Søren Kierkegaard, Die Geschichte von der Waldtaube: „Also die Waldtaube ist der Mensch. Wenn er, wie sie, sich genügen lässt, dass er Mensch ist, dann versteht er, was er von dem Vogel des Himmels lernt, dass der himmlische Vater ihn nährt.“

Es war einmal eine Waldtaube; im versteckten Wald, dort, wo die Verwunderung zusammen mit dem Schauder haust, zwischen den schlanken, einsamen Stämmen, dort hatte sie ihr Nest. Aber in der Nähe, dort, wo der Rauch aufsteigt aus dem Haus des Bauern, wohnten einige von ihren entfernteren Verwandten: einige zahme Tauben. Mit einem Paar von diesen traf sie öfter zusammen; sie saß nämlich auf einem Ast, der sich hinausbeugte über des Bauern Hof; die beiden Zahmen saßen auf dem First des Daches, doch war der Abstand nicht größer, als daß sie ihre Gedanken im Gespräch miteinander austauschen konnten.
Eines Tages redeten sie da miteinander von den Zeitläufen und vom Auskommen. Die Wald­taube sagte:
»Ich habe bisher so ziemlich mein Auskommen gehabt, ich lasse jeden Tag seine Plage haben, und auf die Weise komme ich durch die Welt.«
Die zahme Taube hatte genau zugehört, nicht ohne eine gewisse wollüstige Bewegung durch den ganzen Leib zu empfinden, die man Sich-Aufplustern nennt; darauf antwortete sie:
»Nein, da halten wir es anders; bei uns, das will heißen, bei dem reichen Bauern, bei dem wir leben, ist einem die Zukunft gesichert.
Wenn die Zeit der Ernte kommt, dann sitze ich oder mein Männchen, eins von uns sitzt oben auf dem Dach und paßt auf. Dann fährt der Bauer ein Fuder Korn nach dem anderen ein, und wenn er dann soviel eingefahren hat, daß ich nicht weiter zählen kann, dann weiß ich, daß Vorrat genug da ist für lange Zeit, das weiß ich aus Erfahrung.«
Als sie so gesprochen hatte, wandte sie sich nicht ohne ein gewisses Selbstgefühl nach ihrem Männchen um, das bei ihr saß, als wolle sie sagen: »Nicht wahr, mein kleines Männchen, wir beiden haben das Unsere sicher.«
Als die Waldtaube heimkam, dachte sie näher über diese Sache nach.
Es dünkte sie sogleich, daß es doch eine große Behaglichkeit sein müsse, dergestalt zu wissen, daß man sein Auskommen für lange Zeit sicher hätte, wogegen es doch kümmerlich sei, stän­dig derart aufs ungewisse zu leben, so daß man niemals zu sagen wagt, man wisse, daß man versorgt sei. Es wird deshalb das beste sein, dachte sie, daß du versuchst, ob es dir nicht ge­lingen sollte, einen größeren Vorrat einzusammeln, den du an der einen oder anderen sehr sicheren Stelle liegen haben könntest.
Am nächsten Morgen erwachte sie zeitiger als gewöhnlich und war so geschäftig, einzusam­meln, daß sie kaum Zeit fand, zu fressen oder sich satt zu fressen. Aber es schwebte gleichsam ein Verhängnis über ihr, daß es ihr nicht glücken solle, Wohlstand zu sammeln, denn jedes­mal, da sie ein wenig Vorrat gesammelt und ihn an der einen oder anderen der vermeintlich sicheren Stellen versteckt hatte – wenn sie kam, um nachzusehen, so war er weg. Indessen geschah keine wesentliche Veränderung in bezug auf das Auskommen, sie fand jeden Tag ihre Nahrung wie vorher, und sofern sie sich etwas knapper hielt, war es, weil sie sammeln wollte und sich keine Zeit nahm zu fressen, denn sonst hatte sie ihr reichliches Auskommen wie vorher. Ach, und doch war eine große Veränderung mit ihr geschehen: Sie litt durchaus keine wirkliche Not, aber sie hatte die Vorstellung von einer Not in der Zukunft bekommen, ihre Ruhe war dahin – sie hatte Nahrungssorgen bekommen.
Von nun an war die Waldtaube bekümmert, ihre Federn verloren das Farbenspiel, ihr Flug die Leichtigkeit; ihr Tag ging hin in fruchtlosen Versuchen, Wohlstand zu sammeln, ihre Träume waren die ohnmächtigen Pläne der Einbildung; sie war nicht mehr fröhlich, ja, sie war beinahe wie neidisch geworden auf die reichen Tauben. Sie fand jeden Tag ihre Nahrung, wurde satt, und doch war es gleichsam, als würde sie nicht satt, weil sie unter der Nahrungssorge lange Zeit hungerte. Sie hatte sich selbst in der Schlinge gefangen, in der kein Vogelfänger sie fan­gen konnte, worin nur der Freie sich selber fangen kann: in der Vorstellung. »Wohl wahr«, sagte sie zu sich selbst, »wohl wahr, wenn ich jeden Tag soviel bekomme, wie ich fressen kann, dann habe ich ja mein Auskommen; den großen Vorrat, den ich sammeln möchte, könn­te ich doch nicht auf einmal fressen, und in gewissem Sinne kann man auch nicht mehr, als sich satt fressen; aber es wäre doch eine große Behaglichkeit, loszukommen von dieser Unge­wißheit, durch die man so abhängig wird. Es kann schon sein«, sagte sie zu sich selbst, »daß die zahmen Tauben ihr sicheres Auskommen teuer erkaufen; es kann schon sein, daß sie im Grunde viele Kümmernisse haben, von denen ich bisher frei gewesen bin, aber diese Gesi­chertheit der Zukunft steht mir ständig vor Augen; oh, weshalb bin ich doch eine arme Wald­taube geworden und nicht eine von den reichen Tauben!«
