„Wenn du Christus ansiehst“

Martin Luther in seinem Kommentar zu Galater 3,13:
Wenn du diese Person Christus ansiehst, siehst du Sünde, Tod, Zorn Gottes, Hölle, Teufel und alle übel besiegt und zu Tode gebracht. Sofern also Christus durch seine Gnade in den Herzen der Gläubigen regiert, ist da keine Sünde, kein Tod, kein Fluch. Wo aber Christus nicht erkannt wird, bleiben diese furchtbaren Mächte. Darum wissen die, die nicht glauben, nichts von jener Wohltat und von dem Sieg. Johannes sagt: ,,Unser Glaube ist der Sieg“ (1.Joh. 5,4).

Revolution

„Wer ist jetzt der Gott der Menschheit? Denn die Menschen müssen Götter haben, für die sie leben und wem sie sich widmen können. Die Sünde besteht ganz konkret draus, dass man einen Ersatzgott auf den Thron Gottes stellt. Dieser Ersatz ist meistens kein anderes Geschöpf, nicht einmal der Nachbar; sondern der menschliche Selbst: das Ego – „Ich“. Das organisierende Prinzip der Sünde ist die Selbstverherrlichung, die Selbstvergötterung. Etwas umfassender gesagt, Selbstliebe oder Selbstzucht.
Der Mensch will ein „Ich“ sein, entweder ohne, oder neben oder an der Stelle von Gott. Von Gott ab zukehren bedeutet sich selbst zuwenden. Davor war Gott das Zentrum von allen menschlichen Tun und Denken, jetzt ist es der „Ich“ des Menschen. Dadurch hat die Menschheit nicht nur sein Zentrum verloren, sondern es auch mit einem falschen Zentrum ersetzt.
Auf der einen Seite ist die Sünde eine Dezentralisierung aller Dinge weg von Gott; ein Auflockern aller Abhängigkeit von Gott. Auf der anderen Seite ist sie eine Zentralisierung aller Dinge um das menschliche Ego. Ein Versuch alles dem eigenen Ego zu unterwerfen.
Daher ist die Sünde nicht bloß eine Abkehr von der bestehenden Ordnung, in der Tat eine Abschaffung der Ordnung, sondern auch eine Etablierung einer neuen Ordnung, – eine Unordnung. Die Sünde schafft nicht bloß eine alternative Ordnung, sondern eine Anti-Ordnung; in einem Wort: eine Revolution.“ Hermann Bavinck, Reformed Ethics, s. 105

Vergebung

Der Vater Jakob war tot. Wie würde sich dies auf das Verhältnis Josefs zu seinen Brüdern auswirken? 1.Mose 50,15-26
Alte Sünden leben lange
Josefs Brüder bekommen Angst. Hatte Josef sich ihnen gegenüber nur freundlich verhalten, solange der Vater noch lebte? Würde er sich jetzt an ihnen rächen? Die alten Geschichten sind schon lange her, aber sie sind nicht vergessen. Sie können nach langer Zeit plötzlich wieder ganz lebendig sein. Das ist der Fluch der Sünde. Sünde ist eine Tat und damit eine geschichtliche Wirklichkeit des Lebens, die nicht mehr rückgängig zu machen ist. Deshalb können lange zurückliegende Sünden plötzlich wieder ganz gegenwärtig sein. Diese Wirklichkeit und damit Mächtigkeit der Sünde ist mit ein Grund, dass die Bibel uns vor ihr so eindringlich warnt.
Endlich Buße
Offensichtlich wurde von den Brüdern bisher die Bitte um Vergebung nicht vorgetragen. Sicher hatte Josef sich sofort sehr großherzig gezeigt, als er sich seinen Brüdern zu erkennen gab (1.Mose 45,5). Und doch wird deutlich, wie schwer es fällt, einen anderen Menschen um Vergebung zu bitten. Es wird so lange wie möglich hinausgeschoben. Dann wurde noch der Vater um Rat gefragt und mit dem Verweis auf ihn die Bitte an Josef unterstrichen.
Noch eine wichtige Beobachtung: Die Bitte um Vergebung wird ohne jegliche Entschuldigung vorgetragen. Echte Buße sagt uneingeschränkt: Ich bin schuldig.
Die gewährte Vergebung
Josef vergibt. Aber was heißt das eigentlich? Schwamm drüber, vergeben und vergessen? So wird oft oberflächlich über Vergebung gedacht. Die Brüder verwenden bei ihrer Bitte jedoch zweimal dasselbe Wort, das uns weiterhilft. Statt „vergib doch“ können wir wörtlich übersetzen „trage doch“. Sünde kann man nicht einfach wegwischen. Eine Tat kann nicht ungeschehen gemacht werden. Sünde muss deshalb getragen werden: entweder vom Täter als Strafe oder stellvertretend durch eine andere Person. Damit verstehen wir, warum Jesus für die Sünden stellvertretend sterben musste. So trug er unsere Schuld.
Vergebung hat konkrete Folgen. Josef betrachtet seine Brüder nicht als Knechte, sondern als Brüder, denen auch weiterhin seine Fürsorge gilt.
Die Einsicht in Gottes Führung
Woher nahm Josef die Kraft zur Vergebung? Er hatte erkannt, dass er trotz der Schuld seiner Brüder von Gott geführt worden war und dass Gott die böse Tat der Brüder zum Guten gewendet hat (V. 20). Klar muss allerdings sein, dass Gott nie menschliche Schuld möchte oder bräuchte, um seinen Plan auszuführen. Schuld ist nie mit dem Verweis auf Gottes Willen zu entschuldigen. Das Wunder ist vielmehr, dass Gott trotz menschlicher Schuld zu seinem Ziel kommt.
Die Verheißung bleibt bestehen
Die Brüder bleiben mit ihren Familien für eine längere Zeit in Ägypten. Aber es ist auch für Josef klar, dass dies nur eine Zwischenzeit ist. Die Verheißung bleibt bestehen und wird in Erfüllung gehen. Gott wird die Nachkommen Jakobs in das verheißene Land führen. Wie dies geschieht, wird in den folgenden Büchern der Bibel erzählt. Pfarrer Hartmut Schmid
https://www.die-apis.de/bibel-und-medien/bibel-und-arbeitsmaterial/auslegungen-und-biblische-themen/altes-testament/1-mose/50/

1.Mose 50,15-26
15 Die Brüder Josefs aber fürchteten sich, als ihr Vater gestorben war, und sprachen: Josef könnte uns gram sein und uns alle Bosheit vergelten, die wir an ihm getan haben.

