Albrecht Dürer (1471–2021)

Zum 550. Geburtstag des Künstlergenies aus Nürnberg

Der erste Künstler

Seine „Betenden Hände“ sind heute eines der weltweit beliebtesten Tattoo-Motive, aber auch in vielen Stuben hängt eine Reproduktion der Zeichnung. Diese ungewöhnliche Ikone entstand 1508 als Teil der Studie eines Apostels auf dem sog. Heller-Altar (Himmelfahrt und Krönung Mariens) – ein eher unscheinbares Detail, dem Albrecht Dürer aber große Aufmerksamkeit widmete. Der im Mai vor 550 Jahren in Nürnberg geborene Künstler ist Kult – und das seit Jahrhunderten.

Ob nun in Druckgraphik, Malerei oder Zeichnung – an der Schwelle zur Neuzeit hob Dürer die Kunst nördlich der Alpen fast schon im Alleingang auf ein ganz neues Niveau. Sein einsichtiger Vater ließ den Fünfzehnjährigen vom Goldschmiedehandwerk der Familie zur Ausbildung in Malerei wechseln. Schon mit Anfang Zwanzig schuf Dürer dann auf seiner ersten Italienreise wie nebenbei das Landschaftsaquarell als eigenständiges Genre. Bald tauchten auch beeindruckend lebensnahe Wiedergaben von Tieren aller Art auf: Man denke nur an den berühmten ruhenden Hasen in Aquarell und das Große Rasenstück aus dem Jahr 1503. Der neue Blick auf das Unscheinbare zeigt sich fast in jedem Werk wie auch bei den Hausschweinen im Verlorenen Sohn (1496). Dank dieses Kupferstiches können Kulturhistoriker nun recht genau sagen, welche Art von Vieh damals in deutschen Ställen stand.

Dürer begründete auch das in Kupfer gestochene Portrait. Mit viel Einfühlungsvermögen stellte er zum Beispiel Philipp Melanchthon dar. Der Künstler kannte Luthers Freund und Mitstreiter wohl seit 1518. Seine Darstellung prägte die Vorstellung des Aussehens des Reformators nachhaltig. Welche Brillanz Dürer erreichte, wird im Bildnis von Erasmus von Rotterdam (ebenfalls 1526 entstanden) erkennbar. Der Kupferstich in Größe einer Buchseite zeigt in einem seither kaum wieder erreichten Detailreichtum, dass hier ein früherer Lehrling eines Handwerkes der feinsten Handarbeit gearbeitet hat.

Ein Vergleich mit Werken anderer Künstler der Epoche lässt auf den ersten Blick erkennen, welche Virtuosität Dürer auch in der Technik des Holzschnitts erlangte. Aus der „Apokalypse“ von 1498 sind bis heute die alles niedertrampelnden vier apokalyptischen Reiter allseits bekannt. In fünfzehn Holzschnitten hatte Dürer Szenen aus teilweise auseinanderliegenden Textstellen der Offenbarung zusammengestellt. Es gelang dem noch jungen Künstler die Illustration eines außerordentlich schwierig darzustellenden Textes. Dürer gestaltete, komponierte und finanzierte dieses große Projekt in Eigenregie; es war also, anders als damals üblich, kein Auftragswerk. Die heimlich offenbarung iohannis ist das erste große Kunstwerk der Neuzeit, das in Herstellung und Vertrieb allein vom Künstler betreut wurde.

Neben der Apokalypse entstanden in späteren Jahren vier weitere Illustrationsserien: das Marienleben, die Große und Kleine Passion (Holzstich) und die Kupferstichpassion. Johann Konrad Eberlein schreibt in seinem Buch Albrecht Dürerohne zu übertreiben: „Dürer erweist sich als ein Meister von unerschöpflicher Phantasie und Darstellungskraft. Ein Mann allein schuf eine ganze Ikonologie der christlichen Bilderwelt.“

Den Geist eines neuen Zeitalters symbolisieren natürlich auch Dürers Selbstbildnisse. Das Gemälde aus dem Jahr 1493 zeigt den jungen Mann, der den Betrachter direkt anblickt. Das heute im Louvre hängende Werk ist eines der ersten vollwertigen Selbstportraits eines Künstlers überhaupt (erst etwa zehn Jahre später malte Raffael in Italien sein Konterfei; wie Dürer zeichnete sich auch dieser schon als Jugendlicher selbst). „Meine Lebensschicksale ruhen in Gottes Hand“, so in Hochdeutsch ganz oben als eine Art Bildüberschrift. Es folgten nur noch zwei Gemälde: ein weiteres im Halbportrait 1498 und schließlich das Selbstbildnis im Pelzrock aus dem Jahr 1500.

Darin schaut der kaum Dreißigjährige den Betrachter frontal an. Solch eine Darstellung war bisher eigentlich Christus vorbehalten. Es wundert daher nicht, dass die Interpretation des berühmten Werkes, das 1805 aus Nürnberg nach München gelangte, bis heute vieldiskutiert ist. Ein narzisstisches oder gar gotteslästerliches Motiv ist aber als Deutung gewiss auszuschließen. Möglicherweise ging es Dürer in erster Linie um die Annahme der Malerei unter die sieben freien Künsten an der neuen Universität Wittenberg, also um die Etablierung der Malerei als universitär lehrbarer Disziplin. Jedenfalls kann gesagt werden, dass das Werk ikonographisch den ersten Abschluss einer langen Entwicklung ausdrückt, die Larry Siedentop vor einigen Jahren im gleichnamigen Werk „die Erfindung des Individuums“ nannte.

