Waldenser: Keine Garantie für dauerhafte Bibeltreue

„Das Licht leuchtet in der Finsternis“, lautet der alte Wahlspruch der Waldenser. – Auf der Suche nach Gott ließ sich der wohlhabende Kaufmann Petrus Valdes Ende des 12.Jahrhunderts die Bibel ins Provenzalische, der Volkssprache seiner Region, übersetzen. Beim Lesen begeisterten ihn das Vorbild Jesu und seiner Jünger. Er motivierte seine Freunde, überall in ihrer Umgebung vom biblischen Evangelium zu predigen. Nach und nach begannen die „Armen von Lyon“, wie man sie nannte, die offizielle katholische Kirche zu kritisieren. In der Bibel fanden sie nichts von einer verpflichtenden Beichte, nichts vom materiellen Reichtum der Kirche, nichts von Heiligenverehrung, Ablass oder Fegefeuer. Wie Jahrhunderte später die Reformatoren setzten sie auf private Bibellese, Laienpriestertum und Erlösung durch göttliche Gnade allein. Lange wurden die vornehmlich in Südfrankreich und Norditalien lebenden Waldenser von katholischen Herrschern verfolgt. Im 16.Jahrhundert knüpften sie intensive Kontakte zu den süddeutschen und schweizer Reformatoren.
Nach der nationalen Einigung Italiens in der zweiten Hälfte des 19.Jahrhunderts gingen die Waldenser daran, offen im ganzen Land für das Evangelium zu werben. Doch bereits eine Generation später öffnete man sich für die Tendenzen der Bibelkritik und suchte nach Akzeptanz durch die katholische Kirche.
Während der letzten Woche habe ich eine Studienreise nach Rom geleitet (13.-19.Oktober 2019). Unter anderem besuchten wir in diesem Zusammenhang die heutige Ausbildungsstätte der Waldenser. Voller Stolz berichtete uns dort Prof. Vogel wie anerkannt und vernetzt die Hochschule zwischenzeitlich sei. Er sei froh darüber, dass sich die Dozenten schon bald nach der Gründung des Seminars von der ursprünglichen frommen, erwecklichen Ausrichtung verabschiedet hätten. Heute sei man da wesentlich breiter aufgestellt, so Vogel. Man betreibe selbstverständlich historisch- kritische Theologie und Suche nach einer weiteren Annäherung an die katholische Kirche. Bereits vor vierzig Jahren habe man sich mit den italienischen Methodisten zusammengeschlossen und offiziell auf Mission unter Katholiken verzichtet. Auf die Frage, was denn heute das Besondere der Waldenser ausmache, wusste er keine Antwort. Eigentlich befänden sich die Waldenser in weitgehender Einigkeit mit der Bibelkritik an deutschen theologischen Fakultäten. Darüber hinaus stehe man in freundschaftlichem Austausch mit der katholischen Kirche. Zwar gäbe es für das ganze Theologiestudium nur noch 10 Studenten und die Mitgliederzahlen der Waldenserkirche schrumpften beständig, trotzdem glaubt Vogel seine Kirche auf dem richtigen Weg.
Schlussendlich ist es erschütternd, wie eine ehemals weitgehend biblisch orientierte Waldenserkirche, die den Glauben trotz katholischer Verfolgungen über Jahrhunderte hinweg erhalten hatte, heute aber auf ihre Selbstauflösung zusteuert. Solche Entwicklungen sollten ein warnendes Zeichen sein für alle heutigen evangelikalen Werke und Gemeinden. Bibeltreue und geistliches Glaubensleben lassen sich weder konservieren, noch für kommende Generationen garantieren. Zahllose Beispiele führen vor Augen, wie einst klarstehende Glaubenswerke untergingen oder ihre Existenzberechtigung verloren, nachdem sie sich der Bibelkritik oder dem Zeitgeist an den Hals warfen. Verantwortlich für seine Treue Gott und seinem Wort gegenüber ist natürlich jeder selbst, jeden Tag neu. Michael Kotsch
deutschlandfunk.de Waldenser-Museum in Italien – Ende der Häresie Italien war nie rein katholisch, auch wenn die italienische Verfassung bis…