16 Darum ließen sie ihm sagen: Dein Vater befahl vor seinem Tode und sprach:

17 So sollt ihr zu Josef sagen: Vergib doch deinen Brüdern die Missetat und ihre Sünde, dass sie so übel an dir getan haben. Nun vergib doch diese Missetat uns, den Dienern des Gottes deines Vaters! Aber Josef weinte, als man ihm solches sagte.

18 Und seine Brüder gingen selbst hin und fielen vor ihm nieder und sprachen: Siehe, wir sind deine Knechte.

19 Josef aber sprach zu ihnen: Fürchtet euch nicht! Stehe ich denn an Gottes statt?

20 Ihr gedachtet es böse mit mir zu machen, aber Gott gedachte es gut zu machen, um zu tun, was jetzt am Tage ist, nämlich am Leben zu erhalten ein großes Volk.

21 So fürchtet euch nun nicht; ich will euch und eure Kinder versorgen. Und er tröstete sie und redete freundlich mit ihnen.

Die biblische Sicht des Menschen

A. Erschaffung und Wesen des Menschen
Die wichtigsten biblischen Aussagen über Erschaffung und Wesen des Menschen finden sich im biblischen Schöpfungsbericht 1.Mose 1-2. Zunächst erfahren wir die ganz grundlegende und weitreichende Tatsache, dass der Mensch Geschöpf Gottes und nicht Gott ist.
Sodann wird berichtet, dass der Mensch in drei verschiedene Beziehungsverhältnisse hineingestellt ist: zu Gott, zu seinem Mitmenschen und zur restlichen Schöpfung. Diese grundlegenden Einsichten gilt es nun weiter zu entfalten.
1. Der Mensch als Geschöpf
Diese grundsätzliche Aussage ist wohl jedem Leser vertraut. Bei genauerem Hinsehen sind jedoch die Konsequenzen daraus gar nicht so selbstverständlich. Aus dieser Grundfeststellung ergibt sich eine Reihe von Konsequenzen.
1.1 Der Mensch ist begrenzt
Gott allein ist allmächtig. Gott allein steht über Zeit und Raum. Der Mensch hingegen als Geschöpf ist begrenzt. Er ist begrenzt durch den, der ihn geschaffen hat. Er ist begrenzt durch seine Bindung an Zeit und Raum. Die Erschaffung von Zeit und Raum geht der Erschaffung des Menschen voraus. Der Mensch ist in eine ihm vorgegebene Welt hinein geschaffen, die er annehmen muss. Viele menschliche Probleme haben damit zu tun, dass sich der Mensch in diese Vorgaben nicht einfügt.
1.2 Der Mensch ist einem Gegenüber verantwortlich
Der Mensch als Geschöpf steht seinem Schöpfer gegenüber, er ist ihm gegenüber verantwortlich. Die gesamte Darstellung der Bibel zeigt, dass Gott seine Geschöpfe nicht nur erschaffen hat, sondern dass er an ihnen und an ihrer Lebensgestaltung brennend interessiert ist. Er gibt ihnen deshalb Gebote, an denen sie sich orientieren können. Der Mensch ist von Anfang an nicht ohne Gebot, ohne hilfreiche Anleitung zum Leben.
1.3 Den Menschen als ganzheitliche Einheit begreifen
Der Mensch ist als Ganzheit – Leib, Seele und Geist – Gottes Geschöpf. Deshalb sind diese anthropologischen Grundkomponenten nicht voneinander zu trennen oder gar gegeneinander auszuspielen. Die Christenheit stand oft in der Gefahr, das Irdisch-Menschlich Körperliche gegenüber dem Ewig-Geistlich-Himmlischen zurückzustellen oder gar zu vernachlässigen. Diese Welt, in die uns Gott mit unserem Körper gestellt hat, ist ebenso ernst zu nehmen, wie die zukünftige Welt, für die uns Gott durch Jesus erlöst hat.
1.4 Der Mensch als Geschöpf ist angefochten
Dieser Aspekt wird uns in der folgenden Veröffentlichung noch stärker beschäftigen, wenn es um das Thema „Sünde“ geht. Der Mensch ist herausgefordert, seine Platzanweisung als Mensch, als durch den Schöpfer begrenztes Geschöpf, anzunehmen. Und diese Annahme fällt nicht leicht. Der Mensch möchte gerne Gott sein. Wenn er sich jedoch eine Rolle anmaßt, die ihm nicht zusteht, dann fällt er.
2. Der Mensch in Beziehungen
Die Abfolge des Schöpfungsberichts zeigt, dass der Mensch hineingeschaffen ist in gewisse Vorgaben. Auf der einen Seite steht er seinem Schöpfer gegenüber. Auf der anderen Seite steht er in Beziehung zu den anderen Geschöpfen. Wir denken zuerst an Tiere und Pflanzen, aber auch Raum und Zeit, Luft, Wasser und Gestirne sind zu nennen.
Menschsein – das wird hier deutlich – ist wesentlich bestimmt durch Beziehungen. Drei Beziehungsebenen treten im biblischen Schöpfungsbericht besonders hervor.
2.1 Die Beziehung zu Gott
Dass die Erschaffung des Menschen eine hervorgehobene Bedeutung innerhalb der Schöpfung hat, wird klar angezeigt. Dies geschieht zum einen durch die Einleitung „Lasset uns Menschen machen“, die so bei keinem anderen Werk steht. Zum andern ist die Erschaffung des Menschen der Abschluss der Schöpfungswerke. Außerdem wird durch die Form der Anrede und durch die Beauftragung ein besonders inniges Verhältnis Gottes zum Menschen angezeigt. Und doch darf diese Sonderstellung des Menschen nicht dazu führen, dass er aus dem Gesamten der Schöpfung herausgelöst wird. Der Mensch ist und bleibt Teil der Schöpfung und somit an gewisse Vergaben gebunden. Und außerdem ist er zwar das letzte Werk, aber mit ihm ist die Schöpfung nicht vollendet. Es folgt der Sabbat als letzter Schöpfungstag.
