Unwichtige Randfragen

Es stellt sich die Frage, ob es in der Bibel tatsächlich so etwas wie „unwichtige Randfragen“ gibt, die ohne weiteres vernachlässigt werden können. Wenn wir ein biblisches Thema verstehen, aber nicht danach handeln,betrügen wir uns selbst und werden am Ende feststellen, dass dies ein Irrtum mit großen Folgen sein kann. Von Martin Luther wird berichtet, dass er gesagt hat: “Wenn ich noch so laut und klar jede Position der Wahrheit Gottes bekenne, außer genau dem kleinen Punkt, den die Welt und der Teufel in jenem Augenblick angreifen,bekenne ich Christus nicht, wie kühn ich ihn auch bekunden mag. Wo der Kampf tobt, dort erweist sich die Treue des Soldaten; und unverwandt auf allen Schlachtfeldern daneben zu sein, ist nichts als Flucht und Schande,wenn er an dieser Stelle zurückschreckt“ (zitiert in Francis A. Schaeffer, Der Schöpfungsbericht: Was die Bibel über Kosmos und Geschichte wirklich aussagt (Wuppertal: R. Brockhaus Verlag, 1976, 12)

Notwendige Begriffsklärungen

Manche Wörter haben heute eine solche Bedeutungsabwertung erfahren, daß man oft auf schwerfällige Begriffe ausweichen muß, um eindeutig verständlich zu machen, was man meint. So kann das Wort »Tatsache« heute alles oder nichts bedeuten. Wer von »Tatsachen« spricht, kann damit nichts weiter als nicht verifizierbare »religiöse Wahrheit« meinen, und deshalb müssen wir um der Klarheit willen einen unschönen Begriff wie »bruta facta« benutzen (nur ungenau zu übersetzen mit »nackte Tatsachen). Mit »bruta facta« meinen wir nicht irgendein kartesianisches Konzept von »ewigen Tatsachen«. Es gibt keine Tatsachen über oder hinter Gott, ebensowenig wie es eine Ethik oder Werte über oder hinter Gott gibt. Es gibt keine autonomen Tatsachen, die unabhängig von Gott existieren. Aber nachdem Gott etwas geschaffen hat, besitzt dieses Geschaffene objektive Wirklichkeit. Und weil Gott die Geschichte mit ihrer Bedeutung in Raum und Zeit geschaffen hat, besitzt auch das, was sich in der Geschichte vollzieht, objektive Wirklichkeit.
Die Geschichtlichkeit des Sündenfalls ist hier ein treffendes Beispiel. Der geschichtliche Sündenfall ist keine Interpretation, er ist ein »brutum factum«. Hier bleibt kein Raum für Hermeneutik, wenn Hermeneutik in diesem Fall bedeutet, daß der Sündenfall als tatsächliches Geschehen (im Sinne eines »brutum factum«) wegerklärt wird. […] Es ist eine logisch begründete Aussage über ein geschichtliches, in Raum und Zeit geschehenes »brutum factum«. Vor dem Fall gab es die Zeit, und es gab eine Geschichte in Raum und Zeit; und dann wandte sich der Mensch aufgrund einer freiwilligen Entscheidung von seinem angemessenen Bezugspunkt ab, und damit verursachte er einen ethischen Bruch – der Mensch wurde abnorm.
Francis Schaeffer (dt. Der Schöpfungsbericht, 1976, S. 7)