So merkte sie denn wohl, daß der Kummer sie angriff, aber da sprach sie vernünftig zu sich selbst, doch nicht derart vernünftig, daß sie die Bekümmerung aus dem Sinn schlug und ihr Gemüt beruhigte, sondern derart, daß sie sich selbst davon überzeugte, der Kummer habe sein Recht. »Ich verlange ja nichts Unvernünftiges«, sagte sie, »oder etwas Unmögliches, ich ver­lange ja nicht, daß ich werde wie der reiche Bauer, sondern nur wie eine der reichen Tauben.«
Zuletzt erdachte sie eine List. Eines Tages flog sie hin und setzte sich bei dem Bauern auf den First des Daches zwischen die zahmen Tauben. Als sie dann beobachtete, daß da eine Stelle war, wo diese hineinflogen, flog sie auch hinein, denn dort mußte wohl die Vorratskammer sein. Als aber der Bauer am Abend kam und den Taubenschlag schloß, da entdeckte er so­gleich die fremde Taube. Diese wurde dann für sich allein in einen kleinen Verschlag gesetzt bis zum nächsten Tage, da sie geschlachtet wurde – und von der Nahrungssorge frei war. Ach, die bekümmerte Waldtaube hatte sich nicht bloß in der Bekümmerung selbst gefangen, son­dern sich auch im Taubenschlag selbst gefangen – auf den Tod.
Hätte die Waldtaube sich genügen lassen, zu sein, was sie war: der Vogel des Himmels, so hätte sie ihr Auskommen gehabt, so hätte der himmlische Vater sie genährt, so wäre sie, auf die Bedingung der Ungewißheit, geblieben, wo sie zu Hause war, dort, wo die schlanken, ein­samen Stämme schwermütig in gutem Einverständnis sind mit dem gurrenden Trillern der Waldtaube; dann wäre sie die gewesen, von welcher der Pfarrer am Sonntag sprach, als er die Worte des Evangeliums wiederholte: Sehet die Vögel des Himmels an, sie säen nicht, sie ern­ten nicht, sie sammeln nicht in die Scheunen, und euer himmlischer Vater nähret sie doch.
Die Waldtaube ist der Mensch – doch nein, laß uns nicht vergessen, daß es nur die Rede ist, welche aus Ehrerbietung für den Bekümmerten die Waldtaube hat herhalten lassen. Ja, wie wenn ein fürstliches Kind aufgezogen wird und dann ein armes Kind da ist, welches anstelle des Fürsten gestraft wird; ebenso hat die Rede alles über die Waldtaube hergehen lassen. Und diese hat sich willig darein gefunden, denn sie weiß sehr gut, daß sie einer der göttlich bestell­ten Lehrer ist, von denen wir lernen sollen; aber das tut ein Lehrer auch zuweilen, daß er an sich selbst das Verkehrte zeigt, vor dem er warnen will.
Die Waldtaube selber ist sorglos, ja sie ist wirklich die, von der das Evangelium spricht. Also die Waldtaube ist der Mensch. Wenn er, wie sie, sich genügen läßt, daß er Mensch ist, dann versteht er, was er von dem Vogel des Himmels lernt, daß der himmlische Vater ihn nährt.
Aber nährt ihn der himmlische Vater, dann ist er ja ohne Nahrungssorge, dann wohnt er nicht bloß wie die zahmen Tauben bei dem reichen Bauern, sondern er wohnt bei dem, der reicher ist als alle. Bei ihm wohnt er wirklich, denn da Himmel und Erde Gottes Haus und Eigentum sind, so wohnt der Mensch ja bei ihm.
Dieses heißt, sich genügen lassen, daß man Mensch ist, sich genügen lassen, daß man der Geringe ist, das Geschöpf, das ebensowenig sich selbst erhalten wie sich selbst erschaffen kann. Will der Mensch hingegen Gott vergessen und sich selbst ernähren – dann haben wir die Nahrungssorge. Es ist freilich lobenswert und Gott wohlgefällig, daß ein Mensch sät und ern­tet und in Scheunen sammelt, daß er arbeitet, um seine Nahrung zu finden; will er aber Gott vergessen, und meint er, sich durch sein Arbeiten selbst zu ernähren, so hat er Nahrungs­sorge. Falls der reichste Mann, der jemals gelebt hätte, Gott vergäße und meinte, sich selbst zu er­nähren – er hätte Nahrungssorge.
Denn laß uns nicht töricht und kleinlich reden, indem wir sagen, der Reiche sei von der Nah­rungssorge frei, der Arme nicht. Nein, nur der ist frei, welcher, indem er sich genügen läßt, Mensch zu sein, versteht, daß der himmlische Vater ihn nährt; und das kann ja der Arme ebensogut wie der Reiche.
Quelle: Sören Kierkegaard, Erbauliche Reden in verschie­de­nem Geist, 1847, GW 18, hrsg. u. übers. v. Emanuel Hirsch und Hayo Gerdes, Düsseldorf-Köln 1951, S. 182-186.

