Endlose Unsicherheit

Bei weltlichen Christen ist häufig eine Verherrlichung des Zweifels zu finden. Frei nach Descartes: „Ich zweifle, also bin ich.“ Es gehört fest zum eigenen Selbstverständnis alles in Frage zu stellen. Verschiedene Positionen zu einem Sachverhalt einander gegenüberzustellen, nur um dann die Relativität von beiden zu behaupten. Der grundsätzliche Zweifel ist das erstrebte Lebensgefühl, obwohl er natürlich gleichzeitig beklagt wird. In keinem Fall will man irgendetwas einfach akzeptieren oder von anderen übernehmen. Als authentisch gilt der, der zu allem noch ein „aber“ formuliert und dann auf sein Bauchgefühl hört. Ganz allgemein wird der eigene Bauch, die Emotion, das irgendwo tief in einem liegende Ahnen als einzig verlässliche Instanz gelten gelassen. Man ist gefangen in einer endlosen Schleife des Zweifels und einer bitter-süßen Unsicherheit. Weiterlesen

Der Zweifel verhält sich zum Glauben wie die Dunkelheit zum Licht

Wir leben in einer Zeit, die lieber zweifelt als glaubt. Wir reden oft vom „blinden Glauben“ und vom „aufrichtigen Zweifel“. Sowohl der Glaube als auch der Zweifel können blind oder aufrichtig sein, doch selten sprechen wir vom „aufrichtigen Glauben“ oder vom „blinden Zweifel“. Glaube und Zweifel werden beide gebraucht, aber der Glaube hat mehr Gewicht. Selbst wenn ich etwas bezweifele, muss ich glauben, dass es Kriterien gibt, nach denen es beurteilt werden kann. Ich muss erst an etwas glauben, ehe ich etwas anzweifeln kann. Der Zweifel verhält sich zum Glauben wie die Dunkelheit zum Licht, wie die Krankheit zur Gesundheit. Er ist das Fehlen von etwas. Eine Krankheit mag das Fehlen von Gesundheit sein, aber Gesundheit ist mehr als das Fehlen von Krankheit. So verhält es sich auch mit Zweifel und Glauben. Der Zweifel ist ein guter Diener, aber ein schlechter Herr.
„Der Zweifel ist eine Zeitlang nützlich … Wenn Christus eine gequälte Nacht lang im Gebet verbrachte, wenn er am Kreuz ausrief: ,Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?‘, dann ist es uns gewiss gestattet zu zweifeln. Aber wir dürfen nicht dabei stehen bleiben. Den Zweifel als Lebensphilosophie zu wählen ist etwa so, als wählte man die Unbeweglichkeit als Transportmittel.“ Seite 33
Glaube & Zweifel von John Ortberg Gerth Medien September 2009 224 Seiten ISBN 978-3-86591-860-4 16,95 Euro www.gerth.de

