Kein Platz für das Royal-Baby

Noch weit von der Pensionierung entfernt, bin ich bereits zum fünften Mal Grossvater geworden. Was für eine Ehre! Erneut fand ich die Bestätigung: Keine Geburt ist wie die andere. So individuell wie die Menschen sind, so kommen sie auch auf die Welt. Geburts-Routine gibt es nicht. Geburten fördern das Beten. Und Neugeborene gehören umarmt und wollen ins Herz geschlossen werden. Neben meinem jüngsten Enkel, der per Kaiserschnitt ins Licht gehoben wurde, beschäftigten mich in diesen Tagen noch zwei andere Geburten.
Archie Harrison Mountbatten-Windsor. So heisst der Sohn von Herzogin Meghan und Prinz Harry. Archie gehört zur britischen Königsfamilie. In der Thronfolge reiht er sich an siebter Stelle ein – direkt nach seinem Vater. Für seinen Grossvater Kronprinz Charles ist Archie das vierte Enkelkind und somit das achte Urenkelkind von Queen Elizabeth. Archie wird im „Frogmore Cottage“, einem schlossartigen Haus inmitten eines riesigen Parks aufwachsen. Bei der Einrichtung des Kinderzimmers genügte die elterliche Vorstellungskraft nicht. Eine Innenarchitektin gestaltete ein Kinderparadies in wie es heisst „geschlechtsneutralen“ Tönen. Noch vor Archies Geburt wurde das ganze Gebäude mit einem Millionenbetrag renoviert. Archie soll in einer standesgemässen Umgebung gross werden. „Wir sind unfassbar glücklich, unser eigenes kleines Bündel Glück zu haben.“ So schwärmte Prinz Harry vor der Kamera. Er hat Archie ins Herz geschlossen.
Das Kinderzimmer hätte der praktisch veranlagte Josef selber hergerichtet. Doch sie hatten ja nur einen Raum; hier spielte sich das ganze Leben ab. Und dann auch noch dies: Als der Geburtstermin näher rückte, rief der römische Kaiser zur Volkszählung. Als Nachkomme Davids musste Josef von Nazareth nach Betlehem reisen; im Schlepptau die hochschwangere Maria. Endlich dort angekommen, setzen die Wehen ein. Niemand lässt die beiden ins Haus. Was jetzt? Wohin? Schliesslich ist es eine Hütte, ein Stall, ein „Cottage“, wo Maria ihr Kind zur Welt bringt und es dann in die Futterkrippe legt. Josef nennt das Kind Jesus. Obwohl aus einer Königslinie stammend – mit so klingenden Namen wie David, Salomo oder Hiskia als Vorfahren – heisst man ihn nicht willkommen. Kein Platz für das Royal-Baby! Schliesslich sind es Engelwesen, welche die Lage erfassen. Sie schwärmen vom Kind: Er ist der Retter, der Erlöser, der Messias, der Herr! Jesus braucht kein Schloss. Er will ins Herz geschlossen werden. Rolf Hoeneisen FB

Tipp: Der Untergang des christlichen Abendlandes Kleine Einführung von Dr. W. J. Ouweneel

Eines der Frühwerke von Ouweneel.
Es trägt den durchaus provozierenden Titel: „Der Untergang des Christlichen Abendlandes“ und ich würde das Buch als leichten Einstieg zu Schaeffers ausführlich gestalteter Analyse „Wie können wir denn Leben?“ sehen.  Ich fand das Buch neulich in meinem Bücherregal und habe die 60 Seiten sehr schnell durchgelesen.
Der Autor arbeitet heraus, dass der Existenzialismus für die Popkultur am Ende des zwanzigsten Jahrhundertes die Leitidee war. Der Existenzialismus kennt nur Relative Aussagen und ist hoffnungslos. Diese Hoffnungslosigkeit geht zunächst in die Kunst über und erreicht schnell junge Menschen und irgendwann die ganze Gesellschaft. Die Früchte dieser Entwicklung seit den 60 Jahren können wir heute überall ernten:

