Scham – und Schuldkultur

Der Oxforder Altphilologe Eric Robertson Dodds hat 1951 treffend die Unterscheidung zwischen Schamkulturen und Schuldkulturen eingeführt, die die Völkerkunde und die Psychologie inzwischen vielfach bestätigt hat. In einer schamorientierten Kultur gilt nicht ein ruhiges Gewissen oder ein anständiger Charakter, sondern die öffentliche Wertschätzung als höchstes Gut. Es kommt nicht darauf an, ob man schuldig oder unschuldig ist, sondern welche Konsequenzen es auf den guten Ruf, hat. In einer schuldorientierten Kultur gilt die Sorge des Menschen nicht vor allem seiner Ehre, sondern der Sühnung seiner Schuld. Der Politiker, Talkmaster und ehemalige zweite Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland, Michel Friedmann, habe nach seinem Prostituierten-Skandal nur deshalb recht schnell wieder auf öffentlicher Bühne auftreten können, weil er gespendet und kundgetan hatte, seine Verfehlung „mit seiner Freundin geklärt“ zu haben. „Da sagt die Schuldkultur: ‚Was geht es mich dann noch an?'“Allein im Medienspektakel spiele die Scham eine Rolle. Auch Bill Clinton habe durch das öffentliche Vergießen einer Träne seine Schuld eingestanden. Weiterlesen