Wo wird Weihnachten gefeiert?

Weihnachten übrigens fand nicht an einer reich gedeckten Tafel, auch nicht in einem Hotel, selbst nicht im großen Kreise der Verwandtschaft statt, sondern „draußen auf dem Felde“, in einem „Stall“, da, „wo es nach Tieren riecht“.
Vielleicht kriegen wir ja in diesem Jahr die Kurve zum eigentlich Gemeinten und verstehen besser, was mit dem „Evangelium der Armen“ eigentlich gemeint ist. Dieser Glimmer und Glitzer jedenfalls und vor allem das „Geschäft“ haben mit dem Fest im Ursprung null komma garnix zu tun. Vom „härtesten Weihnachten, das die Nachkriegsgenerationen je erlebt haben“, wie der Herr Laschet behauptet, kann überhaupt gar keine Rede sein. Wenn es gut geht, hilft uns Fräulein Corona, das „eigentlichste Weihnachten, das die Nachkriegsgenerationen je erlebt haben“ zu erleben. Das wollte mal gesagt sein. Ulrich Kasparick

Christlicher Einsatz gegen die Sklaverei

„Augustinus berichtet in seinem Brief, der erst vor wenigen Jahrzehnten wiederentdeckt wurde, von einer besonders dramatischen Befreiungsaktion. Im Umfeld seiner Gemeinde in Hippo, heute Algerien, trieben um das Jahr 425 Sklavenhändler aus der heutigen Türkei ihr Unwesen. Mit Unterstützung korrupter Staatsbeamter überfielen sie Familien und verschleppten deren Kinder. Außerdem lockten sie junge Männer und Frauen mit falschen Versprechungen auf ihre Schiffe, um sie später als Zwangsarbeiter oder Sexsklaven zu verkaufen.
Eines Tages machte unter den Christen von Hippo die Nachricht die Runde, die Menschenhändler planten einen neuen Sklaventransport. Einige der Unglücklichen befanden sich schon auf dem Schiff, das demnächst in See stecken sollte. Die anderen waren in einem Haus eingesperrt. Weil die lokalen Behörden nicht einschreiten wollten, nahmen die Christen das Recht selbst in die Hand. In einer Nacht-und-Nebel-Aktion befreiten sie alle Gefangenen. Anschließend nahmen sie die zumeist jugendlichen Verschleppten in ihre Obhut oder brachten sie zurück zu ihren Familien.“
Aus Markus Spiecker, Jesus eine Weltgeschichte.

So ist Gott

Während der Jahre seines öffentlichen Wirkens fragten die Jünger ihn immer wieder: „Jesus, wann wirst du die Macht ergreifen? Wann hörst du auf, dich mit den einfachen Leuten abzugeben? Fang doch endlich an, eine Organisation aufzubauen und Spenden zu sammeln! Sollten wir nicht ein Büro anmieten? Wann ist die Gründungsversammlung? Wann haben wir den ersten Fernsehauftritt?“ Statt zu antworten, diente Jesus den Armen, ließ sich foltern und hinrichten. Nach seinem Tod begegnete er zuerst den Frauen, obwohl Frauen in der damaligen Gesellschaft eine sehr niedrige Stellung hatten. Jesus errettete uns nicht dadurch, dass er seine Muskeln spielen ließ, sondern indem er Schwäche und Bedürftigkeit an den Tag legte. Jesus machte die Erlösung möglich durch Hingabe, Dienstbereitschaft, Opfer und Tod. Die große Botschaft der Bibel lautet: „Gott hat sich vielmehr in der Welt die Einfältigen und Machtlosen ausgesucht, um die Klugen und Mächtigen zu demütigen. Er hat sich die Geringen und Verachteten ausgesucht, die nichts gelten, denn er wollte die zu nichts machen, die in der Welt etwas sind“ (1. Korinther 1,26–28). Er wählt auch heute noch diejenigen aus, die machtlos und gering sind, verachtet werden und nichts gelten. Damit beschämt er alle, die stark und klug sind. So ist Gott
Timothy Keller Zitat aus: „Es ist nicht alles Gott, was glänzt“ (S. 130), 2011, Gerth Medien GmbH, Asslar

Wiederheirat erlaubt?

Mancher lernt sich auch nach einer Trennung wieder lieben und das ist durchaus erfreulich. Leider zerbrechen jedes Jahr tausende von Ehen, auch in Gemeinden. In manchen Fällen öffnet sich ein Paar und Gott lässt neue Liebe entstehen wo vorher nur noch Hass oder Unverständnis war. Die beiden können einander vergeben und man setzt die verloren geglaubte Beziehung fort. Es ist schön, wenn das ehemals zerstritten Paar dann erneut heiratet.Doch ist das biblisch überhaupt erlaubt? Immerhin verbietet Mose einem Mann die Frau erneut zu heiraten, von der er sich einmal geschieden hat (5.Mose 24, 1-4).Die Scheidungsregeln im 5.Mose sind speziell für das Volk Israel konzipiert. Die Warnung, nicht wieder heiraten zu dürfen, sollte dazu beitragen sich nicht zu schnell, aus nebensächlichen Gründen zu trennen. Die Konsequenz der Scheidung sollte deutlich erhöht werden, um nicht jeden Ehestreit mit einer zeitweiligen Trennung zu beenden.Im Neuen Testament macht Jesus deutlich, dass die Ehe eigentlich dauerhaft besteht (Mt 19, 6). Nur um bei den Israeliten ein vollkommenes Chaos zu verhüten, hatte Mose gewisse Scheidungsregeln zugelassen (Mt 19, 8). In diesem Sinne ist auch ein geschiedenes Paar aus Gottes Sicht eigentlich noch weiter verheiratet, sodass sie bei einer erneuten Heirat vor Gott nicht ein zweites Mal heiraten, sondern nur wieder zusammenkommen.
Ich habe den Eindruck, dass das Neue Testament in dieser Hinsicht recht eindeutig ist. Wiederheirat nach Scheidung ist nicht von Gott gewollt. So meint Jeus das wohl auch, wenn er in Mt 19, 9 sagt, dass jeder der nach einer Scheidung heiratet damit Ehebruch begeht. In Gottes Augen ist die Ehe eigentlich ein Bund für das ganze Leben. Deshalb gilt die Ehe auch nach der offiziellen Scheidung. In diese Richtung spricht: „Was Gott zusammengefügt hat, soll der Mensch nicht scheiden“ (Mt 19, 6). Dort wird argumentiert, dass beide ja zwischenzeitlich „ein Fleisch“ geworden sind, das man nicht einfach wieder trennen kann. Das ist eine Aussage für alle Ehen, nicht nur für die besonders guten. Michael Kotsch

