Mut zur Wahrheit

„Sei ein lebendger Fisch, / schwimme doch gegen den Strom! / Auf, und wag es frisch: / Freude und Sieg ist dein Lohn“. Margret Birkenfelds Lied aus dem Jahr 1973 habe ich immer noch gut aus dem Kindergottesdienst in Erinnerung. Die toten Fische, die immer mit dem Strom schwimmen, sich treiben lassen und „in der großen Masse“ bleiben wollen – dieses anschauliche Bild für einen toten Glauben stand mir als Warnung schon in jungen Jahren vor Augen. Ein lebendiger Christ dagegen solle „Mut“ haben, „auch einmal anders zu sein / als die meisten Leute um dich her“; und weiter: „Frage du nur: Was will denn der HERR?“ – selbst oder gerade dann, „wenn sie dich auch alle als nicht ganz normal verschrein“. Birkenfelds Mut zu diesen deutlichen Worten nötigt bis heute Respekt ab. Ihr war es gelungen, in einfacher Sprache Hauptwahrheiten des Neuen Testaments auszudrücken: das Christein ist auch mit Kosten verbunden; und wir brauchen Mut zum Unterschied, zum anders Sein als Christ, was schließlich auch das zentrale Thema der Bergpredigt Jesu ist.
„Doch aus eigner Kraft wirst du nie ein lebendiger Fisch“. Kraft zum Unangepasst sein kommt von Gott. Christen können und sollen ihn darum bitten, denn in oder durch Jesus Christus dürfen sie Mut haben, sich ihm zuversichtlich zu nähern (s. 1 Joh 2,28; 3,21; 4,17; 5,14; Hbr 4,16). Diese Haltung wird an den eben genannten Stellen mit dem gr. Begriff parrhesia bezeichnet. Die Wortgruppe taucht über 30 Mal im Neuen Testament auf und wird meist mit „Freimut/freimütig“ übersetzt. Weil der Christ sich frei und offen an Gott wenden darf, kann er auch mutig, unerschrocken und zuversichtlich das Evangelium weitersagen, den Glauben bekennen. Die Apostel geben uns Beispiele: „Die Unerschrockenheit, mit der Petrus und Johannes sich verteidigten, machte großen Eindruck auf die Mitglieder des Hohen Rates“ (NGÜ), heißt es in Apg 4,13 (s. auch Apg 2,29; 4,29; 2 Kor 3,12; 7,4; Eph 6,19). Von allen Glaubenden wird auch heute noch – oder gerade wieder – solche Unerschrockenheit gegenüber dem Bösen und allen Widrigkeiten verlangt. Der Christ soll sich nicht anpassen an das, was ist. Nichts anderes sagen die Worte vom „Salz der Erde“ und vom „Licht der Welt“ (Mt 5,13–16).
Joseph Ratzinger, der spätere Papst, erinnerte 1962 an den Freimut, als „eine der im Neuen Testament am meisten genannten Grundhaltungen des Christenmenschen“. Im hohen Mittelalter betonte Kirchenlehrer Thomas von Aquin: „Das vornehmlichere Werk der Tapferkeit, vornehmlicher denn Angreifen, ist Standhalten, das ist: unbeweglich feststehen in der Gefahr.“ Wer mutig oder tapfer ist, der ist auch geduldig, besitzt eine „innere seelische Festigkeit“, so der Anglikaner James I. Packer (1926-2020): „Tapferkeit kann unbeständig sein und vergehen, doch Festigkeit ist eine Verbindung von Mut und Durchhaltevermögen. Sie hält an. Glaube wirkt Festigkeit, denn er hält vor uns die Hoffnung vor Augen… Die Idee der Festigkeit stammt von Aristoteles, doch die Kraft sie zu praktizieren, kommt nur aus dem Evangelium.“
Biblischer Mut ist erstens untrennbar verbunden mit der Gegenwart und Macht des Herrn: „Sei getrost und unverzagt. Lass dir nicht grauen und entsetze dich nicht; denn der Herr, dein Gott, ist mit dir in allem, was du tust“ (Jos 1,9). Zweitens ruht dieser Mut auf der vollkommenen Zuverlässigkeit und Wahrheit der Worte Gottes. Unerschrockenheit in dieser Welt hat immer den Gehorsam gegenüber dem biblischen Wort zur Voraussetzung. Und drittens ist solch ein Mut auf die Zukunft ausgerichtet. Mut wird inspiriert durch Hoffnung und Vertrauen auf die Zukunft.
Auch der französische Historiker und Philosoph Michel Foucault hat sich gegen Ende seines Lebens in einer Vorlesungsreihe der Freimut gewidmet (er starb 1984 an AIDS; sein Lebensstil und seine Schriften sind natürlich in mancher Hinsicht auch sehr kritisch zu bewerten, aber darum soll es hier nicht gehen). In Mut zur Wahrheit analysierte er die parrhesia als „Schlüsseltugend“ in antiken Texten der Griechen, aber auch der frühen Christen. Für diese ist sie der „Mut, der im Vertrauen auf Gott besteht, und dieses Vertrauen kann nicht von der Haltung der Tapferkeit getrennt werden, die man gegenüber Menschen hat“. Es ist der „Mut, trotz aller Bedrohungen die Wahrheit, die man kennt, die man weiß und für die man Zeugnis ablegen will, zur Geltung zu bringen.“ Im Kontrast dazu steht die Rhetorik als eine Technik, die etwas hervorbringen soll.  Ein guter Rhetoriker ist, so Foucault, „in der Lage, etwas ganz anderes als das zu sagen, was er weiß, was er glaubt,… was er denkt“; er kann ein „wirkungsvoller Lügner“ sein. Hauptsache, das Ergebnis stimmt. Wer die Tugend der Freimut besitzt ist dagegen derjenige, der zwischen sich „und dem, was er sagt, eine feste, notwendige Verbindung herstellt“. Wer Mut zur Wahrheit besitzt, geht daher ein Risiko ein. Er riskiert „sein eigenes Leben und seine Beziehung zum anderen“. Denn die ausgesprochene Wahrheit beinhaltet immer das Risiko, „einen anderen zu verletzen, ihn zu reizen, ihn zu erzürnen“. Dem die Wahrheit gesagt wird, sollte daher „Seelengröße“ zeigen, „indem er akzeptiert, dass man ihm die Wahrheit sagt“, so Foucault.
Der Freimütige will „nichts verbergen, die wahren Dinge sagen“; er will keine Maske aufsetzen; „er unterzeichnet gewissermaßen selbst die Wahrheit, die er ausspricht, er bindet sich an diese Wahrheit und verpflichtet sich folglich auf sie und durch sie“. Doch diese Verpflichtung wird auch „von der Gefahr begleitet, die das Wahrsprechen mit sich bringt.“ Die ausgesprochene Wahrheit kann ins gesellschaftliche Abseits führen, weshalb sie auch ein „politischer Begriff“ war und ist. Zur Theorie und Praxis der modernen Demokratie gehört die freimütige Rede, die eng mit dem Gedanken der Zivilcourage verwandt ist. Die Tyrannei hingegen bezeichnete Foucault als „Wahlheimat für das Schweigen und die Schmeichelei“. Wer die Freimut verliert, ist wie ein antiker Sklave (der sie schon allein rechtlich meist nicht besaß), und er muss die Dummheit der Mächtigen ertragen. „Wenn es keine parrhesia gibt, sind die Menschen, die Bürger und alle anderen dem Wahnsinn des Mächtigen ausgeliefert“, warnte Foucault.
http://lahayne.lt/2022/01/05/mut-zur-wahrheit/

