Reiß dein rechtes Auge aus

Das bringt uns zu V. 29-30: „Wenn dich aber dein rechtes Auge zum Abfall verführt, so reiß es aus und wirf’s von dir … Wenn dich deine rechte Hand zum Abfall verführt, so hau sie ab und wirf sie von dir.“ Hier haben wir offenbar einen von Jesus’ Lieblingssätzen, denn er sagt ihn später im Evangelium noch einmal. Dort fügt er dem Auge und der Hand noch den Fuß hinzu und bezieht sich nicht speziell auf sexuelle Anfechtungen, sondern allgemein auf „Verführungen“ (Mt 18,7-9). Das Prinzip gilt an sich also umfassender. Doch in der Bergpredigt wendet Jesus es auf diesen Bereich an. Was meint er damit?
Auf den ersten Blick ist es ein seltsames Gebot, ein Auge oder eine Hand oder einen Fuß abzuhauen, die einem Ärger machen. Einige wenige Christen, deren Eifer ihre Weisheit weit überstieg, haben Jesus beim Wort genommen und sich selbst verstümmelt. Am besten bekannt ist vermutlich Origenes, der große Theologe des 3. Jahrhunderts. Er wurde immer extremer in seiner Askese, lehnte Besitz, Essen und sogar Schlaf ab und ließ sich in einer überwörtlichen Auslegung dieser Bibelstelle und der in Matthäus 19,12 tatsächlich kastrieren. Kurz danach verbot das Konzil von Nicäa 325 n. Chr. diese barbarische Praxis zu Recht.
Die Anweisung, ärgernde Augen, Hände und Füße loszuwerden, ist ein Beispiel dafür, wie unser Herr dramatische Stilfiguren einsetzt. Er plädiert hier nicht für eine buchstäblich physische Selbstverstümmelung, sondern für unnachgiebige Selbstverleugnung, wenn es um Dinge der Moral geht. Nicht Verstümmelung, sondern Sterben ist sein Weg der Heiligung, und Sterben oder „sein Kreuz auf sich nehmen und Jesus nachfolgen“ bedeutet, sündhafte Verhaltensweisen so resolut zurückzuweisen, dass sie für uns und wir für sie gestorben sind.139
Was heißt das in der Praxis? Lassen Sie es mich so übertragen:
„Wenn dein Auge dich zur Sünde reizt, weil die Anfechtung über deine Augen zu dir kommt (Dinge, die du siehst), dann reiß dir deine Augen aus – das heißt: Schau nicht hin! Tu so, als ob du dir wirklich die Augen ausgestochen und sie weggeworfen hättest, als ob du jetzt blind wärst und könntest die Dinge gar nicht sehen, die dich vorher zur Sünde verleiteten. Oder wenn deine Hand oder dein Fuß dich zur Sünde verführen, weil die Versuchung durch die Hände und Füße zu dir kommt (Dinge, die du tust oder Orte, an die du gehst), dann hau sie ab – das heißt: Tu’s nicht! Geh nicht hin! Tu so, als ob du deine Hände oder Füße tatsächlich abgeschlagen und weggeschmissen hättest, als wärst du jetzt verkrüppelt und könntest die Dinge gar nicht tun oder die Orte aufsuchen, die dich vorher zur Sünde verleiteten. Das heißt Sterben.
Es fragt sich, ob es je eine Generation gegeben hat, für die diese Lehre Jesu nötiger und auch offensichtlicher anzuwenden gewesen wäre, als die jetzige, die einer Flut von Schmutzliteratur und -filmen ausgesetzt ist. Pornografie ist ein Angriff auf Christen (wie auf alle gesund empfindenden Menschen) – zuallererst, weil sie Frauen zu Sexobjekten degradiert, aber dann auch, weil sie den Betrachter künsdich sexuell stimuliert. Wenn wir ein Problem mit sexueller Selbstbeherrschung haben und uns unsere Füße dann trotzdem zu solchen Filmen tragen, unsere Hände solche Zeitschriften in die Hände nehmen und unsere Augen sich in ihren Bildern suhlen, dann sündigen wir nicht nur, sondern holen uns eine Katastrophe ins Haus.
Damit will ich bestimmt keine Regeln darüber aufstellen, welche Bücher und Zeitschriften ein Christ lesen darf, welche Filme und Theaterstücke er sich ansehen sollte (live oder im Fernsehen) oder welche Kunstausstellungen er besuchen darf. Die Menschen sind verschieden, einige werden schneller erregt als andere und die Auslöser können unterschiedlich sein. Sexuelle Selbstbeherrschung ist für manche leichter als für andere. Manche können eindeutig erotische Bilder (in Printmedien oder im Film) anschauen, ohne irgendwelchen Schaden zu nehmen, während andere sie fürchtbar schädlich finden. Unsere Temperamente sind verschieden und damit auch unsere Versuchungen.
Deshalb haben wir kein Recht dazu, andere zu verurteilen, wenn sie sich mit etwas beschäftigen und dabei ein gutes Gefühl haben. Wir können anderen nur sagen, was Jesus auch gesagt hat: Wenn dich dein Auge zur Sünde verleitet, dann schau nicht hin, wenn dein Fuß dich zur Sünde führt, dann geh nicht hin, und wenn deine Hand dich in Sünde bringt, dann tu’s nicht! Die Regel, die Jesus aufgestellt hat, ist hypothetisch, nicht allgemein. Er verlangt nicht von allen seinen Jüngern – im Bilde gesprochen – sich zu blenden oder zu verstümmeln, sondern nur von denen, die von ihren Augen, Händen oder Füßen zur Sünde verleitet werden. Andere können beide Augen, Hände oder Füße gerne ungestraft behalten, auch wenn sie von manchen Freiheiten vielleicht aus Liebe zu denen mit schwächerem Gewissen oder Willen abstehen werden, aber das ist hier nicht unser Thema.
John Stott zu Matthäus 5,29–30 (Die Botschaft der Bergpredigt, 2010, S. 99–100)