Grundrechte & Corona

Veröffentlicht am von brink4u

Wir haben auf diesem Blog regelmäßig betont, wie wichtig es ist, dass Christen sich auf Ihre Berufung konzentrieren und sich wegen Corona nicht in eine politische Diskussion verzetteln, die nur Streit hervorbringen kann:

Erfreulicher Weise muss von diesen Artikeln kein Wort zurückgenommen werden. Und es bleibt dabei, dass die Kirche im Wesentlichen einen geistlichen und keinen politischen Auftrag hat (abgesehen davon, wenn wirklich die Situation von Apg 5,29 angesprochen ist). Aber wir als einzelne Christen sind auch Bürger dieser Demokratie und haben das Recht und die Pflicht zur Meinungsbildung beizutragen, ja stellen sogar nach unserer Verfassung einen Teil des ‚Souveräns‘ da … – und auf dieser Ebene gehört es zur Ausgewogenheit, dass man sich in einer gesellschaftspolitischer Diskussion seriös und fair beteiligt: etwa in der Frage, ob die aktuelle Corona-Situation tatsächlich eine „epidemische Lage von nationaler Tragweite“ darstellt, die „zum Schutz der Bevölkerung“ es als zumutbar und angemessen (!) erscheinen lässt, wesentliche Grundrechte des GG einzuschränken?

Die vom Bundestag eingeladene Juristin Dr. A. Kießling hat als geladene Einzelsachverständige für die öffentliche Anhörung im Gesundheitsausschuss des Deutschen Bundestages genau dazu eine Stellungnahme veröffentlicht, worin die handwerklichen Mängel des von der Regierungsfraktion eingebrachten „3. Gesetzes“ dokumentiert sind.

Das „3. Gesetz“ transformiert die bisherigen befristeteten Einschränkungen von der Ebene der Verordnungauf die Ebene eines Bundesgesetzes. Als einzig zusätzliche „Voraussetzung für die Anordnung von Schutzmaßnahmen“ wird im überarbeiteten 3. Gesetz weiterhin nur gefordert, dass der „Bundestag gem. § 5 Abs. 1 S. 1 die epidemische Lage von nationaler Tragweite festgestellt hat.“ Allerdings gilt festzustellen, dass im § 5 Abs. 1 IfSG selbst „nach wie vor keine materiellen Voraussetzungen für diese Feststellung“ geregelt sind, „so dass diese Verknüpfung nicht zur Vorhersehbarkeit der Maßnahmen beiträgt.“ Vielmehr sind „Die einzelnen Maßnahmen, (…) nicht von weiteren, individuell zugeschnittenen Voraussetzungen abhängig.“

D.h. vergleichsweise milde Grundrechtseingriffe wie die Mundschutztragepflicht für die Dauer des Supermarktbesuchs werden von den gleichen Voraussetzungen abhängig gemacht wie Versammlungsverbote und das langfristige Schließen von Bildungseinrichtungen. In der Konsequenz bedeutet das, dass weiterhin die Exekutive die erforderlichen Abwägungen vornehmen muss. Es ist aber die Aufgabe des Gesetzgebers,darüber zu entscheiden, in welchen Situationen welche Maßnahmen überhaupt in Erwägung gezogen werden dürfen. Die Abstufung in Abs. 2, der von „schwerwiegenden“, „stark einschränkenden“ und „einfachen“ Schutzmaßnahmenspricht, die je nach den bekannten Schwellenwerten von 35 oder 50 Infektionsfällen pro 100.000 Einwohner in sieben Tagen zur Anwendung kommen sollen, scheint auf den ersten Blick eine Abwägung vorzugeben. Wenn aber § 28a an keiner Stelle regelt, was „schwerwiegende“, „stark einschränkende“ und „einfache“ Schutzmaßnahmen sind, bleibt diese Abstufung zu unbestimmt und letztlich unbrauchbar.

Es ist zu befürchten, dass dieses Gesetz einer Willkür den Weg bahnt, die uns noch erschaudern lassen wird:


Man beachte in Art. 1 (Änderung des Infektionsschutzgesetzes), besonders die Einschränkungen in § 28a Absatz 1 (Besondere Schutzmaßnahmen zur Bekämpfung des Coronavirus SARS-CoV-2):

  1. Ausgangs- oder Kontaktbeschränkungen im privaten sowie im öffentlichen Raum,
  2. Anordnung eines Abstandsgebots im öffentlichen Raum,
  3. Verpflichtung zum Tragen einer Mund-Nase-Bedeckung (Maskenpflicht),
  4. Untersagung oder Beschränkung des Betriebs von Einrichtungen, die der Kultur-oder Freizeitgestaltung zuzurechnen sind,
  5. Untersagung oder Beschränkung von Freizeit-, Kultur- und ähnlichen Veranstaltungen,
  6. Untersagung oder Beschränkung von Sportveranstaltungen,
  7. Schließung von Gemeinschaftseinrichtungen im Sinne von § 33 oder ähnlichen Einrichtungen sowie Erteilung von Auflagen für die Fortführung ihres Betriebs,
  8. Untersagung oder Beschränkung von Übernachtungsangeboten,
  9. Betriebs-oder Gewerbeuntersagungen oder Schließung von Einzel-oder Großhandel oder Beschränkungen und Auflagen für Betriebe, Gewerbe, Einzel- und Großhandel,
  10. Untersagung oder Erteilung von Auflagen für das Abhalten von Veranstaltungen,
  11. Untersagung, soweit dies zwingend erforderlich ist, oder Erteilung von Auflagen für das Abhalten von Versammlungen oder religiösen Zusammenkünften,
  12. Verbot der Alkoholabgabe oder des Alkoholkonsums auf bestimmten öffentlichen Plätzen oder zu bestimmten Zeiten,
  13. Untersagung oder Beschränkung des Betriebs von gastronomischen Einrichtungen,
  14. Anordnung der Verarbeitung der Kontaktdaten von Kunden, Gästen oder Veranstaltungsteilnehmern, um nach Auftreten eines Infektionsfalls mögliche Infektionsketten nachverfolgen und unterbrechen zu können,
  15. Reisebeschränkungen.

Die Anordnung der Schutzmaßnahmen muss ihrerseits verhältnismäßig sein.

