Es ist mir sehr klar geworden

Es ist mir sehr klar geworden, dass der seligmachende Glaube ein fortgesetzter, lebendiger Austausch ist zwischen uns und unserm Herrn Jesus Christus. Wir geben ihm unsere Sünden, er gibt uns seine Gerechtigkeit. Im ersten Akt machen wir sein, was unser ist: die Sünde. Im zweiten Akt machen wir unser, was sein ist: seine Gerechtigkeit. Wunderbarer, geheimnisvoller Akt, der sich in der Tiefe der durch die Busse zubereiteten Seele vollzieht. Aus diesem stets erneuerten Austausch entspringt wie aus einer sprudelnden Quelle der ganze Strom christlichen Lebens. Frederic Godet

Die tiefere Gerechtigkeit

Die Pharisäer meinten, es sei genug, nach außen hin mit dem Gesetz übereinzustimmen. Der „Lehrer der Gerechtigkeit“, der in den Schriftrollen vom Toten Meer auftaucht, war strenger, wie Davies erklärt: „Hier wurde das Gesetz noch verzweifelter’… als bei den Pharisäern interpretiert und ernst genommen … Das ,ganze’ Gesetz sollte so, wie es in der Tradition der Sekte (der Essener von Qumran) interpretiert wurde, gehalten werden.“
Aber Jesus ist noch radikaler, denn wo die Essener nach immer mehr Gehorsam verlangen, erwartet er immer noch tieferen. Dieser tiefe Gehorsam ist es, der Gerechtigkeit des Herzens bedeutet und nur in demjenigen möglich ist, der durch den Heiligen Geist erneuert worden ist. Darum ist der Eintritt ins Reich Gottes also unmöglich ohne eine „bessere (d. h. tiefere) Gerechtigkeit“ als die der Pharisäer: Weil solch eine Gerechtigkeit die Wiedergeburt belegt, ohne die niemand ins Reich Gottes kommt.
John Stott zu Matthäus 5,19–20 (Die Botschaft der Bergpredigt, 2010, S. 79)

Wie kann Gott Gottlose rechtfertigen?

Das Kreuz zeigt nicht nur die Liebe Gottes herrlicher als alles andere, es zeigt seine Rechtschaffenheit, seine Gerechtigkeit, seine Heiligkeit und die ganze Herrlichkeit seiner ewigen Eigenschaften. Sie alle sind dort zusammen hell leuchtend zu sehen. Wenn man sie nicht alle sieht, hat man das Kreuz nicht gesehen. Deshalb müssen wir die so genannte „Moralisches Beispiel“-Theorie des Sühneopfers, die besagt, dass alles, was das Kreuz tun muss, ist, unsere Herzen zu zerreißen und uns dazu zu bringen, die Liebe Gottes zu sehen, strikt ablehnen.
Paulus geht darüber hinaus, indem er sagt: „Er verkündigt seine Gerechtigkeit zur Vergebung der vergangenen Sünden“. Warum das, wenn es nur eine Erklärung seiner Liebe ist? Nein, sagt Paulus, es ist mehr als das. Wenn es nur seine Vergebung verkünden würde, hätten wir das Recht zu fragen, ob wir uns auf Gottes Wort verlassen können, und ob er gerecht und fair ist. Es wäre eine berechtigte Frage, denn Gott hat im Alten Testament wiederholt erklärt, dass er die Sünde hasst und dass er die Sünde bestrafen wird, und dass der Lohn der Sünde der Tod ist.
Es geht um den Charakter Gottes. Gott ist nicht wie wir Menschen. Wir denken manchmal, dass es wunderbar ist, wenn Menschen eine Sache sagen und dann etwas anderes tun. Die Eltern sagen zu ihrem Kind: „Wenn du das tust, bekommst du den Euro nicht, um deine Süßigkeiten zu kaufen. Dann tut der Junge diese Sache, aber der Vater sagt: „Nun, es ist in Ordnung“, und gibt ihm den Euro. Das, so denken wir, ist Liebe und wahre Vergebung. Aber Gott verhält sich nicht auf diese Weise. Gott, wenn ich es so ausdrücken darf, ist ewig mit sich selbst im Einklang. Es gibt niemals einen Widerspruch in ihm. Er ist „der Vater der Lichter, bei dem keine Veränderung ist und kein Schatten der Veränderung“. All diese herrlichen Attribute sind in seinem ewigen Charakter wie Diamanten, die leuchten, zu sehen. Und sie müssen alle offenbart werden. Im Kreuz sind sie alle manifestiert.
Wie kann Gott gerecht sein und zugleich die Gottlosen rechtfertigen? Die Antwort ist, dass er es kann, weil er die Sünden der gottlosen Sünder in seinem eigenen Sohn bestraft hat. Er hat seinen Zorn über ihn ausgegossen. „Er trug unsere Strafe. Durch seine Wunden sind wir geheilt.“ Gott hat getan, was er angekündigt hat: Er hat die Sünde bestraft. Er hat dies durch das Alte Testament überall verkündet; und er hat getan, was er sagte, dass er es tun würde. Er hat gezeigt, dass er rechtschaffen ist. Er hat eine öffentliche Erklärung darüber abgelegt. Er ist gerecht und kann rechtfertigen, denn nachdem er einen anderen an unserer Stelle bestraft hat, kann er uns frei vergeben. Und das tut er auch. Das ist die Botschaft von Vers 24: „Und werden ohne Verdienst gerechtfertigt (als gerecht angesehen, erklärt, für gerecht erklärt) aus seiner Gnade durch die Erlösung (das Lösegeld), die durch Christus Jesus geschehen ist. Den hat Gott für den Glauben hingestellt zur Sühne in seinem Blut.“