Was aber ist das Besondere des Menschen in der Beziehung zu Gott? Gott schuf den Menschen „zu seinem Bilde“. Was ist damit gemeint? Die Erklärung erschließt sich aus dem Zusammenhang. Gott übergibt dem Menschen seine Schöpfung. Er soll darüber herrschen, er soll sie „bebauen und bewahren“. Das hebräische Wort für „Bild“ meint eine sichtbare, plastische Statue. Der Mensch soll der sichtbare Vertreter Gottes in Gottes Schöpfung sein.
Während Gott der Unsichtbare ist und in der Regel bleibt, vertritt der Mensch durch seine ihm von Gott übertragene Herrschaft über Gottes Schöpfung Gott gegenüber seiner Schöpfung. Damit ist klar, dass es nicht um eine äußere Ähnlichkeit geht. Gott beruft vielmehr den Menschen zu seinem Mitarbeiter. Damit ist etwas ungeheuer Großes über den Menschen ausgesagt. Es ist die Grundbestimmung des Menschen, Gottes Mitarbeiter zu sein. Dies gilt nicht nur für die Mitarbeit in geistlicher Weise, also in der Gemeinde, sondern grundsätzlich.
2.2 Die Beziehung zum Mitmenschen
In 1.Mose 1,27 wird sofort mit der Erschaffung des Menschen klar, dass er in der Polarität der Geschlechter, nämlich als Mann und Frau, erschaffen ist. Damit wird ein ganz wichtiger Aspekt der Anthropologie angesprochen. Nichts prägt den Menschen nach seiner Beziehung zu Gott stärker als sein Geschlecht. Mit der Erschaffung als „Menschen“ ist der Mensch in Beziehungen, in Gemeinschaft mit anderen Menschen gestellt. Das Wort Gottes „Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei“ (1.Mose 2,18) gilt wohl zuerst für die Bestimmung von Mann und Frau füreinander, es gilt aber auch grundsätzlich. Der Mensch ist in viele Beziehungen gestellt: Eltern – Kinder, Geschwister, Dorfgemeinschaft, christliche Gemeinde, Arbeitswelt usw.
Die engste Beziehung ergibt sich zwischen Mann und Frau in der Ehe. 1.Mose 2,18-25 spricht davon mit ganz hohen und schönen Worten. Mann und Frau sind auf partnerschaftliche Ergänzung angelegt (dies kommt in der wörtlichen Übersetzung von 1.Mose 2,18 „Ich will ihm eine Hilfe machen, die ihm entspricht“ zum Ausdruck). Die eheliche Beziehung rückt andere Beziehungen in den Hintergrund: „Ein Mann wird Vater und Mutter verlassen“
(1.Mose 2,24). Während die Ehe ab der Eheschließung bis zum Tod untrennbar sein soll, gibt es bei anderen durchaus zunächst auch engen familiären Beziehungen auch Trennungen (zwischen Eltern und Kindern und den Geschwistern). Die Ehe ist außerdem der einzige Ort der ganzheitlichen Begegnung zweier Menschen, in die auch die Körperlichkeit, die Sexualität ganz integriert ist: „…und sie werden sein ein Fleisch“ (1.Mose 2,25).
Der biblische Schöpfungsbericht thematisiert nur die Ehe. Nun steht zum einen außer Frage, dass dies nach wie vor die Lebensform ist, die die meisten Menschen betrifft. Es steht aber genauso außer Frage, dass vor allem vom Neuen Testament her die Ehelosigkeit eine biblisch begründete Lebensform ist. Man wird dabei sowohl deren Möglichkeiten als auch den damit verbundenen Verzicht erwähnen müssen. Im großen Kontext dieser Thematik müsste noch vieles bedacht werden, was an dieser Stelle nicht möglich ist: die großen Nöte der vielen gescheiterten Beziehungen und die Frage der homosexuellen Prägung.
2.3 Die Beziehung zu den anderen Geschöpfen
Die Erschaffung des Menschen wird ohne Zweifel besonders hervorgehoben. Und doch ist der Mensch nicht isoliert. Er wird am selben Tag erschaffen wie die Landtiere. Er steht in einem Verhältnis zu ihnen und nicht nur zu ihnen. Der Mensch ist ein hervorgehobenes Teil der Schöpfung, aber er ist Teil der Schöpfung und steht damit in einem Verhältnis zu den anderen Geschöpfen.
Vor allem aber bekommt er einen Auftrag von Gott an der Mitschöpfung: Er soll die Erde bebauen und bewahren. Damit ist ein Arbeitsauftrag gegeben. Arbeit gehört zur Grundbestimmung des Menschen. Damit berühren wir ein gesellschaftlich höchst relevantes Thema.
Wenn der Mensch nicht arbeiten will oder nicht arbeiten darf, verfehlt er an diesem Punkt seine Bestimmung. Damit wird Arbeitslosigkeit zu einem geistlichen Problem, zu einem Problem, das die Gemeinde Jesu nicht kalt lassen darf. Die Arbeit bekommt durch die Bibel eine klare Einordnung. Auf der einen Seite gehört sie ganz selbstverständlich zur Bestimmung des Menschen, auf der anderen Seite darf sie nicht vergötzt werden. Im Sabbatgebot (2.Mose 20,8-11) wird die Arbeit sowohl geboten als auch begrenzt.
