19 Achtundsechziger blicken zurück, 1 Antiachtundsechziger blickt nach vorne

Anlässlich der «Suisse 1968»-Ausstellung im Bernischen Historischen Museum habe ich mir das dazugehörige Buch gekauft: Samuel Geiser, Bernhard Giger, Rita Jost, Heidi Kronenberg, «Revolte, Rausch und Razzien: Neunzehn 68er blicken zurück» (Bern: Stämpfli, 2018). Vorab: Es war das traurigste Buch, das ich in meinem Leben je gelesen habe. Viele Achtundsechziger waren politisch gesehen zwar erfolgreich und politisierten im Gemeinde-, Kantons- oder sogar Nationalrat. Aber persönlich sind meines Erachtens viele gescheitert: Hoffnungslosigkeit, Scheidung, Konkubinat, Esoterik als Stichworte genügen. Natürlich verurteile ich sie nicht, sondern warne vor ihrem Lebenswandel.
Im Buch outet sich ein Doktor der Theologie zum Atheismus, ein anderer zum Konkubinat (Ehe ohne Trauschein) und eine Pfarrerin bekennt, dass sie nicht mehr in die Kirche geht… dass die reformierte Kirche Bern-Jura-Solothurn dieses Buchprojekt trotzdem finanziell unterstützt hat, finde ich gelinde gesagt eine Frechheit, zumal sich die Ideologie der Achtundsechziger in fast allen Punkten vom biblischen Christentum unterscheidet. Es zeigt, dass die reformierte Kirche der Schweiz dringend eine Reformation (Erneuerung unserer Gesellschaft) gemäss der Bibel braucht!
Dieses Buch kann ich gar nicht wiederlegen, weil es 19 Biographien (Lebensgeschichten) mit Erfahrungen enthält. Trotzdem habe ich – auch als Reaktion zu diesem Buch — zu Feder und Tinte gegriffen und zwei Artikel verfasst, um eine Gegenposition einzunehmen:
– Revolution oder Reformation? Auseinandersetzung mit der 1968er Ideologie http://bekennende-kirche.de/2018/09/revolution-oder-reformation-auseinandersetzung-mit-der-1968er-ideologie/
Nochmals: Als Pfarrer verurteile ich keine Menschen, weil jeder Mensch Gottes Ebenbild (vgl. 1.Mose 1,26-27) und damit unendlich wertvoll ist, sondern ich warne eindringlich vor Ideologien (Weltanschauungen), die unser Leben zerstören und eine Kultur des Todes (Abtreibung, Selbstmord, Drogenkultur, Sterbehilfe) fördern.
Das EVANGELIUM, die frohe Botschaft und gute Nachricht, dass Gott uns liebt und uns seine Liebe in seinem Sohn Jesus Christus gezeigt hat, gilt gerade für Achtundsechziger, die suchend nach Liebe, Anerkennung und dem Lebenssinn sind. Für dieses EVANGELIUM und für eine Kultur des Lebens setze ich mich als Christ, Pfarrer und Präsident der Stiftung Zukunft CH ein. Leutwil, 28.12.2018 Michael Freiburghaus  Michael Freiburghaus·Freitag, 28. Dezember 2018

Weihnachtschrist sein

Martin Luther hat sich selbst als Weihnachtschrist bezeichnet. Er konnte sich am Weihnachtsfest so richtig freuen und hat viel dazu beigetragen, dass es so wichtig wurde für die Menschen in Deutschland. Gott ist für Luther wie „ein glühender Backofen voller Liebe“ uns er schreibt: „Wir haben mehr Ursache uns zu freuen als traurig zu sein; denn wir hoffen auf Gott, der da sagt (Johannes 14,19): „Ich lebe, und ihr sollt auch leben.“

Die Geburt Jesu in Bethlehem ist keine einmalige Geschichte, sondern ein Geschenk, das ewig bleibt. Martin Luther

Wenn Gott in Jesus Christus Raum in der Welt beansprucht – und sei es nur in einem Stalle, weil ›sonst kein Raum in der Herberge‹ war – so faßt er in diesem engen Raum zugleich die ganze Wirklichkeit der Welt zusammen und offenbart ihren letzten Grund. Dietrich Bonhoeffer
Gott will nicht tote Christen, sondern Christen, die ihrem Herrn leben. Hören wir dieses Wort nicht, so ist Weihnachten an uns vorübergegangen. Dietrich Bonhoeffer

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„… und aus ist’s mit der Lenkerei“

