Die Existenzanalyse Victor E. Frankls Teil 5a Der Sinn

Die Existenzanalyse und der Versuch einer kritischen Stellungnahme aus biblischer Sicht
Der Sinn
Der Über-Sinn
Bevor wir auf Frankls Interpretation von Sinn eingehen, müssen wir uns mit einem Aspekt befassen, den Frankl nicht zu seinem Thema macht. Von vornherein hält er es für sinnlos, die Frage nach dem Weltganzen zu stellen, weil sie für ihn unbeantwortbar bleibt. Das Weltganze ist unüberschaubar und undeutbar und in der Annahme dieser Gegebenheit muß der Mensch seine Begrenztheit bejahen. Auch wenn Frankl keine befriedigende Antwort hat, konstruiert er sich doch ein Modell mit Hilfe eines Grenzbegriffes, den er «Über-Sinn» nennt, um die Sinnhaftigkeit menschlichen Lebens begründen zu können. Was er damit meint, wird deutlich an der Beziehung zwischen der Umwelt des Tieres und der Welt des Menschen, (12) die wiederum in Beziehung zu einer «Über-Welt» steht. Das Tier, in seiner gattungsgemäßen Umwelt kann aus seiner Dimension heraus die Welt des Menschen, die Welt der Werte und des Sinnes nicht verstehen. Ein Ackergaul z.B.weiß nicht, warum er den Pflug ziehen muß. Er ist nicht imstande, den Überlegungen des Menschen zu folgen. Deshalb fragt Frankl: «…müssen wir nicht annehmen, daß die menschliche Welt selbst ihrerseits überhöht wird von einer nun wieder dem Menschen nicht zugänglichen Welt, deren Sinn, deren Über-Sinn allein seinem Leiden erst den Sinn zu geben imstande wäre?» (Ärztliche Seelsorge 46) Das heißt: Die menschliche Dimension ist noch nicht die letzte, es existiert noch eine im Universum. Aber ebensowenig wie das Tier außerstande ist, die Welt des Menschen zu verstehen, ebensowenig kann der Mensch einen Einblick in die Über-Welt haben oder den Über-Sinn verstehen. (13) Für Frankl ist der Begriff «Über-Sinn» auch eine Parallele zu Kants Postulat der Vernunft (ASS., S. 44): Der Mensch kann den Über-Sinn nicht denken, muß ihn aber denken, um sinnerfüllt leben zu können. Diesen Konflikt kann der Mensch allein durch den Glauben lösen; denn Glaube und auch Liebe sind Brücken zwischen den Welten. Ein Hund z.B., dem man durch eine Spritze Schmerzen zufügen muß, kann dennoch vertrauensvoll zu seinem Herrchen aufblicken, weil dieser ihn «liebt»: Wen aber soll der Mensch lieben? An wen soll er glauben? Frankl sieht hier die Notwendigkeit einer personalen Transzendenz, denn eine Liebesbeziehung beruht auf gegenseitiger Persönlichkeit. Das führt Frankl zu der Annahme der Existenz Gottes. Diese Realität will Frankl keinesfalls mit einem Gottesbeweis begründen, er will vielmehr seine Realität phänomenologisch aufweisen. Frankl sagt: «Es wäre… durchaus vorstellbar, daß man etwa folgendermaßen -gewiß nicht schließt oder gar beweist, aber etwas zur Gegebenheit bringt: Das zu Liebende ist früher als das Lieben; unser Lieben findet aber kein Genüge an all dem, was es innerhalb der Welt vorfindet, das nun, woran unser Lieben ja Genüge finden könnte, das nennen wir Gott – und insofern ist Gott.» (zitiert in Böschenmeyer, Die Sinnfrage in Psychotherapie und Theologie, S. 93) Wie die Liebe, so sind auch alle anderen spezifisch humanen Phänomene auf Gott bezogen.
Offen bleibt jetzt die Frage, ob für Frankl «Gott» und «Über-Sinn» Synonyme sind. Warum führt er überhaupt den Begriff «Über-Sinn» ein, wenn er doch die Transzendenz personal versteht? Will er dem nicht-religiösen Menschen damit nahekommen? Will er sich davor schützen, in ein weltanschauliches Lager zu treten?
Mit diesen Fragen werden wir uns noch im kritischen Teil auseinanderzusetzen haben. Nun werden wir erst einmal sehen, welchen entscheidenden Platz die Frage nach dem Sinn in der Existenzanalyse hat.
http://bibelkreis-muenchen.de/?p=495 Teil 1
http://bibelkreis-muenchen.de/?p=1581 Teil 2
http://bibelkreis-muenchen.de/?p=1586 Teil 3
http://bibelkreis-muenchen.de/?p=1593 Teil 4

Ein Gedanke zu „Die Existenzanalyse Victor E. Frankls Teil 5a Der Sinn

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