Wie lesen Christen die Bibel

1. Christen lesen und nehmen die Bibel pauschal geurteilt NICHT wörtlich!
2. Der Begriff, der besser und angemessener ist, lautet „Literalsinn“. Christen lesen und verstehen die Bibel im Literalsinn (sensus literalis – einfacher Schriftsinn).
3. Die unterschiedlichen literarischen Textarten in der Bibel weisen den Weg, wie etwas zu verstehen und auszulegen und dann auch anzuwenden ist. Manches ist in der Bibel im Literalsinn ausdrücklich „wörtlich“ zu nehmen, anderes „vom Prinzip des Ausgesagten her“, (Bilder, Gleichnisse, apokalyptische Visionen usw.), wieder anderes als „Gedankenimpuls“ (z.B. Lieder, Poesie, Weisheit usw.), wieder anderes als „geistliche Information“, von der aus schriftgemässe Ableitungen gezogen werden (z. B. Geschichten, heilsgeschichtliche Epochen und Ereignisse, das Wirken Jesu in den Evangelien usw.).
4. Die hermeneutische Herausforderung ist für alle Bibelleser, den Umgang und Gebrauch mit den unterschiedlichen literarischen Textarten zu üben und entsprechend auslegen und anwenden zu lernen.
5. Aber „Nein“, Christen nehmen die Bibel beim Auslegen und Anwenden nicht pauschal „wörtlich“. Das wäre fatal und würde zu großen Missdeutungen in der Gemeinde führen.
Jedoch ist die ganze Schrift Offenbarung Gottes, mit Autorität und Gültigkeit. Doch das ist etwas anderes im Vergleich mit der Debatte um „Wörtlichkeit“.
Eventuell verwechselt man „Wörtlichkeit“ auch mit der Frage, ob Ereignisse stattgefunden haben, die geschrieben stehen usw. Doch hängt das tw. auch von der literarischen Form ab. Den barmherzigen Samariter oder die Familie des verlorenen Sohnes beispielsweise hat es historisch nie gegeben, die Ereignisse haben nie stattgefunden. Die literarische Form ist ein Gleichnis. Und das Geschilderte im Gleichnis ist nicht wirklich-wörtlich geschehen. Vom Gleichnis als Ganzem ist vielmehr eine „Lehre“ abzuleiten usw.
Ob etwas wie geschehen ist, hängt teilweise auch davon ab, wie Gottes inspirierender Geist die menschlichen Verfasser geführt hat, ihre jeweilige Verschriftlichung zu „komponieren“ oder in literarischer Form darzustellen, Mal als „Bericht“, Mal als „Predigt“, Mal als „Gleichnis oder Lied“, Mal als „Erinnerung in Form von Ermahnung oder Ermutigung“ usw. Usw.
Die Bibelauslegung ist eine wunderbare Aufgabe. Machen wir uns gegenseitig Mut, sie schriftgemäss und richtig gemäß dem Literalsinn zu deuten und anzuwenden.
In der theologischen Hermeneutik und der Schriftlehre wird unterschieden zwischen „wörtlich“ und „Literalsinn“.
Beispiel – Jes. 55,12:
(a) … „wörtlich“ (ohne Beachtung der Textgattung) könnte man den Wortlaut so missverstehen, dass Bäume im eschatologischen Zustand tatsächlich so etwas, wie Hände zum Klatschen/ zum Applaudieren haben könnten oder dass der verlorene Sohn eine wörtlich-historische Person gewesen wäre (… und 1001 ähnliche Bibelstellen aus Poesie, Weisheit, Liedern, Gebeten usw.). Diese „Wörtlichkeit“ an der Bedeutung der Textgattungen vorbei führt bei der Bibelauslegung in die Irre.
(b) … im Literalsinn wird die Textgattung ausgelegt (… = der einfache Textsinn). Und da ist dann das „Bildwort“ des Jubels und des Applaudierens in Jes. 55,12 Ausdruck der eschatologischen Freude und die Gleichnisrede des verlorenen Sohnes ist vollständig nicht „wörtlich“ auszulegen, sondern als Texteinheit mit bestimmten „Lehrziel“ (tertius comperationis usw. Usw.).
(c) Alle 66 kanonischen Bücher sind im Literalsinn daraufhin zu prüfen, welche Textgattungen jeweils Kapitel für Kapitel usw. vom Geist Gottes inspiriert wurden. Das Ergebnis leitet dann die Literarsinn-Textauslegung.
