Der Cullinan-Diamant ist der größte jemals gefundene Diamant.

Es ist eine wahre Geschichte – egal, wie sehr sie vielleicht nach einem Märchen klingen mag. Ein völlig ahnungsloser Mann stolperte über das, was sich als der grösste Diamant der Welt herausstellte – volle 3’106 Karat, oder über ein halbes kg schwer (621 g). Das geschah in der Premium Mine Nr. 2, nahe Pretoria (Südafrika) im Jahr 1905. Wegen des immensen Wertes dieses Diamanten stellte sich für die Besitzer, die den Transport organsierten, ein riesiges Sicherheitsproblem. Wie konnten sie ihn zu ihrem Hauptquartier nach England bringen? Sie haben eine interessante Lösung für ihr Dilemma gefunden. Detektive auf London wurden dazu aufgeboten, ein Dampfschiff zu bewachen, von dem verbreitet wurde, der kostbare, riesige Edelstein wäre dort an Bord. Die Beschützertruppe platzierte ein Paket im Safe des Kapitäns und bewachte es die ganze Fahrt lang.
In Wirklichkeit war das aber nur ein Ablenkungsmanöver. Der «Stein» auf jenem Schiff war nur ein Bluff, dafür gedacht, mögliche Diebe anzuziehen. Der wirkliche, unschätzbare Diamant wurde in einer gewöhnlichen, einfachen Kartonschachtel nach England geschickt (wenn auch einer eingeschriebenen).
105 Steine wurden aus diesem Diamant geschnitten, bekannt als der Cullinan Diamant. Zwei der grössten davon waren der 530-Karat-Stein, der als «Grosser Stern von Afrika» bekannt wurde und der immer noch 317 Karat schwere Cullinan II, beide gehören zu den britischen Kronjuwelen.
Wenn Sie diese Weihnachten vielleicht ihrer Liebsten einen Ring schenken wollten, dann wissen Sie, wie teuer die begehrten Edelsteine sind. Schon Diamanten mit einem viertel Karat und darunter werden heute für Ringe verwendet – je nach Qualität und Schliff kann ein 1-Karat-Diamant ca. 12’000 Franken kosten. Die Dimension des Cullinan – Diamanten ist im Vergleich einfach bombastisch.
Und trotzdem wurde er in einer einfachen Pappschachtel verschickt –
Was für eine wunderschöne Analogie für das, was vor mehr als 2000 Jahren in Bethlehem, in Judäa geschah! Der König der Könige wurde in einem einfachen Stall geboren, lag in einer Krippe auf Stroh, in einem Futtertrog für Tiere.

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„Viele Menschen werden Lobpreis nicht verstehen“ Lobpreis-Musik

Pseudo-christliche Popmusik ohne Inhalt oder Ausdruck einer tiefen Spiritualität? Der Grundsatzstreit um Lobpreis-Musik fand auch auf dem Kirchentag 2015 seinen Widerhall. Im Zentrum Kirchenmusik diskutierten unter anderem der Liedermacher Albert Frey und der Theologe Siegfried Zimmer unter dem Titel „Lobpreis: Genial oder banal?“ über Tiefe und Zukunft der Worship-Musik.
Lobpreis-Musik, auch Worship-Musik genannt, ist nicht unumstritten. „Inhaltsleerer Christenpop“, so lassen sich die Vorurteile gegen die Anbetungslieder prägnant zusammenfassen. Ein Vorurteil, das auch Siegfried Zimmer kennt. „Das Lob in der Bibel ist nur dann gesund, wenn es nicht auf Kosten der Klage geht“, sagt er, schließlich gibt es mehr Klagepsalmen als Lobespsalmen im Alten Testament. Anbetungslieder müssten das berücksichtigen.
Malessa kennt die Szene der christlichen Popmusik schon seit Jahrzehnten. Auch er bringt eine Kritik mit aufs Podium. Er sieht in aktuellen Lobpreis-Liedern nur zwei Gottesbilder, nämlich den Vater und den König: „Für mich sieht Gott in manchen Lobpreisliedern aus wie Ludwig der Zweite im Hermelinmantel auf Neuschwanstein.“ Siegfried Zimmer teilt diese Kritik. Gott sei auch „Gott der Fremde, der Verborgene, das Geheimnis, der Gärtner“, Gottesbilder, die in modernen Lobpreis-Liedern gar nicht vorkämen. Andere Lyrik könne den Lobpreis aus der „evangelikalen Enge“ befreien, in der er laut Zimmer feststeckt.
Der Walheimer Pfarrer Christian Lehmann, sieht diese Konzentration auf wenige Gottesbilder ebenfalls, sagt aber auch: „Es mag eine Engführung sein, aber es ist nicht falsch.“ Lieder müssten ebenso wie eine Predigt nicht immer alles auf einmal sagen. Liedermacher Albert Frey nimmt diese Kritik als Herausforderung: „Was uns völlig fehlt, ist Gott der Schöpfer. Der ist bei uns im Liedgut unterentwickelt.“
Worship ist kein Konzert. Es gibt eine „gefährliche Performancekultur“, die dem Ausdruck der Spiritualität im Lobpreis entgegensteht. Pfarrer Lehmann unterstützt: „Das müssen wir uns fragen: Füllen wir das, was wir singen, mit Glaube, Leben, Liebe?“ Das gelte aber für jede Musik, egal ob Gesangbuchlieder oder Worship.
„Lobpreis muss von innen geboren werden“, sagt Frey. Es brauche das innere Bedürfnis nach einer Beziehung zu Gott. Da helfe es auch nicht, wenn jemand zehn oder zwanzig Lobpreis-Lieder über Jesus singe: „Viele Menschen werden Lobpreis nicht verstehen.
Der ganze Artikel ist unter nachfolgenden Link zu finden.
http://www.evangelisch.de/inhalte/121958/05-06-2015/diskussion-ueber-lobpreis-und-worship-mit-albert-frey-und-siegfrid-zimmer-auf-dem-kirchentag-2015

Papst wird Mutter Teresa heiligsprechen!

Die Heiligsprechung der mazedonisch-albanischen Friedensnobelpreisträgerin wird mit größter Wahrscheinlichkeit am 4. September 2016 stattfinden.
Das Wort Heiliger stammt vom griechischen Wort „hagios“ ab, was soviel wie „gottgeweiht, heilig, sakral, fromm“ bedeutet. Es wird meistens in der Mehrzahl benutzt, „Heilige“. „…Herr, ich habe von vielen über diesen Mann gehört, wie viel Böses er deinen Heiligen in Jerusalem getan hat“ (Apostelgeschichte 9:13). „Es geschah aber, als Petrus, indem er überall hindurchzog, auch zu den Heiligen hinabkam, die zu Lydda wohnten“ (Apostelgeschichte 9:32). „…was ich auch in Jerusalem getan habe; und viele der Heiligen habe ich in Gefängnisse eingeschlossen…“ (Apostelgeschichte 26:10). Es gibt nur einen Fall, wo das Wort in der Einzahl benutzt wird, „ Grüßt jeden Heiligen in Christus Jesus!“ (Philipper 4:21). In der Schrift wird das Wort „Heilige“ in der Mehrzahl 67 mal benutzt, wo hingegen die Einzahl nur einmal gebraucht wird. Aber sogar in diesem einen Fall ist die Mehrzahl der Heiligen in Sicht „…jeden Heiligen…“ (Philipper 4:21).
Der Gedanke des Wortes „Heilige“ ist eine Gruppe von Menschen die für den Herrn und Sein Königreich ausgezeichnet sind. Es gibt drei Referenzen, die vom frommen Charakter eines Heiligen berichten; „…damit ihr sie im Herrn aufnehmt, der Heiligen würdig…“ (Römer 16:2). „…zur Ausrüstung der Heiligen für das Werk des Dienstes, für die Erbauung des Leibes Christi…“ (Epheser 4:12). „Unzucht aber und alle Unreinheit oder Habsucht sollen nicht einmal unter euch genannt werden, wie es Heiligen geziemt…“ (Epheser 5:3).
Deshalb sind, biblisch gesprochen, die „Heiligen“ der Leib Christi, Christen, die Gemeinde. Alle Christen werden als Heilige angesehen. Alle Christen sind Heilige…und gleichzeitig dazu berufen, geheiligt zu sein. Im 1. Korintherbrief 1:2 wird es klar ausgedrückt, „ ..an die Gemeinde Gottes, die in Korinth ist, den Geheiligten in Christus Jesus, den berufenen Heiligen…“ Die Wörter „geheiligt“ und „heilig“ kommen vom selben griechischen Stammwort wie das Wort, das üblicherweise als „Heilige“ übersetzt wird. Christen sind Heilige kraft ihrer Verbindung mit Jesus Christus. Christen sollen heilig sein, und in zunehmendem Maße ihrem täglichen Leben ihre Position in Christus anpassen. Dies ist die biblische Beschreibung und Berufung der Heiligen.
Wie vergleicht sich die römisch-katholische Auffassung des Begriffs „Heilige“ mit der biblischen Lehre? Nicht sehr gut. In der römisch-katholischen Theologie sind die Heiligen im Himmel. In der Bibel sind die Heiligen auf der Erde. In der römisch-katholischen Lehre wird eine Person nicht heilig, bis sie vom Papst oder einem renommiertem Bischof „seliggesprochen“ oder „heiliggesprochen“ wird. In der Bibel ist jeder ein Heiliger, der Jesus Christus im Glauben angenommen hat. In der römisch-katholischen Praxis werden Heilige geehrt, angebetet, und in einigen Fällen verehrt. In der Bibel werden die Heiligen dazu berufen, nur Gott allein zu ehren, verehren und nur zu Ihm zu beten. gotquestions.org

Papst wird Mutter Teresa heiligsprechen!

