„Wenn du Christus ansiehst“

Martin Luther in seinem Kommentar zu Galater 3,13:
Wenn du diese Person Christus ansiehst, siehst du Sünde, Tod, Zorn Gottes, Hölle, Teufel und alle übel besiegt und zu Tode gebracht. Sofern also Christus durch seine Gnade in den Herzen der Gläubigen regiert, ist da keine Sünde, kein Tod, kein Fluch. Wo aber Christus nicht erkannt wird, bleiben diese furchtbaren Mächte. Darum wissen die, die nicht glauben, nichts von jener Wohltat und von dem Sieg. Johannes sagt: ,,Unser Glaube ist der Sieg“ (1.Joh. 5,4).

Durchkreuzt

Das Kreuz durchkreuzt |
Was keiner wagt,
das sollt ihr wagen |
Was keiner sagt,
das sagt heraus |
Was keiner denkt, das wagt zu denken | Was keiner anfängt, das führt aus
Wenn keiner Ja sagt, sagt doch Ja | Wenn keiner Nein sagt, sagt doch Nein
Wenn alle zweifeln, wagt zu glauben | Wenn alle mittun, steht allein
Wo alle loben,
habt Bedenken |
Wo alle spotten,
spottet nicht |
Wo alle geizen,
wagt zu schenken |
Wo alles dunkel ist,
macht Licht |
Das Kreuz des Jesus Christus
durchkreuzt was ist
und macht alles neu
(Lothar Zenetti)
Erstveröffentlichung des Textes in: Lothar Zenetti, Texte der Zuversicht, Verlag J. Pfeiffer München 1972, S. 253, hier mit dem Rahmenvers: „Das Kreuz des Jesus Christus / durchkreuzt was ist / und macht alles neu“

Unter Feinden leben

„Es ist nichts Selbstverständliches für den Christen, dass er unter Christen leben darf. Jesus Christus lebte mitten unter seinen Feinden. Zuletzt verließen ihn alle Jünger. Am Kreuz war er ganz allein, umgeben von Übeltätern und Spöttern. Dazu war er gekommen, dass er den Feinden Gottes den Frieden brächte. So gehört auch der Christ nicht in die Abgeschiedenheit eines klösterlichen Lebens, sondern mitten unter die Feinde. Dort hat er seinen Auftrag, seine Arbeit. ‚Die Herrschaft soll sein inmitten deiner Feinde. Und wer das nicht leiden will, der will nicht sein von der Herrschaft Christi, sondern er will inmitten von Freunden sein, in den Rosen und Lilien sitzen, nicht bei bösen, sondern bei frommen Leuten sein. O ihr Gotteslästerer und Christi Verräter! Wenn Christus getan hätte als ihr tut, wer wäre immer selig geworden?‘ (Luther).“ Dietrich Bonhoeffer (Gemeinsames Leben, 2012, S. 15)

Die Bedeutung des Kreuzes

Außerhalb des Neuen Testaments

Die Hinrichtung am Kreuz galt zur Zeit Jesu als hässlichste und grausamste Todesstrafe. Der römische Philosoph Seneca (4 – 65 n. Chr.) beschrieb den Tod des Verurteilten mit kurzen Worten: „Er stirbt Glied für Glied und haucht seine Seele tropfenweise aus.“

Die Kreuzesstrafe ist keine abendländische Erfindung, sondern stammt den geschichtlichen Überlieferungen nach aus dem Orient. Der griechische Geschichtsschreiber Herodot (ca. 500 – 424 v. Chr.) erwähnt, dass der medische König Astyages im 6. Jahrhundert v.Chr. seine Gegner ans Kreuz schlagen ließ (Historien I, 128).