Mit Dürer wurde die Entwicklung vom anonymen Handwerkskünstler des Mittelalters zur individuellen Künstlerpersönlichkeit klar erkennbar abgeschlossen. Und wieder setzte der Nürnberger dabei ein neues Zeichen: sein persönliches Monogramm. Das A mit einem D unter dem Querstrich findet sich auf so gut wie allen Arbeiten Dürers und macht ihn damit auch zum Erfinder des Markenartikels. Der Künstler als Unternehmer begann sich um den Schutz seiner Werke zu kümmern, denn damals waren Plagiate nicht unüblich.

Der evangelische Christ

Jahrzehntelang war Dürer fest in das religiöse Leben seiner Zeit eingebunden. Themen seiner Kunst waren biblische Geschichten, antike Mythen sowie Personen und Überlieferungen der Kirchengeschichte. Am häufigsten stellte Dürer den Kirchenvater Hieronymus dar, den Schöpfer der lateinischen Vulgata-Bibel. 1511 illustrierte er in einem Schnitt die Gregorsmesse: Papst Gregor (6. Jhdt.) erscheint während der Messe auf dem Altar Jesus als Schmerzensmann; dies galt als Beweis der Lehre von der Transsubstantiation. Kaum zehn Jahre später sollte Dürer über das Abendmahl ganz anders denken.

Über Dürers persönlichen Glaubensweg wissen wir aus direkter Quelle nur wenig. Offensichtlich gehörte er aber zu den frühen Anhängern Luthers und der evangelischen Lehre. Dem Wittenberger Professor schickte er schon Anfang 1518 eine Druckgraphik zu. Im Herbst des Jahres trafen sich beide sogar in Nürnberg, als Luther sich auf der Rückreise vom Reichstag in Augsburg befand. Und 1520 schrieb Dürer an den kursächsischen Hofkaplan Georg Spalatin:

„Und hilf mir Gott, dass ich zu Doctor Martinus Luther komme, so will ich ihn mit Fleiß portraitieren und in Kupfer stechen zu einem langen Angedenken des christlichen Manns, der mir aus großen Ängsten geholfen hat.“

Im Brief bat er außerdem um die Zusendung aller neuen deutschsprachigen Lutherschriften. Zu einer Darstellung Luthers durch Dürer kam es aber nie.

„Es war damals also alles andere als ein Geheimnis, dass der berühmteste Künstler Deutschlands die kirchliche Reformbewegung mit Sympathie betrachtete.“
Der Nürnberger Ratsschreiber Lazarus Spengler, der, so Luther, „allein das Evangelium in Nürnberg eingeführt hat“, war einer der engsten Freunde Dürers. Er widmete Dürer seine Schrift Ermahnung und Unterweisung zu einem tugendhaften Leben (1520). Das gleiche tat im Herbst 1521 Andreas Bodenstein, genannt Karlstadt, damals noch in Wittenberg. Er stellte seinem Werk Von Anbetung und Ehrerbietung eine Widmung an Dürer voran. Es war damals also alles andere als ein Geheimnis, dass der berühmteste Künstler Deutschlands die kirchliche Reformbewegung mit Sympathie betrachtete.

Dürer-Experte Thomas Schauerte hat sicher recht: „Dürers Beziehungen zum neuen Glauben wurzeln […] im Humanismus.“ (Dürer. Das ferne Genie) Dies war damals nichts Ungewöhnliches. Dürer hatte keine höhere Schulbildung genossen, konnte kein Griechisch und kaum Latein, war jedoch mit Humanisten wie dem Nürnberger Willibald Pirckheimer befreundet, traf persönlich auch Erasmus von Rotterdam – beide hielten letztlich am katholischen Glauben fest.

Dass Dürer aber persönlich mit dem Anliegen der Reformation verbunden war, zeigt seine sog. „Lutherklage“ vom Mai 1521. Der Künstler war gerade auf einer Reise in den Niederlanden, als Luther nach dem Reichstag in Worms verschwand. Natürlich wusste damals auch Dürer noch nichts vom Aufenthalt des Mönchs auf der Wartburg. In sein Tagebuch schrieb er:

„Und lebt er [Luther] noch oder haben sie ihn ermordet, was ich nicht weiß, so hat er dies erlitten um der christlichen Wahrheit willen und weil er das unchristliche Papsttum gestraft hat, das da gegen die Befreiung durch Christus ankämpft.“

Fast resigniert beklagte Dürer, was „die Tyrannei der weltlichen Gewalt und die Macht der Finsternis vermag“. Und wenn Luther tot ist, „wer wird uns hinfort das heilige Evangelium so klar vortragen?“ Gott möge dann „einen anderen erleuchteten Mann senden“.

Dürers Hinwendung zur Reformation spiegelte sich auch in seinen Werken wider. Nachdem der Künstler in Jahrzehnten in insgesamt 18 Drucken und mehreren Gemälden Maria thematisiert hatte, tauchten nach 1520 auf einmal keine Madonnen-Darstellungen mehr auf. 1523 bemerkte er handschriftlich unter einer Darstellung einer Wallfahrt zu einem Marienbildnis in Bayern: „Dies Gespenst hat sich wider die Heilige Schrift erhoben zu Regensburg“; der Bischof fördere den Kult aus reiner Profitgier („zeitlich Nutz halben“). Auch ein Brief Dürers vom Ende des Jahres 1524 ist zu nennen, in dem er über die Evangelischen schreibt: „Wegen des christlichen Glaubens müssen wir in Gefahr und Schmach gelangen, denn man schmäht uns, nennt uns Ketzer.“ Schließlich ist auf eine Inschrift im kunstdidaktischen Werk Unterweisung der Messung (1525) hinzuweisen: „Das Wort Gottes bleibt ewig; dieses Wort ist Christus, das Heil aller Christgläubigen“ – in dieser Formulierung ein klares Bekenntnis zum evangelischen Glauben.