Wo steckt der Antichrist?

In Rom, wo denn sonst! – So hätte im siebzehnten Jahrhundert wohl so gut wie jeder Engländer geantwortet. Die Mitglieder der Kirche von England zunindest. 1534 hatte Heinrich VIII die Kirche in seinem Land von Rom gelöst und sich selbst an die Stelle des Papstes gesetzt. Unter der Herrschaft seiner Tochter Elisabeth ab 1553 festigte sich die Reformation im Land. Die Monarchin konnte sich über vier Jahrzehnte an der Macht halten, und das trotz zahlreicher Verschwörungen, gerade auch von katholischer Seite. Schließlich hatte Papst Pius V Elisabeth 1570 als Häretikerin offiziell exkommuniziert und die Untertanen von ihrer Gehorsamsverpflichtung entbunden. Hinzu kam, dass Hunderte katholische Priester ins Land geschmuggelt wurden, um die Katholiken im Untergrund zu betreuen und gerade unter den Adeligen für Rom zu missionieren. 1585 erklärte das Parlament es für Hochverrat, wenn ein katholischer Priester englischen Boden auch nur betritt. Ein paar Jahre später konnte der Invasionsversuch durch den spanischen König Philipp II abgewehrt werden.

Auch nach ihrem Tod sah sich die Insel weiter von den katholischen Mächten bedroht, und tatsächlich versuchten englische Katholiken bei der Parlamentseröffnung im November 1605 mit zweieinhalb Tonnen Schießpulver die gesamte Staatsspitze auf einen Schlag zu beseitigen. Der Putsch („gunpowder plot“) schlug fehl und führte zu weiteren scharfen antikatholischen Maßnahmen. So blieben den Katholiken bis ins 19. Jahrhundert viele Bereiche im Bildungssektor und Staatsdienst verschlossen.

Auf dem Hintergrund dieser allein schon politisch sehr aufgeheizten Situation wundert es nicht, dass auch die Autoren des Westminster-Bekenntnisses von 1647 deutlich formulierten: „Es gibt kein anderes Haupt der Kirche außer dem Herrn Jesus Christus. Auch der Papst von Rom kann nicht in irgendeinem Sinn ihr Haupt sein, sondern er ist der Antichrist, der Mensch der Sünde und Sohn des Verderbens, der sich selbst in der Kirche gegen Christus und alles, was Gott genannt wird, erhebt.“ (25,6)

„Der rechte Endchrist“

Die Überzeugung, dass der Antichrist in Rom sitzt, war allerdings ganz und gar keine Erfindung der Briten und nicht ganz neu. Schon im Mittelalter wurden einige der Päpste als Antichristen bezeichnet (durch Joachim von Fiore oder die Franziskaner-Spiritualen). Auch die Vorreformatoren wie John Wycliff (14. Jhdt.) oder Jan Hus (15. Jhdt.) identifizierten das Papsttum mit dem Antichristen. Martin Luther sah ab 1520 den Papst in Rom eindeutig als den endzeitlichen Widersacher Christi an. In den Schmalkaldischen Artikeln von 1537 findet sich dann ein längerer Abschnitt zum Papsttum (II,4), in dem der Reformator den Papst direkt Antichrist nennt: er ist „der rechte Endchrist (Antichrist) oder Widerchrist“. Das Kapitel endet mit einem scharfen Bibelzitat: „Strafe dich Gott, Satan!“ (Sach 2,3). Noch kurz vor seinem Tod brachte Luther 1545 die Schrift Wider das Papsttum zu Rom vom Teufel gestiftet heraus. (Als Illustrator wirkte damals zu dem Thema vor allem Lucas Cranach, s. o. der kolorierte Schnitt.)

Doch es war keineswegs nur der gern mal polternde Luther. Auch in anderen Bekenntnissen wie der Konkordienformel (FC SD X,20,22) und auch schon in Melanchtons Von der Gewalt und Obrigkeit des Papstes (39, 41, 42, 57) und dessen Apologie des Augsburger Bekenntnisses finden sich klare Aussagen (in letzterem Bekenntnis wird die Kirche in Rom „antichristliches Reich“ genannt, XV,18; außerdem fallen dort in XXVI,98 im Hinblick auf die Messe neben Antichrist auch Begriffe wie „Abgötterei“ und „öffentliche Ketzerei“).

Der Antichrist sitzt in Rom. In diesem Punkt waren sich so gut wie alle Reformatoren einig. In den reformierten Bekenntnissen des 16. Jahrhunderts findet sich der Papst als Antichrist aber nur im wenig bedeutsamen Zweiten schottischen Bekenntnis (1581), später dann erst wieder im Westminster-Bekenntnis. Auch die Methodisten (John Wesley) und die Baptisten (C.H. Spurgeon) folgten dieser Linie recht konsequent. Bis ins 19. Jahrhundert bestand in dieser Frage ein breiter protestantischer Konsens.

Rückblickend war die Kritik am Papsttum während der Reformationsepoche im Grunde berechtigt, denn der moralische Verfall Roms war tatsächlich erschreckend. Calvin verurteilte in der Institutio (IV,7,24) Lehre und Lebenswandel der Päpste; sie seien von zahlreichen Irrtümern geblendet und in viel Abgötterei versunken. Mit „Wut“ unterdrückten die Päpste „die wieder aufkommende Lehre des Evangeliums“, und sie feuern auch noch die Fürsten zu „grausamen Wüten“ gegen die Christen an. Er nennt einige grausame und blutrünstige Kirchenfürsten mit Namen, die nur „ihre Macht aufrechterhalten“ wollten. „Mag Rom wohl vorzeiten die Mutter aller Kirchen gewesen sein, so hat es jedenfalls, seitdem es begonnen hat, der Sitz des Antichristen zu werden, aufgehört, das zu sein, was es war.“ Historiker wie Barbara Tuchman bestätigen die tiefe Verderbtheit der damaligen Päpste (s. das sehr gute Kapitel über die Renaissance-Päpste in ihrem The March of Folly / Die Torheit der Regierenden, 1985).

„Das päpstliche System in Geist, Form und Wirkung“

Nun liegt die konfessionelle Feindschaft der Reformationsepoche lange hinter uns. Wie ist diese Frage nun heute zu betrachten? Gilt diese Gleichsetzung von Papst und Antichrist heute noch? Auf höchster Ebene zwischen den großen Kirchen ist der Konflikt gleichsam ausgeräumt: „Der Papst ist nicht der Antichrist… Alle Christen und Kirchen haben Anlass, das Inerscheinungtreten des Antichristen bei sich selbst zu fürchten und um Bewahrung davor zu beten. Kein Amt als solches kann aber mit dem Antichristen identifiziert werden.“ (W. Pannenberg, K. Lehmann, Lehrverurteilungen – kirchentrennend?)

Also alles bloß olle Kamellen? Konservative protestantische Kirchen halten jedoch meist daran fest, dass das Papsttum als Institution antichristlich ist, nicht unbedingt einzelne Päpste (so z.B. die Lutherische Kirche – Missouri-Synode in den USA). Tatsächlich ist das Papstamt für Protestanten weiterhin unakzeptabel, und die kirchliche Macht des Papstes wurde bekanntlich im 19. und 20. Jahrhundert noch ausgebaut, zuletzt noch im neuen Kanonischen Recht (CIC) von 1983. Der Papst als Stellvertreter Christi und als absoluter Herrscher in der Kirche stellt aus evangelischer Sicht das solus Christus massiv in Frage. Alle Protestanten unterstreichen weiterhin, was das Westminster-Bekenntnis in 25,6 positiv bekräftigt: Christus allein ist das Haupt seiner Kirche.