Die Römer setzten die Kreuzigung bewusst als Abschreckungsstrafe ein. Sie wurde z.B. gegen Sklaven, Räuber und Aufständische angewandt. Oft war die Geißelung mit der Kreuzesstrafe verbunden, wozu R. Riesner in seinem Artikel im Großen Bibellexikon bemerkt: „Schon allein diese barbarische Strafe (=Geißelung) konnte zum Tod führen.“ Die Kreuze hatten verschiedene Gestalt: ein einfacher Pfahl oder T-förmig, X-förmig oder t-förmig. Die zuletzt genannte Form ist für das Kreuz Jesu anzunehmen. Die Verurteilten mussten den Querbalken oder auch das ganze Kreuz zur Hinrichtungsstätte hinausschleppen. Dort wurden sie mit ausgestreckten Armen am Querbalken befestigt. Im Falle der Annagelung wurden die Schmerzen bis ins Unerträgliche verschärft. „Den Gekreuzigten“, schreibt R. Riesner in seinem oben erwähnten Artikel, „quälten furchtbarer Durst…, rasende Kopfschmerzen, hohes Fieber und peinigende Angstzustände. Aufgrund der schweren Verletzungen und des starken Blutverlusts kam es oft zu Schockzuständen, die in einem Zusammenbruch des Kreislaufs endeten. Die Hängelage führte zu Atemnot, und der Gepeinigte konnte dem Erstickungstod nur entgehen, indem er sich immer wieder unter unsäglichen Qualen aufrichtete.“

Kurz vor der Zeitenwende wurde die Kreuzigung als Strafe auch bei den Makkabäern bzw. Hasmonäern in Israel eingeführt. So ließ König Alexander Jannai (104 – 78 v. Chr.) einmal 800 Pharisäer kreuzigen.

Die Schwere und Grausamkeit erhellt auch aus einem Vorfall, von dem ein Zeitgenosse des Paulus, der jüdische Geschichtsschreiber Josephus (ca. 37 – 100 n. Chr.) berichtet. Während des jüdisch-römischen Krieges von 66 – 73 n. Chr. traf er in der Nähe von Thekoa südlich von Jerusalem einige Gekreuzigte, in denen er drei seiner Freunde wiedererkannte. Unter Tränen bat er den römischen Oberbefehlshaber Titus um Hilfe. Dieser ließ die drei Freunde sofort vom Kreuz nehmen und intensiv ärztlich versorgen. Dennoch starben zwei von ihnen unter den Händen der Ärzte, und nur der Dritte überlebte.

Wie sprach Jesus vom Kreuz?

Jesus erhielt bei seiner Taufe den Auftrag zum Opfertod. Das bezeugen alle Evangelien (vgl. Mt 3,13-17; Mk 1,9-11; Lk 3,21-22; Joh 1,29-34). Sowohl Matthäus als auch Markus und Lukas berichten von einer göttlichen Stimme, die aus dem Himmel kam und Jesus in doppelter Weise ansprach:

  1. er sei Gottes „Sohn, der geliebte“. Das erinnert uns an 1.Mose 22,2 und macht damit deutlich, dass auch Jesus einer Opferung entgegengeht.
  2. Gott habe an ihm „Wohlgefallen“. Das erinnert uns an den Gottesknecht von Jes 42,1, der nach Jes 53,10 sein Leben zum Schuldopfer darbringt.

Von beiden Stellen her ist also deutlich, dass Jesus nach dem Willen des Vaters den Sühnetod für uns sündige Menschen sterben soll. Doch wie?

Nun treffen wir auf eine ganze Kette von Aussagen Jesu, in denen er mit zunehmender Klarheit von seinem bevorstehenden Kreuzestod spricht. Wenn wir unser Kreuz auf uns nehmen, folgen wir ihm nach. Er trägt also ebenfalls sein Kreuz (Mt 10,38; 16,24). In seinen Leidensweissagungen spricht er ausdrücklich davon, dass er gekreuzigt wird (Mt 20,19; 26,2). Wenn er bewusst zum dritten Passafest nach Jerusalem geht (Lk 9,51), dann tut er es in dem Bewusstsein, dass ihn dort der Kreuzestod erwartet.
Er sah dies umso deutlicher voraus, als sein jüdisches Volk damals nicht das Recht zur Todesstrafe hatte (Joh 18,31). Nur die Römer als Herrscher des Landes hatten dieses Recht. Wie oben bemerkt, griffen sie gern zum Mittel der Kreuzigung, um eine abschreckende Wirkung zu erzielen. So lag schon auf der menschlichen Ebene die Annahme nahe, dass Jesus gekreuzigt werden würde. Zu groß war sein Einfluss im Volk (Joh 11,47ff.).