In Absatz 2 Ziff. 28a werden dann die –  bar jeder wissenschaftlichen Evidenz – „aus der Hand geschüttelten“ Inzidenz-Werte zum Maß aller Dinge:

Die Schutzmaßnahmen sollen unter Berücksichtigung des jeweiligen Infektionsgeschehens regional bezogen auf die Ebene der Landkreise, Bezirke oder kreisfreien Städte an Schwellenwerten ausgerichtet werden, soweit Infektionsgeschehen innerhalb eines Landes nicht regional übergreifend oder gleichgelagert sind. Schwerwiegende Schutzmaßnahmen kommen insbesondere bei Überschreitung eines Schwellenwertes von über 50 Neuinfektionen je 100 000 Einwohner innerhalb von sieben Tagen in Betracht. Stark einschränkende Schutzmaßnahmen kommen insbesondere bei Überschreitung eines Schwellenwertes von über 35 Neuinfektionen je 100 000 Einwohner innerhalb von sieben Tagen in Betracht. Unterhalb eines Schwellenwertes von 35 Neuinfektionen je 100 000 Einwohner innerhalb von sieben Tagen kommen insbesondere einfache Schutzmaßnahmen in Betracht. Vor dem Überschreiten eines Schwellenwertes sind entsprechende Maßnahmen insbesondere dann angezeigt, wenn die Infektionsdynamik eine Überschreitung des Schwellenwertes in absehbarer Zeit wahrscheinlich macht.

Bei einer bundesweiten Überschreitung eines Schwellenwertes von über 50 Neuinfektionen je 100 000 Einwohner innerhalb von sieben Tagen sind bundesweit einheitliche schwerwiegende Maßnahmen anzustreben. Bei einer landesweiten Überschreitung eines Schwellenwertes von über 50 Neuinfektionen je 100 000 Einwohner innerhalb von sieben Tagen sind landesweit einheitliche schwerwiegende Maßnahmen anzustreben. Die in den Landkreisen, Bezirken oder kreisfreien Städten auftretenden Inzidenzen werden zur Bestimmung des jeweils maßgeblichen Schwellenwertes durch das Robert Koch-Institut wöchentlich festgestellt und veröffentlicht.

Ziff. 28a ist ausdrücklich auf „Bekämpfung des Coronavirus SARS-CoV-2“ beschränkt. Nichtsdestotrotz wird folgende „Einschränkung von Grundrechten“ des GG in Art. 7 konstantiert:

Durch Artikel 1 Nummer 16 und 17 werden die Grundrechte der Freiheit der Person (Artikel 2 Absatz 2 Satz 2 des Grundgesetzes), der Versammlungsfreiheit (Artikel 8 des Grundgesetzes), der Freizügigkeit (Artikel 11 Absatz 1 des Grundgesetzes) und der Unverletzlichkeit der Wohnung (Artikel 13 Absatz 1 des Grundgesetzes) eingeschränkt.

Die Grundrechte werden gem. der besonderen Begründung zu Art. 7, durch Art. 1, §28a stark eingeschränkt (gem. Artikel 1, Ziff. 16+17). In der Begründung zu Art. 7 stellen die Verfasser lapidar fest, dass dieser Artikel „dem Zitiergebot des Artikel 19 Absatz 1 Satz 2 des Grundgesetzes“ entspricht (sozusagen: „muss halt sein …“). §19 GG, verlangt, dass ein Gesetz, dass ein Grundrecht einschränkt, a) allgemeinen Charakter haben muss, b) die eingeschränkten Grundrechts-Artikel konkret benennten muss sowie c) „in keinem Falle (…) ein Grundrecht in seinem Wesensgehalt angetastet werden“ darf …- mind. lit a) ist bei § 28a nicht gegeben …

Die allg. Begründung im Gesetzesentwurfes stellt den Eingriff in die Grundrechte des GG im Allg. Teil (Ziffer I.) auch unumwunden fest:

Die bisher maßgeblich auf Grundlage der §§ 28 ff., 32 IfSG getroffenen notwendigen Maßnahmen zur Bekämpfung der Coronavirus-Pandemie führen teilweise zu erheblichen Eingriffen in grundrechtliche Freiheiten.

Nur um dann formal auszuführen, dass diese Einschränkungen deswegen nunmehr vom Verordnungscharakter auf die Gesetzesebene gehoben werden müsse:

Um den verfassungsrechtlichen Anforderungen des Parlamentsvorbehalts aus Artikel 80 Absatz 1 Satz 1 und Satz 2 des Grundgesetzes angesichts der länger andauernden Pandemielage und fortgesetzt erforderlichen eingriffsintensiven Maßnahmen zu entsprechen, ist eine gesetzliche Präzisierung im Hinblick auf Dauer, Reichweite und Intensität möglicher Maßnahmen angezeigt.“

Also eine rein formale Absicherung (leider aber ohne zeitliche Limitierung), die durch bloße Feststellung des dt. Bundestages (dass eine solche landesweite Pandemie gegeben ist) eintritt, ohne dass dem Bundestag eine ausreichende Grundlagen gegeben wird. Der Entwurf der Regierungsfraktionen meint mit dieser Anpassung die verlangte „Abwägung der (…) erforderlichen Maßnahmen und den betroffenen grundrechtlichen Schutzgütern gerecht zu werden – es geht ja – so das Narrativ – um Lebensrettung: und dann ist „alles angemessen“!?

Aber das istr genau die Frage! Wenn auch die reinen Infektions-Fallzahlen stark  steigen, geben die bisherigen Sterbezahlen 2020, nach Auffassung vieler Kritiker, eben keine ausreichende Grundlage, um so grundlegend unseren Grundrechten zu Leibe zu rücken. Dazu genügt ein Blick in die Seiten des Statistschen Bundesamtes: https://de.statista.com/infografik/21523/anzahl-der-sterbefaelle-in-deutschland/ (wobei die Zahlen von Oktober / November 2020 noch nicht vorliegen).

Die Summe der an / mit Corona Verstorbenen liegt in +8 Monaten mit 12.547 (RKI am 16.11.2020: https://experience.arcgis.com/experience/478220a4c454480e823b17327b2bf1d4)  „nur“ bei der Summe von 5 normalen Tagen (deutschlandweit). Die Gesamtzahl der Verstorbenen liegt weiterhin im Mittel der Jahre 2016-2019.