„... und aus ist’s mit der Lenkerei“

Michail Bulgakows Der Meister und Margarita ist eines der populärsten Werke der modernen russischen Literatur. 1940 vollendet konnte der Roman erst 1966/67 in der Sowjetunion erscheinen. Der Teufel selbst treibt darin in der Gestalt von Voland, des „Spezialisten für schwarze Magie“, in Moskau sein Unwesen.
In der ersten Szene verwickelt er zwei Schriftsteller in ein Gespräch. Einer arbeitet gerade an einem literarischen Angriff auf das Christentum. „Wenn es keinen Gott gibt, wer lenkt dann eigentlich das menschliche Leben und überhaupt den ganzen Ablauf auf der Erde?“, wendet Voland ein. „Der Mensch selbst“, so einer der Schriftsteller. Der Teufel bleibt skeptisch: „Um das alles zu lenken, bedarf es schließlich eines genauen Planes für einen halbwegs angemessenen Zeitraum“. Wie will der Mensch aber alles lenken, wenn er nicht „für so eine lächerliche Frist von… eintausend Jahren“ planen kann? Außerdem kann er sich „nicht einmal sicher sein, was ihm selber der morgige Tag bringt“. Er nennt das Beispiel eines Lungensarkoms, „und schon ist es aus mit Ihrer Lenkerei!“ Den Autor des „antireligiösen Poems“ lässt Voland tatsächlich bald darauf bei einem Unfall sterben.
Wer steht am Ruder des Weltgeschehens – wir selbst, der Teufel oder Gott? In wessen Hand ist unser eigenes Leben? Bulgakows Teufel stürzt Moskau in Verwirrung und betreibt selbst fleißig Lenkerei. Im Roman bleibt es letztlich offen, ob der Mensch der Willkür des Teufels ganz ausgeliefert ist und ob es einen göttlichen Lenker gibt. Voland bekräftigt aber die Existenz Gottes, und auch in der Bibel heißt es ja, dass Teufel und Dämonen in gewissem Sinne an Gott glauben – „und zittern“ (Jak 2,19). Der wahre Teufel handelt aktiv in der Welt und versetzt sie nur zu gern in Chaos, was besonders in Kriegen sichtbar wird. Jesus selbst nannte ihn den „Fürsten dieser Welt“ (Joh 12,31). Auch der Mensch soll über die Natur herrschen, die Erde als eine Art Vizeregent Gottes verwalten (Gen 1,26.28).
Doch der „oberste Herr und Lenker aller Dinge“, so Johannes Calvin im Genfer Katechismus, bleibt Gott selbst. Er lenkt „die ganze Ordnung der Natur“ und „regiert über alle Geschöpfe“. Auch alles Böse und die Teufel unterliegen seiner Kontrolle. Der Reformator weiter: „Es stünde schlimm um uns, wenn den Teufeln und gottlosen Menschen ohne Gottes Willen irgendetwas erlaubt wäre. Bei dem Gedanken, ihrer Willkür ausgesetzt zu sein, müssten wir ja stets unruhigen Gemüts sein. Nur dann können wir ganz ruhig sein, wenn wir wissen, dass ihnen durch Gottes willen Zügel angelegt sind und sie wie in einer Burg gefangen sind, so dass sie ohne seine Erlaubnis nichts tun können.“
„Der Mensch denkt: Gott lenkt – Keine Red davon!“, spottete Bertold Brecht in Mutter Courage. Er spielte damit an Sprüche 16,9 an: „Ein Mensch kann seinen Weg planen, seine Schritte aber lenkt der Herr.“ Auch gläubige Menschen planen natürlich ihr Leben, aber sie wissen und erfahren, dass Gott sie in diesem Planen, Nachdenken und Entscheiden lenkt. Gerade wenn die Zukunft offen und unsicher ist, können sie daher „ganz ruhig“ sein und Gottes Lenkung oder Führung vertrauen.
In der Theologie wird die Lenkung des gesamten Weltgeschehens durch Gott unter dem Begriff „Vorsehung“ betrachtet. In den meisten reformierten Bekenntnissen finden sich dazu Abschnitte (so im Hugenottenbekenntnis von 1559, Art. 8, oder im Zweiten Helvetischen Bekenntnis, 1566, Art. 6,1). Sehr gut erläuertert der Heidelberger Katechismus (1563) in Fr. 27 die Vorsehung: „Die allmächtige und gegenwärtige Kraft Gottes, durch die er Himmel und Erde mit allen Geschöpfen  wie durch seine Hand noch erhält und so regiert, dass Laub und Gras, Regen und Dürre, fruchtbare und unfruchtbare Jahre, Essen und Trinken, Gesundheit und Krankheit, Reichtum und Armut und alles andere uns nicht durch Zufall, sondern aus seiner väterlichen Hand zukommt.“
Auf der Linie Calvins betont auch das Niederländische Bekenntnis (1561) in Art. 13 den persönlichen Trost durch diese Lehre: „Wir glauben, dass der liebe Gott, nachdem er alle Dinge geschaffen hatte, sie keineswegs der Willkür des Zufalls oder Schicksals überlassen hat, sondern dass er selbst, nach Vorschrift seines heiligen Willens, sie immerwährend so regiert und lenkt, dass nichts in der Welt ohne seinen Willen und seine Anordnung geschieht… Diese Lehre aber bringt uns unermesslichen Trost. Denn aus ihr lernen wir, dass uns nichts zufällig trifft, sondern alles nach dem Willen unseres himmlischen Vaters geschieht, der für uns mit wahrhaft väterlicher Sorge wacht… Hierbei beruhigen wir uns völlig, indem wir wissen, dass Gott die Teufel und alle unsere Feinde gleich wie mit einem Zügel so im Zaum hält, dass sie ohne seinen Willen und seine Erlaubnis niemand von uns schaden können.“
Auf dieser von Sünde und Leid gekennzeichneten Erde bedeutet Vorsehung also nicht die Auslöschung alles Bösen, sondern dessen Kontrolle. Mehrfach taucht in den reformierten Texten dafür das Bild der Zügel auf. Der Heidelberger nennt ungewöhnlich konkret verschiedene Übel wie Dürre, Krankheit und Armut. In Hebräer 11,35f ist sogar von Folter und gewaltsamen Todesarten der Glaubenshelden des Alten Testament die Rede.
Das Böse, der Teufel und eine Vielzahl von üblen Gestalten wirken in der Geschichte, aber Gott setzt ihnen auch Grenzen. Die Weihnachtsgeschichte bekräftigt dies. Herodes der Große, der mächtige Vasall der Römer, zwingt die Familie Jesu zur Flucht und ermordert dann auch noch ungehindert Kleinkinder in Judäa (Mt 2,14–16). Die „Könige der Erde“ (Ps 2,2) lehnen sich gegen den „Gesalbten“ auf, aber Gott lacht über sie, ja verspottet sie (V. 4). Zu Pilatus, der auch eine wichtige Figur in Bulgakows Roman ist, sagt Jesus: „Du hättest keine Macht über mich, wenn es dir nicht von oben gegeben wäre“ (Joh 19,11). Zu seiner Zeit „stößt er die Gewaltigen vom Thron“ (Lk 1,52). Denn es ist wahrlich nicht „der Mensch selbst“, der die Geschicke der Welt lenkt. Dies ist eine demütigende Wahrheit, die aber auch „unermesslichen Trost“ schenkt. http://lahayne.lt/2018/12/19/und-aus-ists-mit-der-lenkerei/

Das Recht werdenden Lebens

Mit der Eheschließung ist die Anerkennung des Rechtes des werdenden Lebens verbunden, als eines Rechtes, das nicht in der Verfügung der Eheleute steht. Ohne die grundsätzliche Anerkennung dieses Rechtes hört eine Ehe auf Ehe zu sein und wird zum Verhältnis. In der Anerkennung aber ist der freien Schöpfermacht Gottes, der aus dieser Ehe neues Leben hervorgehen lassen kann nach seinem Willen, Raum gegeben. Die Tötung der Frucht im Mutterleib ist Verletzung des dem werdenden Leben von Gott verliehenen Lebensrechtes. Die Erörterung der Frage, ob es sich hier schon um einen Menschen handele oder nicht, verwirrt nur die einfache Tatsache, daß Gott hier jedenfalls einen Menschen schaffen wollte und daß diesem werdenden Menschen vorsätzlich das Leben genommen worden ist. Das aber ist nichts anderes als Mord. Daß die Motive, die zu einer derartigen Tat führen, sehr verschiedene sind, ja daß dort, wo es sich um eine Tat der Verzweiflung in höchster menschlicher oder wirtschaftlicher Verlassenheit und Not handelt, die Schuld oft mehr auf die Gemeinschaft als auf den Einzelnen fällt, daß schließlich gerade an diesem Punkt Geld sehr viel Leichtfertigkeit zu vertuschen vermag, während bei den Armen auch die schwer abgerungene Tat leichter ans Licht kommt, dies alles berührt unzweifelhaft das persönliche, seelsorger[liche] Verhalten gegenüber dem Betroffenen ganz entscheidend, es vermag aber an dem Tatbestand des Mordes nichts zu ändern. Gerade die Mutter, der dieser Entschluß zum Verzweifeln schwer wird, weil er gegen ihre eigenste Natur geht, wird die Schwere der Schuld am wenigsten leugnen wollen. Dietrich Bonhoeffer (Ethik, Werkausgabe, Bd. 6, S. 203–204)

Dietrich Bonhoeffer: Das Recht werdenden Lebens

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„Menschenrechte statt rechte Menschen: Kirche ist bunt, Gott sei Dank!“

Warum nur der für Menschenrechte ist, der sie auch seinen politischen Gegner verteidigt

Im ökumenischen Pfarrbrief zweier Kirchengemeinden des kleinen Ortes Gilching in Bayern fand sich auf der Rückseite eine Grafik mit dem Text „Menschenrechte statt rechte Menschen“.

Dass im Hintergrund die Fenster einer ‚Kirche‘ in Denver (USA) gezeigt wurde, die den Cannabisgebrauch als Sakrament zum Zentrum einer nichtchristlichen Religion macht („Internationale Kirche von Cannabis“), machte die Sache noch verwirrender, auch wenn sie nur den zweiten Teil des Slogans, „Kirche ist bunt! Gott sei Dank!“ illustrieren soll. Dasselbe gilt für die auffällige, braune Umrandung des Wortes „rechte Menschen“, als wären alle Rechten ‚braun‘. Und dann muss dafür auch noch Gott herhalten! So ganz klar ist die Aussage dabei nicht. Weil Kirche bunt ist, sind Rechte/Braune ausgeschlossen? Rechte Menschen, was auch immer man darunter versteht, sind schlimmer als Cannabisverehrer?

Sicher, die Pfarrer haben sich entschuldigt, sicher, das Heft erschien in einem kleinen Ort und wurde kaum verbreitet, wobei die Grafik es aber ins soziale Netz schaffte. Also könnte man alles auf sich beruhen lassen.

Aber ich will den Anlass trotzdem aufgreifen, weil die Aussage symptomatisch ist und in seltener Plumpheit formuliert, was oft unausgesprochen oder versteckter formuliert im Hintergrund steht.

