Wenn man aber beginnt, Geschichten zu erzählen, dann spitzen die meisten die Ohren.

„Die Menschen hören gern Erzählungen und Beispiele aus dem täglichen Leben. Darum mögen sie Prediger gern, die erzählen und mit Bildern oder Gleichnissen spielen. Wenn aber ein Prediger die Rechtfertigung erklären will und predigt, daß ein Mensch vor Gott gerechtfertigt und selig wird durch den Glauben an Christus allein, dann hält ihn niemand für beredt und man will ihn auch nicht gerne hören. Achte bitte darauf. Wenn man die Lehre von der Rechtfertigung erklärt, hustet und schläft die Gemeinde. Wenn man aber beginnt, Geschichten zu erzählen, dann spitzen die meisten die Ohren, sitzen still und hören aufmerksam zu.“
Luthers aus einer seiner Tischreden.

Wir werden ohne Verdienst gerecht

Ein Junge hat sein Zeugnis mit den schlechten Noten selbst unterschrieben – mit den Namen seiner Eltern. Der Direktor bestellt die Eltern zu sich, holt das Kind dazu und präsentiert den Eltern die krakelige Unterschrift auf dem Zeugnis. Triumphierend fragt er: „Sollen das etwa Ihre Unterschriften sein?“ Der Junge will im Boden versinken, weil sein Betrug auffliegt und die Eltern von ihm jetzt sicher enttäuscht sind. Er fürchtet die Strafe. Aber zunächst sagt der Vater:“Ja, das ist meine Unterschrift“ und dann bestätigt auch die Mutter, das Zeugnis kenne sie natürlich und natürlich habe sie das unterschrieben. Die Eltern selbst stellen das Vertrauensverhältnis zwischen sich und ihrem Kind wieder her, obwohl das Kind etwas falsch gemacht hat. Sie stehen zu ihrem Kind – nicht nur mit seiner Schwäche, die sich in den schlechten Noten zeigt, sondern auch mit dem, was es falsch gemacht hat, mit seiner Schuld. So wie diese Eltern verhält sich auch Gott zu uns Menschen. Das ist gemeint, wenn Paulus im Römerbrief schreibt: „Wir werden ohne Verdienst gerecht aus seiner Gnade durch die Erlösung, die durch Christus Jesus geschehen ist.“ (Kapitel 3, Vers 24). Gott nimmt uns an, sagt Ja zu uns, auch wenn unsere Leistungen nicht ausreichen und er nimmt unsere Schuld auf sich und trägt sie weg. Gott ist gnädig, Gott sei Dank.

Wie kann Gott Gottlose rechtfertigen?

Das Kreuz zeigt nicht nur die Liebe Gottes herrlicher als alles andere, es zeigt seine Rechtschaffenheit, seine Gerechtigkeit, seine Heiligkeit und die ganze Herrlichkeit seiner ewigen Eigenschaften. Sie alle sind dort zusammen hell leuchtend zu sehen. Wenn man sie nicht alle sieht, hat man das Kreuz nicht gesehen. Deshalb müssen wir die so genannte „Moralisches Beispiel“-Theorie des Sühneopfers, die besagt, dass alles, was das Kreuz tun muss, ist, unsere Herzen zu zerreißen und uns dazu zu bringen, die Liebe Gottes zu sehen, strikt ablehnen.
Paulus geht darüber hinaus, indem er sagt: „Er verkündigt seine Gerechtigkeit zur Vergebung der vergangenen Sünden“. Warum das, wenn es nur eine Erklärung seiner Liebe ist? Nein, sagt Paulus, es ist mehr als das. Wenn es nur seine Vergebung verkünden würde, hätten wir das Recht zu fragen, ob wir uns auf Gottes Wort verlassen können, und ob er gerecht und fair ist. Es wäre eine berechtigte Frage, denn Gott hat im Alten Testament wiederholt erklärt, dass er die Sünde hasst und dass er die Sünde bestrafen wird, und dass der Lohn der Sünde der Tod ist.
Es geht um den Charakter Gottes. Gott ist nicht wie wir Menschen. Wir denken manchmal, dass es wunderbar ist, wenn Menschen eine Sache sagen und dann etwas anderes tun. Die Eltern sagen zu ihrem Kind: „Wenn du das tust, bekommst du den Euro nicht, um deine Süßigkeiten zu kaufen. Dann tut der Junge diese Sache, aber der Vater sagt: „Nun, es ist in Ordnung“, und gibt ihm den Euro. Das, so denken wir, ist Liebe und wahre Vergebung. Aber Gott verhält sich nicht auf diese Weise. Gott, wenn ich es so ausdrücken darf, ist ewig mit sich selbst im Einklang. Es gibt niemals einen Widerspruch in ihm. Er ist „der Vater der Lichter, bei dem keine Veränderung ist und kein Schatten der Veränderung“. All diese herrlichen Attribute sind in seinem ewigen Charakter wie Diamanten, die leuchten, zu sehen. Und sie müssen alle offenbart werden. Im Kreuz sind sie alle manifestiert.
Wie kann Gott gerecht sein und zugleich die Gottlosen rechtfertigen? Die Antwort ist, dass er es kann, weil er die Sünden der gottlosen Sünder in seinem eigenen Sohn bestraft hat. Er hat seinen Zorn über ihn ausgegossen. „Er trug unsere Strafe. Durch seine Wunden sind wir geheilt.“ Gott hat getan, was er angekündigt hat: Er hat die Sünde bestraft. Er hat dies durch das Alte Testament überall verkündet; und er hat getan, was er sagte, dass er es tun würde. Er hat gezeigt, dass er rechtschaffen ist. Er hat eine öffentliche Erklärung darüber abgelegt. Er ist gerecht und kann rechtfertigen, denn nachdem er einen anderen an unserer Stelle bestraft hat, kann er uns frei vergeben. Und das tut er auch. Das ist die Botschaft von Vers 24: „Und werden ohne Verdienst gerechtfertigt (als gerecht angesehen, erklärt, für gerecht erklärt) aus seiner Gnade durch die Erlösung (das Lösegeld), die durch Christus Jesus geschehen ist. Den hat Gott für den Glauben hingestellt zur Sühne in seinem Blut.“

