Biologe Scherer: „Fortpflanzungsbiologen unterscheiden zwei Geschlechter – und zwar genau zwei“

Nicht erst seit einem abgesagten Vortrag von Marie-Luise Vollbrecht erhitzt eine Frage die Gemüter: Wie viele biologische Geschlechter gibt es eigentlich? Der Biologe Siegfried Scherer hat eine klare Antwort – und einen Tipp für Christen.

PRO: Was ist eigentlich ein Geschlecht?

Siegfried Scherer: Ich antworte als Biologe. In der Biologie zeigt das biologische Geschlecht bei sich sexuell fortpflanzenden Arten an, welche Individuen beim Fortpflanzungsprozess große Eizellen und welche Individuen kleine Samenzellen bilden. Die, die große Eizellen bilden, nennt man weiblich, und die, die kleine Samenzellen bilden, nennt man männlich. Das ist querbeet in der gesamten Biologie so.

Es gibt also auch Tierarten, die sich nicht sexuell fortpflanzen?

Es gibt viele Organismen, die sich vegetativ fortpflanzen. Die haben also keine Geschlechter, die Zellen teilen sich einfach, zum Beispiel Bakterien. Wenn wir in der Biologie von  Geschlecht sprechen, dann meinen wir sexuelle Fortpflanzung. Tatsächlich gibt es sehr selten weibliche Tiere, die keine Männchen zur Fortpflanzung benötigen, sie bilden Eizellen, die sich aber ohne Spermium zu Nachkommen entwickeln können. Das ist kein drittes Geschlecht, es handelt sich nach wie vor um Weibchen. Bei Säugetieren und beim Menschen kommt das übrigens nie vor. 

In der Biologie ist die Anzahl der Geschlechter unumstritten

In der Biologie geht es bei Geschlecht also darum, wer welche Rolle bei der Fortpflanzung spielt. 

Ja, eigentlich ganz einfach. Die, die große Eizellen machen, sind die Weibchen, und die, die kleine Samenzellen machen, sind die Männchen. Das biologische Geschlecht ist ein eindeutig definierter Begriff aus der Fortpflanzungsbiologie.

Männlich und weiblich, Eizelle oder Spermium – also kennt die Biologie nur zwei Geschlechter? 

Die Fortpflanzungsbiologen unterscheiden zwei Geschlechter – und zwar genau zwei Geschlechter, das weibliche und das männliche Geschlecht. Weitere biologische Geschlechter sind nicht bekannt, weder beim Menschen noch bei sexuell sich fortpflanzenden Tieren noch bei Pflanzen. 

Angesichts der Diskussionen über das Thema Geschlecht hört sich das sehr einfach an.

Das ist nun mal das Ergebnis der biologisch-wissenschaftlichen Forschung der letzten Jahrhunderte. Natürlich gibt es auch Aberrationen, Abweichungen und Mutationen. Das ändert aber nichts daran, dass es in der Fortpflanzungsbiologie genau zwei Geschlechter gibt.

Wie entsteht eigentlich das biologische Geschlecht? Ist es schon von Anfang an festgelegt, dass ein Mensch männlich oder weiblich wird?

Normalerweise schon. Das Geschlecht wird genetisch determiniert durch die Geschlechtschromosomen X und Y. XX ist weiblich, XY ist männlich. Im Laufe der Embryonalentwicklung wird das biologische Geschlecht auch anatomisch sichtbar. In den ersten sieben Wochen sind männliche und weibliche Embryonen nicht voneinander zu unterscheiden. Erst danach bilden sich in der Embryonalentwicklung die primären Geschlechtsorgane aus, also Hoden oder Eierstöcke, in denen die Eizellen und Samenzellen gebildet werden. 

Es gibt auch Fälle von Intersexualität, bei denen sich also beim Fötus trotz XX-Chromosom ein Penis entwickelt.