«Ich bin die Wahrheit». ( Joh 14,6)

Wenn wir heute davon sprechen, dass Jesus die Wahrheit ist, dann stimmen wir als Christen gerne zu. Es regt uns nicht auf. Es klingt fast banal.
Vertreten wir das aber z.B. in der Bundesversammlung in Bern oder im Europaparlament in Strassburg, dann kann es gut sein, dass wir ausgebuht werden und uns des Hausfriedensbruchs schuldig machen. Das Mindeste ist, dass man uns nicht für ganz voll zurechnungsfähig hält: Wahrheit, das heisst doch, da müssen alle Menschen guten Willens zustimmen, ob Christen oder Atheisten, religiöse Menschen und auch solche, deren Lebenssinn vor allem darin besteht, Profit zu optimieren und maximale materielle Erfolge zu erzielen. Der Wahrheit müssen sich alle Knie beugen. Genau das ist der Anspruch des Evangeliums.
Können wir diese Wahrheit begründen? Natürlich gibt es so etwas wie eine Vorteilsargumentation für den Glauben. In letzter Zeit gab es einige empirische Studien: wer glaubt, lebt länger; wer in der Ehe treu ist, lebt gesünder; wer betet, braucht seltener einen Psychiater …
Natürlich ist der, der glaubt, besser dran. Aber begründet das einen Wahrheitsanspruch? In unserer Kultur denken viele, Glaube und Religion sei etwas, das von Menschen ausgeht, auch Gottesvorstellungen. Und deshalb wirkt es derart naiv oder anmassend oder bestürzend oder verblendet, wenn jemand Wahrheit allgemeingültig beansprucht.
Der Glaube weiss: Jesus ist die Wahrheit der Welt. Wenn das stimmt, dann hat alles, was passiert, direkt mit Gott zu tun. Dann ist die Existenz der Welt mit ihren Konflikten und Kriegen, mit den Sorgen und Hoffnungen der Menschen nicht ohne Gott. Auch wir mit unserer Arbeit nicht. Das tröstet. Das gibt Hoffnung.
Die Wahrheit hat ein Gesicht, nimmt Gestalt an. Gottes Wahrheit «begegnet» als Mensch: Sie spricht an, beansprucht ihr Gegenüber, verspricht, fragt, wartet; sie konfrontiert, mutet zu, wirkt manchmal geradezu bedrängend; sie lädt ein, zieht an, weckt Vertrauen, stiftet Gemeinschaft.
Man kann sie für eine Weile ignorieren, sie bekämpfen, sie abweisen … Ausschalten, überwinden, vernichten lässt sie sich nicht.
Prof. Dr. Herbert H. Klement STH Perspektive Juni 2014

Alexander Solschenizyn verstarb am 3. August 2008 in Moskau.

»Der Mythos, wir hätten jetzt eine Demokratie, rührt in erster Linie daher, dass diese Lüge unermüdlich wiederholt worden ist. Zumal im Westen hat man sehr gern daran geglaubt. Wir haben höchstens demokratische Kulissen.« Alexander Solschenizyn, 6. März 2000 (über Russland, könnte auch mehr und mehr bei uns zutreffen)
Lese gerade Alexander Solschenizyns Aufzeichnungen aus dem Exil. Im Jahr 1975 (!), also vor fast 50 Jahren, schreibt er prophetisch: „Die ukrainische Frage ist für unsere Zukunft eine der gefährlichsten… Ich wünsche den Ukrainern von Herzen Glück. Es wäre mein Wunsch, dass wir unsere verfluchten Probleme gemeinsam richtig lösen könnten, nicht in Feindschaft… Wie es völlig umsonst ist, den Ukrainern zu beweisen zu versuchen, dass wir alle unsere Herkunft und unserem Geist nach aus Kiew stammen, so wollen sich auch die Russen keinesfalls vorstellen, dass entlang des Dnjepr wirklich ein anderes Volk lebt. Gerade die Bolschewiken haben sehr viele Kränkungen und Zwistigkeiten gesät: Wie überall haben diese Schlächter nur die Wunden aufgewühlt und gequält, und wenn sie gegangen sein werden, werden sie uns alle in verfaultem Zustand zurücklassen. Es wird eine komplizierte Aufgabe sein, das Gespräch im Rahmen der Vernunft zu halten…. Auf jeden Fall weiß ich: wenn es, Gott bewahre, zu einem russischen-ukrainischen Krieg kommen sollte, werde ich nicht in ihn ziehen und werde meine söhne nicht hergeben.“ Markus Spieker

Was Jesus In Seinem Volk Sieht

„Es ist offenbar, dass Jesus viel mehr in seinen gläubigen Nachfolger sieht, als sie in sich selbst sehen, mehr als andere in ihnen sehen. Der kleinste Glaube ist durchaus Wertvoll in Jesu Augen. Auch wenn er kaum größer als einen Senfkorn ist, ist er vom Himmel geschenkt und gepflanzt. Von Himmel kommt auch sein Wachstum. Dieser kleine Glaube macht den ganzen Unterschied zwischen einem Gläubiger und einem Menschen der Welt. Wo auch immer der gnädige Retter von Sündern solchen wahren Glauben an ihm sieht, egal wie schwach dieser Glaube auch sei, überschaut Er voller Barmherzigkeit viele Schwächen und Unzulänglichkeiten.“
J C Ryle, Expository Thoughts on John, s. 190.

