständnis für die Sache selbst oder nur für seine Bezeichnung? Weiterlesen

Die Kraft, die im Evangelium liegt, kommt nicht aus der Beredsamkeit des Predigers

Das Evangelium wird in alle Ohren gepredigt, aber nur an manche dringt es mit Kraft. Die Kraft, die im Evangelium liegt, kommt nicht aus der Beredsamkeit des Predigers, sonst wären es Menschen, die die Seelen bekehren. Sie kommt auch nicht aus der Gelehrsamkeit des Predigers, sonst würde sie in Menschenweisheit bestehen. Wir können predigen, bis uns die Zunge verfault, bis unsere Lunge erlahmt und wir sterben, und doch würde nie eine Seele bekehrt, es sei denn, sie ist getragen von einer geheimnisvollen Kraft – dem Heiligen Geist, der den Willen des Menschen verändert. Oh, meine Herren! Wir könnten statt zu den Menschen genauso gut zu Steinmauern predigen, wenn nicht der Heilige Geist mit dem Wort ist und ihm Kraft gibt, die Seele zu bekehren.
C.H. Spurgeon