Es gibt eine ganze Menge von unterschiedlichen Ausbildungen im Bereich der Intersexualität. Diese Menschen sind Träger von sehr seltenen Mutationen, manchmal auch Chromosomen-Anomalien. Mutationen sind Fehler in der DNA-Sequenz von Genen, die für die Ausbildung der primären Geschlechtsorgane notwendig sind. Aufgrund solcher Erbgutfehler ist die embryonale Ausbildung der primären Geschlechtsorgane gestört. Dies kann mehr oder weniger drastisch ausfallen, ist aber selten, die Zahlen liegen bei etwa 0,5 bis 1 Prozent. Diese Störungen in der Sexualentwicklung führen aber nicht zu einem weiteren biologischen Geschlecht, wie das mitunter fälschlicherweise behauptet wird, sondern diese Mutationen im Erbgut stören die Ausprägung eines der beiden biologischen Geschlechter.

Das kann dramatische Folgen bis hin zu Unfruchtbarkeit und zu verschiedensten körperlichen Störungen haben. Für die betroffenen Menschen ist das notvoll, sie brauchen sexual-medizinische und psychologische Hilfe. Unsere Gesellschaft ist mit diesen Menschen leider nicht immer gut umgegangen. Da gibt es viele Versäumnisse in der Vergangenheit.

„Intersexuell“ bedeutet „zwischen den Geschlechtern. Das Bundesverfassungsgericht hat geurteilt, dass es dafür eine positive, nicht ausschließende Bezeichnung geben muss. Heute ist von „divers“ in Bezug auf das Geschlecht die Rede. Ist das nicht also ein „drittes Geschlecht?
Ich habe nichts dagegen, wenn wir diese Menschen als divers bezeichnen. Dann bewegen wir uns nicht mehr im biologischen, sondern im soziologischen Bereich. Und selbstverständlich sind das nicht Menschen zweiter Klasse, sie sind vollwertige Menschen, mit einer Besonderheit. Es ist wichtig, dass wir darüber reden, wie wir auf eine gute Weise miteinander umgehen. Beim Begriff „divers“ handelt es sich biologisch gesehen nicht um ein weiteres Geschlecht, es ist ein Sammelbegriff für zahlreiche Abweichungen in der Sexualentwicklung. 

„Bis heute ist kein drittes biologisches Geschlecht im Sinne der Fortpflanzungsbiologie bei den Säugern beschrieben worden.“

Ist die Frage, wie viele Geschlechter es gibt, innerhalb der Biologie umstritten? 

Nein. Schlicht und ergreifend nein. Es gibt zwei biologische Geschlechter und es ist bis heute kein drittes biologisches Geschlecht im Sinne der Fortpflanzungsbiologie bei den Säugern beschrieben worden. 

Der Sexualwissenschaftler Heinz-Jürgen Voß hält von Zweigeschlechtlichkeit nichts. Über den viel diskutieren Vortrag von Marie-Luise Vollbrecht sagte er: „Den heutigen Fachdebatten in unserer Disziplin trägt sie gar nicht Rechnung. Wissenschaftlich wird von Variabilität und individueller Vielfalt ausgegangen.“ Ist das falsch?

Ich habe den Vortrag von Frau Vollbrecht natürlich angehört. Sie hat den aktuellen Stand der Fortpflanzungsbiologie auf einem allgemeinverständlichen Lehrbuch-Niveau korrekt dargestellt. Die biologische Zweigeschlechtlichkeit wird durch genetische oder auch hormonelle Störungen nicht in Frage gestellt. Ein weiteres biologisches Geschlecht, welches für die Fortpflanzung der Lebewesen eine Rolle spielt, ist bis heute nirgends beschrieben worden. Mir erschließt es sich nicht, von welchen Fachdebatten Herr Voß spricht. Wahrscheinlich bezieht er sich auf soziologische Debatten.

Er hat Biologie studiert und dann am Fachbereich Sozialwissenschaften der Universität Bremen mit einer Arbeit zum Thema „Geschlechter-Dekonstruktion aus biologisch medizinischer Perspektive“ promoviert. Offenbar definieren die Sozialwissenschaften Geschlecht ganz anders als Biologen. 

Ja, offenbar. In der Biologie gibt es zwei Geschlechter, das ist der wissenschaftliche Stand. Ich glaube, ich wiederhole mich. 

Tja.

