GemEINSchaft … L(i)eben

Ich war eine Stunde mit meinem Vater auf seiner Bankfiliale, da er etwas Geld überweisen musste. Ich konnte nicht widerstehen stellt ihm einen Frage:

′′Dad, warum aktivieren wir nicht ein Internet-Banking?′′ 

′′Warum sollte ich das tun?′′ 

Ich fragte ihn zurück:

′′Na dann musst du ja keine Stunde hier verbringen, um Dinge wie eine Überweisung machen. Sie können heute sogar online deine Einkäufe erledigen. Alles ist so  einfach geworden! ′′ 

Ich war so aufgeregt, ihn in die Welt von Net-Banking zu locken.

Er fragte zurück: ′′Wenn ich das mache, muss ich nicht aus dem Haus?”

′′Ja, ja sagte ich, selbst Lebensmittel können jetzt vor deine Tür geliefert werden und Amazon&Co. liefert dir alles ins Haus!

Seine Antwort hat mich platt gemacht.

Er sagte: ′′Seit ich heute diese Bank betrat, habe ich mich nebenbei mit  vier meiner Freunde getroffen, dann habe ich eine Weile mit dem Personal geplaudert, die mich mittlerweile sehr gut kennen.

Weißt du, ich bin allein, darum ist das die Art Bank, die ich brauche.

Ich mache mich hübsch und gehe zu meiner Bank. Ich habe genug Zeit. Es ist einfach die soziale Berührung, nach der ich mich sehne.

Vor zwei Jahren war ich krank. Der Ladenbesitzer von dem ich das Obst kaufe, kam zu mir und saß an meinem Bett und weinte mit mir.

Als deine Mutter vor ein paar Tagen bei ihrem morgendlichen Spaziergang hingefallen ist, hat unser lokaler Lebensmittelhändler  sie gesehen und er hat sofort sein Auto geholt, um sie nach Hause zu bringen. Ich weiß wo und wie ich lebe.

Würde ich diesen sozialen und menschlichen Umgang haben, wenn ich alles würde online machen würde?

Warum sollte ich mir alles liefern lassen wird und warum sollte ich alles mit dem unpersönlichen Computer machen?

Ich mag es, wenn ich die Personen kenne, mit denen ich zu tun habe.

Nur der Umgang  mit Menschen schafft Verbindungen und Beziehungen.

Das kann Amazon nicht.

Technologie hat kein echtes Leben.

Verbringe Zeit mit Menschen, nicht mit Geräten.
Autor unbekannt.

Die Mennoniten und die Ingenieurskunst

Nach den ersten dürren Jahrzehnten in der neuen Heimat ging es für die mennonitischen Kolonien wirtschaftlich gesehen aufwärts. Das zeigt sich u.a. an den entstehenden Gutshäusern, der Intensivierung der Bildung und auch am technischen Fortschritt. Die im Buch von Heidebrecht[1] veröffentlichte Passage aus dem Mennonite Historian ist eine nette Geschichte, die den in der Überschrift genannten Aspekt illustriert.

Das erste Flugzeug in Russland wurde höchstwahrscheinlich von drei mennonitischen Studenten erdacht, gebaut, und kurz geflogen. Der treffende Name der Maschine, HUP, war scheinbar von den Anfangsbuchstaben der Familiennamen von Kornelius Hildebrandt, Peter Unrau und Heinrich Plenert zusammengestellt… Ein Segelflugzeug hoch zu kriegen war schon auf der ebenen russischen Steppe eine Leistung, fast so groß wie der Bau selbst. Auf Kufen im Gras musste ein starker Hengst das Flugzeug in Bewegung bringen, und eine besonders flotte Stute schleppte es dann im Galopp weiter. Im rechten Augenblick mussten die Pferde losgemacht werden. Atemberaubend schwebte das Flugzeug dann durch die Luft bis die Geschwindigkeit nachließ und der Pilot landen musste. Manche mennonitische Bauern billigten diese Anstrengungen nicht recht, da ja Gott den Menschen ohne Flügel geschaffen hatte… 1907, damals im Alter zwischen siebzehn und zwanzig, fühlten die drei sich erfahren genug, HUP II. mit eigenem Motor zu bauen. Den 4-Zylinder Motor planten und bauten sie in Chortiza selber. Der Rumpf und die Flügel wurden in Alexandrowsk hergestellt. Nur der Propeller wurde von Deutschland importiert. Dieser kostete soviel [sic], dass die Helden sich keine Räder leisten konnten, und wieder auf Kufen und Pferdekraft angewiesen waren. Plenert war der Versuchsflieger. Hildebrandts Bruder Peter drehte den Propeller, um den Motor anzulassen. Mit brüllendem Ungeheuer hinterher galoppierten die Pferde um so [sic] schneller, das Flugzeug erhob sich und der HUP II. flog mit eigener Kraft.