Eine Dorfkirche mit einem Dorfgott

„Ich erinnere mich dran, vor einigen Jahre eine Gemeinde besucht zu haben. Ich habe mich unbemerkt in die letzte Reihe hingesetzt. … Als wir zu der Fürbitte kamen, hat ein Laienbruder die gehalten, denn der Pastor war im Urlaub. Deswegen hat der Bruder gebetet, dass der Pastor seinen Urlaub genießen möchte. Das ist in Ordnung. Pastoren sollen einen guten Urlaub genießen können.
Zweitens, hat er für eine Frau in der Gemeinde gebetet, deren Baby demnächst erwartet war, dass das Kind gesund zur Welt kommt. Auch ein respektables Gebet. Drittens hat er für eine andere Dame gebetet, die krank war. Das waren die Fürbitte. Sie haben zwanzig Sekunden gedauert.
Ich habe mir gesagt, es ist eine Dorfkirche mit einem Dorfgott. Sie haben kein Interesse an der Welt da draußen. Niemand hat über die Armen, die Unterdrückten, die Flüchtlingen, die Kriegsorten, oder gar über Weltevangelisation gedacht.“ 
John Stott, Ten Great Preachers, s.117.

Himmel und Erde werden vergehen; aber meine Worte werden nicht vergehen. Matthaeus 24:35

Wenn also heute dieses Wort Gottes durch rechtmäßig berufene Prediger in der Kirche verkündet wird, glauben wir, dass Gottes Wort selbst verkündigt und von den Gläubigen vernommen werde, dass man aber auch kein anderes Wort Gottes erfinden oder vom Himmel her erwarten dürfe: und auch jetzt müssen wir auf das Wort selber achten, das gepredigt wird, und nicht auf den verkündigenden Diener; ja wenn dieser sogar ein arger Bösewicht und Sünder wäre, so bleibt nichtsdestoweniger das Wort Gottes wahr und gut. Heinrich Bullinger (1504-1575), Das zweite helvetische Bekenntnis, 1566 (1. Kapitel: Die Heilige Schrift, das Wahre Wort Gottes)

„Briefe aus der Hölle“

Vor einigen Jahren ist ein seltsames Buch erschienen. Es hatte den Titel: „Briefe aus der Hölle“. Darin hat sich einer aus­gemalt, wie die Hölle wohl aussehen könnte.
Eine Szene hat mir beim Lesen tiefen Eindruck gemacht und ist mir unvergeßlich geblieben:
Der Wanderer geht über eine endlose, graue Steppe. Überall sieht er Menschen sitzen. Sie haben gequälte Gesichter, sie rau­fen sich die Haare, sie sitzen und stützen den Kopf schwer in die Hand, sie scheinen ratlos zu sein. Es ist so, als ob sie mit schärfster Konzentration über irgend etwas nachdenken. Die Leute können einem leid tun.
„Worüber denkt ihr nach?“ fragt der Wanderer sie.
„Über einen Namen.“
„Über einen Namen — über welchen Namen denn?“
„Ja, das wissen wir eben nicht. Das ist ja gerade unser Unglück.“
„Wie, das wißt ihr nicht? Ihr denkt über einen Namen nach, den ihr nicht kennt? Das verstehe ich aber wirklich nicht.“
„Ja“, sagen die Verdammten, „wir wissen nur so dunkel, daß es einen Namen gibt, einen starken und herrlichen Namen. Wenn wir diesen anrufen könnten, dann könnten wir sogar hier aus der Hölle gerettet werden. Bei Lebzeiten haben wir einmal diesen Namen gehört. Aber wir haben nicht darauf ge­achtet. Und nun — können wir ihn eben nicht mehr finden. Kannst du uns nicht den Namen sagen?“
Dann hängen sich die Verdammten an den Wanderer, flehen und bitten, betteln und winseln, ob er ihnen nicht den Namen nennen könnte.
Das Erschütterndste aber kommt dann erst:
Der Wanderer nennt ihnen nun den Namen, den einen, gro­ßen, herrlichen Namen, den Namen Jesus. Aber so deutlich er auch den Namen ihnen sagen mag, es ist, als könnten sie ihn nicht verstehen. Schließlich ruft er ihn so laut, daß es wie das Heulen eines Orkans ist, er schreit ihn in alle Winde, er meint, es müßte in den Ohren ihnen dröhnen — aber es ist, als sei ihr Ohr verstopft. Sie können den Namen nicht hören. Sie haben kein Organ mehr, ihn zu vernehmen. Da wendet er sich trau­rig von ihnen. Wie schrecklich ist das: Der Name ist da, aber sie können ihn nicht mehr finden. Und ob man den Namen ihnen auch sagt, sie können ihn nicht mehr fassen. — Dir aber, mein Leser, will ich es darum um so deutlicher zurufen:
„Wer den Namen des Herrn Jesus anrufen wird, der soll gerettet werden“ (Apg. 2, 21). Höre es doch beizeiten! Sammle in der Zeit, dann hast du in der Not! Wisse, je älter — je käl­ter. Erst will man nicht, dann kann man nicht. Darum glaube es doch:
„Es ist in keinem ändern Heil, ist auch kein anderer Name unter dem Himmel den Menschen gegeben, darin sie sollen selig werden — — als nur der Name Jesus!“ (Apg. 4, 12).
Das wird die schrecklichste Hölle sein, daß man den Namen nicht mehr wissen darf, durch den wir Rettung und Seligkeit erlangen. Gott helfe uns, daß wir diesen Namen ernst nehmen, lieb gewinnen und anrufen, solange es noch Zeit ist. Wilhelm Busch
https://info2.sermon-online.com/german/WilhelmBusch/Kleine_Erzaehlungen_17_Der_Name_Jesus.html