Wir wissen als Biologen alle, dass es eine große biologische Variabilität gibt. Und natürlich sprengen intersexuelle Fehlbildungen die klaren Kategorien von Mann und Frau. Aber sie erzeugen keine weiteren biologischen Geschlechter, sondern sie stören oder, im Extremfall, zerstören ein fortpflanzungsbiologisches Geschlecht. Soziologen sprechen vom sozialen Geschlecht, also Gender. Mir ist nicht klar, ob es für den Begriff „soziales Geschlecht“ eine objektivierbare, wissenschaftliche Definition gibt, so wie für das biologische Geschlecht. Wenn ich höre, dass es über 100 Geschlechter geben soll, dann kommt mir persönlich die Sache doch irgendwie inflationär vor. 

Manche Menschen fühlen sich nicht wohl mit ihrem Geschlecht, obwohl es biologisch eindeutig ist.

Das gibt es, leider. Da geht es um Transsexualität. Ich glaube, dass das sehr unterschiedliche Ursachen haben kann. Es kann genetische Ursachen haben, zum Beispiel dass die Produktion von Geschlechtshormonen auf- oder abreguliert ist. Wenn bei einer Frau – also genetisch XX – die Testosteron-Produktion hochreguliert ist, hat das auf den ganzen Körper  einen Einfluss. Es kann daher sein, dass diese Frauen gewissermaßen hormonell „vermännlichen“, was man bis ins Gehirn hinein auch feststellen kann. Wenn andererseits bei Männern – also genetisch XY – zu wenig Testosteron gebildet wird, kann es sein, dass zwar die primären männlichen Geschlechtsorgane vorhanden sind, aber dass es trotzdem gewissermaßen zu einer „Verweiblichung“ kommt.  

Vorsicht bei Geschlechtsumwandlungen

Aber auch Belastungen wie bei schrecklichen Lebenserfahrungen können dazu führen, dass Menschen in ihrer geschlechtlichen Identität ins Schwimmen kommen. Das wissen Psychologen aber besser als ich. Es gibt eine große Bandbreite an Ursachen, warum ein Mensch sich nicht identifizieren kann mit seinem biologischen Geschlecht. Das muss man ernst nehmen und verantwortlich damit umgehen. Besonders liegen mir da die Teenies am Herzen. Wenn ich lese, dass der Gesetzgeber plant, dass ein Kind mit 14 Jahren ohne die Eltern entscheiden darf, ob es sich umoperieren lässt in seiner Geschlechtszugehörigkeit, dann packt mich das kalte Grausen. Das muss zum Schutz der Kinder verhindert werden. Verstehen Sie mich richtig, ich habe nichts grundsätzlich gegen Geschlechtsumwandlungen. Man muss aber sehr sorgsam abwägen, um sicher sagen zu können, in welchen Fällen das sinnvoll ist. So etwas ist irreversibel und kann ein Leben zerstören.

„Es ist wenig sinnvoll, soziologische Begriffe mit biologischen Begriffen zu verwechseln.“