Heidebrecht, Hermann (2016). S.41.

Im Anschluss an den Artikel fügt Heidebrecht ergänzend hinzu, dass der Flug nur von kurzer Dauer war, da der Propeller (Made in Germany) brach und die Maschine zum Absturz brachte. Alle drei Erfinder gingen daraufhin zum Studium ins Ausland. Wohin wohl? – Nach Deutschland. 

[1] Heidebrecht, Hermann (2016)

https://christusallein.com/2018/12/16/die-mennoniten-und-die-ingenieurskunst/#_ftnref1

Christi Stimme Hören

„[…] Christus ist der Inhalt der Unterweisung („ihr aber habt Christus … kennengelernt“), und auch selbst der Lehrer („ihr habt doch von ihm gehört“). Es ist Schade, dass [einige Bibelübersetzungen] den Ausdruck mit „ihr habt von ihm gehört“ übersetzen, denn es gibt hier keine Präposition. Paulus nimmt an, dass [die Epheser] durch die Stimme ihrer christlichen Lehrer eigentlich die Stimme Christi gehört haben.
Somit kann man sagen, dass wenn gesunde, biblische, moralische Unterweisung gegeben wird, Christus über Christus lehrt.“ John Stott, Die Botschaft des Epheserbriefs, s. 186

Napoleons 200. Todestag

Besonderheiten, die vom Kaiser der Franzosen bleiben werden:
1. Sein Grabstein ohne Inschrift auf St. Helena.
2. Sein Lieblingscognac Courvoisier. Einige Fässer nahm er mit ins Exil.
3. Die von ihm initiierte Erfindung der Konserve durch Nicolas Appert nach dem Vorbild der luftdichten Champagnerflasche.
4. Der Mailänder Triumphbogen Arco della Pace. Im Mailänder Dom ließ sich Napoleon zum König von Italien krönen.
5. Die ehemalige Kaiserfamilie Bonaparte. Familienoberhaupt ist Jean-Christophe Bonaparte, seine Frau ist seit 2019 Olympia Gräfin von und zu Arco-Zinneberg.
6. Das Bürgerliche Gesetzbuch.
7. Die Abschaffung der Leibeigenschaft meiner Vorfahren.
8. Sein Lieblingsessen „Huhn Marengo“: 1 Huhn in großen Stücken ca. 1,5 kg30 g Butter1 EL OlivenölSalzPfeffer aus der MühleMuskatnuss1 EL Mehl100 ml Weißweinca. 200 ml Hühnerbrühe1 Bund Petersilie2-3 passierte TomatenZitronensaft frisch gepresst
9. Der Stein von Rosetta. Entdeckt auf dem Feldzug in Ägypten 1799. Mit ihm wurden später die Hieroglyphen entschlüsselt.
10. Der Empire-Stil. Schöne schlicht-funktionale Möbel 120 Jahre vor BAUHAUS.