Zudem: Wenn man bei Google den Slogan „Menschenrechte statt rechte Menschen“ (mit Anführungsstrichen) eingibt und dann auf ‚Bilder‘ klickt, erscheinen mehr als Hundert verschiedene grafische Darstellungen des Satzes. Man kann ihn auf T-Shirts und Pullovern kaufen, er wird als Plakat und Banner bei Demos verwendet, ist Thema von Protestveranstaltungen aller Art, findet sich auf Webseiten von SPD-Ortsverbänden, wurde auch schon mal vom schleswig-holsteinischen SPD-Landesvorsitzenden Ralf Stegner als „Spruch des Tages“ getwittert und wird als Sticker von den Jusos produziert.

Vorweg sei gesagt, dass die historische Einteilung in ‚rechts‘ und ‚links‘ gemäß der Sitzverteilung früherer Parlamente sowieso für eine ernsthafte, differenzierte Diskussion nicht (mehr) taugt. Ich kenne viele Menschen, die in bestimmten Fragen ‚links‘ und gleichzeitig in anderen ‚rechts‘ denken. Das gilt auch für Parteien, denn es gibt weltweit viele, die je nach Thema auf beiden Seiten einzuordnen sind. Was hilft das rechts/links-Schema etwa, um die gegenwärtige FDP zu beschreiben? Zudem stellt inzwischen – zum Teil Dank einer zweihundertjährigen gegenseitigen Verunglimpfung des jeweils anderen Lagers – die ‚Mitte‘ einen starken Anziehungs- und Identifikationspunkt für viele Bürger dar, die rechts und links in unterschiedlichen Mischungen enthält.

Aber ich will im Folgenden einmal so tun, als wenn das rechts/links-Schema wirklich noch Sinn macht.

Und noch eines vorneweg: Man kann ‚links‘ sein und trotzdem meinen, dass dieser Slogan zu weit geht.

„Menschenrechte statt rechte Menschen“

Zum ersten stellt sich die Frage, ob sich Kirchengemeinden so eindeutig als links positionieren sollten, wie es dieser Slogan – wenn auch indirekt – tut, und das unabhängig davon, wie er „rechts“ versteht. Haben nicht neben „Rechten“ wie Hitler auch „Linke“ wie Mao oder Stalin die Kirche bekämpft? Und ist es nicht überhaupt gefährlich, wenn Kirchengemeinden das für alle Zeiten, Kulturen und Menschen gültige Evangelium und die sich daraus ergebenden Werte mit politischen Positionen nationaler Politik einer bestimmten Zeit verknüpfen?

Zum zweiten soll damit wohl gesagt werden, dass alle ‚rechten‘ Menschen irgendwie anrüchig sind und in der bunten Kirche nichts zu suchen haben und man sie lieber nicht in der Gesellschaft sehen möchte. Bei dieser pauschalen Verurteilung ist es dann umso misslicher, dass vage bleibt, wer denn eigentlich ‚rechts‘ ist und wieviele Menschen damit gemeint sind.

Meint man damit Rechtsextremisten – und warum sagt man es dann nicht?

Meint man damit Rechtsextreme und Rechtspopulisten – und warum sagt man das nicht, unterscheidet aber beide auch deutlich? Denn per Definition sind Rechtsextremisten solche, die die Demokratie abschaffen wollen, Rechtspopulisten die, die sie nutzen wollen.

Oder meint man damit alle, die nicht links sind? Das wären bei der letzten Bundestagswahl wohl mehr als die Hälfte der Wähler gewesen, vermutlich auch der Nichtwähler.

Zum dritten wird damit unterstellt, dass man entweder für Menschenrechte ist oder ‚rechts‘ ist. Das soll wohl andeuten, dass Nicht-Rechte immer für den Schutz der Menschenrechte sind. Das ist natürlich Unsinn. Es gibt rechts wie links Extremisten und Populisten, die einige oder alle Menschenrechte einschränken wollen oder gar ablehnen. Und zumindest für den Bereich rechtspopulistischer Parteien ist es zu einfach zu sagen, sie lehnten die Menschenrechte ab.

Zum vierten ist der Slogan nicht gegen eine für falsch gehaltene politische Sicht gerichtet, sondern ‚ad personam‘ gegen Menschen. Man verurteilt die Anderen, und will sie irgendwie nicht mehr in der Kirche haben. Kirchen unterscheiden sonst immer zwischen Sündern und Sünde, warum diesmal nicht? Und Kirche bietet zumindest jedem Seelsorge und Gottes Vergebung an, warum den ‚Rechten‘ nicht? Denn der Slogan heißt ja nicht „Rechte, kehrt um!“, „Rechte, tut Buße“.

Das ist um so ungewöhnlicher, als das Positive keine Personen sind, sondern die Menschenrechte. Sicher ist das auch dem Wortspiel geschuldet, aber trotzdem hätte das Gegenstück dann etwas Entsprechendes sein sollen, zum Beispiel „die Ablehnung der Menschenrechte durch Rechte“.

Zum fünften setzt man – nur dann wäre der Slogan halbwegs verständlich – ‚rechts‘ und ‚rechtsextrem‘ und/oder ‚rechtspopulistisch‘ gleich. Dafür liefern die großen Medien täglich ebenso viele Beispiele wie viele Politiker linker (und linksextremer) deutscher Parteien oder Künstler (‚Rock gegen Rechts‘, korrekt müsste es heißen ‚Rock gegen Rechtsextrem‘). Man unterscheidet aber in der Regel weiterhin deutlich zwischen ‚links‘ und ‚linksextrem‘ und ‚linkspopulistisch’.

Selbst wenn man sagt, dass das längst verbreiteter Sprachgebrauch sei: Sollten Kirchen nicht etwas differenzierter reden, vor allem wenn sie in einem Slogan viele andere Menschen verurteilen?

Mathias Brodkorb ist heute Finanzminister in Mecklenburg-Vorpommern, zudem ausgewiesener Experte zum Rechtsextremismus (z. B. Metamorphosen von rechts. Eine Einführung in Strategie und Ideologie des modernen Rechtsextremismus. Westfälisches Dampfboot, Münster 2003; Extremistenjäger!? Der Extremismus-Begriff und der demokratische Verfassungsstaat. Adebor, Banzkow 2011). Er hat bereits 2008 als Fraktionsvorsitzender der SPD im Landtag in der Süddeutschen Zeitung kritisiert, dass die SPD zu oft die Praxis teile, statt von „rechtsextrem“ einfach von „rechts“ zu sprechen, in der Hoffnung, dass damit die CDU in Misskredit gerate. Auf Dauer werde sich das rächen. Mathias Brotkorb (SPD) reagierte darauf, dass ausgerechnet der CDU-Innenminister von Mecklenburg-Vorpommern, Lorenz Caffier, und der ihm unterstellte Verfassungsschutz ein „Comic gegen Rechts“ veröffentlichten. [Mathias Brotkorb. „Der metaphysische Nazi – die SPD als nützlicher Idiot des bürgerlichen Lagers“. 30.11.2008. Nachdruck aus der Süddeutschen Zeitung.]

Eckhard Jesse. „Warum wir linke Gewalt milder bewerten als rechte Gewalt“. Der Tagesspiegel vom 20.09.2018, siehe auch hier und hier.

Der Deutschlandfunk befragte dazu den Politikwissenschaftler, Professor an der TU Dresden, Werner J. Patzelt („Werner Patzelt im Gespräch mit Susanne Führer“. „Patzelt: Rechts ist nicht gleich rechtsextrem: Politikprofessor nennt ‚Kampf gegen Rechts‘ undifferenziert“, 2.12.2008).