Übrigens traf Dürer im Jahr 1519 aller Wahrscheinlichkeit nach auch Huldrych Zwingli. Im Dezember 1523 ließ er in einem Brief Grüße an den Zürcher Reformator ausrichten. Es gibt Hinweise darauf, dass Dürer in seinem letzten Lebensjahrzehnt eher der oberdeutsch-schweizerischen als der lutherischen Abendmahlsauffassung zuneigte. Das endgültige Auseinandergehen des lutherischen und reformierten Zweiges nach dem Religionsgespräch in Marburg 1529 erlebte Dürer nicht mehr, denn er starb 1528.

Der lehrende Maler

Im neunzehnten Jahrhundert wurde Dürer national und konfessionell vereinnahmt. So schrieb der Theologe Christian Ernst Luthardt 1875, dieser sei „der deutscheste aller deutschen Künstler, und der evangelischste“. Dies führt jedoch an den Absichten Dürers vorbei. Der zweite Superlativ ist auch deswegen schon überzogen, weil der Nürnberger die Bilderstürmerei und die allgemeine Ablehnung der religiösen Kunst bei manchen Reformationsanhängern naturgemäß sehr kritisch betrachtete. Er bedauerte, „dass jetzt bei uns und zu unserer Zeit die Kunst der Malerei durch einige sehr verachtet wird“.

Dürer wollte nie künstlerisches Sprachrohr der Reformation werden. Er wurde nicht zum „Maler der Reformation“ wie Lucas Cranach d. Ä., illustrierte keine Flugblätter und Schriften der Reformatoren. Wiederum in den Spuren des Humanismus sah er sich eher selbst als Lehrer – als pictor doctus, als gelehrter und lehrender Maler oder Künstler. Dem entspricht der hohe Anspruch seiner didaktischen Werke: Ein Unterricht der Malerei, ein umfassendes und praktisches Handbuch für die Führung einer Malerwerkstatt, nahm Dürer in Angriff; es blieb jedoch nur Projekt. 1525 erschien aber Unterweisung der Messung mit dem Zirkel und Richtscheit. Dürer selbst, der Autodidakt in Mathematik, gibt darin Künstlern ein Lehrbuch in angewandter Geometrie an die Hand. 1527 folgte die Befestigungslehre, und im folgenden Jahr, schon nach Dürers Tod, kam die Proportionslehre aus dem Druck. Dieses dritte theoretische Werk führt den bildenden Künstler oder Kunsthandwerker u.a. in die Perspektive ein. Bis heute bekannt ist die Illustration des „Zeichnern der Laute“. Bedenkt man, dass Dürer keine Universität besucht hatte und auch diese Werke weitgehend allein konzipierte, wird die Größe seiner Leistung erkennbar.

Abschließend muss auf ein Meisterwerk Dürers eingegangen werden, das ebenfalls belehrenden Charakter hat: die „Vier Apostel“ aus dem Jahr 1526. In einem Handbuch der Malerei von 1837 heißt es geradezu feierlich zu dem großformatigen Zweitafelbild: „Das erste vollendete Kunstwerk, welches der Protestantismus hervorgebracht hat.“ Heute meinen Experten wie Schauerte, dass man bei den Aposteln „das eigentliche Schlachtfeld der Meinungen in der Auseinandersetzung um Dürers religiöse Überzeugung betritt“ (Dürer als Zeitzeuge der Reformation).

Die „Vier Apostel“ stellt Johannes, Petrus, Paulus und Markus dar. Der Evangelist Markus war zwar kein Apostel wie die drei anderen, doch der Titel des Bildes setzte sich schon früh durch. Auf der linken Tafel ist der jugendliche Johannes zu sehen, hinter ihm verdeckt steht Petrus, erkennbar an seinem Schlüssel. Beide blicken in eine biblische Schrift, das Johannesevangelium. In der rechten Tafel schaut Markus (mit einer Schriftrolle) Paulus an. Dieser dominiert mit seinem Gewand die rechte Bildhälfte, hält in der einen Hand ein Schwert, in der anderen ein geschlossenes Buch und blickt den Betrachter direkt an.

Die „Apostel“ befinden sich heute in der Alten Pinakothek in München. Während des Dreißigjährigen Kriegs gelangte das Werk in den Besitz der Wittelsbacher. Ursprünglich waren die beiden Tafeln aber ein Geschenk Dürers an den Rat seiner Heimatstadt Nürnberg. Die Reichsstadt hatte gerade erst die Reformation eingeführt. Mit dem Werk knüpfte der Künstler an der Tradition mittelalterlicher Rathausbilder an, die zur guten Regentschaft ermahnten.

Der Rat der Stadt wird in zwei Inschriften an der Sockelleiste der beiden Tafeln direkt angesprochen. Der Text besteht aus einer Überschrift und vier auf die Dargestellten bezogenen Bibelzitaten nach der damals neuen Übersetzung Luthers. Ganz evangelisch wird die Stadtregierung aufgefordert, das Bibelwort zu respektieren und durch die Dargestellten ermahnt, nicht religiösen Verführern, den „falschen Propheten“, zu folgen. Ins Hochdeutsche übertragen beginnt die Inschrift wie folgt:

„Alle weltlichen Regenten sollen in diesen gefährlichen Zeiten in entsprechender Weise darauf Acht haben, dass sie an Stelle des göttlichen Wortes nicht menschliche Verführungen annehmen. Denn Gott will nicht, dass etwas zu seinem Wort hinzu oder hinweg genommen wird. Deshalb soll die Warnung dieser vier vortrefflichen Männer – Petrus, Johannes, Paulus und Markus – gehört werden.“