Ein Fahrplan fürs Leben

Fahrpläne sind eine tolle Sache. Sie sagen einem zuverlässig, wann der nächste Bus, Zug oder Straßenbahn fährt, wohin sie fährt und wann diese Gefährte ungefähr das Ziel erreichen werden. Ohne Fahrpläne wäre man ziemlich aufgeschmissen. Man müsste sich auf gut Glück an einen Bahnsteig stellen, ohne zu wissen wann der nächste Zug kommt. Und wenn er dann nach 2,5 Stunden endlich einfährt, weiß man ja noch nicht, wo genau er denn eigentlich hinfährt. Das erfährt man dann erst im Zug – und dann ist es bekanntlich schon wieder zu spät zum aussteigen. Also, Fahrpläne sind wirklich eine klasse Sache Allerdings haben Fahrpläne auch so ihre Tücken. Ich war vor längerer Zeit mit dem Zug unterwegs zu einem Freund und bin auf irgendeinem Dorfbahnhof gestrandet. Da es schon recht spät war, hatte ich Befürchtungen von dort noch weg zu kommen. Ein Blick auf den Fahrplan jedoch beruhigte mich: 23.02 Uhr fuhr der letzte Zug weiter, alles bestens. 23.02 – kein Zug kam. 23.05 immer noch nichts. Um 23.15 war ich schon verzweifelt und um 23.30 war ich mir sicher, dass da kein Zug mehr kommen würde. Nach einem kleinen Fußmarsch ins nächste Dorf habe ich dann dort mitten in der Nacht jemanden aus dem Haus geklingelt um telefonieren zu können und mich dann von den Eltern meines Freundes abholen lassen – mann, war das peinlich. Wie sich später rausstellte war der Plan an diesem Bahnhof über 7 Jahre alt – und hoffnungslos überholt. Der besagte Zug war schon lange gestrichen worden. Manche Fahrpläne sind vielleicht topaktuell – aber so unverständlich und unübersichtlich aufgemacht, dass es meinen bescheidenen Intellekt schlicht überfordert sie zu verstehen, Manche Liniennetzpläne der Stadt Essen sind so. Ich habe mich dann ganz auf die Führung meiner Schwester verlassen müssen, ohne sie wäre ich wahrscheinlich heute noch orientierungslos in Essen. Auch hier bringt der Fahrplan nicht das, was er eigentlich sollte. Und zu guter letzt sind da ja auch noch die Fahrpläne, die wunderschön anzuschauen sind, aktuell, gut verständlich – nur leider nicht vorhanden oder so zerstört, dass man sie nicht lesen kann. Da steht man dann ziemlich im Regen! Auch die Bibel ist ein Fahrplan. Ein Fahrplan zu Gott. Wie er sich das mit den Menschen vorgestellt hat, die Geschichte Gottes mit seinem Volk. Die Bibel ist unser Fahrplan zu einem gelingenden Leben, zu einem seligen Sterben und zu einer heilen Beziehung zu Gott. Da steht alles drin: Preise, Abfahrtzeiten, Allgemeine Geschäftsbedingungen, Verhaltensregeln während der Fahrt, Zielbahnhof und sogar allgemeine touristische Hinweise über den Zielort. Und glücklicherweise enthält dieser Fahrplan Gottes die oben genannten Tücken nicht: Er ist brandaktuell, druckfrisch, hochverständlich und immer verfügbar! Und auch für seine Gemeinde hat Gott gesorgt, dass sie einen Fahrplan bekommt, er einen reibungslosen Ablauf des Verkehrs im Leib Christi gewährleisten soll.

Unter der Gürtellinie

Unter der Gürtellinie

„Die Maske unter der Nase tragen – das ist, als ob man die Unterhose so trägt“ – und darunter sieht man die Umrisse eines männlichen Unterleibs mit kurzem, aber klar erkennbaren Geschlechtsorgan. Auf der anderen Seite des Plakatständers gibt es, ganz geschlechstneutral, noch mal die weibliche Variante mit BH und Oberweite. Über die Wintermonate hinweg bemühte sich die Stadtverwaltung von Vilnius auf diese Weise die Bürger dazu zu bringen, doch bitteschön die Masken immer hochzuziehen: „Zeigt Verwantwortung – bedeckt mit der Maske sowohl Mund als auch Nase. STOPPEN WIR COVID-19.“

Auf Hunderten Plakaten in der ganzen Stadt prangten also viele Wochen lang primäre und sekundäre Geschlechtsmerkmale – wenn auch zurückhaltend und reduziert mit einfachen Linien dargestellt. Dies Beispiel aus der litauischen Hauptstadt zeigt nur zu deutlich, dass die Komunikation zwischen Staat und Bürgern in Corona-Zeiten vor die Hunde zu gehen droht und wie tief man dabei mitunter sinken kann.

