Das große Fragezeichen eines „religionslosen Christentums“

»Was mich unablässig bewegt, ist die Frage, was das Christentum, oder auch wer Christus für uns heute für uns eigentlich ist. Die Zeit, in der man das den Menschen durch Worte – seien es theologische oder fromme Worte sagen könnte, ist vorüber, ebenso die Zeit der Innerlichkeit und des Gewissens, und d.h. eben die Zeit der Religion überhaupt. Wir gehen einer völlig religionslosen Zeit entgegen; die Menschen können einfach, so wie sie nun einmal sind, nicht mehr religiös sein.« Dietrich Bonhoeffer  Aufzeichnungen aus der Haft, DBW, 8. Band, München 1998, 403-409

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9. These: Gegen die Schwärmerei der Allversöhnung und gegen die sogenannte Verchristlichung dieser Welt.

Die Heilige Schrift bezeugt und die Reformatoren bekennen, daß diese Schöpfung Gottes eine gefallene Schöpfung ist und daß die Menschheit in der Feindschaft gegen Gott lebt. Aus diesen hat Gott etliche durch Christus zu seiner Gemeinde erwählt und erlöst. Diese Gemeinde ist in, aber nicht von der Welt. Sie ist ein Licht in der Welt, aber sie erlöst diese Welt nicht. Das Reich Gottes und das Reich der Welt, Licht und Finsternis bleiben geschieden, bis Christus wiederkommt und eine neue Erde und einen neuen Himmel schaffen wird.
Christus spricht:»Mein Reich ist nicht von dieser Welt. Wäre mein Reich von dieser Welt, meine Diener würden darum kämpfen, daß ich den Juden nicht überantwortet würde; aber nun ist mein Reich nicht von dieser Welt.« (Joh. 18,36)
Zu verwerfen ist deswegen die Irrlehre, als ob das Reich der Welt Reich Gottes werden, diese ganze Welt vor der Wiederkunft Christi erlöst werden könnte. Die Welt kann nur durch die allgemeine Gnade Gottes vor ihrer Katastrophe bewahrt werden, sie kann nur leben nach dem Maßstab des Gesetzes, der vergeltenden Gerechtigkeit Gottes, die für alle Menschen gilt. Eine irrende Kirche ist es, die nur das Evangelium predigt und dieser Welt das Gebot, das Gesetz Gottes vorenthält.
Luther bekennt:»Diese Welt läßt niemals von ihrer Art. Der Satan ist der Welt Fürst, durch ihn läßt sie sich zu allem Bösen verleiten. Denn sie ist das Reich der Finsternis, welches notwendig das Licht hassen muß (Joh. 1). Und folglich verachtet sie die Prediger des göttlichen Worts, verfolgt sie, schreit sie für Narren aus und tötet sie endlich als nichtswürdige Menschen«.. . »Die Erde besteht noch immer um der Kirche willen in der Welt fort, sonst würden Himmel und Erde in einem Augenblick in Flammen aufgehen, denn die Welt ist nicht ein Weizenkorn wert, zumal sie voll Gotteslästerung und gottlosen Wesens ist. Weil aber die Kirche mitten unter den Gottlosen lebt, so läßt es Gott um der Kirche willen geschehen, daß auch die Gottlosen die allgemeinen Güter und Gaben dieses Lebens genießen und alles, was die Welt hat, das hat sie um der Kirche willen.«
10. These: Gegen die Verweltlichung der Kirche.
Die Heilige Schrift bezeugt und die Reformatoren bekennen, daß die Kirche nicht Welt und die Welt nicht Kirche werden kann. Die Kirche lebt vom Regiment ihres Herrn, der im Himmel ist, der zwar viele berufen, aber nur wenige auserwählt hat. Die Verweltlichung der Kirche, ihre »Vergesellschaftung« verfälscht das Evangelium zur Ideologie des Antichrist.
Christus spricht:»Gehet ein durch die enge Pforte. Denn die Pforte ist weit, und der Weg ist breit, der zur Verdammnis führt, und ihrer sind viele, die darauf wandeln. Und die Pforte ist eng, und der Weg ist schmal, der zum Leben führt, und wenige sind ihrer, die ihn finden.« (Matth. 7,13-14)
Zu verwerfen ist deswegen die Irrlehre, als ob Kirche in die Welt und Welt in die Kirche aufgehen, weltliches Regiment geistlich und geistliches Regiment weltlich werden könnten. Die Kirche des breiten Weges ist die Kirche des Antichrist, die Kirche des schmalen Weges ist die Kirche der Wahrheit.
Luther bekennt:»Christi Reich auf Erden ist nicht ein weltlich Reich, es besteht auch nicht darin, wie man hier auf Erden esse, trinke, haushalte, des Leibes warte, dazu in der Notdurft des Lebens geordnet und vorhanden sein müsse, sondern er hat ein solch geistlich Reich geordnet, daß man darin göttliche ewige Güter suchen und finden soll, und dasselbe auch so bestellt, daß es mit Gottes Wort, Sakramenten, Kraft und Gaben des Heiligen Geistes reichlich versorgt ist und bleibt und gar nichts mangelt an dem, was fürs ewige Leben und dessen Erhaltung dient. Darum läßt er die Welt in ihrem Regiment ihre Notdurft und Vorrat haben, hinnehmen und sich damit reichlich versorgen, aber seinen Christen befiehlt er, ihre Gabe und Trost nicht auf das Zeitliche zu setzen, sondern nach Gottes Reich zu trachten, woran sie ewig genug haben und reich sein sollen.«
Die verratene Reformation – GOTTES Wort und Luther`s Lehr` verneint man heute immer mehr Huntemann, Georg Verlag: 1983 Bremen, 1983 Seite  98
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Der unklare Begriff der „Werte“