Kreativer und existenzieller Zweifel

„Niemand braucht zu zweifeln, dass wir ab und zu zweifeln!“ (Karl Barth)
Kreativer Zweifel – das Fragen, ob es sich auch wirklich so verhält, schult einen darin, genauer hinzusehen und in seinem Urteil kritisch zu sein. Das ist gut so, schliesslich haften uns häufig falsche Denkvoraussetzungen und Unwissenheit an. Von den Christen in Beröa wird berichtet, dass sie sich „vorteilhaft von den Christen in Thessalonich unterschieden, da sie in aller Bereitwilligkeit das Wort annahmen und täglich in den Schriften nachforschten, ob sich die Dinge so verhielten“ (Apostelgeschichte 17,11).
Existenzieller Zweifel ist der Zweifel, der uns das Gefühl vermittelt, dass die Antworten auf unsere Fragen für unser ganzes Dasein bestimmend sind. Die Glaubenshelden der Bibel wurden immer wieder von solchen Zweifeln heimgesucht. Zum Beispiel Thomas, Jünger von Jesus: Er wollte lieber mit Jesus sterben, als ohne ihn zu leben. Er hatte Sehnsucht danach, alles hinzugeben und gleichzeitige Angst davor, alles hinzugeben.
Zeichen einer höheren Wirklichkeit
Wir leben in einer Welt, in der eigentlich an allem gezweifelt wird und in dem in gewisser Hinsicht Zweifel einen viel höheren Stellenwert bekommt als Gewissheit.
Ich kann gar nicht anders, als dasjenige, was ich glaube, anhand der Wirklichkeit zu überprüfen. Dafür bieten sich zwei Bereiche an:
1. Die Struktur der Welt um uns herum: Die Wirklichkeit ausserhalb unserer selbst weist über sich selbst hinaus.
2. Die Wirklichkeit in mir: Nach Peter Berger gibt es fünf Zeichen, die auf eine höhere Wirklichkeit hinweisen: Eine Mutter, die ihr Baby tröstet (Worte in Richtung einer letztendlichen, alles umfassenden Harmonie); spielende Menschen (sie schaffen sich eine Welt, in der andere Regeln gelten); das Phänomen der Hoffnung; die Radikalität, mit der jeder Mensch Formen des Bösen verurteilt; Humor – zwei Wirklichkeiten, die in einem Vorfall miteinander zusammenstoßen.
Gefühl ist Folge, nicht Ursache des Glaubens
Der christliche Glaube beruht nicht auf Gefühl, auch nicht auf unbewussten Sehnsüchten, sondern auf historischen Tatsachen. Gefühl, Erfahrung und Empfinden sind Folge und nicht die Ursache des Glaubens.
Es ist eine der auffälligsten Dinge, dass die Bibel Glaube nicht an Bedürfnisse oder deren Befriedigung knüpft, sondern an historische Geschehnissen. Der christliche Glaube steht und fällt mit historischen Geschehnissen.
Gottes Führung verläuft ohne Untertitel
Nur zu gerne würden wir wissen, ob Gott an unseren Entscheidungen beteiligt ist und wenn ja, was er entsprechend von uns will und was dann die beste Entscheidung ist.
Gott wird häufig als jemand gesehen, der alles für uns ausgedoktert und für jedes seiner Kinder einen fix-und-fertigen Plan vorbereitet hat. Als würde unser Leben der Bauzeichnung eines Architekten gleichen, der ein Haus entworfen hat, wobei die Handwerker sich nur den Entwurf ansehen müssen, um dann das Haus zu errichten. Die Aufgabe des Gläubigen bestünde entsprechend darin, in grossen und kleinen Dingen Gottes spezifisches Ziel im Hinblick auf das persönliche Leben zu suchen.
Das Problem bei dieser Art von Umgang mit Führung ist mehrschichtig: Zum einen, wenn man davon ausgeht, dass Gott so das individuelle Leben führt, bildet dies häufig eine Quelle für Sorgen und Angespanntheit. Denn man hat immer Angst davor, dass man den Plan Gottes für sein Leben verpassen könnte. Zweitens lähmt es Menschen im Hinblick darauf, Verantwortung zu übernehmen. Zum Dritten führt es häufig zu sehr armseligen Entscheidungen, die nicht auf einer gesunden Abwägung sämtlicher Umstände beruhen, sondern auf einer plötzlichen Eingebung oder einem zufälligen Geschehnis.
Aus: Wim Rietkerk, „In dubio, Handbuch für Zweifler“, 186 Seiten, Verlag für Kultur und Wissenschaft, Bonn 2010 Pb.190 S. 16.00 €. ISBN 978-3-938116-96-8

Wie gehen wir mit dem Zweifel um?

Ich glaube an den Zweifel
Alles beruht auf Vertrauen. Von der Freundschaft unter Kindern bis hin zu Verträgen zwischen Völkern – das ganze Leben hängt ab vom Vertrauen. Wer sich auf Menschen verlässt, hat Vertrauen. Die höchsten Gefilde der Liebe und des Lebens sind nur mit Vertrauen zu erreichen. Kein Wunder also, dass uns die eine Frage immer wieder beschäftigt: Wem kann ich vertrauen? Wenn das Vertrauen schwindet und der Zweifel wächst, legt sich ein Schatten auf den Menschen.
Wer christliche Ratschläge erteilt, sollte dies stets in dem Bewusstsein tun, daß theoretisches Wissen allein überhaupt nichts nützt, wenn es getrennt wird vom Glauben und vom bewussten Vertrauen auf den Heiligen Geist. Weiterlesen