Die litauische Kampagne haben sich natürlich kreative Werbeleute ausgedacht. Aber im Rathaus kam offensichtlich niemand auf den Gedanken, den Werbetext einmal genauer anzuschauen. Im Litauischen heißt es nämlich wörtlich sogar, das falsche Tragen der Maske sei „das Gleiche“ wie den Penis über den Hosenrand hängen lassen. Nun ist das Zeigen des Geschlechts in der Öffentlichkeit ein rechtliches Vergehen und unanständig allemal. Und auf diese fundamentale und immer noch für jeden verständliche Anstandsregel spielt die ganze Kampagne ja auch an. Aber es ist eben nicht „das Gleiche“, wenn man die Maske unter die Nase rutschen läßt. Maske falsch tragen kann dumm oder – im schlimmsten Fall – gefährlich sein, aber ist es auch völlig unanständig und eindeutig unmoralisch??

Unwissenheit oder Dummheit ist mit sachlichen Informationen zu bekämpfen, vor Gefahren ist konkret und präzise zu warnen. Von einem Überzeugen der Bürger kann in diesem Fall aber überhaupt keine Rede sein. Schlampige Maskenträger werden einfach moralisch herabgewürdigt, ja verunglimpft. Die Botschaft ist einfach „so etwas macht man nicht, Punkt“.

Die Vilniuser Kampagne (andere Städte Litauens haben nichts dergleichen plakatiert)  ist eine Paradebeispiel von Paternalismus: Den Bürgern werden keine Gründe geliefert, warum dies zu lassen und jenes zu tun wäre. Man geht mit ihnen ‘väterlich’ um (daher Paternalismus, von lat. pater – Vater) und erzieht sie wie Kinder: Lass das gefälligst, das gehört sich nicht! In der Familie hat diese Art der Erziehung ihren Platz, denn Kindern muss man unter Umständen solche Grenzen setzen. Erwachsene verlangen aber allermeist mehr an Begründung. Und mit erwachsenen Bürgern hat der Staat auch entsprechend umzugehen.

Das Plakat gab unten zu verstehen, dass das ordentliche Maskentragen dazu beiträgt, „Covid-19“ zu stoppen. Ein Hauch von Grund. Vor allem ging es dabei um das Tragen an der frischen Luft, was monatelang im ganzen Territorium aller Ortschaften Litauens Pflicht war. Das Kommando war klar: Draußen die Maske hoch! Ende Februar wurde der Maskenzwang außerhalb von Gebäuden aber abgeschafft, und im März hieß es von Regierungsseite bald sogar: Ja, wir wussten schon immer, dass diese Maßnahme eigentlich kaum zur Eindämmung des Virus beiträgt, also überflüssig ist. Eine Regierungsexperte sprach vom „psychologischen Zweck“.

Damit war die Katze aus dem Sack. Eine wissenschaftliche Begründung für einen allgemeinen Maskenzwang an der frischen Luft gibt es nicht (99,9% aller Ansteckungen finden in geschlossenen Räumen statt). Beim „Setzt draußen bloß ordentlich die Maske auf!“ geht es tatsächlich in erster Linie um Psychologie, um den Drill der Bürger. Und die haben ihre Lektion tatsächlich gelernt: Viele, auch gerade junge Leute, tragen draußen fleißig weiter ihre Maske, weil nun nicht wenige ‘überzeugt’ sind, dass dort überall Killerviren durch die Luft schwirren, die jederzeit durch die Nase einfallen können.

Und man kann es kaum glauben: der Bürgermeister, der all dies letztlich zu verantworten hat, gehört zur liberalen „Partei der Freiheit“. Er war einst Direktor des Litauischen Instituts für freie Marktwitschaft und bezeichnete sich sogar noch 2016 (allerdings gegenüber Gesinnungsgenossen im westlichen Ausland) als „Anarchokapitalist“. Ein Libertärer also, ein Radikaler unter den Liberalen. Jemand, der Paternalismus der üblen Sorte wie der Teufel das Weihwasser meiden müsste. Eigentlich. Aber auch in Litauen gilt: Corona bringt so manches ans Tageslicht.
http://lahayne.lt/2021/03/31/unter-der-gurtellinie/