Mit der Erschaffung des Menschen ist der Mensch nach Gottes Willen und Plan in diese drei Beziehungsebenen hineingestellt. Allgemein kann man sagen: Religion, Gesellschaft, Kultur, oder: Gott, Mensch, Arbeit. Aus der Sicht biblischer Anthropologie gehören diese Bereiche grundlegend zum Menschsein hinzu, und kein Bereich darf ohne negative Folgen vernachlässigt werden. Grundlagen biblischer Lehre
B. Die Sünde
Wenn in der Bibel vom Menschen die Rede ist, ist fast von Anfang an – nämlich ab 1.Mose 3 – auch von der Sünde des Menschen die Rede. Diese Thematik durchzieht die ganze Bibel.
Vom Menschen kann gar nicht anders geredet werden, ohne dass nicht auch von der Sünde geredet wird. Die ständige Thematisierung der Sünde in der Bibel kann den Bibelleser und Predigthörer auch stören. Er kann sich die Frage stellen: Muss denn die Sünde immer thematisiert werden? Kann man nicht auch anders, angenehmer, positiver über den Menschen reden? Wer aber die Bibel ernst nimmt, muss auch das Thema Sünde ernst nehmen. Wer biblisch vom Menschen reden möchte, muss auch vom Thema „Sünde“ reden.
1. Das Wesen der Sünde nach 1.Mose 3
An der ersten Stelle in der Bibel, in der die Sünde begegnet, werden auch die grundlegenden Züge der Sünde deutlich.
Sünde ist Übertretung eines von Gott gegebenen Gebotes. Sünde ist Ungehorsam gegen Gottes Willen (vgl. Röm 7,7; 1.Kor 15,56). Nun könnte man einwenden: Gäbe es kein Gebot, dann gäbe es auch keine Sünde. Aber gerade das zeichnet den Unterschied zwischen Gott und Mensch aus. Es ist Gottes Recht als Schöpfer und Herr, seinen Geschöpfen seinen Willen mitzuteilen. Und es ist für das Geschöpf angemessen, Gottes Willen zu tun und zu gehorchen.
Am Gebot gewinnt die Sünde konkrete Gestalt. Sünde ist kein Gefühl, sondern konkretes Vergehen.
Woran entzündet sich die Sünde in erster Linie? An der Begrenzung des Menschen als Geschöpf. Dies wird an zwei Zügen in der Erzählung von 1.Mose 2-3 deutlich. Gott gibt dem Menschen eine große Freiheit. Sie ist nur an einem Punkt begrenzt. Von einem Baum – nur von einem Baum darf er nicht essen (1.Mose 2,16-17). Genau das unterscheidet den Menschen von Gott, dass ihm eine Grenze gesetzt ist. Und genau an dieser Grenze entsteht die Versuchung. Die Schlange verspricht dem Menschen: „Ihr werdet sein wie Gott!“ Ihr könnt eure Begrenzung aufsprengen. Die erste Sünde ist nicht ein Vergehen zwischen den Menschen. Die erste Sünde entsteht im Verhältnis zu Gott, aus Sicht der Zehn Gebote kann man sagen: Die erste Sünde entsteht am ersten Gebot. Christen müssen aufpassen, dass sie nicht die zwischenmenschlichen, moralischen Sünden wichtiger nehmen und in den Vordergrund rücken.
2. Die Folgen der Sünde nach 1.Mose 3
Dass die Sünde auch Folgen hat, geht aus 1.Mose 3 ebenso deutlich hervor.
2.1 Schuld auf andere schieben
Als Gott das erste Menschenpaar auf seine Sünde anspricht, beginnt etwas, was für alle Zeiten symptomatisch bleibt: Die Sünde wird auf den Nächsten geschoben, von Adam auf Eva, von Eva auf die Schlange. Der Mensch tut sich offensichtlich schwer, zu seiner Sünde zu stehen. Sünde wird vertuscht, verschleiert, geleugnet, auf andere geschoben. Aber gerade so kann sie nicht aus der Welt geschafft werden. Es ist eine bedenkliche Beobachtung, dass dies auch bei Christen oft anzutreffen ist: Schuld wird nicht bekannt, sondern verbannt.
2.2 Bruch in den Beziehungen
Durch die Sünde werden die zuvor intakten Beziehungen empfindlich gestört. Dies zeigt sich zunächst im Verhältnis der Menschen zu Gott. Die Menschen verstecken sich vor ihm, können ihm nicht mehr offen und direkt begegnen. Dann zeigt sich dies im Verhältnis der Menschen zueinander. Die Schuld wird auf den anderen geschoben. Außerdem schämen sich Adam und Eva ab jetzt voreinander. Sünde zerstört Beziehungen und führt letztlich immer in die Einsamkeit, weil man gegenüber Gott oder dem Nächsten nicht mehr offen sein kann.
2.3 Jenseits von Eden
Eine weitere Folge ist die Ausweisung aus dem Paradies. Die Menschen leben als Folge der Sünde „Jenseits von Eden“ und damit von Gott getrennt. Ein Zugang zu Gott ist dem Menschen von sich aus nicht mehr möglich. Das Leben jenseits von Eden ist auch geprägt von neuen Gesetzmäßigkeiten. Es gibt Schmerz, Vergeblichkeit und Vergänglichkeit. Im Gegensatz zu 1Mo 1 ist neben dem Segen auch der Fluch eine Wirklichkeit. Gott erhält zwar die Welt, aber das Leben ist mit Mühsal verbunden.
2.4 Tod
Die folgenschwerste Folge der Sünde ist der Tod. Dieser war im Voraus als Folge des Ungehorsams von Gott angekündigt worden (1Mo 2,17). Nun trifft er den Menschen zwar nicht sofort, aber die Lebenszeit ist beschränkt. Es ist zu beobachten, dass die Bibel immer wieder Sünde und Tod in einen inneren Zusammenhang bringt (vgl. Ps 90; Röm 6,23; 1.Kor.15,56). Die Bibel erklärt den Tod letztlich nicht biologisch, sondern geistlich.