„Es sei in Deutschland üblich geworden unter dem Etikett ‚rechts‘ alles von nicht links bis rechtsextremistisch zusammenzufassen.“

„Kampf gegen rechts. Das klingt irgendwie immer gut, denn gegen Rechts ist ja bekanntlich jeder anständige Mensch hierzulande. Ob nun engagierte Bürger, ob Journalisten, Politologen oder Politiker, gegen Rechts zu sein, ist nicht nur Ehrensache, das ist eine Selbstverständlichkeit. Aber was oder wer ist denn eigentlich rechts? Ist ein Rechter automatisch ein Nazi? Ist er automatisch rechtsextrem? Nein, meint Mathias Brodkorb, das ist ein SPD-Abgeordneter aus Mecklenburg-Vorpommern. Er findet, dass die Begriffsverwirrung von rechts und rechtsextrem, die auch von seiner eigenen Partei betrieben werde, der politischen Kultur schadet und auch der SPD. Das alles war am … in der ‚Süddeutschen Zeitung‘ zu lesen … “

„Ja, da hat er vollständig recht. Es ist in Deutschland üblich geworden unter dem Etikett ‚rechts‘ alles von nicht links bis rechtsextremistisch zusammenzufassen. Und das Ganze hat im Grunde die Funktion, die CDU mit wirklichen Rechtsradikalen und Rechtsextremisten in einen Topf zu werfen und vom hohen Turm des wahrhaft politisch Korrekten aus den bösen Gegner zu bekämpfen. Und dass das hier nun differenzierter gesehen werden soll und dass Sozialdemokraten selbst zu dieser Einsicht gelangen, das ist äußerst lobenswert.“

Aber einmal angenommen, dass man die Auffassung vertritt, dass sich nun mal in den Medien der Sprachgebrauch ‚rechts‘ für ‚rechtsextrem‘ durchgesetzt habe und der Satz „Menschenrechte statt rechte Menschen“ eigentlich nur heißen soll „Menschenrechte statt rechtsextreme (und/oder rechtspopulistische) Menschen“. Und einmal angenommen, es spiele auch keine Rolle, wer sich letztlich dann trotzdem zu Unrecht angesprochen und diskriminiert fühle.

Dann gilt immer noch der folgende Punkt:

Zum sechsten aber ist da der irgendwie im Hintergrund stehende Denkfehler, dass überhaupt irgendjemand wegen seiner Ansichten oder Taten weniger Anspruch auf Menschenrechte hätte. Auch Schwerverbrecher verlieren ihre Menschenrechte nicht. Selbst wenn also alle ‚rechten‘ Menschen Verbrecher wären, gälten die Menschenrechte trotzdem für sie. Solange man Mensch ist, ist man auch Träger der Menschenwürde und der sich aus ihnen ergebenden Menschenrechte, auch wenn man ‚rechts‘ ist und wenn man rechtsextrem ist. Ein Mörder hat deswegen das Anrecht auf ein faires Gerichtsverfahren, in dem er nur aufgrund von Gesetzen verurteilt werden darf, die vor der Tat ordnungsgemäß vom Gesetzgeber beschlossen worden sind. Deutschland setzt sich bekanntlich für deutsche Bürger in anderen Ländern ein, wenn sie Verbrechen begangen haben, aber unverhältnismäßig hart bestraft werden sollen, etwa wenn Drogenhändlern die Todesstrafe droht.

Wer für Menschenrechte ist, muss also immer auch dafür sein, dass die Menschenrechte ‚rechter‘ Menschen geschützt werden. Wer ‚rechten‘ Menschen Menschenrechte vorenthalten will, spricht in Wirklichkeit nicht von Menschenrechten, sondern von parteilichen Rechten für seine eigene politische Spezies, die dann wohl eher als ‚links‘ gesehen wird.

Die Feindbilder rechtsextremer und linksextremer Bewegungen und Parteien sind unterschiedlich. Während tendenziell ‚links‘ eher religiöse Gruppen oder die Religion an sich zum Feindbild werden lässt, verbindet man ‚rechts‘ eher mit einer vermeintlich nationalen Religion und wendet sich gegen ‚Gottlose‘ und gegen ungewünschte Religionen. Während man ‚links‘ eher reiche Menschen zu unerwünschten Mitbürgern erklärt, sind auf der ‚rechten‘ Seite die Feindbilder eher arm (z. B. Asylsuchende, arbeitssuchende EU-Bürger, Hartz-4-Empfänger). Liest man von „Sozialschmarotzern“, meint das tendenziell ‚links‘ eher solche, die zu viel haben, ‚rechts‘ solche, die zu wenig haben. Auch der Antisemitismus hat rechts und links unterschiedliche Ausprägungen und damit Sprachregelungen, die auf den ersten Blick nicht vermuten lassen, dass es sich um dasselbe Phänomen handelt. Ich kann jedenfalls mit Blick auf soziologische Studien nicht erkennen, dass es in Geschichte oder Gegenwart einen ganz grundsätzlichen Unterschied zwischen der Aufgeschlossenheit gegenüber Anderen gibt, je nachdem, ob man eher am linken oder am rechten Rand zu Hause ist. Ich bezweifle, dass man aufgrund seiner politischen oder gesellschaftlichen Zuordnung automatisch häufiger oder seltener diskriminiert oder schlechter oder besser mit allen auskommt. Zudem müsste man hier den Befund mitdiskutieren, dass sowohl Wähler als auch Akteure am rechten und am linken Rand nicht selten die Seiten wechseln.

Es gibt auf Seiten ‚linker‘ Organisationen und ihrer intellektuellen Vordenker solche, die meinen, sie hätten den Menschenrechtsgedanken für sich gepachtet und alle anderen würden die Menschenrechte in Theorie und Praxis mit Füßen treten. Sie machen damit aber gerade den Menschenrechtsgedanken, der über allen Parteien steht und jedem Staat vorausgeht, kaputt und zu seiner parteilichen Angelegenheit.

Das reicht auch in solche Menschenrechtsorganisationen hinein, wo eine politisch ‚linke‘ Ausrichtung Voraussetzung für Leitungsaufgaben zu sein scheint, und gilt auch manchmal in Dachverbänden von Menschenrechtsorganisationen, wo oft eine Mehrheit ‚linker‘ Mitgliedsorganisationen die Aufnahme vermeintlich ‚rechter‘ (und nicht rechtsextremer) Organisationen verhindert.

Schade, denn wenn etwas alle Menschen guten Willens rechts und links einen sollte, wäre es der Einsatz für Menschenrechte!

Ich bin kein Freund von Pegida oder der AfD, wie ich öfter öffentlich gesagt, geschrieben und gezeigt habe. Aber gerade wenn man von den Menschenrechten und der Menschenwürde her gegen sie argumentiert, muss der Umgang mit ihnen auch genau das widerspiegeln! Die Rechte der Demonstranten müssen gewahrt werden, solange sie keine Gesetze brechen. Ihre Forderungen sind Thema politischer Diskussion. Erst da, wo sie die Einschränkung von Menschenrechten fordern, was dann klar belegt werden muss, ist eine rote Linie überschritten – erst recht natürlich, wenn sie Gewalt anwenden.

Und auch die Medien haben so zu berichten, dass die Menschenwürde derer, über die berichtet wird, nicht verletzt wird. Das ist aber etwa automatisch der Fall, wenn man Verbrechen und Untaten pauschal mit DEN „Sachsen“, mit „Chemnitz“, mit DEN „neuen Bundesländern“ in Verbindung bringt, aber auch wenn man die Untaten einzelner Demonstranten allen friedlichen Demonstranten zurechnet, die anwesend sind. All solche Verallgemeinerungen habe ich hundertfach im größten Teil der Berichterstattung über die Ereignisse in Chemnitz gelesen. Selten haben diese Journalisten in großer Breite die Demonstrierenden nach ihrer wirklichen Meinung befragt.