Ist Jesus in die Hölle hinab gestiegen

Die meisten Christen kennen das Apostolische Glaubensbekenntnis mit seiner Aussage, dass Jesus hinabgestiegen ist „in die Hölle/in das Reich des Todes“. Aber ich bin mir nicht sicher, ob sie wissen, was dieser Ausdruck wirklich bedeutet und wie er mit der Lehre der Bibel in Einklang zu bringen ist. Wie genau ist Jesus in die Hölle hinabgestiegen und wann ist das geschehen? Geschah es am Kreuz, wie Johannes Calvin glaubte? Oder geschah es, nachdem Jesus gestorben und bevor er von den Toten auferstanden war, wie viele andere geglaubt haben? War dieser descensus ein buchstäblicher Abstieg? Oder war er bloß symbolisch? Und was war darin inbegriffen? Es ist darauf verwiesen worden – und das zurecht – dass der Ausdruck „hinabgestiegen in die Hölle“ nirgendwo in der Bibel zu finden ist. Aber heißt das, dass das Konzept hinter diesem Ausdruck auch nicht in der Bibel zu finden ist? Wohin können wir uns wenden, um auf diese Fragen eine Antwort zu finden?
Persönlich hat mir die Lehre von Hebräer 13,11–12 geholfen. Ich denke, dass diese Verse uns den besten Weg zeigen, wie wir den Ausdruck „hinabgestiegen in die Hölle“ verstehen können und wie dieses Konzept tatsächlich biblisch ist, selbst wenn der Ausdruck so nicht direkt in der Bibel vorkommt. Wenn wir diese Verse im Licht des alttestamentlichen Opfersystems verstehen, denke ich, dass wir erkennen, dass Jesus „in die Hölle hinabstieg“ während er sich am Kreuz als Sühneopfer für sein Volk darbrachte.
Der alttestamentliche Opferkontext von Hebräer 13,11 wird auf den ersten Blick sofort deutlich: „Denn die Leiber der Tiere, deren Blut für die Sünde durch den Hohenpriester in das Heiligtum getragen wird, werden außerhalb des Lagers verbrannt“. Wenn wir über diese Verse nachdenken, müssen wir uns daran erinnern, dass die allererste Sache, die der Priester im Alten Testament mit dem Sündopfer tat, war, seine Hände auf das Haupt des Tieres zu legen, das geopfert wurde (3Mo 4,4–5). Dadurch übertrug er seine eigenen Sünden (oder die Sünden des Volkes) auf das Tier – was bedeutete, dass es nun zur Sünde geworden war. Dann tötete der Hohepriester das sündetragende Tier und trug seinen Leib „außerhalb des Lagers“, wo es völlig verbrannt wurde.
Aber warum außerhalb des Lagers? Was war so bedeutend an diesem besonderen Ort? Was sollte dieser Ausdruck kommunizieren? Einfach gesagt, Gott selbst lebte im Lager Israels. Er wohnte inmitten seines Volkes und das auf eine Weise, die anders war als die Weise, wie er außerhalb des Lagers wohnte. Als allgegenwärtiger Herr des Universums war Gott offensichtlich gegenwärtig sowohl innerhalb als auch außerhalb des Lagers (weil er überall gegenwärtig war – und ist). Aber er war bundesmäßig und evangeliumsmäßig nur im Lager gegenwärtig, nicht außerhalb. Lass mich erklären, was ich meine.
Wenn ich sage, dass Gott außerhalb des Lagers nicht bundesmäßig gegenwärtig war, dann meine ich, dass die Verheißung „Ich will euer Gott sein, und ihr sollt mein Volk sein“ (2Mo 6,7; Jer 7,23) nur innerhalb des Lagers galt. Gott war nicht der Bundesgott derer, die außerhalb des Lagers waren; sie waren nicht sein Volk. Seine Bundesgegenwart erstreckte sich nicht außerhalb der Grenzen des Lagers, welches aus den zwölf Stämmen Israels bestand, die sich um die Stiftshütte versammelten. „Außerhalb des Lagers“ war demnach der Ort außerhalb von Gottes bundesmäßigem Wohlwollen. Es war der Ort, wo er nicht ihr Gott war und sie nicht sein Volk waren.
Wenn ich sage, dass Gott außerhalb das Lagers nicht evangeliumsmäßig gegenwärtig war, dann meine ich, dass Gott für das Wohl der Menschen nur innerhalb das Lagers am wirken war. Natürlich war Gott auch außerhalb des Lagers am schaffen, aber er war nicht am wirken für das Wohl der Menschen, die da waren, weil sie nicht sein Volk waren und er nicht ihr Gott. Römer 8,28 ist eine herrliche Verheißung, die jeder Christ wertschätzen sollte. Aber sie gilt nur für Christen oder, wie Paulus sagt, „denen, die Gott lieben“ und „die nach dem Vorsatz berufen sind“. Sie gilt nicht für diejenigen, die nicht zu Gottes Volk gehören. Und der gleiche grundlegende Gedanke trifft zu für diejenigen, die innerhalb und außerhalb des Lagers lebten. Gott war innerhalb des Lagers gegenwärtig für das Wohl seines Volkes, aber nicht auf diese Weise außerhalb des Lagers. Gott war außerhalb des Lagers nur in Gericht und Zorn gegenwärtig.