Wirtschaft und StatistikAmtliche Statistik in Zeiten von Corona“ (4 | 2020)

Vergleiche dazu die Grundsatzrede von Dr. Wolfgang Nestvogel (Hannover) auf dem „Maleachi-Tag“ in Bielefeld, Anfang Nov. 2020. https://www.youtube.com/embed/aSLDbF2xrpg?version=3&rel=1&showsearch=0&showinfo=1&iv_load_policy=1&fs=1&hl=de-DE&autohide=2&wmode=transparent
https://www.youtube.com/watch?v=aSLDbF2xrpg&feature=emb_title

  • Vergleiche auch die Pressekonferenz der Kassenärztlichen Vereinigung:

Die Kunst des Schriftstudiums

Es gibt ein Studium der Schrift, durch das man nicht reicher wird. Man liest alte, längst bekannte Dinge und Gedanken und erfährt durch all sein Schriftstudium nichts Neues. Die Kunst des Schriftstudiums besteht darin, daß man liest, als läse man zum erstenmal. Man muß glauben, daß es hier etwas zu lernen gibt, was uns neu ist. Wir müssen unsere eigenen Gedanken beiseitesetzen und auf den Gedanken des Textes eingehen. Wer Gottes Gedanken fassen will, muß seine eigenen Gedanken preisgeben. Wer lernen will, muß verlernen können.
Wir müssen ferner mit Fragen an die Schrift herantreten. Wer nicht fragt, erhält auch keine Antwort. Fragen aber regt unser Leben täglich und reichlich in uns an. Gegen diese Fragen, die uns das Leben stellt, darf man sich nicht abstumpfen. Man muß sie hören. Hört das Fragen auf, so hört das Wachsen auf. Wenn das Fragen in uns erlischt, so ist das nicht minder schlimm, als wenn wir das Bitten verlernen und nichts mehr zu bitten haben. Der Reichtum Gottes wäre dann für uns umsonst da. So ist auch der Reichtum Gottes an Wahrheit für uns vergeblich da, wenn wir nicht mehr fragen, sondern uns einbilden, daß es für uns nichts mehr zu fragen und zu lernen gäbe.
Mit immer neuen Fragen an die Bibel heranzutreten, das ist der sicherste Schutz vor Verarmung. Daß es immer neue Fragen für uns gibt, dafür sorgt der Gang unseres Lebens reichlich. Doch gibt uns die Welt nur Fragen und nicht auch Antworten. Antworten, solche Antworten, die gewisse Erkenntnis geben, kann nur Gott geben. Mit dem Verlangen nach immer neuem Licht, immer reicherer Erkenntnis, immer mehr Wahrheit, müssen wir daher an die Schrift herantreten.

Wilhelm Lütgert 1905 Andacht in der Zeitschrift Die Studierstube

Warum sich alle Christen möglichst frei in der Heiligen Schrift umtun sollen

Denn im allgemeinen halte ich nicht viel von den Kommentaren, nicht einmal von denen der alten [Väter]. Ich bin weit davon entfernt, daß ich irgend jemand durch eine meiner längeren Schriften vom Studium der kanonischen Schrift abhalten will. Im Gegenteil wünschte ich nichts so sehr, als daß ‐ wenn irgend möglich ‐ alle Christen sich möglichst frei nur in der heiligen Schrift umtun und völlig in ihre Wesensart umgestaltet werden. Denn da die Gottheit ihr ihr vollkommenstes Bild eingeprägt hat, wird sie anderswoher weder sicherer noch näher erkannt werden.
Philipp Melanchthon Loci Communes von 1521 (1997, S. 15

Sollen Christen Flüchtlinge retten und wenn ja wie viele?

In der Zeitung “Die Zeit” ist vor Tagen ein Beitrag der Politikwissenschaftlerin Antje Schrupp erschienen, der die Frage nach der christlichen Ethik in Bezug auf Seenotrettung stellt. Ihre Beobachtung: Die Parteien, die das Christliche im Namen tragen, würden sich nicht christlich verhalten, weil christliche Nächstenliebe bedeute, alle Menschen retten zu sollen. Dagegen sei es nicht spezifisch christlich, viele Menschen retten zu wollen: “Man braucht keine christlichen Werte, um zu wissen, dass man in Moria helfen muss.” Das besondere, der Eigenpunkt des christlichen Glaubens sei es vielmehr, bedingungslos helfen zu wollen: “Als Christinnen und Christen müssen wir nicht viele Menschen retten, oder solche, die in besonders schrecklichem Elend sind, sondern alle – sofern es uns irgend möglich ist.” Zu dieser Überzeugung kommt sie mit Blick auf Mt 25. Denn niemand sage, dass die dort Verurteilten nicht anderen Menschen geholfen hätten, sie hätten nur nicht “jederzeit allen Bedürftigen geholfen – und das reicht schon für die Hölle, jedenfalls laut Matthäus.” Mit diesen Worten endet dann dieser Argumentationsgang und es wird anschließend nett illustriert, dass solch eine Haltung weder pragmatisch, noch unbedingt vernünftig ist, sondern eben “den Griechen eine Torheit” sei. Das ist bedauerlich. Denn Abgesehen von der Frage, warum hier die Hölle auf einmal eine Relevanz haben soll, wenn Personen wir Schrupp die Existenz derselben sonst doch als vorsintflutliche Idee ablehnen – die Ausführungen hören zu früh auf.
Was Schrupp schreibt, ist ja gar nicht mal so ganz falsch (wenn auch da schon ein wenig verkürzt und einseitig – geht es hier doch zum Beispiel nicht um die Entscheidung des Einzelnen, sondern um die Entscheidungen, die unser Gemeinwesen treffen muss) – es ist bloß wie eine Pizza, die zwar in den Ofen gestellt wird, dann aber statt bei 200° bei Licht “gebacken” wird. Es bleibt unfertig. In dieser Lesart ist Gott nichts weiter als ein grausamer Buchhalter: Auf der Soll-Seite steht dann “jederzeit allen Bedürftigen helfen”; auf der Haben-Seite steht vielleicht, wenn es gut kommt: “hat sich stets bemüht”. Denn das ist ja die Realität! Wer ehrlich mit sich selbst ist, muss eingestehen, dass er Fehler macht, nachlässig, egoistisch oder einfach erschöpft ist. Nichts anderes sagt die Schrift. Die christliche Kirche ist sich dessen bewusst, ist diese Erkenntnis doch Inhalt des Bekenntnisartikels von der Erbsünde und einiger mehr, wir kommen noch darauf. Wer meint, diese Forderung sei erfüllbar, der meint, es sei ausreichend, den Punkt bei der Aufnahme aller Flüchtlinge zu setzen. Aber das stimmt ja nicht. Dann muss man sich nämlich um alle kümmern, alle Krankheiten, alle Einsamen, alle irgendwie Bedürftigen. Zugleich darf man dann nicht irgendwo negative Dinge unterstützen – also zum Beispiel keine Medikamente kaufen, die auf Kosten der Umwelt oder irgendwelcher Menschen gewonnen werden (und ebenso kein Essen, keine Kleidung,…). Nicht nur lässt sich das gar nicht prüfen, es ist hier auch noch nicht Schluss. Denn bis jetzt könnte man ja meinen, “dann ziehe ich eben in den Wald!”. Aber selbst im Wald verbraucht man a) Ressourcen und hilft b) nicht immer und uneingeschränkt. Denn das wäre ja die nächste Konsequenz: Wenn schon helfen, dann bitte keinen Übersehen. Und die letzte Konsequenz ist ebenfalls nicht erfüllbar: Bitte niemandem aus irgendeinem Grund helfen, denn dann ist die Hilfe nicht mehr selbstlos. Nein, das alles muss scheitern, weil wir eben begrenzt sind. Und noch dazu: Wir liegen, ob wir wollen oder nicht, immer Menschen zur Last. Das beginnt mit der Geburt. Und damit erfüllen wir dieses Gebot nicht. Denn, wenn wir zum Buchhalterbild zurückkommen, so gilt eben nicht, dass eine Menge an positiven die negativen aufwiegen könnte, wie bei einer Waage. Stattdessen lautet die Forderung ja: keinen Eintrag auf der negativen Seite haben. Und dann noch: Was gut und was schlecht ist, definiert nicht unser Verstand, sondern Gott. Also viel Spaß bei diesem Ansinnen.
Somit gibt es, das ist unstreitig, keinen Menschen, der die Forderung christlicher Ethik einhalten kann. In Worten des Artikels gesagt: Also ab in die Hölle mit uns. Und natürlich auch: Ab in die Hölle mit dir, Antje Schrupp. Und eben auch: Ab in die Hölle mit mir. Das ist die Konsequenz, das ist der Ausblick, den Schrupp ihren Leserinnen gibt. Zumindest, wenn man da aufhört. Dann muss man feststellen, dass wir es eben nicht leisten können, die Forderungen christlicher Ethik zu erfüllen, niemand. Kein Mensch. Es gibt dann überhaupt nur einen Menschen, der diese Forderungen je erfüllt hat: Jesus Christus. Und solange der im Beitrag nicht vorkommt, bleibt es unvollständig. Also Christus drauf, alles gut? – Nein, dann wäre, um beim Ofenbild zu bleiben, vllt. die Temperatur eingestellt, aber den Ofen immer noch nicht angeschaltet (obwohl wir natürlich betonen müssen, dass das Bild hier nicht besonders gut funktioniert!). Auch nach Christus darf noch nicht Schluss sein. Du hast Christus, jetzt kannst du dich zurücklehnen – das wäre auch unvollständig.