Prof. Dr. theol. Dr. phil. Thomas Schirrmacher

https://www.thomasschirrmacher.info/blog/menschenrechte-statt-rechte-menschen-kirche-ist-bunt-gott-sei-dank/?fbclid=IwAR0Vypo7DyHfY_va6VmytqfBkmLheVIgp_FEFpC16czZEHq_hepvrOBsQZ0

Das Gebet als Lobpreis

So oft Gott uns das Brot zu essen gibt, so oft er seine Sonne scheinen lässt, wenn er uns irgendwelche Kreatur zur Benützung überlässt, dann ist das soviel als wenn er ein Lied anstimmte, um uns zum Singen seines Lobs zu bringen, so wie wenn wir einen Psalm singen: da bringt der, der ihn kann, die anderen in Schwung.
(Johannes Calvin)

Sobald wir mit dem Mund sein Lob vorbringen, dann soll unser Leben Antwort geben und sich mit dem Lob des Mundes vereinigen. Und zu dem Zweck sind hier alle Kreaturen erwähnt. Denn wiewohl unser Herr unsre Zungen ganz besonders dazu geschaffen hat, dass wir ihm die Ehre geben und mit unserm Bekenntnis ihm huldigen, wie er’s verdient, so will er doch auch durch all unsre andern Glieder, durch jedes Stück an uns verherrlicht sein.
(Johannes Calvin, Predigt zu Psalm 148 am 30. September 1554)

Lobpreis ist unsere erste Antwort. Völlig unfähig, zu sagen, was Seine Gegenwart bedeutet, können wir nur singen, können wir nur Worte der Anbetung stammeln. Aus diesem Grunde hat in der jüdischen Liturgie der Lobpreis Vorrang vor der Bitte.
(Abraham J. Heschel)

Veröffentlicht unter Gebet

Schneeballschlachten

Im kleinen Ort Severance im US-Staat Colorado sind Schneeballschlachten seit 100 Jahren illegal. Dass das Werfen von Schneebällen in diesem Winter erstmals offiziell erlaubt sein wird, geht zurück auf die Initiative des 9-jährigen Dane Best. Drei Minuten dauerte sein Plädoyer vor dem Gemeinderat. Dane forderte, dass jeder in Severance in der Lage sein soll, „eine Schneeballschlacht zu haben, wie überall auf der Welt“. Der Rat folgte seinem Antrag einstimmig.
Nicht nur wir fragen uns, wie es zu einem Schneeball-Verbot gekommen ist. Das taten auch die Gemeindebehörden von Severance. Beim Nachforschen stellten sie fest, dass der Ursprung des Wurfverbots ziemlich unklar ist. Seine Wurzeln liegen wohl in einer Regelung aus dem Jahr 1921. Nach dieser ist es untersagt, „Steine oder jegliche anderen Wurfgeschosse“
auf Menschen, Tiere, Gebäude, Bäume und Fahrzeuge zu werfen. Irgendwelche Entscheidungsträger in der Vergangenheit müssen Schneebälle auf diese rote Liste gesetzt haben. Es brauchte fast 100 Jahre und einen 9-jährigen Jungen, um ein ständig weitergesagtes, aber unbegründetes und unsinniges Verbot umzustossen. Schneeballschlachten fördern die Lebensfreude!
Wie wir reden, leben, denken und glauben, ist es doch richtig, oder? Oder kann es sein, dass wir Regeln und Traditionen als Wahrheit betrachten, ohne deren eigentlichen Grund zu kennen? Ich fürchte nämlich, dass wir weit mehr von unserer Kultur, Familie und Sprache geprägt sind, als wir meinen. Wir müssen aufpassen: Während wir die Pollen rausfiltern, verschlucken wir möglicherweise die Kokosnuss!
Jesus wusste um das Problem der verschobenen Proportionen. Im Matthäus-Evangelium bemüht er sich ein ganzes Kapitel lang (Kapitel 23), den religiösen Autoritäten ein Problem vor Augen zu führen: „Ihr gebt noch von Gartenminze, Dill und Kümmel den zehnten Teil, lasst aber die wichtigeren Forderungen des Gesetzes ausser Acht: Gerechtigkeit, Barmherzigkeit und Treue! (…) Die Mücke siebt ihr aus, aber das Kamel verschluckt ihr. (…) Ihr reinigt das Äussere von Becher und Schüssel, aber was ihr drin habt, zeigt eure Gier und Masslosigkeit.“
Viele Differenzen unter Christen entstehen dadurch, dass eigene Vorlieben zum Willen Gottes erklärt werden – sei es in Theologie, Kirche, Ethik, Musik, Kunst. Die Mücken werden rausgesiebt. Unbemerkt bleibt, wie dabei das Kamel verschluckt, das Wesentliche vergessen wird. Achten wir auf unser Herz. Und ertragen wir einander in Liebe. https://www.facebook.com/rolf.hoeneisen

Jesu Tod als stellvertretendes Sühnopfer

Wenn wir uns mit dem stellvertretenden Opfer Jesu beschäftigen, dann handelt es sich dabei um ein Thema, gegen das sich in den letzten 200 Jahren besonders großer Widerstand formiert hat.

Jesu Tod als Gottes Bestimmung

Während wir es gewohnt sind, davon zu sprechen, dass Gott Jesus von den Toten auferweckt hat (vgl. Apg 4,10; 5,30), macht es uns gewisse Schwierigkeiten, zu akzeptieren, dass die Kreuzigung ebenso ein von Gott bestimmtes Ereignis ist. Dabei spricht die Bibel durchaus davon, dass in der Kreuzigung Gott seinen Sohn in den Tod gegeben hat und Er sterben musste. Während wir auf der einen Seite daran festhalten, dass die Menschen durch ihre Sünde den unschuldigen Sohn ans Kreuz gebracht haben, halten wir Golgatha zugleich für ein Heilshandeln Gottes.

Einige sehr starke biblische Aussagen diesbezüglich finden wir bei Paulus: „Er [Gott], der seinen eigenen Sohn nicht verschont, sondern für uns alle dahingegeben hat, wie sollte er uns mit ihm nicht alles schenken?“ (Röm 8,32). „Gnade euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus, der sich selbst für unsere Sünden hingegeben hat, damit er uns herausreiße aus der gegenwärtigen bösen Welt nach dem Willen unseres Gottes und Vaters, dem die Herrlichkeit sei von Ewigkeit zu Ewigkeit“ (Gal 1,3).

Auch Petrus spricht davon, dass Jesus gemäß Gottes „unumstößlichem Ratschluss“ getötet werden musste (vgl. Apg 2,23).

Kurzum: Jesus starb, weil Gott es so geplant hat!

Immer wieder wird in den Evangelien betont, dass Jesus leiden musste: „Und er begann sie zu lehren: Der Menschensohn muss vieles erleiden und von den Ältesten und den Hohen Priestern und den Schriftgelehrten verworfen und getötet werden und nach drei Tagen auferstehen“ (Mk 8,31). Markus gebraucht hier für das „Muss“ seines Todes das griechische δε (dei), welches eine Notwendigkeit bezeichnet, dessen Zeitform für eine göttliche, unabwendbare Bestimmung steht.

Bei Lukas ist die Rede von der Notwendigkeit des Leidens und Sterbens Jesus ebenfalls zu finden. Bevor der Menschensohn wiederkommt, „muss er viel leiden und verworfen werden von diesem Geschlecht“ (Lk 17,25). Und „der Menschensohn muss in die Hände von sündigen Menschen ausgeliefert und gekreuzigt werden und am dritten Tag auferstehen“ (Lk 24,7).

Im Johannesevangelium ist ähnlich von einem „Muss“ des Erhöhtwerdens des Menschensohnes die Rede. So sagt Johannes 3,13-15 beispielsweise: „Und niemand ist in den Himmel hinaufgestiegen außer dem, der aus dem Himmel herabgestiegen ist, der Menschensohn. Und wie Mose in der Wüste die Schlange erhöht hat, so muss der Menschensohn erhöht werden, damit jeder, der glaubt, in ihm ewiges Leben hat.“

Dass diese Erhöhung Jesu die Kreuzigung mit einschließt, wird anhand von Johannes 12,32-33 deutlich: „Jetzt ergeht das Gericht über diese Welt, jetzt wird der Herrscher dieser Welt hinausgeworfen werden. Und ich, wenn ich von der Erde weggenommen und erhöht bin, werde alle zu mir ziehen. Das aber sagte er, um anzudeuten, welchen Tod er sterben sollte.“

Dieses „Muss“ des Sterbens erschließt sich uns noch tiefer, wenn wir erkennen, dass hier an die alttestamentliche Prophezeiungen des leidenden Messias angeknüpft wird. Jesu Tod ist schriftgemäß, da er schon im Alten Testament ankündigt ist. Der Sohn des Menschen geht dahin, „wie von ihm geschrieben wird“ (Mt 26,24). Bei seiner Verhaftung begründet Jesus gegenüber den Jüngern die Gewaltlosigkeit mit der Aussage: „Doch wie würden dann die Schriften in Erfüllung gehen, nach denen es so geschehen muss?“ (Mt 26,54). Lukas berichtet in seinem Evangelium, das schon im Gesetz, bei den Propheten und in den Psalmen darüber geschrieben ist, dass der Menschensohn sterben muss. Weiter lesen wir in Lukas 24,44-48: „Alles muss erfüllt werden, was im Gesetz des Mose und bei den Propheten und in den Psalmen über mich geschrieben steht. Dann öffnete er [Jesus] ihren Sinn für das Verständnis der Schriften und sagte zu ihnen: So steht es geschrieben: Der Gesalbte wird leiden und am dritten Tag von den Toten auferstehen“(vgl. auch Lk 9,22-23).

Dasselbe betont der Auferstandene Jesus bei seiner Begegnung mit Jüngern von: „Wie unverständig seid ihr doch und trägen Herzens! Dass ihr nicht glaubt nach allem, was die Propheten gesagt haben! Musste der Gesalbte nicht solches erleiden und so in seine Herrlichkeit eingehen? Und er fing an bei Mose und allen Propheten und legte ihnen aus, was in allen Schriften über ihn steht“ (Lk 24,25-27).

Als Paulus und Silas auf der zweiten Missionsreise in Thessalonich ankamen, predigte der Apostel auf der Grundlage alttestamentlicher Schriften und „er öffnete ihnen die Augen und legte ihnen dar, dass der Gesalbte leiden und von den Toten auferstehen musste, und er sagte: Dieser Jesus, den ich euch verkündige, ist der Gesalbte!“ (Apg 7,2-3).

Aber auf welche alttestamentlichen Ankündigungen berufen sich Jesus und seine Jünger hier? Die Zahl dieser Bibelstellen ist so umfangreich, dass ich nur einige nennen kann. Im Blick auf das Leiden es Menschensohnes am Kreuz ist Psalm 22 sehr bedeutsam; dort lesen wir in den Versen 2-3 als Ankündigung der Gottesferne bei der Kreuzigung (vgl. Mt 27,46; Mk 15,34): „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen, bist fern meiner Rettung, den Worten meiner Klage? Mein Gott, ich rufe bei Tag, doch du antwortest nicht, bei Nacht, doch ich finde keine Ruhe.“

Doch bereits im Gesetz, also bei Mose, sind Hinweise auf den Tod des unschuldigen Menschensohnes zu finden. In Galater 3,13 teilt Paulus uns mit, dass Christus, obwohl unschuldig, den Tod eines Verbrechers am Holz starb. Hier erfüllt sich, wovon uns schon in 5. Mose 21,22-23 berichtet wird: „Und wenn jemand ein todeswürdiges Verbrechen begeht und er getötet wird und du ihn an einen Pfahl hängst, darf sein Leichnam nicht über Nacht am Pfahl hängen bleiben, sondern du musst ihn noch am selben Tag begraben. Denn ein Gehängter ist von Gott verflucht …“

Wir sind sicherlich alle mit dem bekannten Abschnitt in Jesaja 53 vertraut, wo wir die Weissagung über leidenden Gottesknecht lesen: „Durchbohrt aber wurde er unseres Vergehens wegen, unserer Verschuldungen wegen wurde er zerschlagen, auf ihm lag die Strafe, die unserem Frieden diente, und durch seine Wunden haben wir Heilung erfahren. Wie Schafe irrten wir alle umher, ein jeder von uns wandte sich seinem eigenen Weg zu, der HERR aber ließ ihn unser aller Schuld treffen. Er wurde bedrängt, und er ist gedemütigt worden, seinen Mund aber hat er nicht aufgetan wie ein Lamm, das zur Schlachtung gebracht wird, und wie ein Schaf vor seinen Scherern verstummt. Und seinen Mund hat er nicht aufgetan. Aus Drangsal und Gericht wurde er herausgenommen, doch sein Geschick – wen kümmert es? Denn aus dem Land der Lebenden wurde er herausgeschnitten, der Schuld meines Volks wegen hat es ihn getroffen. Und bei Frevlern gab man ihm sein Grab und bei Reichen, als er starb, obwohl er keine Gewalttat verübt hatte und kein Trug in seinem Mund war. Dem HERRN aber gefiel es, ihn mit Krankheit zu schlagen. Wenn du ihn zur Tilgung der Schuld einsetzt, wird er Nachkommen sehen, wird er lange leben, und die Sache des HERRN wird Erfolg haben durch ihn“ (Jes 53,5-9, vgl. Lk 22,37).

Jesu Tod ist also kein „Zufall, Missgeschick oder Betriebsunfall“, sondern eine in den Heiligen Schriften des Alten Testaments angekündigte Tat Gottes. Deshalb schreibt Paulus den Korinthern: „Denn ich habe euch vor allen Dingen weitergegeben, was auch ich empfangen habe: dass Christus gestorben ist für unsere Sünden gemäß den Schriften, …“ (1Kor 15,3).

Doch dass Jesus diesen beschwerlichen Weg aus eigenem Willen und nicht gezwungener Maßen tat, tritt ebenfalls in der Heiligen Schrift deutlich hervor. So sagt Er selbst vor den Ohren des Volkes: „Darum liebt mich der Vater, weil ich mein Leben lasse, damit ich es wieder nehme. Niemand nimmt es von mir, sondern ich lasse es von mir aus. Ich habe Vollmacht, es zu lassen, und habe Vollmacht, es wieder zu nehmen. Diesen Auftrag habe ich von meinem Vater empfangen“ (Joh 10,17-18); und an Petrus gewandt, offenbart Jesus während seiner Festnahme, dass Er seinen Vater nur darum bitten brauche, und dieser würde Ihm mehr als zwölf Legionen Engel zur Hilfe schicken (vgl. Mt 26,53). Doch Jesus verzichtete auf diesen Anspruch und beugte sich dem Willen seines Vaters, weil Er wusste, dass sein stellvertretendes Leiden und Sterben der einzige Weg sein würde, um Sünder von der Macht und dem Fluch der Sünde zu erlösen (vgl. Lk 22,42).

Jesu Tod als stellvertretende Sühne

Das Verständnis von Jesu Tod als stellvertretende Sühne war seit jeher in der Kirchengeschichte das allgemeine Verständnis der biblischen Texte. Allerdings erfährt dieses Verständnis seit der Aufklärung die lebhafteste Kritik. „Wenn irgendwo theologisch über die Bedeutung des Todes Jesu diskutiert und gestritten wird, geht es immer um den Gedanken der stellvertretenden Sühne, seine Berechtigung, Möglichkeit, Problematik oder Notwendigkeit“, so bezeugt der konservative Theologe Gerhard Barth.