Heinrich Heine: Meine Erleuchtung

In der Vorrede zur 2. Auflage der Geschichte der Religion und Philosophie gibt der deutsche Dichter Heinrich Heine Auskunft, wie er zu Gott zurückfand. Er wies neugierige Fragen zu seiner Bekehrung ab, gibt jedoch eine Antwort, die es in sich hat. Er schrieb 1852 in Paris (zitiert aus: W.R. Brauer, Heinrich Heines Heimkehr zur Gott, 1981, S. 32, das Zitat ist auch hier zu finden):
In der Tat, weder eine Vision, noch eine seraphitische Verzückung, noch eine Stimme vom Himmel, auch kein merkwürdiger Traum oder sonst ein Wunderspuk brachte mich auf den Weg des Heils. Ich verdanke meine Erleuchtung ganz einfach der Lektüre eines Buches. — Eines Buches? Ja, und es ist ein altes, schlichtes Buch, bescheiden wie die Natur, auch natürlich wie diese; ein Buch, das werkeltägig und anspruchslos aussieht, wie die Sonne, die segnend und gütig uns anblickt wie eine alte Großmutter, die auch täglich in dem Buche liest, mit den lieben, bebenden Lippen, und mit der Brille auf der Nase — und dieses Buch heißt auch ganz kurzweg das Buch, die Bibel. Mit Fug und Recht nennt man diese auch die Heilige Schrift; wer seinen Gott verloren hat, der kann ihn in diesem Buche wiederfinden, und wer ihn nie gekannt, dem weht hier entgegen der Odem des göttlichen Wortes.
https://theoblog.de/heinrich-heine-meine-erleuchtung/34048/

Ehe

„Ich bin es leid, sentimentale Reden über Ehe hören zu müssen.“
Schon der erste Satz im Buch „Ehe“ (engl. „The Meaning of Marriage”) von Timothy & Kathy Keller ist Programm. Was ist das größte Problem der Ehe in unserer westlichen Kultur? Dieser und einigen anderen Fragen wird in dem Buch nachgegangen. Tim Keller gibt dabei sowohl theologische als auch sehr praktische Hinweise zum Verständnis der Ehe.
In typischer Timothy-Keller-Manier wird hier die Wahrheit Gottes der Kultur gegenübergestellt, in der wir leben. Ausgangspunkt des gesamten Buches ist dabei der berühmte Abschnitt aus Epheser 5,18-33 über die Ehe. Keller stellt sich gegen eine romantisierende Sicht der Ehe und der Liebe generell. Er will sich nicht dem unterwerfen, was die Kultur und die Medien in uns bewirken wollen: Die große Selbsterfüllung auf Kosten des Anderen. Während Hollywood und mittlerweile auch der ZDF-Wochenfilm ein Bild von Liebe und Ehe vermitteln, in dem man selbst und die eigenen Wünsche und Bedürfnisse im Mittelpunkt stehen, sieht Keller den Sinn der Ehe woanders: Ehe ist zutiefst mit Selbstaufopferung verbunden.
Ausgehend von Epheser 5,24-25 („Aber wie nun die Gemeinde sich Christus unterordnet, so sollen sich auch die Frauen ihren Männern unterordnen in allen Dingen. Ihr Männer liebt eure Frauen wie auch Christus die Gemeinde geliebt hat und hat sich selbst für sie dahin gegeben.“) zeigt er, dass das Opfer, das Christus für uns erbracht hat, uns zur eigenen Opferbereitschaft motivieren sollte. Dabei gibt er viele praktische Tipps über gegenseitige Missverständnisse, die Unterschiede zwischen Männern und Frauen oder die Tatsache, dass Menschen sich auch ändern können, nachdem man sie geheiratet hat.
In gewisser Weise „entzaubert“ Keller in seinem Buch die gängigen Vorstellungen darüber, was Ehe ist. Er stellt provokante Fragen: Was ist denn, wenn der geheiratete Traummann mit der Zeit einen Bierbauch entwickelt? Was ist denn, wenn die Ehe abkühlt? Was ist denn, wenn Frauen anfangen ihre Kinder mehr zu lieben, als ihren Ehemann? Was kann dann die Ehe tragen und was ist dann das größte Gut der Ehe? Die Entzauberung gelingt und hinterlässt eine bittersüße Note. In seinem Buch rüttelt Keller den Leser wach und macht ihm das eigentliche Problem deutlich: Selbstzentriertheit. Er macht klar: Viele Beziehungen und Ehen werden heute mit dem Ziel der größtmöglichen Selbstverwirklichung (Was kann ich daraus für mich gewinnen?) und der kleinstmöglichen Selbstaufopferung (Was muss ich dafür tun?) eingegangen. Die Suche nach dem „perfekten“ Partner wird in unserer Kultur zunehmend zur Obsession, die ewiges Glück verspricht und die Menschen doch zerstört zurücklässt, weil sie ein vollkommen unrealistisches Bild von Ehe präsentiert. Dieses Bild will Keller zerstören.
In gewisser Weise „verzaubert“ Keller die Ehe aber auch wieder. In Epheser 5,31-32 heißt es: „Darum wird ein Mann Vater und Mutter verlassen und an seiner Frau hängen, und die zwei werden ein Fleisch sein. Groß ist das Geheimnis; ich deute es aber auf Christus und die Gemeinde.“ Obwohl Keller uns in seinem Buch unsere westlich geprägte Vorstellung von Liebe und Ehe nimmt, gibt er uns etwas Besseres zurück: Das Geheimnis der Ehe. Dieses Geheimnis deutete Paulus selbst auf Christus und die Gemeinde. Was bedeutet das? Keller will, dass wir etwas verstehen: In unserer Selbstaufopferung innerhalb der Ehe (das, was die Gesellschaft ja eigentlich nicht will) sind wir das größte und beste Beispiel dafür wie Gott sein Volk liebt.
Viele Filme stellen Liebe als ein Geheimnis dar, das durch möglichst viel Romantik, Emotion und schneller körperlicher Hingabe erkannt werden kann. Keller will in seinem Buch das wahre Geheimnis der Ehe aufzeigen: das Evangelium von der Selbstaufopferung Christi, die uns in der Ehe zum Vorbild dienen soll; vor allem dann, wenn es schwierig ist.