Es gehört nun zu den Überraschungen der Evangelien, dass Jesus keineswegs die Schmach des Kreuzes an die Spitze stellt. Er verlangt nicht einmal die Abschaffung dieser „hässlichsten Strafe“. Er stellt vielmehr ganz andere Gesichtspunkte in den Vordergrund.
Der erste dieser Gesichtspunkte ist, dass sein Tod am Kreuz zu einer großen Befreiung der Menschen führt. In Mt 20,28 lesen wir: „Der Menschensohn (= Jesus) ist nicht gekommen, dass er sich dienen lasse, sondern dass er diene und gebe sein Leben zu einer Erlösung (griechisch lytron) für viele.“ Gemeint ist die Erlösung aus der Sklaverei der Sünde und der Schuld und damit auch aus der Sklaverei des Todes und des Teufels. Indem der unschuldige Gottessohn sein Leben für uns opfert, trifft den glaubenden Menschen keine Verwerfung mehr im göttlichen Gericht. Unser Gericht hat Jesus getragen.

Der zweite dieser Gesichtspunkte ist, dass am Kreuz seine vollkommene Treue zum Vater und damit seine Sündlosigkeit offenbar wird. Vor der Passion sagt Jesus: „Es kommt der Fürst dieser Welt“, nämlich der Teufel, aber „er hat keine Macht über mich“ (Joh 14,31). Der Teufel scheint am Kreuz zu triumphieren. Stattdessen wird er durch Jesu Treue am Kreuz aus dem Himmel gestürzt (Lk 10,18; Offb 12, 8f). Am Ende steht das Jesus-Wort: „Es ist vollbracht!“ (Joh 19.30), weil Jesus seinen gesamten irdischen Auftrag am Kreuz vollbracht, ja sogar gekrönt hat.

Der dritte dieser Gesichtspunkte – nicht weniger wichtig als die anderen zwei – kommt erst zum Vorschein, wenn wir Jesu Sprache genauer betrachten. Auffallenderweise benutzt er für das Wort „kreuzigen“ mehrere Male das Wort „erhöhen“. In Joh 3,14 hat er das selbst erklärt: „Wie Mose in der Wüste die Schlange erhöht hat, so muss der Menschensohn (= er selbst) erhöht werden.“ „Erhöhen“ heißt in diesem Zusammenhang:

  1. hoch oben am Holz des Kreuzes befestigt werden
  2. gerade so beim Vater im Himmel die Herrschaft über Himmel und Erde zu empfangen. So wird aus dem Kreuz Jesu der welterneuernde Sieg des dreieinigen Gottes.

Jesu Kreuzigung

Alle Evangelien führen uns auf die Kreuzigung hin. Man nannte sie deshalb gelegentlich Passionsberichte mit ausführlicher Einleitung. Einige Grundlinien sollen auch hier hervorgehoben werden.

Jesus ging den Weg zum Kreuz bewusst, aus eigenem Entschluss und in der Absicht, durch seinen Sühnetod die Schuld der Menschen auf sich zu nehmen und zu sühnen. Das zeigt schon das Vorbild des alttestamentlichen großen Versöhnungstages (vor allem 3Mo 16,20ff) und die Prophetie Jesajas (vor allem Kapitel 53). Es wird aber in den Evangelien sehr betont unterstrichen (vgl. die Abendmahlsberichte). Das Reden von Jesu „Ohnmacht“ o.ä. verdunkelt nur diesen Tatbestand.