Im Rahmen der Aufklärung wurde die jüdisch-christliche Sühnetheologie einer einschneidenden Kritik unterzogen und die Theologen waren bemüht, den biblischen Sühnegedanken abzuändern und an die Ansprüche der Aufklärung anzupassen. Seit dem ist man bemüht, eine Sühnetheologie zu formulieren, die ohne Genugtuung und Stellvertretung auskommt.

Besonders folgenschwer war hierbei das Urteil Immanuel Kants (1724-1804). Nach Kant konnte die persönliche Sündenschuld (im Gegensatz zu Geldschuld) nicht auf einen anderen Menschen übertragen werden. Umgekehrt ist auch die Zuschreibung einer fremden Gerechtigkeit für ihn unvernünftig. Kant misstraute der reformatorischen Sühnetheologie, da sie nicht zur moralischen Besserung der Welt beitrage. In seinem Buch „Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft“ schreibt er:

„Es ist gar nicht einzusehen, wie ein vernünftiger Mensch, der sich strafschuldig weiß, im Ernst glauben könne, er habe nur nötig, die Botschaft von einer für ihn geleisteten Genugtuung zu glauben, und sie (wie die Juristen sagen) utilitär anzunehmen, um seine Schuld als getilgt anzusehen, und zwar dermaßen (mit der Wurzel sogar), dass auch fürs künftige ein guter Lebenswandel, um den er sich bisher nicht die mindeste Mühe gegeben hat, von diesem Glauben und der Akzeptation der angebotenen Wohltat, die unausbleibliche Folge sein werde.“

So finden wir heute auch in bekenntnisorientierten Kreisen oft ein Sühneverständnis, das ohne die stellvertretende Sühnung und die Anrechnung der Gerechtigkeit Jesu auf die Gläubigen auskommt. Gott tritt demnach als Subjekt der Versöhnung auf, nicht als Objekt. Gott braucht kein sühnendes Opfer, sondern Er schafft Sühne für den Menschen. Diese Sühnetheologie gilt inzwischen als allgemein anerkannt. Es geht darum zu betonen, dass Christus nicht gekommen sei, um Gott mit der Welt zu versöhnen oder damit Gott die Menschen lieben könne. Denn schließlich sei Gott ja die absolute und vorbehaltlose Liebe, und brauche kein Opfer, um versöhnt zu werden. Jesus ist nicht als Sühnopfer gestorben, sondern als Märtyrer seiner Überzeugungen, und um uns zu zeigen, wie sehr Gott uns liebt.

Ist es tatsächlich so, dass die traditionelle Sicht des Sühneopfers auf einer jahrhundertelangen Fehlinterpretation der biblischen Texte beruht? Oder spiegelt sie doch das wider, was die Heilige Schrift zur Sühne sagt.

Schauen wir uns zunächst einige wichtige Textstellen an:

Sühne und Sühnen

Wir finden den kultischen Begriff der Sühne (hilasmos) oder des Sühnens (hilaskomai) zum Beispiel in Hebräer 2,17: „Daher musste er in allem den Brüdern und Schwestern gleich werden, um ein barmherziger und treuer Hoher Priester vor Gott zu werden und so die Sünden des Volkes zu sühnen.“

Dass sich das „Sühnen“ auf Golgatha bezieht, zeigt eindeutig der vorangehende Vers 14, der davon spricht, dass Jesus durch den Tod den entmachtet hat, der „die Macht hat über den Tod, nämlich den Teufel“.

In 1. Johannes 2,2 steht: „Er [Jesus] ist die Sühne für unsere Sünden, aber nicht nur für unsere, sondern auch für die der ganzen Welt.“ Obwohl auch hier Golgatha nicht buchstäblich angesprochen ist, ergibt sich aus dem Zusammenhang eindeutig, dass die Aussage auf den Tod von Jesus Christus bezogen ist.

In 1. Johannes 4,9-10 wird die Sühne nochmals thematisiert: „Darin ist die Liebe Gottes unter uns erschienen, dass Gott seinen einzigen Sohn in die Welt gesandt hat, damit wir durch ihn leben. Darin besteht die Liebe: Nicht dass wir Gott geliebt hätten, sondern dass er uns geliebt und seinen Sohn gesandt hat als Sühne für unsere Sünden.“

Der bedeutsamste Vers steht zweifellos bei Paulus im Römer 3,25: „Ihn hat Gott dazu bestellt, Sühne zu schaffen – die durch den Glauben wirksam wird – durch die Hingabe seines Lebens. Darin erweist er seine Gerechtigkeit, dass er auf diese Weise die früheren Verfehlungen vergibt, …“

Wer mit verschiedenen Bibeln arbeitet, wird feststellen, dass dieser Vers verschieden übersetzt wird. Die Elberfelder Bibel schreibt: „Ihn hat Gott dargestellt zu einem Sühneort“. Bei der Lutherbibel von 1984 heißt es: „Den hat Gott für den Glauben hingestellt als Sühne“. Die Schlachterbibel spricht davon, dass Gott ihn „zum Sühnopfer verordnet“ hat.

Der Begriff hilasterion kann die profane Bedeutung von „Sühne“ oder „Sühnemittel“ haben oder aber einen direkten Bezug zu den Opferritualen des Alten Testaments haben. Die Septuaginta, also die griechische Übersetzung des Alten Testaments, bezeichnet mit hilasterion den Sühnedeckel der Bundeslade. Denselben Begriff verwendet der Autor des Hebräerbriefs, wenn er in Hebräer 9,5 die Bundeslade im Allerheiligsten beschreibt. Martin Luther greift diesen Bezug des Opfers Jesu zum alttestamentlichen Sühneopfer auf, indem er hilasterion in Römer 3,25 mit „Gnadenthron“ übersetzt. Der Vorwurf, dass es sich hierbei um einen logischen Bruch handle – da Christus demnach gleichzeitig als Sühnedeckel und als Opfer, dessen Blut an den Deckel gesprengt wird, erscheint – erweist sich als unbegründet, sobald man erkennt, dass Paulus in Römer 3,25 von der Einsetzung eines neuen, den alten überragenden Sühneortes spricht. An die Stelle der Bundeslade, des Opfers und des bisherigen Sühneritus hat Gott Jesus treten lassen, der durch sein eigenes Blut eine ewige Erlösung erworben (vgl. Hebr 9,12).

Ausgangspunkt der Versöhnung ist, wie schon im Alten Testament, das Handeln Gottes. Gott ist derjenige, der als Subjekt auftritt und Sühne durch seinen Sohn schafft.

Die Formel „für uns“

Doch Jesu stellvertretender Tod wird nicht nur an den Stellen als Sühne für unsere Sünden gedeutet, wo der Begriff „sühnen“ verwendet wird, sondern auch überall dort, wo davon die Rede ist, dass Er „für uns“, „für euch“, „für mich“, für sein Volk“, „für die Schafe“, „für alle“, „für Gottlose“ oder auch „für unsere Sünden“ gestorben ist. Eine Konkordanz zeigt uns die riesige Vielfalt dieser Stellen.

Der hier verwendete griechische Begriff hyper hat einen weiten Bedeutungsumfang und kann deshalb mit „für“, „zugunsten von“ oder auch „anstelle von“ übersetzt werden. An einigen Stellen meint es aber deutlich „stellvertretend“. So heißt es in 2. Korinther 5,21: „Denn er hat den, der von keiner Sünde wusste, für uns [d. h. an unserer Stelle] zur Sünde gemacht, damit wir in ihm die Gerechtigkeit würden, die vor Gott gilt.“

Hier wird deutlich, dass dort am Kreuz ein Rollenwechsel stattfand. Der Sündlose wird zum Träger der Sünde gemacht, damit die Ungerechten vor Gott so gerecht würden, dass sie vor Gott bestehen können. Diese Tatsache finden wir auch in Galater 3,13; Johannes 11,50-52; 18,14; 2. Korinther 5,14f und 1. Petrus 3,18 für Stellvertretung. Zwar muss es nicht immer und überall den Gedanken der Stellvertretung einschließen, sondern kann auch einfach bedeuten, dass etwas zugunsten von etwas oder jemandem geschieht. Doch wenn man darüber nachdenkt und in der Bibel forscht, inwiefern Jesu Tod zu unseren Gunsten geschehen ist, kommt man unweigerlich auf den Stellvertretungsgedanken.

