Unwichtige Randfragen

Es stellt sich die Frage, ob es in der Bibel tatsächlich so etwas wie „unwichtige Randfragen“ gibt, die ohne weiteres vernachlässigt werden können. Wenn wir ein biblisches Thema verstehen, aber nicht danach handeln,betrügen wir uns selbst und werden am Ende feststellen, dass dies ein Irrtum mit großen Folgen sein kann. Von Martin Luther wird berichtet, dass er gesagt hat: “Wenn ich noch so laut und klar jede Position der Wahrheit Gottes bekenne, außer genau dem kleinen Punkt, den die Welt und der Teufel in jenem Augenblick angreifen,bekenne ich Christus nicht, wie kühn ich ihn auch bekunden mag. Wo der Kampf tobt, dort erweist sich die Treue des Soldaten; und unverwandt auf allen Schlachtfeldern daneben zu sein, ist nichts als Flucht und Schande,wenn er an dieser Stelle zurückschreckt“ (zitiert in Francis A. Schaeffer, Der Schöpfungsbericht: Was die Bibel über Kosmos und Geschichte wirklich aussagt (Wuppertal: R. Brockhaus Verlag, 1976, 12)

„Herr, unser Herrscher, wie herrlich ist dein Name in allen Landen. “

RAHMENLOBPREIS (V. 2+10). Es fällt auf, dass der Psalm von zwei Sätzen eingerahmt ist, einem Lobpreis in Vers 2 und demselben Satz in Vers 10: „Herr, unser Herrscher, wie herrlich ist dein Name in allen Landen. “Es ist interessant, dass der Psalm gleich so direkt einsteigt. Er erzählt nicht erst ein Thema. Er referiert nicht erst eine Problematik. Wenn es um die Schöpfung geht, ist alles Erklären offenbar fast unmöglich. Der Psalmist staunt über die Schöpfung, ja über Gottes Offenbarung in der Schöpfung und in der Seiner Regierung in dieser Welt. Weil das letztlich so unbeschreiblich ist, formuliert es David in einer Frage: „Wie herrlich ist dein Name?“ Er macht keine lange Erklärung, wie genau Gott herrlich ist. Denn es ist eigentlich nicht zu erklären. „Wie herrlich ist Unbeschreiblich! Man könnte auch übersetzen: „Wie prächtig, wie majestätisch ist dein Name“. Aber all das gibt uns nur eine kleine Ahnung, wie wunderbar Gott ist. Wo offenbart sich Gott? Zunächst: „… in allen Landen.“ Also auf der ganzen Erde. Jeder Punkt auf unserm Globus ist ein Ort, wo Gott Seine Herrlichkeit offenbart. Aber es geht weiter: „Der du zeigst deine Hoheit am Himmel“. Gott offenbart sich also in der gesamten Schöpfung. So beginnt dieser Psalm und so endet er auch. Deshalb ordnet man ihn den sogenannten „Schöpfungspsalmen“ zu. Gottes Offenbarung in der Schöpfung ist ein wichtiger Grundbaustein biblischer Lehre. Ich möchte erinnern an den bekannten Psalm 19, wo es in der ersten Hälfte auch darum geht, wie Gott sich in Seiner Schöpfung offenbart. Im Neuen Testament ist Römer 1,19-20 sehr wichtig, wo Paulus dieses Thema aufgreift: „Gottes unsichtbares Wesen, das ist seine ewige Kraft und Gottheit, wird seit der Schöpfung der Welt ersehen aus seinen Werken“. Deswegen hat auch keiner eine Entschuldigung, schlussfolgert Paulus. Wenn wir denn die Augen aufmachen und in die Schöpfung schauen, erkennen wir, dass da ein Gott ist. Wir erkennen nicht die Details, wie Gott Erlösung geplant hat. Da ist nirgends der Name Jesus buchstäblich eingeschrieben. Dafür brauchen wir Gottes Schriftoffenbarung in der Bibel. Aber die Grundinformation, dass da mehr ist als nur Materie, dass da ein Gott ist, ein Schöpfer dieser Welt, das hat Gott sehr klar in Seine Schöpfung hineingeschrieben. Auch nach dem Sündenfall ist das noch erkennbar, und darauf verweist die Bibel tatsächlich immer und immer wieder. Hier in unserm Psalm liegt der Fokus auf einem bestimmten Teil der Schöpfung, nämlich auf dem Menschen. So geht es in den nächsten Versen vor allem darum, wie Gott Seine Herrlichkeit am und durch den Menschen offenbart.