Der achtfache Pfad des Apostels Petrus

Nicht nur im Buddhismus gibt es einen „achtfachen Pfad“, auf dem der Mensch zum Guten gelangt. Auch Petrus beschreibt in seinem 2. Brief )2. Petr. 1,5) einen Weg mit acht Stationen, der zum erfüllten Leben führt.
Seine acht Schritte sind:

  1. Glauben
  2. Tugend
  3. Erkenntnis
  4. Mäßigkeit
  5. Geduld
  6. Frömmigkeit
  7. geschwisterliche Liebe
  8. Liebe zu allen Menschen

Wie hängen sie zusammen? Was geschieht zwischen den einzelnen Stufen?

  1. Glauben
    Wer Gott vertraut, der möchte auch nach seinen Geboten leben – nicht, weil ihn das in den Himmel bringt, aber weil er Gott liebt und ernstnimmt.
    Die Gewöhnung, die in diesem Bemühen eintritt, ist die
  2. Tugend
    Das alltägliche Leben mit den Geboten Gottes macht Erfahrungen in zweierlei Hinsicht: Die Gebote bewähren sich als hilfreich, realistisch, praktikabel. Aber sie führen den Menschen auch an Grenzen. Gerade der Tugendhafte, der den Wert der Gebote verinnerlicht hat, bleibt immer wieder hinter seinen Vorsätzen zurück. Die Praxis führt also zur
  3. Erkenntnis, dass Gott und sein Wort gut und volllkommen sind, ich aber unvollkommen und Sünder bin. Das macht bescheiden, mit anderen Worten, es führt zur
  4. Mäßigkeit
    In dieser Mäßgkeit werden der natürliche Anlagen des Menschen wie Zorn, Missgunst und Ungeduld gemildert. Ich werde barmherzig mit mir und den anderen und muss nicht mehr alles selbst erreichen. Das heißt, ich lerne
  5. Geduld
    Weil ich in dieser Geduld immer mehr spüre, dass ich das Gelingen meines Lebens nicht selbst in der Hand habe, frage ich konkreter nach Gott, strecke mich aus nach seiner Kraft. Dieses konkrete „im-Alltag-mit Gott-leben“ nennt man
  6. Frömmigkeit
    Sie ist nach Bezzel „der Entschluss, die Abhängigkeit von Gott als Glück zu bezeichnen“. Weil ich mich darin selber nicht mehr so wichtig nehme, fällt es mir leicht, auch die anderen anzunehmen, die ja genauso abhängig sind von Gott wie ich – ich weiß ja von mir selbst, dass ich durch meinen Glauben kein „besserer Mensch“ bin als andere und erwarte das auch nicht mehr von meinen Mitchristen. Das ist die alllmählichh selbstverständlich werdende
  7. geschwisterliche Liebe
    Weil die Liebe der Christen untereinander keinen Hochmut kennt, weitet sie sich von alleine aus auf alle Menschen, die ja die Liebe Gottes genauso nötig haben wie ich. So wie der Pfad meinen eigenen Egoismus überwindet, so passt auch, anders als in der Welt, zur engen Verbundenheit der Christen untereinander kein „Gruppen-Egoismus“. Es ist kein „Hier wir – dort die anderen“ Sondern ein „Wir – für und mit den anderen“. Das heißt, es wächst die
  8. Liebe zu allen Menschen, deren vornehmste Sehnsucht es ist, dass alle Menschen zu dem Glauben kommen, der den achtfachen Pfad in Gang bringt …
    https://kraftwort.wordpress.com/2020/11/20/der-achtfache-pfad-des-apostels-petrus/