Selbstbild und Fremdwahrnehmung

Zu wissen, wer man selbst ist, gehört zu den schwersten Aufgaben überhaupt. Hört man sich an, wie ein Mensch den man gut kennt sich selbst beschreibt, kann man häufig nur staunen. Der eine überschätzt sich maßlos, der andere sieht sich viel zu pessimistisch. Wenn man sie fragt meinen allerdings die Meisten, sie könnten sich recht realistisch einschätzen. Und wenn die Umgebung sie anders beschreibt als sie sich selbst sehen, müssen sich selbstverständlich die Anderen irren.
Unsere Selbstwahrnehmung ist eine verwirrende Mischung aus Wünschen, Idealen, Meinungen anderer, Vorstellungen unserer Peergroup und einigen objektiven Daten. – Jedes Jahr sind insbesondere männliche Schüler schockiert, wenn ihre Noten weit schlechter ausfallen als erwartet. Häufig meinen sie die Anforderungen gut erfüllt zu haben. Deshalb müssen an den schlechten Noten Lehrer oder missgünstige Mitschüler Schuld haben. Viele weitgehend Unfähige halten sich für vollkommen qualifiziert einen anspruchsvollen Job zu übernehmen, der ihnen dann doch nicht gegeben wird. Auch hier müssen sich natürlich die Anderen irren.
Mancher wundert sich von einem potentiellen Partner zurückgewiesen zu werden, weil man sich doch für sehr attraktiv hält oder weil man nur einen perfekten Menschen ehelichen will. Dann wundert man sich zuweilen, dass andere einen nicht für so perfekt halten wie man selbst. In der Partnerschaft sehen die meisten zwar überdeutlich die Fehler und Schwächen des Partners, weit weniger klar aber sehen und gewichten sie ihre eigenen Schwachpunkte.
Natürlich gibt es auch diejenigen, die sich chronisch schlechter, hässlicher und schwächer einschätzen als sie eigentlich sind. Die meisten tendieren mal zur einen, mal zur anderen Seite. Manchmal überschätzen sie sich manchmal fühlen sie sich vollkommen daneben. Beides führt zu fatalen Resultaten: Man müht sich mit Aufgaben ab, in denen man sich und andere immer wieder enttäuscht oder man übernimmt Aufgaben nicht, weil man seine eigenen Stärken verachtet, bzw. nicht erkennt.
Um wirklich zu erfahren, wer und wie wir sind, ist eine qualifizierte Außenwahrnehmung unerlässlich, auch wenn sie sich manchmal schmerzlich anfühlt. Damit können wir besser einschätzen, wer zu uns passt, welche Aufgabe wir in der Gemeinde übernehmen sollten und welcher Beruf für uns eher geeignet ist. Wer meint, nur selbst zu wissen wer er ist, wird das nie erfahren und immer wieder mit denselben persönlichen Illusionen kämpfen.
Sehr hilfreich ist es deshalb, bei wichtigen Lebensfragen vertrauenswürdige Menschen zu fragen, die einen gut kennen. Idealer Weise kann man sich natürlich auch an Gott wenden, der uns als unser Schöpfer natürlich am besten kennt, der uns aus seiner Erfahrung und aus seinem neutralen Blickwinkel heraus natürlich am zutreffendsten beschreiben kann. Problematischer Weise gibt Gott einem Menschen gewöhnlich aber keine schriftliche Persönlichkeitsstudie mit auf den Weg. Trotzdem können wir bei Gott anfragen und gemeinhin wird er uns durch Aussagen der Bibel, das innere Reden des Heiligen Geistes und durch andere erfahrene Christen mitteilen, wo unsere Stärken und Schwächen, unsere Fähigkeiten und Defizite liegen. Michael Kotsch