Was die vollständige Antwort ist, finden wir in der Schrift und im Bekenntnis, Thema: Gute Werke. Darum gehts ja hier. Also schauen wir doch in die Konkordienformel, Artikel Vier:

1. Es ist unsere Lehre, Glaube und Bekenntnis, dass gute Werke dem wahrhaftigen Glauben, wenn derselbe nicht ein toter, sondern ein lebendiger Glaube ist, gewiss und ungezweifelt folgen als Früchte eines guten Baumes.

2. Wir glauben, lehren und bekennen auch, dass die guten Werke gleich so wohl, wenn von der Seligkeit gefragt wird, als im Artikel der Rechtfertigung vor Gott gänzlich ausgeschlossen werden sollen, wie der Apostel mit klaren Worten bezeugt, da er geschrieben hat: “Nach welcher Weise auch David sagt, daß die Seligkeit sei allein des Menschen, welchem Gott zurechnet die Gerechtigkeit ohne Zutun der Werke, da er spricht: Selig sind die, welchen ihre Ungerechtigkeit nicht zugerechnet wird”, Röm. 4; und abermals: “Aus Gnaden seid ihr selig worden; Gottes Gabe ist es, nicht aus den Werken, auf daß sich nicht jemand rühme”, Eph. 2.

3. Wir glauben, lehren und bekennen auch, dass alle Menschen, besonders aber die durch den Heiligen Geist wiedergeboren und erneuert [sind], schuldig seien, gute Werke zu tun.

4. In welchem Verstande die Worte: “nötig”, “sollen” und: “müssen” recht und christlich auch von den Wiedergebornen gebraucht werden und keinesweges dem Vorbilde gesunder Worte und Reden zuwider sind.

5. Doch soll durch ermeldete Werke “Not” und: “notwendig”, wenn von den Wiedergebornen geredet [wird], nicht ein Zwang, sondern allein der schuldige Gehorsam verstanden werden, welchen die wahrhaft Gläubigen, soweit sie wiedergeboren, nicht aus Zwang oder Treiben des Gesetzes, sondern aus freiwilligem Geiste leisten, weil sie nicht mehr unter dem Gesetze, sondern unter der Gnade sind, Röm. 7 und 8.

6. Demnach glauben, lehren und bekennen wir auch, wenn gesagt wird: Die Wiedergebornen tun gute Werke aus einem freien Geist, dass solches nicht verstanden werden soll, als ob es in des wiedergebornen Menschen Willkür stehe, Gutes zu tun oder zu lassen, wann er wolle, und gleichwohl den Glauben behalten möge, wenn er in Sünden vorsätzlich verharrt.

7. Welches doch anders nicht verstanden werden soll, denn wie es der Herr Christus und seine Apostel selbst erklären, nämlich von dem freigemachten Geist, das er solches nicht tue aus Furcht der Strafe, wie ein Knecht, sondern aus Liebe zur Gerechtigkeit, wie die Kinder, Röm. 8.

8. Wiewohl diese Freiwilligkeit in den Auserwählten Kindern Gottes nicht vollkommen, sondern mit großer Schwachheit beladen ist, wie St. Paulus über sich selbst klagt Röm. 7, Gal. 5.

9. Welche Schwachheit doch der Her seinen Auserwählten nicht zurechnet um des Hern Christi willen, wie geschrieben steht: “Es ist nun nichts Verdammliches in denen, so in Christo Jeu sind”, Röm. 8.

10. Wir glauben, lehren und bekennen auch, daß den Glauben und die Seligkeit in uns nicht die Werke, sondern allein der Geist Gottes durch den Glauben erhalte, des Gegenwärtigkeit und Einwohnung die guten Werke Zeugen sind.

