Arm und reich zugleich

Ein armer, kranker Mann (Lazarus) sitzt sein Leben lang vor der Tür eines Reichen, der im Luxus schwelgt. Im Jenseits stellt dieser fest, daß ein Tausch stattgefunden hat. Ihm geht es schlecht, Lazarus aber ist in Abrahams Schoß gelangt. Der ehemals Reiche begreift, was er zu Lebzeiten versäumt hat, dem Armen von seinem Reichtum etwas abzugeben (Lukas 16,16-19).

Warum hat der Reiche nichts gegeben? Die Antwort auf diese Frage zu finden, führt in das Herz des Reichen hinein. Damit aber auch in unser Herz – auch wenn wir nicht in Purpur und Leinen gekleidet sind so wie er. Die Antwort lautet: der Anblick des Armen war ihm ein Ärgernis. Wer einen Menschen sieht, der so vom Schicksal geschlagen Ist, erkennt: was ihm passiert ist, kann mir auch passieren. Selbst die ausgeklügelten Sicherheitssysteme der Welt können nicht verhindern, dass man arm werden kann oder krank oder wenigstens unglücklich. Diese Einsicht ist allerdings dem Menschen sehr unangenehm. Darum verdrängt er sie. Er will dann nur noch vor sich sehen, was in Ordnung ist, sauber, glücklich, gesund…

In einer Gesellschaft wie der unsrigen, die sich eines (noch) gut funktionierenden Systems öffentlicher Fürsorge erfreuen darf, wird es einem besonders bequem gemacht. Man sieht eben kein solches Elend auf der Straße. Der arme Lazarus kommt nicht vor. Es gibt ihn zwar, jedoch gut verwahrt oder in anderen Zonen der Welt. Was aber in jedem Fall bleibt: wir haben keine Sicherheit. Wir sind – letztlich -total abhängig. Abhängig von Gott. Die Botschaft von Jesus ist eine Botschaft an uns: Erkenne, dass Du total abhängig bist von Gott. Dass Du nichts bist ohne ihn. Wenn wir vor ihm anerkennen, dass wir nichts sind, dass wir arm sind – dann sind wir Arme vor Gott – Arme im Geist (Mt 5,3). Und seltsam: Wer arm ist vor Gott, der wird – in einem mehr oder minder großen Maße – auch zum Reichen. Er wird dann aber nicht an seinem Reichtum hängen bleiben. Der arm Ist vor Gott, wird ein barmherziger Reicher sein.