Darunter kann es dann Bibelaussagen geben, die „wörtlich“ 1:1 so verstanden werden sollen, wie sie geschrieben stehen, und dann auch so angewendet werden sollen. Andere Stellen jedoch unterliegen anderen Kriterien literarischer Gattungen und Texteinheiten.
Allein Gen. 1-11 besteht aus etlichen literarischen Gattungen mit ihrer je zu bezeichnenden literarischen Besonderheit. Diese nicht anzuerkennen oder nicht unterscheiden zu wollen, führt bei der Auslegung und Anwendung der jeweiligen Textpassagen zwangsläufig in die Irre. Die Historizitätsfrage ist dabei gar nicht unmittelbar adressiert.
Wenn z. B. Gen. 1 ein auf Hebräisch kunstvoll komponiertes Schöpfungslied ist, will das bei der Auslegung berücksichtigt sein. Was dann die Historizität einzelner Aussagen betrifft, das wird durchaus von der Gattung „Lied“ mitbestimmt, aber es wird keineswegs infrage gestellt. Wieso auch?
Wie dem auch sei: Es ist zu erklären, wie die Bibel entstanden ist. Diese Frage des „Wie“ darf man sich bewusst stellen. Insbesondere das AT hat eine Entstehungsgeschichte. Vieles bleibt im Dunkeln, weil wir es nicht wissen und die Bibel selbst es uns nicht mitteilt.
Mit Mose wird eine besondere Offenbarungszeit Gottes eingeläutet (Ex. 3). Was zeitlich davor lag und überliefert wurde, ist im Entstehungsprozess der AT-Schriften kaum sicher rekonstruierbar.
Also: Wie soll denn nun das AT entstanden sein, wenn meine groben Skizzen nicht überzeugen? Wie? Und wie das NT (… das ist leichter zu beantworten)?
Ich mache mir seit Jahrzehnten darüber ernsthaft Gedanken. Und eine Sache scheint mir klar:
Gott hat das AT sowie das NT „menschlich“ auf normal plausibilisierbarem Weg damaliger Zeiten entstehen lassen, auch wenn wir das heute schwerlich oder kaum noch rekonstruieren können. Doch war es ohne Zweifel ganz normal menschlich-kulturell, wie Gott seine Offenbarung an Menschen inspirierte und dann verschriftlichen ließ.
Das Diktat jedenfalls scheidet aus. Auf diese Weise (vgl. Koran) ist weder das AT, noch das NT entstanden.
Von Gott gegebene, mündliche Überlieferungen über Generationen hinweg seit Adam und Eva? Das klingt mir sehr fantastisch und unrealistisch. Es überzeugt mich nicht. Es steht auch nichts davon in der Bibel, dass ich oder andere Christen das glauben müssten.
Wie auch immer, in der Bibel steht davon nichts, dass die Bibel am menschlichen Entstehungsweg vorbei wunderhaft-einmalig, an menschlichen Verfahren vorbei, entstanden sei. Das AT ist vielmehr normal auf menschlichem Weg der Überlieferungen entstanden, wie ganz ähnlich auch das NT, die Gottes Geist bewusst lenkte und gestaltete. Das ist Grund zum Staunen und Loben Gottes!
Und daher ist die Einbettung in altorientalisch-kulturelle Kontexte völlig plausibel und auch gut nachvollziehbar und sehr natürlich verständlich und auch zugleich sehr gut aktiv göttlich gestaltbar. Was sollte denn da das Problem sein? Mir leuchtet das völlig ein. Und es freut mich, Gottes Wort im Menschenwort so wunderbar inspiriert als Offenbarung vorfinden zu können. Einfach genial!
Das wollte ich skizzenhaft als Bestandteile einer theologischen Hermeneutik zum Nachdenken anregen. BSFB

Hermeneutik der Bibel

Die verschiedenen Schriften der Bibel sind von Menschen in unterschiedlichen Situationen und Kulturen in menschlichen Sprachen geschrieben worden. Indes erhebt die Bibel von Anfang bis Ende den Anspruch, Wort Gottes und damit Offenbarung Gottes zu sein. Diese Spannung zwischen dem Anspruch ewiger Gültigkeit einerseits und der menschlichen Ausdrucksweise andererseits wird von Exegeten sehr unterschiedlich gewichtet. Umso grundlegender ist es, dass der Bibelleser versteht, wie er mit dieser Spannung in Bezug auf Auslegung und Anwendung der Bibel umgehen und wie sein Bibelverständnis an Tiefgang gewinnen kann. In dem vorliegenden Buch werden eingangs grundlegende Themen zu Bibel und Bibelverständnis behandelt. Dazu gehören etwa die Fragen, wie Inspiration und Autorität der Bibel zu begründen und zu verstehen sind, welche Beziehung zwischen Bibelübersetzung und Bibelauslegung besteht und wie man den Umfang der Bibel begründen bzw. abgrenzen kann. Ein wesentlicher Teil des Buches widmet sich der Frage, welche Bedeutung die unterschiedlichen Textarten der Bibel – wie z.B. Briefliteratur, Gleichnis, Gesetz, narrativer, poetischer und apokalyptischer Text – in Bezug auf ihre Auslegung und Anwendung haben. Dazu werden grundlegende Prinzipien aufgezeigt, die anhand von Beispielen illustriert werden. Damit kann dieses Buch nicht nur dem Studierenden der Theologie, sondern jedem, der sich auf irgendeine Weise tiefgründiger mit der Bibel beschäftigt, eine wichtige Arbeitsgrundlage werden. Jacob Thiessen

Gibt es eigentlich unwahre Erzählungen?

Manchmal geschehen Schlüsselereignisse. Eines davon war für mich die Begegnung zwischen Dr. Siegfried Zimmer und Dr. Lothar Gassmann zum Thema Bibeltreue, Bibelforschung und Bibelkritik im Jahre 2012.
Nun, um es kurz zu machen: Dr. Zimmer hat den Vortrag von Dr. Gassmann in kurzer Zeit zerstört. Natürlich konnte er sich dabei voll auf seine rhetorischen Fähigkeiten verlassen. Ich muss zugeben, ich war damals ebenfalls ziemlich schockiert, dass liberale Theologie derart leichtes Spiel hat. Nachträglich betrachtet, bin ich für diese extrem harte Erfahrung auch gleichermaßen dankbar. Eine damals von Dr. Zimmer formulierte These, möchte ich heute aufgreifen – weil Sie mir unabhängig von Dr. Zimmer regelmäßig den Weg kreuzte.
Damals argumentierte Zimmer (unter anderem) so, um zu erklären, warum die Bibel Wahrheit bleibt, ohne an Ihrer Unfehlbarkeit (oder göttlichen Inspiration) festhalten zu müssen: Der Wahrheitgehalt einer Aussage oder einer Erzählung hängt nicht davon ab, ob das berichtete wirklich stattfand. Er erzählte sehr bildlich von Victor Hugo, der das Leben der Ärmsten von Frankreich an eigenem Leib erlebte, weil er sich freiwillig entschied, über einen längeren Zeitraum in einem Armenviertel zu leben. Zurück im Bürgertum veröffentlichte er sein Meisterwerk „Die Elenden„, was in der französischen Welt zu einem Umdenken in sozialen Fragen führte. „Die Elenden“ ist dabei vollständig fiktiv und beschreibt doch die Unterschicht genau und präzise. Sie wäre also eine wahre Geschichte. Ähnlich berichtet auch die Bibel über Schöpfung, Inkarnation, Auferstehung und Pfingsten wahr, ohne dass diese Ereignisse unbedingt stattgefunden haben müssen.
Ein kleiner aber nicht unwichtiger Einwand
Nun könnte man hier verschieden argumentieren. Zum Beispiel so, dass es nicht möglich ist, Christ zu sein, wenn man die Inkarnation und die Auferstehung ablehnt. Das hat bereits das erste christliche Bekenntnis so festgehalten und reflektierte damit nur die apostolische Lehre (Vgl. z.B. 1.Kor. 15,14). Man könnte darauf verweisen, dass die Autoren des Neuen Testamentes (insbesondere Lukas, der auf besondere Weise gerade über die Inkarnation und Auferstehung ausführlich berichtet) den Anspruch erheben, Geschichte und nicht Fiktion zu schreiben (Vgl. Luk. 1,3: „…nachdem ich von Anfang an sorgfältig erkundet habe…“).
Doch vor einigen Wochen wurde mir klar, dass das Argument eigentlich vollständig an den Haaren herbeigezogen ist, und es nur deswegen so schwer zu durchschauen war, weil man hungernde Kinder französischer Kurtisanen vor Augen hatte, die plötzlich Aussicht auf etwas mildere Umständen besaßen, nachdem Hugo sein Buch veröffentlicht. Wie warm es einem da ums Herz wird, nicht?
Drehen wir aber den Spieß einmal um: Welche Erzählung ist eigentlich nicht wahr? Wäre ein Buch, dass eine Lüge ist, nicht auch lehrreich? Man denke nur an den Baron von Münchhausen? Angenommen ich erfinde eine Geschichte, die eine bitterböse Satire ist, in der alles überzeichnet wäre. Könnte nicht genau diese das postmoderne europäische Weichei genau an der nötigen Stelle treffen? Wie sollte es möglich sein, nicht wahr zu schreiben? Vielleicht, in dem man über die Zukunft fantasiert? Orwell tat dies mit 1984; er bewegte und bewegt damit einiges. Wie treffend er sozialistisch getarnte Überwachung enttarnte. Wäre ein Märchen eine Lüge? Kurz: Ist nicht auch eine Lüge nicht bereits deswegen in einem bestimmten Sinne wahr, weil Sie nur als Gegenkonzept zur Wahrheit Sinn macht. Selbst wenn jemand also ein verleumderisches und irreführendes Werk „alternativer Fakten“ veröffentlichen würde, wäre letzen Endes (vor allem aus einem historischen Blickwinkel), auch dieses Buch wahr, weil es einen ungeahnt ehrlichen Blick auf die Herzen der Menschen zulässt.
Was nützt uns diese Überlegung? Das von Dr. S. Zimmer vorgebrachte Argument erscheint zunächst deswegen derart treffend, weil es uns so bekannt vorkommt. Mit „wahrer Fiktion“ sind wir durchgehend konfrontiert. (Wie oft argumentieren wir z.B. so: „Nehmen wir einmal an, dass…“) Die oben aufgeführten Beispiele sollen zeigen, dass diese Argumentation aber kein geeignetes Werkzeug zum Zugang an den biblischen Text sein kann (Dabei hat auch die Bibel genug „Nehmen wir einmal an…“-Erzählungen). Der Anspruch der Bibel ist ein Anderer. Sie erhebt den Anspruch als Gottes Wort zu offenbaren, was Wahrheit und was Lüge ist. Sie will die Leitkultur definieren (und tut es auch), an der wir die Wirkung von Hugos Werken messen. Sie offenbart Gottes Maßstäbe, die erklären, warum Satire für einen gefallenen Menschen nötig wird. Gleichzeitig pocht sie durchgehend auf ihre Historizität. Es ist unpassend und völlig unprofessionell von Generellem („Lektionen, die wir aus einem Buch, einer Geschichte, einem Märchen ziehen können“) auf Spezielles („Die Frage, ob die Bibel Gottes Wort ist“) zu schließen. Genauso gut, hätte man auch der Typographie der unterschiedlichen Bibelausgaben nachgehen können. Man würde Antworten bekommen, aber nicht auf die Frage die man gestellt hat: Ist die Bibel zuverlässig? Das Anerkennen der kulturgeschichtlichen Bedeutung der Bibel, macht keinen Menschen zu einem Christen. Meine Kritik an diesem Argument ist also der, dass Zweifel fromm verkauft wird. Nun ist keiner gezwungen, der Bibel zu glauben und diese als Gottes Wort anzunehmen. Der vorgebrachte „Work-Around“ eignet sich aber definitiv nicht als ein Kriterium, um das zu bewerten.
Kurz: Die Bibel wird nicht dadurch wahr, weil sie sich für uns wahr anfühlt, oder weil wir ein paar ganz nette Lehren daraus ziehen, die unser soziales Verhalten ein bisschen verändern, sondern weil sie Gottes Wort ist. Glaubst du das? Sergej Pauli
http://biblipedia.de/2020/01/01/gibt-es-eigentlich-unwahre-erzaehlungen/?fbclid=IwAR1H4hDLdVbCezJ-Lb1Eoef2v4j3-yp6fbQu5v4aAN8VnOdjpGZL4HfVXyY