Kein Krimi kommt so schnell zur Sache, wie unsere Bibel.

Da lernt man auf den ersten drei Seiten Adam und Eva, kennen. Sie müssen das Paradies verlassen, sie bekommen zwei Söhne, und schon überschlagen sich die Ereignisse. 1. Mose 4, 1-16
Ein Kriminalfall – Nr. 1 Kain und Abel
Es war eine dünne Akte. Nur ein paar Seiten. Schon oft hervorgeholt. Immer wieder weggelegt. Der Fall Nr. 1: Ein Brudermord. Die Lebensläufe von Täter und Opfer haben Lücken. Der eine ist Bauer, der andere Schäfer. Ihre Namen: Kain und Abel. Aber mehr wissen wir nicht. Die Eltern sind aus dem Paradies geflogen. Erst wurde Kain geboren, dann Abel. Es waren raue Zeiten. Adam, so der Name des Vaters, hatte hart zu arbeiten. Er musste sich seine Existenz mühsam aufbauen. Der Boden war widerspenstig, Ernten meist knapp und jeder Tag hart. Eva, die Mutter, wusste oft nicht, wie sie ihre Familie durchbringen sollte. Doch auch die Geschichte der beiden Eltern lässt sich kaum rekonstruieren.
Was hat Kain, was Abel vom Leben kennengelernt? Wie sind sie aufgewachsen? Was hat sie verbunden, was getrennt? Kain trat in die Fußspuren seines Vaters, Abel zog mit einer Herde Schafe von Weide zu Weide. Kain ist sesshaft geworden, Abel ein Nomade. Wie oft sich die beiden gesehen haben? Ich weiß es nicht. Die Ermittlungen kommen an ihre Grenzen. Gab es Konflikte? Sind sie über die Jahre gewachsen? Was gab den letzten Ausschlag – für den Mord an jenem Tag, an dem die Erde zum ersten Mal Blut schlucken musste? Unschuldiges Blut.
Die Erde als Nebenklägerin
Die Erde tritt als Nebenklägerin auf.
Ich blühe, ich wachse, ich gebe Raum, sagt sie. Leidenschaftlich. Gott hat mich für alle Menschen geschaffen. Ich bin ein großer Garten. Heimat für alle. Mit Mord und Totschlag, Krieg und Vertreibung, Flucht und Ausbeutung kann ich nicht leben. Eure Gewalt macht mich kaputt!
Geschwister
Meine Finger spielen mit den Blättern der Akte . Ich suche nach mehr. Es ist eine dünne Akte. Nur ein paar Seiten.
Kain hat wohl das Gefühl, zurückgesetzt, gar abgewiesen zu sein. Ist er zu kurz gekommen? Wurde er übervorteilt? Benachteiligt? Von seinen Eltern, von Abel, von Gott? Die Akte gibt nichts her. Blödes Gefühl. Ist Abel, der jüngere Bruder, mehr als er? Kain schweigt. Es ist auch nur von einem einzigen Anlass die Rede – es gibt keine Wiederholung, keine Steigerung, keine Serie.
Kain und Abel bringen Opfer dar, der eine mit Gaben vom Feld, der andere mit einem Lamm. Das Erste und das Erstbeste sollte Gott gehören. Aber Kains Opfer wird nicht angenommen, Abels Opfer wohl. Warum? Einen Hinweis, woran Kain die Ablehnung, Abel die Annahme gemerkt haben, finde ich nicht. Auch nicht, wie sie untereinander damit umgegangen sind. Haben sie darüber geredet?
Kam es zum Streit?
Gott haben sie nicht gefragt. Kain nicht, Abel auch nicht.
Warum hat Gott nicht die beiden Opfer annehmen können? Tief ist er jetzt in diese Geschichte verwickelt und verstrickt. Aber er sagt nichts dazu. Für Kain möchte ich jetzt einen Entschuldigungsgrund suchen, mildernde Umstände. Doch bin ich sein Anwalt? Was ist mit Abel? Der liegt erschlagen auf dem Feld. Arglos ist er mit seinem Bruder mitgegangen. Es gibt keine Zweifel, keine Ahnungen. Es wird ein Tag wie jeder andere gewesen sein. Ob die Sonne schien? Von einem Mord haben die beiden auch noch nie etwas gehört. Schrecklich, dass alles, auch so etwas, einmal das erste Mal sein muss. Das Gefühl, zurückgesetzt, gar abgewiesen zu sein, rechtfertigt einen Mord?