Keller, Timothy & Kathy. Ehe. Gießen: Brunnen-Verlag, 2014. 288 Seiten. von Elsebeth & Mario Tafferner
https://www.josia.org/2014/11/buchrezension-ehe-timothy-kathy-keller-2/

Von Selbstbejahung und Selbstverleugnung

John Stott schreibt in einem Buch Die große Einladung über die Selbstliebe (Brunnen, 2004, S. 81–82):
Was die psychologischen Konsequenzen des menschlichen Paradoxes betrifft [dass wir voller Würde und zugleich Verdorbenheit sind, Anm. RK], so wissen wir alle, wie wichtig ein ausgewogenes Selbstbild für unsere seelische Gesundheit ist. Manche Menschen leiden unter entsetzlichen Minderwertigkeitsgefühlen und einem sehr negativen Bild von sich selbst. Andere fallen in das entgegengesetzte Extrem. Der Amerikaner Carl Rogers zum Beispiel, der Begründer der «klientbezogenen Psychotherapie», kam zu der Überzeugung, dass der tiefste Kern des Menschen, die tiefsten Lagen seiner Persönlichkeit, der Grund seiner «animalischen» Natur, einen positiven Charakter haben. Und deshalb sollten wir, wenn es nach ihm geht, eine «bedingungslos positive Sicht von uns selbst» entwickeln.
Dieses Denken floriert auch in der Selbstverwirklichungsbewegung und hat viele Christen eingeholt. Sie vertreten die Meinung, wir sollten Gott, unseren Nächsten, aber zuallererst uns selbst lieben. Doch in Wirklichkeit lautet das biblische Gebot, dass wir unseren Nächsten so lieben sollen, wie wir uns selbst bereits lieben, da wir ja selbstsüchtige Menschen sind. Dass das biblische Gebot keine Aufforderung ist, uns selbst zu lieben, wird aus drei Argumenten deutlich. Erstens bestätigt Jesus das alttestamentliche Doppelgebot (Lukas 10,27), Gott zu lieben und den Nächsten wie sich selbst. Von einem weiteren Gebot: «Du sollst dich selbst lieben», ist nicht die Rede. Zweitens ist Selbstliebe die Essenz der Sünde (2. Timotheus 3,2). Drittens ist die Liebe, die unser Leben prägen soll, jene göttliche Agape-Liebe, die sowohl Opferbereitschaft als auch Dienstbereitschaft beinhaltet, deren «Gegenstand» wir also nicht selbst sein können. Wie könnten wir uns selbst aufopfern, um uns selbst zu dienen?
Was also ist ein angemessenes Selbstbild? Wenn wir uns selbst weder hassen noch lieben sollen, wie sollen wir dann zu uns selbst stehen? Hier kommt wieder das menschliche Paradox ins Spiel. Wir Menschen sollten daran denken, dass wir sowohl ein Produkt der Schöpfung als auch ein Produkt des Sündenfalls sind. Somit bejahen wir dankbar alles in uns, was unserer Erschaffung nach dem Bild Gottes zuzuschreiben ist, während wir alles in uns entschlossen ablehnen oder verneinen, was dem Sündenfall zuzuschreiben ist. Wir sind also sowohl zur Selbstbejahung als auch zur Selbstverleugnung berufen, und wir brauchen ein gutes Unterscheidungsvermögen, um zu erkennen, was in welcher Situation angemessen ist.