Titus Vogt © https://www.arche-gemeinde.de/fileadmin/Media/Print/Kanzeldienst/2012/07/P120729M.pdf

Im Bilde Gottes erschaffen

Was unterscheidet nun Adam und Eva vom Rest der Schöpfung? Die Anwort ist in 1 Mose 1,26 zu finden: »Und Gott sprach: Wir wollen Menschen machen nach unserem Bild …« Adam und Eva sind von der übrigen Schöpfung unterschieden, weil sie nach dem Bilde Gottes erschaffen wurden. Für den Menschen des zwanzigsten Jahrhunderts ist dieser Satz nach dem Bilde Gottes eine der wichtigsten Aussagen der Schrift, denn die Menschen haben heute keine Antwort mehr auf die entscheidende Frage: »Wer bin ich?« Durch seine naturalistischen Theorien, beherrscht von der Naturkausalität im Universum, das als geschlossenes System betrachtet wird, und vom evolutionären Konzept einer mechanischen Zufallsparade vom Atom zum Menschen, hat der Mensch seine Identität verloren. Wenn er nun in die Welt hinausblickt und der Maschine gegenübersteht, kann er sich nicht dagegen abgrenzen. Er kann sich von den anderen Dingen nicht unterscheiden. Der Christ hingegen hat dieses Problem nicht. Er weiß, wer er ist. Dies ist eines der größten Geschenke Gottes: Ich weiß, wer ich bin. Als Christ weiß ich, was mich von allem anderen unterscheidet. So kann ich die komplizierteste Maschine betrachten, die je von Menschen gebaut wurde oder noch gebaut wird, und bin doch gewiss: Selbst wenn die Maschine Dinge vollbringt, die ich nicht machen könnte, bin ich doch mehr als die Maschine. Wenn ich eine Maschine sehe, die stärker ist als ich, so stört mich das nicht. Wenn sie ein Haus in die Luft heben kann, so berührt mich das nicht. Wenn sie schneller arbeitet als ich, fühle ich mich doch nicht bedroht. Selbst der riesige Computer, der beim Schachspiel nicht zu schlagen ist, erdrückt mich nicht, selbst wenn ich mir klarmache, daß weder ich noch irgendein anderer Mensch ihn jemals wird besiegen können. Manche mögen intellektuell und psychologisch überwältigt sein von der Tatsache, daß der Mensch eine Maschine bauen kann, die ihn bei seinen eigenen Spielen übertrumpft, der Christ kann gelassen darauf reagieren.
Der Christ weiß, daß der Mensch im Ablauf der Geschichte einen besonderen Ursprung hat. Das bedeutet nicht, daß Gott nicht beides, den Menschen und die große Maschinerie des Universums erschaffen hat. Aber er hat den Menschen so erschaffen, daß er sich vom übrigen Universum unterscheidet. Der Unterschied des Menschen zur Maschine liegt darin, daß der Mensch wesensmäßig nach oben statt nach unten oder horizontal orientiert ist. Er ist für die Gemeinschaft mit Gott geschaffen, wie dies für kein anderes erschaffenes Wesen zutrifft. Auf diesem Boden seiner Erschaffung im Bilde Gottes eröffnen sich dem Menschen alle Möglichkeiten. Plötzlich zerrinnt mir Personalität nicht mehr unter den Fingern. Ich erkenne, daß Gemeinschaft und Persönlichkeitsentfaltung möglich sind. Ich verstehe, daß es eine echte Beziehung zu Gott und echte Gemeinschaft als personale Beziehung gibt, weil ich im Bilde Gottes gemacht bin und weil Gott Person ist. Wichtig ist vor allem, daß mein Bezugspunkt oben ist. Natürlich gibt es auch Beziehungen nach unten, aber ich bin von allem, was niedriger ist, verschieden.
Diese Differenzierung ermöglicht überhaupt erst echte Liebe. Liebe unter Maschinen ist unvorstellbar. Obwohl zwei Computer zusammengeschaltet werden können, um irgendein Problem zu lösen, würde niemandem einfallen, dies eine Liebesbeziehung zu nennen. Ein weiteres: Da wir im Bilde Gottes geschaffen sind, gibt es kein Rätsel mehr in bezug auf die Möglichkeit von Kommunikation; auch die Frage nach der Möglichkeit von Offenbarung klärt sich, denn weil ich in Gottes Bild gemacht bin, kann er mir Wahrheit in fassbaren, logischen Sätzen offenbaren. Wenn der Mensch im Bilde Gottes geschaffen ist, dann ist auch die Inkarnation, trotz ihrer vielen Geheimnisse, kein völlig undenkbares Konzept mehr. Die Inkarnation ist nicht irrational, wie sie einfach erscheinen muß, wenn der Mensch sich selbst nur als den Begrenzten sieht, der einem philosophischen Andern gegenübersteht.
