Jüngerschaft bedeutet Wachstum

Der griechische Begriff „Jünger“ bedeutet wörtlich „Lehrling“. Jünger sollen also vom Meister lernen, sie sollen Fortschritte machen. Gibt es bei uns im Glaubensleben einen Lernfortschritt? Wachsen wir geistlich? Diesen Aspekt der Jüngerschaft untersuchen wir im folgenden Artikel.
Ein Schüler ist nicht über dem Lehrer
Carl Friedrich Gauß (1777–1855), ein großer deutscher Mathematiker, war schon als Kind ein brillanter Denker. Berühmt ist eine Anekdote aus Gauß‘ Schulzeit: Sein Lehrer stellte der Klasse die Aufgabe, die Zahlen von 1 bis 100 schriftlich zusammenzuzählen – eine aufwändige Fleißaufgabe für achtjährige Schüler, die dem Lehrer eine Zeit lang Ruhe im Klassenraum verschaffen würde. Doch nach drei Minuten stand der kleine Carl Friedrich mit seiner Schiefertafel vor dem Lehrerpult. Das richtige Ergebnis und der geniale Rechentrick verblüfften den strengen Lehrer. Nach dem Unterricht gab er Gauß ein schwieriges Mathematikbuch, das dieser ihm am nächsten Tag zurückgab, mit dem Hinweis, er habe das Buch durchgearbeitet. Nach einer halbstündigen Befragung erkannte der Lehrer, dass er es mit einem mathematischen Genie zu tun hatte. „Er ist mir über. Ich kann ihm nichts mehr beibringen“, stellte der Pädagoge fest.
„Er ist mir über“ – Der Schüler ist besser als sein Lehrer?! Das ist sicherlich die Ausnahme, denn um Lernfortschritte bei den Schülern erzielen zu können, muss der Lehrer notwendigerweise kompetenter sein als die Lernenden. Im Geistlichen gilt ein ähnliches Prinzip. Der Herr Jesus selbst erwähnt diesen Grundsatz gegenüber seinen Jüngern in Lukas 6,40: „Ein Jünger steht nicht über dem Lehrer“. Das gilt auch für heutige Jünger: Wir stehen nicht über dem Herrn Jesus, wir wissen Dinge nicht besser als Er. Nein, die Rollen sind klar verteilt – Er steht als der vollkommene Lehrer über uns, wir lernen von Ihm. Aber der Vers in Lukas 6 geht noch weiter: „Jeder aber, der vollendet ist, wird sein wie sein Lehrer.“ Wenn wir gerade betont haben, dass wir niemals über dem Meister stehen können, so erkennen wir jetzt, dass es aber eine Möglichkeit gibt, Ihm gleich zu sein! Wir können sein „wie der Lehrer“ – nämlich dann, wenn wir vollendet sind.
Vollendet sein – erwachsen sein
Was bedeutet es, vollendet zu sein? Ein perfekter Christ zu sein, der nie mehr sündigt? Nein, gewiss nicht. Das griechische Wort bedeutet „zugerüstet, vollkommen gemacht“ . Es beschreibt den geistlichen Zustand, in den Gott uns schon hier auf der Erde bringen möchte. Gott möchte, dass wir reife, erwachsene Christen werden. Paulus beschreibt das so: „damit der Mensch Gottes vollkommen sei, zu jedem guten Werk völlig geschickt“ (2. Tim 3,17).
Im Neuen Testament gibt es eine Reihe von „Wachstumsversen“, die uns zeigen, was einen erwachsenen, „vollkommenen“ Jünger ausmacht[1]. Hier eine kleine Auswahl von Kennzeichen:
Erkenntnis Christi: „Wachst in der … Erkenntnis unseres Herrn und Heilandes Jesus Christus“ (2. Pet 3,18). Erwachsene Christen kennen die zentrale Person, um die sich alles dreht: Sie kennen Christus in seinen verschiedenen Herrlichkeiten, als Heiland am Kreuz, als Herrn in ihrem Leben, als Mensch auf der Erde und als verherrlichten Christus im Himmel (vgl. Eph 4,13; 1. Joh 3,14). Dabei meint „kennen“ mehr als ein lehrmäßiges Wissen, es meint ein Ausleben dieser Wahrheiten; „erkennen“ geschieht mit dem Herzen, nicht nur mit dem Kopf.