Die amerikanischen Presbyterianer haben in ihrer Redaktion des Westminster-Bekenntnisses von 1788 den Abschnitt zum Haupt in der Kirche und zum Papsttum abgeändert. Es wird geleugnet, dass der Papst in Rom in irgendeiner Weise Haupt sein könne; er wird jedoch nicht mit dem Antichristen identifiziert. (S. auch zu diesem Punkt recht ausführlich das Zweite helvetische Bekenntnis, XVII,6) So deutete dann auch A. A. Hodge im 19. Jhdt.: „Sie [die Autoren des Westminster-Bekenntnisses] meinten wahrscheinlich, dass das päpstliche System in Geist, Form und Wirkung gänzlich antichristlich ist und eine Abweichung vom apostolischen Christentum darstellt.“ (The Confession of Faith, 1869)

Ein Tropfen Papstblut

Aus deutscher Perspektive scheint all dies heute aus einer anderen Galaxie zu stammen. Ist der Papst der Antichrist? Was für eine Frage?! Was für eine törichte Frage! Man schaue sich bitte den Reformer Franziskus an… In Deutschland, wo die Nettigkeit zwischen den großen Kirchen schon seit geraumer Zeit fast keine Grenzen kennt, hält man nichts von Kraftausdrücken à la Antichrist. Und natürlich ist es nur zu begrüßen, dass sich nach Jahrhunderten der Feindschaft die Wogen geglättet haben und sich ein anderer Umgangston eingebürgert hat. Seit 50 Jahren sind die Protestanten in den Augen Roms nicht mehr per se Häretiker, und die Evangelischen haben begriffen, dass die Päpste spätestens seit Johannes XXIII von ganz anderem Zuschnitt sind als die machtlüsternen Fürsten Jahrhunderte zuvor.

Trotzdem bleiben Fragen, und sie kommen gerade aus den Ländern mit dominant katholischer Bevölkerungsmehrheit wie in Südeuropa oder auch im Nordosten, in Litauen. Im deutschsprachigen Raum nimmt man die bescheidenen Gesten des Papstes aus Argentinien wahr; in Litauen begegnet einem der Kult um den verstorbenen Papst auf Schritt und Tritt. 1993 besuchte Johannes Paul II das Land, und wo er damals auch nur seinen Fuß hingesetzt hat, findet man heute in Bronze gegossene Denkmäler oder Gedenktafeln oder Straßennamen oder Pilgerzentren. Will man seinem Seelenheil etwas Gutes tun, pilgert man den Weg des Papstes vom Herbst ’93 nach.

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In diesen Tagen erhielt die Jesuitenkirche in Šiauliai, in der der Papst aus Polen bei seinem Besuch vor über zwei Jahrzehnten einen Gottesdienst hielt, eine wertvolle Reliquie: ein paar Tropfen Papstblut. Vor solchen Objekten der Verehrung, und hinzu kommen die zahlreichen wundertätigen Marienbilder und andere Kanäle besonderer göttlicher Gnade, gehen katholische Christen auf die Knie und erhoffen sich Hilfe. ‘Aufgeklärte’ Katholiken buchen all dies gerne unter dem Stichwort „Volksfrömmigkeit“ ab, aber das macht die Sache in den Augen der Protestanten ja nicht besser: Ist das wirklich wahre Frömmigkeit?

Protestantischer Konsens vs. Sola Scriptura

Aus der Perspektive der Länder mit einem Anteil von 1% Evangelischen wie Italien oder Litauen sind die ollen Kamellen nicht ganz so uninteressant. Am 2. Oktober warf Leonardo De Chirico auf seinem Blog Vaticanfiles die alte Frage auf: „Is the Pope the Anti-Christ?“ Ist der Papst der Antichrist? Darin schilderte der Theologie und Pastor einer reformiert-baptistischen Gemeinde aus Rom die historische protestantische Sicht. Er erläuterte vor allem, was François Turrettini, reformierter Theologe im Genf des 17. Jahrhunderts, zu sagen hatte. De Chirico, auch einer der Leiter der Evangelischen Allianz Italiens, riss ein Thema an und stellte eine Frage, die er aber leider nicht angemessen beantwortete – der Sack blieb nicht zugebunden.

Erst Mitte November nahm der Italiener eindeutiger Stellung. In diesem Interview:

„Luther, Calvin, die protestantischen Bekenntnisse des siebzehnten Jahrhunderts, die Puritaner, Wesley, Spurgeon usw. glaubten, dass das Papsttum (nicht dieser oder jener Papst) die Institution ist, aus der der Anti-Christ schließlich kommen wird. Ich teile diesen breiten protestantischen Konsens. Das Papsttum beansprucht christologische und pneumatologische Titel und Vorrechte (z.B. Stellvertreter Christi, unfehlbarer Lehrer, Oberhaupt der Kirche mit voller, unmittelbarer und universaler Macht), und dies wird mit irdischer politischer Macht gekoppelt. Man bedenke, dass Päpste Monarchen eines souveränen politischen Staates sind. Im Papsttum vermischt sich auf tragische Weise, was Gott und was dem Kaisers gehört. Diese vergiftete Mischung ist das potenzielle Milieu, aus dem der Antichrist emporsteigen kann.“

ChiricoWie wir sahen, hat sich diese Deutung unter den konservativeren Protestanten nach der Reformationsepoche irgendwann  weitgehend durchgesetzt. Nur ganz wenige wagen es nun, die Päpste der jüngeren Zeit direkt als Antichristusse zu bezeichnen. Meist wird das Papsttum als System und Institution antichristlich genannt. De Chirico teilt dem Leser jedoch nicht mit, dass zumindest im 16. und 17. Jahrhundert die jeweiligen Päpste ganz gewiss in die Verwerfung miteingeschlossen wurden. Die klare Differenzierung zwischen Papst und Papsttum und das Erwarten des Antichristen bloß in der Zukunft (die Institution, „aus der der Anti-Christ schließlich kommen wird“) ist sicher in dieser Form nicht der frühe protestantische Konsens. De Chirico betont, dass Turrettini den Antichristen nicht als eine einzelne Person ansah, sondern als eine Reihe von Personen und als ein Amt. Das mag so sein, doch in diese Reihe bezog Turrettini den jeweiligen Amtsinhaber sicher mit ein. Auch ein Puritaner der Zeit, Cotton Mather, meinte unzweideutig: „Noch regiert der Teufel durch seinen Stellvertreter in Rom.“ Hier hätte De Chirico ehrlicher sein sollen und besser behauptet, dass er (wie z.B. Hodge, s.o.) die historische Auffassung in diese Weise deutet.

Wohl nicht zufällig erschien De Chiricos Beitrag kurz vor der Familiensynode im Vatikan im Oktober. Als Gast nahm an der Bischofsversammlung auch Thomas Schirrmacher als Vertreter der Weltweiten Evangelischen Allianz (WEA) teil. Schirrmacher ist wie De Chirico Mitglied der World Reformed Fellowship. Mitte Oktober reagierte er mit „Is The Pope the Antichrist? Not According to Sola Scriptura!“ Ist der Papst der Antichrist? Nicht nach dem Prinzip „Allein die Schrift“.

Schirrmacher zeigte sich darin „dankbar für die Hinweise auf die Reformation und frühe reformierten Quellen [in De Chiricos Text]. Es gibt viel, dass wir modernen Evangelikalen aus diesen Quellen lernen können, was die Arbeit des Evangeliums heute stärken wird.“ Er ist aber überzeugt, dass „die zentralen Beschreibungen des Antichristen in allen Texten des Johannes das Gegenteil von dem sind, wofür der [heutige] Papst steht.“ Weiter schreibt der Theologe aus Bonn:

„Soweit ich es überblicken kann, entdeckt keiner der heutigen evangelikalen exegetischen Kommentare zu 1. Johannes und Offenbarung den Papst oder die katholische Kirche in diesen Texten. Dies sollte, so glaube ich, das Ende der Debatte sein. Wenn wir eine Stellungnahme nicht durch die Exegese der Heiligen Schrift beweisen können, erlaubt uns die Geschichte nicht solch ein hartes Urteil. Selbst Luther hat die Texte bei Johannes nicht exegetisiert, um zu beweisen, dass der Papst der Antichrist ist; er gebrauchte den Begriff einfach gegen den Papst. Lasst uns Luther und der Reformation folgen, indem wir das Prinzip Sola Scriptura anwenden, auch wenn das bedeutet, dass wir mit einigen Meinungen dieser Reformatoren nicht einverstanden sind.“
Beide Artikel finden sich nun hier auf der Seite der World Reformed Fellowship – mit Nachträgen zum jeweiligen Beitrag des anderen. De Chirico meint, dass Schirrmacher seine Sicht völlig falsch dargestellt habe. Er habe nicht behauptet, dass Papst Franziskus der Antichrist sei. Schirrmacher wiederum sieht sich dem Vorwurf ausgesetzt, manche evangelikale Leiter hätten eine naive Sicht gegenüber dem heutigen Papst. Er verteidigt hier die Gespräche der WEA im Vatikan und ruft dazu auf „den Charakter des heutigen Papstes und die Theologie, für die er und seine Kirchen stehen“, als „zwei sehr unterschiedliche Dinge“ zu erkennen. Und aus eigener Erfahrung und aktiver Teilnehmer der Familiensynode unterstreicht er, wie viel sich geändert hat: „Nun kann man als Evangelikaler die eigenen Überzeugungen im Vatikan vorbringen.“

Antichristliches – aber wo?