„Und hören Sie in Zukunft nie als erster mit dem Klatschen auf!“

Solschenizyn beschreibt eine (tragische) Anekdote aus 1920-ern unter Stalin. Es gibt mir zu denken, dass wir wegen viel geringfügigeren Konsequenzen stehen bleiben.
Eine Bezirksparteikonferenz (im Moskauer Gebiet) … Den Vorsitz führt der neue Bezirkssekretär anstelle des sitzenden früheren. Am Ende wir ein Schreiben an Stalin angenommen, Treuebekenntnis und so. Selbstredend steht alles auf (wie auch jedes Mal sonst der Saal aufspringt, wenn sein Name fällt). Im kleinen Saal braust ‚stürmischer, in Ovationen übergehender Applaus’ auf. Drei Minuten, vier Minuten, fünf Minuten – noch immer ist er stürmisch und geht noch immer in Ovationen über. Doch die Hände schmerzen bereits. Doch die erhobenen Arme erlahmen. Die Älteren schnappen nach Luft. Und es wird das Ganze unerträglich dumm selbst für Leute, die Stalin aufrichtig verehren. Aber: wer wagt es als erster? Aufhören könnte der Erste Bezirkssekretär. Doch er ist ein Neuling, er steht hier anstelle des Sitzenden, er hat selber Angst Denn im Saal stehen und klatschen auch NKWD-Leute, die passen schon auf, wer als erster aufgibt! …. Im kleinen, unbedeutenden Saal wird geklatscht …. und Väterchen kann’s gar nicht hören … 6 Minuten! 7 Minuten! 8 Minuten! …. Sie sind verloren! Zugrunde gerichtet! Sie können nicht mehr aufhören, bis das Herz zerspringt! … Der Direktor der Papierfabrik, ein starker und unabhängiger Mann, steht im Präsidium, begreift die Verlogenheit, die Ausweglosigkeit der Situation – und applaudiert – 9 Minuten! 10 ! Er wirft sehnsüchtige Blicke auf den Sekretär, doch der wagt es nicht. Verrückt! Total verrückt! Sie schielen mit schwacher Hoffnung einer zum anderen, unentwegt Begeisterung auf den Gesichtern, sie klatschen und werden klatschen, bis sie hinfallen, bis man sie auf Tragbahren hinausträgt. Und auch dann werden die Zurückgebliebenen nicht aufgeben! … Und so setzt der Direktor in der elften Minute eine geschäftige Miene auf und lässt sich in seinen Sessel im Präsidium fallen. Und – o Wunder – wo ist der allgemeine, ungestüme und unbeschreibliche Enthusiasmus geblieben? Wie ein Mann hören sie mitten im der Bewegung auf und plumpsen ebenfalls nieder. Sie sind gerettet! Der Bann ist gebrochen! … Allein, an solchen Taten werden unabhängige Leute erkannt. Erkannt und festgenagelt: In selbiger Nacht wird der Direktor verhaftet. Mit Leichtigkeit werden ihm aus ganz anderem Anlass zehn Jahre verpasst. Doch nach Unterzeichnung des abschliessenden Untersuchungsprotokolls vergisst der Untersuchungsrichter nicht die Mahnung: „Und hören Sie in Zukunft nie als erster mit dem Klatschen auf!“
Alexander Solschenizyn. Der Archipel Gulag. Scherz Verlag: Bern 1974. (77-78)

TOLERANZ: EINFACH SCHWER

Bestseller kommentiert von Peter Strauch

Wer bei dem neuen Buch von Joachim Gauck ein reines Sachbuch zum Thema „Toleranz“ erwartet, wird enttäuscht. Enttäuscht wird aber auch, wer sich so etwas wie die Fortsetzung Gaucks lesenswerter Autobiografie erhofft. Eigentlich ist es ein Mix aus beidem, eine gute und kluge Sachinformation, verknüpft mit persönlichen Lebenserfahrungen des Autors.

INTOLERANZ NICHT TOLERIEREN

Über Toleranz nachzudenken, sei für ihn in jungen Jahren kein Thema gewesen, schreibt Gauck. „Sie kam wie von selbst in mich hinein, denn sie gehörte zur gebotenen Lebensform eines Christenmenschen.“ Aufgewachsen in der DDR sei für ihn aber auch schon früh klar gewesen, die Intoleranz des kommunistischen Systems nicht tolerieren zu dürfen. Wer eine andere Meinung, als die herrschende Partei vertrat, durfte in der Regel nicht studieren, ja nicht einmal Abitur machen, konnte unter Umständen sogar im Gefängnis landen. Was ihn aber noch mehr geschmerzt habe, sei die Intoleranz vieler Mitbürger gewesen: des Nachbarn, der argwöhnisch verfolgte und meldete, ob die Studentin im Parterre Westbesuch bekam, oder des Arbeitskollegen, der ohne jemals dazu beauftragt worden zu sein, weitergab, dass der Lehrling im Wohnheim eine Bibel auf dem Regal stehen hatte.

Joachim Gauck war 10 Jahre Bundesbeauftragter für Stasi-Unterlagen (Gauck-Behörde) und weiß, wovon er schreibt. Er hat sich die schmerzhaften Beispiele von Intoleranz nicht ausgedacht. Über 100 000 IM („Inoffizielle Mitarbeiter“ der Stasi) soll es in der DDR gegeben haben. Manche schätzen ihre Zahl weitaus höher ein.

TOLERANZ MUSS GELERNT WERDEN

Aber dieses Buch spricht vor allem von der Gegenwart. Neben einer kurzen Geschichte der Toleranz, angefangen im 16. und 17. Jahrhundert, schreibt der Autor über die inzwischen selbstverständliche Trennung von Religion und Staat, von privaten Lebensentwürfen und dem, was in einem Rechtsstaat für alle zu gelten hat. In diesem Spannungsfeld sieht er die aktuelle Herausforderung zur Toleranz. Er wirbt in seinem Buch, das es in wenigen Wochen auf die Spiegel-Bestseller-Liste brachte (Rang 4), um Verständnis für jene, denen es schwerfällt, fremdartige Ansichten und Entwicklungen auf Anhieb zu to- lerieren. Gauck ist überzeugt: Toleranzfähigkeit fällt uns nicht einfach zu, sie muss gelernt werden.

Auch in diesem Zusammenhang erzählt er von sich, von seiner Begegnung mit Kulturen und Lebensstilen, mit denen er anfangs gefremdelt habe, weil es zwar auch in der DDR Ausländer gegeben hat, die aber abgeschottet in ihren Wohnheimen lebten. Als er 1990 nach Berlin gekommen sei,  habe  sich  die  Situation für ihn schlagartig geändert: „Der Imbiss an der Ecke wurde von einem Türkeistämmigen betrieben, die Restaurants von Menschen aus Kroatien, Italien und China. Die Apothekerin stammte aus dem Iran …“ Auch der öffentliche Auftritt von Schwulen und Lesben war für ihn ungewohnt. „Nie hatte ich in der DDR gesehen, dass Homosexuelle sich auf der Straße ihre Zuneigung zeigen.“ Konfrontiert mit dieser ethnischen, kulturellen und auch religiösen Vielfalt habe für ihn ein Lernprozess begonnen, der den Menschen nach wie vor zugestanden werden muss. Unverkennbar, dass Gaucks Herz hier besonders für solche schlägt, die, wie er, in der DDR aufgewachsen sind.

RESPEKT GEGENÜBER ANDEREN MEINUNGEN

Der frühere Bundespräsident mahnt seine Leserinnen und Leser, zwischen „rechts“ und „rechtsextrem“ zu unterscheiden. Inakzeptabel „rechts“ würden in unserer Gesellschaft oft schon jene genannt, die nichts anderes wollten, als an dem festhalten, was ihnen vertraut ist; z. B. Konservative, die Gesetze über Abtreibung und die „Ehe für alle“ am liebsten rückgängig machten und das Adoptionsrecht für homosexuelle Paare ablehnen. „Ja, es stimmt,“ schreibt Gauck, „diese Leute stehen rechts von der Mitte, aber sie sind damit nicht rechtsradikal, rassistisch, Nazis.“ Und persönlich setzt er hinzu: „Mögen sie für mich manchmal auch zu konservativ sein – sie bleiben ein zu respektieren- der Teil des Meinungsspektrums in einer Demokratie.“

Gauck nennt aktuelle Spannungsfelder: Migration und die Auseinandersetzung mit dem Islam, das Erstarken po- pulistischer Parteien, die drohende Klimakatastrophe, Digi- talisierung und vieles andere mehr. Für ihn steht fest: Diese Themen fördern geradezu den Extremismus und machen eine ernsthafte Debatte über Toleranz umso notwendiger.

POLITISCHE KORREKTHEIT AUF DEM PRÜFSTAND

Einen besonderen Raum nimmt in seinem Buch auch das Thema „political correctness“ ein. Geht es dabei um eine neue Aufklärung oder Gesinnungskontrolle? Mit einer gewissen Ironie äußert er sich über die politisch korrekte Sprache. Er sei gemahnt worden, nicht mehr von „Flüchtlingen“ zu reden, da die Endung „ling“ entmenschlichend und abwertend sei. Hinzu käme, dass der Begriff „Flüchtling“ sich nicht gendern lasse. Dem gegenüber seien die Bezeichnungen „Geflüchteter“ bzw. „Geflüchtete“ korrekt. Gauck hatte Gegenargumente, konnte aber seine Kritiker nicht überzeugen. „Ich fand mich einem konservativen, altmodischen Lager zugeordnet, das der weiteren Gleichberechtigung von Frauen und überhaupt aller sexuellen Minderheiten angeblich entgegensteht.“ Ihn stört dieser „vormundschaftliche Gestus“, den einige politisch Korrekte an den Tag legen, und sieht darin ein Beispiel aktueller Intoleranz.

Nach meiner Erfahrung können auch Christen ein Lied davon singen, vor allem, wenn sie im evangelikal-pietistischen Raum beheimatet sind. Auch sie haben oft die „Korrekten“ gegen sich, die sich trotz aller Unterschiede darin einig sind: Evangelikale und wohl auch Freikirchen sind extrem gefährlich – vor allem, wenn sie ihren Lebensstil mit der Bibel begründen. Für sie findet sich im politisch korrekten Verhalten kein Platz.

GEMEINSAME GRUNDWERTE ENTDECKEN

Selbstverständlich müssen aber auch sie sich (wir uns) fragen lassen: Wie sieht es mit dem Respekt vor der religiösen Meinung anderer aus? Gauck schreibt dazu: „Sich an den gewaltfreien Rahmen zu halten, setzt voraus, dass die An- hänger nicht nur in Konkurrenz zueinander stehen, sondern dass sie auch etwas eint: etwas Drittes, eine tiefere sittliche Einsicht, auf die sie sich gemeinsam beziehen.“ Und weiter: „Im konkreten Fall respektieren sie den Rechtsstaat, indem sie ihn zur Klärung ihres Problems anrufen. Sie respektieren ferner ein gemeinsames Humanum, das ihnen Gewaltanwendung verbietet. So entsteht eine Konstellation, in der jeder Gläubige an seinem Wahrheitsanspruch festhalten kann, aber darauf verzichtet, ihn um jeden Preis gegenüber dem anderen durchzusetzen.“

Es gibt in dem Buch noch weitere Textpassagen, die uns als Christen besonders betreffen, beispielsweise Gaucks Äußerung zum Thema „Mission“. Er schreibt: „Ich halte es für falsch, wenn man Menschen dafür tadelt, wenn sie das, was sie erfüllt und was sie für sich selbst als segensreich empfunden haben, weitergeben wollen, egal, ob man dies Mission nennt oder Werbung oder Einladung zu einer Suche, nach der besten Weise zu leben … Ein Problem taucht allerdings auf, wenn aus dem Werben für eine Religion oder eine neue, gute Idee Druck, Zwang oder Diskriminierung Andersdenkender hervorgehen.“ Auch darin ist Gauck rechtzugeben. Druck und Zwang bewirken oft das Gegenteil. Vor allem sind sie nicht Evangeliums gemäß.

VERSTEHEN VOR BEURTEILEN

Kritiker werfen Joachim Gauck vor, in seinem Buch zu nachsichtig mit den „Intoleranten“ zu sein. Nach sorgfältigem Lesen komme ich zu einem anderen Schluss. Gauck wirbt für das, was für jede erfolgreiche Debatte gilt: Ich muss mich in die Situation des anderen versetzen, wenn ich seine Argumente verstehen will. Erst dann bin ich in der Lage, mich ihm gegenüber klar zu positionieren. Genau diesen Weg geht Gauck. Sein Fazit: „Ich bin überzeugt, dass es kein Laisserfaire geben darf gegenüber jenen, die Plurali- tät und Toleranz mit Füßen treten. Toleranz, die Nachsicht und Duldsamkeit gegenüber den Verächtern der Toleranz preist, hilft den Tätern und nicht den Opfern.“

PETER STRAUCH | FeG-Altpräses und Mitglied der FeG Witten | feg-witten.de

Angaben zum Buch

  • Joachim Gauck | Toleranz: einfach schwer
  • Verlag Herder Gebunden | 224 Seiten | 22 €
  • ISBN: 978-3451383243

Paul Gerhardt

Paul Gerhardt (1607-76) wurde am 12. März vor 414Jahren in der kleinen Stadt Gräfenhainichen in Sachsen geboren. Seine Geburtsstadt liegt unweit der Lutherstadt Wittenberg. Sein Vater war Bürgermeister und Gastwirt, seine Vorfahren mütterlicherseits waren Pfarrer. Paul Gerhardt gilt neben Martin Luther als einer der bedeutendsten deutschen Dichter von Kirchenliedern. Seine Lieder werden auch in der katholischen Kirche und in Kirchen des Auslands gesungen. Aus seinen Versen spricht heiteres Gottvertrauen, doch erzählen sie auch viel von Angst und Bedrückung während der schrecklichen Zeit des Dreißigjährigen Krieges.Paul Gerhardt ist durch viel Not gegangen. So hatte er schon mit 14 Jahren beide Eltern verloren. Und fast während der Hälfte seines Lebens tobte[1] der furchtbare Dreißigjährige Krieg in Deutschland (1618-48). Viele Städte und Dörfer wurden damals zerstört, auch Paul Gerhardts Heimatstadt Gräfenhainichen.Nach nur 13 Jahren glücklicher Ehe starb Paul Gerhardts Frau mit 45 Jahren. Dies war für ihn ein tiefes Leid. Von seinen fünf Kindern starben vier sehr früh, nur ein Sohn blieb am Leben.Am 27. Mai 1676 starb Paul Gerhardt, fast siebzig Jahre alt. In seinen Liedern lebt er bis heute fort. Paul Gerhardts Lieder haben sich über die ganze Welt verbreitet, sie wurden in viele Sprachen übersetzt. Unzählige Menschen haben daraus Kraft, Trost und Gottvertrauen geschöpft. Hans Misdorf

Sind Christen unnütz für das geschäftliche Leben?

Wir werden aber auch noch auf einen anderen Titel hin der widerrechtlichen Schädigung angeklagt: man sagt, wir seien unnütz für das geschäftliche Leben. Wie? Leute, die mit euch zusammenleben, Leute von derselben Lebensweise, Kleidung, Einrichtung und denselben Bedürfnissen des Lebens? Wir sind doch keine Brahmanen oder indische Gymnosophisten, Waldmenschen und aus dem Leben ausgeschieden! Wir sind dessen stets eingedenk, daß wir Gott, als Herrn und als Schöpfer, Dank schuldig sind und verschmähen keine der Früchte seiner Werke, Allerdings zügeln wir uns, daß wir uns ihrer nicht über das rechte Maß oder in verkehrter Weise bedienen. Daher wohnen wir mit euch in dieser Welt zusammen nicht ohne den Gebrauch des Forums, nicht ohne den Fleischmarkt, ohne die Bäder, ohne eure Kaufläden, Werkstätten, Gasthäuser, Jahrmärkte und den sonstigen Handelsverkehr, Wir betreiben mit euch zusammen die Schiffahrt, tun mit euch Kriegsdienst, treiben Ackerbau und bringen dann unsern Erwerb in den Handel, die Erzeugnisse unserer Kunstfertigkeit und unserer Arbeit geben wir öffentlich zu eurem Gebrauche hin. Da wir mit euch und von euch leben, so begreife ich nicht, wie wir als unnütz erscheinen können für eure Geschäfte. Tertullian “Apologeticum” um 198 n. Chr. (42. Abschnitt)