Den letzten, schweren Weg ans Kreuz ging er ohne die Jünger. „Da verließen ihn alle Jünger und flohen“, sagt Matthäus (26,56). Nur gezwungenermaßen trug Simon von Kyrene in Nordafrika ein Stück weit sein Kreuz (Mt 27,32). Ohne menschliche Unterstützung kam es also zum Neuen Bund, der am Kreuz gestiftet wurde.
Denn das gehört nun zu den zentralen Geschehnissen der Kreuzigung, dass durch sie der Neue Bund gegründet wurde und in Kraft trat. In vorwegnehmender Deutung hat es Jesus beim Abendmahl selbst ausgesprochen: „Das ist mein Blut des Bundes, das vergossen wird für viele zur Vergebung der Sünden“ (Mt 26,28). Damit ist die jahrhundertelange Ankündigung eines Neuen Bundes durch die Propheten wahr geworden (vgl. 5Mo 18,15; Jer 31,31ff). Bei dieser Schließung des Neuen Bundes war Jesus alles in einer Person: der Mittler (1Tim 2,5), der Hohepriester (Hebr 8) und das grundlegende Opfer (Hebr 9,1-10,18). Erfüllt und zu Ende sind nun die Opfer des Alten Bundes. Abgelöst ist das Priestertum des Alten Bundes durch den ewigen Hohepriester Jesus Christus. Niemals mehr braucht die Menschheit einen neuen Mittler zwischen Gott und den Menschen.
Niemals mehr kann auch das Kreuz beseitigt werden. Es bleibt ein Geschichtsereignis mit Ewigkeitsbedeutung. Auch wenn wir keine Evangelien hätten, wüssten wir davon. So sagt die jüdische Überlieferung im Talmud: „Am Vorabend des Pesachfestes (= am Freitag vor dem Passa-Mahl) henkte man Jeschu (ans Kreuz)“, babylonischer Talmud, Traktat Sanhedrin 43a. Und der römische Geschichtsschreiber Tacitus schreibt: „Christus war unter der Regierung des Tiberius (14 – 37 n. Chr.) vom Prokurator Pontius Pilatus hingerichtet worden“, Annalen XV, 44.
Jesus hat wie die übrigen Delinquenten seine Kreuzigung bewusst erlebt. Die Evangelien berichten von seinem Durst (Joh 19,29), seinen Gebeten (Mt 27,46; Lk 23,34.46), von den letzten Regelungen, die er traf (Lk 23,39ff; Joh 19,25), seinem Todeskampf und seinem Verscheiden (Mt 26,45ff; Mk 15,33ff; Lk 23,44ff; Joh 19,28ff). Viele Einzelheiten können wir hier nicht mehr erwähnen. Erwähnt werden soll aber der Kreuzes-„Titel“, die kleine Tafel mit dem Grund der Hinrichtung. Bei Jesus war sie dreisprachig – hebräisch, lateinisch, griechisch – und enthielt die Worte: „Jesus von Nazareth, der König der Juden“ (Joh 19,19). Damit enthält sie die Wahrheit; denn Jesus ist nach kurzer Jugendzeit in Ägypten in dem kleinen Nazareth aufgewachsen und aufgrund seiner menschlichen Herkunft aus Davids Geschlecht und seines Geistempfangs der rechtmäßige König von Israel.