Anschließend wird 2. Petrus 2,1–3 zitiert: eine strenge Warnung vor „falschen Propheten“ und „falschen Lehrern, die verderbliche Irrlehren einführen und verleugnen den Herrn“. Es folgen ähnliche Ermahnungen aus 1. Johannes 4,1–3 und 2. Timotheus 3,1–7. Schließlich zitiert Dürer Markus 12,38–40, die „Warnung vor den Schriftgelehrten“, die das Ansehen in der Gesellschaft genießen und nach Ehre streben, doch „sie fressen die Häuser der Witwen und verrichten zum Schein lange Gebete.“

Dass der Rat der Stadt vor allem mit Bibelzitaten ermahnt wird, ist natürlich kein Zufall. Dies entsprach ganz dem neuen evangelischen Glauben. Und die linke Tafel unterstreicht optisch: Die Bibel selbst muss gelesen und studiert werden. Nur wer die Botschaft der Bibel tatsächlich kennt, kann sie auch gegen die falschen Propheten verteidigen. Johannes und Petrus veranschaulichen diesen Aspekt durch ihr vertieftes Blicken in das Buch. Paulus auf der rechten Tafel stellt einen zweiten wichtigen Aspekt dar: die wachsame Verteidigung des biblischen Glaubens. Traditionell wird er mit einem Schwert abgebildet, das Instrument seines Martyriums, aber auch das „Schwert des Geistes, welches ist das Wort Gottes“ (Eph 6,17). Die biblische Botschaft ist also zu studieren; dies wiederum ermöglicht ihre wirkungsvolle Verteidigung gegen die „Anschläge des Teufels“ (Eph 6,11) – konkret die Verführungen der Irrlehrer.

„Die zivile Gewalt in Stadt und Staat hat an der göttlichen Gerichtsbarkeit teil, wird aber wiederum von ihr gerichtet werden. Denn die Maßstäbe des Wortes Gottes gelten überall, auch für die zivile Obrigkeit.“
Dürers monumentale „Vier Apostel“ gelten als das künstlerische wie politische Vermächtnis des Nürnbergers. Kein Wunder, dass es auch zu diesem Werk zahlreiche Interpretationen gibt. Schauerte erkennt in den zwei Tafeln ein „gemaltes Plädoyer für den Wert der bedrohten Kunst und gegen Bilderverbot und Ikonoklasmus“. Andere sahen in den vier Gestalten symbolische Darstellungen der vier Temperamente der Antike. Doch man sollte nicht zu schnell an der wichtigsten Pointe der Gesamtkomposition vorbeigehen. Die „Apostel“ sind ein Lehrstück der politischen Ethik; und in die zu Belehrenden bezog sich Dürer gewiss auch selbst ein, war er doch seit 1509 Mitglied des Großen Rats der Stadt Nürnberg.

Die politische Grundaussage des Werks ist, so schon die Präambel der Inschrift, dass das Wort Gottes herrschen solle – nicht die Kirche (Petrus mit seinem Schlüssel als angeblich erster Stellvertreter Christi ist „unkatholisch“ nach hinten gerückt), auch nicht Menschen als oberste Instanz (keiner der vier Männer konfrontiert den Betrachter direkt, Paulus Körper ist abgewendet, er blickt nur aus dem Augenwinkel). Die zivile Gewalt in Stadt und Staat hat an der göttlichen Gerichtsbarkeit teil, wird aber wiederum von ihr gerichtet werden. Denn die Maßstäbe des Wortes Gottes gelten überall, auch für die zivile Obrigkeit.

Dürer wollte mit den „Aposteln“ der Stadt ein Werk zum „Gedächtnis“ hinterlassen, so mehrfach im die Schenkung begleitenden Schreiben. Bis heute kann dieses Hauptwerk als Markierungen in „gefährlichen Zeiten“ dienen, in denen selbst Verfassungen nicht mehr allzu viel gelten und der Staat außer Rand und Band zu geraten droht.
Holger Lahayne ist Missionar in Litauen. Er arbeitet als Zweitpastor der ev.-reformierten Gemeinde in Vilnius und unterrichtet an einer theologischen Ausbildungsstätte im Land. Außerdem leitet er den Vorstand der litauischen Studentenmission LKSB. Er bloggt unter lahayne.lt.
https://www.evangelium21.net/media/2809/albrecht-duerer-1471-2021

Art

Art is artificial, made by the arm of people. Natural things and events can be very pleasing and inspiring, but they are never art. Art is Deliberate Human Action and is responsible. Art is what people do with nature in agriculture, painting, music, cooking, dancing, architecture, etc. Art is responsible dominion over nature. Art is expressions and statements by people. The point is what they say, not whether we like it. Art is not for consumption but for relationships and dialogue. We dehumanize art when we commodify it. Art is not about me but about us. Join the conversation.
Kunst und Kunst
Kunst ist künstlich, vom Arm der Menschen gemacht. Natürliche Dinge und Ereignisse können sehr angenehm und inspirierend sein, aber sie sind nie Kunst. Kunst ist bewusste menschliche Handlungen und ist verantwortlich. Kunst ist, was Menschen mit Natur in Landwirtschaft, Malerei, Musik, Kochen, Tanzen, Architektur usw. machen. Kunst ist verantwortungsbewusste Herrschaft über die Natur. Kunst sind Ausdrucksformen und Äußerungen von Menschen. Der Punkt ist, was sie sagen, nicht ob es uns gefällt. Kunst ist nicht für Konsum, sondern für Beziehungen und Dialog. Wir entmenschlichen Kunst, wenn wir sie bedienen. Kunst geht nicht um mich, sondern um uns. Nehmen Sie an der Unterhaltung teil. Ellis H.Potter

„Hat Gott auch die Künstler geschaffen?“

Victoria Parsons wird auf der E21-Regionalkonferenz in Bonn einen Workshop zum Thema „Hat Gott auch die Künstler geschaffen?“ anbieten. Ich habe im Vorfeld kurz mit ihr darüber gesprochen. Hier ein Auszug:

E21: Wie bist du selbst zum Thema Kunst gekommen?