Das hat ganz einschneidende Konsequenzen. Früher war es absolut verboten zu morden, zum Beispiel auch, gesunde Kinder zu töten. Heute gibt es aber Fälle, in denen das Leben von Mutter und Kind nicht gefährdet ist und kein wirklich unlösbares Problem vorliegt, und doch erwogen wird, die Tötung des Kindes im Mutterleib zu legalisieren. Früher war es Personen desselben Geschlechts verboten, miteinander geschlechtlichen Umgang zu haben. Heutzutage ist es denkbar, das zu tolerieren oder sogar zu propagieren. Wir leben nicht mehr mit Gegensätzen zwischen Wahrheit und Lüge, zwischen Gutem und Bösem. Früher wurden die Kinder mit absoluten moralischen Maßstäben erzogen. Das ist nicht mehr so. Und darum gibt es keine echten Antworten mehr auf die drängenden Fragen der Jugend. (S. 33)

Wem Schaeffer zu kompliziert sein sollte, der sollte zu diesem Buch greifen. Jedoch wird man schnell sehen, eine genauere Analyse bräuchte sicher mehr Platz.  Das Buch ist nur noch antiquarisch erhältlich. Mein Exemplar würde ich für 5 EUR inklusive Versand verkaufen. Wer zuerst kommt mahlt zuerst. Von Sergej Pauli
https://www.nimm-lies.de/tipp-der-untergang-des-christlichen-abendlandes/12910