3. Der Mensch als Sünder
Wie eingangs schon angedeutet, ist die biblische Darstellung ab 1.Mose 3 davon geprägt, dass die Menschen als Sünder gezeigt werden. Dies zeigt sich nicht ab und an oder nur bei einzelnen, besonders schlimmen Menschen. Es ist ein grundlegender Wesenszug der gesamten Menschheit.
3.1 Die Menschheitsgeschichte als Sündergeschichte
Die auf 1Mo 3 folgende Urgeschichte (1Mo 4-11) erzählt außer den Geschlechts- und Völkerregistern nur Geschichten, in denen die Sünde und deren Folge eine entscheidende Rolle spielt. Dem Sündenfall folgt der Brudermord (1Mo 4); in 1Mo 6,5 wird summarisch festgestellt, dass das Dichten und Trachten des menschlichen Herzens nur böse war. Kurz darauf wird berichtet, dass die Menschen einen Turm bauen wollen, der bis zum Himmel reicht, was wiederum menschlichen Hochmut zum Ausdruck bringt.
Aber auch nach der Berufung Abrahams wird es nicht besser. Von den meisten Großen des AT wird auch ihr Versagen berichtet. Ein Abraham, Mose, Elia, Jesaja, Jeremia ist nicht frei von Sünde. Dies gilt auch für das erwählte Volk Israel insgesamt. Kennzeichnend ist die Situation am Sinai. Kaum ist der Bund geschlossen, die Erfahrung der Hilfe und der Offenbarung Gottes liegt noch nicht weit zurück, da wird der Bund mit der Erstellung und Verehrung des goldenen Kalbs auch schon gebrochen. Besonders nachdenklich macht die alttestamentliche Schilderung vor allem, weil das Verhaftetsein an die Sünde nicht von Heiden, sondern von Gottes Volk berichtet wird. Nicht einmal die von Gott Berufenen und Erwählten, die Gottes Gebot und Willen erfahren haben, können ohne Schuld leben.
Dasselbe zeigt das NT. In vielen Begegnungen mit Jesus geht es um das eine Thema: Sünde. Denken wir nur an die Frau am Brunnen, an Zachäus, den Schächer am Kreuz, an Petrus und nicht zuletzt an Paulus.
3.2 Sünde tun und Sünder sein
Angesichts dieses Befundes stellt sich die Frage: Wird der Mensch zum Sünder durch sein Tun, oder ist er Sünder von Grund auf und erweist sich sein Sündersein an seinem Sünde tun? Die biblische Antwort ist zusammengefasst in 1Mo 8,21: „Das Dichten und Trachten des menschlichen Herzens ist böse von Jugend auf.“ Aufgrund der Sünde des ersten Menschenpaars und der darauf folgenden Trennung von Gott beginnt der Mensch nicht mehr im neutralen Bereich. Er ist von Anfang an von Gott getrennt und unter der Macht der Sünde.
Beide Aspekte sind in Ps 51, dem Bußpsalm Davids, zusammengefasst. David bekennt seine ganz konkret begangene Sünde. Gleichzeitig stellt er jedoch fest: „Siehe, ich bin als Sünder geboren.“ Deshalb bittet er auch nicht nur um Vergebung, sondern um die Neuschaffung seines Herzens.
Wir halten fest: Der Mensch sündigt, weil er Sünder ist. An der sündigen Tat wird das Sündersein offenbar.
4. Die Frage nach Vergebung und Neuschöpfung
4.1 Die Suche nach Erlösung
So zentral in der Bibel das Thema Sünde immer wieder begegnet, so wichtig ist ihr die andere Frage: Wie kann es zur Vergebung und zu einer Veränderung kommen?
Dabei werden zunächst verschiedene Möglichkeiten erwogen, die aber letztlich nicht zum Ziel führen. Eine Möglichkeit ist die Forderung des Gehorsams. Gott zeigt dem Menschen, was er von ihm will. Aber gerade an der klaren Willenskundgebung Gottes scheitert der Mensch immer wieder aufs Neue.
Eine andere Möglichkeit ist das Opfer. Gott selbst gab Israel die Möglichkeit zur Sühne durch stellvertretende Tieropfer. Aber auch hier zeigt sich, dass diese Opfer letztlich nicht sühnen können, sondern nur eine vorläufige Bedeutung haben (vgl. Hebr 10,4).
4.2 Vergebung und Neuschöpfung durch Jesus Christus
Um die Schuld einer ganzen Menschheit zu sühnen, braucht es ein wirklich entsprechendes Gegenmittel. Das kann nur Gottes Sohn selber sein. Kein Tier, kein sündiger Mensch kann letztlich Vergebung erwirken.
Jesus Christus, der ganz ohne Sünde war, trug am Kreuz stellvertretend die Sünde der ganzen Welt. Aber damit nicht genug. An Ostern ist er auferstanden als Erstling der neuen Schöpfung. Damit kommen in Jesu Erlösungswerk, in Tod und Auferstehung die beiden Aspekte des Sünde-Tuns und des Sünder-Seins wieder zusammen. Jesus stirbt für die konkret begangenen Sünden. Und er ermöglicht durch seine Auferstehung und auf Grund der Vergebung ein neues Sein.
Pfarrer Hartmut Schmid, Tübingen Studienleiter im Albrecht-Bengel-Haus
https://www.die-apis.de/fileadmin/BILDER/5-Bibel-und-Medien/3-Bibel_und_Arbeitsmaterial/Biblische_Lehre/BL_biblisch_Mensch.pdf