Der Wertbegriff war einer der konstitutiven Begriffe  der Nationalökonomie von Adam Smith. In die Philosophie ist der Wertbegriff aber erst durch Nietzsche gekommen. Der Wertbegriff erlebt heute eine Konjunktur, die weit über die Philosophie hinaus reicht. Er ist zum zentralen Begriff in allen Zusammenhängen unserer Gesellschaft geworden, so weit es nicht gerade nur um Fakten und um technische Machbarkeiten geht. In allen heute noch kulturell zu nennenden Verständigungsformen geht es um die Wertfrage. Alles gesellschaftliche Geschehen hat, direkt oder indirekt, mit Prozessen zu tun, in denen Werte sich ändern und wandeln. Dieser Prozess des Wertewandels beschleunigt sich immer mehr, wir sprechen daher von einem dynamischen Wertewandel. Diesem inflationären Gebrauch des Wertbegriffes steht eine nach wie vor höchst unbefriedigende Klärung dessen gegenüber, was ein Wert ist. Nur in nationalökonomischen Zusammenhängen kann man präzise die Frage beantworten, was ein Wert wert ist. In allen nicht nationalökonomischen Verwendungszusammenhängen steht der allgegenwärtigen Präsenz des Wertbegriffs eine merkwürdige Unklarheit in Bezug auf die entscheidende Frage gegenüber, was denn die Werte selber wert sind, die man jeweilig setzt oder die gerade entwertet werden. … Max Scheler hat noch behauptet, dass die Werte an sich gelten, und dass die Menschen auch über ein eigenes emotionales Organ verfügen, um diese Werte zu erfassen. Für die neukantianische Wertphilosophie steht dagegen fest: Werte gelten, aber sie sind nicht. Werte rufen daher nach ihrer Verwirklichung. Die Verwirklichung der an sich geltenden Werte braucht den Einsatz für die Verwirklichung der Werte. Die Werte müssen dann aber gegenüber konkurrierenden Werten durchgesetzt werden. Über die Chance einer Durchsetzung eines Wertes entscheidet dann die Macht. Die Macht holt den Wert aus dem abstrakten, wesenlosen Sein abstrakter Geltung heraus und sorgt für dessen Durchsetzung. Die Realität einer sich auf Werte hin verstehenden Gesellschaft ist darum gekennzeichnet durch den Kampf um die Werte.
Günter Rohrmoser „Werte“ (Nietzsche als Diagnostiker der Gegenwart, S. 314f)

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Die Kirche braucht einen progressiven Fundamentalismus mit einer sozialen Botschaft

„Die Kirche braucht einen progressiven Fundamentalismus mit einer sozialen Botschaft“; „Einst war das erlösende Evangelium eine weltverändernde Botschaft, heute ist es zu einer weltverneinenden Botschaft geworden“; „Wir müssen die Welt heute mit einer Ethik konfrontieren, die sie erzittern lässt, mit einer Dynamik, die sie hoffen lässt“. Der Fundamentalismus „fordert die Ungerechtigkeiten des Totalitarismus, den Säkularismus der modernen Erziehung, die Übel des Rassenhasses, die Mißstände in der Arbeitswelt, internationale Ungleichheiten nicht heraus. Er hat aufgehört Rom und Cäsar herauszufordern… Das apostolische Evangelium hat nichts mehr gemein mit einer Leidenschaft für eine gerechte Welt.“ Carl F.H. Henry 1913–2003

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Rückkehr zum Aberglauben

Al Mohler warnt anläßlich der aktuellen Berichterstattung über magische Opferrituale mit Kindstötungen durch Hexenmeister im von Dürre bedrohten afrikanischen Uganda vor der Selbsberuhigung, daß es in unserer reichen westlichen Gesellschaften keine Anwendung okkulter Rituale mehr gibt. [auszugsweise Übersetzung ins Deutsche von mir]
>>“Medizinmänner opfern Kinder im von Dürre heimgesuchten Uganda“
Die Geschichte stammt aus Uganda, und der Reporter erzählt uns, dass es sowohl in Uganda als auch in mehreren benachbarten afrikanischen Ländern ein Wiederaufleben der Opferungen sowohl von Kindern als auch von Frauen gegeben hat.
Aber an diesem Punkt können Sie fast spüren, dass viele Amerikaner jetzt sagen würden: „Nun ich weiß, dass das Okkulte weiter präsent ist. Es ist auch eine ständige Herausforderung in einigen Teilen der Welt. Die genannten Länder waren aber alle in Afrika. Aber natürlich nicht im hyper-modernen, sehr säkularen Amerika von heute.
Falls Sie das auch so sehen, werden Sie jetzt Anlaß haben ein wenig demütiger zu werden: Eine der zentralsten Figuren im sozialen Leben der amerikanischen Hauptstadt Washington DC hat kürzlich ein Buch mit geschrieben, in dem sie über ihre anhaltende Faszination und ihre Teilnahme am Okkulten sehr offen berichtet. Diese Figur ist Sally Quinn, eine Autorin und ein bekanntes Mitglied der High Society. Sie ist die Ex-Frau von Ben Bradlee, dem langjährigen Herausgeber der Washington Post. Jetzt hat sie ein Buch mit dem Titel „Finding Magic“ geschrieben, in dem sie öffentlich über ihre okkulte Seite spricht.
In einem kürzlich veröffentlichten Profil von Sally Quinn zur Veröffentlichung ihres neuen Buches, berichtete das Washingtonian Magazine:
„Über die besonderen Anekdoten hinaus ist dieses Buch Quinns Coming-Out als leidenschftliche Gläubige des Übernatürlichen“ …
Sally Quinn dokumentiert ihre Teilnahme am Okkulten insofern, als sie in ihren eigenen Worten sagt, SIE HABE DREI FLÜCHE AUF PERSONEN GELEGT, DIE ANSCLIEßEND ZIEMLICH SCHNELL STARBEN.
Was hier so wichtig ist: dass wir hier eine Person haben, die im Zentrum des gesellschaftlichen Lebens von Washington DC steht, der Hauptstadt der Vereinigten Staaten von Amerika und immer noch steht. Und jetzt spricht sie in ihren eigenen Worten öffentlich über ihre Erfahrungen mit dem Okkulten. Das sagt natürlich sehr viel über Sally Quinn aus, aber auch viel über die High Society in Washington DC und nach einiger Reflexion auch viel über uns selber.
Die interessanteste Dimension dieses Berichts ist, dass diese Rückkehr zum Aberglauben mitten in der vermeintlich gleichzeitigen Wende zu einem säkularen Weltbild kommt. Aber was wir immer wieder sehen können ist, dass ein säkulares Weltbild niemals a) säkular für lange oder b) so säkular ist, wie viele behaupten. …
Das ultimative Problem hier ist, dass das, was man über die säkulare Weltanschauung wieder einmal sagen kann: Sie ist ein Vakuum. Und ein Vakuum existiert nie sehr lange. Ein Vakuum ist zerbrechlich, und irgendwann wird es von etwas anderem gefüllt werden. Und was wir jetzt sehen, ist, dass es, wenn es nicht vom biblischen authentischen Christentum gefüllt wird, vielleicht von etwas anderem, vielleicht von der New Age Spiritualität, vielleicht vom Aberglauben und vielleicht sogar dem Okkulten gefüllt wird.
Quelle: http://www.albertmohler.com/2017/10/10/briefing-10-10-17/

Bild könnte enthalten: eine oder mehrere Personen, Brille und Text

1516 Todesdatums von Hieronymus Bosch

boschDieses Foto ist ein Ausschnitt vom Fragment eines Jüngsten Gerichts, von dem angenommen wird, dass es von einem Nachfolger von Hieronymus Bosch stammt. Ich fotografierte es im März 2011 in der Alten Pinakothek in München.

Derzeit ist es nicht dort zu sehen.
Kürzlich gedachte man des Todesdatums von Hieronymus Bosch vor 500 Jahren. Wen seine Gemälde beeindrucken, wird vielleicht ebenso sehr von seiner Epoche fasziniert sein.
Im Jahr 1516 zählt Luther 33 Jahre und Kopernikus 43. Ein halbes Jahrhundert zuvor fiel Konstantinopel an das Osmanische Reich, nun wendet es sich gegen Europa und bald stehen die Türken vor Wien. Es ist der Beginn des 16. Jahrhunderts, das Zeitalter der reformatorischen und der kopernikanischen Wende. Diese Umbrüche haben die ganze Welt umgestaltet, ähnlich der Entdeckung Amerikas und der Erfindung des Buchdrucks wenige Jahrzehnte zuvor, noch zu Lebzeiten Hieronymus‘. Niemand hat es posaunen gehört und es ging kein Ruf durch die Straßen „Eine neue Zeit hat begonnen!“. Die Feststellung, dass ein großer Wandel stattfand, folgte Jahrhunderte später.
Wer glaubt heute nicht an das heliozentrische Weltbild, dass die Erde die Sonne umkreist und nicht umgekehrt? Warum denn glauben – ist es nicht bewiesen? Tja nun! Wer kann erklären, warum Kopernikus und nicht Ptolemäus recht hatte, warum die Reformation und nicht die Tradition? Manche gehen so weit, zu behaupten, der Durchschnittsmensch könne keinen einzigen Grund für diese Überzeugungen nennen, deren Mehrzahl einzig und allein auf Autoritäten basiert. George Orwell begann einen Essay mit der einfacheren Frage: Just why do we believe that the earth is round? I am not speaking of the few thousand astronomers, geographers and so forth who could give ocular proof, or have a theoretical knowledge of the proof, but of the ordinary newspaper-reading citizen, such as you or me. (1)
Anstoß dazu gab eine Bemerkung von George Bernhard Shaw, die Menschen heute seien leichtgläubiger und abergläubischer als die Menschen im Mittelalter. Orwell diskutiert verschiedene Antwortmöglichkeiten und kommt zu dem Schluss, dass Shaw recht hatte und dass ein Großteil seines Wissens nicht auf logischer Beweisführung und Experiment beruhe, sondern auf der Autorität von Experten. Aber ist das wirklich leichtgläubig, sich darauf zu verlassen und tun wir das nicht alle jeden Tag, ohne dass wir dabei unvernünftig oder dumm wären? Das Gegenteil in seiner letzten Konsequenz zu leben ist nicht möglich und die Haltung des im 16. Jahrhundert wieder entdeckten und bis zur Überspitzung „Dass nichts gewusst wird“ (2) gesteigerten antiken Skeptizismus ist ebenso abergläubisch wie dogmatisch.
Wie sehr berühren wissenschaftliche Fragen unsere Lebensprobleme? (3) Ob sich die Erde um die Sonne dreht oder die Sonne um die Erde – das ist im Grunde gleichgültig. Um es genau zu sagen: das ist eine nichtige Frage. (4) Galileo Galilei leugnete angesichts des Scheiterhaufens. Erst Papst Johannes Paul II revidierte das Urteil der römischen Inquisition im Jahr 1992. Ein anderer war vor Galilei im Besitz einer schwerwiegenden Wahrheit – vielmehr war er von der Wahrheit ergriffen, die ihn besaß. Luther widerrief nicht, als sie sein Leben gefährdete.
In der Philosophie schreibt man die Epoche des Humanismus. Erasmus von Rotterdam ist einer ihrer bekanntesten Vertreter. Wer kann seit jenen Tagen das Paradox des menschlichen Willens auflösen, das Erasmus und Luther endgültig entzweite? Ist er nun frei oder ein Knecht?
Ganz im Gegensatz zum humanistischen Ideal, das den Menschen von seiner Freiheit her definiert, und der Renaissanceausbildung, die er einst genoß, sind die Herrschaftsprinzipien Heinrichs des VIII. Als 9-jährigen trifft Erasmus von Rotterdam den jungen Heinrich, mit dem er später Briefwechsel führt und der nach dem Bruch mit Rom Gründer und höchstes Oberhaupt der anglikanischen Kirche wird. Der Absolutismus ist die charakteristische Staatsform der frühen Neuzeit. In Heinrichs Todesjahr setzt sich in Russland Ivan IV., der Schreckliche, auf den Zarenthron im gerade errichteten Kreml, dem heute ältesten Bauwerk Moskaus. In Österreich regieren die Habsburger, aus denen über 300 Jahre die deutschen Könige und römisch-deutschen Kaiser hevor gehen, darunter Karl V., vor dem als gerade 21-jährigen auch Martin Luther in Worms steht. In Florenz leistet sich die ebenso einflußreiche wie wohlhabende Familie Medici ein ganzes Gefolge von Künstlern, Bildhauern und Gelehrten darunter Machiavelli und Michelangelo.
Boschs Todesjahr steht am Übergang von der Renaissance zur frühen Neuzeit, wo wir auf William Shakespeare und Leonardo da Vinci treffen, und Raffael, dessen Motive der Versöhnung von Religion und Philosophie, Christentum und Antike, Kirche und Staat darstellen, auf Dürer und Cranach, die mit Luther in engem Kontakt standen, letzterer sogar seine Malerei in den Dienst der Reformation und der anti-päpstlichen Propaganda stellt. Der Charakter der Renaissancekunst ist ebenso christlich wie säkular.
Klassische Texte der Antike werden quasi wieder entdeckt und in ihren Originalsprachen, lateinisch, griechisch und hebräisch, heraus gegeben. Die Aufarbeitung der Antike, eingehende Naturbeobachtung, naturwissenschaftliche und mathematische Erkenntnisse und technische Entwicklungen prägen Kunst, Architektur und Musik und rücken den Menschen in ein neues Verhältnis zur Natur und im weitesten Sinne zu Gott. Francis Bacon und zeitgenössische Denker fordern eine Abkehr der Naturforschung von der Metaphysik, von Dogmen und der unkritischen Haltung gegenüber Meinungen von Autoritäten und stattdessen ihre Gründung auf systematischer Untersuchung und Experiment.
Die Bibel wird ins Deutsche übersetzt, Bücher werden gedruckt und von immer mehr Menschen gelesen. Der gregorianische Kalender wird eingeführt und das Rechnen mit arabischen Zahlen statt mit römischen. Der Islam droht in das Abendland einzudringen, während die Vertreter des Christentums gespalten und im Krieg gegeneinander sind. In der neuen Welt begehen die europäischen Eroberer furchtbare Greueltaten an den amerikanischen Ureinwohnern. Die frühe Neuzeit markiert den Beginn der Entstehung der Nationalstaaten, das Verhältnis von Kirche und Staat ist im Wandel. Es ist eine Epoche religiöser ebenso wie wissenschaftlicher, geistiger und kultureller, politischer und sozialer Umwälzungen mit weitreichenden Folgen und universaler Bedeutung dieser Entwicklungen auch für uns.
Katharina Wallhäußer
Fußnoten
(1) zitiert nach http://www.skeptic.com/insight/george-orwell-versus-the-flat-earth/
(2) Francisco Sanches, Quod nihil scitur
(3) Ludwig Wittgenstein, Tractatus logico-philosophicus
(4) Albert Camus, Der Mythos Sisyphos
— freigegeben, um auf brink4u zu erscheinen
— aktualisiert (Zitate, Fußnoten) am 21.08.2016
https://brink4u.com/2016/08/15/1516/

 

Vergessliche Menschheit

Jeden Herbst wenn in der Karibik die Stürme toben, jede Monsunzeit, wenn in Asien weite Landstriche unter Wasser stehen, wecken die Medien Angst vor zunehmenden Umweltkatastrophen. Schnell werden diese Meldungen politisch instrumentalisiert. Die mit dramatischen Schlagzeilen geweckten Ängste sollen dazu bereit machen, schmerzhafte und oft auch ideologisch gefärbte Forderungen durchzusetzen. Momentan ist bei jedem Sturm, jeder Überschwemmung und jedem Erdbeben zu hören: „Die Klimaerwärmung ist schuld.“ Die Story steht immer schon fest, ganz gleich ob ein Sturm tobt, der Regen ausbleibt oder ob ein besonders warmer Sommer zurückliegt. Ausgeklammert werden dann zumeist andere mögliche Ursachen. Selten wird auch daran erinnert, dass Naturkatastrophen zur Menschheitsgeschichte gehören seit sie schriftlich festgehalten wurde.
In einer Art selektiver Wahrnehmung werden gegenwärtige Ereignisse immer wesentlich intensiver wahrgenommen und gewertet als gleiche Geschehnisse der Vergangenheit. Dadurch haben die Menschen jeder Generation den Eindruck, in einer ganz besonders dramatischen oder auch fortschrittlichen Zeit zu leben. Man vergisst eben schnell und überschätzt gewöhnlich seine eigene Epoche.
Christlichen Endzeit- Spekulanten fällt es deshalb leicht, immer wieder neu den Eindruck zu erwecken, die ultimative Krise der Welt stehe unmittelbar bevor und damit die ersehnte Wiederkunft Jesu. Fast immer hat man den Eindruck, gerade in der Gegenwart erlebe man eine große Häufung politischer Krisen, wirtschaftlicher Probleme, kulturellen Verfalls, militärischer Bedrohung usw. – Erst der abwägende Blick in die Vergangenheit hilft dann, wirklich begründete Aussagen machen zu können und nicht immer wieder zu vorschnell in Panik zu geraten.
Am 1.September 1962 erschütterte ein Jahrhundertbeben Persien / Iran. Es war das stärkste Erdbeben, das die Region in den letzten 2500 Jahren erlebte. Selbst in Teheran verließen die Menschen fluchtartig ihre Häuser als das Beben gegen 20.20 Uhr die Erde erschütterte. Obwohl sich das Epizentrum rund 230 km weiter westlich befand wurden auch in der persischen Hauptstadt viele Gebäude schwer beschädigt. 160 Ortschaften wurden weitgehend zerstört. 12 000 Menschen fanden den Tod. Monatelang dauerten die Aufräumarbeiten der leidenden Bevölkerung. Weltweit waren die Völker erschüttert und äußerten ihr Mitgefühl.
Heute sind die erschreckenden Bilder von damals weitgehend vergessen und man fühlt sich schockiert über 112 Tote durch den Wirbelsturm „Irma“ (September 2017). – Dieses Unwetter war durchaus schlimm, aber es ist nicht das Ende der Welt und es ist auch nicht immer bedrohlicher als in vergangenen Jahrzehnten.
„Und der HERR sprach in seinem Herzen: Ich will künftig den Erdboden nicht mehr verfluchen um des Menschen willen, obwohl das Trachten des menschlichen Herzens böse ist von seiner Jugend an; auch will ich künftig nicht mehr alles Lebendige schlagen, wie ich es getan habe. Von nun an soll nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht, solange die Erde besteht!“ (1.Mose 8, 21f.) Michael Kotsch