Kalter Kaffee in neuen Schläuchen

Verkaufsfördernd wird Shane Claibornes und Tony Campolos Buch als „Revolution“ angekündigt, doch bis auf ein paar postmoderne Anwendungen nennen die Autoren keinen wirklich neuen Gedanken, der in den vergangenen 50 Jahren nicht schon viele Male von anderen Links-Evangelikalen veröffentlicht wurde. Lediglich einige Formulierungen wurden modernisiert. „Die Jesus Revolution“ ist eine Übersetzung des 2012 bei Thomas Nelson in Nashville/Tennessee herausgekommenen Buches mit dem Titel „Red Letter Revolution“. Formal ist es ein Gespräch zwischen Shane Claiborne und Tony Campolo über politisches und soziales Engagement von Christen in den USA. Tony Campolo (geb. 1935) ist US-amerikanischer Soziologe mit baptistischem Hintergrund. Zeitweilig war er als Berater Präsident Clintons tätig. Häufig äußert er sich in christlichen Kreisen zu sozialen und politischen Themen. Shane Claiborne (geb. 1975) ist einer der Sprecher der amerikanischen Links-Evangelikalen. Seit Jahren engagiert er sich in sozialen Projekten und äußert sich insbesondere zu politischen, ökologischen und ökonomischen Themen. › Eigener Anspruch nicht erfüllt Das Buch wird als „selbstkritisch“ beworben (6). Dabei äußern die Autoren keinerlei Selbstkritik an ihrem eigenen Konzept des sozialen Evangeliums und einer postmodernen Frömmigkeit. Kritisiert werden nur evangelikale Gegner, die stärker auf Bekehrung und Bibelwissen setzen. Wieder einmal rechnet man mit seinen „eigenen“ Eltern ab und mit dem, was vor dreißig Jahren in der evangelikalen Welt Common Sense war (38f, 131f). Mit dem amerikanischen Titel des Buches bezeichnen sich die Autoren als Red-Letter-Christians, also als Christen, die sich insbesondere auf die in vielen amerikanischen Bibeln fett oder rot gedruckten Aussagen Jesu berufen (17ff.). Das klingt gut und ambitioniert. In der Realität jedoch findet diese Orientierung an den Aussagen Jesu gerade nicht statt. Zwar sprach sich Jesus deutlich gegen den Materialismus aus, jedoch nicht als Forderung zu politischer Umverteilung, sondern als Gegensatz zur Hinwendung zu Gott und seinem jenseitigen Reich. An keiner Stelle forderte Jesus, wie Claiborne und Campolo es machen, zu einer politischen Revolution auf. Ganz im Gegenteil ließ er die ungerechten politischen Verhältnisse des Römischen Reiches unangetastet, forderte sogar noch eine Unterordnung unter dieselben: „Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist.“ (Mk 12,17). Den Armen und Unterdrückten wird keine Klassengerechtigkeit auf Erden versprochen, sondern Gottes Lohn in der Ewigkeit. „Jesus beim Wort nehmen“ wollen die Autoren (7, 17f). Dabei hat man weit eher den Eindruck, dass lediglich die Bibelstellen herausgesucht werden, die zu einem links-evangelikalen Weltverbesserungs-Konzept passen. Ich halte es für eine problematische Vorgehensweise, eine Jesus gemäße Lebensweise vorstellen zu wollen und dann den Großteil des Neuen Testaments auszublenden. Denn abgesehen von sehr ausgewählten Abschnitten der Evangelien ndet der Rest des NT kaum Beachtung. Die Autoren rechtfertigen diesen Kanon im Kanon sogar. Für sie gibt es in der Bibel wichtige Stellen und eher zweitrangige (27f, 131f). Dabei werden Thesen der historischen Bibelkritik bedenkenlos übernommen und fromm formuliert als erstrebenswerte Erkenntnisse präsentiert. Zwar sei die Bibel inspiriert, aber natürlich nicht wörtlich (30f). Begriffe wie „allmächtig, allwissend, allgegenwärtig“ seien nicht urbiblisch, sondern entsprächen lediglich „griechischem Denken“ (31). So wird beispielsweise ohne lange Begründung oder eine Berufung auf Aussagen Jesu behauptet, dass auch Muslime, Buddhisten und die Anhänger anderer Religionen durch Christus errettet sind (42, 45, 47f, 51f). Auf Seite 49 heißt es: „Jesus bestätigt alle diejenigen, die sich für andere Menschen einsetzen, egal, ob sie an alle ‚richtigen‘ Dinge glauben oder nicht.“ Solch große Worte klingen gut in einer Welt, die der Mission zunehmend kritisch gegenübersteht. Aber diese steilen Thesen sollten dann doch durch mehr als ein paar kleine Anekdoten begründet werden. › Realitätsferne Claibornes und Campolos Kritik an einem rein traditionsgebundenen, lebensfremden Christsein ist rundheraus zuzustimmen. Problematischer ist, dass die Autoren in den konkreten Beispielen ihres Buches nicht nur das Namenschristentum ablehnen, sondern auch theologisch, seelsorgerlich und missionarisch ausgerichtete Gemeinden. Sozial lebende Menschen hingegen werden generell gelobt, ganz gleich ob sie nun Christen oder Muslime sind. Den Autoren geht es anscheinend weit mehr um eine Kritik am bürgerlichen Leben und die Bewerbung eines postmodernen, experimentierfreudigen Milieus. Die deutliche Aufforderung des Buches, zu leben wie Jesus gelebt hat, sollte selbstverständlich jeden Christen herausfordern (36). Wie das konkret aussehen soll, bleibt in der „Jesus Revolution“ aber nicht nur schnell in christlichen Allgemeinplätzen stecken, sondern dabei auch noch in postmoderner Einseitigkeit. Mit Begeisterung karikieren die Autoren die evangelikale Welt, um sie dann lächerlich zu machen und ihr neu-altes Konzept eines sozial-engagierten Christentums als Lösung der vorgeblichen Einseitigkeiten zu präsentieren (19, 31f, 131f). Gelegentlich fragt man sich, ob die Autoren in derselben Welt leben oder in klassenkämpferischen Gedanken der Vergangenheit steckengeblieben sind. Heftig wird kritisiert, wie „höllenbesessen“ die Evangelikalen seien (38f). Ich selbst habe seit Jahren keine Predigt über die Hölle mehr gehört. Mir scheint hier eher ein weiteres evangelikales Tabu vorzuliegen, zumindest in Deutschland. Tatsächlich sind die meisten von den Autoren genannten Beispiele sehr einseitig oder schon recht verstaubt. Es wird moniert, wie sehr die Frauen in evangelikalen Gemeinden unterdrückt würden (131f). Meines Wissens stehen Frauen in allen großen deutschen Freikirchen fast alle Aufgaben offen (Methodisten, Baptisten, FeG usw.). An den deutschen theologischen Fakultäten studieren zwischenzeitlich 70% Frauen. Wie auch bei anderen Themen werden hier von den Autoren missliebige