Die Botschaft vom Kreuz bei den Aposteln und den frühen Christen

Wie zentral sie war, sieht man beispielhaft in dem kleinen Museum auf dem Palatin in Rom. Dort hängt ein in die Wand geritztes Bild wohl aus dem 2. Jahrhundert n. Chr., das einen Gekreuzigten zeigt, spöttischerweise mit einem Eselskopf dargestellt. Darunter steht: „Alexamenos betet Gott an.“ Diese wenigen Worte enthüllen: Der gekreuzigte Jesus galt allen seinen Anbetern (den Christen) als „Gott“, als unzweifelhaft göttlich. Und sie enthüllen außerdem: Gerade aufgrund seines Kreuzestodes wurde Jesus angebetet. Er stand von Anfang an in der Mitte des christlichen Glaubens.
Wie zentral die Botschaft war, geht aber auch direkt aus den Zeugnissen der Apostel hervor. Johannes, der am längsten lebende Apostel aus dem Zwölferkreis, betont, dass Jesus Christus „gekommen ist durch Wasser und Blut“ (1Joh 5,6). Das ist eine eindeutige Bezugnahme auf die Kreuzigung (Joh 19,34). Gerade Johannes hat uns zusammen mit Lukas die meisten Einzelheiten über die Passion und Kreuzigung Jesu überliefert (Joh 18 – 19).
Petrus, Sprecher der zwölf Apostel und erster Leiter der Urgemeinde in Jerusalem, hat das Kreuz Jesu nicht weniger betont. Für ihn ist der Maßstab allen christlichen Handelns und Verhaltens der Jesus Christus, „der unsere Sünde selbst hinaufgetragen hat an seinem Leibe auf das Holz“, durch dessen „Wunden ihr heil geworden seid“ (1Petr 2,24). Sein teures Blut hat uns erlöst (1Petr 1,18f). Er bleibt für immer Modell und Vorbild der Christen (1Petr 2,21; 4,1).
Paulus kann sogar so weit zuspitzen, dass er sagt, er habe in Korinth nichts anderes wissen wollen „als allein Jesus Christus, den Gekreuzigten“ (1Kor 2,2). Er nennt seine Botschaft ganz elementar „das Wort vom Kreuz“ (1Kor 1,18). Niemals soll das „Skandalon“, die Herausforderung durch das Kreuz, aufgehoben werden (Gal 5,11). Das „Kreuz unseres Herrn Jesus Christus“ ist sein ganzer Ruhm (Gal 6,14). Warum das alles? Weil Jesus am Kreuz die Sühne durch sein Blut vollbracht hat (Röm 3,25), weil sein Kreuz uns endgültig von der Sünde und der Herrschaft des Todes frei gemacht hat (Röm 6 – 8; 1Kor 15,55ff). Jetzt ist uns der ganze Segen Gottes und das ewige Leben aufgeschlossen (Gal 3,13f; Eph 2,14ff; Kol 1,20; 2,14).

Dr. Gerhard Maier, Landesbischof i.R., Tübingen
https://www.die-apis.de/

Passionsandacht „Es geht am Kreuz um unsere Not“

Pfr. Wilhelm Busch (1897-1966)

»Sie spotteten und sprachen: Er hat Gott vertraut; der erlöse ihn nun, hat er Lust zu ihm.« (Matthäus 27,43)

Aus den dunklen Urzeiten der Menschheit wird uns 1. Mose 11 eine aufwühlende Geschichte berichtet. Es hat damals alle Welt einerlei Sprache. Eines Tages fassten die Menschen den Beschluss: »Wohlauf, lasst uns einen Tun bauen, dessen Spitze bis in den Himmel reicht, dass wir uns einen Namen machen.« Nun beginnt der Titanentrotz des Menschen den Bau des babylonischen Turms, der als phantastisches Zeichen die »Pensionierung Gottes« und die Selbstherrlichkeit des Menschen proklamieren soll.

Ihr wisst, wie es weiterging: Der Turm wurde nie fertig. Der Herr fuhr hernieder und verwirrte ihre Sprache, dass einer den ändern nicht mehr verstand. Und dabei ist es geblieben, wie ja die Gegenwart zeigt. Aber die Verwirrung ging noch tiefer. Nicht nur zwischen Mensch und Mensch wurde die »Sprache verwirrt«, sondern auch zwischen Mensch und Gott. Der Mensch versteht auch die Sprache Gottes nicht mehr, solange Gott ihm nicht durch den Heiligen Geist hilft. Davon redet unser Text. Das Kreuz ist die deutlichste Rede Gottes. Aber — wer versteht sie? Die Leute unter dem Kreuz jedenfalls nicht.

Das dreifache Missverständnis des Kreuzes.

  1. Es geht nicht um Jesu Not, sondern um unsre

Da stehen die Spötter unter dem Kreuz. Und es ist, als streife ihr Herz eine Ahnung von Jesu ungeheurer Not. Aber auch daraus machen sie nun einen Spott: »Du hast dich ja so oft erfolgreich an Gott gewandt. Tu es doch auch jetzt in deiner Not!« Welch ungeheures Missverständnis! Es geht auf Golgatha gar nicht um Jesu Not. Es geht vielmehr um unsre Not. Dieses Missverständnis hat die ganze Kirchengeschichte durchzogen. Die katholische Mystik des Mittelalters, besonders die franziskanische Mystik, geht in der Linie des Mitleids mit dem leidenden Heiland. In dem bekannten Lied »Stabat mater« stellt sich die Seele gleichsam neben Maria unter das Kreuz und klagt mit ihr: »Lass mein Weinen um den Reinen mit dem Deinen sich vereinen, bis zu meiner letzten Stund; trauernd mich mit dir zu sehen, an dem Fuß des Kreuzes stehen, wünsch ich mir von Herzensgrund.«

Ja, sogar im evangelischen Gesangbuch findet sich dieses Missverständnis, als gehe es um Jesu Not: »O süßer Bund, o Glaubensgrund, wie bist du doch zerschlagen! Alles, was auf Erden lebt, muss dich ja beklagen.« Luther nennt das in der lateinischen Ausgabe der Schrift »Von der Freiheit eines Christenmenschen« einen »kindischen und weibischen Unsinn«.

Es geht am Kreuz um unsre Not! Und zwar um eine größere, als die der Krieg mit sich bringt. Es geht um die Not unseres Gewissens, um die Not unserer friedlosen Seele, um die Not, dass wir der Hölle zueilen. Ein befreundeter Missionar erzählte mir einst von einem indischen Götzenfest. Tausende sind versammelt. Da kommen die riesigen Triumphwagen der Götter. Ihre Räder sind wie ungeheure Walzen. Und auf einmal stürzt ein Mann aus der Menge, wirft sich unter die Räder und lässt sich zermalmen. Aus Hunger nach Frieden des Herzens! Um diese Not, welche die wahre Menschheitsnot ist, geht es an Jesu Kreuz. Diese Not will er stillen. Hier wird für uns alle der Friede mit Gott erfochten.

  1. Es geht nicht um Jesu Erlösung, sondern um unsre

Da stehen sie unter dem Kreuz des Sohnes Gottes und spotten: »Er hat Gott vertraut, der erlöse ihn nun…!« Welch ungeheures Missverständnis! Es geht auf Golgatha nicht darum, dass Jesus erlöst wird. Es geht um unsre Erlösung!

Auch dieses Missverständnis ist bis zum heutigen Tag vorhanden. Nicht nur Jesus hat am Kreuz gehangen. Auch die Sache seines Reiches geht in dieser Weltzeit den Kreuzesweg. Den Feinden Christi ist das nun Anlass zu höhnischem Triumphgeschrei, den gutmeinenden Leuten aber zu schwerer Sorge. Wie oft begegnen mir wohlmeinende Leute, die um die Kirche Christi recht besorgt sind und allerlei gute Vorschläge haben, wie man der Sache der Kirche und Christi aufhelfen könnte. Also: diese Sorge dürfen wir getrost fallen lassen. Es geht nicht darum, dass Jesus und seine Sache erlöst werden. Nein! Es geht vielmehr darum, dass wir erlöst werden.

Oh, ihr törichten Hohenpriester, Schriftgelehrten und Ältesten! Da steht ihr nun und ruft: »Er hat Gott vertraut, der erlöse ihn nun!« Ja, habt ihr euch denn schon mal Ge-danken gemacht, wer euch erlösen soll? Erlösen von eurer Blindheit, von eurem geistlichen Tod, von eurer Schuld, von der Gewalt der Finsternis, von der Hölle, ja, von euch selbst? Wer soll euch denn erlösen? Seht nur auf den Mann am Kreuz! Der tut es!