Folglich kann ich dankbar sein für die Einsicht, die mir hier in der Genesis vermittelt wird — daß nämlich der Mensch im Ablauf der Geschichte nach dem Bilde Gottes gemacht worden ist —, denn so habe ich eine intellektuelle, emotionale und psychologische Basis, um zu verstehen, wer ich bin.
Aufgrund seiner Erschaffung im Bilde Gottes besitzt der Mensch die Herrschaft über alles andere, was ihn in der Welt umgibt. Das liegt nicht einfach an seiner größeren Kraft; er ist ja gar nicht immer der Stärkere. Die Herrschaft ist ein Aspekt der Gottesbildlichkeit, denn der im Bilde Gottes erschaffene Mensch steht zwischen Gott und all dem, was Gott ihm untergeordnet hat. Als erschaffenes Wesen ist der Mensch nicht höher eingestuft als alles Erschaffene, aber weil er im Bilde Gottes erschaffen ist, trägt er die Verantwortung, bewußt für das zu sorgen, was Gott seiner Sorge unterstellt hat.
Des weiteren befreit uns die Tatsache, daß wir im Bilde Gottes erschaffen sind, von dem erdrückenden Empfinden, daß alles, was ist, deshalb auch recht sein muß. Uns wurde eine Herrschaft übertragen, die eine moralische Verantwortung einschließt. Wir sind daher nicht an eine Ethik wie die des Marquis de Sade ausgeliefert, wonach alles, was ist oder was Macht hat, recht ist.
Wir wollen noch einen Schritt weitergehen. In 1 Mose 1,26 lesen wir: »… die sollen herrschen über die Fische im Meer und über die Vögel des Himmels und über das Vieh auf der ganzen Erde, auch über alles, was auf Erden kriecht!« Gleich darauf werden diese Worte wiederholt: »Und Gott segnete sie und sprach zu ihnen: Seid fruchtbar und mehret euch und füllet die Erde und machet sie euch Untertan und herrschet über die Fische im Meer und über die Vögel des Himmels und über alles Lebendige, was auf Erden kriecht! Und Gott sprach: Siehe, ich habe euch alles Gewächs auf Erden gegeben, das Samen trägt, auch alle Bäume, an welchen Früchte sind, die Samen tragen; sie sollen euch zur Nahrung dienen« 1 Mose 1,28-29. Somit kann der Mensch in seinem Herrschaftsbereich die Pflanzenwelt für sich nutzen. Ein weiteres Gebiet, auf das sich seine Herrschaft erstreckt, wird in 1 Mose 2,19-20 gezeigt: »Und Gott der HERR bildete aus der Erde alle Tiere des Feldes und alle Vögel des Himmels und brachte sie zu dem Menschen, daß er sähe, wie er sie nennen würde, und damit jedes lebendige Wesen den Namen trage, den der Mensch ihm gäbe. Da gab der Mensch einem jeglichen Vieh und Vogel und allen Tieren des Feldes Namen.« Hier wird, über die Pflanzenwelt hinaus, auch alles, was bewusstes Leben hat, der Herrschaft des Menschen unterstellt. Eine der wohl beachtenswertesten Beschreibungen dieses Konzeptes der menschlichen Herrschaft befindet sich in Psalm 8,5-8: »Du hast ihn ein wenig niedriger gemacht, als die Engel; aber mit Ehre und Schmuck hast du ihn gekrönt; Du lassest ihn herrschen über die Werke deiner Hände; alles hast du unter seine Füße gelegt; Schafe und Ochsen allzumal, dazu auch die wilden Tiere; die Vögel des Himmels und die Fische im Meer, was die Pfade der Meere durchzieht.« Natürlich hat dieser Abschnitt einen prophetischen Bezug zu Jesus Christus, doch läßt er sich auch auf die ganze Menschheit anwenden. All diese Elemente der Wirklichkeit — Landtiere, Vögel, Fische und Reptilien — sind dem Menschen unterstellt; der Mensch ist für sie verantwortlich und hat auch das Recht, sie in angemessener Weise zu nutzen. Psalm 115,16 bestätigt dies, fügt aber eine einschränkende Bestimmung hinzu: »Der Himmel gehört dem HERRN, aber die Erde hat er den Menschenkindern gegeben.« Demnach ist nicht die ganze Schöpfung, sondern nur ein gewisser Teil davon ausdrücklich der Herrschaft des Menschen unterstellt.