Nach der Bibel gibt es nur einen Ort, der letztendlich für immer außerhalb von Gottes bundesmäßiger und evangeliumsmäßiger Gegenwart ist, und das ist die Hölle. Dies ist der einzige Ort, über dessen Bewohner wirklich und dauerhaft gesagt werden kann, dass Gott nicht ihr Gott ist und sie nicht sein Volk. Dies ist der einzige Ort, an dem Gott nur in Gericht und Zorn gegenwärtig ist (erinnere dich daran, dass Gottes Allgegenwart bedeutet, dass er sogar in der Hölle gegenwärtig ist) und niemals zum Segen. Es überrascht deshalb nicht, dass Jesus wiederholt von der Hölle als dem Ort der „äußersten Finsternis“ redet, wo „Heulen und Zähneknirschen“ ist (z.B. Mt 8,12; 13,42.50; 22,13; 24,51; 25,30). Dies ist der Ort außerhalb von Gottes bundesmäßiger und evangeliumsmäßiger Gegenwart. Er ist außerhalb des Lagers.
Diese Interpretation scheint durch die Tatsache gestützt zu werden, dass die Juden die Leiber der Tiere (die durch Übertragung Sünde geworden waren) außerhalb des Lagers bringen und im Feuer verbrennen mussten, da das Neue Testament wiederholt von der Hölle mit dem Begriff „Feuer“ redet. Es ist der „Feuerofen“ (Mt 13,42.50), das „ewige Feuer“ (Mt 25,41), das „unauslöschliche Feuer“ (Mk 9,43) und der „Feuersee“ (Offb 20,14). Und diejenigen, die der Hölle entgehen, werden „wie durchs Feuer hindurch“ errettet (1Kor 3,15) oder „aus dem Feuer“ gerissen (Judas 23).
Wenn wir das verstehen, können wir nachvollziehen, wie das Opfersystem des Alten Testaments symbolhaft verlangte, dass die Leiber der Tiere (die durch Übertragung Sünde geworden waren) zur Hölle gebracht und völlig im Feuer verbrannt wurden. Und in diesem Licht ist Hebräer 13,12 so bedeutsam, weil es aussagt: „Darum hat auch Jesus, um das Volk durch sein eigenes Blut zu heiligen, außerhalb des Tores gelitten“. Der Punkt sollte klar sein: Es gibt eine direkte Verbindung zwischen Jesu Opfer am Kreuz – welches außerhalb der Stadttore Jerusalems stand – und der Praxis, im Alten Testament die Tieropfer außerhalb des Lagers zu verbrennen. Genauso wie den Tieropfern die Sünden des Volkes übertragen, sie getötet und außerhalb des Lagers in die Hölle gesandt wurden, um völlig im Feuer verbrannt zu werden, so wurden Christus die Sünden seines Volkes übertragen (2Kor 5,21), er wurde getötet und „außerhalb des Lagers“ in die Hölle gesandt, um völlig verzehrt zu werden.
Und der Gedanke ist, dass all dies am Kreuz geschah. Jesus ging zur Hölle – dem Ort außerhalb von Gottes bundesmäßiger und evangeliumsmäßiger Gegenwart – als unser Sündenträger und er wurde im Zorn und Urteil Gottes völlig verzehrt. Es war in diesem Moment, dass er den wohlbekannten Verzweiflungsschrei ausstieß: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ (Mt 27,46; Mk 15,34). In diesem Moment behandelte Gott ihn, als ob er Sünde wäre – die Sünde aller, die jemals an ihn glauben würden, in der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Jesus wurde völlig im Feuer verzehrt als das sündetragende Opfer und uns wird gesagt, dass dies „außerhalb des Lagers“ geschah.
Nach Hebräer 13,11–12 stieg Jesus in die Hölle hinab. Er tat das am Kreuz, als er eine Ewigkeit der Hölle für alle Sünden seines ganzen Volkes ertrug; aller seiner Kinder, die jemals leben würden. Er wurde völlig verzehrt. Das bedeutet, dass keine Hölle mehr übrig bleibt für diejenigen, die in Christus sind. Er stieg in die Hölle hinab, damit wir es niemals tun müssen. Er stand an unserer Stelle und nahm das Urteil und den Zorn Gottes über unsere Sünden auf sich. Und er stand am dritten Tag wieder von den Toten auf, um zu bekräftigen, dass sein Opfer tatsächlich von dem Gott des Universums angenommen wurde. Gelobt sei Gott, von dem aller Segen fließt!