Einer der edelsten Männer der katholischen Kirche, Vinzenz von Paul (gest. 1660), traf in einer französischen Hafenstadt einen Galeerensklaven, der ihm durch sein trauriges Gesicht auffiel. Auf Befragen erfuhr er, dieser Mann sei wegen Wilderns zu sechs Jahren Galeere verurteilt worden. Vier Jahre habe er verbüßt. Seine Frau und Kinder seien in großer Not. Wenn jemand für ihn einträte, würde er natürlich freigelassen. Da ließ sich Vinzenz von Paul an die Galeere schmieden. Und der Mann durfte heimkehren.

Das ist ein schwaches Gleichnis für die Erlösung Jesu. Wer will sie auch erklären? Aber im Glauben darf man es erfahren: »Die Strafe liegt auf ihm, auf dass wir Frieden hätten« (Jesaja 53,5). Und der Glaube bekennt mit Luther: »Ich glaube, dass Jesus Christus sei mein Herr, der mich verlorenen und verdammten Menschen erlöset hat, erworben und gewonnen von allen Sünden, vom Tode und von der Gewalt des Teufels, nicht mit Gold oder Silber, sondern mit seinem heiligen teuren Blut und mit seinem unschuldigen Leiden und Sterben, auf dass ich sein eigen sei… «

  1. Es geht nicht darum, ob Gott zu Jesus Lust hat, sondern darum, ob er zu uns noch Lust hat

Da spotteten die Feinde Jesu in ihrer geistlichen Blindheit unter dem Kreuz: »Er hat Gott vertraut; der erlöse ihn nun, hat er Lust zu ihm!« Welch ein Missverständnis! Das ist keine Frage, ob Gott Lust zu seinem Sohn hat. Zweimal hat Gott vernehmlich gesagt: »Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe.« Nein, darum geht es, ob Gott noch Lust zu diesen Menschen hat. Wenn ich Gott wäre, hätte ich keine Lust zu dieser blinden, blutdürstigen, verkehrten, charakterlosen Menschheit. Aber — und das ist das unfassbare Wunder des Evangeliums — Gott hat zu dieser Menschheit Lust, so Lust, dass er seinen eingeborenen Sohn ans Kreuz gab. Lasst mich ein Bild gebrauchen. Und nun will ich reden mit denen, die einen Sohn im Felde verloren haben. Oh, wie blutet da das Herz! Wenn es könnte, würde es den Sohn aus der Erde holen. Meint ihr, Gottes Vaterherz sei anders? Er hat auch Söhne und Töchter, die tot sind, geistlich tot, tot in Sünde und Gottesferne, gefallen! Ja, gefallen in Unglaube, Ungehorsam, Verdammnis. Da entbrennt sein Herz. Er kann es nicht lassen: Er will sie aus dem Tode erretten. Darum hängt der Heiland am Kreuz.

Wer’s nicht verstehen kann, der glaube doch denen, die es schon erfahren haben: sein Tod ist unser Leben; sein Sterben ist unsere Versöhnung. Sieh doch Gottes Werben um dich, dass er seinen Sohn gibt. Oh, wie hat Gott Lust an denen, die glauben und sich bekehren, die gekleidet sind in die Gerechtigkeit Jesu Christi. Predigt am Sonntag Reminiscere 1944
Quelle: www.sermon-online.com
Zum 125. Geburtstag von Pfr. Wilhelm Busch (1897-1966)

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„Was am Kreuz geschah“

„Er [Christus] ist unser Retter, nicht nur weil er gestorben ist, sondern weil er vor seinem Tod ein sündloses Leben geführt hat, wie es nur der Sohn Gottes leben konnte. […] Ein Mensch, der in Christus ist, ist zur gleichen Zeit ein Sünder und gerecht. Wenn ich nur dadurch gerechtfertigt werden könnte, dass ich wirklich gerecht werde und keine Sünde mehr in mir wäre, so würde ich das Reich Gottes niemals sehen. […] Es ist Christi Gerechtigkeit, die mich gerecht macht. Sein Tod hat meine Strafe erledigt, sein Leben hat meinen Lohn eingebracht. So ist meine Gerechtigkeit voll und ganz mit Christus verknüpft.“
Robert Charles Sproul Was am Kreuz geschah, Seite 112