Bibelstellen einfach ignoriert oder für irrelevant erklärt. Dass evangelikale Christen verbissen gegen die Evolutionstheorie kämpfen, entspricht zumindest in Deutschland kaum der Realität (26). Der evangelikale Mainstream versucht, das Thema Evolution eher weiträumig zu umschiffen. Evolutionskritische Bücher oder Vorträge haben in den meisten evangelikalen Gemeinden gegen- wärtig eher Seltenheitswert. Es ist durchaus spannend, was Jesus über die Staatsverschuldung, über Fair-Trade, gerechte Entlohnung, den Nahost- Konflikt usw. zu sagen hätte. In den Ausführungen von Claiborne und Campolo kommt allerdings weni- ger Jesus zu Wort, sondern vielmehr die politisch korrekte Sicht amerikanischer Links-Evangelikaler oder ganz allgemein des liberal-expeditiven Milieus (124f, 191ff, 202f). Wer sowieso im gegenwärtigen gesellschaftlichen Trend mitschwimmt, also links, sozial und ökologisch denkt, der wird seine Freude an der vehementen Kritik an bisher als evangelikal geltenden Werten haben. Endlich kann man mit gutem Gewissen der öffentlichen Meinung zustimmen, ärgerliches Anderssein überwinden: Homosexualität ist jetzt für Christen genauso o.k. wie die Evolutionstheorie (137, 142f, 145f). Bibel und Mission treten zurück. In den wesentlichen Konflikt-Themen zwischen einer säkularisierten Welt und der Bibel hat man sich bequem auf die Seite der Meinungsumfragen geschlagen, zumindest was die europäische Situation betrifft (27, 131f.). Christen, die das anders sehen, werden schnell als dumm oder diskriminierend hingestellt (130). So kommt man dort an, wo die evangelischen Kirchen schon mehrfach standen: beim Kultur-Protestantismus, bei den religiösen Sozialisten, der Befreiungstheologie oder den Millenniumszielen des Ökumenischen Rates der Kirchen. › Anpassung statt echter Neuorientierung Michael Diener, der Vorsitzende der Deutschen Evangelischen Allianz, will die Autoren und ihre Sympathisanten in seinem Vorwort gleich einmal vorsorglich gegen christliches „Mobbing“ in Schutz nehmen (13). Hoffentlich gilt das auch für die, welche in diesem Buch angegriffen werden, denen Bibel und Seele wichtiger sind als soziale Revolution und pluralistische Gesellschaft. Dieners Bedenken, Verlag und Herausgeber der „Jesus Revolution“ könnten ein größeres Risiko eingehen, ist nur schwer nachvollziehbar. Diener deutet an, dass sich Evangelikale in Deutschland neu hinterfragen und positionieren müssten. Das Wort „evangelikal“ solle neu finiert werden (7, 15). Das wäre in mancher Hinsicht durchaus begrüßenswert. Angesichts der recht eindeutigen Thesen des Buches fragt sich der Leser allerdings, in welche Richtung sich Diener diese Neupositionierung vorstellt? Soll die geforderte Neuausrichtung in erster Linie darin bestehen, alle Themen, über die man sich bisher in der säkularen Umgebung ärgerte, einfach zu neutralisieren (27, 137ff)? Heißt die Botschaft dann: „Akzeptiert endlich Homosexualität, vielfältige Partnerschaftsmodelle, Abtreibung und Evolution und setzt euch dann verstärkt für Umweltschutz, Ökumene, Schuldenerlass in der Dritten Welt und ganz allgemein für linksorientierte Politik ein?“ Eine solche „Jesus Revolution“ ist weder revolutionär, noch entspricht sie der Lehre von Jesus oder dem Leben der ersten Gemeinden. Diener emp ehlt Claibornes und Campolos Buch als Gedankenanregung für eine evangelikale Selbstreflektion (14f). Dazu kann natürlich alles irgendwie beitragen. Das Buch behauptet aber doch, Antworten von Jesus auf die brennenden Fragen der Zeit zu geben. Schaut man genauer hin, dann versucht es nur, die Antworten unserer Zeit einigermaßen mit Aussagen von Jesus zu harmonisieren. › Wie echte Neuorientierung aussehen muss Schon in der Bibel, aber auch im Verlauf der Kirchengeschichte haben Gläubige wiederholt versucht, Antworten auf die brennenden Fragen ihrer Generation zu nden. Ihre wirkliche Bedeutung lag oft darin, dass sie ihre eigene Zeit anhand der Aussagen Gottes in Frage gestellt und Defizite aufgezeigt haben. Das war immer unpopulär, hat verärgert und dem Menschen seine Grenzen und die Größe Gottes eindringlich vor Augen geführt. Was aber Claiborne und Campolo fordern, ist weitgehender Mainstream einer gut ausgebildeten, westlichen Elite, die sich durch punktuelle Initiativen besser fühlt. Meinem Eindruck nach täte den Evangelikalen eine gewisse Neuorientierung tatsächlich gut. Es sollten durchaus solche alten Traditionen und theologischen Modelle in Frage gestellt werden, die nicht der Bibel, sondern lediglich dem Zeitgeist vergangener Jahrzehnte entsprechen. Dabei hilft es allerdings nichts, wenn man den alten lediglich gegen einen neuen Zeitgeist austauscht, wie es Claiborne und Campolo vorschlagen. Wenn alte theologische Formen, Begriffe und Festlegungen überprüft und abgestaubt worden sind, gilt es, sich neu am Wort Gottes auszurichten und verständliche Antworten auf die Defizite unserer Tage zu formulieren, insbesondere bei den Fragen, bei denen nur Christen Orientierung geben können: Vergebung von Sünden, echte Erfüllung, tragfähiger Lebenssinn, Kraft im Leiden, Erkenntnis Gottes usw. Soziale Probleme und politische Korrekturen können andere Menschen ebenso gut angehen, beim „Kerngeschäft“ der Gemeinde hingegen fehlt allen anderen die nötige Kompetenz. › Mehr „Seelenheil“ Natürlich ist es heute in der westlichen Welt weit populärer, sich für sein soziales Mitgefühl loben zu lassen, als für Aussagen zur biblischen Ethik und Erlösungslehre Steine nachgeworfen zu bekommen. Gemessen an dem Heilsarmee-Slogan „Seife, Suppe, Seelenheil“ wünschte ich mir mehr Seelenheil bei Claiborne und Campolo. Eine Jesus-Revolution kündigt das neue Buch an. Es will einer Neu-Positionierung der Evangelikalen dienen. Tatsächlich aber wärmt es nur altbekannte Positionen auf, die aber neuerdings einen starken Eingang bei vielen Evangelikalen gefunden haben. Statt der notwendigen Ausrichtung an der Bibel wird nur ein Zeitgeist-Modell gegen das andere ausgetauscht. https://bibelbund.de/2015/04/kalter-kaffee-in-neuen-schlaeuchen/ Michael Kotsch Veröffentlicht am 28. April 2015 aus Bibel und Gemeinde 115, Band 1 (2015), Seite 12-16.