Christusähnlichkeit: Christus zu (er)kennen, bewirkt ein Leben, das die Wesenszüge Christi zeigt. Deshalb werden Eigenschaften wie Freude, Frieden und Gnade mit Vollkommenheit in Verbindung gebracht (2. Kor 13,11; 2. Pet 3,18). Ein Jünger hält sich nah bei seinem Lehrer auf, pflegt enge Gemeinschaft mit Ihm und wünscht, ein möglichst vollkommenes Ebenbild seines Meisters zu werden, wie wir in Lukas 6,40 gesehen haben: „Jeder aber, der vollendet ist, wird sein wie sein Lehrer.“
Geistliches Unterscheidungsvermögen: Ein erwachsener Christ hat „infolge der Gewöhnung geübte Sinne … zur Unterscheidung des Guten sowohl als auch des Bösen“ (Heb 5,14). Er ist gewohnt, Dinge an Christus und der Bibel zu messen. Dabei folgt ein solcher Jünger nicht einem gesetzlichen Regelkatalog (dafür braucht man kein geistliches Leben im Licht Gottes!), sondern besitzt durch den Heiligen Geist Weisheit und ein verständiges Herz, um Gutes und Böses zu unterscheiden (vgl. 1. Kön 3,9).
Festigkeit: Dank ihres geistlichen Beurteilungsvermögens werden geistlich Erwachsene – im Gegensatz zu geistlichen Kindern („Unmündige“) – nicht durch falsche Lehren, die man auf dem christlichen Sektor oder im Internet findet, verunsichert (Eph 4,14-15). „Vollkommen gemachte“ Gläubige stehen gegründet und befestigt in der biblischen Wahrheit (1. Pet 5,10).
„Puh, was für ein hoher Anspruch! Das schaff ich nie?!“ Denkst du das jetzt auch? Bitte leg an dieser Stelle das Heft nicht frustriert weg. Gott lässt uns auch „jung“ sein – Er fordert von einem Baby nicht, ein Erwachsener zu sein. Aber Er möchte, dass wir nicht immer ein „geistliches Baby“ bleiben, sondern reife Christen werden, indem wir „zu dem Maß des vollen Wuchses“ gelangen (Eph 4,13; Heb 6,1). Im natürlichen Leben wäre es doch auch ziemlich seltsam, wenn ein zwölfjähriges Kind noch krabbeln würde, oder? Deshalb beschäftigen wir uns im zweiten Teil des Artikels damit, wie wir geistlich erwachsen werden können.
Der Weg zum Erwachsensein? Wachsen!
Um körperlich zu wachsen, benötigt ein Kind gesunde Nahrung. Um geistig und kognitiv zu wachsen, sind für ein Kind Belehrung, Vorbild und Erfahrungen wichtig. Die Bibel benutzt diese Bilder aus dem natürlichen Leben, um uns zu zeigen, wie wir geistlich wachsen und lernen können.
Nahrung: Das Wort Gottes bietet uns die nötige Nahrung im Wachstumsprozess. „Deine Worte waren vorhanden, und ich habe sie gegessen“ (Jer 15,16). Das regelmäßige Bibellesen ist für einen Jünger Jesu unerlässlich – selbst wenn es mal nicht so „schmeckt“. Wir dürfen sogar richtig „gierig“ nach dem Wort Gottes sein (1. Pet 2,2)! Wer allerdings ausschließlich Milch trinkt, wird niemals erwachsen werden, irgendwann ist „feste Speise“ nötig (Heb 5,13). – Lies nicht immer nur die „Sonntagschulgeschichten“ in der Bibel, sondern bemühe dich mal, mit einer guten Bibelauslegung die schwierigeren Abschnitte zu verstehen oder auch die lehrmäßige Bedeutung der Begebenheiten zu entdecken, die du vielleicht schon aus der Sonntagschule kennst.