Victoria: Bei mir gehörten Musik, Tanzen und Bücher immer zu meinem persönlichen Leben. Es sind wenige professionelle Künstler unter meinen Familienmitgliedern. Wir haben uns jedoch immer auf unterschiedlicher Art und Weise für die Kunst interessiert. Die Bühne z.B. – ob Gesang, Tanz, Laientheater oder den Ablauf hinter den Kulissen – hat irgendwie immer einen Platz in unserem Familienleben gehabt. Meine Oma steht mit 81 selbst ab und zu noch auf den Brettern! Wir haben alle auch immer viel gelesen und uns über verschiedene Geschichten, die Politik und Theologie ausgetauscht. Wir waren also, und sind immer noch, eine Familie, die sehr offen über Dinge in der Welt und der heutigen Kultur reden kann. Ob wir miteinander immer einverstanden sind, ist eine andere Frage (lacht).

Ich musste mich aber zuerst als junge Christin mit dem Thema Kunst und Christsein direkter auseinandersetzen, als ich mit 18 zur Universität ging. Mein Leben änderte sich radikal – dort prasselte eine große Welt von Meinungen und Religionen auf mich ein. Ich hatte keine andere Wahl außer zu versuchen, alles was mir entgegenkam, aus einer christlichen Perspektive zu verstehen und die Kunst gehörte dazu, weil die Literatur auch ein großer Teil meines Fremdsprachenstudiums war. Es ist mir z.B. durch das Studium viel klarer geworden, dass die Menschen (Christen auch) sehr von dem Zeitgeist, d.h. von ihrer Kultur, geprägt sind und dass Kunst eine Art Landwirt für den Ackerboden unseres Denkens und Handelns ist.

Gleichzeitig und besonders später als ich zusammen mit sehr künstlerisch begabten Menschen bei dem Studentenmissionswerk UCCF (so ähnlich wie die SMD in Deutschland) gearbeitet habe, wurde mir noch klarer, wie heikel dieses Thema für viele evangelikalen Christen ist. Meine Mitarbeiter bei UCCF haben mir oft davon erzählt, wie missverstanden sie sich in ihren Gemeinden gefühlt haben. Ob und wie ihre Begabungen mit ihrem Glauben zu versöhnen waren, wussten sie nicht. Aber UCCF hat uns ein tolles theologisches Programm angeboten, wodurch wir uns mit dem Thema mehr auseinandergesetzt haben. Wie du siehst, bin ich dann über die Jahre hinweg auf einer komplexen Art und Weise dem Thema etwas näher gekommen.

E21: Du kommst aus England, hast auch schon in Frankreich gelebt und hast zur Zeit deinen Wohnsitz in Deutschland. Denken Christen über die Kunst überall gleich oder gibt es da Unterschiede z.B. zwischen England und Deutschland?

Victoria: Ich denke, es sind tatsächlich Unterschiede aber ich bin derzeit der Meinung, dass diese vielleicht weniger mit der deutschen, französischen oder englischen Kultur, sondern vielmehr mit einer christlichen Sub-Kultur zu tun haben, oder mit Tendenzen, die wir als Christen oft aufweisen und ausleben. Es gibt sowohl in England als auch in Deutschland eine Tendenz innerhalb konservativeren evangelikalen Gemeinden, die Kunst als eine reine weltliche Sache zu betrachten, die uns mit Versuchung und Sünde bedroht. Wir (ich zähle mich auch dazu!) neigen folglich dazu, uns von der „Welt“ fernzuhalten, uns also monastisch von der heutigen Kultur abzutrennen. Oft wird der Vers „wir sind in aber nicht von der Welt“ zitiert, um diese Einstellung zu begründen. Wir spüren also einerseits die Macht der Zeitgeist unser Handeln und Denken zu beeinflussen, sind aber andererseits nicht komplett von der biblischen Wahrheit überzeugt, dass wir mit allem, was wir tun (Kunst eingeschlossen), Gott verherrlichen können und sollen.

E21: Christliche Künstler haben es nicht immer leicht. Sowohl die säkulare als auch die fromme Szene beäugen sie oft kritisch. Hast du einen Tipp, wie Gemeinden Künstler stärken können?

Victoria: Lies Francis Schaeffer und lade deine Künstler zum Mittagessen ein! OK – das sind zwei Tipps. Aber ernst: zeig Interesse an ihnen. „Kunst und die Bibel“ von Schaeffer ist freundlich, verständlich und bündig genug für jeden Einsteiger geschrieben.

Man muss aber auch kein Experte in Kunst sein, um Fragen zu stellen. Viele künstlerisch begabte Freunde von mir haben sich oft sehr isoliert und verwirrt gefühlt, weil sie einerseits ihr Glauben zusammen mit ihren Gaben nicht in Verbindung setzen konnten; sie hatten dazu keiner, der sich die Zeit mit ihnen dafür genommen hat. Andererseits haben sie sehr viel Missverständnis sowie Entmutigung von Gemeindemitgliedern erlebt. Es ist Teil der Missionsauftrag der Gemeinde, unsere Mitglieder mit der Wahrheit zu bewaffnen, damit sie in ihrem Umfeld mit Integrität für Jesus leben können – wie kann das aber passieren, wo es kein offenes Ohr oder eine Beziehung gibt? Ein cooles Gespräch zusammen mit einem leckeren Essen kann sehr viel lösen.