Lehrt die Bibel das Prinzip Vergeben und Vergessen?

Antwort

Der Ausdruck „Vergeben und Vergessen” wird so nicht in der Bibel erwähnt. Es gibt aber zahlreiche Verse, die uns gebieten, einander zu vergeben (z.B. Matthäus 6,14 und Epheser 4,32). Ein Christ, der nicht bereit ist, anderen zu vergeben, behindert damit seine Beziehung zu Gott (Matthäus 6,15) und kann Bitterkeit und den Verlust von Belohnungen ernten (Hebräer 12,14-15; 2. Johannes 1,8).

Die Vergebung ist eine Entscheidung des Willens. Da uns Gott gebietet zu vergeben, müssen wir eine bewusste Entscheidung treffen, Gott zu gehorchen und zu vergeben. Der Täter wünscht sich vielleicht keine Vergebung und mag sich nie verändern, aber das negiert nicht Gottes Wunsch, dass wir einen vergebenden Geist besitzen sollen (Matthäus 5,44). Im Idealfall sucht der Täter nach Wiedergutmachung, aber wenn nicht, kann der Geschädigte immer noch die Entscheidung treffen zu vergeben.

Natürlich ist es unmöglich, wirklich die Sünden, die gegen uns gerichtet waren, komplett zu vergessen. Wir können nicht selektiv Ereignisse aus unserem Gedächtnis „löschen“. Die Bibel sagt, dass Gott nie mehr unserer Sünden „gedenken” wird (Hebräer 8,12). Aber Gott ist dennoch allwissend. Gott weiß, wir „alle haben gesündigt und erlangen nicht die Herrlichkeit Gottes“ (Römer 3,23). Aber da uns vergeben wurde, sind wir in unserer Stellung (oder vor Gericht) gerechtfertigt. Der Himmel ist unserer, so als wären unsere Sünden nie vorgefallen. Wenn wir durch unseren Glauben an Christus zu ihm gehören, dann verurteilt uns Gott nicht wegen unserer Sünden (Römer 8,1). In diesem Sinne „vergibt und vergisst“ Gott.

Wenn jemand mit „Vergeben und Vergessen” meint: „Ich entscheide mich, Christus zuliebe dem Täter zu vergeben und mit meinem Leben weiterzumachen”, dann ist das eine weise und gottesfürchtige Tat. Wir sollten so viel wie möglich vergessen, was hinter uns liegt, und vorwärtsstreben (Philipper 3,13). Wir sollten einander vergeben „wie auch Gott … vergeben hat in Christus.“ (Epheser 4,32). Wir dürfen nicht zulassen, dass sich Bitterkeit festsetzt und in unseren Herzen wurzeln schlägt (Hebräer 12,15).

Jedoch wenn „Vergeben und Vergessen” bedeutet, „ich verhalte mich so, als wäre die Sünde nie passiert und lebe so, als würde ich mich nicht daran erinnern”, dann können wir in Schwierigkeiten geraten. Zum Beispiel kann ein Vergewaltigungsopfer sich entschließen, dem Vergewaltiger zu vergeben, aber das bedeutet nicht, dass er/sie sich so verhalten soll, als wäre diese Sünde nie passiert. Zeit allein mit dem Vergewaltiger zu verbringen, besonders, wenn er seine Schuld nicht einsieht, ist nicht das, was die Heilige Schrift lehrt. Vergebung bedeutet, einer Person eine Sünde nicht weiter vorzuhalten, aber Vergebung ist etwas Anderes als Vertrauen. Es ist klug, Vorsichtsmaßnahmen zu ergreifen, und manchmal wird sich dadurch die Dynamik in einer Beziehung verändern. „Der Kluge sieht das Unglück kommen und verbirgt sich; die Unverständigen laufen weiter und müssen büßen.“ (Sprüche 22,3). Jesus wies seine Nachfolger an: „seid klug wie die Schlangen und ohne Falsch wie die Tauben.” (Matthäus 10,16). Im Zusammenhang mit Beziehungen zu nicht bereuenden Sünden sollen wir „ohne Falsch“ sein (zur Vergebung bereit) und gleichzeitig „klug“ sein (vorsichtig).

Das Ideal ist zu vergeben und zu vergessen. Die Liebe führt keine Liste über falsche Taten (1. Korinther 13,5) und bedeckt eine Vielzahl von Sünden (1. Petrus 4,8). Allerdings ist es Gottes Sache, die Herzen zu verändern, und bis ein Täter eine wahre und übernatürliche Herzensveränderung erlebt hat, ist es nur klug, das Vertrauen in diese Person einzuschränken. Vorsichtig zu sein heißt nicht, dass wir nicht vergeben haben. Es bedeutet nur, dass wir nicht Gott sind und das Herz dieser Person nicht sehen können.
https://www.gotquestions.org/Deutsch/vergeben-vergessen.html

Selbstbetrug

Wir werden feststellen, dass noch den verwerflichsten Handlungen eine erträgliche Maske gegeben wird. Was andere Habsucht nennen, erscheint dem Handelnden selbst als kluge Vorsorge für seine Familie oder seine Freunde; Betrug als geschicktes Taktieren; Bosheit und Rache als gerechtes Ehrgefühl und als Verteidigung von Eigentumsrechten und des guten Rufs; Feuer und Schwert und die Vernichtung der Feinde als gerechte und gründliche Verteidigung gegen die Feinde; Verfolgung als Eifer für die Wahrheit und für das ewige Heil der Menschen…
Francis Hutcheson (1725), zitiert in: J. L. Mackie. Das Wunder des Theismus, Reclam: Stuttgart 1985.