Hebräer 13,11–12
Guy Richard ist geschäftsführender Direktor und Assistenzprofessor für Systematische Theologie am Reformierten Theologischen Seminar (RTS) in Atlanta (USA).
Dieser Beitrag erschien zuerst bei Ligonier Ministries. Übersetzung und Wiedergabe mit freundlicher Genehmigung. Mehr Ressourcen von Ligonier Ministries.
https://www.evangelium21.net/media/1197/ist-jesus-in-die-hoelle-hinab-gestiegen

Das Schwere leicht gemacht

…wenn das Schwere plötzlich in uns abfällt
und der Geist hier in uns und bei uns ist
und Probleme sich aus dem Staub machen
und die Menschen wieder anfangen zu lächeln.
Gott ist leicht,
Gott ist nicht schwer,
Gott ist schwierig, ist kompliziert, ist hochdifferenziert,
aber nicht schwer.
Gott ist das Lachen, nicht das Gelächter,
Gott ist die Freude, nicht die Schadenfreude,
das Vertrauen, nicht das Misstrauen, …
und er schickt seit Jahrtausenden
den Heiligen Geist in die Welt
dass wir zuversichtlich sind
dass wir uns freuen…
von zartem Gemüt
von fassungsloser Großzügigkeit
und von leichtem Geist.
Hanns Dieter Hüsch aus: Das Schwere leicht gesagt
https://citykirche-magazin.de/das-schwere-leicht-gemacht/

Menschenfresser brauchen das Evangelium nicht

„Beinahe alle Übel und alles Böse dieser Welt haben ihren Ort und Ursprung im Krieg“, schrieb Mitte des 16. Jahrhunderts der Zürcher Reformator Heinrich Bullinger. Eines dieser Übel ist die Entmenschlichung der Einwohner des feindlichen Landes. So geschieht es auch nun wieder, auf dem Hintergrund des Krieges zwischen der Ukraine und Russland. Litauen führt zwar direkt keinen Krieg gegen den großen Nachbarn im Osten, doch im öffentlich-rechtlichen Sender LRT hörte man, „die Mehrheit [der Menschen Russlands] sind Zombies“ – all diejenigen, die auf die eine oder andere Weise Putin unterstützen oder sich nicht von ihm abgrenzen, seien keine richtigen Menschen. „Am Putinismus sind 80% der Russen erkrankt“, so Vytautas Landsbergis weiter. Ihr Hirn arbeite nicht mehr normal. Es blieben nur 20% – „Noch haben sich nicht alle Russen in Zombies und Menschenfresser verwandelt.“

Das sind leider keine Einzelstimmen. Der bekannte Journalist (und Lutheraner) Rimvydas Valatka meinte im April, nicht Putin, sondern das russische Volk sei das eigentliche Problem. Die Russen hätten in ihrer Geschichte immer wieder die Chance verpasst, zu Menschen zu werden. Nun habe man ein Volk von „Monstern“, das sich einen passenden Präsidenten gewählt hat. Im Hinblick auf russische Kriegsverbrechen benutzte auch Präsident Nauseda den neuen Modebegriff: „Diese Grausamkeiten können nur von Zombies, nicht von Menschen, begangen worden sein.“ Schließlich ist ein einflussreicher Influenzer zu nennen, der sagte, die Russen seien (alle?) Aggressoren, die der „Verwertung“ zugeführt werden sollten.

Zombies, Monster und Menschenfresser sind keine richtigen Menschen – lebende Tote, Ungeheuer, furchteinflößende Mischwesen. Solche „Untermenschen“ können, ja müssen beseitigt werden. Deutsche wissen nur zu gut, dass es zu solchen Vorstellungen kommt, wenn über Generationen Hass auf ganze Völker aufgebaut wird. So schrieb Ernst Moritz Arndt im Jahr 1813 in „Über Volkshaß“, jedes Volk müsse „eine feste Liebe, einen festen Haß haben“. Im Krieg gegen Napoleon war Haß gegen die Franzosen gefragt, und zwar „für immer“. „Dieser Haß glühe als die Religion des deutschen Volkes, als heiliger Wahn in allen Herzen“. 1809 sprach er davon, dass das Ziel des Hasses die Vernichtung des „Scheusals“ sei; die Soldaten der Heere Napoleons seien „Franzosenungeziefer“, das zu beseitigen sei. Anfang des I Weltkriegs übernahm Ernst Lissauer die Staffel und schrieb den „Haßgesang gegen England“, den viele Deutsche bald auswendig kannten.

Ganz oben an der Stadtverwaltung von Vilnius prangt ein riesiges Plakat mit englischer Aufschrift: „Putin, Den Haag wartet auf dich“. Gemeint ist, dass sich der russische Präsident vor einem Kriegsverbrechertribunal verantworten und wie schon die Anführer der Serben verurteilt werden soll. Vor einem Gericht stehen aber nur Menschen, keine Zombies. Einen Verrückten sperrt man in die Psychiatrie weg, ein Monster wird beseitigt. Allen (normalen) Menschen dagegen muss ein faires Verfahren gemacht werden, denn alle sind nach dem Ebenbild Gottes geschaffen und besitzen eine unverlierbare Würde – auch oder gerade der Verbrecher.

Bibelstellen wie 1. Mose 9, 5-6, 2. Mose 21, 24 und 5. Mose 25, 1-3 machen deutlich, dass die Würde des Menschen verlangt, angemessen und begrenzt bestraft zu werden. Strafe „verdienen“ Menschen, nicht Tiere oder andere Wesen. Dabei muss Schuld, ein konkretes Verbrechen, auch tatsächlich vorliegen und der Person nachgewiesen werden – und dann muss die verdiente Strafe aber auch verhängt werden. Es darf nicht willkürlich oder nur zu Abschreckung gestraft werden. Der Bestrafte bleibt „Bruder“ oder Mitbürger, der nicht entehrt oder öffentlich gedemütigt werden darf (5. Mose 25, 3).