Die Auferstehung Jesu

Die Auferstehung Jesu aus der Sicht eines Historikers
„Ist Christus nicht auferstanden, so ist euer Glaube eine Illusion…dann seid ihr noch in euren Sünden…dann laßt uns essen und trinken, denn morgen sind wir tot.“ So schrieb Paulus an die Christen in Korinth (1.Korinther 15,14.17.32).
Ohne die Auferstehung Jesu gäbe es keinen christlichen Glauben. Ohne die Auferstehung Jesu gäbe es keine christliche Hoffnung, auch nicht auf die Vergebung unserer Sünden. Was kann ein (Alt-)Historiker über diese Auferstehung sagen? Kann er überhaupt etwas dazu sagen? Sollte er überhaupt etwas dazu sagen? Schließlich ist das Ganze doch eine Glaubenssache – oder nicht? Beruht der christliche Glaube etwa auf (fragwürdigen?) historischen Behauptungen? Den Schreibern des Neuen Testaments und den ersten Christen war die historische Frage wichtig, deshalb ist später der Name von Pontius Pilatus als einziger Name neben dem von Jesus Christus ins Glaubensbekenntnis aufgenommen worden. „Gekreuzigt unter Pontius Pilatus“, d.h. nicht irgendwann, irgendwo, irgendwie, sondern in der Zeit der Statthalterschaft von Pilatus in Judäa (26-36 n.Chr.). Zunächst sollen einige grundlegende Vorüberlegungen und Vorfragen angesprochen werden: In jeder Wissenschaft richtet sich die Methode, mit der man arbeitet, nach dem Gegenstand, über den man die Wahrheit herausfinden will. Deshalb arbeiten Historiker z.B. anders als Naturwissenschaftler, denn Historiker können ja nicht einfach in einem wiederholbaren Experiment die historische Vergangenheit rekonstruieren. Historiker arbeiten eher wie Juristen. Sie rekonstruieren vergangene Ereignisse auf Grund von Quellen, Indizien, Zeugenaussagen; sie führen also einen Indizienprozeß. Manchmal muß man auf Grund einer neuen Quellenlage, neuer Indizien einen Fall auch erneut aufrollen. Ein besonderes Problem stellt die Frage dar: „Sind historische Überlieferung und Bewertung nicht subjektiv? Unsere Bewertungen bezüglich der Bedeutung von Ereignissen ändern sich doch immer wieder einmal.“ Das stimmt. Überlieferung und Bewertung von Ereignissen können subjektiv sein. Die Ereignisse aber sind es nicht; Ereignisse finden statt. Die Geschichte der Welt findet statt, die Geschichte meines Lebens findet statt. Und nicht immer findet das statt, was am wahrscheinlichsten ist. Das wissen wir aus der Geschichte unseres eigenen Lebens und aus der Geschichte der Welt. So war es z.B. Anfang Oktober 1989 noch extrem unwahrscheinlich, daß die Berliner Mauer jemals, oder jedenfalls in absehbarer Zeit, fallen würde. Aber sie ist Anfang November 1989 gefallen. In der Geschichte tritt nicht immer das ein, was am wahrscheinlichsten ist. Die entscheidende Frage bei allen Berichten, die wir über Ereignisse hören, sehen oder lesen, lautet deshalb: „Ist der Bericht wahr? Hat das wirklich stattgefunden?“ Historiker haben es also mit einem Indizienprozeß zu tun. Welche Indizien, Quellen oder Zeugnisse gibt es nun für die Auferstehung Jesu? Historisch ernst zu nehmen sind hier vor allem die Schriften des Neuen Testaments, d.h. die Evangelien, die Apostelgeschichte und auch die Briefe. Weiteres Material außerhalb des Neuen Testaments ist historisch nicht sehr ergiebig. Eine interessante Ausnahme stellt hierbei eine Notiz des römischen Geschichtsschreibers Tacitus (ca. 55-110 n.Chr.) dar, der sich im Zusammenhang mit dem Brand Roms zur Zeit des Kaisers Nero auch über die Christen (sie wurden von Nero fälschlich als Brandstifter bezeichnet) äußert und schreibt, daß „…der Stifter dieser Sekte, Christus…unter der Regierung des Tiberius durch den Prokurator Pontius Pilatus hingerichtet worden“ ist (Tacitus, Annalen XV,44), also eine präzise Übereinstimmung mit der gleichen Aussage im Neuen Testament. Eine andere Vorfrage lautet: Wollen die Texte des Neuen Testaments überhaupt historisch verstanden werden? War das überhaupt ihr Selbstverständnis? Hatten die Autoren der Evangelien ein Interesse an historischen Fragen und falls ja, hatten die Menschen in der Antike nicht andere Vorstellungen von historischer Wahrheit als wir heute? Sehen wir uns daraufhin den Prolog von Lukas aus seinem Evangelium (Lukas 1,1-4) an: „Da es nun schon viele unternommen haben, einen Bericht von den Ereignissen zu verfassen, die sich unter uns zugetragen haben, wie sie uns die überliefert haben, die von Anfang an Augenzeugen und Diener des Wortes gewesen sind, hat es auch mir gut geschienen, der ich allem von Anfang an genau gefolgt bin, es dir, vortrefflichster Theophilos, der Reihe nach zu schreiben, damit du die Zuverlässigkeit der Dinge erkennst, in denen du unterrichtet worden bist.“

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