Hier gibt es mehr: www.evangelium21.net. Zur Anmeldung für die E21-Regionalkonferenz in Bonn vom 1. bis 2. Juli 2016 geht es hier: www.evangelium21.net.
http://theoblog.de/hat-gott-auch-die-kuenstler-geschaffen/27865/

Kunst und Kirche, Teil 2

Nachdem dargelegt wurde, dass immerhin eine gewisse Verschmähung von Kunst in der Kirche die evangelischen und die evangelikalen Christen eint, und auch wo dies geschichtlich verortet werden kann (Teil 1), hier nun die Weiterführung, wie Kunst und Kirche vermehrt zusammengedacht und zusammengebracht werden könnte.
Francis Schaeffer, evangelikaler Apologet, hat sich 1973 unter dem Titel „Kunst und die Bibel“ mit der Einstellung der Christen zur Kunst befasst. Selbstkritisch kam er zu folgendem Schluss:
„Wir evangelikalen Christen neigen dazu, die Kunst an den äussersten Rand unseres Lebensbereiches zu verdrängen. Wir halten den Rest des menschlichen Lebens für wichtiger. Obwohl wir ständig über die Herrschaft Christi reden, haben wir ihren Wirkungsbereich auf ein sehr kleines Gebiet der Wirklichkeit eingeschränkt. Wir haben das Konzept der Herrschaft Christi über den ganzen Menschen und über das ganze Universum missverstanden…“[1]
Schaeffer bezeichnet das, was die evangelikalen Christen auf dem Gebiet der Kunst hervorgebracht haben, als nicht viel mehr als „romantische Sonntagschulkunst“ und erinnert sich dabei wahrscheinlich an die, im ersten Teil dieses Blogs genannten grauen Bodenfliessen (welche in Freikirchen der Schweiz vielleicht allgegenwärtiger sind als die Gegenwart… lassen wir das):
„Wir haben anscheinend nicht begriffen, dass die Künste ebenfalls unter die Herrschaft Christi gestellt werden sollen.“[2]
Gerade ein Christ sollte jedoch, so Schaeffer, ein Interesse an der Kunst haben:
„Er sollte diese Künste nämlich gebrauchen, um Gott die Ehre zu bringen und Werke zu schaffen, die Gott durch ihre Schönheit preisen. Ein Kunstwerk kann in sich selbst eine Doxologie sein.“[3]
Oft weisen Leute, welche die Meinung vertreten, dass Kunst etwas Verbotenes sei für einen Christen, oder denen die Kunst aufgrund ihrer Prägung mindestens etwas suspekt vorkommt, vorschnell auf das zweite Gebot im Dekalog (2Mo 20,4f) hin. Betrachtet man dazu jedoch auch 3Mo 26,1, so wird schnell klar, dass es Gott darum geht, dass sich der Mensch nicht anbetend vor einem menschlichen Werk niederwirft.
„Nur Gott allein soll angebetet werden. Deshalb verbietet das Gebot nicht die Anfertigung von Kunstwerken, sondern die Anbetung von irgend etwas anderem als Gott und vor allem die Anbetung von Kunstwerken. Die Anbetung der Kunst ist falsch, nicht aber ihre Schaffung.“[4]
Und ich würde hier Anfügen: auch nicht ihre Betrachtung oder dass sich der Mensch an der Kunst erfreut. Betrachten wir an dieser Stelle doch nur die Anweisung Gottes für die Gestaltung der priesterlichen Gewänder: „An seinem unteren Saum sollst du Granatäpfel aus violettem und rotem Purpur und Karmesinstoff anbringen, ringsum an seinem Saum…“ (2Mo 28,33) Auch zu biblischen Zeiten waren Granatäpfel nicht blau. Nein, nein. Purpur wohl und Scharlach, als natürliche Färbungen, einverstanden. Dazu Schaeffer:
„Das bedeutet, dass wir die Freiheit haben, Dinge darzustellen, die durch natürliche Gegebenheiten inspiriert sind, die es so in der Natur aber gar nicht gibt… In anderen Worten: Kunst braucht keine photographische Nachahmung der Natur zu sein!“[5]
Und seien wir doch ehrlich: Wer kann sich vorstellen, dass sich die Gottesdienstbesucher und Kirchgänger am Sonntagmorgen ehrfurchtsvoll auf die Knie werfen, wenn sie einen etwas kreativer gestalteten Kirchenraum sehen würden (zumal die grauen kalten Fliessen nicht gerade dazu einladen).
Immer mehr künstlerisch begabte Christen haben diese beschriebenen Umstände längst erkannt und möchten ihre Gaben auch im Bereich der Kirche einsetzen können. Mit gutem Beispiel voran geht hier zum Beispiel ein Kollektiv um den Winterthurer Roland Krauer. Er ist Begründer und Initiator der Zeitschrift „Bart, Magazin für Kunst und Gott“:
„Es erscheint halbjährlich und thematisiert zeitgenössische Kunst aus einer offenen christlichen Perspektive. Kunst­schaffende werden mit ihren Arbeiten vorgestellt, begleitet von Texten und Gesprächen zu Kunst, Gesellschaft und Glaube.“[6]
Bei dieser Art von Kunst geht es nicht darum, wer die schönste Friedenstaube kreiert oder den saftigsten Rebstock zeichnet. Hier wird „moderne Kunst“ aus einer christlichen Perspektive betrachtet. Christliche Künstler aus dem In- und Ausland sollen vernetzt und die Aufmerksamkeit der Kirchen vermehrt auf die Kunst als Gabe Gottes gelenkt werden. Dazu gehört auch die philosophische Auseinandersetzung mit dem Kunstwerk.  Interessant wäre nun, Schaeffers Kommentar zu dieser Form von Kunst zu hören, welcher sich, trotz aller Liebe zur Kunst, doch differenziert zur „totalen Freiheit“ äussert, welche die Realität fragmentiert und der sich über Marcel Duchamp oder Jackson Pollock eher kritisch verlauten lässt…[7]
[1]Francis Schaeffer, Kunst und die Bibel: 2 Essays (Neuhausen-Stuttgart: Hänssler, 1981), 4. Original: Art and the bible, 1973.
[2]Ebd. 7. [3]Ebd. 8. [4] Ebd. 9. [5] Ebd. 11.
[6] www.bartmagazin.com
[7]Francis Schaeffer, Wie können wir denn leben: Aufstieg und Niedergang der westlichen Kultur, 5. Aufl. (Holzgerlingen: Hänssler, 2000), 189ff.
http://sola-scriptura.ch/?p=244