1945 offenbarten sich der Welt nach und nach alle barbarischen Untaten der Nazis. Das Volk der Dichter und Denker war einen teuflischen Abhang hinabgerutscht – direkt in die Arme einer verbrecherischen und skrupellosen Bande. Sollte man die Haupttäter des „Dritten Reiches“ nicht kurzerhand erschießen, wie Churchill vorschlug? Die Alliierten entschlossen sich jedoch dazu, nicht weiter an der Spirale des Hasses zu drehen. Recht sollte gesprochen werden; ein Signal, dass auch Verbrechen durch eine Staatsführung geahndet werden können. Beim Nürnberger Kriegsverbrechertribunal saßen 1945/46 21 Männer aus der Spitze der Diktatur auf der Anklagebank. Nach dem um Fairness bemühten Verfahren wurden drei Angeklagte freigesprochen, sieben zu Haftstrafen verurteilt und die anderen zum Tode verurteilt (Göring entzog sich dem Strang durch Selbstmord).

Die Nazi-Führer bekamen als Menschen einen ordentlichen Prozess, der sie ihrer irdischen Strafe zuführte. Als Menschen wurden ihnen auch zwei Militärseelsorger zur Seite gestellt: der katholische Priester Sixtus O’Connor und der Pfarrer Henry Gerecke aus der lutherischen Kirche der Missouri-Synode. Beide Amerikaner wussten um die Gräuel der Nazis (O’Connor war unter den ersten, die das befreite KZ von Mauthausen bei Linz betraten). Als Christen hatten sie keine Illusion über die Abgründe des Bösen, die sich in jeder menschlichen Seele auftun können. Beide bemühten sich intensiv um ihre verlorenen Schafe.

„Es waren die siegreichen Alliierten, die in Nürnberg über die Verbrechen der führenden Nazis urteilten. Aber es war ein Pastor der amerikanischen Lutherischen Kirche (Missouri Synod), der diesen Männern zu zeigen versuchte, dass das, was sie eigentlich fürchten sollten, das Gericht Gottes war“, schreibt Tim Townsend in seinem Buch über Gereckes Mission in Nürnberg (Letzte Begegnungen unter dem Galgen, Hänssler, 2016).

Gerecke glaubte, so Townsend weiter, „dass es seine Pflicht als Pastor und Seelsorger war, diesen Seelen Erlösung zu bringen und so viele dieser Nazi-Größen, wie er konnte, vor ihrer Hinrichtung zum Glauben zu bringen“. Einige der Angeklagten wie Rosenberg, Kaltenbrunner oder Streicher wiesen die Bemühungen der Seelsorger jedoch zurück. Letzterer posaunte noch vor der Hinrichtung „Heil Hitler!“ hinaus.

Der lutherische Pastor hatte keine billige Gnade im Angebot. Zum Abendmahl ließ er nur die diejenigen zu, die nicht nur Bedeutung dieses Sakraments verstanden, sondern auch in Buße und Glauben innerlich dafür bereit waren. Göring verweigerte Gerecke Brot und Wein, da dieser zwar an Gott, wie er sagte, aber nicht an den Retter Jesus Christus glaubte. Wilhelm Keitel, zuvor Chef des Oberkommandos der Wehrmacht, kehrte dagegen zum Glauben zurück und bedankte sich bei Gerecke: „Sie haben mir mehr geholfen, als Sie sich vorstellen können. Möge Christus, mein Heiland, mir bis zum Ende helfen und zur Seite stehen. Ich werde ihn so nötig brauchen.“

Auf dem Weg zum Galgen summte Keitel das Lied „Harre, meine Seele“ von Johann Friedrich Räder (EG, 596). Vor der Hinrichtung betete er Graf von Zinzendorfs Worte mit Gerecke nach: „Christi Blut und Gerechtigkeit, das ist mein Schmuck und Ehrenkleid, damit will ich vor Gott bestehn, wenn ich zum Himmel werd eingehn“.  Keitel und andere waren bis zum bitteren Ende willige Helfer Hitlers. Die Führungsclique des Nazis hatte Millionen Menschenleben auf dem Gewissen. Doch in seinem Bericht schreibt Gerecke, er glaube aufrichtig, dass Frick, Sauckel, Ribbentrop und Keitel „als reuige Sünder starben, die auf Gottes Gnade vertrauten und um Vergebung baten. Sie glaubten an Jesus, der sein Blut für ihre Sünden vergossen hat.“

Die Mehrheit der Menschen Russlands wie auch Deutschlands oder Litauens  sind zwar einst Getaufte (wie alle auf der Anklagebank in Nürnberg), doch ihnen fehlen persönliche Reue über Sünde und persönlicher Glaube. Menschenfresser und Zombies brauchen das Evangelium tatsächlich nicht, doch Menschen – wie tief auch immer sie gefallen sind – ist die Gute Nachricht von „Christi Blut und Gerechtigkeit“ weiterzusagen.
http://lahayne.lt/2022/07/15/menschenfresser-brauchen-das-evangelium-nicht/