In der aktuellen Version der Internationalen statistischen Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme – ICD-11 – ist die Transsexualität und alle damit in Zusammenhang stehenden Diagnosen entfernt worden. Es ist also nicht mehr die Rede von einer Störung.
Ich kann es voll verstehen, wenn ein betroffener Mensch sich nicht in eine pathologische Schublade stecken lassen will, weil das vielleicht gesellschaftliche Konsequenzen hat. Es geht ja hier nicht um schiefe Zähne oder ein krumme Nase, sondern hier ist die ganze Persönlichkeit und Individualiät des Menschen betroffen. Für mich bedeutet eine solche Störung keine Abwertung der Person. Die betroffenen Menschen können nichts dafür. Ich bin selbst auch betroffen. Auch in meiner individuellen Sexualentwicklung hat es eine genetische Abweichung gegeben: Ich bin unfruchtbar. Das hat mit einem weiteren Geschlecht nichts zu tun. Das ist eine Störung meiner Sexualentwicklung, eine tragische und weitreichende Störung – was denn sonst?
Aber das hat mit meinem Wert als Mensch und als Mann nichts zu tun. Wir sollten sehr feinfühlig und ohne Tabuisierung mit diesen Dingen umgehen. Es ist vermutlich nicht hilfreich, von Krankheit zu sprechen. Es kommt viel mehr darauf an, wie wir mit den Menschen umgehen, wie wir ihnen helfen und wie wir sie als Gesellschaft integrieren. Das ist die eine Seite.
Aber die andere Seite ist, dass es wenig sinnvoll ist, soziologische Begriffe mit biologischen Begriffen zu verwechseln. 
Ihre Studenten sind jung und wachsen mit einem anderen gesellschaftlichen Bild auf als noch ihre Eltern. Sind die irritiert darüber, dass die Biologie nur zwei Geschlechter kennt? Erleben Sie da eine Debatte über das Thema?
Meine Studierenden sind von der biologischen Zweigeschlechtlichkeit sicher nicht irritiert, das ist für die normal, schließlich studieren sie Biologie, aber sie finden wohl alle, dass wir mit allen Menschen auf eine gute Weise umgehen sollen, und dass wir an solchen Fragen keinerlei Wertungen vornehmen. Das hat sich auch gesellschaftlich durchgesetzt – hoffe ich jedenfalls. Und das ist positiv.
Wenn Wissenschaft in der Vergangenheit angefeindet wurde, dann oft, weil sie bestimmte Paradigmen in Frage gestellt hat. Im Fall von Marie-Luise Vollbrecht scheint es anders zu sein: Sie erlebt Anfeindungen, weil sie einen biologischen Konsens öffentlich vertritt – bis dazu, dass ihr Vortrag aus Sicherheitsgründen verlegt wurde. Fürchten Sie um die Freiheit der Forschung? Oder wäre das übertrieben?
Ich habe zunehmend den Eindruck, dass man bei kontroversen Themen mehr Prügel als früher bekommt, wenn man seine Meinung äußert. Und ich fürchte, dass an Universitäten immer stärker eine Cancel Culture um sich greift und auch die freie Meinungsäußerung an Universitäten eingeschränkt wird. Ich bin aus diesem Grund Mitglied beim Netzwerk Wissenschaftsfreiheit geworden. Darin haben sich inzwischen viele Professoren und Akademiker zusammengetan, die sehen, dass da etwas in die falsche Richtung läuft. Ich habe sehr bedauert, dass die Leitung der Humboldt-Universität den Vortrag aus Sicherheitsgründen abgesagt hat. Wenn ich Universitätspräsident wäre, dann hätte ich bei Sicherheitsbedenken die Veranstaltung eben unter Polizeischutz gestellt. Es kann nicht sein, dass wissenschaftliche Meinungen nicht mehr geäußert werden können. Wir müssen aufpassen.
In der Bibel heißt es in Genesis: „Und Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde. Zum Bilde Gottes schuf er ihn und schuf sie als Mann und Frau.“ Wie können Sie es theologisch einsortieren, dass es auch Menschen gibt, die eben nicht Mann oder Frau sind – oder sich zumindest nicht so fühlen?
Der Schöpfungsbericht bestätigt zunächst den biologischen Befund: Der Mensch ist Mann oder Frau. Die Rabbiner in der jüdischen Tradition wissen aber ganz genau, dass es auch intersexuellen Formen gibt. Das wird von der religiösen Tradition oder von der Bibel also nicht ausgeblendet. Wir leben nicht in einer perfekten Welt, sondern in einer gefallenen Schöpfung. Das sehen wir unter anderem in der Genetik in allen Bereichen unserer Gene – und eben auch in der Sexualentwicklung. Dass ich mich nicht fortpflanzen kann, das gehört nicht zur guten Schöpfung Gottes, sondern es ist eine der Konsequenzen unserer gefallenen Welt. Die Bibel ist da sehr realistisch und wir sollten es auch sein. Wenn Christen ausblenden, dass es zum Beispiel intersexuelle Menschen gibt, und wenn sie diese gar als Sünder betrachten, dann läuft da was grundfalsch. 
Vielen Dank für das Gespräch.
https://www.pro-medienmagazin.de/biologie-scherer-wie-viele-geschlechter-gibt-es/