Wo die Hunde bellen, ist das Dorf nicht weit.

Luthers Tischreden sind legendär.
„Man muss nicht die Buchstaben in der lateinischen Sprache fragen, wie man soll Deutsch reden. Sondern man muss die Mutter im Hause, die Kinder auf der Gasse, den gemeinen Mann auf dem Markt drum fragen und denselbigen aufs Maul sehen, wie sie reden, und danach dolmetschen, so verstehen sie es denn und merken, dass man Deutsch mit ihnen redet.“ (M. Luther, Sendbrief vom Dolmetschen)
Martin Luther hat kein Thema ausgelassen, über das er nicht bei Tische geplaudert hat. Eifrige Studenten, Kollegen, Gäste und Freunde schrieben auf, was der Hausherr während der Mahlzeiten von sich gab. Der Zwickauer Pfarrer Konrad Cordatus notierte ab 1531 die Sprüche systematisch und veröffentlichte sie später. Heute gibt es ca. 7.000 lateinische und deutsche Redenotizen von Luther, manche davon werden ihm wohl nur zugeschrieben.
Damals wurde unter den Gelehrten im Normalfall Latein gesprochen. Luther geht mit der deutschen Sprache so überzeugend um, hat Freude an den Formulierungen, dem Witz und den pointierten Sprüchen, dass sich das Luther-Deutsch durchsetzt. Auch in theologischen Auseinandersetzungen hat er das allgemeine Deutsch ganz bewusst benutzt und es so zu einem starken Kommunikationsmittel für alle Schichten des Volkes gemacht. Luthers Sprache ist treffend, dem 16. Jahrhundert entsprechend derb und für uns klar und unverblümt. Einige Kostproben:

  • Wo die Hunde bellen, ist das Dorf nicht weit.
  • Was wäre Dreck, wenn er nicht stinkt.
  • Ein williges Pferd soll man nicht zu viel reiten.
  • Kein Irrtum ist so groß, der nicht seine Zuhörer hat.
  • Weißes erkennt man besser, wenn man Schwarzes dagegen hält.
  • Man braucht sieben Lügen, um eine zu bestätigen.
  • Wer nirgends isst, der wird nimmer satt.
  • Der Mensch ist zur Arbeit geboren, wie der Vogel zum Fliegen.
  • Tritt fest auf, mach’s Maul auf, hör bald auf.
  • Alles dauert immer nur vier Wochen, danach wird etwas Neues gesucht. Dieses Verlangen nach immer Neuem ist für das Volk die Mutter aller Irrtümer.
  • Wer im zwanzigsten Jahr nicht schön, im dreißigsten Jahr nicht stark, im vierzigsten Jahr nicht klug, im fünfzigsten Jahr nicht reich ist, der darf danach nicht hoffen.
  • Den Frieden kauft man nie teuer, denn er bringt dem, der ihn kauft, großen Nutzen.
  • Der Wein ist stark, der König stärker, die Weiber noch stärker, aber die Wahrheit am allerstärksten.
  • Die Welt ist wie ein betrunkener Bauer: Hebt man ihn auf einer Seite in den Sattel, so fällt er auf der anderen wieder herab.
  • Es ist gut pflügen, wenn der Acker gereinigt ist; aber den Wald und die Stöcke ausroden und den Acker zurichten, da will niemand an.
  • Die größte Ehre, die man einem Menschen antun kann, ist die, dass man Vertrauen zu ihm habe.
  • Die menschliche Vernunft lehrt nur die Hände und die Füße, Gott aber das Herz.
  • Wirf dein Anliegen auf den Herrn. Der hat einen breiten Hals und kann es wohl tragen.
  • Wo zwanzig Teufel sind, da sind auch hundert Engel; wenn das nicht so wäre, dann wären wir schon längst zugrunde gegangen.
  • In der Kirche soll man nichts mit größerer Sorgfalt betreiben als das heilige Evangelium, da ja die Kirche nichts Köstlicheres und Heilsameres hat.
  • Wer Gott in Christus nicht findet, der findet ihn nimmermehr; er suche, wo er wolle.

Ausgabe Dezember 2017 / Januar / Februar 2018 – Konrad Flämig, Puschendorf
https://www.lkg.de/luthers-tischreden-sind-legenda%CC%88r

Heute ist Tag der Arbeit!