Sühne durch das Blut Jesu

Außerdem wird die Vorstellung der Sühne durch Jesu Tod auch dort deutlich, wo von der heilsamen Wirkung seines Blutes gesprochen wird. Auch hier ist uns Römer 3,25 im Zusammenhang eine wichtige Stelle: „Ich rede aber von der Gerechtigkeit vor Gott, die da kommt durch den Glauben an Jesus Christus zu allen, die glauben. Denn es ist hier kein Unterschied: sie sind allesamt Sünder und ermangeln des Ruhmes, den sie bei Gott haben sollten, und werden ohne Verdienst gerecht aus seiner Gnade durch die Erlösung, die durch Christus Jesus geschehen ist. Den hat Gott für den Glauben hingestellt als Sühne in seinem Blut zum Erweis seiner Gerechtigkeit, indem er die Sünden vergibt, die früher begangen wurden in der Zeit seiner Geduld, um nun in dieser Zeit seine Gerechtigkeit zu erweisen, dass er selbst gerecht ist und gerecht macht den, der da ist aus dem Glauben an Jesus.“

Etwas Ähnliches sagt der Apostel auch zwei Kapitel später, wenn er betont, dass wir durch Christi Blut gerecht geworden sind und deshalb vor dem Zorn Gottes bewahrt werden: „Gott aber erweist seine Liebe zu uns darin, dass Christus für uns gestorben ist, als wir noch Sünder waren. Um wie viel mehr werden wir nun durch ihn bewahrt werden vor dem Zorn, nachdem wir jetzt durch sein Blut gerecht geworden sind! Denn wenn wir mit Gott versöhnt worden sind durch den Tod seines Sohnes, als wir noch Feinde waren, um wie viel mehr werden wir selig werden durch sein Leben, nachdem wir nun versöhnt sind“ (Röm 5,8-10).

Der Epheserbrief spricht ebenfalls zweimal von dieser rettenden Wirkung des Blutes Jesu: „In ihm haben wir die Erlösung durch sein Blut, die Vergebung der Sünden, nach dem Reichtum seiner Gnade, die er uns reichlich hat widerfahren lassen in aller Weisheit und Klugheit“ (Eph 1,7-8). Und auch wir Heiden, die wir einst fern von Gott und von seinen Verheißungen ausgeschlossen waren, sind jetzt „nahe geworden durch das Blut Christi“ (Eph 2,13).

Christi Opfer bringt Juden wie Heiden die Versöhnung mit Gott. Mehr noch: Da nun der Opferkult, der einst Juden und Heiden voneinander trennte, abgetan ist, erwächst durch das Kreuz auch Frieden zwischen Beschnittenen und Unbeschnittenen (vgl. Eph 2,11).

Der bekannte Theologe Wayne Grudem schreibt dazu:

„Das Blut Christi ist der deutliche äußere Beweis, dass sein Lebensblut vergossen wurde, als er den Opfertod starb, um für unsere Erlösung zu bezahlen ‚das Blut Christi‘ meint seinen Tod in seinen errettenden Aspekten. Obwohl wir denken mögen, dass das Blut Christi (als Beweis dafür, dass sein Leben gegeben worden war) sich ausschließlich auf die Beseitigung unserer rechtlichen Schuld vor Gott bezöge – denn darauf bezieht es sich in erster Linie –, schreiben die Verfasser des Neuen Testaments ihm auch mehrere andere Wirkungen zu. Durch das Blut Christi werden unsere Gewissen gereinigt (Hebr 9,14), erlangen wir freimütigen Zugang zu Gott in Anbetung und Gebet (Hebr 10,19), werden wir fortschreitend von der in uns bleibenden Sünde gereinigt (1 Joh 1,7; Offb 1,5b), vermögen wir den Verkläger der Brüder zu überwinden (Offb 12,10-11) und werden wir von einem sündigen Lebenswandel erlöst (1 Petr 1,18).“ (Wayne Grudem, Biblische Dogmatik)

Es ist eben nicht ein tieferes Textverständnis, das den modernen Theologen dazu bringt, die bisherige Vorstellung der Sühnetheologie abzulehnen; es sind vielmehr Vorurteile, der die klaren Texte nicht stehenlassen kann und sie zum Schweigen bringen will. Paulus hat das Herz des Evangeliums darin gesehen, dass die Gottlosen allein durch die Gnade Gottes aus dem Glauben an Jesus Christus gerettet und gerechtfertigt werden (vgl. Eph 2,8-9). Die einzige Möglichkeit, um als Sünder vor Gott als gerecht zu stehen, hat Gott selbst geschaffen, indem Er seinen Sohn dem Tod preisgegeben und Ihn von den Toten auferweckt hat (vgl. Röm 3,21-26; 4,25; 8,31-39 usw.). Petrus bezeichnet Jesus im Hinblick auf die alttestamentliche Tradition vom Brand- oder Ganzopfer als das „Lamm ohne Fehl und Makel“, dessen Blut uns erlöst, also Sühne erwirkt (vgl. 1 Petr 1,19). Dieses Bild steht auch hinter dem Bekenntnis von Johannes dem Täufer: „Seht das Lamm Gottes, das die Sünde der Welt hinwegnimmt“ (Joh 1,29; vgl. Jes 53,7.12).

Die unselige Behauptung, die heutzutage häufig aufgestellt wird, dass die Vorstellung vom Sühneopfer Jesu nur eine unter vielen sei und „keineswegs besonders wichtig“, verdient unseren Unmut und Widerspruch. Das Kreuz Jesu, an dem Er stellvertretend für uns starb, ist die Mitte, das Hauptanliegen und die seligmachende Hoffnung des Evangeliums. Die Entstellung der Sühnetheologie, wie sie uns in der modernen Theologie begegnet, erschüttert die Grundfesten des Glaubens und ist schlichtweg eine Preisgabe der Rechtfertigung, durch die Gemeinde Jesu steht und fällt. Wir haben daher das weiterzugeben, was wir empfangen haben, nämlich dass „Christus gestorben ist für unsre Sünden nach der Schrift“ (1 Kor 15,3). Alles andere ist, wie Paulus warnend hervorhebt, eine Verdrehung des Evangeliums (vgl. Gal 1,6-8). Und Martin Luther bezeichnete es als „der ganzen Christenheit, aller Propheten und Apostel Predigt“. Die Botschaft von dem stellvertretenden Sühneopfer am Kreuz kann nicht oft genug wiederholt, nicht deutlich genug verteidigt und schlechterdings niemals in seiner Bedeutung überschätzt werden.
https://www.evangelium21.net/ressourcen/jesu-tod-als-stellvertretendes-suehnopfer


Der Artikel erschien ursprünglich in: Herold, 59. Jg., Nr. 8 (704), August 2015, S. 4-8.

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Hungersnot

Mitte des 19. Jahrhunderts starben in Irland eine Million Menschen an Hunger. Danach gab es abgesehen von Kriegszeiten in Europa westlich von Russland keine Hungerkatastrophen mehr. Bedürftige gibt es seitdem immer noch, auch in christlichen Gemeinden. Seit der Zeit der ersten Christen ist es Aufgabe der Diakone, sich um die leibliche Not der Menschen in der Kirche zu kümmern. Weiterlesen