Folgen der Eitelkeit

Ein Kardinal der Katholischen Kirche wurde besonders umschmeichelt und umworben. Er hat angeordnet, dass man sieben Wochen nach seiner Bestattung den Leichnam aus der Erde nehme und ihn abbilde. Dieses abschreckende Bild sollte seinen Verehrern und Verehrerinnen gezeigt werden, damit man sehe, wie der Dienst der Eitelkeit den Menschen zerstört.

Entnommen aus einer Bibelstunde von Hermann Bezzel zu Römer 8,18-23.
Eitelkeit hat heute so viele Synonyme: Überheblichkeit, Hochnäsigkeit, Wichtigtuerei, Aufgeblasenheit, Snobismus, Großtuerei, Hochmut, Stolz, Blasiertheit, Selbstgefälligkeit…Eitelkeit hat so viele Erscheinungsformen…
Aber letztlich zerfrisst Eitelkeit die Menschen und macht sie hässlich. Das einzige Gegenmittel ist die Selbsterkenntnis durch Gottes Wort.
http://www.lgvgh.de/wp/folgen-der-eitelkeit/7606

Gedicht zum Thema: Gott

Noch einmal ehe ich weiter ziehe und meine Blicke vorwärts sende, heb ich vereinsamt meine Händezu dir empor, zu dem ich fliehe, dem ich in tiefster Herzenstiefe Altäre feierlich geweiht, daß allezeitmich deine Stimme wieder riefe. Darauf erglüht tief eingeschriebendas Wort dem unbekannten Gotte. Sein bin ich, ob ich in der Frevler Rotte auch bis zur Stunde bin geblieben: Sein bin ich – und ich fühl die Schlingen,die mich im Kampf darnieder ziehn und, mag ich fliehn, mich doch zu seinem Dienste zwingen. Ich will dich kennen, Unbekannter. Du tief in meine Seele Greifender,mein Leben wie ein Sturm Durchschweifender, du Unfaßbarer, mir Verwandter! Ich will dich kennen, selbst dir dienen.
Friedrich Nietzsche(1844 – 1900), Friedrich Wilhelm Nietzsche, deutscher Philosoph, Essayist, Lyriker und SchriftstellerQuelle: Nietzsche, F., Nachgelassene Fragmente. April – September 1864

Die Königin des Feminismus

Die Königin des Feminismus

Ein alter Beitrag aus dem Jahr 1999, geschrieben für das litauische Journal „Prizmė“.
Eine Vorkämpferin der modernen Frauenbewegung, des Feminismus, war sie nicht. Die Frauenfrage war nicht ihr Hauptthema. Aber seid ihrer Jugend haßte Simone de Beauvoir die bürgerlich-patriarchalische Gesellschaft und lebte jahrzehntelang in einer ‘modernen’ offenen Beziehung, die beispielgebend für viele Feministinnen wurde. Zur Königin des Feminismus machte sie schließlich ihr gewaltiges Werk Das andere Geschlecht aus dem Jahr 1949 [dt; Orig: Le deuxième Sexe; wörtlich: Das zweite Geschlecht] – bis heute wohl die umfangreichste und intelligenteste Total-Analyse der Situation der Frau.
Simone de Beauvoir wurde 1908 in Paris als Tochter eines Juristen geboren. Von ihrer Mutter wurden sie und ihre jüngere Schwester streng katholisch erzogen und auf eine konfessionelle Schule geschickt, doch Simone trat eher in die Fußtapfen des agnostischen Vaters. Schon als Heranwachsende lehnte sie bald jeden Gottesglauben ab – und behielt diese Auffassung bis zum Lebensende: „Es war mir leichter, eine Welt ohne Schöpfer zu denken, als einen Schöpfer, der mit allen Widersprüchen der Welt beladen war.“ (Christiane Zehl Romero, Simone de Beauvoir, 1998, S. 18) Mit dem Gottesglauben verwarf sie auch praktisch alle anderen bürgerlichen Werte. Was blieb war ihr beeindruckender Fleiß, ein einfaches, strenges Leben und – nicht zuletzt – ihre Sucht (so muß man es wohl schon nennen) nach Literatur.
Aus den gesellschaftlichen Zwängen brach man damals noch nicht so leicht aus – die Eltern de Beauvoir bestimmten die Studienfächer der Tochter: erst Philologie, dann Philosophie, was natürlich die Interessen Simones genau traf. Mit dem Studium gelang dann endlich der Ausbruch aus der Welt der Mutter. Allerdings gründete die junge Intellektuelle keinen eigenen Haushalt, im Gegenteil. Sie lehnte sich nicht nur gegen den Glauben der Mutter, sondern gegen deren ganze Daseinsform auf. In ihrer Autobiographie schreibt de Beauvoir: „Eines Tages half ich Mama beim Geschirrspülen; sie wusch die Teller, ich trocknete ab; durchs Fenster sah ich die Feuerwehrkaserne und andere Küchen, in denen Frauen Kochtöpfe scheuerten oder Gemüse putzten. Jeden Tag Mittagessen, Abendessen, jeden Tag schmutziges Geschirr! Unaufhörlich neu begonnene Stunden, die zu gar nichts führen – würde das auch mein Leben sein?… Nein, sagte ich mir, während ich einen Tellerstapel in den Wandschrank schob, mein eigenes Leben wird zu etwas führen.“ (Zehl Romero, S. 22)
Nur nicht in das Mühlrad der Hausfrau gelangen, so lautete de Beauvoirs Devise – ihr Leben lang. Im „anderen Geschlecht“ spiegelt sich dieser Haß auf die Hausarbeit gleich mehrfach wider: „Nur wenige Tätigkeiten haben so sehr den Charakter einer Sisyphusarbeit wie die der Hausfrau. Tag für Tag wird Geschirr gespült, Staub gewischt, Wäsche geflickt, um die Dinge am nächsten Tag wieder schmutzig, staubig und zerrissen vorzufinden. Die Hausfrau verschleißt ihre Kräfte, indem sie auf der Stelle tritt. Sie macht nichts: sie verewigt lediglich die Gegenwart. Sie hat nicht den Eindruck, etwas Gutes zu erobern, sondern endlos gegen das Böse anzukämpfen… Waschen, bügeln, fegen, Wollmäuse unter den Schränken aufstöbern heißt den Tod aufhalten, das Leben jedoch verweigern… Die Frau ist nicht berufen, eine bessere Welt zu errichten… Es ist ein trauriges Los, immerfort einen Feind aus dem Feld schlagen zu müssen, statt positive Ziele zu verfolgen.“ (Das andere Geschlecht, S. 555–557)
Schon als Heranwachsende stand für de Beauvoir fest, daß sie ein anderes Leben führen wollte: „Kinder zu haben, die ihrerseits wieder Kinder bekämen, hieß nur das ewig alte Lied wiederholen; der Gelehrte, der Künstler, der Schriftsteller, der Denker schufen eine andere, leuchtende, frohe Welt, in der alles seine Daseinsberechtigung erhielt. In ihr wollte ich meine Tage verbringen; ich war fest entschlossen, mir darin einen Platz zu verschaffen.“ (Zehl Romero, S. 22) De Beauvoir blieb diese Vorsatz treu und kannte immer nur ein großes Ziel: eine berühmte Schriftstellerin werden. Sie entfloh dem Hausfrauendasein „zwischen animalischem Leben und freier Existenz“, um in der aristokratischen Welt der Intellektuellen der „Wahrheit, Schönheit und der Freiheit“ zu huldigen. Irgendwie schien es de Beauvoir nicht aufgefallen zu sein, daß auch sie sich die Arbeit der ach so niedrigen Frauen in den Wäschereien, Cafés, Restaurants und Hotels gern gefallen ließ (erst 1954 zog sie in eine eigene Wohnung, vorher lebten sie und Sartre in Hotels). Daß es im Haushalt so etwas wie Kreativität und Erfüllung als Mensch wenigstens geben kann, blieb natürlich meilenweits jenseits von de Beauvoirs ideologisch verengten Horizont.
Während des Studiums lernte de Beauvoir Jean-Paul Sartre kennen. Die junge Studentin erkannte in dem zwei Jahre Älteren sogleich ihren „Doppelgänger“ und vertraute ihm rückhaltlos. Beide spekulierten anfangs zwar durchaus einmal mit dem Gedanken an Heirat, einigten sich aber bald auf den Abschluß eines „Paktes“: Man wollte ‘zusammen’ leben und dann nach zwei Jahre neu über eine mögliche Fortsetzung der Beziehung entscheiden. Die totale Offenheit ließ sich natürlich nicht lange durchhalten – das Modell einer dauerhaften, aber offenen Lebengemeinschaft setzte sich schließlich durch. Besonders Sartre wollte nicht auf seine „Zufallslieben“ verzichten. Und de Beauvoir fürchtete die Selbstauflösung in einer Ehe.
Neben der Hausarbeit galt der Ehe de Beauvoirs lebenslanger Kampf. Sie lehnte sie nicht nur persönlich für sich ab, sondern verwarf die Institution als solche, was einige vielsagende Passagen aus dem „anderen Geschlecht“ illustrieren: „Man sagt – oft mit Recht –, daß die Ehe den Mann schrumpfen läßt. Aber fast immer vernichtet sie die Frau.“ (S. 605) „Nicht die Individuen sind verantwortlich für das Scheitern der Ehe. Die Institution selbst ist… zum Scheitern angelegt. Zu erklären, daß ein Mann und eine Frau… einander auf Lebenszeit in jeder Hinsicht genügen müssen, ist eine ungeheuerliche Anmaßung, die zwangsläufig Heuchelei, Lügen, Feindschaft und Unglück erzeugt.“ (S. 608) „Ökonomisch gesehen ist die Situation der Prostituierten mit der einer verheirateten Frau vergleichbar… Für die eine wie für die andere ist der Geschlechtsakt ein Dienst. Die zweite wird auf Lebenszeit von einem einzigen Mann engagiert, die erste hat mehrere Kunden, die sie nach Leistung bezahlen.“ (S. 701) Und über die Ehe am Lebensende: „Erst am Ende ihres Lebens… findet die alte Frau gewöhnlich zu einer heiteren Gelassenheit. Da ihr Mann meist älter ist als sie, wohnt sie seinem Niedergang mit stiller Genugtuung bei. Das ist ihre Rache. Wenn er als erster stirbt, erträgt sie diese Trauer wohlgemut.“ (S. 746)
In den 30er Jahren arbeitete de Beauvoir als Lehrerin, in den 40ern machte sie durch erste Veröffentlichung auf sich aufmerksam und wurde auch als Partnerin Sartres als des Kopfes des französischen Existentialismus bekannt. Ihr wichtigstes literarisches Werk wurden Die Mandarins von Paris (Les Mandarins) von 1954, wofür sie den Literaturpreis Prix de Goncourt erhielt. Fünf Jahre zuvor erschien ihr berühmtestes und bis heute bekannteste Buch, Das andere Geschlecht. Auf fast 1000 Seiten entfaltet de Beauvoir darin ein umfangreiches Panorama der Situation der Frau. Geradezu ehrfurchtgebietend ist die ungeheure Materialfülle – es scheint auch wirklich nichts zu geben, wovon die Schriftstellerin nicht Ahnung hätte: gekonnt variiert sie ihr biologisches, physiologisches, historisches, psychologisches, philosophisches und literarisches Wissen, wie einen riesigen unbekannten Kontinent durchfährt sie „die Frau“ (noch ganz unfeministisch gebraucht sie nie die 1. Person Plural „wir“!).
Philosophischer Ausgangspunkt des Werks ist der damals top-moderne Existentialismus ihres Partners Sartre. Er unterschied zwischen dem „An-sich-Sein“ und dem „Für-sich-Sein“. Ersteres ist das in der Gegenwart verhaftete, unbewußte Sein, letzteres meint das durch Bewußtsein bestimmte Sein des Menschen. Dieser ist ein Sein, das sich durch einen Entwurf auf die Zukunft hin überschreitet. Bei de Beauvoir heißt es in einem Essay, daß der Mensch ein „Entwurf des Ichs auf anderes hin, eine Transzendenz“ ist. Noch deutlicher sagt sie es in der Einleitung des „anderen Geschlechts“: „Unsere Perspektive ist die der existentialistischen Ethik. Jedes Subjekt setzt sich durch Entwürfe konkret als eine Transzendenz. Es verwirklicht seine Freiheit nur durch deren ständiges Überschreiten auf andere Freiheiten hin.“ (S. 25) Mit einfacheren Worten: Der Mensch ist nicht in erster Linie definiert durch seine Biologie, er ist das, wozu er sich in seiner Freiheit entwirft, er ist das – noch banaler ausgedrückt –, was er aus sich macht. In Bezug auf die Frau kommt de Beauvoir daher zur ihrer Hauptthese, daß man nicht als Frau zur Welt kommt, sondern zur Frau wird: „Nun sind die angeprangerten Verhaltensweisen der Frau nicht durch Hormone zudiktiert, und sie sind auch nicht in den Speichern ihres Gehirns enthalten: sie sind aufgrund ihrer Situation in ihr angelegt.“ (S. 747)
Der Gegenbegriff zur Transzendenz ist bei de Beauvoir die Immanenz. Die Frau „suhlt sich in der Immanenz“. Gemeint ist damit das Hängen am Gegenwärtig-Irdischen, die ‘unwirkliche’ Arbeit, und konkret wieder das Dasein in Haushalt und als Mutter. So heißt es ganz existentialistisch im „anderen Geschlecht“: „Die Wohnung, die Ernährung sind zwar nützlich für das Leben, verleihen ihm aber keinen Sinn. Die unmittelbaren Zwecke des Hausfrau sind nur Mittel, keine wirklichen Ziele, und in ihnen spiegeln sich nur anonyme Entwürfe.“ (S. 563) Und noch deutlicher: „Was die Frau im Haushalt tut, verlieht ihr also keine Autonomie. Ihre Arbeit ist der Gemeinschaft nicht unmittelbar nützlich, sie weist auf keine Zukunft hin, sie produziert nichts. Sie erhält ihren Sinn und ihre Würde nur, wenn sie in Existenzen eingeht, die sich in einer produktiven Arbeit oder Tätigkeit auf die Gesellschaft hin überschreiten.“ (S. 567)
De Beauvoir fordert daher die ökonomische Unabhängigkeit der Frau ohne die die bürgerlichen Freiheiten abstrakt bleiben, denn „solange der Mann die ökonomische Verantwortung für das Paar bewahrt, ist diese Gleichheit Illusion“ (S. 608), „allein die Arbeit kann ihr eine konkrete Freiheit garantieren.“ (S. 841) Den Sozialismus-Marxismus sah sie in diesem Kontext natürlich sehr positiv wegen der Vergesellschaftung der Erziehung und der quasi-Arbeitspflicht der Frauen: „Jeder Sozialismus begünstigt, indem er die Frau aus der Familie herauslöst, ihre [der Frau] Befreiung.“ (S. 155).
Dummerweise bleibt trotz allem Existentialismus die menschliche Biologie. Offensichtlich konnte sich de Beauvoir nie in irgendeiner Weise mit der Mutterschaft anfreunden (sie bekam auch selbst nie ein Kind, adoptierte nur als alte Frau eine erwachsene Tochter): „Der fundamentale Grund, der die Frau seit Urzeiten zur Hausarbeit verurteilt und ihr die Teilnahme an der Gestaltung der Welt verbietet, ist ihr Unterworfensein unter die Gebärfunktion.“ (S. 163) Die verdammte „Gebärfunktion“! Kein Wunder, daß sie für Zeugung, Schwangerschaft und Geburt auch nicht ein einziges positives Wort in ihrem dicken Buch findet und sich vielmehr so ausdrückt: „Eine aus ihrem Fleisch geborene und ihrem Fleisch doch fremde Geschwulst wird Tag für Tag in ihr heranwachsen. Sie ist eine Beute der Spezies, die ihr ihre geheimnisvollen Gesetze aufzwingt…“ (S. 632) Forderungen nach freier Abtreibung, künstlicher Befruchtung und staatlicher Erziehung überraschen da nicht mehr. Nach dem Motto: Leider brauchen wir die nächste Generation – aber bitte nicht zu meinen Lasten!
20 Jahre nach Erscheinen des Buches hatte der Existentialismus viel von seiner Bedeutung verloren, doch Simone de Beauvoir wurde mit der neuen Frauenbewegung erst zu einem Idol. In der ganzen Welt blickten die Frauen nun zu ihr auf. Denn diese Frau hatte es in den Augen der jungen Feministinnen geschafft: ein erfolgreiches, unabhängiges und unbürgerliches Leben in einer ‘funktionierenden’ offenen Beziehung. Und ihre Forderungen nach ökonomischer Unabhängigkeit und Geburtenkontrolle jeder Art fielen Ende der 60er Jahre auf fruchtbaren Boden. Nun erst stellte sich de Beauvoir ganz auf die Seite der Feministinnen und initiierte z.B. mit anderen die Aktion „Ich habe abgetrieben“ („J’ai aborteé“), in der sich prominente Frauen öffentlich zur einer (damals illegalen) Abtreibung bekannten.
Simone de Beauvoir starb sechs Jahre nach ihrem Lebensgefährten Sartre 1986. Ohne Zweifel gilt ihr als wohl intelligenteste Vertreterin der Frauenbewegung auch heute noch hoher Respekt. Ob ihr aristokratisches Leben als Vorbild für die normale Frau von heute gelten kann, ist sicher fraglich. An ihrer Grundthese (Frau ist man nicht, zur Frau wird man) läßt sich sicher auch wahres entdecken, doch die Wissenschaft hat die Schriftstellerin hier eindeutig widerlegt. Ablehnung von Ehe, Mutterschaft und Hausarbeit hat de Beauvoir den nachfolgenden Generation mit auf den Weg gegeben – genausowenig konstruktiv wie ihre einfach nicht vorhandene Selbstkritik. Erst letzteres hätte die so belesene und allwissende zu einer großen Denkerin gemacht. Tags: de Beauvoir, Ehe und Familie, Feminismus, Sartre
Holger Lahayne
http://lahayne.lt/2020/09/18/die-konigin-des-feminismus/

Warnende Gedanken an junge Theologen

Helmut Thielicke, der nach seiner Emeritierung insbesondere ein Herz für junge Prediger offenbarte, schreibt zu Anfang seines Buches Auf dem Weg zur Kanzel[1] über den theologischen Stimmbruch. Mit dieser Formulierung meint er die Phase im Leben eines jungen Theologen, die den angehenden Prediger nach den ersten Semestern an der theologischen Bildungsstätte erfasst.
Es besteht ein Hiatus [eine Kluft] zwischen dem Stadium des jeweils eigenen geistlichen Wachstums und dem, was er über dieses Stadium hinaus intellektuell weiß. Man hat ihm sozusagen wie einem Bauernjungen eine zu große, bis unter die Knie herunterreichende Hose angemessen, in die er erst noch hineinwachsen muß[!] – so wie auch ein Konfirmand erst noch in die zu lange Hose des Katechismus hineinwachsen muß. […]
Man hat nämlich dann irgendeine Wahrheit nicht als Urerlebnis ,durchgemacht´, sondern man hat sich durch ,Anempfindung´ in die literarische oder gedankliche Verdichtung hineinversetzt, die das Urerlebnis eines andern (etwa Luthers) gefunden hat. Man lebt also aus zweiter Hand. […]
Das Theologiestudium erzeugt oft intellektuell langaufgeschossene Jungen, bei denen die inneren Organe nicht gleichmäßig mitgewachsen sind. […]
Während des Stimmbruchs singt man nicht, und während des theologischen Stimmbruchs predigt man nicht – jedenfalls nicht ungehemmt und mit allen verfügbaren ,PS´, sondern viel eher summend und einen vorsichtigen Kontakt mit dem Chor suchend.
[1] Thielicke, Helmut (1983): Auf dem Weg zur Kanzel – Sendschreiben an junge Theologen und ihre älteren Freunde. Stuttgart: Quell Verlag

Bleibt eurer Führer eingedenk, die euch das Wort Gottes verkündigt haben! Betrachtet immer wieder den Ausgang ihres Wandels und nehmt ihren Glauben zum Vorbild! Hebr. 13,7

Das Lebensende von Johannes Calvin
Nach 23 Jahren unermüdlicher Arbeit sind die Kräfte des 55-jährigen Reformators aufgezehrt. Er fühlt den Tod und bestellt sein Haus. In allen Kirchen, selbst im fernen Zürich, wird für ihn gebetet. Ausnahmsweise nimmt er vom Rat ein Geschenk an: ein Fässchen Wein zur Stärkung. Als selbst der greise Farel aus Neuchâtel nach Genf reitet, um ihn an seinem Lager nochmals zu umarmen, ist Calvins Freude vollkommen. Mit letzter Kraft verabschiedet er sich vom Konsistorium. Alle sind tief betroffen, denn sie wissen, dass ein Freund von ihnen scheidet, durch den Gott die Rhonestadt erneuert und Spuren des Segens in die weite Welt gezogen hat. Calvins Einfluss reicht weit über die Mauern Genfs und die Schweiz hinaus. Teile von Westdeutschland, das gebildete Frankreich, Kirchen auf den Britischen Inseln, die Niederlande, Kirchen in Polen, Ungarn und Amerika bauen und ordnen ihre Gemeinden nach dem Geiste Calvins. Sie bezeugen die Herrlichkeit des Herrn auch für diese Welt und übernehmen Mitverantwortung in Staat und Gesellschaft. […] In ihm verliert die evangelische Kirche ihren bescheidensten und körperlich schwächsten, hinsichtlich seiner Wirkung aber den stärksten Reformator [Herv. Durch Verf.].
Calvin leidet an Gicht und Nierensteinen. Eine Lungenentzündung schwächt ihn vollends. So stirbt er, im Dienste Christi verzehrt, bei Sonnenuntergang am 27. Mai 1564 mit den Worten: „Quousque Domine?“, d.h. „Wie lange noch, Herr?“ Seine Hinterlassenschaft beträgt ganze 250 Taler, die er auf die Bruderkinder und die Akademie verteilt. Wie sein Testament es verlangt, wird er ohne Gedenkstein, Reden, Lieder oder Gepränge bestattet. Als wenige Monate später Fremde auf dem Friedhof von Plainpalais die Stätte seiner Ruhe suchen, kann man unter den vielen frischen Gräbern das seine schon nicht mehr vorzeigen. So kennt denn niemand sein Grab bis auf den heutigen Tag [Herv. Durch Verf.].[2]
[1] Sierszyn, Armin 2012: 2000 Jahre Kirchengeschichte. Ulm.
[2] Ebd. S.538f

Selbst-Interview: Gehörst du auch zu diesen Hinterwäldler-Kreationisten? – Hanniel

Kürzlich fand eine gut besuchte Konferenz zur Schöpfungstheologie kreatikon 2019 statt. Die Vorträge sind onlineidea.de berichtete davon. In den sozialen Medien haben sich “progressive Christen” ausgetobt. Ich habe mir einige Fragen zu meiner eigenen Überzeugung gestellt.

Darf man das Paradigma (noch) anzweifeln?

Die Naturwissenschaft ist nach wie vor der Hauptgötze für alles, was das öffentliche Leben betrifft. Das erlebe ich im Alltag mit meinen Kindern. Deren Kollegen gehen selbstverständlich von einer festen Grösse «Naturwissenschaft» aus, die «alles» zu erklären vermag. Dieses Bild transportieren die Medien. Wir sind es uns gewohnt, ihre Begründungsmuster auf andere Fachbereiche zu übertragen.

Wissenschaft lebt doch vom Widerspruch.

Ich bin der Letzte, der meine Augen vor der Schöpfung meines Vaters verschliessen will. Jedoch weiss ich um meine Beschränkung und – noch viel mehr – meinen Eigenwillen durch die Sünde.

Genau da verlassen wir die Grenze naturwissenschaftlicher Erkenntnis und betreten die Sphäre des Glaubens. Bist du unfähig diese Unterscheidung zu treffen?

Die Moderne ist von einer Zweiteilung gekennzeichnet. Da wird zwischen dem öffentlichen und privaten Raum unterteilt. In theologischen Begriffen ausgedrückt: Gnade ist von der Natur getrennt.

Die Methoden in der Beobachtung der Natur und in der Erforschung der Bibel unterscheiden sich. In beiden Bereichen handelt es sich jedoch letztlich um Glaubensannahmen, spätestens wenn es um das Woher und das Weshalb geht. Der heutige Stand ist schlicht: Die Natur hat die Gnade verschlungen. Es gibt jedoch nur einen Herrn der gesamten Wirklichkeit.

Ist das nicht peinlich, Vertreter der Schöpfungstheologie zu sein?

Das ist meines Erachtens der Hauptgrund für viele Christen in einer schamorientierten Gesellschaft, ihre Position zu wechseln. Nur keine Minderheitsposition vertreten! Scham lässt immer auf Gruppendruck bzw. eine abweichende dominante Leitidee schliessen. (Das bedeutet nicht, dass ich «Märtyrertum» liebe und absichtlich eine exotische Position vertrete.)

Ist das nicht düsteres Mittelalter?

Ich frage zurück: Wer hat dein Bild des Mittelalters geprägt? Wohl die Lehrbücher der Schule? Das Mittelalter ging von einem offenen Universum aus. Ich bin überzeugt, dass viele Menschen aus dem Mittelalter uns heute sagen würden: Moderne? Gruselig. Ich meine damit nicht nur die Betonbauten und die Grossstädte. Ich meine das geschlossene Weltbild und die verheerenden Folgen missbrauchter Technologie. Am deutlichsten wird das Gruselige im Mord an ungeborenen Kindern.

Gehörst du auch zu denen mit fundamentalistischem Bibelverständnis?

Der Begriff Fundamentalismus ist diffus. Es bedeutet Bindung an eine externe Autorität. Daran kommt jedoch kein Mensch vorbei. Jeder Mensch trifft Glaubensaussagen, zumindest gelebte.

Der Befund ist einfach überwältigend.

Es ist überwältigend, wie das gesamte öffentliche Leben ein Paradigma internalisiert hat. Schulbücher, Museen, Dokumentarfilme – wir sind von klein auf «indoktriniert». Dabei gibt es drei Ebenen der Wahrnehmung. Zuerst das konkrete Einzelereignis, z. B. einen Knochenfund. Dann die Einordnung in ein Gesamtes. Innert Sekunden entsteht in einem Dokumentarfilm ein braunes Riesentier. Das ist jedoch eine Modellierung. Drittens die weltanschaulichen Vorannahmen, die es steuern: Vor x Jahren… Letztlich stossen wir stets auf diese dritte Ebene vor. Wir Menschen können gar nicht anders, als nach den Zusammenhängen zu fragen!

Man muss doch Evolutionismus und Atheismus voneinander trennen.

Ich glaube nicht, dass dies das richtige Vorgehen ist nach über 100 Jahren, in denen die Metaphysik – also die Frage nach Gott und dem Sein – verpönt war. Atheismus war nicht nur Treiber in der Forschung der letzten Jahrzehnte (übrigens im Gegensatz zu früheren Jahrhunderten, in denen gerade der christliche Glaube der Antrieb für zahllose Erfindungen war). Unsere inneren Einstellungen sind auf «Atheismus» programmiert. Wir leben im Alltag so, wie wenn es Gott nicht geben würde.

Auf welche Experten verlässt du dich?

Das ist eine der wichtigsten Frage. Welches Argument hat dich am Ende überzeugt? Welche Person(en) trugen dazu bei? Die Komplexität eines Modells sagt noch nichts über richtige Vorannahmen aus. Die Wissenschaftler sind unsere Priester. Kein Wunder werden die Redner einer Schöpfungskonferenz verächtlich hinterfragt. Sie haben nicht die Weihen der öffentlichen Mehrheit empfangen.

Du willst doch nicht allen Ernstes sagen, dass Kurzzeit-Kreationismus plausibel sei.

“Plausibilität” ist abhängig von der vorgelagerten Plausibilitätsstruktur. Diese ist nun mal dominant naturalistisch eingefärbt. Das hat ein Teilnehmer der Diskussion schön ausgedrückt: «Eine Geschichte mit magischen Bäumen und einer sprechenden Schlange ist natürlich viel plausibler.» Wir gehen mit unseren unbewusst naturalistisch geprägten Vorannahmen an den Bibeltext heran. Auf diese Weise werden wir niemals beim Schöpfungsbericht bleiben. Nach Genesis 2 kommt Genesis 3.

Wurde der Kurzzeit-Kreationismus in der Theologiegeschichte nicht schon lange vorher angezweifelt?

Das ist richtig. Schon die Kirchenväter, welche mit der griechischen Philosophiegeschichte vertraut waren, äusserten den Gedanken der Entwicklung. Viele Theologen haben während Jahrhunderten über der Frage gerungen.

«Ich finde es oft quälend, wenn der großartige Hymnus der Schöpfung (1. Mose 1) mit Gewalt in eine Art kümmerliche Naturgeschichte gepresst und gegen die Naturwissenschaft ins Feld geführt wird. Wir sollten in den Hymnus einstimmen und die Menschen überzeugen, dass er sie zutiefst betrifft. Am Anfang schuf Gott die Welt und am Ende wird er Frieden schaffen. Warum soll ich mir da diese Gefangenenkugel des Kreationismus ans Bein binden?» Wie liest du die Schöpfungsberichte?

Die vergangenen Jahrzehnte waren in der Theologie von der Erforschung der unterschiedlichen Genre geprägt. Dafür bin ich sehr dankbar. Gegenwärtig müssen wir darauf achten, nicht von der anderen Seite vom Pferd zu fallen. Vor lauter Betonung der Vielfalt sollten wir nicht die Einheit des Textes übersehen. Genesis 1 ist tatsächlich kunstvoll und theologisch intentional angeordnet. Für reine Poesie reicht es jedoch nicht – und schon gar nicht für einen mythologischen Bericht. Es geht um einen Schöpfer, der diese Wirklichkeit aus dem Nichts hervorgebracht hat.

«Es steht doch nichts da, wie er geschaffen hat. Die Evolutionstheorie beschreibt einen Vorgang, durch den sich das geschaffene Leben entwickelt hat, vom Einzeller über den Mehrzeller bis zu so hochspezialisierten Geschöpfen wie wir Menschen es sind. Warum sollte Gott diese Entwicklung nicht gesteuert haben?»

Die Bibel berichtet, dass Gott sprach und es dastand (Psalm 33) und dass er das Nichtseiende hervorgerufen hat (Römer 4). Die ersten Kapitel stellen uns den ersten Menschen als erwachsenen, entscheidungsfähigen Menschen vor. Da ist kein Platz für Leben durch Tod. Ohne Metaplan des Evolutionismus käme man nie auf den Gedanken einer langsamen Entwicklung!

Was hältst du von der Lückentheorie?

Es ist ein möglicher Ansatz, der mich exegetisch jedoch nicht überzeugt. Manchmal wird eingewendet: «Der Mensch kann sich vermutlich gar nicht vorstellen wie viel ‘Zeit’ Gott hat.» Einzelne haben die Idee von Arbeitstagen Gottes. Das kann man jedoch gerade so gut umkehren: «Der Mensch kann sich gar nicht vorstellen, wie schnell Gott Verhältnisse ändern kann.»

Es gibt doch viele bibeltreue Theologen, die auch an die Evolution glauben.

Das ist richtig. Timothy Keller ist einer der bekanntesten. Auch wenn ich viel von ihm profitiert habe, vermag er mich mit seinen exegetischen Argumenten nicht überzeugen. In dieser Hinsicht spricht er einfach wie ein Grossstädter des 21. Jahrhunderts. Ich würde jeden Theologen fragen, wer ihn in seiner Entscheidung letztlich beeinflusste und was sein «Wendepunkt-Erlebnis» in dieser Hinsicht war.

Weiterlesen: In der Buchbesprechung “Der Streit um den Anfang” habe ich verschiedene Ansätze einander gegenüber gestellt.

Von Mathias · Veröffentlicht Juni 29, 2020 · Aktualisiert Juni 29, 2020
Original veröffentlicht am  von Hanniel.ch mit freundlicher Genehmigung.
https://www.wortzentriert.at/cat-unterscheidung/weltanschauung-und-kultur/selbst-interview-gehoerst-du-auch-zu-diesen-hinterwaeldler-kreationisten-hanniel/

Schadet die Bibelwissenschaft dem Glauben?

In den vergangenen Jahren bin ich mehrfach Leuten begegnet, die ganz begeistert von Worthaus-Konferenzen zurückgekehrt sind.1 Einige dieser Besucher erklärten mir unverblümt, dass sie die biblizistischen Predigten in ihren Heimatgemeinden leid sind. So wie Peter, dem es schwer viel, überhaupt noch zuzuhören, wenn ein Bruder auf der Kanzel stand und nur das wiederholte, was jeder Leser sowieso im Bibeltext vorfand.2 „Bei Siegfried Zimmer habe ich endlich mal was Neues gehört“, schwärmte er. „Der nimmt die Bibel auch sehr ernst. Aber er gräbt tiefer und berücksichtigt die Kultur, in der die Texte entstanden sind. Dieser Mann ist nicht nur ein glänzender Rhetoriker, er legt die Schrift wissenschaftlich und relevant aus“, teilte mir Peter mit einem gewissen Stolz mit. Dann wollte er wissen, was ich von Siegfried Zimmer halte.
Siegfried Zimmer bin ich bis heute persönlich nicht begegnet. Worthaus-Vorträge hatte ich freilich schon gehört. So bestätigte ich, dass Zimmer ein wortgewaltiger Redner ist, der seine Hörer in den Bann zieht und manchmal kräftig gegen andere austeilt. Zu seiner Sicht auf die Heilige Schrift konnte ich auch etwas sagen, denn sein Buch Schadet die Bibelwissenschaft dem Glauben?3 habe ich gelesen. Also fing ich an, zu berichten, was ich dort entdeckt habe. Einiges davon will ich auf den folgenden Seiten erzählen. Ich weiß, dass ich manchem Leser damit viel abverlange.
Wenn Bibelwissenschaft Bibelkritik meint
Der evangelische Pädagoge und Theologe Prof. Dr. Siegfried Zimmer plädiert für ein Bibelverständnis jenseits von radikaler Kritik und Bibelgläubigkeit. Mit geradezu missionarischem Eifer versucht er seit vielen Jahren, evangelikale Christen vom Nutzen der Bibelwissenschaft zu überzeugen. Was soll auch schlecht sein an der Bibelwissenschaft? Sollen wir nicht alle gründlich und nachvollziehbar die Bibel studieren?
„Wenn Zimmer von Bibelwissenschaft spricht, meint er eigentlich Bibelkritik, denn beide Begriffe bezeichnen für ihn ‚das Gleiche‘.“
Würde Zimmer für eine methodisch sorgfältige und nachprüfbare Schriftauslegung werben, würde er bei vielen – mindestens bei mir – offene Türen einrennen. Doch wenn Zimmer von Bibelwissenschaft spricht, meint er eigentlich Bibelkritik, denn beide Begriffe bezeichnen für ihn „das Gleiche“ (S. 147). Das Wort „Bibelkritik“ meidet er im nichtwissenschaftlichen Gespräch aus strategischen Überlegungen. Er möchte nicht unnötig verunsichern. Gemeint ist mit Bibelwissenschaft jedoch ein kritischer Umgang mit der Bibel in „positiver Absicht“. „Der entscheidende Schritt, um dieses Ziel zu erreichen, heißt: Die Bibel erst einmal aus ihrer Zeit heraus verstehen zu lernen“ (S. 146). Um dieses Ziel zu erreichen, müsse die Bibel traditionskritisch, kirchenkritisch, dogmenkritisch, frömmigkeitskritisch und selbstkritisch gelesen werden (vgl. S. 146). Neuzeitliche Methoden wie die Literarkritik oder die Redaktionskritik sollen helfen, die eigentliche Botschaft der Texte für die Leser von heute verständlich zu machen.4
Obwohl sich Zimmer von überzogenen Ansprüchen der historisch-kritischen Methode abgrenzt und vor einer Absolutsetzung der Gegenwartsvernunft warnt, setzt er eine unkritische Bibelhaltung mit Wissenschaftsfeindlichkeit gleich. Er greift hierbei auf die schon von Johann Semler (1725–1791) eingeführte Unterscheidung zwischen Heiliger Schrift und Wort Gottes zurück. Da die biblischen Texte geschichtlich gewachsen sind, müssen sie nach Semler auch mit historischen Methoden untersucht werden. Unterschiedliche Überlieferungsvarianten, Widersprüche, Spannungen und Irrtümer seien aufzudecken, um dahinter das Bleibende zu finden. Denn die Bibel ist nicht Gottes Wort, sondern sie enthält Gottes Wort. Semler suchte in der Bibel nach dem, was „aufgeklärten“ Menschen verständlich bleibt, nach einem „Kanon im Kanon“.
Ganz ähnlich behauptet Zimmer, dass jeder, der die Heilige Schrift mit dem Wort Gottes gleichsetzt, ein fundamentalistisches Bibelverständnis vertritt (vgl. S. 25). Eine fundamentalistische Sicht der Bibel habe etwa jeder, der meine, Adam und Eva seien die ersten Menschen gewesen (vgl. S. 25). Da uns die moderne Wissenschaft etwas anderes lehre, dürfe die Urgeschichte nicht mehr historisch gedeutet werden.
Nach Zimmer müssen wir deshalb zwischen einem geschichtlichen Ereignis („Welt der Geschichte“) und seiner „späteren mündlichen oder schriftlichen Darstellung“ („Welt der Bibel“) unterscheiden. Die Offenbarungsereignisse selbst dürften nicht kritisch betrachtet werden. Die „schriftliche Darstellung von Offenbarungsergnissen darf man aber untersuchen, auch wissenschaftlich und ‚kritisch‘“ (S. 88).
Die Bibel ist für Zimmer dabei ein durch und durch menschliches Buch, geprägt von den Irrtümern und Kulturen ihrer Autoren. Die „Fehler, Spannungen und Widersprüche“ in der Bibel „sind aber keineswegs nur etwas Schlechtes“ (S. 57). Sie veranlassen uns „zum tieferen Nachdenken“ (S. 57). Sie führen uns zu dem „Schatz an grundlegenden Gotteserfahrungen und daraus erwachsenden gemeinsamen Überzeugungen“, zu einer dynamischen und dialogischen Einheit (S. 59).
Wer Jesus gehorcht, liest die Bibel kritisch
Maßstab und Mitte der Auslegung ist nach Zimmer das Ereignis schlechthin: Jesus Christus. Er schreibt: „Wir orientieren uns in der Bibelauslegung an Jesus Christus. Nur wenn wir die Bibel von Jesus Christus her interpretieren, kommt der Vorrang Jesu Christi vor der Bibel auch zur Geltung“ (S. 91). Wir müssen deshalb jedem Bibeltext die Frage stellen: „Entspricht die Aussage dieses Bibeltextes dem Evangelium von Jesus Christus?“ (S. 91). Er schreibt:
„Biblische Texte, die etwas Anderes für richtig halten, als Jesus uns gelehrt hat, dürfen unser Gewissen nicht binden. Das Gottesverständnis Jesu, der Lebensstil Jesu und das Evangelium von Jesus Christus sind für uns der Maßstab, an dem wir alles Andere in der Bibel messen. Dann können wir nicht mehr alle Geschehnisse, die in biblischen Texten auf Gott zurückgeführt werden (…), auf Gott zurückführen. Was wir auf Gott zurückführen können und müssen, entscheidet sich an dem, wie Gott sich in Jesus offenbart hat.“ (S. 91)
Wir lesen folglich die Bibel von Jesus Christus her skeptisch. „Nicht aus Überheblichkeit oder Besserwisserei, sondern aus Gehorsam gegenüber Jesus Christus. Wenn wir von ihm her die Bibel kritisch lesen, stellen wir nicht uns selbst über die Bibel. Wir stellen Jesus Christus über die Bibel“ (S. 92). „Jesus Christus treu zu sein ist wichtiger, als der Bibel treu zu sein … Im Konfliktfall argumentieren wir ohne jedes Zögern mit Jesus Christus gegen die Bibel“ (S. 93).
Jesus ist nicht gleich Jesus
Wir merken hoffentlich, dass sich hier die Katze in den Schwanz beißt. Niemand hat heute unmittelbaren Zugang zu dem geschichtlichen Offenbarungsereignis Jesus Christus. Zeitreisen sind zwar beliebte Themen für Romane oder Filme, im wirklichen Leben kann gleichwohl niemand von uns mal einfach 2000 Jahre zurückspringen und unmittelbar beobachten, was damals passiert ist. Um herauszufinden, wer Jesus ist, sind wir auf die biblischen Überlieferungen angewiesen. Da jedoch diese Urkunden nach Zimmer nur gebrochene Deutungen Jesu Christi überliefern, bleibt uns das entscheidende Kriterium ihrer angemessenen Auslegung unzugänglich.5
Zimmer nimmt zum Beispiel die Selbstzeugnisse von Jesus in den Evangelien nicht einfach als authentische „Herrenworte“ auf, um zu zeigen, wer Jesus ist. Er muss in den Evangelien die echten Worte Jesus erst einmal aufspüren. Das Johannesevangelium hat für ihn etwa nur einen sehr eingeschränkten historischen Wert. Die berühmten sieben Ich-bin-Worte können seiner Meinung keine Sprachbilder des historischen Jesus sein, denn Worte wie „Ich bin das Brot des Lebens“ (Joh 6,35) oder „Ich bin der gute Hirte“ (Joh 10,11) „könnten selbst auf die wohlwollendsten jüdischen Zuhörer nur einen grotesken und bizarren Eindruck“ gemacht haben (S. 206). Es handelt sich nach Zimmer bei diesen Sprüchen um Zuschreibungen durch die nachösterliche Gemeinde. Die Jünger hätten Jesus diese Worte in den Mund gelegt. Obwohl sie unhistorisch seien, gebrauche der Heilige Geist sie, um zur christlichen Gemeinde zu reden (vgl. S. 187–208).
Was Zimmer vermeiden möchte, nämlich dass wir etwas anderes als Christus zum Beurteilungsmaßstab der Bibel machen, tritt hier notwendig ein: Da wir nicht sicher wissen können, was Jesus tatsächlich gelehrt hat, wird ein von Menschen konstruierter Jesus zum Maßstab unserer Bibelauslegung. Wir lesen die Bibel nicht von dem uns in ihr bezeugten, sondern von einem Jesus her, den wir uns vorher zurechtgelegt haben.
War Jesus der „Sohn des Menschen“?
An einem Beispiel, das von Professor Zimmer selbst stammt, will ich das illustrieren. In dem Vortrag „Der Prozess vor Pilatus (MK 15, 1–15)“, den er am 10. Juni 2019 in Tübingen gehalten hat, unterscheidet er genau in diesem eben erörterten Sinn zwischen dem Jesus der Geschichte und dem Christus des Glaubens. Auch hier setzt er also voraus, dass der historische Jesus nicht der Jesus ist, von dem die Evangelien (besonders das Johannesevangelium) oder die nachösterlichen Paulusbriefe erzählen. Zimmer sagt:
„Gehört bitte nicht zu den Christen, die gleich den Flatterich kriegen, wenn ich sage: Jesus war vielleicht selber der Überzeugung, dass er selber gar nicht der Menschensohn ist, dass das ein späterer christlicher Eintrag war, dass er aber über das Kommen und was da geschieht verblüffend Bescheid weiß. Was man mindestens sagen kann: Jesus wusste sich mit dem Menschensohn sehr fest verbunden. Das auf jeden Fall. Aber ob er sich selber als Menschensohn gesehen hat, lassen wir mal offen. […] Ich gehe mal davon aus, dass Jesus kein Hellseher war, er hat kein Orakelwissen gehabt. Meint ihr, dass Jesus alle Details, alles klar war? Er ist schon ein normaler Mensch, bitte! Jesus hat schon einen messianischen Anspruch gehabt, aber wie viele messianische Ansprüche gab es? […] Ich glaube erst einmal, dass für Jesus Titel sowieso gar nicht das Wichtigste sind. Er hat überhaupt nie mit Titeln groß gearbeitet. […] In einem Mitarbeiterheft für tausende von Sonntagsschulmitarbeitern hat eine Frau einen Artikel über Jesus geschrieben, den habe ich einmal zufällig gelesen. Da schreibt die Frau so einen kleinen Steckbrief „Wer war Jesus?“: „Jesus war der Gottessohn und der Retter der Welt. Er kam, um zu sterben und er hat viele Wunder getan und konnte übers Wasser laufen.“ Das schreibt eine Frau für tausende von Mitarbeitern in der Sonntagsschule. Da muss ich fast kotzen. Ich kann’s nicht anders sagen. Also alles gleich Titel, er war der Sohn Gottes (was stellt sich ein 7-jähriger unter Sohn Gottes vor?), Retter der Welt, also alles nur Titel, ein Titelgeklapper. Ich habe dann dem Vorstand von diesem Verlag geschrieben: Sie könnten doch mit gleicher Buchstabenzahl … sagen: „Jesus war aufmerksam für die Armen, er schätzte die Frauen höher als es damals üblich war und er liebte die Kinder. Das ist doch Millionen mal mehr als dieses Titelgeklapper. Und wenn die Titel dann nicht kommen, dann werden die Leute ganz unruhig.“6
Dazu gäbe es sehr viel zu sagen. Einige Beobachtungen möchte ich kurz herausstellen:
Erstens fällt auf, dass Zimmer dazu neigt, die Jesus in den Evangelien zugeschriebenen Hoheitstitel wie „Sohn Gottes“, „Messias“ oder „Menschensohn“ als nachösterliche Eintragungen zu lesen. Obwohl er sonst gern betont, wie wichtig die wissenschaftliche Herangehensweise ist, erwähnt er mit keinem Wort, dass die neutestamentliche Forschung an dieser Stelle zu äußerst unterschiedlichen Ergebnissen kommt.7
Betrachten wir zweitens den Befund zum Titel „Messias“ bzw. „Christus“, so fällt auf, das dieser während Jesu Wirken in Galiläa noch keine Rolle spielt, sondern, von den Einleitungen in die Evangelien abgesehen, im Petrusbekenntnis erstmalig erwähnt wird (vgl. Mt 16,13–20; Mk 8,27–30 u. Lk 9,18–21). Später ist es genau dieser Jesus, der den Messiastitel für sich in Anspruch nimmt. Das bringt ihm den Vorwurf der Gotteslästerung und letztlich die Verurteilung zum Tode ein. Als er vor dem Hohen Rat vom Hohe Priester gefragt wurde: „Bist du der Messias (griech. „Christus“), der Sohn des Hochgelobten?“, antwortete Jesus (Mk14,62–64; vgl. Mt 26,57–68; Lk 22,54–71):
„Ich bin es! Und ihr werdet den Sohn des Menschen sitzen sehen zur Rechten der Macht und kommen mit den Wolken des Himmels. Der Hohe Priester aber zerriss seine Kleider und spricht: Was brauchen wir noch Zeugen? Ihr habt die Lästerung gehört. Was meint ihr? Sie verurteilten ihn aber alle, dass er des Todes schuldig sei.“
Wir müssen uns hier fragen: Warum wurde Jesus verurteilt, wenn der Grund für seine Verurteilung erst viele Jahre nach seinem Tod in die Evangelien eingetragen wurde? Ist es nicht viel naheliegender, dass sich Jesus tatsächlich zu seiner Sendung bekannte und mit Bezug auf Psalm 110,1 von seiner bevorstehenden Erhöhung bzw. in Anlehnung an Daniel 7,13–14 von seiner Wiederkunft sprach?
Ist drittens in den Evangelien vom „Menschensohn“ die Rede, so ausschließlich in Jesu eigenen Worten (immerhin etwa 80-mal).8 Außerhalb der Evangelien taucht der Titel nur viermal auf, und zwar dreimal in Anspielungen auf das Alte Testament (Hebr 2,6; Offb 1,13; 14,14) sowie einmal, als sich für den Diakon Stephanus der Himmel öffnet und er den Menschensohn zur Rechten Gottes stehen sieht (Apg 7,56).9 Die Tatsache, dass wir nur ein einziges selbstständiges nachösterliches Wort vom Menschensohn haben, widerspricht genau der Annahme, dass Menschensohn „ein erst nachösterliches auf Jesus angewandtes Hoheitsprädikat ist“, meint der Tübinger Neutestamentler Peter Stuhlmacher zu Recht. „Es ist sehr viel wahrscheinlicher“, fährt er fort, dass die „Evangelienüberlieferung einen historischen Befund festgehalten hat“.10
Schließlich gibt es einige Evangelientexte, in denen es Jesus darauf anlegt, zu beweisen, dass er selbst der Menschensohn ist. Nehmen wir exemplarisch Matthäus 9,6, wo Jesus sagt:
„Damit ihr aber wisst, dass der Sohn des Menschen Vollmacht hat, auf der Erde Sünden zu vergeben … Dann sagt er zu dem Gelähmten: Steh auf, nimm dein Bett auf, und geh in dein Haus! Und er stand auf und ging in sein Haus. Als aber die Volksmengen es sahen, fürchteten sie sich und verherrlichten Gott, der solche Vollmacht den Menschen gegeben hat.“
Sagt so etwas jemand, der nicht weiß, ob er der Sohn des Menschen ist? Es braucht schon sehr viel Phantasie, das anzunehmen. Dass Jesus hier seine Vollmacht demonstriert, Sünden zu vergeben, also etwas vermag, was eigentlich nur Gott zusteht, liegt viel näher. Jesus verwendet den Titel, um seinen Dienst auf Erden, sein Leiden und seine Verherrlichung in der Zukunft zu kennzeichnen. Jesus wusste, dass er der Menschensohn ist, der als Gott und Mensch gekommen ist, um sein Leben zur Erlösung für viele zu geben (vgl. Mt 20,28). Der Menschensohn sucht und macht selig, was verloren ist (vgl.
Lk 19,10). Er wird in der Herrlichkeit seines Vaters wiederkommen, um als Zeuge für oder gegen dieses Geschlecht auszusagen (vgl. Lk 8,8ff.; Mt 16,27). „Seine Macht ist ewig und vergeht nicht, und sein Reich hat kein Ende“ (Dan 7,14).
Wie ging Jesus mit der Schrift um?
Aber es gibt noch ein weiteres Problem mit Zimmers Sichtweise. Nach ihm ist Jesus Herr über die Bibel und ist uns deshalb in der Bibelauslegung die maßgebliche Orientierung (S. 91). Nur wenn wir „von ihm her die Bibel kritisch lesen, stellen wir uns nicht selbst über die Bibel“ (S. 92). Aber wie ist Jesus mit dem Alten Testament umgegangen? Zimmer bietet keine überzeugenden Belege dafür, dass Jesus die alttestamentlichen Schriften zum Gegenstand seiner Kritik gemacht hat. Er behauptet zwar, dass alles, was sich nicht mit der Ethik Jesu verträgt, für Christen nicht mehr bindend sei (vgl. S. 91). Er beteuert, das „… und lehret sie halten, was ich euch geboten habe“ aus Matthäus 28,19f. impliziere, dass die Worte Jesu eine höhere Priorität wie die der Rest der Schrift hätten (S. 95). Überzeugen kann das gleichwohl nicht. Jesus ist nicht gekommen, um „das Gesetz oder die Propheten“ zu kritisieren oder „aufzulösen“, „sondern um zu erfüllen“ (Mt 5,17). Für Jesus verfällt nicht „ein einziges Jota oder ein einziges Häkchen“ vom Gesetz, bis Himmel und Erde vergehen (Mt 5,18). Jesus unterscheidet eindeutig zwischen menschlicher Überlieferung und dem Wort Gottes, das Mose im Auftrag seines Herrn gesprochen hatte (vgl. Mt 7,10–13). John Wenham kommt in seiner umfangreichen Untersuchung Jesus und die Bibel zu dem Ergebnis, dass für Jesus Christus die Schriften des Alten Testaments wahr, autoritativ und inspiriert sind und dasjenige, was in ihnen geschrieben steht, Gottes Wort ist.11
Fazit
Ich habe versucht, zu zeigen, dass es gute Gründe dafür gibt, die Bibel anders als Siegfried Zimmer zu lesen. Der Jesus, mit dem er die Heilige Schrift kritisch liest, ist nicht der Jesus der Bibel, sondern ein Jesus, „Der Jesus, mit dem er die Heilige Schrift kritisch liest, ist nicht der Jesus der Bibel, sondern ein Jesus, den er sich ‚zurechtgezimmert‘ hat.“
Wir brauchen nicht mit Jesus gegen die Bibel argumentieren. Jesus glaubte der Schrift. Gemäß neutestamentlicher Darstellung nahm er alttestamentliche Geschichtserzählungen durchweg ernst. Er erwähnt – um nur einige Beispiele zu nennen: Abel (Lk 11,51), Noah (Mt 24,37–39), Abraham (Joh 8,56), Lot und seine Frau (Lk 17,28–32), David (z. B. Mk 2,25; 12,25), Jona (Lk 11,29ff), Naaman (Lk 4,27), Elija (Lk 4,25f) oder Elisa (Lk 4,27). Diese Personen hat es für den Jesus des Neuen Testament wirklich gegeben. Im Blick auf die Hoheitstitel dürfen wir sagen, dass es sehr starke Gründe für die Auffassung gibt, dass Jesus genau wusste, wer er war. Jesus ist nicht zum Menschensohn erhöht worden, weil die nachösterliche Gemeinde ihm den Titel verliehen hat. Jesus ist der Sohn des Menschen, weil das Prädikat seine Verkündigung und sein irdisches Leben trefflich charakterisiert.
Zum Schluss noch ein Hinweis: Jenen Peter, von dem ich eingangs sprach, kann ich in mancherlei Hinsicht trotzdem verstehen. Er leidet darunter, dass wir „Bibeltreuen“ uns es bei der Bibellektüre manchmal zu einfach machen. Die Bibel ist nicht immer leicht zu lesen und zu deuten. Manche Schätze, die sie enthält, sind nur zu heben, wenn wir fleißig graben.12 Was er sich wünscht, nämlich dass wir die Schrift gründlich studieren und dabei herausarbeiten, was ihre Botschaft für uns heute bedeutet, ist ein berechtigtes Anliegen. Bibelwissenschaft in dem Sinn, dass wir gewissenhaft lesen, forschen, und auslegen, brauchen wir. Legen wir los!
1 „Worthaus“ ist ein 2010 gegründeter Verein mit Sitz in Tübingen, der sich das Ziel gesetzt hat, Hochschultheologie für Gemeindegänger zugänglich zu machen. Zu diesem Zweck werden Vorträge in einer Mediathek kostenfrei zur Verfügung gestellt. Meist stammen die Aufzeichnen von selbst veranstalteten Vortragsreihen und Konferenzen, erreichbar unter: URL: https://worthaus.org (Stand: 19.02.2020).zurück
2 Der Name „Peter“ steht hier rein zufällig.zurück
3 Siegfried Zimmer, Schadet die Bibelwissenschaft dem Glauben?, Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 20124. Bei weiteren Zitaten aus diesem Buch nenne ich die Seitenzahlen direkt im Fließtext.zurück
4 Eine dichte Darstellung der kritischen Bibelauslegung ist zu finden in: Ron Kubsch, Sollte Gott gesagt haben, 2016, URL: https://www.evangelium21.net/media/1464/sollte-gott-gesagt-haben (Stand: 23.02.2020).zurück
5 S. Zimmer erkennt diesen Einwand an und versucht, ihn zu widerlegen. Ich glaube jedoch nicht, dass ihm die Entkräftung gelungen ist (vgl. S. 88–90).zurück
6 URL: [https://vimeo.com/381120589,](https://vimeo.com/381120589,#-1) ab Minute 53:12. (Stand: 19.02.2020). Ich verdanke den Hinweis und die Mitschrift Dr. Markus Till, dem ich dafür herzlich danke. Von ihm stammt eine hilfreiche Analyse zur theologischen Arbeit von Worthaus: URL: http://blog.aigg.de/?p=3594 (Stand: 23.02.2020),zurück
7 Es gibt, grob gesprochen, im Blick auf die Hoheitstitel drei Richtungen in der neutestamentlichen Wissenschaft. R. Bultmann oder H. Braun behaupten, der irdische Jesus sei ein einfacher Rabbi oder Prophet gewesen und erst nach Ostern habe man ihn als Messias oder Herrn gesehen. Im Gegensatz dazu haben A. Schlatter, O. Betz (ein Lehrer von S. Zimmer), L. Goppelt, J. Jeremias oder M. Hengel darauf bestanden, dass sich der irdische Jesus als Messias verstanden habe. Eine dritte Gruppe, zu der E. Käsemann, H. Conzelmann oder F. Hahn gehören, schlug einen Mittelweg vor. Sie bescheinigen dem irdischen Jesus messianisches Sendungsbewusstsein, gehen aber davon aus, dass die Hoheitstitel spätere Beifügungen sind. Siehe dazu: Peter Stuhlmacher, biblische Theologie des Neuen Testaments, Bd. 1, 2005, S. 107–109; u. Ulrich Wilckens, Theologie des Neuen Testaments, Bd. 1/2, 2003, S. 25–53.zurück
8Jesus spricht durchweg in der 3. Person vom Menschensohn. Es gibt unterschiedliche Erklärungsangebote dafür, so z. B., dass dahinter eine aramäische Formulierung steckt, bei der ein Sprecher üblicherweise in der dritten Person von sich redet. Ich vermute eher, dass Jesus mit dieser Redewendung sich selbst eine gewisse Zurückhaltung auferlegte. Er zeigt, dass er der Menschensohn ist; zugleich will er, dass nur einige ihn verstehen.zurück
9 Siehe EWNT, Bd. 3, 2011, Sp. 928.zurück
10 P. Stuhlmacher, Biblische Theologie des Neuen Testaments, Bd. 1, 2005, S. 118.zurück
11 J. Wenham, Jesus und die Bibel, 2000, S. 217.zurück
12 Dazu eine Buchempfehlung: N. Beynon u. A. Sach, Tiefer graben, 2019.zurück
BibelkritikBibelwissenschaft

Ron Kubsch ist Studienleiter am Martin Bucer Seminar in München, Dozent für Apologetik und Neuere Theologiegeschichte sowie 2. Vorsitzender und Generalsekretär bei Evangelium21. Er bloggt seit über 12 Jahren unter TheoBlog.de und hat mehrere Bücher veröffentlicht, darunter Die Postmoderne (2007), und Der neue Paulus (2017). Seit 2009 ist er Schriftleiter der Zeitschrift Glauben und Denken heute. Ron ist mit Dorothea verheiratet. Sie haben drei erwachsene Kinder.
Der Artikel erschien zuerst als: „Schadet die Bibelwissenschaft dem Glauben?: Warum ich die Heilige Schrift anders lese als Siegfried Zimmer und die Bibelwissenschaft trotzdem schätze“ in Perspektive, 3/2020, 19. Jg., S. 32–36.
https://www.evangelium21.net/media/2222/schadet-die-bibelwissenschaft-dem-glauben


Gutes Töten kann es nicht geben

Ist die Sterbehilfe, die in immer mehr Ländern legalisiert wird, ein Meilenstein im Projekt der Moderne? Die Ärzte Gerrit Hohendorf und Fuat Oduncu und der Philosoph Robert Spaemann argumentieren in ihrem Buch Vom guten Sterben für ein Verbot der abrufbaren Suizidhilfe.

51PeVgGDHbL SX303 BO1 204 203 200Stephan Sahm schreibt in seiner Rezension:

Eine Klarstellung der Begriffe stellen die Autoren, die mit der Wirklichkeit in Kliniken vertraut sind, voran. Zudem machen sie den Leser mit den Ergebnissen aktueller Erhebungen zur Praxis der Hilfe beim Suizid in den Ländern bekannt, in denen sie rechtlich und gesellschaftlich akzeptiert ist. Die Zahl der Suizide nimmt dort ausnahmslos zu.

In fünf abschließenden Thesen sprechen sich die Autoren gegen die institutionalisierte Hilfe bei der Selbsttötung aus. Ihre Überlegungen zum Umgang mit Suizidalität in der medizinischen Praxis lohnen die Lektüre auch für diejenigen, die darüber anders denken. Wer sich daranmacht, die Praxis der Medizin nachhaltig zu verändern, sollte wissen, was ansteht.

Wenn etwa Ärzte, wie manche vorschlagen, Patienten in fortgeschrittener Krankheit bei der Selbsttötung sollen helfen dürfen, dann sind sie niemals nur ausführendes Organ des selbstbestimmten Subjekts. Die Umsetzung des Suizidwunsches ist immer, wie die Autoren zu berichten wissen, ein „sozialer Aushandlungsprozess“: Die Ärzte stecken mittendrin, müssen den Suizid gutheißen.

Mehr: www.faz.net.

VD: JS

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Alles „rechts“!?

Zwischenzeitlich scheint es fast, als sei das Lieblingsklischee großer deutscher Medien „rechts“. Ganz gleich, wer welche Meinung vertritt, die nicht dem momentanen Mainstream entspricht, oder dem, was diese Medien dazu erklären, wird schnell mit dem Etikett „rechts“ versehen.
Mit jemandem der als „rechts“ eingeordnet wurde muss man eben nicht mehr sprechen, man muss sich nicht einmal mehr seine Argumente anhören, ganz gleich wie gut sie auch sind. Zumeist wird dabei nicht ganz genau angegeben, das und warum eine Meinung oder Person „rechts“ ist; es wird einfach behauptet. Der damit Stigmatisierte muss dann sehen, wie er das Gerücht seines vorgeblichen Extremismus wieder loswird.
Wer öffentlich Kritik an staatlichen Corona- Maßnahmen übt, ist „rechts“.
Wer Forderungen der Klimaschützer infrage stellt, ist „rechts“.
Wer vor islamistisch motivierter Gewalt warnt, ist „rechts“.
Wer Fleisch isst, ist „rechts“.
Wer für den Schutz der Ehe eintritt, ist „rechts“.
Wer Abtreibung kritisiert, ist „rechts“.
Wer sich übrigens zu christlich äußert, ist auch „rechts“.
Und dabei ist von vornherein klar, wer „rechts“ ist natürlich falsch; wird gesagt. Die Unterdrückung und Diffamierung nicht gewünschter Meinungen und die Diskussionsverweigerung mit Andersdenkenden ist höchst problematisch und gefährdet mittelfristig eine freie Gesellschaft. Stattdessen fördern diese Tendenzen eine einseitige Ideologisierung der Bevölkerung. Michael Kotsch
Aber philosophiegeschichtlich gesehen sind Links und Rechts zwei Seiten der gleichen Medaille, diese heißt Materialismus, bzw. Naturalismus. Deshalb muss ein Christ beide Positionen ablehnen und zwar nicht nur dass er sich selbst dagegen wehrt, derartig fixiert zu werden auf eine seine Persönlichkeit reduzierende Position, die ein wirksames christliches Zeugnis nicht mehr zulässt, sondern auch dahingehend, dass er sich gegen jegliche materialistischen Ideologie wehrt. Man kann nicht an Christus glauben und daran, dass auch aus materiellen/sinnlichen Erfahrungen irgendein Heil entspringt. Linke und rechte Ideologien sind aus Sicht des Christentums Irrlehren und müssen immer wieder angeprangert werden. Stattdessen sehe ich, wie sich Christen diesem Schema unterwerfen. In den 70er Jahren war man gerne auch mal links, das änderte sich im Laufe der 80er Jahren. Wobei heute viele Christen kein Problem damit haben, sich rechten, ganz offensichtlich Ideologiefixierten Parteien anzunähern und sogar Mitglieder derselben zu werden. Ich habe zunehmend ein Problem damit, diese Menschen Brüder bzw. Schwester zu nennen. Wer das einfach nicht verstehen will, dass Gottes Reich nicht von dieser Welt ist, mit dem kann ich keine geistliche Gemeinschaft pflegen.

Gott nur als Chiffre

Der Systematiker Ulrich Körtner (Wien, Österreich) hat der EKD für ihr Zukunftspapier „Kirche auf gutem Grund – Elf Leitsätze für eine aufgeschlossene Kirche“ kräftig die Leviten gelesen. Kurz: Wenn die Kirche so weitermacht, ist sie weder systemrelevant noch existenzrelevant (Wolfgang Huber). Körtner knackig:

Kein Wort […] von Tod und Auferstehung Jesu, seiner Heilsbedeutung für den Einzelnen wie die Welt im Ganzen. Kein Wort von Sünde und Vergebung, es sei denn nur von Schuld in einem moralischen Sinne, aber nicht als Synonym für eine zerrüttete Gottesbeziehung. Kein Wort von Gottesferne oder davon, dass Gott in irgendeiner Weise fehlen könnte.

Dafür findet man in dem Papier Transformationstheologie ohne Ende, die Umdeutung des Missionsbegriffs inklusive:

Zwar liest man irgendetwas von authentischer Frömmigkeit und Glaubenswissen, das weiterzugeben sei, doch wie kann es sein, dass ein Papier mit dem Titel „Kirche auf gutem Grund“ von diesem so wenig zu sagen weiß? Als Bibelleser würde man doch zumindest einen Hinweis auf den Apostel Paulus erwarten, der im 1. Korintherbrief, Kapitel 3, schreibt: „Einen anderen Grund kann niemand legen, als der, welcher gelegt ist in Jesus Christus.“ Zwar will auch die EKD weiter „öffentlich relevant auf Christus verweisen“. Aber das geschieht bloß im Sinne einer Urbild- und Vorbildchristologie – oder sollte man besser sagen: Jesulogie. Christus, so lässt uns das Zukunfts-Team der EKD wissen, sei Urbild und Vorbild dessen, was die Kirche „für die Vielen“ tue. Die Kirche folge ihm und seinem Geist, wenn sie sich für die Schwachen, Ausgegrenzten, Verletzten und Bedrohten sowie für Frieden und Bewahrung der Schöpfung einsetze. In dieser moralisierenden Auslegung des Evangeliums treffen sich kulturprotestantischer Liberalismus und eine linksliberale politische Theologie, die sich heute gern „Öffentliche Theologie“ nennt. Wenn es im EKD-Papier heißt, die Kirche der Zukunft müsse missionarisch sein, so ist doch nicht an Verkündigung und Seelsorge, sondern in erster Linie an ein sozialpolitisches Handeln gedacht, das „zeichenhaft und exemplarisch“ sein soll.
Hier: www.zeit.de.
https://theoblog.de/gott-nur-als-chiffre/35409/