Aber in welcher Verbindung steht eigentlich Gottes Wirken mit unserer Arbeit? Timothy Keller beantwortet diese Frage, indem er die Kerngedanken seines Buches „Berufung – Eine neue Sicht für unsere Arbeit“ zusammenfasst:
Erstens gibt uns der christliche Glaube einen moralischen Kompass – eine Art inneres GPS, durch das wir eine ethische Orientierungsfähigkeit erhalten, die uns über die rein rechtlichen Aspekte oder Anforderungen einer Situation hinaus führt. Ein gläubiger Christ, Vorstandsmitglied einer großen Finanzinstitution, die vor Kurzem durch das Bekanntwerden von Korruption Schlagzeilen machte, erzählte mir von einem Meeting von Spitzenkräften hinter verschlossenen Türen. „Wir müssen moralische Werte wiederherstellen!“ forderte einer der Anwesenden. Sofort kam die Gegenfrage: „Wessen Werte? Wer legt denn fest, was moralisch ist und was nicht?“. Und genau da liegt unser Problem. Es gab einmal Umgangsformen, basierend auf von vielen Menschen geteilten moralischen Intuitionen, durch die das Verhalten in der Gesellschaft reguliert wurde. Diese gingen weit über rechtliche Vorschriften hinaus. Vieles von der Rücksichtslosigkeit, von dem Mangel an Transparenz und Integrität die wir auf dem Markt und in vielen anderen Berufszweigen beobachten können, entstammt dem Wegfall dieser moralischen Intuitionen. Aber Christen, die in diesen Bereichen arbeiten, haben eine stabile ethische Orientierungsfähigkeit und können daher durch ihr persönliches Vorbild in das Wertevakuum, das von vielen wahrgenommen wird, hineinsprechen.
Zweitens gibt dir dein christlicher Glaube eine neue spirituelle Kraft, ein inneres Gyroskop, das dich davor bewahrt, durch Erfolg, Versagen oder Langeweile dein Gleichgewicht zu verlieren. Im Bezug auf Erfolg und Versagen hilft das Evangelium Christen dabei, ihre tiefste Identität nicht in ihrer Leistung zu begründen, sondern darin, wer wir in Christus sind. Das bewahrt uns vor aufgeblasenen Egos in Zeiten des Erfolgs, aber auch vor Bitterkeit und Verzweiflung in Zeiten mit viel Gegenwind. Während manche Berufe uns dazu verleiten, zuviel zu arbeiten und uns zu ängstigen, liegt die Versuchung bei anderen Jobs eher darin, sie nur noch als sinnlose Schufterei zu sehen, nur noch für’s Wochenende zu arbeiten, nur das Nötigste zu tun – und auch das nur, wenn wir beobachtet werden. Paulus nennt solch ein Verhalten „Augendienerei“ (Kolosser 3,22-24) und fordert von uns, dass wir jeden Job als Arbeit für einen Gott verstehen, der alles sieht und uns liebt. Dieses Wissen macht Berufe mit hohem Druck erträglich und selbst die bescheidensten Betätigungen bedeutsam.
Drittens gibt uns der christliche Glaube ein neues Verständnis von Arbeit als Gottes Weg, um durch uns diese Welt zu lieben und für sie zu sorgen. Hier ist ein Blick auf die Stellen in der Bibel aufschlussreich, an denen es heißt, dass Gott allen Menschen Nahrung gibt. Denn wie tut Gott das? Durch menschliche Arbeit – von dem einfachen kühemelkenden Bauernmädchen bis hin zu dem LKW-Fahrer, der die Erträge auf den Markt zum Lebensmittelhändler vor Ort bringt. Gott könnte uns direkt ernähren, aber er hat sich dazu entschieden, es durch Arbeit zu tun. Daraus folgen drei wichtige Einsichten: Erstens bedeutet es, dass jede Arbeit, selbst die scheinbar niedrigsten Tätigkeiten, eine große Würde haben. In unserem Arbeiten sind wir Gottes Hände und Finger, durch die er diese Welt erhält und versorgt. Zweitens zeigt es uns, dass wir Gott in unser Arbeit vor Allem dadurch zufrieden zu machen können, indem wir sie einfach gut machen. Manche haben diese Haltung als „den Dienst der Kompetenz“ bezeichnet. Was die Passagiere zuallererst von einer Flugzeugpilotin brauchen ist nicht, dass sie mit ihnen über Jesus redet, sondern dass sie eine tolle, fähige Pilotin ist. Drittens bedeutet es, dass Christen eine große Wertschätzung für die Arbeit der Menschen haben können und sollen, die zwar vielleicht nicht unseren Glauben teilen, aber ihre Arbeit gekonnt verrichten.
Viertens gibt uns der christliche Glaube eine neue Sicht auf die Welt und das Leben, durch welche der Charakter unserer Arbeit geprägt wird. Jede gut verrichtete Arbeit, die dem Wohl der Menschen dient, gefällt Gott. Aber was genau ist denn das „Allgemeinwohl“? Es gibt viele Aufgaben, bei denen wir nicht besonders viel über diese Frage nachdenken müssen. Alle Menschen müssen essen, also ist es ein guter Dienst an den Menschen, Nahrung anzubauen und anzubieten. Doch wie sieht es aus, wenn du eine Grundschullehrerein oder ein Bühnenschriftsteller bist? Wie genau sieht gute Bildung aus – also was solltest du den Kindern beibringen? Oder welche Stücke solltest du schreiben – also welche Art von Geschichten brauchen die Menschen? Die Antworten auf diese Fragen hängen zum Großteil davon ab, wie du die grundlegenderen Fragen beantworten würdest: Was ist der Sinn und Zweck menschlichen Lebens? Worum geht es im Leben eigentlich? Wie sieht ein gutes menschliches Leben aus? Dass unsere Berufe durch unsere bewussten oder unbewussten Überzeugungen im Bezug auf diese Fragen geprägt werden ist unvermeidbar. Deswegen muss ein Christ/eine Christin wirklich darüber nachdenken, wie sein/ihr Glaube die eigene Arbeit spezifisch prägen wird.
Ich bin dankbar, dass das Evangelium in jedem Bereich wirkt – in unserem Verstand, unserem Willen und unseren Gefühlen! Denn so befähigt es uns, sowohl eine tiefe Wertschätzung für die Arbeit von Nichtchristen zu haben, als auch zu versuchen, den eigenen Job auf spezifisch christliche Weise zu denken und auszuüben. Fasst man diese vier Aspekte zusammen, so wird klar, dass Christ zu sein uns dahin führt, Arbeit nicht nur als eine Möglichkeit zum Geldverdienen oder für das persönliche Weiterkommen zu sehen, sondern als eine echte Berufung: Gott zu dienen und den Nächsten zu lieben.“ (Der englische Originalbeitrag findet sich hier.) |
http://www.soulfirekoeln.de/2018/04/30/eine-theologie-der-arbeit-timothy-keller/

