Ist alles eitel?

Ja, der Prediger Salomo ist der große Skeptiker unter den Schreibern der Bibel. Aber gegenüber was ist er eigentlich skeptisch? Wer genau nachliest, wird feststellen: Der Prediger zweifelt nicht etwa an Gott, aber er zweifelt am Menschen.
Kein Glaube an den Menschen
Seinen ersten Buchteil (1,3-3,9) stellt der Prediger unter die Frage: Was hat der Mensch als „Gewinn“ von seinem Leben? Was kommt bei einem Menschenleben „unterm Strich“ heraus? Der Prediger sucht in drei Richtungen:
Kann ich durch Arbeit meinem Leben bleiben den Sinn verleihen (1,13-15)? Ist es Bildung und Weisheit, die mich über den Tod hinaus begleiten (1,16-18)? Oder soll ich am besten so viel wie möglich genießen (2,1-2)?
Ein Superstar des Alten Orients …
Der Prediger probiert es aus und führt ein Experiment durch. Es wird das Experiment seines Lebens. Er vollbringt große Taten und häuft Reichtümer an. Er bildet sich und wird zum weisesten aller Menschen. Und er genießt. Als König Salomo, als „Superstar“ des Alten Vorderen Orients, hat er die Mittel dazu.
Er kann alles tun, von dem andere nur träumen. Sein Fazit jedoch fällt bitter aus: Alles ist eitel. Nichts bleibt. Es gibt, auf lange Sicht, keinen Gewinn (2,11). In der anschließenden Auswertung (2,12-26) erklärt er dann auch, warum: Was der eine an Reichtum angehäuft hat, gibt der andere wieder aus. Was der eine in Weisheit erbaut hat, richtet der andere durch Torheit wieder zugrunde. Ob reich oder arm, ob Weise oder Tor: Jeder muss sterben, und am Ende bleibt von ihm – nichts. … und sein Ende
Zwei Gedichte rahmen das Experiment des Predigers. Das erste handelt von der immerwährenden Wiederkehr des Gleichen: Es gibt nichts wirklich Neues unter der Sonne (1,4-11). Das zweite Gedicht, „Alles hat seine Zeit“, stellt paarweise entgegengesetzte Handlungen zusammen und zeigt auf diese Weise, dass sich am Ende alles aufhebt. Etwas salopp ausgedrückt:
geboren werden + sterben = 0; pflanzen + ausreißen = 0; lieben + hassen = 0 usw. – Was auch immer den Menschen im Laufe seines Lebens bewegt, unter dem Strich ist die Summe aller Ereignisse Null (3,1-8).
Lieben + Hassen = 0
Der Prediger spricht in seinen Ausführungen immer wieder vom Leben „unter der Sonne“. Spätere Philosophen verwenden dafür den Begriff „Immanenz“: der Mensch, eingeschlossen im Hier und Jetzt der erfahrbaren Welt um ihn herum. So betrachtet ist ein Menschenleben wirklich nicht mehr als ein Sandkorn am Strand des Universums. Und der Prediger schont seine Leser in dieser Sache nicht. Unbarmherzig lässt er unsere Illusionen zerplatzen, zwingt uns, dem Tod ins Gesicht zu sehen, der uns alle erwartet.
Mein Anteil am Leben
Zum Glück bleibt der Prediger dabei aber nicht stehen. Er bricht die Immanenz auf, öffnet die Perspektive hin zu Gott, zur Transzendenz.
Denn von Gott her betrachtet macht mein Leben dennoch Sinn. Nicht deshalb, weil ich etwas Bleibendes schaffen könnte. Aber deshalb, weil er es mir geschenkt hat, weil ich es in seiner Gegenwart genießen und gestalten darf (2,24-25).
Wer geliebt wird, dessen Leben ist erfüllt. An mehreren Stellen spricht der Prediger auch vom „Anteil“ am Leben und verwendet dabei einen wichtigen alttestamentlichen Begriff: So wie das Gesetz des Mose regelt, dass jede israelitische Bauernfamilie ihren Anteil am Ackerland bekommt, so möcbte der Herr der Ewigkeit einem jeden Menschen seinen Anteil an der großen Geschichte des Lebens schenken. – Was fangen Sie mit Ihrem Anteil an

Man muss zu zweifeln verstehen, wo es notwendig ist

Man muss zu zweifeln verstehen, wo es notwendig ist, sich Gewissheit verschaffen, wo es notwendig ist, und sich unterwerfen, wo es notwendig ist. Wer nicht so handelt, missachtet die Kraft des Verstandes. Es gibt Menschen, die gegen diese drei Grundforderungen verstossen, die entweder behaupten, alles sei beweisbar, weil sie nichts vom Beweisen verstehen, oder alles bezweifeln, weil sie nicht wissen, wo man sich unterwerfen muss, oder sich in allen Fällen unterwerfen, weil sie nicht wissen, wo man urteilen muss. Blaise Pascal. Pensées. Fragment 268.