Verflachtes Sündenverständnis

Durch Aufklärung und Idealismus wurde das Sündenverständnis verflacht. Sünde gilt als Störung der Natur, Entwicklungshemmung (Schleiermacher). Nach Hegel ist die Sünde eine notwendige Durststrecke auf dem Weg der Entwicklung des Menschen. Nietzsche bezeichnet sie als ein jüdisches Gefühl und eine jüdische Erfindung, Troeltsch als Gesinnungsfehler.
Für den modernen Menschen ist alles machbar und reparabel. Sünde ist für ihn nur noch Sand im Getriebe der Technokratie, eine Störung des reibungslosen Ablaufs, aber keine Zerstörung. Das Nivealächeln der Reklamepsychologie suggeriert ihm eine heile Welt.
Trotzdem ist das Bewusstsein des Bösen präsent, gerade in der modernen Literatur: Im Urvatermord (Freud), dem Bösen als Urtatsache (Frey-Rohn), dem Menschen als hochgekämpften Affen (Benn); Menschen, die als Verbrecher auf die Welt kommen (Sartre); das Böse, das den Menschen kerkert (Camus); das Böse, das nicht besiegt, sondern durchlitten werden muss (Solschenizyn); Menschen, die Sklaven haltende Sklaven, fromme Heuchler, Ausbeuter, ohne Natur, grausam deshalb sind (Grass).
Es gibt verschiedene Strategien für den Umgang mit der Sünde: Behagen am Unbehagen, gepflegte Tristesse, Faszination, Koketterie mit dem Underground, Schwelgerei in Disharmonien, Sucht, das Schrille zu artikulieren, die Abwertung der Sünde zum Markengütezeichen.
Aus: Horst Georg Pöhlmann. Abriss der Dogmatik. Chr. Kaiser Gütersloher Verlagshaus: Gütersloh 2002.

Wesen und Wirklichkeit der Sünde

Die Sünde ist überall verbreitet. Das zu wissen, bedarf es keiner himmlischen Offenbarung. Es ist eine Tatsache, der wir täglich gegenüberstehen. Wir brauchen nur die Zeitung zu lesen oder uns mit der Geschichte zu befassen. Sünde begegnet uns bei anderen wie bei uns selbst. Ein Großteil unserer Gesetzgebung geht darauf zurück, dass man den Menschen nicht zutrauen kann, ihre Angelegenheiten ehrlich selbst zu regeln, ohne zu versuchen, andere zu übervorteilen.
Viele Einrichtungen der sogenannten zivilisierten Welt tragen allein dieser Tatsache Rechnung. Ein Versprechen genügt nicht -wir brauchen einen Vertrag. Türen genügen nicht – wir brauchen Schlösser und Riegel. Ein festgesetzter Fahrpreis genügt nicht -wir brauchen Fahrscheine und Kontrollen. Verfassung und Gesetze genügen nicht – wir brauchen Gerichte und Polizei, um sie durchzusetzen. All das und noch vieles andere, woran wir längst so gewöhnt sind, dass es uns selbstverständlich vorkommt, ist Folge der Sünde. Wir können einander nicht trauen. Wir müssen uns voreinander schützen. Das ist eine bedauerliche Tatsache. Aber was ist Sünde eigentlich?
Die einen beschreiben sie als einen Mangel oder einen Fehler tritt. Andere sprechen von einer inneren Fehlhaltung, einer Neigung zum Bösen. Wieder andere Bezeichnungen sind direkt dem juristischen Bereich entnommen: Übertretung, Ungerechtigkeit, Gesetzlosigkeit, Unrecht. Alle diese Wörter gehen von einem Maßstab aus, der nicht erreicht, oder einer Grenze, die überschritten wurde. »Wer also das Gute tun kann und es nicht tut,. der sündigt« (Jak. 4,17). »Wer Sünde tut, der tut auch Unrecht, und die Sünde ist das Unrecht« (1. Joh. 3,4). Der Satz bei Jakobus sieht Sünde als Mangel, der bei Johannes als Tat.
Die Bibel berücksichtigt, dass die Menschen verschiedene Maßstäbe haben. Die Juden haben das mosaische Gesetz (die fünf Bücher Mose). Die übrigen Völker haben das Gesetz ihres Gewissens. Aber alle Menschen sind, gemessen an ihren eigenen Maßstäben, unzulänglich. Jeder hat sein Gesetz gebrochen. Das gilt auch von uns. Unsere Norm mag das Gesetz des Mose oder die Ethik Jesu sein. Oder die Moral unserer Schulen und unserer Gesellschaft, oder was wir sonst unter Anständigkeit verstehen. Es mag der achtfältige Pfad des Buddhisten sein oder die fünf Säulen des Lebenswandels im Islam. Was immer unsere Maßstäbe sein mögen, immer werden wir hinter ihnen zurückbleiben.
Wir haben alle, wenn wir ehrlich sind, etwas an uns auszusetzen. Manche gutmeinenden Leute haben sich mit einem »mehr oder weniger« abgefunden. Sie halten nicht viel von Gewissenserforschung und sind nicht sehr kritisch gegen sich selbst. Sie kennen ihre Schwächen und wissen, dass sie gelegentlich danebengreifen oder aus der Rolle fallen. Aber das alarmiert sie nicht. Sie trösten sich damit, dass sie letzten Endes nicht schlechter und nicht besser sind als alle anderen Menschen. Das ist nur zu verständlich. Aber dieses Denken hat selbst seine Schwächen und seine Grenze.
Erstens hängt das Bewusstsein des Versagens von der Höhe des angelegten Maßstabs ab. Man kann sich schon für einen guten Springer halten, wenn man die Latte nicht mehr als einen Meter hoch legt.
Zweitens fragt Gott tiefer als wir Menschen. Ihm geht es um die Gedanken und Motive unseres Verhaltens. Jesus hat diesen Gesichtspunkt in der Bergpredigt ganz klar herausgestellt, und wir tun gut, das zu beachten. Grundkurs christlicher Glaube – John R. W. Stott Seite S58-60
Zum Thema http://bibelkreis-muenchen.de/?p=1786

Das Wesen der Sünde

Der deutsche Begriff
Sund (Meeresenge, Abstand zwischen einer Insel und dem Festland)
Etwas das die Beziehung zwischen Personen behindert oder vielmehr verunmöglicht.