Da muss doch eigentlich noch mehr sein. Aber was? Kain handelt auch nicht im Affekt. Kain handelt mit Vorsatz. Komm, Abel!
Fremder Bruder
Es ist eine uralte Geschichte. Eine Urgeschichte. Eine Urgeschichte des Menschlichen – Allzumenschlichen – Unmenschlichen.
Was Namen verraten
Kain und Abel sind Brüder. Sie haben ihre Namen bekommen wie ich meinen, Sie Ihren. Wir waren ganz klein. Liebevoll, zärtlich wurden wir gerufen. Liebevoll, zärtlich nennen wir Namen bis heute. Liebevoll, zärtlich sind die Namen, die wir geben. Komm, Kain! Komm, Abel! Kommt rein. Die Sonne geht schon unter.
Kain trägt in seinem Namen einen Speer, etwas Hartes – Abel heißt übersetzt „Hauch“. Hebräisch Hevel. Der Name klingt weich, verletzlich. Wird der „Hauch“ bestehen?
In der Geschichte der beiden Brüder sind alte Konflikte versteckt. Konflikte um Anerkennung, Dominanz und Einfluss, Konflikte, die keine Schwäche vertragen. Aber auch Konflikte um Liebe, um ein offenes Ohr, um Verständnis.
Damals war es auch ein Konflikt um Land. Die Akte deutet es nur an. Menschen, die Land besitzen und bewirtschaften, wehren sich gegen die, die als Nomaden umherziehen und mit ihrem Vieh in das geordnete Kulturland einbrechen. Es gleicht einer Kaskade: Kain wehrt sich gegen Abel. Sesshafte wehren sich gegen Obdachlose. Einheimische wehren sich gegen Flüchtlinge. Arrivierte wehren sich gegen Habenichtse. Menschen wehren sich gegen Menschen, Familien gegen Familien, Völker gegen Völker.
Kain, wo ist dein Bruder Abel?
Was Gott verrät
Die Akte verrät etwas. Ich habe danach auch schon gesucht. Kain wurde gewarnt. Von Gott. „Warum ergrimmst du? Und warum senkst du deinen Blick? Ist’s nicht so: Wenn du fromm bist, so kannst du frei den Blick erheben. Bist du aber nicht fromm, so lauert die Sünde vor der Tür, und nach dir hat sie Verlangen; du aber herrsche über sie.“
Du aber herrsche über sie – worüber? Über die Sünde? Über die Sünde! Wow! Kein Zweifel – Gott traut es Kain zu. Über die Sünde zu herrschen.
Kain aber redet sich heraus. Es hört sich frech an. Oder ausweichend? Gar ertappt?
Bin – ich – denn – Hüter – meines – Bruders? Ob Kain rot wird? Stottert? Kain, was sagst du da? Eisige Kälte weht aus den Worten.
Abel war Hirte, Hüter! Er hat auf seine Herde geachtet. Er hat sie auf fette Weiden geführt. Er hat sie vor Wölfen geschützt. Kain distanziert sich. Von Abel. Aber auch von der Rolle eines Hüters überhaupt! Hat er sie jemals kennengelernt? Als Ackermann mag ihm diese Rolle nicht auf den Leib geschneidert gewesen sein. Aber auch er weiß, wie die Erde gepflegt, bewahrt und behütet werden muss, um Früchte, Getreide und Gemüse wachsen zu lassen. Kain hat noch keinen Hunger erlebt.
In der Akte ist das Urteil Gottes vermerkt. Nur sein Urteil. Ich suche nach den Plädoyers, den Plädoyers des Anklägers, des Verteidiger. Bis auf die Erde als Nebenklägerin finde ich nichts. Dass Kain nicht zum Tode verurteilt wird, ist in dieser Geschichte schon ein Wunder. Dass er sein Leben neu beginnen soll, überrascht Zeitgenossen und Nachfahren. Was Abel wohl dazu sagt? Widerfährt ihm Gerechtigkeit? Wie könnte diese Gerechtigkeit aussehen? Es ist das erste Mal, dass ein Mord aufzuklären ist. Die Todesstrafe wird nicht eingeführt.