Also: Die christliche Ethik ist umfassend. Gleichzeitig gilt: Ab in die Hölle, weil wir sie nicht umfassend erfüllt haben, dass ist falsch. Denn, so verwirft die Konkordienformel an selber Stelle:

1. Wir verwerfen und verdammen, wenn gelehrt und geschrieben wird, dass gute Werke zur Seligkeit nötig seien; dass niemand jemals ohne gute Werke selig geworden sei; dass es unmöglich sei, ohne gute Werke selig zu werden.

Ohne das Evangelium ist das Gesetz eben genau das: totbringend, Verzweiflung schaffend. Das Evangelium ist genau deshalb gute Botschaft. Und genau aus dieser guten Botschaft heraus, haben Christen durch Jahrtausende angefangen, zu versuchen dem Anspruch des Gesetzes nicht mehr abzulehnen und Gott von ganzem Herzen, ganzer Seele und ganzem Verstand zu lieben und den Nächsten wie sich selbst.
https://lutherischeslaermen.de/2020/10/09/sollen-christen-fluechtlinge-retten-und-wenn-ja-wie-viele/

„Wie könnt ihr es wagen!“ Teil 2

Das Töten ungeborener Kinder wird in der Bibel abgelehnt, auch wenn es kein Verbot expressiv verbis gibt; wer dies anders sieht, muss nachweisen, warum Abtreibung nach biblischen Grundsätzen kein Mord sein soll.
Auf den ersten Blick scheint die Abtreibungsfrage für Christen leicht zu beantworten sein. Die Bibel untersagt Mord; Abtreibung ist Mord; also ist Abtreibung verboten. So wird das Abtreibungsverbot ja von vielen Christen mit gerade einmal einem Hinweis auf die Zehn Gebote begründet. Doch angesichts der Wichtigkeit des Themas und der Intensität der Debatten sollte sorgfältiger argumentiert werden muß. Die Bibel beantwortet nicht alle Fragen zum Thema und klärt manche Dinge auch nicht völlig, doch die grundlegende Botschaft ist klar.
Der Ehrlichkeit halber sollte eingestanden werden, dass das Mordverbot in der Bibel nicht eindeutig auf das ungeborene Kind ab dem Zeitpunkt der Zeugung angewandt wird. Es kann aber positiv völlig klar ausgesagt werden: Das ungeborene Kind ist ein Geschöpf Gottes; Gott hat daher in jedem Fall ein ‘Mitspracherecht’, was sein Schicksal betrifft; es ist ein lebendes Geschöpf, und zur Achtung vor dem Leben und Lebensschutz hat die Bibel viel zu sagen; und es ist menschliches Leben. Der Mensch ist Ebenbild Gottes, was ihn unter besonderen Schutz stellt, denn das Verbot des Mordes wird mit der Ebenbildlichkeit des Menschen begründet (Gen 9,6).
In der gesamten Bibel wird unterstrichen, dass nicht nur (geborene) Kinder, sondern auch schon die Leibesfrucht ein Segen ist (Ps 127,3; 128,3.6; Gen 49,25; Dt 7,13; 28,4). Kinder haben im Mutterleib eine Beziehung zu Gott (Ps 51,5; 58,4; 71,6; 139,13–16; Job 31,15; Jes 44,2.24; Jer 1,5; Ri 13,5.7; Lk 1,15.41); Kinder in der Gebärmutter werden genauso bezeichnet wie die geborenen Personen (Gen 25,22; 38,27f; Job 1,21; 3,3.11f; 10,18f; 31,15; Jes 44,2.24; 49,5; Jer 20,14–18; Hos 12,3), bis hin zur Zeugung (Ps 51,5). Vielfach wird die personale Kontinuität  des Lebens vor und nach der Geburt ausgesagt (David: Ps 139,13; Jer 1,5; Johannes d.T.: Lk 1,24.26). Interessant ist außerdem, dass die Tötung anderer Menschen bei Selbstverteidigung, Landesverteidigung oder in der Todesstrafe erlaubt werden. Nirgends hat Gott jedoch irgendeiner Instanz das Recht verliehen, ungeborene, völlig unschuldige Kinder zu töten. Eltern dürfen nur in begrenztem Maße züchtigen; keinerlei Kindestötung wie bei Römern (s.u.) wurde erlaubt.
John Frame faßt daher zusammen: „Es gibt keine Stelle in der Schrift, die auch nur im entferntesten aussagt, dass das ungeborene Kind von der Empfängnis an in irgendeiner Weise weniger als ein Mensch ist.“ Die Hauptfrage ist auch hier die der Beweislast. Frame: „Alle Stellen in der Hl. Schrift, die irgendetwas zum Thema aussagen, bekräftigen den Schutz des ungeborenen Kindes; keine Stelle reduziert diesen Schutz ausdrücklich. Wir geben zu, dass die Schrift nicht ausdrücklich sagt, wieviel Schutz das Kind verdient; müssen wir aber nicht annehmen, dass das Kind maximalen Schutz verdient, bis jemand etwas anderes biblisch belegen kann?… An welchem Punkt [in der Entwicklung des Kindes] schenken wir ihm nicht mehr die hohe Achtung, die es in Gottes Augen hat? An welchem Punkt entscheiden wir uns für weniger als maximalen Schutz?“ (Bericht einer Kommission der Orthodox Presbyterian Church zur Abtreibung aus dem Jahr 1972, in: Frame, Medical Ethics)
Auch wenn daher die Bibel die Abtreibung nicht expressiv verbis verbietet – Christen und Juden waren sich (bis ins 20. Jahrhundert) praktisch alle einig, dass sie abzulehnen ist, und dies aus guten Gründen. Die klassische christliche Position wurde von evangelischen wie katholischen Christen vertreten. Dietrich Bonhoeffer (1906–1945): „Mit der Eheschließung ist die Anerkennung des Rechts des werdenden Lebens verbunden, als eines Rechtes, das nicht in der Verfügung der Eheleute steht. Ohne die grundsätzliche Anerkennung dieses Rechtes hört eine Ehe auf Ehe zu sein… Die Tötung der Frucht im Mutterleib ist Verletzung des dem werdenden Leben von Gott gegebenen Lebensrechts. Die Erörterung der Frage, ob es sich hier schon um einen Menschen handele oder nicht, verwirrt nur die einfache Tatsache, daß Gott hier jedenfalls einen Menschen schaffen wollte und daß diesem werdenden Menschen vorsätzlich das Leben genommen worden ist. Das aber ist nichts anderes als Mord.“ (Ethik)