Übrigens war der Mensch in seinem ursprünglichen Zustand, d. h. vor dem Fall, keineswegs ohne Arbeit: »Und Gott der HERR nahm den Menschen und setzte ihn in den Garten Eden, daß er ihn bauen und bewahre« (1 Mose 2,15). Wie wir später sehen werden, war die Arbeit, die ihm damals aufgetragen war, nicht mit der Arbeit zu vergleichen, wie wir sie heute kennen, doch war das Leben des Menschen nicht einfach ein Dasein in sorgloser Trägheit. Der Mensch hatte vor dem Fall eine Aufgabe. Er hatte einen Herrschaftsauftrag, und obwohl er seine Aufgabe seit dem Fall sehr ungenügend erfüllt, ist ihm diese Herrschaft nicht entzogen.
Es ist wichtig festzuhalten, daß der gefallene Mensch immer noch etwas vom Bilde Gottes in sich trägt. Der Fall trennt den Menschen von Gott, aber er löscht seine ursprüngliche Differenzierung von allen anderen Dingen nicht aus. Der gefallene Mensch ist immer noch ein Mensch. So lesen wir denn auch in 1 Mose 9,6: »Wer Menschenblut vergießt, des Blut soll auch durch Menschen vergossen werden; denn Gott hat den Menschen nach seinem Bild gemacht.« Der Mensch ist ein so besonderes Geschöpf, daß jeder mutwillige, mörderische Griff nach seinem Leben eine exemplarische Strafe nach sich zieht. Manchmal scheint mir, daß die heute oft zu hörende Entrüstung über die Todesstrafe gar nicht so sehr auf humanitäre Erwägungen oder Gerechtigkeitsempfinden zurückzuführen ist, sondern eher auf die Unfähigkeit, zu verstehen, daß der Mensch einzigartig ist. 1 Mose 9,6 ist ganz klar eine soziologische Aussage: Die Strafe für Mord ist deshalb so schwer, weil der im Bilde Gottes geschaffene Mensch einen besonderen Wert hat — nicht nur einen theoretischen Wert vor dem Fall, sondern auch heute noch.
Dazu finden wir eine Parallele in Jakobus 3,9: »Mit ihr (der Zunge) loben wir den Herrn und Vater, und mit ihr verfluchen wir die Menschen, die nach dem Bilde Gottes gemacht sind.« Auch hier ist wieder der Hinweis auf das Bild Gottes.
Demzufolge hat der Christ eine äußerst starke soziologische Basis, während die Humanisten in ihrem heutigen Kampf gegen die Benachteiligung von Menschen nur eine schwache philosophische Grundlage haben. Als Christ weiß ich, warum ich für das Wohl meiner Mitmenschen sorgen soll: Wem ich auch immer begegne, wo es auch immer sein mag, jeder Mensch ist im Bilde Gottes erschaffen, genau so wie ich selbst.
So sagt mir die Bibel, wer ich bin. Sie sagt mir, wie ich mich von allem anderen unterscheide. Daher weiß ich, was mich von der Tierwelt oder den hochgezüchteten Maschinen in dieser zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts abhebt.
Plötzlich habe ich Wert und verstehe, weshalb ich etwas Besonderes bin. Ich verstehe, weshalb Gott mit mir Gemeinschaft haben und sich mir in logisch verständlicher Weise offenbaren kann. Ferner sehe ich, daß sich alle Menschen gleichermaßen vom Nicht-Menschlichen unterscheiden und ich ihnen daher einen großen Wert beimessen muß. Um auf 1 Mose 9,6 zurückzukommen: Jeder, der einen Menschen ermordet, erschlägt einen meiner Artgenossen, ein äußerst wertvolles Wesen, das im Bilde Gottes gemacht ist. Wie Jakobus sagt ist jeder Mensch — wer er auch immer sei, ob Fremder oder Freund, Christ oder Rebell vor Gott — nach dem Bilde Gottes erschaffen. Der hohe Wert des Menschen beruht nicht auf irgend einem untergeordneten Grund, sondern geht aus seinem Ursprung hervor.
So hat denn der Ablauf der Geschichte einen weitgehenden Einfluss in alle Bereiche unseres Lebens. Ich stehe in diesem Strom der Geschichte, und ich kenne meine Herkunft. Meine Ahnenlinie ist länger als diejenige der Königin von England, sie beginnt nicht mit der Schlacht von Hastings. Wenn ich mich selbst im Ablauf der RaumZeit-Wirklichkeit betrachte, sehe ich meinen Ursprung in Adam, in der Erschaffung des Menschen durch Gott, nach seinem eigenen Bilde.
Francis Schaeffer in Genesis in Raum und Zeit, 1976, S. 34–39: