Input: Brexit und das polarisierte Gequatsche

In den letzten Tagen dominierte Brexit – die Volksentscheidung der Briten zum Austritt aus der Europäischen Union – die Meldungen und Diskussionen in meinen Filtern der sozialen Medien. Silas Deutscher hat einen treffenden Kommentar abgegeben:

Die allermeisten Reaktionen auf den Brexit lassen sich in zwei Gruppen einteilen. Die einen sehen unverzüglich ein Wiedererstarken des Faschismus (im Übrigen ein zu Tode gedroschener Begriff), beschwören allerlei Bilder herauf, und halten ein Comeback der Nationalstaatlichkeit für ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Man ist der Meinung, dass nur braune Dumpfbacken, die durch den schlimmen Neoliberalismus instrumentalisiert und auf hinterhältige Art und Weise rechter Propaganda unterworfen worden sind, für den Brexit gestimmt haben. Diese zweite Gruppe lacht sich nun aber ins Fäustchen und bekundet ihre Freude darüber, dass dem totalitären Politapparat im elitären Brüssel endlich ein schmerzhafter Denkzettel verpasst wurde. Johlend feiern man die Tatsache, dass den linken Träumern nun endlich bang ums Herz werden muss, natürlich ist man davon überzeugt, dass nun wieder alles besser werde.
Ist dieses unfassbare Beharren auf diesem oder jenem Pol nicht eine unfassbarer intellektueller «monster fail»? Beide Positionen idealisieren, teils mit sträflicher Geschichtsblindheit ihren Pol, werfen drastische Begriffe in die Debatte und vermischen, was eigentlich nicht vermischt werden kann (z.B. nationale Autonomie = böse). Fällt man nicht gerade dadurch wieder in dieselbe geschichtliche Problematik zurück, welche unter anderem zur Verwüstung das 20. Jahrhunderts geführt hat? Können sich totalitäre Strukturen etwa nur in Nationalstaaten ausbilden? Oder bilden sich diese etwas nur in zentralisierten Staatskonstrukten? Will man das unlösbare das Zerwürfnis und die Hinfälligkeit unserer politischen Geschichte pragmatisch abzufangen und sachlich gestalten, kann man sich nicht einfach von der eigenen Ideologie verklärt an einem dieser Pole bewegen. Der Mythus des Staates wird ersehnt und er besteht aus einer vollkommenen Einheit der Vielfalt, in welcher weder die Vielfalt die Einheit verdrängt, noch die Einheit die Vielfalt. Unsere politische Geistesgeschichte ist anscheinend dazu verdammt dialektisch zwischen diesen Polen umherzuschwingen, stets im Glauben, nun die Gefahr des Totalitarismus zu überwinden. Die Gefahr wird nicht überwunden werden. Sie kann eingedämmt werden und sie kann zunehmen, mit und ohne Brexit.
http://hanniel.ch/2016/06/25/input-brexit-und-das-polarisierte-gequatsche/

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Die Ökonomie ist ein Glaube wie jeder andere

(D)ie Ökonomie ist ein Glaube wie jeder andere.

Meiner Ansicht nach besteht eine der grössten Lästerungen der Moderne in der Überzeugung, dass es etwas gäbe, das nicht auf einem Glauben beruhen würde. Dass es etwas gäbe, das völlig real, wahrhaft, absolut neutral, wissenschaftlich sei; etwas, das überhaupt nicht mit einem Glauben in Verbindung gebracht werden müsse. Ebendies versuche ich in Zweifel zu ziehen, und ich sage: Jeder Glaube, zu dem wir uns bekennen, also auch der Glaube an die Ökonomie, stützt sich auf Mythen.

… Wir glauben schlicht und einfach, dass die Menschen rational sind. Wir glauben, dass es möglich ist, die Zukunft mithilfe mathematischer Formeln zu beschreiben. Wir glauben an die Möglichkeit, das Unerwartete zu erwarten, was ein Oxymoron darstellt. …

Wir geben nicht zu, dass wir daran glauben dass Menschenwesen rationale Wesen seien (wie absurd das klingt, wenn man das laut sagt!). Eben deshalb leben wir meiner Ansicht nach im Dunkeln. Möglicherweise in einem noch grösseren Dunkel als die Menschen in alter Zeit. Und zwar genau deswegen, weil wir unseren Glauben nicht zugeben.

Tomas Sedlacek. David Orrell. Bescheidenheit. Für eine neue Ökonomie. Hanser: München, 2013. (22-23; 80)
http://hanniel.ch/2016/06/14/zitat-der-woche-die-oekonomie-ist-ein-glaube-wie-jeder-andere/

Totenauferweckung tiefenpsychologisch

Gründlich Lesen (3): Totenauferweckung tiefenpsychologisch
Lukas überliefert in seinem Evangelium die Totenauferweckung zu Nain. Jesus kam in diese Kleinstadt, als der einzige Sohn einer Witwe beerdigt werden sollte.
Lesen wir den Abschnitt (Lk 7,11-17):
Und es begab sich danach, dass er in eine Stadt mit Namen Nain ging; und seine Jünger gingen mit ihm und eine große Menge. Als er aber nahe an das Stadttor kam, siehe, da trug man einen Toten heraus, der der einzige Sohn seiner Mutter war, und sie war eine Witwe; und eine große Menge aus der Stadt ging mit ihr. Und als sie der Herr sah, jammerte sie ihn und er sprach zu ihr: Weine nicht! Und trat hinzu und berührte den Sarg, und die Träger blieben stehen. Und er sprach: Jüngling, ich sage dir, steh auf! Und der Tote richtete sich auf und fing an zu reden, und Jesus gab ihn seiner Mutter. Und Furcht ergriff sie alle, und sie priesen Gott und sprachen: Es ist ein großer Prophet unter uns aufgestanden, und: Gott hat sein Volk besucht. Und diese Kunde von ihm erscholl in ganz Judäa und im ganzen umliegenden Land.
Was ist die Botschaft dieser Geschichte? Anselm Grün hat kürzlich eine Auslegung vorgelegt und meint, die Erzählung zeigt, wie aus einer krankhaften Beziehung eine neue Beziehung von zwei erwachsenen Menschen entstanden ist. Jesus gibt der Mutter den Sohn zurück, der aus seiner Identität als Muttersohn auferstanden ist; der nun endlich wagt, er selbst zu sein (A. Grün, „Damit beide leben können“, Christ in der Gegenwart, 68. Jg. vom 05.06.2016, S. 1–2).
Psychologische Bibelinterpretation
Schauen wir uns zunächst an, wie Grün zu dieser Deutung gekommen ist. Ich fasse die wesentlichen Gedanken zusammen.
Auslegen heißt für ihn, „dass wir das eigene Leben mit dem Text in einen Dialog bringen“. Da zum Leben auch Mutter-Sohn-Beziehungen gehören, lässt sich diese Erzählung als Beziehungsgeschichte auslegen. Die Beziehung zwischen der Witwe und ihrem einzigen Sohn ist sehr eng. Dem Sohn wurde es zu eng. Er konnte darin nicht mehr leben und starb schließlich.
Grün lässt offen, wie der Sohn starb. Wir dürfen vermuten, dass er an der überbordenden Beziehung erstickt ist. Dass eine große Menschenmenge ihn auf einer Leichenbahre aus der Stadt trägt, signalisiert: Er wird aus dem mütterlichen Einflussbereich herausgetragen.
Weshalb spricht Jesus dann die harten Worte: „Weine nicht!“ zur Mutter? Jesus will ihr sagen: „Lass deinen Sohn ziehen. Er muss seinen Weg gehen. Schau da sind viele Menschen, die dich begleiten. Du bist nicht allein.“ Jesus sagt dem Sohn: „Das ist nicht der richtige Ort, an dem du bist. Du kannst dich nicht dein Leben lang auf Händen tragen lassen, Ich befehle dir, stehe auf.“
Der Sohn braucht einen männlichen Beistand, um sich aus dem Einflussbereich der Mutter herauszubewegen und sich auf eigene Füße zu stellen. Denn: „Das griechische Wort egerthete kann beides bedeuten: „Steh auf, aber auch: Wach auf! Mach endlich die Augen auf: Du lebst im mütterlichen Bereich wie in einem Schlafzustand“. Weil Jesus dem Sohn wie ein Vater den Rücken stärkt, kommt er mit seiner eigenen Kraft in Berührung und kann sich gegen seine Existenz auf der Bahre auflehnen. Er spürt jetzt, was ihn bewegt und spricht es an.
So gibt Jesus einer Mutter ihren Sohn zurück. Das ist laut Anselm Grün nicht als Regression zu denken. Der Sohn braucht die Wurzel der Mutter. Er kann sie nicht einfach abschneiden, sonst schneidet er sich selbst vom Leben ab. Jetzt hat er jedoch seine neue Identität gefunden. Wir sehen die gesunde Beziehung zweier erwachsener Menschen.
Verführung durchschauen
Warum lohnt es sich, diese phantasievolle Ausdeutung genauer zu betrachten? Ich glaube, wir finden in ihr bei genauer Betrachtung drei typische Bestandteile von Verführung.
In 2. Timotheus 4,3 lesen wir: „Denn es wird eine Zeit sein, da sie die gesunde Lehre nicht ertragen, sondern nach ihren eigenen Begierden sich selbst Lehrer aufhäufen werden, weil es ihnen in den Ohren kitzelt.“ Mit anderen Worten: Menschen wollen das Evangelium nicht mehr hören. Sie laden sich Leute ein, deren Lehren für die Ohren angenehm zu hören sind. Sie wollen hören, was das Wort verdreht und für ihr selbstsüchtiges Sehnen passend macht. Denn, so schreibt Paulus im nächsten Vers (4,4), man will der Wahrheit nicht mehr Gehör zu schenken, sondern sich erfundenen Fabeln (griech. mythous) zuwenden.
Was ist nun das Verführerische dieser Bibelauslegung?
Erstens rechtfertigt Anselm Grün die Auslegung mit dem Hinweis, dass Bibeltexte auf verschiedene Weise ausgelegt werden dürfen. Nun will er damit nicht etwa sagen, dass Bibeltexte unterschiedlich interpretiert werden. Wir wissen alle, dass das so ist. Grün will sagen: Diese Texte wollen unterschiedlich ausgelegt werden und jede einzelne Auslegung hat ihre Berechtigung. Da die Bibeltexte keine objektive Bedeutung haben, stehen unterschiedliche Auslegungsmöglichkeiten gleichberechtigt nebeneinander. Jede Auslegung ist auf ihre eigene Weise wahr.
Das bringt uns zum zweiten Punkt, der sehr eng mit ersten zusammenhängt. Die Wahrheit einer Auslegung wird hergestellt, indem das eigene Leben in ein Gespräch mit dem Bibeltext eintritt. Verstehen wir Bibelauslegung so, erlangen wir eine Geltungsumkehr. Der Bibeltext wird nämlich im Lichte der eigenen Erfahrung gedeutet. Es ist nicht das Wort Gottes, das Licht in unser Leben bringt, sondern es ist umgekehrt: Wir schreiben dem Wort Gottes einen Sinn zu; wir tränken die Bibel in den Farben unserer eigenen Lebenserfahrung. Die Erfahrung bekommt größere Geltung als der Bibeltext. Wir zwingen den Text in die Knie.
Ein beliebter Trick dafür ist die semantische Neubesetzung von Begriffen oder Aussagen. Wir lesen Dinge hinein, die dort gar nicht stehen, etwa hier die viel zu enge Beziehung zwischen Mutter und Sohn oder die Flucht aus dieser Beziehung durch den Tod. Einzelne Wörter kann man schöpferisch mit Bedeutungen belegen, die sie im Kontext ihrer Verwendung gar nicht tragen. Grün klärt uns zum Beispiel darüber auf, dass das griechische Verb lalein ein Sprechen meint, das aus dem Herzen kommt. Deshalb ist dem Text entnehmbar: Der Sohn spricht nach seiner Auferweckung endlich aus, was er in seinem Herzen spürt.
Es lohnt sich, derartige Beteuerungen zu prüfen. Lukas verwendet das Wort lalein fernerhin in Kapitel 22,60. Während Petrus dort redet (griech. lalountos), kräht der Hahn. Das, was Petrus sagt, ist das Gegenteil von dem, was er im Herzen trägt. Er verleugnet die Wahrheit und weiß es. In einem exegetischen Wörterbuch zum Neuen Testament heißt es: „Im NT findet sich [lalein] nur in der Bedeutung sprechen, reden, wobei die Bedeutungsnuance reden können für eine Reihe von Stellen charakteristisch ist“ (EWNT, Bd. 2, Sp. 828). Genau dieses reden können ist in Lukas 7,15 gemeint. Der Sohn lebt, er kann wieder sprechen!
Das bringt uns zu einen dritten Punkt. Das Sinnzentrum der Erzählung wird verschoben. In den Mittelpunkt rückt, was Jesus den Menschen bringt. Jesus schafft die Heilung, ein Wunder, die Auferweckung, die wiederhergestellte Beziehung.
Wo aber liegt das Sinnzentrum dieser Geschichte? Es steht da (Lk 7,16-17): „Alle aber ergriff Furcht; und sie verherrlichten Gott und sprachen: Ein großer Prophet ist unter uns erweckt worden, und Gott hat sein Volk besucht.“
Ein Mensch kann Tote nicht zum Leben erwecken. Es gibt auch im Alten Testament keine Totenauferweckungen aus menschlicher Kraft. So etwas kann nur Gott. Die Menschenmenge, die das Wunder miterlebt, weiß das. Sie lobt Gott, denn er besucht sein Volk. Dieser Jesus ist ein großer Prophet. Dass Jesus nicht nur mit der Autorität Gottes handelt, sondern selbst Gott ist, bleibt ihnen freilich noch verschlossen. Doch genau darum geht es in dieser Geschichte.
Jesus stillt den Durst des Lebens
Leider sind tiefenpsychologische Auslegungen heute in den Predigten öfter zu hören, als wir es uns wünschen können. Sie haben etwas betörend Angenehmes. Sie rücken den Menschen mit seinen Ängsten, Sehnsüchten und unersättlichen Wünschen ins Zentrum. Das tut gut. Das ist es, was unsere Ohren kitzelt.
Doch die Antworten und Lösungen, die uns diese Auslegungen bieten, sind allzu menschlich. Sie helfen nur für den Augenblick.
Wenn wir hören wollen, was Gott zur Not des Menschen sagt, müssen wir genau hinhören, die Texte gründlich studieren und ihnen das Recht einräumen, unser Leben auszudeuten. Was wir dann bekommen, mag manchmal weh tun. Doch es trägt uns zu Christus. Er kann den Durst unseres Lebens stillen und tut das auch. Wer von dem Wasser trinkt, das Jesus gibt, „den wird in Ewigkeit nicht dürsten, es wird in ihm eine Quelle des Wassers werden, das in das ewige Leben quillt (vgl. Joh 4,13).
http://theoblog.de/gruendlich-lesen-3-totenauferweckung-tiefenpsychologisch/27880 Weiterlesen

Religiöse Motive sind in der Gegenwartsliteratur nicht selten.

Der sensible Umgang mit Sprache, der sich in der Literatur findet, kann für die Theologie ein Anstoss sein, an der sprachlichen Vermittlung ihrer Sinngehalte neu zu feilen, ohne die Differenz zwischen poetischer Erzähl- und argumentativer Reflexionssprache einfach einzuebnen. Zugleich hat die Theologie im Gespräch mit der Gegenwartsliteratur auch Eigenes einzubringen. Wo Literatur Züge von Religionsersatz annimmt und Dichter eine weihevolle Aura um sich verbreiten, wird sie ein warnendes Fragezeichen anbringen müssen. Auch kann es vorkommen, dass Literaturschaffende die Bibel als Steinbruch benutzen oder theologische Denkfiguren nicht nur umschreiben, sondern geradezu entstellen.
Was zu lernen wäre
Die Theologie pflegt mit der Bibel, die eine Bibliothek von Büchern versammelt, ja selbst ein Erbe, dessen poetische Qualität den Vergleich mit der Weltliteratur ebenso wenig zu scheuen braucht wie die Sprachmacht von Augustinus, Luther oder Pascal. Heutige Theologen, die als Zwerge auf den Schultern dieser Riesen stehen, werden im Gespräch mit der Literaturwissenschaft einiges lernen können und müssen. Umgekehrt werden sie aber auch daran erinnern, dass die Rezeption von Literatur verarmt, wenn religiöse Spuren überlesen werden oder eine methodisch enggeführte Philologie die anthropologische Verständigung über letzte Fragen blockiert. Schön wäre es, wenn sich das geschulte Auge für die literarischen Feinheiten eines Textes mit dem geschärften Blick für die Grammatik des Menschen verbinden liesse. Prof. Dr. Jan-Heiner Tück
http://www.nzz.ch/feuilleton/aktuell/gegenwartsliteratur-und-theologie-wenn-die-metaphysischen-antennen-ins-leere-zappeln-ld.13580

 

„Hat Gott auch die Künstler geschaffen?“

Victoria Parsons wird auf der E21-Regionalkonferenz in Bonn einen Workshop zum Thema „Hat Gott auch die Künstler geschaffen?“ anbieten. Ich habe im Vorfeld kurz mit ihr darüber gesprochen. Hier ein Auszug:

E21: Wie bist du selbst zum Thema Kunst gekommen?

Victoria: Bei mir gehörten Musik, Tanzen und Bücher immer zu meinem persönlichen Leben. Es sind wenige professionelle Künstler unter meinen Familienmitgliedern. Wir haben uns jedoch immer auf unterschiedlicher Art und Weise für die Kunst interessiert. Die Bühne z.B. – ob Gesang, Tanz, Laientheater oder den Ablauf hinter den Kulissen – hat irgendwie immer einen Platz in unserem Familienleben gehabt. Meine Oma steht mit 81 selbst ab und zu noch auf den Brettern! Wir haben alle auch immer viel gelesen und uns über verschiedene Geschichten, die Politik und Theologie ausgetauscht. Wir waren also, und sind immer noch, eine Familie, die sehr offen über Dinge in der Welt und der heutigen Kultur reden kann. Ob wir miteinander immer einverstanden sind, ist eine andere Frage (lacht).

Ich musste mich aber zuerst als junge Christin mit dem Thema Kunst und Christsein direkter auseinandersetzen, als ich mit 18 zur Universität ging. Mein Leben änderte sich radikal – dort prasselte eine große Welt von Meinungen und Religionen auf mich ein. Ich hatte keine andere Wahl außer zu versuchen, alles was mir entgegenkam, aus einer christlichen Perspektive zu verstehen und die Kunst gehörte dazu, weil die Literatur auch ein großer Teil meines Fremdsprachenstudiums war. Es ist mir z.B. durch das Studium viel klarer geworden, dass die Menschen (Christen auch) sehr von dem Zeitgeist, d.h. von ihrer Kultur, geprägt sind und dass Kunst eine Art Landwirt für den Ackerboden unseres Denkens und Handelns ist.

Gleichzeitig und besonders später als ich zusammen mit sehr künstlerisch begabten Menschen bei dem Studentenmissionswerk UCCF (so ähnlich wie die SMD in Deutschland) gearbeitet habe, wurde mir noch klarer, wie heikel dieses Thema für viele evangelikalen Christen ist. Meine Mitarbeiter bei UCCF haben mir oft davon erzählt, wie missverstanden sie sich in ihren Gemeinden gefühlt haben. Ob und wie ihre Begabungen mit ihrem Glauben zu versöhnen waren, wussten sie nicht. Aber UCCF hat uns ein tolles theologisches Programm angeboten, wodurch wir uns mit dem Thema mehr auseinandergesetzt haben. Wie du siehst, bin ich dann über die Jahre hinweg auf einer komplexen Art und Weise dem Thema etwas näher gekommen.

E21: Du kommst aus England, hast auch schon in Frankreich gelebt und hast zur Zeit deinen Wohnsitz in Deutschland. Denken Christen über die Kunst überall gleich oder gibt es da Unterschiede z.B. zwischen England und Deutschland?

Victoria: Ich denke, es sind tatsächlich Unterschiede aber ich bin derzeit der Meinung, dass diese vielleicht weniger mit der deutschen, französischen oder englischen Kultur, sondern vielmehr mit einer christlichen Sub-Kultur zu tun haben, oder mit Tendenzen, die wir als Christen oft aufweisen und ausleben. Es gibt sowohl in England als auch in Deutschland eine Tendenz innerhalb konservativeren evangelikalen Gemeinden, die Kunst als eine reine weltliche Sache zu betrachten, die uns mit Versuchung und Sünde bedroht. Wir (ich zähle mich auch dazu!) neigen folglich dazu, uns von der „Welt“ fernzuhalten, uns also monastisch von der heutigen Kultur abzutrennen. Oft wird der Vers „wir sind in aber nicht von der Welt“ zitiert, um diese Einstellung zu begründen. Wir spüren also einerseits die Macht der Zeitgeist unser Handeln und Denken zu beeinflussen, sind aber andererseits nicht komplett von der biblischen Wahrheit überzeugt, dass wir mit allem, was wir tun (Kunst eingeschlossen), Gott verherrlichen können und sollen.

E21: Christliche Künstler haben es nicht immer leicht. Sowohl die säkulare als auch die fromme Szene beäugen sie oft kritisch. Hast du einen Tipp, wie Gemeinden Künstler stärken können?

Victoria: Lies Francis Schaeffer und lade deine Künstler zum Mittagessen ein! OK – das sind zwei Tipps. Aber ernst: zeig Interesse an ihnen. „Kunst und die Bibel“ von Schaeffer ist freundlich, verständlich und bündig genug für jeden Einsteiger geschrieben.

Man muss aber auch kein Experte in Kunst sein, um Fragen zu stellen. Viele künstlerisch begabte Freunde von mir haben sich oft sehr isoliert und verwirrt gefühlt, weil sie einerseits ihr Glauben zusammen mit ihren Gaben nicht in Verbindung setzen konnten; sie hatten dazu keiner, der sich die Zeit mit ihnen dafür genommen hat. Andererseits haben sie sehr viel Missverständnis sowie Entmutigung von Gemeindemitgliedern erlebt. Es ist Teil der Missionsauftrag der Gemeinde, unsere Mitglieder mit der Wahrheit zu bewaffnen, damit sie in ihrem Umfeld mit Integrität für Jesus leben können – wie kann das aber passieren, wo es kein offenes Ohr oder eine Beziehung gibt? Ein cooles Gespräch zusammen mit einem leckeren Essen kann sehr viel lösen.

Hier gibt es mehr: www.evangelium21.net. Zur Anmeldung für die E21-Regionalkonferenz in Bonn vom 1. bis 2. Juli 2016 geht es hier: www.evangelium21.net.
http://theoblog.de/hat-gott-auch-die-kuenstler-geschaffen/27865/

Gott Ist König

Die Regierung des Universums ist nicht demokratisch, aristokratisch, republikanisch oder verfassungsstaatlich, sondern monarchisch. Gott allein gehört die eine ungeteilte legislative, richterliche und exekutive Macht. Seine Allmacht ist nicht abgeleitet, sondern ewig, unbegrenzt und reich in Segen. Er ist der König der Könige und der Herr der Herren (1 Tim 6: 15; Off 19: 6). Sein Königtum ist das ganze All. Ihm gehören die Himmel und die Erde (2 Mose 19: 5; Ps 8: 1; 103: 19; 148: 13). Er besitzt alle Nationen (Ps. 22:28; 47:8–9; 96:10; Jer. 10:7; Mal. 1:14). Und Er ist erhaben über die ganze Welt (Ps. 47:2, 7; 83:18; 97:9).
Er ist König auf ewig (Ps. 29:10; 1 Tim. 1:17); aller Widerstand gegen ihn ist hoffnungslos (Ps. 93:3–4).Sein Reich wird sicherlich kommen (Matt. 6:10; 1 Kor. 15:24; Off. 12:10); seine Herrlichkeit wird geoffenbart werden und sein Name wird vom Aufgang der Sonne bis zu ihrem Untergang gefürchtet (Jes 40:5; 59:19); Er wird König über die ganze Erde sein (Sach 14:9).
Durch seine Herrschaft erhält Er die Welt und etabliert sie so dass sie nicht wankt (Ps 93:1). Er verordnet das Licht und die Dunkelheit (Ps 104:19–20), befiehlt den Regen und hält ihn zurück (1 Mos 7:4; 8:2; Hiob 26:8; 38:22ff.), schenkt Schnee, Raureif und Eis (Ps 147:16), ermahnt und stillt das Meer (Nah 1:4; Ps 65:7; 107:29), sendet Flüche und Zerstörung (5 Mose. 28:15ff.).
Alle Dinge müssen seinen Befehlen gehörchen (Ps 148:8). Mit der gleichen souveränen Macht und Majestät herrscht Er über die Welt der vernünftigen Geschöpfe. Er herrscht über die Heiden (Ps 22:28; 82:8). Er hält die Nationen für nichtig und weniger als nichts (Jes 40: 17), geht mit den Bewohnern der Erde nach seinem Willen um (Dan 4: 35) und lenkt das Herz und die Gedanken aller Menschen (Spr 21: 1).
Herman Bavinck, Reformed Dogmatics: God and Creation, vol. 2 615–616.
http://mehrerekanonen.blogspot.de/2016/05/gott-ist-konig.html