Belehrung: Gerade für das Verständnis von schwierigen Bibelabschnitten ist gute Anleitung hilfreich. Auch „feste Speise“ kann durch die verständliche Auslegung eines Lehrers mundgerecht serviert werden. Die in diesem Artikel schon mehrfach angeführten Wachstumsverse in Epheser 4,12-15 stehen nicht umsonst in unmittelbarem Zusammenhang mit der Gabe des Lehrers zur „Auferbauung des Leibes“. – Hörst du aufmerksam zu, wenn in den Zusammenkünften oder auf Bibelkonferenzen das Wort Gottes erklärt wird – besonders dann, wenn es um die neutestamentliche Lehre geht? Lass dir doch mal einen guten Bibelkommentar schenken, der deiner geistlichen Wachstumsphase entspricht.
Vorbild: Lernen durch Nachahmung ist eine der effektivsten Arten zu lernen. Wir kennen das vom Sport: Der Trainer macht eine Übung vor, die anderen machen sie möglichst exakt nach. – Um Christus ähnlicher zu werden, musst du Ihn nachahmen, und seine Worte, seine Taten und seine Empfindungen anhand der Bibel gründlich studieren. Mit zunehmender geistlicher Reife sollte dann Christus immer mehr Gestalt in dir gewinnen (Gal 4,19). Neben dem vollkommenen Vorbild des Herrn, gibt es auch reife Gläubige, von denen wir lernen können, deren Glauben wir nachahmen können (Heb 13,7; Phil 3,17).
Erfahrungen: Positive Erfahrungen mit deinem Herrn (beispielsweise Gebetserhörungen) bestärken dich in deinem persönlichen Glaubensleben und ermutigen dich, die Gemeinschaft mit Ihm zu vertiefen. Ein Beispiel sind die Jünger, deren Auftreten in der Apostelgeschichte in mancher Hinsicht dem Verhalten des Herrn Jesus ähnelt – ihre Erfahrungen mit ihrem Meister hatten sie geprägt.
Geistliches Wachsen und Lernen ist ein lebenslanger Prozess! Lasst uns als Jünger Jesu versuchen, seinem Wunsch zu folgen und Ihm ähnlicher zu werden: „Es ist dem Jünger genug, dass er sei wie sein Lehrer und der Knecht wie sein Herr“ (Mt 10,25). Autor: Jens Krommweh
https://www.folgemirnach.de/2020-06-juengerschaft-bedeutet-wachstum-a3497.html

Der Preis der Nachfolge

Eines Tages zogen große Menschenmengen hinter Jesus her. Vielleicht bekannten sie sich lautstark zu ihm und schworen ihm in Sprechchören Gefolgschaft. Jesus aber wusste, wie oberflächlich ihre Anhänglichkeit war. Er blieb stehen und erzählte ihnen ein Gleichnis, das sie zur Besinnung bringen sollte: »Wer ist unter euch, der einen Turm bauen will, und setzt sich nicht zuvor hin und überschlägt die Kosten, ob er genug habe, um es auszuführen? damit nicht, wenn er den Grund gelegt hat und kann’s nicht ausführen, alle die es sehen, über ihn spotten, und sagen: Dieser Mensch hat angefangen zu bauen und kann’s nicht ausführen« (Luk. 14,28-30).