Eine richtige Debatte hat sich auf dem Blog der World Reformed Fellowship leider nicht entwickelt. Viele Missverständnisse und ein aneinander Vorbeireden, so scheint es doch, hat die Diskussion gekennzeichnet. De Chirico wählte eine etwas reißerische Überschrift, wenn auch mit Fragezeichen, nimmt nicht klar Stellung und wundert sich dann, dass er nicht präzise verstanden wird. Warum ausgerechnet zu so einem Zeitpunkt so ein Text, der ja wohl bei den meisten Lesern so verstanden wird, dass der Papst eben der Antichrist sein könnte? Und die Kritik an die Adresse der WEA-Vertreter kommt nur zwischen den Zeilen daher und ist nicht konkret genug.

Auf der anderen Seite sieht Schirrmacher mit einer exegetischen Frage die Debatte beendet, sagt aber nicht, wo denn die Reformatoren z.B. im Hinblick auf das Papsttum richtig lagen. Hier stellt sich die Frage, was wir denn heute konkret für die Beziehung mit Rom „aus diesen Quellen lernen können“? Evangelikale und Rom – hat uns die strenge Sicht der vergangenen Jahrhunderte noch irgendetwas zu sagen? Wenn ja, was?

Man sollte mit Identifikationen heute tatsächlich vorsichtig sein, da die Deutung der entsprechenden Bibelstellen schwierig ist. Der „Antichrist“ (gr. antichristos) wird im NT nur in den Johannesbriefen erwähnt (1 Joh 2,18.22; 4,3; 2 Joh 7). Der „Mensch der Bosheit“ und der „Sohn des Verderbens“ (2 Thess 2,3) sowie die „falschen Christusse und falschen Propheten“ (Mt 24,24) werden ebenfalls traditionell mit dem Antichristen in Verbindung gebracht. Dann gibt es noch die Ausführungen zum widergöttlichen Tier in  Off 12–13, Dan 7–9, 11 und weitere Widersacher Gottes im AT.

Ohne hier ins Detail zu gehen ist ja zu erkennen, dass es um eine Person und um mehrere Personen geht (Plural in 1 Joh 2,18); dass sowohl die Zukunft, als auch die Gegenwart (1 Joh 4,3) im Blick sind; dass daher mehrfache Erfüllungen von Prophezeiungen denkbar scheinen. Hinzu kommt, dass daneben auch von antichristlichem Geist oder einer Art System (2 Thess 2,7) die Rede ist.

Bei Johannes steht die falsche Lehre des Antichristen im Mittelpunkt, eine falsche Christologie (2 Joh 7), und im Blick waren damals wohl die ersten Gnostiker, die die Inkarnation leugneten. Nun leugnet die römische Kirche die Fleischwerdung Christi natürlich nicht, aber ist damit das ganze Thema schon vom Tisch? Wie sind in diesem Zusammenhang die anderen falschen Lehren der römischen Kirche einzuordnen?

Im Westminster-Bekenntnis geht es im betreffenden Abschnitt einzig um das Haupt der Kirche; auch in der ersten der zehn Berner Thesen (1528) wird unterstrichen, dass allein Christus das Haupt der Kirche ist und diese nur auf seine Stimme zu hören habe. Wie ist das heutige Papstamt in dieser Hinsicht zu bewerten? Wenn das gr. „anti“  im Sinne der Konkurrenz gedeutet wird, dann kann Louis Berkhof gefolgt werden, der in seiner systematischen Theologie von 1938 „Elemente des Antichristen“ im Papsttum sieht; weitere Identifizierung will dieser aber nicht vornehmen.

Die widerchristlichen Lehrelemente sind also am besten konkret zu benennen. Dabei gilt es aber schließlich zu bedenken, dass jede Kirche zu einer der „Synagogen des Satans“ (Westminster, 25,5) werden kann. Dies ist ja auch die richtige Warnung bei Pannenberg/Lehmann, wenn vor dem „Inerscheinungtreten des Antichristen“ (s.o.) in der jeweils eigenen Kirche gewarnt wird. Aber hier sollte man dann auch hier und da konkret werden. So denke ich, dass Johannes Paul II sicher nicht der Antichrist war, aber wie soll man den für Protestanten äußerst abstoßenden Kult um sein Blut anders bezeichnen als widerchristlich?

Protestanten wiederum müssen auf die Warnung J. Gresham Machens hören. In Christianity and Liberalism (1923) betonte der reformierte Theologe, dass der theologische Liberalismus seiner presbyterianischen Konfession höchst destruktiv und „antichristlich bis zur Wurzel“ war. Machen unterstrich sogar, „wie groß das gemeinsame Erbe mit der Kirche Roms ist“. Naiv war er natürlich dennoch nicht: Zwischen Rom und den konservativen Protestanten erstreckt sich ein tiefer Graben. Doch dieser ist geradezu flach „verglichen mit dem Abgrund, der zwischen uns und den [liberalen] Geistlichen unserer eigenen Kirche liegt“. Deren Lehre bezeichnet Machen äußerst streng als „im Kern antichristlich“. Wir sollten also durchaus in diesen Kategorien der Widerchristlichkeit denken. Die Frage nach dem Antichristen und dem Antichristlichen ist berechtigt und muss konkret gestellt werden. Den Katholiken und Protestanten gerade auch im Hinblick auf das eigene Lager.

Lernen von Franziskus

Eine letzte Bemerkung: der heutige Papst ist bekannt dafür, dass er den bürokratischen Apparat des Vatikans umgeht und gerne mal selbst zum Hörer greift. Schirrmacher schildert dies aus eigener Erfahrung. Nun zeigt aber die „Debatte“ zwischen den WEA-Vertretern und dem Italiener einmal wieder, dass die Chemie hier irgendwie nicht stimmt – wer auch immer dafür die Hauptverantwortung trägt (wie so oft hat so eine Missstimmung gewiss zwei Seiten). Die Kommunikation der evangelikalen Leiter ist offensichtlich verbesserungsfähig. Sollte man sich nicht den Papst zum Vorbild nehmen und einfach mal zum Telefon greifen, wenn unterschiedliche Sichtweisen durch die Luft wabern und die Atmosphäre zu vergiften drohen?
http://lahayne.lt/2015/12/05/wo-steckt-der-antichrist/

Abwesenheit

„Zunächst: es gibt nichts, was uns die Abwesenheit eines lieben Menschen ersetzen kann, und man soll das auch garnicht versuchen; man muß es einfach aushalten und durchhalten; das klingt zunächst sehr hart, aber es ist doch zugleich ein großer Trost; denn indem die Lücke wirklich unausgefüllt bleibt, bleibt man durch sie miteinander verbunden. Es ist verkehrt, wenn man sagt, Gott füllt die Lücke aus; er füllt sie garnicht aus, sondern er hält sie vielmehr gerade unausgefüllt, und hilft uns dadurch, unsere echte Gemeinschaft miteinander – wenn auch unter Schmerzen – zu bewahren. Ferner: Je schöner und voller die Erinnerungen, desto schwerer die Trennung. Aber die Dankbarkeit verwandelt die Qual der Erinnerung in eine stille Freude. Man trägt das vergangene Schöne nicht mehr wie einen Stachel, sondern wie ein kostbares Geschenk in sich.“
Bonhoeffer an seinen besten Freund, Eberhard Bethge. Widerstand und Ergebung, S.198.

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Christ, Politik und Flüchtlingskrise

Es reicht für den Kaiser, daß er Vernunft hat. (Martin Luther, 1528)

Politik „der Offenherzigkeit und Nächstenliebe“?

So viel Debatte war lange nicht in den deutschen Medien. Weil es eben um die nüchterne Wirklichkeit geht, die dem Staat aus der Hand zu gleiten droht. Wer hätte es vor einem Jahr für möglich gehalten, dass der bayerische Ministerpräsident aus der Schwesterpartei der Kanzlerin mit dem Verfassungsgericht droht? Oder dass beträchtliche Teile der Unionsfraktion im Bundestag Merkel Kontra bieten? Dass CDU-Mitglieder von der Basis ihrer Chefin offen Versagen vorwerfen (wie die Tage in Sachsen)?