Billie Eilish – Die Ausdehnung des Zeitgeistes in der Popkultur von Lars Reeh

Sie ist jung, lebt vegan, hat eine mentale Krankheit und die Welt liegt ihr zu Füßen. Nein, die Rede ist nicht von Greta Thunberg, sondern von Billie Eilish. Die 17-jährige Sängerin ist enorm erfolgreich; abzulesen an der harten Währung der Aufmerksamkeitsökonomie: Sie hat über 34 Millionen Follower auf Instagram und hunderte Millionen Klicks auf YouTube. Sie schreibt und singt Textzeilen wie diese:

„I’m that bad type
Make your mama sad type
Make your girlfriend mad tight
Might seduce your dad type
I’m the bad guy, duh
I’m the bad guy
I like it when you take control
Even if you know that you don’t
Own me, I’ll let you play the role
I’ll be your animal.“

Darin beschreibt sich Billie Eilish als böse und verdorben. Sie macht deine Mutter traurig, deine Freundin wütend und ist bereit deinen Vater zu verführen. Ebenso wird ein sexuelles Dominazrollenspiel mit Tierbezügen angedeutet. Die Musik von Billie Eilish kann man als minimalistischen Elektro-Pop beschreiben der auch mal balladesk daherkommt. Dazu singt sie in ihrem einzigartigen Flüsterstil. Die talentierte Musikerin, die übrigens ein klassisches Tanz- und Gesangstraining genoss, wurde überdies von Dave Grohl gehypt. Dave Grohl ist der Frontmann der Foo Fighters und war der Schlagzeuger der Grunge Band Nirvana, mit der er Billie Eilish verglich. Nirvana wurden 1991 mit dem Song Smells like Teen Spirit und dem dazugehörigen Album Nevermind schlagartig weltberühmt. Die Gemeinsamkeit zwischen Kurt Cobain (Sänger und Gitarrist von Nirvana) und Billie Eilish liegt darin, dass beide den Nerv einer Generation getroffen haben, wobei Cobain ein breiteres Publikum erreichte. Billie Eilish hat ihre größte Anhängerschaft bei Mädchen, die noch jünger sind als sie selbst. Ich habe Schülerinnen aus meinem Umfeld in dieser Altersklasse nach Billie Eilish befragt und sowohl positive als auch negative Reaktionen bekommen. Viele kennen ihre Musik und finden die Sängerin cool. Sie sei anders, sie sei sie selbst und kümmere sich nicht um die Meinung anderer. Die negativen Kommentare beschrieben Billie Eilish schlichtweg als gruselig.

An dieser Stelle muss ich Billie Eilish zugutehalten, dass sie mit den künstlichen Schönheitsidealen früherer Popstars tatsächlich wenig zu tun hat. Eine puppenhafte Perfektion ist ihre Sache nicht, was zu einer Entlastung bei jungen Frauen in Bezug auf deren optisches Selbstbild führen kann. Daraus erklärt sich auch ein Teil des Erfolges und die soziale Zusammensetzung der Fangemeinde, wobei die Inszenierung der Authentizität sicher auch einer Business-Strategie folgt. Selbst wenn der Begriff Authentizität zutreffen sollte, so ist Billie Eilish jedoch eines sicher nicht: natürlich. Ein Blick auf ihren Instagram Account genügt um das zu erkennen. Dies relativiert die beschriebene Entlastungsfunktion, da Billie Eilish letztlich ein unrealistisches Schönheitsideal gegen ein anderes unrealistisches Schönheitsideal austauscht. Abgesehen von der Optik gibt es bezüglich der Inhalte weitere Herausforderungen, was mich zurück zu Kurt Cobain bringt. Dieser sagte „I hate myself …“, bei Billie Eilish findet sich eine Steigerung dieses Ausrufs. Sie sagte über sich: „I really, really, really, really hate myself “. Die Überschneidung bei Cobains teen spirit und Billie Eilish Gesamtwerk liegt im Nihilismus. Es ist der vertonte Zeitgeist der Sinnlosigkeit und des Schmerzes der sich durch die Gehörgänge der Jugendlichen frisst. Ein authentischer, postmoderner Nihilismus für Postmillenials. Nihilismus ist die Überzeugung, dass es keine absoluten Wahrheiten und Werte gibt, was zur Sinnlosigkeit führt:

„Durch die gedankliche Orientierung am Nichts beinhaltet der Nihilismus einen absoluten Vorrang des Individuums, das allein seinen Trieben und Neigungen folgt und dem alles erlaubt ist. Wenn aber die nihilistische Weltsicht so weit geht, dass selbst das Individuum […] angezweifelt wird, verlieren auch diese Triebe und Neigungen jede Bedeutung.“ [1]

Zwischen Cobains Welterfolg und Tod lagen weniger als drei Jahre. Er war 24 Jahre alt als er berühmt wurde und 27 als er starb (Drogenabhängigkeit, Suizid). Mit Cobain als Vergleichspunkt befürchte ich, dass Billie Eilish innerhalb der nächsten drei Jahre sterben wird. Ihre Todessehnsucht ist allgegenwärtig („I wanna end me“). Wenn ein junger Mensch mit diesem Stil und diesen Inhalten so erfolgreich ist, wird es brandgefährlich! Die Horrorästhetik von dem Video zu bury a friend und das an den Film Der Exorzist angelehnte Albumcover sprechen die eindeutige Sprache der Düsterheit. Dazu kommt die (subtile) Erotik in den Texten und Videos, welche fleischliche Lust kanalisiert. Das Neue daran ist der Grad der Ausdehnung der Weltlichkeit in der Welt. Billie Eilish ist eine Mischung aus Justin Bieber und Marilyn Manson, welcher seinen Künstlernamen aus den Namen der Filmikone Marilyn Monroe und des Massenmörders Charles Manson bastelte und dabei die oberflächliche Popkultur mit den Abgründen des Menschenhasses kreuzte. Billie Eilish performt ähnliche Stilbrüche. Antonia Baum bringt es passend zum Ausdruck:

„Billie Eilish kombiniert auf sehr interessante Weise das Interesse an den eigenen Schmerzen der eher weiblich konnotierten Emo-Kultur mit der breitbeinigen f*** you attitude ihrer Lieblingsrapper. Für sich genommen, ist beides in seinen härtesten Ausprägungen unerträglich, aber in dieser Kombination ist es fantastisch, wie eine neue Geschichte. Sie zeigt, wie man mit Würde leiden kann, was naturgemäß insbesondere für junge Frauen interessant ist, deren Schmerzvarianten immer eng mit einem passiven Opferdasein verbunden sind. Das von Billie Eilish dargestellte Leid ist eben nicht das eines Opfers, sondern wird getragen wie das Top-Statussymbol im Hip-Hop, die Halskette (…).“ [2]

„Zahlreich werden die Schmerzen derer sein, die nicht den einzig wahren Gott anbeten.“

Ps 16,4

Die Schmerzen der Nihilistin Billie Eilish sind Folge ihres Götzendienstes. Sie hat die Herrlichkeit ihres Schöpfers eingetauscht gegen Nichtigkeit (Röm 1,23). Das Leben unter der Sonne – ohne Gott – ist ein Leben voller Nichtigkeiten (Pred 1,2). Ein Leben des Nichts, des Nichts-ismus, des Nihilismus. Die Gefahr von Billie Eilishs Kunst liegt in dem Kontakt mit der Dunkelheit. Die Musikerin kreiert eine dunkle audiovisuelle Kammer in der das Echo des Schmerzes klingt. In der Zuwendung zu dieser Musik füllen wir uns mit der Sinnlosigkeit und öffnen uns dem Schmerz, der sich aus dieser Sinnlosigkeit speist. Damit tun sich Kinder Gottes keinen Gefallen. Um deutlicher zu werden: Christinnen und Christen sollten sich die Musik von Billie Eilish nicht geben! Wir haben einen lebendigen Gott und eine lebendige Hoffnung, deswegen sollten wir nicht die Gottlosigkeit und die Hoffnungslosigkeit zelebrieren, welche Kennzeichen der Weltlichkeit sind. Als Kinder des Lichts sind wir dazu aufgerufen uns von der Welt fern zu halten (Eph 5, 8+11), denn – wie es Billie Eilish selbst sagt:

„The world is dark as f***.“

[1] https://de.wikipedia.org/wiki/Nihilismus (20.08.2019)

[2] https://www.zeit.de/2019/15/billie-eilish-saengerin-teenager-hip-hop-authentizitaet (14.08.2019)
Lars Reeh (Jg. 1986) ist Lehrer und geht in die BERG in Gießen. Er interessiert sich für die Überschneidungsfelder von Theologie und Kultur (besonders Apologetik und Pädagogik).
https://www.josia.org/2019/09/billie-eilish-die-ausdehnung-des-zeitgeistes-in-der-popkultur/

„Unterbrich mich nicht, Herr – ich bete!“

Vater unser, der du bist im Himmel …
Ja?
Unterbrich mich nicht! Ich bete.
Aber du hast mich doch angesprochen!

Dich angesprochen? Äh … nein, eigentlich nicht. Das beten wir eben so: Vater unser, der du bist im Himmel.

Da, schon wieder! Du rufst mich an, um ein Gespräch zu beginnen, oder? Also, worum geht’s?

Geheiligt werde dein Name …

Meinst du das ernst?

Was soll ich ernst meinen?

Ob du meinen Namen wirklich heiligen willst. Was bedeutet das denn?

Es bedeutet … es bedeutet … meine Güte, ich weiß nicht, was es bedeutet! Woher soll ich das wissen?

Es heißt, dass du mich ehren willst, dass ich dir einzigartig wichtig bin, dass dir mein Name wertvoll ist.

Aha, hm. Ja, das verstehe ich. Dein Reich komme, dein Wille geschehe, wie im Himmel, also auch auf Erden …

Tust du was dafür?
Dass dein Wille geschieht? Natürlich! Ich gehe regelmäßig zum Gottesdienst, ich zahle Gemeindebeiträge und gebe Spenden für die Mission.

Ich will mehr: dass dein Leben in Ordnung kommt; dass deine Angewohnheiten, mit denen du anderen auf die Nerven gehst, verschwinden; dass du von anderen her und für andere denken lernst; dass allen Menschen geholfen werde und sie zur Erkenntnis der Wahrheit kommen, auch dein Vermieter und dein Chef. Ich will, dass Kranke geheilt, Hungernde gespeist, Trauernde getröstet und Gefangene befreit werden; denn alles, was du diesen Leuten tust, tust du doch für mich, oder?

Warum hältst du das ausgerechnet mir vor? Was meinst du, wie viele steinreiche Heuchler in den Kirchen sitzen. Schau die doch an!

Entschuldige! Ich dachte, du betest wirklich darum, dass mein Herrschaftsbereich kommt und mein Wille geschieht. Das fängt nämlich ganz persönlich bei dem an, der darum bittet. Erst, wenn du dasselbe willst wie ich, kannst du ein Botschafter meines Reiches sein.

Das leuchtet mir ein. Dann darf ich jetzt mal weiterbeten? Unser tägliches Brot gib uns heute …

Du hast Übergewicht, Mann! Deine Bitte beinhaltet die Verpflichtung, etwas dafür zu tun, dass die Millionen Hungernden dieser Welt ihr tägliches Brot bekommen.

Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern …

Und Paul?

Paul? Jetzt fang nicht auch noch von dem an! Du weißt doch, dass er mich öffentlich blamiert, dass er mir jedes Mal dermaßen arrogant gegenübertritt, dass ich schon wütend bin, bevor er seine herablassenden Bemerkungen äußert. Und das weiß er auch! Er nimmt mich als Mitarbeiter nicht ernst, er tanzt mir auf dem Kopf rum, dieser Typ hat …

Ich weiß, ich weiß! Und dein Gebet?

Ich meinte es nicht so.

Du bist wenigstens ehrlich. Macht dir das eigentlich Spaß, mit so viel Bitterkeit und Abneigung im Bauch herumzulaufen?

Es macht mich krank!

Ich will dich heilen. Vergib Paul, und ich vergebe dir. Dann sind Arroganz und Hass die Sünden von Paul und nicht deine. Vielleicht verlierst du Geld, ganz sicher verlierst du ein Stück Image, aber es wird dir Frieden ins Herz bringen.