Papst Johannes Paul II (1920–2005): „…die vorsätzliche Abtreibung ist, wie auch immer sie vorgenommen werden mag, die beabsichtigte und direkte Tötung eines menschlichen Geschöpfes in dem zwischen Empfängnis und Geburt liegenden Anfangsstadium seiner Existenz … Getötet wird hier ein menschliches Geschöpf, das gerade erst dem Leben entgegengeht, das heißt das absolut unschuldigste Wesen, das man sich vorstellen kann: es könnte niemals als Angreifer und schon gar nicht als ungerechter Angreifer angesehen werden!“ (Evangelium vitae, 58)
Und besonders streng meinte Mutter Teresa (1910–1997): „… nur Gott kann über Tod und Leben entscheiden… Darum ist die Abtreibung eine so schwere Sünde. Man tötet nicht nur Leben, sondern stellt sein eigenes Ich über Gott. Und doch entscheiden Menschen, wer leben und wer sterben soll. Sie wollen sich selbst zum allmächtigen Gott machen. Sie wollen die Macht Gottes in die eigenen Händen nehmen. Sie möchten sagen: ‘Ich kann ohne Gott fertig werden. Ich kann entscheiden. ’ Die Abtreibung ist das Teuflischste, was eine menschliche Hand tun kann…“ (zit. bei Stott, Das Abtreibungsdilemma, in: Christsein in den Brennpunkten unserer Zeit, Bd. 4)
Mutter Teresa hat recht, aber man muß zur Erläuterung wohl ein paar Sätze hinzufügen. Der Mensch muß und kann in manchen Situationen entscheiden, Menschen zu töten (z.B. im Verteidigungsfall). Doch dieses Mandat hat Gott selbst dem Menschen übergeben. Unter gewissen, von Gott vorgebenen Umständen darf der Mensch töten. Ein von Gott verliehenes Recht zur Tötung vorgeburtlichen Lebens ist dagegen nirgendwo und niemals von Gott erteilt worden (einzige Ausnahme ist für die allermeisten Theologen die Gefährung des Lebens der Mutter, doch hier handelt sich um eine Abwägungsfrage, die so auch sonst in ethischen Problemen auftaucht; dank des medizinischen Fortschritts sind diese Fälle aber sehr selten geworden).
Der Schutz von Kleinkindern und Ungeborenen gehört zum Kern der jüdisch-christlichen Kultur. Der Vorwurf, die Verschärfung der gegenwärtigen Abtreibungspraxis sei unzivilisiert, ist aus historischer Perspektive Unsinn.
Von Befürwortern einer liberalen Abtreibunsgpraxis (auch den moderaten) ist in den Diskussionen immer wieder ein Vorwurf zu hören: Verbote jeder Art seien „unzivilisiert“, will sagen: entsprechen ganz und gar nicht dem Geist unserer Zeit, gehören einer längst überwundenen Epoche an. Der Begriff „Zivilisation“ Teil der Strategie der semantischen Aufladung (wie z.B. die penetrant wiederholte Rede vom „Recht auf Abtreibung“). A. M. Pavilionienė [langjähriges litauisches Parlamentsmitglied der Sozialdemokraten und bekannte Frauenrechtlerin] ist darin natürlich Meisterin, wenn sie z.B. meint, der Gesetzesentwurf [zum weitgehenden Verbot aus dem Jahr 2008] „würden Litauen ins finstere Mittelalter zurückwerfen“. Andere Stimmen, die den Spieß umdrehen, sind selten zu finden. Tomas Tomilinas [seit 2016 im Parlament] schreibt:
„In Litauen wird die Abtreibung immer noch durch eine fast sowjetische Anordnung des Gesundheitsministers geregelt, d.h. in einer Reihe von medizinischen Regeln, die bestimmen, wie und wann eine einfache Operation medizinisch korrekt durchgeführt werden soll. Aber kann der Entzug des Lebens eines gezeugten Kindes rechtlich gleichbedeutend mit dem Beseitigen von Muttermalen und der Amputation von Gliedmaßen sein? Ich denke, wenn wir in einem zivilisierten Land leben wollen, ist diese Situation unerträglich.“ („Atgimimas“, 5/2008)
Zweifellos lebten die Griechen und Römer auf einer relativ hohen Zivilisationsstufe. Ihre Errungenschaften in Staatsführung, Wissenschaft, Militär, Philosophie und Mathematik waren herausragend. Eine der größten Schwächen ihrer Kulturen war jedoch eine sehr hierarchisch und nach Klassen strukturierte Gesellschaft. Nur eine Minderheit besaß alle Bürgerrechte (und von civis, lat. Bürger, leitet sich ja auch Zivilisation ab!); ein allgemeiner Schutz von Menschenrechten – überhaupt dieser Begriff – war unbekannt. Dies führte dazu, dass Sklaven, Kriegsgefangene, Gladiatoren – und eben auch kleine Kinder – äußert willkürlich und unmenschlich behandelt werden konnten.
Ein Neugeborenes wurde bei den Griechen nicht automatisch als Person geachtet. Es mußte erst vom Familienvater in einer Zeremonie aufgenommen werden, was meist fünf Tage nach der Geburt geschah (amphidromia, wörtlich „Umlauf“); es folgte eine Feier am zehnten Tag nach der Geburt. Der Kindesaussatz war weit verbreitet, und dies aus verschiedensten Gründen (Geschlecht, Kinderzahl, wirtschaftliche Lage usw.). Diese „Findlinge“ (anairetoi) wurden häufig von Sklavenhändlern aufgesammelt und zu Sklaven herangezogen. Kindestötung und Abtreibung galt auch bei den Römern nicht als Mord.
Auch der wohl größte Philosoph aller Zeiten, Platon, hatte nicht viel übrig für einen Schutz kleiner Kinder, im Gegenteil. In Der Staat heißt es: „Nach unseren Ergebnissen müssen die besten Männer mit den besten Frauen möglichst oft zuasmmenkommen, umgekehrt die schwächsten am wenigsten oft; die Kinder der einen muss man aufziehen, die anderen nicht, wenn die Herde möglichst auf der Höhe bleiben soll“ (459d–e). Für seinen Idealstaat schuf Plato neuartige ‘Paarungsvorschriften’; die ‘Entsorgung’ von unerwünschtem Nachwuchs folgte aber nur der griechischen Tradition: „Sie übernehmen die Kinder der Tüchtigen und bringen sie in eine Anstalt zu Pflegerinnen, die abseits in einem Teil des Staates wohnen; die Kinder der Schwächeren oder irgendwie mißgestaltete verbergen sie an einem geheimen und unbekannten Ort, wie es sich gehört“ (460c). Die Möglichkeit einer Abtreibung nennt der Philosoph an einer Stelle: „Wenn aber Frauen und Männer das Zeugungsalter überschritten haben, dann lassen wir die Männer ungehindert verkehren, mit wem sie wollen… Und dies alles erst, nachdem wir ihnen befohlen haben, eine Frucht womöglich überhaupt nicht austragen zu wollen, wenn sie empfangen ist; wird sie aber trotzdem geboren, dann ist sie so zu behandeln, als ob für ein solches Kind keine Pflege vorhanden wäre“ (461b/c).