Die Landschaft der Kirche ist übersät mit solchen halbfertigen Bauwerken, mit gescheiterten Existenzen, die anfingen, was sie nicht durchhalten konnten. Tausende von Menschen entschließen sich Jahr für Jahr, Christus nachzufolgen, ohne das Risiko dieses Unternehmens zu bedenken. Das Ergebnis ist eben jenes nominelle Christentum, von dem wir vorhin sprachen, das große Ärgernis in der heutigen Welt.
In Ländern, die von einer christlichen Kultur erfasst wurden, haben die Menschen in großer Zahl ein Christentum übernommen, das ihnen doch nicht unter die Haut ging. Das alte Holz ist nur mit einem christlichen Furnier überzogen worden. Es reichte aus, um in einer Gesellschaft, die nicht besser war, zu Ansehen zu kommen. Es war aber nicht genug, um diese Gesellschaft umzuwandeln. Ja, man machte es sich auf christliche Art recht gemütlich. Diesem Grundübel begegnen wir heute allerdings vor allem gerade in den »alten« Kirchen. Kein Wunder, dass unsere Kritiker von den frommen Heuchlern in der Kirche sprechen und den Glauben als eine Flucht aus der Wirklichkeit abtun.
John R. W. Stott – Grundkurs christlicher Glaube Seite 104

Keine Alternative und das Outsourcing der Gemeinde

“Jünger” Jesu sind von der Bedeutung her Lernende
Sie sitzen nicht im Klassenraum, sondern sind in der Lebensgemeinschaft mit Jesus Christus und miteinander. Das Lernen findet via learning by doing statt. Fragen werden während der Tätigkeit geklärt.
Und zwischendurch immer wieder das: “Und jetzt versucht es selbst!”
So will Jesus es fortgesetzt haben. In Matthäus 28,18 ff sagt Jesus: “Geht hin.. macht alle Völker zu meinen Jüngern….”
Aber damit hört es nicht auf.
Weiter spricht Jesus: “…und lehrt sie halten alles, was ich euch geboten habe…”
Und was hat Jesus geboten?
“Geht hin und macht alle Völker zu meinen Jüngern!”
Natürlich hatte Jesus noch viel mehr Weisungen in der Tasche.
Doch viele von ihnen zielen letztlich darauf ab, in der Gemeinschaft mit Ihm zu bleiben. Eben in der Lebens- und Lerngemeinschaft zu sein.
Dort lernen wir, Gott und den Nächsten zu lieben wie uns selbst.
Es gibt keine bessere Reaktion auf die Gottes Liebe zu uns.
Es ist ohne Alternative im Christsein.
Interessanterweise haben viele Gemeinden diesbezüglich schon früher das Outsourcing als manche Firma betrieben.
Die Lehre wurde in die Bibelschulen und Universitäten verlegt.
Die Evangelisation wurde einzelnen Organisationen übertragen.
Die Diakonie wurde ebenso ausgelagert.
Auch für den Lobpreis lassen sich Bands anheuern.
Und für die Seelsorge sucht man sich am besten einen Profi außerhalb der Gemeinde.
Nichts gegen diese “Verstärker” in der christlichen Landschaft. Es gibt viele hilfreiche Symbiosen zwischen solchen Einrichtungen und Gemeinden.
Und doch muss es dann nicht wundern, wenn sich das Gemeindeleben auf die sonntägliche Gottesdienstfeier konzentriert. Denn das kann man ja nicht auch noch “outsourcen”.
Vielleicht ist auch diese Entwicklung ein Grund dafür, weshalb Jüngerschaft kaum in den Gemeinden gelebt wird.
Glaubst’e nicht?
Dann gehe in Deine Gemeinde und frage:
“Wer von Euch begleitet jemanden im Glauben, so dass dieser wiederum befähigt ist, zu den Menschen zu gehen und andere zu Jüngern zu machen?”
Wahrscheinlich wird sich – abgesehen vom bezahlten Pastor – kaum jemand daraufhin melden.
Es ist Zeit, dass Jüngerschaft wieder in den Gemeinden gelebt wird!
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