Der Begriff im Alten Testament

Hebräischer Begriff Bedeutung Definition der Sünde
Avah Verbogen, verdreht Sünde als Entstellung
Ra Böses, Zerbrochenes Sünde als Zerstörungskraft, was Gott gemacht hat wurde böswillig zerstört
Pascha Sich auflehnen, abtrünnig sein Sünde als Rebellion gegen das Gesetz und die Herrschaft Gottes
Rascha Verwirrung, gottlos, ungerecht sein Sünde als Richtungslosigkeit
Maal Vertrauen brechen Sünde als Untreue
Aven Nutzloses, sinnloses Verhalten Sünde als leerer Wahn
Ascham Schuld durch Fahrlässigkeit und Unwissenheit Sünde als Versäumnis
Chata Abirren, zurückbleiben, einen Fehltritt machen Sünde als Zielverfehlung(grundlegendster Sündenbegriff – ähnl.hamartia im NT)
Amal Anstrengung, Sorge Sünde als Last
Aval Ungerecht, unfair Sünde als egoistisches Unrecht

Begriffe im Neuen Testament

Griechischer Begriff Bedeutung Definition der Sünde
Hamartia Abirren Sünde als Zielverfehlung
Parabasis Überschreiten einer Grenzlinie Sünde als Übertretung
Anomia Gesetzlosigkeit Sünde als Ablehnung göttlichen Maßstabes
Paraptoma Fallen, wo man aufrecht stehen sollte Sünde als Versagen (mangelnde Zuverlässigkeit)
Agnoema Unkenntnis (was man wissen sollte) Sünde als Unwissenheit
Kakon Das Böse Sünde als Zerstörungskraft
Poneria Schlechtigkeit (gibt sich nicht zufrieden, bis der andere auch verdorben ist) Sünde als gottwidriges Denken und Handeln (Gefallen an Missgeschick und Unheil)
Kakoetheia Eine Eigenart, die Handeln und Reden anderer in schlechtem Licht sieht Sünde als Bösartigkeit und Miesmacherei
Amal Anstrengung, Sorge Sünde als Last
Aval Ungerecht, unfair Sünde als egoistisches Unrecht

Entstehung der Sünde

  • Der Apostel Paulus verfolgt die Sünde zurück auf den einen Menschen Adam, den er als unsern gemeinsamen Ahnherrn bezeichnet. Der Sündenfall wird in der Genesis als allererster Abfall der Menschen von Gott berichtet (vgl. Sund – Trennung). Davon sind alle Nachkommen des ersten Menschenpaares betroffen.
  • Blaise Pascal hat gesagt, dass die Lehre von der Erbsünde auf den ersten Blick zwar wie eine Beleidigung der Vernunft erscheine, doch einmal akzeptiert, der eigentliche Schlüssel zum Verständnis des Zustandes der Menschheit sei.

Die Bewältigung bzw. Überwindung der Sünde mit allen ihren Auswirkungen

  • Die Opfer des AT können das Sündenproblem nicht wirklich erledigen. Sie sind eine Erinnerung der Trennung von Gott und ein deutlicher Hinweis der stellvertretenden Sühnung (vgl. Ersatz der Opferung eines Lammes an Stelle Isaaks durch Abraham)
  • Jesus als Opferlamm („Sündenbock“). Vgl. Joh 1,29: „Am folgenden Tag sieht Johannes Jesus auf sich zukommen und spricht: Siehe das Lamm Gottes, das die Sünde der Welt wegnimmt“. Diese Opfer (Tod am Kreuz) ist die einzige Sühne für die Sünde des Menschen, seine Wirksamkeit wird auch nicht durch Zeit oder Raum begrenzt. Durch persönliche Akzeptanz durch den einzelnen Menschen wird dadurch der „Sund“ zum Schöpfer überwunden und der Mensch in die Lage versetzt die Möglichkeiten, die in der Bergpredigt und in 1. Kor. 13 (Das Lied der Liebe) beschrieben sind auszuschöpfen.

Versöhnung

Jeder kennt die Geschichte im NT mit dem sog. „Verlorenen Sohn“, der die Entscheidung traf, unabhängig von seinem Vater sein Leben in der Fremde zu führen. Nachdem seine Freiheitsträume nicht in Erfüllung gingen, beschloss er zu seinem Vaterhaus umzukehren und zu bitten, eine Stelle als Knecht zu bekommen.

Der Vater nimmt ihn jedoch als Sohn an. Der Vater hatte ihm schon vorher vergeben.

(Vergebung ist ein Versprechen auf Sühnung und Vergeltung zu verzichten; dazu gehört nur eine Person). Der Vater wollte jederzeit auch Versöhnung; dazu gehören jedoch zwei. Dies gelang nicht, so lange der Sohn noch fern blieb. Der Vater interessierte sich nicht für die Leistungen seines Sohnes. Der Sohn bekannte seine Sünden. Das zweite, das er sich vorgenommen hatte – er will Knecht sein – sagte er nicht mehr, als er die Gnade der Vergebung verstand.

Versöhnung – Der Vater behandelt den Heimgekehrten als Sohn.

 

Dipl.Psychologe Roland Antholzer
(Gemeindeorientierte Initiative für biblische Beratung e.V.)

„Alle Menschen sind Sünder“, sagt der Glaube oder die Vernunft?

Wenn Christen göttliche Offenbarung zum Ausgangspunkt ihres Denkens machen, bedeutet das nie und nimmer, dass sie Unsinniges glauben oder dass sich die Offenbarung grundsätzlich vernünftiger Begrün­dung oder Diskussion entzieht. Es bedeutet nur, dass Gott bzw. die Offenbarung Aussagen machen kann, die für uns in ihrer Gesamtheit nicht zu erfassen sind, so dass wir sie erst begreifen, wenn wir sie akzeptieren und im Alltag nachvollziehen. Weiterlesen