Die Regierungschefin hält bislang an ihrer Flüchtlingspolitik ohne Grenzen – ohne die zahlenmäßige Obergrenze, ohne Zurückweisungen und ohne den vielbeschworenen ‘Stacheldraht’ – fest. So wundert es nicht, dass selbst ein besonnener FAZ-Mitherausgeber wie Berthold Kohler in einem Kommentar fragt: „Was aber wollen wir? Niemand will, dass Deutschland sich einmauert wie die DDR. Doch heißt das im Umkehrschluss, man könne niemanden mehr davon abhalten, nach Deutschland zu kommen? Kann ein Staat tatsächlich nicht mehr bestimmen, wer sein Gebiet betritt?“

Andere werden noch deutlicher. Stefan Aust bezeichnete die These Merkels, es läge nicht in unserer Hand, wie viele Flüchtlinge zu uns kommen, als ebenso falsch wie gefährlich und als einen „politischen Offenbarungseid“. Weiter auf „Welt-online“: „Moralisch verbrämt wird hier Nichtstun als Politik ausgegeben.“ Der frühere „Spiegel“-Chefredakteur: „Das Dublin-Verfahren, das die Grenzen an den äußeren, ärmsten Rand Europas verlegte, ist faktisch außer Kraft gesetzt. Damit hat Deutschland keine gesicherte Außengrenze mehr. Aber ein Staat ohne Grenzen gibt sich selbst auf.“

Der bekannte Wirtschaftswissenschaftler Clemens Fuest wird auch vom christlichen Medienmagazin „pro“ zitiert: „Die Politik muss unbarmherzige Maßnahmen ergreifen, damit Bürger weiterhin barmherzig sein und sich für Flüchtlinge engagieren können, ohne überfordert zu werden. Denn: Eine Herausforderung, die grenzenlos erscheint und kein absehbares Ende hat, entmutigt eher, als zur selbstlosen Hilfe zu motivieren.“ Und Historiker Michael Stürmer auf „Welt-online“: „Es zeigt sich, dass Fremdheit in homöopathischen Dosen bereichert, als regellose Überwältigung aber zum Kampf ums Überleben führt.“

Harte Worte, und bekanntlich ließe sich aus den Leitmedien noch mehr zitieren. Aber betreibt die Bundeskanzlerin nicht eine Politik „der Offenherzigkeit und Nächstenliebe“? Präsentiert sie sich nicht – anspielend auf den Parteinamen der CSU – als die wahre „christsoziale Kanzlerin“? „Ihr Flüchtlings-Programm beginnt mit dem großen C für Nächstenliebe und dem großen S für Solidarität“, so auf Handelsblatt.com.

Dem würde Kardinal Marx, Bischof in München und Vorsitzender der deutschen Bischofskonferenz, sicher zustimmen. Christliche Identität bedeute als erstes dem zu helfen, der schwach ist, so betont er gerne. Und konkreter: Menschen in Not dürfen wir an unseren Grenzen nicht sterben lassen. Wir können uns nicht abschotten und allein auf der Wohlstandsinsel bleiben. Bei Christoph Markschies auf Seiten der EKD hört sich das genauso an. Die Bibel ist voller Geschichten über Menschen, die ihre Heimat verlassen, so der Theologe; sie sei „migrantenfreundlich strukturiert“. Daher sollen wir freundlich mit Migranten umgehen. In die Tiefen der Tagespolitik wagen sich die Kirchenleute nicht herab.

Auch bei der Jahrestagung der Europäischen Evangelischen Allianz (EEA) Anfang Oktober stand das Thema Flucht und Migration oben auf der Tagesordnung.  Bei „idea“ wird ein Leiter der EEA wiedergegeben: „Viele Gemeinden und Christen starteten Hilfsaktionen, während andere zurückhaltend bis ablehnend auf die Flüchtlingsströme reagierten“. Diese Skepsis könne aber überwunden werden: „Wir müssen mit einer biblischen Theologie über Flüchtlinge theologisch dagegensteuern.“

Abwehrrechte und Anspruchsrechte

Viele wollen heute die „öffentliche Relevanz und Sprachfähigkeit von Theologie und Kirche“ fördern, was immer gut klingt. Aber dies scheitert häufig schon an falschen Alternativen, die das Denken auf die falsche Bahn lenken und sicher nicht zur Relevanz beitragen. So ja auch die Äußerungen von Kardinal Marx: Alles, was auch nur irgendwie nach Stacheldraht riecht, sei ipso facto unchristlich. Den Dialog mit politisch Verantwortlichen wird das nicht verbessern.

„Unsere Antwort muss das Recht der Menschen auf Asyl in unseren Ländern anerkennen“. So heißt es auch in „Justice and Compassion Responding to the Refugee Crisis in Europe“, einer ausführlichen Stellungnahme der Weltweiten Evangelischen Allianz (WEA), verfasst von  Thomas Albinson. Im Abschnitt „Justice – Human Rights“ wird festgehalten, dass man sich bei einer Suche nach eine gerechten Antwort auf die Flüchtlingswelle an der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte und der Genfer Flüchtlingskonvention orientieren will.

Wie nun aber das Asylrecht aus theologischer Perspektive einzuordnen, biblisch zu begründen und konkret zu deuten ist, wird dort in keiner Weise deutlich. Es erscheint einfach alternativlos und bedarf offensichtlich keiner besonderen Rechtfertigung. Auch Pastor und Blogger Peter Aschoff hält das „Asylrecht und die Menschenrechte für nicht verhandelbar“. Wer diese hochhält und sich in Solidarität für Flüchtlinge einsetzt, „handelt keineswegs unvernünftig. Er folgt nur nicht der berechnenden, kühl kalkulierenden und konkurrierenden Vernunft derer, die sich das Elend dieser Welt (das sie aktiv und passiv mit verschuldet haben) so weit wie möglich vom Leib halten wollen, etwa mit so realitätsverzerrenden Parolen wie: ‘Wir können schließlich nicht die ganze Welt retten.’“ So jemand folge einer „empathischen Vernunft, die sich mit dem Leid anderer identifiziert“, und nach deren Rechtsverständnis  „Grund- und Menschenrechte nicht unter Finanzierungsvorbehalt stehen.“

Wer will sich schon mangelnde Empathie bescheinigen lassen? Tatsächlich sollte der Einzelne seine Hilfe für Notleidende nicht kühl berechnen. Aber folgt daraus, dass es auf staatlicher Ebene keine Alternative zu einem umfassenden, uneingeschränkten Asylrecht gibt? Entweder man akzeptiert kritiklos das ganze Menschenrechtspaket (und es ist inzwischen schon nicht zu klein: man denke an das Recht auf „regelmäßigen bezahlten Urlaub“, „unentgeltliche grundlegende Bildung“ oder einen angemessenen Lebensstandard, Art. 24–26 der AEMR) oder man ist einer herzlosen Vernunft verfallen?

Wer auf die Realität hinweist, betreibe nun Realitätsverzerrung, so Aschoff. Jan Fleischhauer hat dies jüngst in seiner „Spiegel-online“-Kolumne als „Inversion der Werte“ bezeichnet. Nun ist auf einmal nicht der „ein Verfassungsfeind, der sich über europäisches Recht hinwegsetzt, sondern derjenige, der zu ihm zurückkehren will… Realitätssinn beweist, wer Grenzen für ein Instrument von gestern erklärt, realitätsuntüchtig ist, wer an ihnen festhält.“

Der katholische Philosoph Robert Spaemann erinnerte schon 1982 (!) im Aufsatz „Wer hat wofür Verantwortung?“ (nun in einem Sammelband mit dem heute seltsam klingenden Titel Grenzen) daran, dass hier unbedingt differenziert werden muss. Manche Rechte stehen eben doch „unter Finanzierungsvorbehalt“:

„Daß man sich allerdings mit der Übernahme von Verantwortung auch übernehmen kann, zeigt das deutsche Asylrecht. Die Zahl der Menschen auf der Welt, die aufgrund echter Gefahr für Leib und Leben dieses Recht in Anspruch nehmen könnten, ist so groß, daß dies den Zusammenbruch unseres Staatswesens zur Folge haben könnte, wenn auch nur ein erheblicher Prozentsatz von ihnen dies täte. Hier gilt zweifellos der Satz des Evangeliums, daß der, der einen Turm bauen will, gut daran tut, zuvor die Kosten zu berechnen. Menschenrechte auf bestimmte Leistungen anderer Menschen können immer nur bedingte Rechte sein, denn die Erfüllung setzt erstens immer voraus, daß es Subjekte entsprechender Pflichten gibt, die diese Leistungen zu erbringen auch imstande sind, und es setzt voraus, daß diese Subjekte nicht vielleicht durch vordringlichere Pflichten an der Erfüllung dieser Ansprüche gehindert sind. Abwehrrechte hingegen, die andere nur dazu verpflichten, bestimmte Handlungen zu unterlassen, sind jederzeit erfüllbar.“

Spaemanns notwendige Unterscheidung, die vom klassischen Liberalismus hochgehalten wurde, wird in diesen Tagen einfach nicht thematisiert. Gerne greift man auf die unbedingt zu schützende Menschenwürde zurück, so auch die Kanzlerin am 12. Oktober in Stade. Sie betonte das „C“ der Partei; das Asylrecht sei „aus leidvoller Erfahrung geboren“, und daher gelte: Wer flieht, der wird menschenwürdig behandelt und dem geben wir Asyl. Punkt. – Wenn Abwehrrechte und Anspruchsrechte in einen Topf geworfen werden, ja ihr Unterschied geradezu systematisch ausradiert wird, dann muss solch ein Alternativlosigkeit dabei herauskommen.