Das Evangelium

Das Evangelium ist die himmlische Verkündigung der Gnade Gottes uns gegenüber, durch die der ganzen Welt, die unter dem Zorn Gottes steht, verkündet wird, dass Gott, der himmlische Vater, in seinem eingeborenen Sohn, unserem Herrn Jesus Christus, versöhnt ist, den er uns dargegeben hat, so wie er es den heiligen Vätern einst verheißen hatte; außerdem wird verkündet, dass uns alles, was zum glückseligen Leben und ewigen Heil notwendig ist, in Christus in Fülle gegeben worden ist, der ja für uns als Mensch geboren, gestorben, von den Toten wieder auferstanden und in den Himmel aufgenommen worden und zu unserem einzigen Herrn und Retter geworden ist, sofern wir unsere Sünden erkennen und an ihn glauben.
Heinrich Bullinger Schriften IV, 2006, S. 265

„Die Hoffnung stirbt zuletzt.“

Schaut man in unseren Tagen mit wachen Augen in die Welt, erlebt man wahrscheinlich alle Arten von Gefühlen: Von «hoffnungslos» bis «Es wird sicher besser». Ohne Hoffnung können wir nicht leben. Was aber gibt es zu hoffen? Welche Hoffnung liegt im Glauben?
Wie sagen wir so schön: „Die Hoffnung stirbt zuletzt.“ Das ist zwar nicht falsch, doch irgendwie riecht es ein bisschen nach billiger Vertröstung, wenn man nichts anderes mehr zu sagen hat. Hoffen kann man ja immer, egal auf was, ob begründet oder nicht. In unserem Sprachgebrauch ist die Hoffnung oft mit einer vagen Vermutung oder mit schlichtem Wunschdenken verknüpft: „Hoffentlich regnet es morgen nicht.“ oder „Ich hoffe, diesmal gewinne ich im Lotto.“
In der Bibel wird Hoffnung anders verstanden. Das griechische Wort elpis kann mit »freudige Erwartung« übersetzt werden. Das Grundgefühl ist hier ähnlich wie bei einem Kind, das sich am Weihnachtsabend auf die Bescherung freut. Die Geschenke liegen ja bereits unter dem Baum, sie sind gewiss. Die biblische Hoffnung nimmt das Gute, das kommt, bereits vorweg. Ja mehr noch, der Hoffende freut sich jetzt schon auf den Guten, der kommt, Jesus Christus. Die christliche Hoffnung knüpft sich an die Verheißung eines neuen, befreiten Lebens, mit Jesus an unserer Seite. Er hat den Bann des Todes gebrochen und somit unserer Hoffnung einen festen Grund und Anknüpfungspunkt gegeben (1. Petrus 1,3). Unser Leben bekommt Perspektive und die Hoffnung wird zur Erwartung. Denn als Christen hoffen wir nicht grundlos, sondern gestützt auf Gottes Zusagen. Deshalb spricht der Apostel Paulus vom „Gott der Hoffnung“: „Der Gott der Hoffnung aber erfülle euch mit aller Freude und Frieden im Glauben, dass ihr immer reicher werdet an Hoffnung durch die Kraft des Heiligen Geistes.“ (Römer 15,13). Gott selbst gibt in Jesus Anlass zur Hoffnung. Von ihm geht Freude und Friede aus und erfüllt das Leben des Glaubenden. Wer hofft, glaubt dem Versprechen Gottes, er rechnet mit seiner Nähe und seinem Beistand in jeder Lebenslage und lebt aus der Zuversicht, dass Gott sein gutes Wort wahr macht. Deshalb haben wir allen Grund zur Freude, denn die Hoffnung siegt zuletzt.