Hm. Ich weiß nicht, ob ich mich dazu überwinden kann.

Ich helfe dir dabei.

Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen …

Nichts lieber als das! Meide bitte Personen oder Situationen, durch die du versucht wirst.

Wie meinst du das?

Du kennst doch deine schwachen Punkte: Unverbindlichkeit, Umgang mit Geld, Sexualität, Aggression, Erziehung. Gib dem Versucher keine Chancen!

Ich glaube, dies ist das schwierigste Vaterunser, das ich je gebetet habe. Aber es hat zum ersten Mal etwas mit meinem alltäglichen Leben zu tun.

Schön, wir kommen vorwärts. Bete ruhig zu Ende.

Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen.

Weißt du, was ich herrlich finde? Wenn Menschen wie du anfangen, mich ernst zu nehmen, echt zu beten, mir nachzufolgen und dann das tun, was mein Wille ist; wenn sie merken, dass ihr Wirken für das Kommen meines Reiches sie letztlich selbst glücklich macht.

(nach einer Idee von Clyde Lee Herring)

Antipsalm 23

Ich bin alleine.
Niemand schaut nach mir oder beschützt mich.
Ich spüre das Gefühl eines ständigen (ungestillten) Verlangens.
Nichts passt wirklich.
Ich bin immer unruhig.
Ich werde leicht frustriert und bin oft enttäuscht.
Es ist ein Dschungel – Ich bin überfordert.
Es ist eine Wüste – Ich verdurste.
Meine Seele fühlt sich zerbrochen an, sie ist verdreht und steckt fest.
Ich kann mich selbst nicht wieder zusammen setzen.
Ich stolpere durch dunkle Pfade.
Und doch bestehe ich darauf: Ich möchte tun, was ich will, wann ich es will und wie ich es will.
Aber das Leben ist verwirrend.
Warum klappen die Dinge denn nie?
Ich werde verfolgt von Leere und Nichtigkeit. Von den Schatten des Todes.
Ich habe Angst vor dem großen Schmerz und der letzten Niederlage.
Der Tod wartet auf mich am Ende jeder Straße,
Aber daran möchte ich nicht denken.
Ich verbringe mein Leben damit, mich zu schützen.
Schlechte Dinge können passieren.
Ich finde keine bleibende Geborgenheit.
Ich bin alleine … stelle mich allem, was mich verletzen könnte.
Sind meine Freunde wirklich meine Freunde?
Andere benutzen mich für ihre eigenen Ziele.
Eigentlich, kann ich niemandem vertrauen.
Niemand steht für mich ein.
Niemand ist wirklich für mich – außer ich.
Und ich drehe mich so sehr um mich selbst, dass es manchmal ekelhaft ist.
Ich gehöre niemanden, als nur mir alleine.
Mein Becher, ist nie wirklich voll genug.
Ich bleibe leer zurück.
Enttäuschung folgt mir mein Leben lang.
Werde ich am Ende einfach ausgelöscht, ins Nichts hinein?
Werde ich für immer obdachlos im freien Fall in die tiefe stürzen?
Sartre hat gesagt: „Die Hölle sind andere Menschen.“
Ich muss hinzufügen: „Die Hölle bin auch ich.“
Es ist ein lebender Tod. Es ist ein totes Leben
und dann sterbe ich.
Ray Ortlund fügt hinzu:
Aber hier sind die grünen Auen und das frische Wasser, zu dem wir immer rennen können, durch den Glauben, durch das vollendete Werk Christi am Kreuz:
Der HERR ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln.
Er lagert mich auf grünen Auen,
Er führt mich zu stillen Wassern.
Er erquickt meine Seele.
Er leitet mich in Pfaden der Gerechtigkeit um seines Namens willen.
Auch wenn ich wandere im Tal des Todesschattens, fürchte ich kein Unheil,
Denn du bist bei mir;
Dein Stecken und dein Stab, sie trösten mich.
Du bereitest vor mir einen Tisch angesichts meiner Feinde;
Du hast mein Haupt mit Öl gesalbt,
Mein Becher fließt über.
Nur Güte und Gnade werden mir folgen alle Tage meines Lebens;
Und ich kehre zurück ins Haus des HERRN lebenslang.
(Dank an Joseph McMahon für die Übersetzung)
http://mehrerekanonen.blogspot.com/2019/08/antipsalm-23.html