Auch Thomas K. Johnson, Berater der WEA, wirft in einem aktuellen Beitrag eine Alternative auf: „Xenophobia or hospitality?“, Fremdenfeindlichkeit oder Gastfreundschaft. Johnson hat dabei seinen Wohnort in Tschechien im Blick, und tatsächlich gibt es in einigen zentraleuropäischen Ländern nicht zu wenig offenen und latenten Rassismus, verständliche und irrationale Angst vor Fremden. Zu recht spricht der reformierte Theologe dies an. Im persönlichen Umgang haben hier tatsächlich viele Nachholbedarf. Aber trifft diese Alternative auch den politischen Umgang mit der Krise? Zeigen die Zentraleuropäer in Verantwortung schon damit ihre Xenophobie, dass sie nicht mit offenen Armen jede Verteilungsquote aus Brüssel liebend gerne akzeptieren? Oder noch konkreter: Ist diejenige Regierung, die nicht Massen von Flüchtlingen aufnehmen will und sich für den Grenzschutz stark macht, allein schon deshalb der Fremdenfeindlichkeit verfallen? (Das gilt schließlich für alle östlich von Berlin.)

„Politik der Gnade“

Wird die politische Dimension berührt, dann ist aus christlicher Feder kaum wirklich Hilfreiches zu lesen. Im jüngsten „Aufruf zum Handeln an die Evangelikale Bewegung in Europa – Appell der Generalversammlung der Europäischen Evangelischen Allianz zur Flüchtlingsfrage“ heißt es: „Wir sind nicht naiv angesichts des ungeheuren Ausmaßes der sozialen, politischen und wirtschaftlichen Schwierigkeiten, die vor uns liegen, aber wir stehen standhaft ein gegen eine ‘Politik der Angst’ und für eine ‘Politik der Gnade’. Und wir erwarten von den politisch Verantwortlichen die Intensivierung der Bemühungen um eine politische Lösung der Konflikte, die den derzeitigen Exodus ausgelöst haben.“

Was soll man von solchen Sätzen halten? Wer soll hier zum Handeln aufgerufen werden? Man kann Gift darauf nehmen, dass die politische Spitze in Europa sowieso mit Hochdruck an einer politischen Lösung der Konflikte arbeitet, zu arbeiten versucht. Aber wem soll geholfen sein mit einem Appell zu einer „Politik der Gnade“? Was soll man darunter verstehen? Sicher, die europäischen Staaten zeigen sich auch in gewisser Weise gnädig, indem sie Hunderttausende Fliehende in die Länder lassen – und die reichen Golfstaaten zieren sich. Aber hat es noch irgendeinen Sinn in diesen Tagen politische Verantwortungsträger in Staat und Verwaltung zu einer weiterhin gnädigen Politik aufzufordern? Übersetzt ins politische Handeln: Bloß keine geschlossenen Grenzen! Wäre es nicht gnädig, wenn man Familien aus dem Kosovo, die nun bald wirklich keiner mehr hier haben will, die aber oft all ihr Hab und Gut verkauft haben, um dem durch und durch korrupten Land zu entkommen, wenn man diese doch nicht abschiebt? Überhaupt keine Abschiebungen trotz fehlendem Grund für Asyl – das wäre wohl barmherzig. Soll aber so von staatlicher Seite gehandelt werden? Doch das will nur eine recht kleine Minderheit am linken Rand.

Politik der Gnade,  Politik der Angst – solche Etikettierungen helfen nun wahrlich nicht weiter und sind leider wohl nichts anderes als Phrasen der denkerischen Hilflosigkeit. Denn die Frage ist doch, wie in dieser Krisensituation gute Politik aussehen kann und soll. Echte Orientierungshilfe für die Verantwortungsträger aus christlicher und konkret auch aus evangelikaler Sicht ist hier leider so gut wie gar nicht zu entdecken.

„Wir müssen der Politik deutlich machen…“

Problematisch ist dabei vor allem, dass die persönliche und die politische Dimension in der Argumentation meist wie wild durcheinander gemischt wird. In „Justice and Compassion – Responding to the Refugee Crisis in Europe“  wird im Abschnitt „Compassion – Biblical Mandate“ ganz richtig betont: „Gott erwartet von seinem Volk, Fremde mit Gerechtigkeit zu behandeln.“ Von Christen, so dort weiter, wird aber noch mehr verlangt: Jesus befiehlt uns, unseren Nächsten zu lieben und den Fremden willkommen zu heißen. Es wird auf Mt 25,35f („Denn ich bin hungrig gewesen…“) hingewiesen, und schon die „kleine Auswahl“ von Schriftstellen zeige, „dass Gott von uns erwartet aktiv das Wohlergehen von Flüchtlingen und Asylbewerbern zu suchen.“

Diese Bibelstellen sind „unbequem“. Daher könnten viele „versucht sein zu glauben, dass dieses Mandat nicht für alle Fremden gelten könne und vor allem nicht für diejenigen, die Grenzen ‘illegal’ überschreiten. Das erinnert an den Kontext, in dem Jesus die Geschichte vom barmherzigen Samariter erzählte.“ Es bestehen Ähnlichkeiten zwischen „Asylbewerbern und Flüchtlingen in unserer heutigen Welt“ und dem Opfer in der Geschichte. „Man kann sich nur schwer vorzustellen, dass Jesus uns etwas anderes sagen will, als dem Beispiel des Helden in der Geschichte zu folgen.“

Natürlich sollen Christen dem Beispiel des Samariters folgen und einem Menschen in Not, dem sie zum Nächsten werden, selbstlos helfen. Aber es wird ja in „Justice and Compassion” auch noch mehr gesagt und zu verstehen gegeben, dass das Wohlergehen von allen Flüchtlingen und Asylbewerbern aktiv zu fördern sei, und das lässt sich dann wohl kaum mit Zurückweisen an Grenzen, mit Abschieben, Abschrecken usw. vereinbaren.

In einer Stellungnahme der EEA vom September („A statement on the current ‘refugee crisis’ and Evangelical responses”) wird betont, dass entsprechend der evangelischen Überzeugungen der Zugang zum Problem von Asyl und Migration nicht in erster Linie unter dem Gesichtspunkt „von Sicherheit und Verteidigung“ gesehen werden dürfe. Migranten sind nicht als „Feinde oder Invasoren“ zu betrachten, sondern zuallererst als Menschen. Christen seien einer Ethik der Gerechtigkeit, der Barmherzigkeit und der Integration von Fremden verpflichtet; der Schutz der Schwachen ist ihnen in besonderer Weise anbefohlen. Diese Werte seien universal, und daher müssen alle Regierungen und Individuen sich für Gerechtigkeit einsetzen, Demagogie, Populismus und Fremdenfeindlichkeit das Gehör verweigern. Es folgt der Hinweis auf Migrationsgeschichten und auf Lk 10,25f (der Samariter); Menschen in Not sei ohne zu Zögern Hilfe zu gewähren.

Hier wird einmal mehr viel Richtiges gesagt, aber auch das politische Handeln direkt angesprochen, und es ist zurückzufragen: Warum sollten staatliche Organe Sicherheit und Verteidigung eigentlich nicht als Priorität ansehen? Ist der Schutz der staatlichen Souveränität und territorialen Integrität sowie die Aufrechterhaltung der inneren Ordnung nicht Hauptaufgabe der zivilen Obrigkeit? Die Fliehenden aus Syrien sind gewiss keine Feinde oder Invasoren, auch keine „räuberischen Horden“ (kriminelle Banden kommen eher aus den neuen EU-Ländern). Aber so wird impliziert: Wer doch Sicherheitserwägungen obenan stellt, behandelt sie als Feinde. Wieder wird in falsche Alternativen hineingezwängt.