Sterbehilfe: Forderung evangelischer Theologen ist armselig

Professor Dietrich Korsch hat sich unzweideutig zur Sterbehilfedebatte innerhalb der Evangelische Kirche geäußert. Die Theologen Reiner Anselm, Isolde Karle und Ulrich Lilie hatten sich in dem Beitrag „Evangelische Theologen für assistierten professionellen Suizid“ für die kirchliche Begleitung und Suizidbeihilfe von Sterbewilligen in kirchlichen Einrichtungen ausgesprochen (siehe auch hier).
Hier Auszüge aus seinem Leserbrief (FAZ vom 16.01.2020, Nr. 13, S. 8):
Das gedanklich fehlerhafte Urteil des Bundesverfassungsgerichts zum assistierten Suizid, das Selbsttötung als Fall von Selbstbestimmung auffasst und nicht als deren Ende versteht, entlässt punktgenau die zu erwartenden Konsequenzen. Der vorgelegte Beitrag „Den assistierten professionellen Suizid ermöglichen“ betreibt die erforderliche Entsorgung des Gewissens von Ärzten und Seelsorgern im Umgang mit Suizidanten im Namen einer abstrakt-normativen Selbstbestimmung. Bestürzend ist die Beobachtung, dass sich mit den vorgebrachten Wendungen auch eine Tötung auf Verlangen rechtfertigen ließe, wenn sie denn dem festen Willen, also der „Selbstbestimmung“, von Individuen entspringt – nur die geltende Rechtslage bewahrt einstweilen vor dieser Konsequenz. Ethisch kann jedoch mit den Vorbringungen der Autoren nichts dagegen eingewandt werden.
Dass es, wie es sogar im eigenen evangelischen Online-Portal hieß, „hochrangige Vertreter der evangelischen Kirche“ seien, die diesen Weg empfehlen und ihre eigene positionelle Auffassung als „Position der evangelischen Ethik“ ausgeben, kann über die Armseligkeit der Argumentation nicht hinwegtäuschen. Dass zu den Verfassern aber auch der Präsident der „Diakonie Deutschland“ gehört, den schon sein Amt an solchen Verlautbarungen hindern muss, erregt nicht nur tiefe Besorgnis über den Zustand dieses großen kirchlichen Arbeitszweiges; es erfüllt auch mit Zorn.
Vielen Dank für diese klaren Worte!
https://theoblog.de/sterbehilfe-forderung-evangelischer-theologen-ist-armselig/36132/