Wie man Künstler in der Gemeinde entmutigt

Viele christliche Künstler leben zwischen zwei seltsamen Welten. Ihr Glaube an Christus erscheint vielen ihrer befreundeten Künstler befremdlich. Fast so befremdlich, wie ihre Berufung zum Künstler einigen ihrer Freunde in der Gemeinde erscheint. Trotzdem haben Christen, die zum zeichnen, malen, bildhauern, singen, schauspielern, tanzen oder Musik machen berufen sind, außergewöhnliche Möglichkeiten, Gott durch ihre tägliche Arbeit zu ehren und die Gnade, Schönheit und Wahrheit des Evangeliums zu bezeugen. Wie können Pastoren (und Gemeinden) Christen mit künstlerischer Begabung in ihrer doppelten Berufung als christliche Künstler ermutigen?
Als Pastor und Präsident des Wheaton College habe ich eine traurige Beobachtung gemacht: im Leben der örtlichen Gemeinde wird Kunst nicht immer unterstützt. Wir müssen generell Kunst im kirchlichen Kontext wiederentdecken. Das ist dringend nötig, weil die Künste die treibende Spitze der Kultur sind.
Eine Wiederbelebung der Künste ist aber auch nötig, weil sie ein Lebenszeichen der Kirche sind. Francis Schaeffer sagte einmal:
„Für einen Christen, der durch das Werk Christi erlöst worden ist und sein Leben nach der Bibel richtet und unter der Führung des Heiligen Geistes lebt, sollte die Herrschaft Christi auch ein Interesse an Kunst beinhalten. Ein Christ sollte die Kunst zur Ehre Gottes gebrauchen – nicht einfach als Traktat, sondern als eine schöne Sache zum Lob Gottes.“
In diesem Beitrag versuche ich es mit einem neuen und gewissermaßen konträren Ansatz. Ich versuche, die Frage „Wie entmutigt man Künstler in der Gemeinde?“ zu beantworten.
Während der Vorbereitung fragte ich einige Freunde nach ihren Antworten auf meine Frage: einen Schauspieler, einen Bildhauer, einen Jazz-Sänger und einen Fotografen. Sie sind keine Jammerlappen, aber gaben mir ganz schön was zu hören (und hatten nach eigenen Angaben auch Spaß dabei).
Hier ist meine (nicht vollständige) Liste der Möglichkeiten, wie Gemeinden ihre Künstler entmutigen können (mit einigen Zitaten meiner Freunde):
Behandle Kunst als Schaufensterdeko für die Wahrheit und nicht als ein Fenster, dass uns Einblicke in die Realität gibt. Betrachte sie als dekorativ und unterhaltend, nicht als eine ernste und lebensverändernde Sache. „Belächel die Künstler, indem du ihnen ,erlaubst‘, ihre Arbeit auf dem Gang oder in einer nicht gebrauchten und vergessenen Ecke mit schlechter Beleuchtung, wo sie ,Dekoration‘ sein kann, auszustellen“, teilte mir David Hooker mit.
Begrüße schlechte Kunst mit offenen Armen. Toleriere niedrige ästhetische Ansprüche. Schätze nur die Arbeit, die völlig zugänglich, nicht schwierig oder herausfordernd ist. Ein Beispiel wären digitale Bilder und Fotografie auf dem Beamer als Hintergrundbilder von Anbetungsliedern. Schätze sentimentale, risikolose Kunst, die keinen Anstoß gibt und die man sofort versteht.
Schätze an Künstlern nur ihre künstlerische Begabungen, nicht die anderen Dinge, die sie zum Leben der Gemeinde beitragen können. Betrachte sie eindimensional, nicht als ganze Personen. Lasse sie vor allem in Leitungsaufgaben unberücksichtigt, weil sie zu kreativ, nicht analytisch und zu intuitiv sind.
Verlange von Künstlern, dass sie mit ihren Werken Antworten geben und nicht Fragen stellen. Mark Lewis sagt: „Stelle sicher, dass dein Werk (oder Kunstgegenstand, oder deine Aufführung) einschneidende theologische oder moralische Botschaften vermittelt und sich nicht in ein Gebiet verirrt, in dem du unschlüssig oder unsicher bist. (Klare Antworten sind natürlich mehr wert als Fragen.)“ Erlaube keinerlei Doppeldeutigkeit oder verschiedene Reaktion auf Kunst. Verlange von ihr, sich jedem Menschen in gleicher Art und Weise mitzuteilen.
Bezahle niemals Künstlern ihre Arbeit. Erwarte, dass sie ihren Dienst freiwillig tun, ohne ihre Berufung zu erkennen oder zu glauben, dass sie Arbeiter sind, die eine Entlohnung verdient haben. Ignoriere die Tatsache, dass Künstler und Musiker im Alten Testament finanziell unterstützt wurden.
Wenn du sie darum bittest, mit ihrer Kunst zu dienen, erzähle ihnen, was und wie sie es zu tun haben. Lasse ihnen keinen Raum für kreative Entfaltung. Nimm zum Beispiel ein Wandbild im Kindergottesdienst: „Sag ihnen, wie es auszuschauen hat, ja, zeichne ihnen zuerst einen Plan“, sagt David Hooker. Halte sie von Improvisation ab und gib ihnen eine exakte Marschroute vor.
Vergöttere künstlerischen Erfolg. Mache die Last, die Künstler schon jetzt empfinden, noch größer, indem du nur die Berufung der Künstler anerkennst, die schon Erfolg haben.