Der Samariter hingegen hat sicher ein hohes persönliches Risiko auf sich genommen (schließlich befand er sich im ‘feindlichen’ Judäa), und genauso haben diejenigen, die Menschen in Not bei sich aufnehmen, Sicherheitsbedenken nicht in den Vordergrund zu schieben. Doch hier befinden wir uns eben nicht auf der Ebene des staatlichen Handelns. Der einzelne Bürger und Christ ist frei, ein mehr oder weniger großes Risiko einzugehen, denn er oder sie kann dies angemessen einschätzen. Der Staat kann dies jedoch in der Weise nicht. Er muss um seiner Bürger willen zuerst die Sicherheit aller bedenken.

Schließlich heißt es dort, dieser Aufruf zur Hilfe „gibt keine vollständige Antwort darauf, wie die EU oder einzelne Länder ihre Migrationspolitik gestalten sollen. Hier kommen Christen zu unterschiedlichen Schlussfolgerungen – soweit sie denn mit der biblischen Ethik vereinbar sind.“ Wo’s interessant wird, kneifen die Autoren. Die Frage ist doch, was die Grenzen einer biblischen Ethik für die Politik sind, in deren Rahmen sich alle bewegen sollten. Migrationspolitik – kann hier aus christlicher Sicht einmal etwas Substanz geboten werden? Etwas mehr als der nun wirklich schon stereotype Hinweis auf die Migrationsgeschichten der Bibel und die Offenheit gegenüber den Fremden?

Und „keine vollständige Antwort“ ist sicher zu schmeichlerisch: Ich kann hier so gut wie gar keine konkreten Positionen jenseits der persönlichen Ethik erkennen, abgesehen von Allgemeinplätzen (Schutz der Schwachen, universale Werte, Ablehnung von Fremdenfeindlichkeit usw.). Echte Leitlinien – Grundsätze, die Anleitung zum Handeln liefern – für Verantwortliche im Staat sind nicht zu finden.

Die Europäische Allianz wendet sich in ihrer Erklärung („Aufruf zum Handeln“, s.o.) aber auch mit einem Appell an die Politik. „Wir müssen der Politik deutlich machen, dass den Flüchtenden in ihren Herkunftsländern die Zustände geschaffen werden müssen, die den Menschen dort das Leben leichter machen“, so Harmut Steeb, Generalsekretär der Deutschen Ev. Allianz (im Text ist von einer „Intensivierung der Bemühungen um eine politische Lösung der Konflikte“ die Rede). „Deshalb ist die Bitte der Europäischen Allianz an Politiker, sich diesen Aufgaben langfristig zu zuwenden.“

Mit einer konkreten Bitte, ja einem Appell wendet man sich an die Regierenden. Doch es geht nicht um den eigentlichen Kompetenz- und Verantwortungsbereich des staatlichen Handelns, der nun mal das Territorium des Landes (und die EU) umfasst. Fokus ist die Außenpolitik, doch hier sind die Möglichkeiten, in anderen Ländern Umstände grundlegend zum Besseren zu ändern, sehr begrenzt. Politische Lösungen in Syrien, im Irak, in Afghanistan?? Und wo sind entsprechende Hinweise für die Innenpolitik? Ein zu heißes Eisen? Welche Zustände sind im Inneren, in Justiz und Verwaltung, anzustreben? Muss nicht der Politik deutlich gemacht werden, dass die Zustände in der deutschen Verwaltung an manchen Orten vor dem Zusammenbruch (vom „Kollabieren“ ist hier und da schon die Rede) zu bewahren sind?

„Solch Unterschied dieser zwei Reiche einbleuen“

Die angemahnte „biblische Theologie über Flüchtlinge“ bleibt weitgehend in den Ansätzen stecken, da das nötige Instrumentarium nur noch in Restbeständen vorhanden ist. Die notwendige Unterscheidung von „Brüderlichkeit und Gerechtigkeit“, auf die schon Ökonom Frédéric Bastiat Mitte des 19. Jahrhunderts im gleichnamigen Aufsatz hingewiesen hatte, wird kaum noch getroffen (hier und hier mehr dazu).

Dies hat auch damit zu tun, dass gerade in Deutschland die Zwei-Reiche-Lehre in Vergessenheit geraten ist. Der Begriff entstand zwischen den Weltkriegen, aber die Lehre selbst geht bekanntlich auf die Reformatoren wie Luther und Calvin (Inst. III, 19,15; s. auch hier) zurück. Wenn Heiko A. Oberman bildreich meinte, die Prädestinationslehre sei nur noch auf Flohmärkten zu finden, so kann man wohl entsprechend sagen, dass die Zwei-Reiche-Lehre in der Rumpelkammer des Kellers vor sich hin verstaubt. Und nun könnten wir sie händeringend gebrauchen!

Leider hat das Verhalten mancher Kirchen im „Dritten Reich“ diese Lehre in den Augen vieler diskreditiert. Sie wird, so Christiane Tietz in „Die politische Aufgabe der Kirche im Anschluss an die Lutherische Zwei-Regimenten-Lehre“, „für die kritiklose Unterordnung lutherischer Christen unter die jeweiligen obrigkeitlichen Verhältnisse“ verantwortlich gemacht. Die klare Unterscheidung der Bereiche Politik und Religion „machte man als Ursache für die Untätigkeit der Kirche gegenüber dem nationalsozialistischen Unrecht aus.“ Sie wird als schuldig für den anpasserischen Zug im Luthertum betrachtet. Tietz zitiert Ernst Troeltsch: „Die Weichheit seiner ganzen innerlichen Spiritualität schmiegte sich den jeweils herrschenden Gewalten an.“ Karl Barth meinte daher, die Zwei-Reiche- Lehre sei „vorläufig“ zu „suspendieren“.

Walter Künneth (1901–1997) stellte in Der Christ als Staatsbürger diese Kritik zusammenfassend dar: Der Lehre wird vorgeworfen, sie hätte zur „Verselbständigung“ und zu „selbstherrlicher Autonomie“ der Obrigkeit geführt; „Staatshörigkeit“ und „Kadavergehorsam“ auf Seiten der Christen und Bürger wird ihr angelastet. Dabei sind, so betonte er, die bürgerliche Ordnung und das geistliche Reich zwei Weisen, mit denen Gott die Welt regiert. Sie stehen als die zwei Regimenter Gottes beide unter ihm und sind beide in Verantwortung vor Gott auszuüben. Die genannten Kritikpunkte betreffen also den Missbrauch dieser Lehre. Künneth: „Diese Verantwortung vor Gott gilt ebenso bei dem Richter, der ein hartes Urteil zu fällen hat, wie auch für sein Privatleben, wo er zum Vergeben und zum Leiden an der Ungerechtigkeit bereit sein soll“. Es ergibt sich eine „zweifache Verhaltensweise je nach den verschiedenen Lebens- und Berufssituationen“.

Luther selbst hielt diese Unterscheidung für ganz wesentlich. „Wer nun diese zwei Reiche, wie unsere falschen Rottengeister tun, ineinandermengen wollte, der würde Zorn in Gottes Reich setzen und Barmherzigkeit in der Welt Reich.“ 1534 schrieb er: „Ich muss immer solch Unterschied dieser zwei Reiche einbleuen und einkäuen, eintreiben und einkeilen, ob‘s wohl so oft geschrieben und gesagt ist. Denn der leidige Teufel hörte nicht auf, diese zwei Reiche ineinander zu kochen und zu bräuen.“

Auch Künneth bemerkte in den Spuren Luthers schon vor Jahrzehnten: „Die erstaunliche Blindheit gegenüber der Unterscheidungsnotwendigkeit zwischen ‘Weltreich’ und ‘Gottesreich’ ist als eine der wesentlichen Ursachen der heutigen politisch-ethischen Krisensituation geltend zu machen.“ Die Zwei-Reiche-Lehre „besitzt eine Kompaßqualität. Sie setzt klare Signale, an denen sich die Geister, damals wie heute, scheiden. “

Wer schafft was?

Dieser Kompass fehlt heute. Selbst im Magazin „Reformation. Macht. Politik.“ zum Themenjahr „Reformation und Politik“ (2014) der Lutherdekade der EKD wird die Zwei-Reiche-Lehre hier und da natürlich genannt, aber nirgends erläutert, und schon gar nicht wird erkennbar, dass sie uns heute von Nutzen sein könnte.

In „Christen und die Politik – Das Verhältnis von Kirche und Staat in Geschichte und Gegenwart“ lieferte Stephan Holthaus jüngst einen guten Überblick zu den verschiedenen Sichtweisen im Verlauf der Kirchengeschichte. Im letzten Abschnitt, in dem der FTH-Prorektor seine Sicht schildert („Transformierender Glaube: Christen durchdringen die Politik“), skizziert Holthaus auch Hauptgedanken der Zwei-Reiche-Lehre: „Glaube und Politik sind zwei getrennte Dinge. Beim Glauben geht es um das ewige Heil, bei der Politik um das irdische Wohl… Die Regeln der Politik sind andere als die Regeln der Gemeinde. Glaube und Politik müssen getrennt werden, Politik und Evangelium dürfen nicht vermischt werden.“

Ja und Amen. Der Ethikdozent ist ganz auf der richtigen Fährte. Welche Hinweise erhält in dem Abschnitt nun der Christ im Staatsapparat und in Regierungsverantwortung? Allgemein gehe es darum, „die Gesellschaft mit den Werten des Evangeliums“ zu durchdringen. Das klingt heutzutage eingängig, bleibt aber sehr diffus und wäre nun unbedingt zu konkretisieren (und es wäre zu klären, wie dies von einer Vermischung von Politik und Evangelium, die er ja selbst ablehnt, zu unterscheiden ist). Holthaus kommt dem nahe, wenn er die für Christen „besonders wichtigen Werte“ wie „Lebensschutz, die Stärkung von Ehen und Familie, der Schutz vor irreführender Sexualität oder die Religionsfreiheit“ nennt, für die sich Gläubige einsetzen sollen, da diese gefährdet sind. Außerdem ginge es um „eine gemeinsame Strategie, wie wir den unchristlichen Entwicklungen in unserer Gesellschaft Paroli bieten können.“ Und dem Staat sei „deutlich zu machen, dass er auf Fundamenten ruht, die er selber nicht schaffen kann.“

Alles gut und schön. Aber dabei bleibt es leider. Welches die anderen Regeln der Politik sind, wird nicht erkennbar. Was ist aus dieser Sicht die Aufgabe der Obrigkeit als solcher? Was soll sie anders machen als die Kirche? Was will Gott, dass ich nun als Christ in Verantwortung in Staat und Verwaltung tue (das Gesagte berührt ja nur Teilaspekte)? Nach welchen Werten, Prinzipien und Grundsätzen soll ich mich orientieren? Ist es möglich, Nächstenliebe und „politische Steuerung“ im Staat gleichermaßen hochzuhalten (wie Marx und Bedford-Strohm gerne am derzeitigen Handeln der Kanzlerin loben)?

Holthaus gibt zu verstehen, dass Christen den Raum der Politik gleichsam mit ihrer Andersartigkeit infizieren sollen. Das Stichwort Transformation fällt. Damit wird aber in keiner Weise deutlich, worin das Eigenrecht des Politischen und des staatlichen Handelns liegt. Was ist zum Wirken des Staates zu sagen, in dem Christen nicht transformierend wirken? Welchen Kriterien Gottes unterliegt das Handeln dort – ganz unabhängig vom Glauben des Akteure?

Luther hat dies 1528 deutlicher auf den Punkt gebracht: „Christen braucht man für die Obrigkeit nicht. So ist es nicht nötig, dass der Kaiser ein Heiliger ist, es ist für sein Regiment nicht nötig, dass er ein Christ ist. Es reicht für den Kaiser, dass er Vernunft hat.“ Dies ist provokant, aber ganz treffend gesagt. Christen in der Politik sind nicht in erster Linie in ihrem Handeln danach zu beurteilen, inwieweit sie sich den christlichen ‘Spezialthemen’ widmen (so wichtig das auch sein kann!), sondern ob sie gute und das heißt eben vernünftige Politik machen. Und das ist, ob es nun Aschoff und anderen gefällt oder nicht, berechnende, kühl kalkulierende Vernunft. Ich möchte wahrlich nicht von einem Heißsporn, der Entscheidungen vor allem aus dem Bauch trifft, regiert werden.

Aufgabe der Staatsführung ist auch nicht die Umsetzung einer „regierungsamtlichen politischen Theologie“, die die Kanzlerin gleichsam als „Hohepriesterin der deutschen Flüchtlingspolitik“ erscheinen lässt. Christian Geyer-Hindemith von der FAZ, der hier weiter bemerkte:  „Auf die Frage des ‘Deutschlandfunks’, ob Angela Merkel nicht in gewisser Weise die Jeanne d’Arc urchristlicher Werte sei, antwortete [Schriftsteller Martin] Mosebach: ‘Das geht doch eben gerade nicht. Urchristliche Werte sind immer höchst persönlich. Der Staat ist nicht zur Nächstenliebe angehalten, weil er gar keinen Nächsten hat. Er ist keine Person. Ich meine, das konnte Ludwig XIV. von sich sagen, der Staat bin ich, aber Angela Merkel ist nicht der Staat.’“

Aufgabe der Christen und der Kirche ist es im Hinblick auf die Politik vor allem, den  Staat an seinen spezifischen Auftrag von Gott zu erinnern. Um den Merkelschen Satz aufzugreifen: Was kann und soll der Staat schaffen? Das, was der Staat schaffen kann, ist eben recht begrenzt. Darin liegt ja auch ein Hauptproblem im Satz der Kanzlerin. Wer ist das „wir“ im „Wir schaffen das!“? Wir alle? Die Gesellschaft? Deutschland? Seit wann spricht ein Regierungschef für die Leistungsmöglichkeiten von allen? Was der Einzelne leisten und bewältigen kann, muss er oder sie schon selbst festsetzen und beurteilen. Auf der persönlichen Ebene sind solche Entscheidungen zuhause. Hier gilt, was Detlef Löhde von der SELK über den barmherzigen Samariter zusammenfasste:

„Wie haben wir uns als Christen in der Flüchtlingsfrage zu verhalten? In der persönlichen Begegnung haben wir Flüchtlingen freundlich und hilfsbereit entgegen zu kommen. Die Nächstenliebe dürfen wir nicht nur auf Angehörige unseres Volkes beschränken wollen… Das heißt, der einzelne Christ und die Kirche handelt an Fremden und Flüchtlingen immer nach dem Gebot der Liebe und keiner wird abgewiesen.“

Dies umreißt gut das moralische Gebot in der Geschichte. Wenn man das ernst nimmt, haben wir wahrlich genug zu tun. Wenig hilfreich ist hingegen die Überschrift auf der Seite der evangelikalen Initiative „We Welcome Refugees“ (s. Screenshot o.): Wir müssen weltweit „zu einer kollektiven Stimme werden und zusammenarbeiten, um die Hände und Füße Jesu zu sein und genügend Hebelwirkung schaffen, um das Blatt bei diesem dringenden und wichtigen Thema zu wenden“ (to create enough leverage to start to turn the tide on this urgent and significant issue). Geht’s nicht etwas bescheidener? Ist das wirklich die Aufgabe der Kirche? Ist das nicht sogar eine christliche Hybris, die der auf Seiten der Politik entspricht?

MDR-Mitarbeiter Michael Voß wünschte sich in einem „pro“-Beitrag „mehr Samariter, die Hilflose uneigennützig in Sicherheit bringen und für deren Wohl sorgen“. Dem Beispiel des Samariters sei „ganz eindeutig“ zu folgen. „Angela Merkel und die Bundesregierung haben das offenbar verstanden.“ Kein Wunder, dass Luther vom Einbläuen der Zwei-Reiche-Lehre sprach.
http://lahayne.lt/2015/10/16/christ-politik-und-fluchtlingskrise/

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Woran erkennt man einen Narzissten?

Selbstverliebte Narzissten sind eloquent und charmant, ziehen alle Blicke auf sich, wenn sie einen Raum betreten. An Beziehungen liegt ihnen allerdings nicht sehr viel. DIE WELT nennt in Anlehnung an die Untersuchungen von Craig Malkin fünf Kriterien, an denen man einen Narzissten gut erkennen kann:

  • Erstens läßt sich ein Narzisst an seinem meist gut getarnten, aber tief sitzenden Bedürfnis nach Überlegenheit erkennen. Um die zu bekommen, muss er dafür sorgen, dass sein Gegenüber sich unterlegen fühlt.
  • Der Narzisst redet zweitens ungern über Gefühle, denn Gefühle machen verletzlich, und das ist das Letzte, was er sein will.
  • Ein Narzisst präsentiert ein geschöntes Bild seiner Vergangenheit.
  • Es fällt ihm schnell auf, wenn sein Gegenüber seine Ansprüche an Perfektion nicht erfüllt. Narzissten bauen dann Druck auf.
  • Und fünftens verabscheut der Narzisst Abhängigkeit. Er vermeidet alles, was ihn daran erinnert, dass er womöglich nicht jede Sekunde in seinem Leben unter Kontrolle hat. Deshalb ist es ihm wichtig, ständig zu demonstrieren, dass er es ist, der die Spielregeln aufstellt.

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Woran erkennt man einen Narzissten?