Martyn Lloyd-Jones predigte in seiner Reihe zum Römerbrief über das Kreuz (Römer 3,20-4,25 , 1970)

Wir werden nicht in einen Binnenraum versetzt

Als die Gerechtfertigten werden wir von der in dieser Welt noch herrschenden Gottlosigkeit geschieden, aber wir werden nicht in einen Binnenraum versetzt, in dem die Geschicke der Welt und der Menschen, die noch in Gottesferne leben, uns gleichgültig sein können.
Rechtfertigungsfrömmigkeit ist somit keine weltabgewandte Jenseitsfrömmigkeit.
Nicht zur Abwendung von der Welt, auch nicht zur Anpassung an die Welt, aber zum Zeugnis, zur Hoffnung und zum Gebet für die Welt ist die Gemeinde Jesu Christi gerufen. Aus: Dogmatik II, Gottes Weg mit dem Menschen (Joest & von Lüpke).

Altes Leben unter neuen Vorzeichen weiterführen? Nein, danke!

Die ganze Theologie kann auf zwei Prinzipien reduziert werden: Gesetz und Evangelium. Das Gesetz sagt uns, was wir tun sollen; das Evangelium sagt uns, was Gott getan hat und tun wird. Beim Gesetz geht es um unser Tun, beim Evangelium um Gottes Taten. Das Gesetz sagt uns, was wir tun sollen, doch können wir dies tun? Für Luther war der grösste Teil der damaligen Theologie Gesetz. 95 % der Kanzeln, ob liberal und konservativ, sagen dem Menschen, was er zu tun hat. Die Aussagen sind zwar unterschiedlich: Die einen sprechen vom vorehelichen Sex, die anderen predigen die Rettung des Regenwaldes. Was ist die Funktion des Gesetzes? Es sollte klar machen, dass alles, was du tust, verdorben ist und damit nutzlos.
Wie viele Christen haben sich an einem bestimmten Punkt ihres Lebens gesagt: In dieser Welt verhungere ich. Nun gehe ich zu meinem himmlischen Vater und beginne ein neues Leben. Ich halte jetzt seine Regeln ein. Darauf stütze ich meine Beziehung zu Gott ab. Und so setzt sich das alte Leben unter neuen Vorzeichen fort. Für Luther gab es jedoch keinen neutralen Boden. Jeder Versuch, uns selbst einen Verdienst zuzuschreiben, teilte er der Kategorie „Gesetz“ zu. Dieses Gesetz aber führt zum Tod.
Wir müssen zugeben: Unser Herz ist immer noch voll von Gesetz. Das Evangelium handelt jedoch davon, was Gott für uns getan hat und tut. Gott erklärt nämlich die Schuldigen für unschuldig (Röm 4,5). Gott rechtfertigt Böse und Feinde. Dies ist das Evangelium. Es ist die Herrlichkeit Gottes, dass er die Unwürdigen liebt. Er erklärt sie im Gerichtssaal für gerecht. So soll unser Vertrauen in das gesetzt werden, was Christus getan hat. Gott sieht Christus und nicht mehr uns. Glaube ist ein Geschenk und kein Werk.
Weil dieses Werk so skandalös ist, versucht die Kirche seit 2000 Jahren dieses Konzept auszulöschen. Was ist Rechtfertigung?

  1. Die Rechtfertigung ist forensisch. Wir werden für gerecht erklärt. Wir haben den Zunder, der sich leicht entzündet und zur Sünde reizt, noch in uns. Wir sind Heilige und Sünder gleichzeitig.
  2. Die Rechtfertigung ist „factitive“. Wir sind gerecht gemacht. Die Gerechtigkeit Gottes ist uns angerechnet (siehe Röm 4,5). Christus wurde für uns zur Sünde gemacht, er ist mit ihr eingekleidet worden. Christus kleidet uns mit seinem Recht in Gottes Gegenwart zu stehen ein. Er tut es auch dann, wenn wir noch immer den „Zunder“ in uns tragen. Wie sich Noah in der Arche barg, so ist Jesus unsere Arche, in die wir hineingehen und vor dem Gericht geschützt werden. Wenn Gott uns sieht, dann sieht er Christus. Er sieht seine Gerechtigkeit, die für uns erwirkt worden ist.
  3. Die Rechtfertigung ist extrinsisch. Wenn seine Gerechtigkeit nur in uns drin wäre (intrinsisch), dann wäre es zu wenig. Sie kommt von aussen zu uns. Nur Jesus vermag in der Gegenwart Gottes zu stehen. Seine Gerechtigkeit ändert ihren Status nie. Die Gerechtigkeit von Christus ist permanent. Es ist eine fremde Gerechtigkeit, nicht die eigene. Darum ist es Evangelium, weil es nicht um uns geht.
    http://www.hanniel.ch/?p=10774 Überarbeitete Notizen aus der Vorlesung mit Dr. Ashley Null