„Der Spiegel“ schreibt über die Zustände in der Antike: „Arme Leute – 90 Prozent des Volkes – konnten es sich einfach nicht leisten, mehrere Kinder durchzubringen. Seneca hielt das Ertränken von Neugeborenen, vor allem von Mädchen, aber auch von schwachen Babys, deshalb für ebenso vernünftig wie üblich. Der US-Archäologe Lawrence E. Stager machte in der [hellenistischen] Hafenstadt Askalon [in Palästina] im Abwasserkanal unter einem Badehaus einen schrecklichen Fund: Im Müll lagen annährend hundert Säuglinge. Sie waren gleich nach der Geburt in die Kanalisation geworfen worden.“ (13/2008)
Mit der Ausbreitung des Christentums begann sich die Situation radikal zu ändern. Der (atheistische) Historiker W.E.H. Lecky: „Kaum jemand zeigte in der Antike gegenüber der Abtreibungspraxis irgendwelche besonderen Gefühle… Die Sprache der Christen dagegen war von Anfang an völlig anders. Mit gradliniger Konsequenz und mit strengem Nachdruck lehnten sie diese Praxis ab, bezeichneten sie nicht nur als inhuman, sondern als eindeutigen Mord.“ (History of European Morals) So heißt es schon in der Didache im frühen 2. Jhdt.: „Du sollst nicht Gift mischen, du sollst nicht das Kind durch Abtreibung töten.“ Und im Barnabas-Brief aus derselben Zeit: „Töte das Kind nicht durch Abtreibung, noch töte das Neugeborene“. Bei allen großen Kirchenvätern finden sich Sätze, die die Abtreibung verurteilen. Augustin erlaubte die Abtreibung nur, um das Leben der Mutter zu retten.
Der (jüdische) Publizist H. Stein schildert, wie Kaiser Konstantin, der erste Christ auf dem Thron des Römischen Reiches, „das wichtigste Menschenrecht des freien Römers abschaffte: die potestas vitae necisque [das Recht über Leben und Tod].“ Weiter schreibt er: „Die Gebildeten bewundern heute – mit Recht – die Philosophie der Griechen, sie bestaunen die Architektur der alten Ägypter, schwärmen von der Höflichkeit der Chinesen, vergöttern die Stronomie der Babylonier und rühmen die römische Staatskunst. Darüber wird leicht vergessen, daß all diese Hochkulturen völlig bedenkenlos den Kindesmord als Mittel der Geburtenkontrolle anwandten. Es gab in der ganzen Antike nur ein Volk, bei dem es als Verbrechen galt, ungewollte Säuglinge zu töten – das waren die Juden.“ (Mose und die Offenbarung der Demokratie)
Die Christen übernahmen von den Juden den schon im AT begründeten Respekt vor dem Leben.  Konstantin stellte den Kindesmord unter strenge Strafe, ordnete aber auch finanzielle Hilfe für diejenigen an, die ausgesetzte Kinder versorgten – ein erstes Kindergeld. Stein: „Mit solchen Bestimmungen errichtete der große Konstantin eine unsichtbare Scheidewand, eine Mauer um die Feste Zion: Hinter ihr lag die judäochristliche Zivilisation, davor befand sich die übrige, die heidnische Welt.“
Der allgemeine Konsens unserer westlichen, europäischen und christlichen Zivilisation war jahrhundertlang, bis ungefähr zur Mitte des 20. Jahrhunderts, der Strenge Schutz des ungeborenen menschlichen Lebens. Dieser Konsens drückte sich noch ein letztes Mal in der Erklärung von Genf des Weltärztebundes aus dem Jahr 1948 aus. Dort heißt es: „Ich werde den allergrößten Respekt für das menschliche Leben vom Zeitpunkt der Empfängnis an bewahren“. Dieser Artikel wurde 1984 geändert; 2005 verschwand die Empfängnis schließlich ganz. Ein neuer Konsens hatte sich durchgesetzt.
Pavilioniene und andere sollten daher ehrlich sein und die Dinge beim Namen nennen:  Ein liberales Abtreibungsrecht entspricht überhaupt nicht unserem traditionellen zivilisatorischen Erbe; es befindet sich in der Tradition der griechisch-römischen Zivilisation und muß fast 2000 Jahre überspringen. Wer ehrlich ist, sagt klar: dies ist pures Heidentum, und das ist uns lieber als der Gott der Juden und Christen mit seinen kleinlichen Vorschriften. Auch hier sehen wir wieder, daß es letztlich um die Wahl zwischen Religionen und Weltanschauungen geht. Und es zeigt sich mal wieder, wie schnell die Erinnerung an die eigene Geschichte verschüttet werden kann – mit entsprechenden Folgen.
Doch die Geschichte geht weiter. Der frühere deutsche Verfassungsrichter Udo DiFabio: „Was wäre eigentlich – nur ein provokatives Gedankenexperiment – wenn man die heute im gesamten Westen ohnes großes Aufheben durchgeführten, in jedem Jahr in die Millionen gehenden Abtreibungen in einer zukünftigen Zeit mit einer etwas anders gewichtenden Werteordnung als schweres Verbrechen an der menschlichen Gattung verstünde? Was wäre, wenn nach dem kulturellen Sieg einer solchen Auffassung uns Zeitgenossen von heute entgegengehalten würde, wir hätten diesen doch leicht erkennbaren Verstoß gegen universelles, für alle Menschen geltendes Recht sehen und ihm entgegentreten müssen?“ (Die Kultur der Freiheit) Holger Lahayne http://lahayne.lt/2020/09/28/wie-konnt-ihr-es-wagen/
Teil 1 https://bibelkreismuenchende.wordpress.com/2020/09/29/wie-konnt-ihr-es-wagen/