Überdeutlich wird, dass Gott dem Tod nicht das letzte Wort gibt oder lässt. Kain muss aber weggehen – um noch einmal neu anzufangen. Er muss ein Fremder werden – um noch einmal heimisch zu werden. Er wohnt jetzt im Lande Nod. Von Gott gezeichnet. Jenseits von Eden. Behütet. Beschützt. Bewahrt.
Abel, Abel, wo ist dein Bruder Kain?
Jenseits von Eden ist Kain. Jenseits von Eden leben wir, als Täter und Opfer, als Opfer und Täter.
Jenseits von Eden sind wir alle. Fern vom Paradies – und doch ständig auf der Suche nach ihm.
„Unruhig ist unser Herz, bis es Ruhe findet dir“. Aurelius Augustinus
Und der Friede Gottes, welcher höher ist als all unserer Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Herrn.
Bibeltext
1Und Adam erkannte seine Frau Eva, und sie ward schwanger und gebar den Kain und sprach: Ich habe einen Mann gewonnen mithilfe des Herrn. 2Danach gebar sie Abel, seinen Bruder. Und Abel wurde ein Schäfer, Kain aber wurde ein Ackermann. 3Es begab sich aber nach etlicher Zeit, dass Kain dem Herrn Opfer brachte von den Früchten des Feldes. 4Und auch Abel brachte von den Erstlingen seiner Herde und von ihrem Fett. Und der Herr sah gnädig an Abel und sein Opfer, 5aber Kain und sein Opfer sah er nicht gnädig an. Da ergrimmte Kain sehr und senkte finster seinen Blick. 6Da sprach der Herr zu Kain: Warum ergrimmst du? Und warum senkst du deinen Blick? 7Ist’s nicht so: Wenn du fromm bist, so kannst du frei den Blick erheben. Bist du aber nicht fromm, so lauert die Sünde vor der Tür, und nach dir hat sie Verlangen; du aber herrsche über sie. 8Da sprach Kain zu seinem Bruder Abel: Lass uns aufs Feld gehen! Und es begab sich, als sie auf dem Felde waren, erhob sich Kain wider seinen Bruder Abel und schlug ihn tot. 9Da sprach der Herr zu Kain: Wo ist dein Bruder Abel? Er sprach: Ich weiß nicht; soll ich meines Bruders Hüter sein? 10Er aber sprach: Was hast du getan? Die Stimme des Blutes deines Bruders schreit zu mir von der Erde. 11Und nun: Verflucht seist du auf der Erde, die ihr Maul hat aufgetan und deines Bruders Blut von deinen Händen empfangen. 12Wenn du den Acker bebauen wirst, soll er dir hinfort seinen Ertrag nicht geben. Unstet und flüchtig sollst du sein auf Erden. 13Kain aber sprach zu dem Herrn: Meine Schuld ist zu schwer, als dass ich sie tragen könnte. 14Siehe, du treibst mich heute vom Acker, und ich muss mich vor deinem Angesicht verbergen und muss unstet und flüchtig sein auf Erden. So wird mir’s gehen, dass mich totschlägt, wer mich findet. 15Aber der Herr sprach zu ihm: Nein, sondern wer Kain totschlägt, das soll siebenfältig gerächt werden. Und der Herr machte ein Zeichen an Kain, dass ihn niemand erschlüge, der ihn fände. 16So ging Kain hinweg von dem Angesicht des Herrn und wohnte im Lande Nod, jenseits von Eden, gegen Osten.

Kain und Abel

Mir geht es heute nicht um den Mord, nicht um den Totschlag, sondern ganz besonders um die Vorgeschichte, die hier in unserm Text deutlich wird. Es wird berichtet, wo denn der Zorn des Kain herkam. Es geht um das Thema „Opfer“.
I. Es geht um den Glauben
Der Mensch hatte sich soeben von Gott abgewandt, hatte sich entschieden, dass der Teufel die Wahrheit sagt und dementsprechend Gott ein Lügner sein muss. Und von diesem Moment an stand und steht die Frage im Raum, wie der Mensch denn wieder in die Gemeinschaft mit Gott kommen kann. Und instinktiv wussten Abel und Kain, wussten die Menschen, dass das nicht so einfach geht. Weiterlesen