„Es ist vollbracht.“

tetelestai – das letzte Wort Jesu nach Joh. 19,30. Auf Deutsch nach Luther: „Es ist vollbracht.“ Aber es ist viel mehr als das. Im griech. Wort steckt „telos“, das Ziel, das Ende. tetelestai: etwas ist zu seinem Ziel gekommen, etwas ist vollendet. Zum Ziel gekommen und vollendet ist der große Heilsplan, der in Gen 3,15 zum ersten Mal angekündigt wurde: „er wird dir den Kopf zertreten, und du wirst ihn in die Ferse stechen“. Irgendwann würde dieser Plan vollendet und zu seinem Ziel gekommen, irgendwann würde der Tod, der Teufel und die Sünde besiegt werden. Mit dem letzten Atemzug des Sohnes Gottes am Kreuz auf Golgatha kam dieser Plan zu seinem Ziel. Es ist vollbracht.

Der Blick auf das Kreuz

„Jedes Mal, dass wir das Kreuz anschauen, ist es als ob, Christus uns sagt, „Ich bin deinetwegen hier. Deine Sünde trage ich, unter deinem Fluch leide ich, deine Schulden bezahle ich, deinen Tod sterbe ich.“ Nichts in der Historie, nichts im Universum bringt uns zurück zum Boden wie das Kreuz. Jeder von uns denkt zu viel von sich, vor allem in der Selbstgerechtigkeit, bis wir an diesen Ort namens Golgatha angekommen sind. Hier ist es, am Fuß des Kreuzes, dass wir auf unsere wahre Größe zurück schrumpfen.“ John Stott

Take up your Cross

Jesus said, „Whoever wants to be my disciple must deny themselves and take up their cross daily and follow me.” Jesus took up His Cross, which was the burden of the sins of others. Our cross is not something that happens to us, it is something we actively take up to carry the burden of others. We are not victims of our cross, we are change agents because we take up our cross. Our cross is not sickness or job loss or earthquake. God presents our cross to us in the people and situations we meet. Take it up.
Nimm dein Kreuz auf
Jesus sagte: ′′ Wer mein Jünger sein will, muss sich selbst verleugnen und täglich sein Kreuz aufgreifen und mir folgen.“ Jesus nahm sein Kreuz auf, das die Last der Sünden anderer war. Unser Kreuz ist nicht etwas, das uns passiert, es ist etwas, das wir aktiv aufgreifen, um die Last anderer zu tragen. Wir sind keine Opfer unseres Kreuzes, wir sind Wechselagenten, weil wir unser Kreuz aufnehmen. Unser Kreuz ist keine Krankheit oder Arbeitsplatzverlust oder Erdbeben. Gott präsentiert uns unser Kreuz in den Menschen und Situationen, die wir treffen. Nimm es hoch.
Ellis H.Potter FB

Der alles durchdringende Einfluss des Kreuzes

Als Christen leben wir zwei Jahrtausende später immer noch unter den Wirkungen des Kreuzes Jesu. Mir scheint es aber, dass es im gegenwärtigen Leben vieler Menschen immer mehr verblasst, meist, so glaube ich, weil wir die „Kraft“ bzw. die „Wirkung“ des Kreuzes nicht mehr wirklich verstehen. Das Thema „Kreuz“ ist sicherlich ein Mysterium, das auszuloten uns die ganze Ewigkeit hindurch beschäftigen wird. Doch ob es uns gefällt oder nicht: Wir sind beteiligt. Unsere Sünden haben ihn dorthin gebracht. Haben wir diese Stellvertretung wirklich erfasst? Da das Kreuz einen alles durchdringenden Einfluss hat, wollen wir einige Punkte dazu näher betrachten: Weiterlesen