Martyn Lloyd-Jones predigte in seiner Reihe zum Römerbrief über das Kreuz (Römer 3,20-4,25 , 1970)

Gerechtigkeit braucht Macht

„Die Gerechtigkeit ist ohnmächtig ohne die Macht; die Macht ist tyrannisch ohne die Gerechtigkeit.“ (Blaise Pascal, 1623-1662)
Häufig wirkt der Ruf zur Gerechtigkeit irgendwie schal und leer. Zumeist beklagen nur diejenigen Ungerechtigkeit, die unter ihr zu leiden haben. Sobald sie aber selbst die Macht errungen haben, zögern dieselben Personen kaum damit ihre ehemaligen Gegner zu unterdrücken. In diesem Fall wird lediglich die eigene Machtlosigkeit beklagen, nicht die Ungerechtigkeit an sich. Gelegentlich wird Ungerechtigkeit auch nur diskutiert, um die Position gesellschaftlicher Kontrahenten zu schwächen. Das Leiden der Menschen hingegen ist den politischen Propagandisten weitgehend egal. Manchmal ist Ungerechtigkeit sogar hochwillkommen, weil sie argumentative Munition gegen eigene Konkurrenten liefert.
Pascal aber geht es hier allerdings noch um einen ganz anderen Aspekt. In einer sehr realistischen Gesellschaftsanalyse stellt er fest, dass Gerechtigkeit nur dann relevant ist, wenn eine einsprechende moralische Instanz auch die Möglichkeit hat, diese durchzusetzen. Anderenfalls bleibt Gerechtigkeit allzu oft nur ein Gedanke, ein verbal beschworenes Ideal. Auf der anderen Seite tendieren die Mächtigen dieser Welt dazu, das als gerecht zu erklären, was ihnen gerade ins Konzept passt. Gerechtigkeit degeneriert dabei zur bloßen Vokabel. Im Grunde geht es vielen Herrschenden nur noch um den Erhalt eigener Macht und Privilegien. – Tatsächlich aber ist Gerechtigkeit immer auf Macht angewiesen, um realisiert werden zu können. Macht braucht Gerechtigkeit, um die eigenen Möglichkeiten nicht zu missbrauchen.
Für Pascal vereinten sich die Aspekte von Macht und Gerechtigkeit in vollkommener Weise in Gott. Mit seiner unendlichen Weisheit erkennt Gott das Gute und Gerechte. Gleichzeitig verfügt er über die Macht, diese Gerechtigkeit auch einzufordern und durchzusetzen. Das allerdings stellen heute nicht wenige Menschen infrage. Ihrer Meinung nach zeigt sich Gott weitgehend ohnmächtig angesichts der unermesslichen Leiden der Welt. Das aber gilt nur für den relativ kurzzeitigen Beobachter.
Realistisch gesehen greift Gott ständig in das Weltgeschehen ein. Dabei verhindert er viele Fälle möglicher Ungerechtigkeit. Außerdem beendet er immer wieder ungerechte Handlungen zahlreicher Machthaber. – Am Ende der Zeiten wird sich jeder Mensch vor Gott für sein Handeln verantworten müssen, Mächtige und Machtlose, Herrscher und einfache Menschen. Oftmals hat Gott allerdings viel Geduld mit seinen Geschöpfen. Das gilt auch für die Ungerechten. Er betreibt nicht deren baldmöglichste Bestrafung, sondern hofft auf ihre Einsicht und Umkehr. Glücklicherweise liebt Gott auch ungerechte Menschen. Schlussendlich aber wird er mit seiner ganzen Macht Gerechtigkeit durchsetzen. Seine Gerechtigkeit ist vollkommen selbstlos, dauerhaft und tragfähig. Sie ist nicht nur eine oberflächliche Floskel zur Förderung eigener Interessen. Gottes Gerechtigkeit werden am Ende der Zeiten alle Menschen bereitwillig zustimmen.
„Gott wird die Armen mit Gerechtigkeit richten und den Elenden im Land ein unparteiisches Urteil sprechen. Er wird die Erde mit dem Stab seines Mundes schlagen und den Gesetzlosen mit dem Hauch seiner Lippen töten.“ (Jesaja 11, 4)
https://www.facebook.com/michael.kotsch.9/posts/1539677952838644