Der Sühnetod Jesu

„Der Sühnetod Jesu, durch den alle, auch die früher geschehenen Sünden vergeben werden, stellt unter Beweis, dass Gott gerecht ist – Sünder gehen als Gerechte aus dem Endgericht hervor, weil Jesus an ihrer Stelle die Strafe Gottes getragen hat. Weil ἔνδειξις in V. 26 eine soteriologische Bedeutung hat, ist in V. 25 ein Bezug auf Gott selbst plausibel, was das Resümee in V. 26 bestätigt (εἰς τὸ εἶναι αὐτὸν δίκαιον, „damit er gerecht ist“). 2. Das Wort ἔνδειξις bedeutet „Taterweis“, und δικαιοσύνη verweist wie in V. 21.22 auf das Heil schaffende, Gerechtigkeit wirkende Handeln Gottes im Tod Jesu. Der Sühnetod Jesu ist der „Erweis seines gnädigen Tuns“, durch das er den Sündern Gerechtigkeit zueignet. Der erste Auslegungsvorschlag ist am plausibelsten: Gott demonstriert, dass er gerecht ist. Wichtig ist 3,5–6, wo es um die Gerechtigkeit des Zornes Gottes geht: Es gibt keinen Zweifel daran, „dass Gott, wenn er die Vergehen der Menschen nicht beiseite lässt, sondern Ungerechte bestraft, gerecht handelt. Als Zorn gegen Ungerechte stellt der Zorn Gottes nämlich einen gerechten Zorn dar, die Bestrafung der Sünder eine gerechte Handlung, wohingegen die bloße Verschonung von Ungerechten gerade ungerecht wäre.“ Die durch den Tod Jesu erwirkte Sündenvergebung ist keine Amnestie in dem Sinn, dass Gott die Realität des Sündigens der Sünder jetzt einfach ignoriert, nachdem er zuvor ihre Bestrafung im Endgericht angedroht hat. Der Tod Jesu zeigt, dass Gott sich treu bleibt und Sünde bestraft: Jesus ist anstelle der Sünder gestorben, denen deshalb Gerechtigkeit zugesprochen werden kann. Da beide Interpretationen einen Sinn ergeben, sollten sie allerdings nicht streng auseinandergehalten werden, zumal ἔνδειξις in 2Kor 8,24 (wo es zusammen mit dem Verb ἐνδείκνυμι steht) sowohl das Erbringen eines Beweises bezeichnet als auch die Verbindung dieses Beweises mit Zuneigung und eigenem Engagement beschreibt, das auf das Wohlergehen anderer ausgerichtet ist.“ Eckhard Schnabel Römerbrief 3,25 HTA

Bonhoeffer und das Alte Testament

„Ich spüre übrigens immer mehr, wie alttestamentlich ich denke und empfinde, so habe ich in den vergangenen Monaten auch viel mehr A.T. als N.T. gelesen. Nur wenn man die Unaussprechlichkeit des Namens Gottes kennt, darf man auch einmal den Namen Jesus Christus aussprechen; nur wenn man das Leben und die Erde so liebt, daß mit ihr alles verloren und zu Ende zu sein scheint, darf man an die Auferstehung der Toten und eine neue Welt glauben; nur wenn man das Gesetz Gottes über sich gelten läßt, darf man wohl auch einmal von Gnade sprechen, und nur wenn der Zorn und die Rache Gottes über seine Feinde als gültige Wirklichkeiten stehen bleiben, kann von Vergebung und von Feindesliebe etwas unser Herz berühren. Wer zu schnell und zu direkt neutestamentlich sein und empfinden will, ist m.E. kein Christ.“
Widerstand und Ergebung, 1983, S. 86)

Ich möchte Menschen zu nahe treten.

Es gibt unangenehme, gewalttätige, stinkende und nervige Menschen. Sie werden oft gemieden. Manche sind erst so geworden, weil sie gemieden werden. Häufig fordern jedoch kulturelle oder religiöse Sitten, dass man um bestimmte Personen einen Bogen machen soll. Petrus kennt die religiösen Vorschriften. Juden war es zum Beispiel untersagt, das Haus von Heiden zu betreten.Doch Petrus bricht die Regel, und er hat einen Grund: JESUS! Wenn es um die Rettung von Menschen geht, interessieren Jesus religiöse Grenzen so sehr wie die Wasserstandsmeldung auf der Zugspitze. Überhaupt nicht!Und deshalb meidet auch der Apostel Petrus keinen Menschen, weil die Botschaft vom Kreuz und der Auferstehung alle Menschen hören müssen. Und weil Jesus nicht nur der Auftraggeber vom Petrus ist, sondern den Auftrag zur Weltmission allen Christen gegeben hat, deshalb sind Jesus-Leute Grenzverletzer. Wie Missionare mit Anstand den gebührenden Abstand zu Muslimen,Buddhisten und Atheisten einhalten, darf nicht unsere größte Sorge sein. Wir wollen viel mehr anderen Menschen gerne zu nahe treten, also Jesus nahebringen. Auch wenn viele Christen in ihrem kuscheligen Gemeindehaus das merkwürdig finden, ist es würdig, dass wir es uns nicht nur merken, sondern tun.Es geht ums Leben. Die Jesus-Botschaft muss über die Grenzen gebracht werden – zu Juden und Muslimen, Polizisten und Mördern, Millionären und Pennern, Senioren und Kindern. Es geht ums Leben, um das ewige Leben!(Der Autor, Lutz Scheufler (Waldenburg bei Zwickau), ist Evangelist und Liedermacher. Seit 2005leitet er das Evangelisationsteam Sachsen.
http://info1.sermon-online.com/german/LutzScheufler/2014

Brauchen wir die Kirche noch?

Gerhard Wegner, Gründungsdirektor und Leiter des Sozialwissenschaftlichen Instituts der EKD in Hannover, stellt in einem FAZ-Beitrag „Jeder stirbt für sich allein“ die Frage, ob die Kirchen überhaupt noch gebraucht werden (14.01.2021, Nr. 11, S. 12). Mutig stellt er zum Eingang fest, dass die Kirchen zur Corona-Herausforderung nichts zu sagen haben:

Das Virus macht endgültig deutlich, wie nutzlos die Kirchen mittlerweile geworden sind. Religiös Hilfreiches zur Bewältigung der Krise war von ihnen nicht zu hören. Gleich zu Beginn der Pandemie haben es die Bischöfe auf den Punkt gebracht: Gott habe mit Covid-19 nichts zu tun. Damit schossen sie sich selbst aus allen Debatten zur Bewältigung der Krise raus. Hätten sie andere Möglichkeiten gehabt?

Wagner erklärt dann, dass aus soziologischer Sicht die Welt auf die Kirchen sehr gut verzichten kann. Die Welt funktioniert auch ohne Religion:

Immer weniger wird sie in Wirtschaft, Politik oder Wissenschaft angefragt, weil sie dort bestenfalls Verwirrung stiftet. In dem wohl besten religionssoziologischen Buch der letzten Jahre, „Religion in der Moderne“, zeigen Gergely Rosta und Detlef Pollack, warum es völlig falsch wäre, in dieser Situation Religion als nützlich anzubieten. „Die absichtslose, nur um ihrer selbst willen erfolgende Verinnerlichung ihrer Sinnformen ist (…) eine wichtige Voraussetzung ihrer Wirksamkeit.“ Eine Antwort auf die Frage, warum man sich auf sie einlassen soll, muss deswegen offenbleiben.

Religion ist also für die Welt, in der wir leben, objektiv überflüssig. Doch möchte Wagner trotzdem nicht auf sie verzichten. Religion befreit nämlich davon, die Welt so hinzunehmen, wie sie ist:

Das aber bedeutet nicht, dass eine derartig selbstreferentielle Religion sinnlos wäre. Im Gegenteil, die in ihr imaginierten Sichtachsen zum Himmel bieten enorme Möglichkeiten, die „Welt von außen“ zu betrachten und das, was in ihr hoch gehandelt wird, in seiner Wertigkeit zu relativieren.

Ein schöner Text. Und doch bleibt Wagner bei einem menschenzentrierten Religionsverständnis hängen, das sich den Wahrheits- und Rechtfertigungsfragen entzieht und der Welt nicht mehr zu geben hat als Trost. Religion ist für den Christen das, was für den schöpferischen Nicht-Christen die Kunst ist. Opium?

Das Beispiel zeigt augenfällig, dass aus uns Frommen doch ziemlich zahnlose Tiger geworden sind. Ich verstehe das als Ruf zur Umkehr. Sagte Jesus nicht, dass seine Nachfolger das Salz der Erde und das Licht der Welt sind (vgl. Mt 5,13–16)? Der Rückzug ins fromme Gemüt ist nichts anderes als eine Weltflucht.
https://theoblog.de/brauchen-wir-die-kirche-noch/36120/