Es gibt zwischen Glauben und Wissenschaft mehr Parallelen, als man denken könnte

Das erste Bild eines schwarzen Lochs aus einer fernen Galaxie versetzt die Wissenschaft in Partystimmung. 8 Radioteleskope auf 4 Kontinenten und ein 200-köpfiges Team haben es geschafft. Ein Algorithmus hat die Unmengen von Daten zu einem Bild zusammengesetzt. Der Blick ins Nichts am Ende von Raum und Zeit schürt die Hoffnung auf tiefere Einblicke in die Geheimnisse des Universums.
Einer der Initiatoren hinter dem Verbund der Observatorien ist der Astrophysiker Heino Falcke. Über schwarze Löcher sagt er: „Wir wissen nicht, was in ihnen vor sich geht. Darin kann alles passieren. Man kann hinein, aber nicht mehr heraus. Das macht manchen Menschen Angst. Und hat etwas Mystisches, fast wie der Eingang zur Hölle.“
Falcke bekennt sich zu seinem Glauben an Gott. Dem „Spiegel“ sagte er: „Es gibt zwischen Glauben und Wissenschaft mehr Parallelen, als man denken könnte. Beide suchen nach dem Grund von allem. Nur traut sich die Physik nicht, einen Schritt weiterzugehen und die Frage nach Gott zu stellen. Ich glaube aber, dass der Mensch nicht nur aus Naturgesetzen besteht. Mein Bauchgefühl sagt mir, dass da noch mehr ist. Wir haben Geist, Gefühl und Seele. Und diesem Bauchgefühl folge ich auch in der Wissenschaft oft.“
Schwarze Löcher sind extreme Phänomene. Diese Monster der Schwerkraft verschlucken alles Licht. Um sie herum brodelt es, rast alles. Gas wird enorm heiss. Die Energien sind gewaltig, während die Zeit beinahe stillzustehen scheint.
Ein anderes Loch, wo die Zeit für einen Augenblick stillstand, ist ein Felsengrab in Jerusalem. Die Energie, die dort herrschte und den toten Jesus verwandelt wieder ins Leben setzte, muss grösser gewesen sein als in jedem lichtschluckenden Monsterloch im Universum.
Am Kreuz wurde es dunkel; im Grab herrschte Licht. Es ging um alles: um Sünde und Tod besiegen. Raum und Zeit durchbrechen. Ins Leben auferstehen. Den Weg in die Ewigkeit bahnen. Solches vermag nur eine Kraft, die ausserhalb des Sichtbaren existiert.
Das Grab war leer, ein schwarzes Loch. Und doch der Eingang zum Himmel. „Was sucht ihr den Lebendigen bei den Toten? Er ist nicht hier. Er ist auferstanden!“ Der Blick ins leere Grab weckt die unbändige, begründete Hoffnung auf neues, ewiges Leben. Der Glaube sieht weiter und tiefer als ein Radioteleskop. Frohe Ostern! Rolf Hoeneisen

Tolstoi und Nietzsche stehen am Scheideweg

Tolstoi und Nietzsche stehen am Scheideweg. Der eine haßt alle Wege, während der andere sie alle liebt. Das Ergebnis ist nicht schwer vorherzusehen - sie stehen und stehen am Scheideweg -- Chesterton, Orthodoxie

Erklärung: Tolstoi findet alles Handeln böse, Nietzsche alles Handeln gut. Und so werden beide untätig, weil sie keine Entscheidungen fällen können, da sie schlicht nicht beurteilen können welcher Weg nun besser ist:
Beide sind sie ohnmächtig – der eine, weil er nichts festhalten, und der andere, weil er nichts loslassen darf. Der Tolstoische Wille ist gelähmt durch das buddhistische Gefühl, daß jedes beschränkte Handeln böse ist. Aber der Nietzscheaner ist ebenso gelähmt durch seine Ansicht, daß jedes beschränkte Handeln gut ist — Chesterton: Orthodoxie, S. 90
http://www.philippkeller.com/pages/chesterton-orthodoxie.html#mybook/7