Erkenne ausschließlich Kunst an, die sich direkt anwenden lässt, zum Beispiel etwas, was die Botschaft des Evangeliums kommuniziert oder evangelistisch gebraucht werden kann. Der Künstler Makoto Fujimura beantwortet die Frage „Wie lässt sich Kunst als Evangelisation betrachten?“ in einem Interview bei „The High Calling“ folgendermaßen:
Es gibt viele Versuche, Kunst als Werkzeug in der Evangelisation zu gebrauchen. Ich verstehe auch die Notwendigkeit, aber nochmals: es bringt uns dahin zurück, Dinge zu Allerweltsprodukten zu machen. Wenn wir so konsumorientiert sind, wollen wir alles mit einem Preisschild versehen. Und wir möchten Kunst wertvoller machen, als wenn das nötig wäre. Wir behaupten: wenn etwas nützlich ist zur Evangelisation, nur dann hat es Wert.
Doch dabei gibt es zwei Probleme. Zum einen schöpft diese Haltung das Potential der Kunst bei weitem nicht aus. Zum anderen kommunizieren wir der Welt, dass das Evangelium nicht Kunst ist – als wäre das Evangelium bloße Information, und es nötig hätte, benutzt und getragen zu werden.
Doch ist das gewiss nicht das Evangelium. Das Evangelium ist Leben. Das Evangelium handelt von dem Schöpfergott, der ein Künstler ist, der zu kommunizieren versucht. Seine Kunst ist die Kirche. Wir sind ein Kunstwerk, geschaffen in Christus Jesus, um gute Werke zu tun. Wenn wir das nicht verstehen, wird das Evangelium verkürzt und die Kunst selbst leidet darunter.
Gib der Klage keinen Raum. Die Berufung des Künstlers besteht darin, der Finsternis ins Auge zu sehen und dabei noch an das Licht zu glauben, Gottes Schweigen und Betrübnis zu erahnen. Ruth Naomi Floyd fragt: „Wie können gläubige Künstler die Finsternis und den Schmerz des Karfreitags zur Osterfreude der Auferstehung führen?“
Ich könnte so fortfahren. Hier sind einige weitere Möglichkeiten, Künstler in der Gemeinde zu demotivieren:
    Keine vernünftigen Grenzen setzen
    Künstlern nicht erlauben, kreative Freiheit zu erleben
    Den Beitrag von Künstlern wünschen und sich entscheiden, ihn dann doch nicht einzusetzen – aber ohne Erklärung
    Den Künstlern kein offenes Ohr geben
    Nicht das unverfälschte Evangelium von Jesus Christus predigen und lehren
Doch der letzte Punkt auf meiner Liste ist ein ganz allgemeiner: sorge dafür, dass sich Künstler in der Gemeinde nie wirklich zu Hause fühlen. Die meisten Punkte meiner Liste zeugen von einem mangelnden Verständnis von Kunst per se sowie die fehlende Bereitschaft, Kunst Kunst sein zu lassen – als ein kreatives Ausloten der Möglichkeiten der Schöpfung. Das ist eine riesige Last, weil Künstler bereits wissen, dass sie als Christen in der Welt der Kunst niemals wirklich zu Hause sein werden – sie beten weder ihre Götzen an noch glauben sie ihren Lügen. N.T. Wright bemerkt:
„Meiner Erfahrung nach wird der christliche Maler oder Dichter, Bildhauer oder Tänzer, gewöhnlich für eine Art Kuriosum gehalten, das man toleriert, es sogar belächelt, und ihm sogar erlaubt, ab und zu eine Darstellung zu veranstalten. Aber der Gedanke, dass sie mehr als das sind oder sein könnten, dass sie eine Berufung haben, sich die Schönheit Gottes immer wieder neu auszumalen und auszudrücken – dieser Gedanke kommt oft gar nicht erst auf.“
Werden wir ein Zuhause sein für Christen, die als Künstler berufen sind?
Tue was du kannst, um ihnen eine Heimat zu geben. Sie lenken unseren Blick auf die Ewigkeit. Wie David O. Taylor in seinem Buch For the Beauty of the Church: Casting a Vision for the Arts schreibt:
„Ob durch Farbe oder Klang, Metapher oder Bewegung, uns ist die unschätzbare Gabe geben, an dem neu-schöpferischen Werk des dreieinigen Gottes teilzuhaben, die finale und unvorstellbare Neuschöpfung aller Materie, allen Raums und aller Zeit, die Vollendung aller sichtbaren und unsichtbaren Dinge vorwegzunehmen.“
Philip G. Ryken ist Präsident des Wheaton College und Ratsmitglied der Gospel Coalition.
Anmerkung: Dieser Beitrag ist eine Übersetzung aus dem Englischen, gefunden hier.
http://thegospelcoalition.org/blogs/tgc/2013/05/28/how-to-discourage-artists-in-the-church
http://soulfirekoeln.de/2013/06/20/wie-man-kunstler-in-der-gemeinde-entmutigt/

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Gibt es eine christliche Kunst?

Bibel, Kunst und christliche Kultur 1 Gott als Künstler
„Einerseits hat das Christentum die Kunst großgezogen, wie vielleicht kein anderes philosophisches oder religiöses System“4 », andererseits ist das Christentum zumindest Teilen der Kunst auch immer mit großem Mißtrauen begegnet 5′. Wie ist diese Spannung zu erklären. Gibt es eine christliche Kunst, die das Christentum begrüßt und eine nicht-christliche oder unchristliche Kunst, die es verwirft? Läßt sich von der Bibel Alten und Neuen Testaments, also der heiligen Schrift des Christentums, Kunst begründen oder verwerfen? Weiterlesen