Sieben Regeln zum Lesen der Schrift

Franz Delizsch predigte 1852 über das Lesen der heiligen Schrift. Dabei stellte er sieben Regeln auf, wie man sie heilsam lesen soll. Eingangs hält er fest: Die Schrift ist für das geistliche Leben das, was die Sonne für das natürliche Leben ist – Grundlage, ohne die nichts wachsen kann. Als eine solche Sonne “empfängt sie ihr Licht nicht erst von der Kirche, sondern sie hat es in sich selber. Im Gegenteil empfängt die Kirche ihr Licht von der heiligen Schrift und ist nicht die rechte Kirche, wenn sie sich nicht gern in dieses Licht stellt.” Dass Delitzsch über dieses Thema predigte, und nicht etwa einen Vortrag hielt, hat einen ganz einfachen Grund: Der Glaube kommt aus dem Anhören des gepredigten Wortes (Röm 10,17). “Aber die mündliche Predigt ist doch nur ein Sonnenstrahl und die heilige Schrift ist und bleibt die Sonne.” Auch zum Lesen ist also anzuregen, und zwar am Besten, indem man darüber predigt. Möge Delitzsch in dieser Hinsicht ein Vorbild für alle PredigerInnen sein!

Aber kommen wir zur Frage: Wie soll ich die heilige Schrift lesen?

Vor allen Regeln ist festzuhalten, dass wir die Schrift nicht ohne Christus lesen können, nur in seinem Licht ist sie erkennbar. Ohne ihn ist sie nur “der Buchstabe, der uns tötet, […] nur ein Feuer des Zorns, das uns verzehrt und nicht die Sonne, die uns erleuchtet.”

I. Regel: Forsche in der heiligen Schrift täglich, denn sie ist das Buch der Bücher!

Die Vielzahl der Verfasser, der Orte, an denen geschrieben wurde und die Zeitspannne, in der die verschiedenen biblischen Bücher entstanden sind, machen die Bibel tatsächlich zu einem universellen Buch, zu einem Buch der Bücher. Sie ist “klar genug dem Einfältigsten und unergründlich auch dem Weisesten.” Nie ist einer gewesen und wird sein, “der sie ausgelernt hätte”. Es ist Gottes Wille, dass du sie vor allen anderen Büchern liest (Jos 1,8): “Lass das Buch dieses Gesetzes nicht von deinem Munde kommen, sondern betrachte es Tag und Nacht”.

II. Regel: Merke demütig auf, denn sie ist das Wort deines Gottes

Mancher studiert fleißig, sucht aber eigentlich nur seine eigenen Gedanken. Er stellt sich über die Schrift, statt sich ihr zu unterwerfen, unterwirft sie seinem Urteil, statt sich unter ihrem Urteil zu beugen. Wer so selbstsüchtig und selbstweise die Schrift liest, wird an ihr zum Narren. “Denn die Schrift ist zwar von Menschen geschrieben, aber von Menschen Gottes.” Also redet in der Schrift Gott zu dir, der Allmächtige redet zum Ohnmächtigen, der Heilige zum Sündhaften, der Majestätische an den Armen.

III. Regel: Bitte um den heiligen Geist, denn sie ist das Werk des heiligen Geistes

Die heilige Schrift kann unmöglich von denen verstanden werden, welche nicht den heiligen Geist haben, denn dieser hat Gottes Wort in menschliche Rede gefasst.  Er hat in allen Verfassern gewirkt und macht aus den vielen Schriften die eine heilige Schrift. “Was aber aus dem heiligen Geiste hervorgegangen ist, das ist uns nur insoweit verständlich, als dieser uns das Verständnis öffnet.” Deshalb bete oft: “Öffne mir die Augen, dass ich die Wunder an deinem Gesetz sehe!” (Ps 119,18).

IV. Regel: Erkenne dein Sündenelend, denn die Schrift ist das Zeugnis von Christus deinem Erlöser

Die Schrift besteht aus Gesetz und Evangelium. “Das Gesetz verkündigt uns verheißend und drohend die Forderungen Gottes des Heiligen, das Evangelium bietet uns die rechtfertigende und heiligende Gnade der Erlösung an.” Wir können die Forderungen des Gesetzes nicht erfüllen, gerade das zeigt uns das Gesetz. Es weckt die Sehnsucht nach Erlösung in uns. Weil also die ganze Schrift von Christus dem Erlöser predigt, kann ein Selbstgerechter sie nicht verstehen. Wenn ihn die Drohungen des Gesetzes nicht erschrecken, rührt ihn auch die im Erlösungswerk offenbar gewordene Liebe Gottes nicht, die Tröstungen des Evangeliums erquicken ihn nicht. So folge David, wenn du in der Schrift über Gottes Gericht über die Sünder und das große Opfer der Erlösung liest, und bete bußfertig.

V. Regel: Öffne gläubig dein Herz, denn sie ist das Mitteilungsmittel aller Gnade

Die heilige Schrift ist das in menschliche Rede gefasste Wort Gottes. “In und mit dem Wort Gottes wirkt überall wo es gelesen oder gehört wird der heilige Geist; durch das Wort nahen sich dir der Vater und der Sohn; von dem Wort strömen die Kräfte der zukünftigen Welt auf dich”. Dieser Schatz wird durch den Glauben ergriffen. Deshalb bete: “Ich tue meinen Mund auf und begehre deine Gebote, denn mich verlangt danach” (Ps 119,131). Lass es wie Lydia an dir geschehen, dass der Herr dein Herz öffnet und du darauf acht hast, was gepredigt wird (Apg 16,14).

VI. Regel: Lass die Schrift ein neues Leben in dir wirken, denn sie ist der Same der Wiedergeburt

Die Gnadengüter werden erst da genossen, wo inmitten unseres alten selbstbezogenen Lebens ein neues, göttliches Leben begonnen hat. “Christi Leben muss Saft und Kraft deines Lebenswerden und dein Leben muss mehr und mehr in Wesen und Art des Lebens Chrsti verwandelt werden, und dieser Fortgang des neuen Lebens kann nicht ohne das Wort geschehen, wie auch der Anfang desselben durch die Taufe nicht ohne das Wort in dir gewirkt worden ist.” Im Wort Gottes hast du Christus vor dir, den du durch die Taufe in dir hast. Jedes Wort Gottes ist wie ein Same, es fällt in dein Herz wenn du es aufnimmst und macht dein neues Leben immer fester.

VII. Regel: Prüfe dich täglich in der heiligen Schrift, denn nach ihr entscheidet sich deine ewige Seligkeit oder Verdammnis

Welche am Gesetz gesündigt  haben, werden durch das Gesetz verurteilt (Röm 2,12f). “Wer mich verachtet und nimmt meine Worte nicht auf, der hat sich schon gerichtet (Joh 12,48). Dein ewiges Geschick entscheidet sich nach deinem Verhältnis zu dem in der heiligen Schrift verzeichneten Willen Gottes und nach deinem Verhältnis zu dem in der Schrift verzeichneten Worte Jesu Christi.” Es ist nicht möglich, sich einen eigenen Heilsweg auszudenken, nach eigener Facon selig zu werden. Nur nach dem Wort Gottes wirst du gerettet. “Darum stelle dich täglich in das Licht dieses Wortes und lasse es alle Winkel deines Inwendigen durchleuchten.”

Zusammenfassung: Lies die Schrift unablässig mit der Absicht, dass sie dich unterweise zur Seligkeit durch den Glauben an Christus Jesus (2. Tim 3,15).

Aus: Franz Delitzsch, Anweisung zu heilsamem Lesen der heiligen Schrift, Erlangen 1852
https://lutherischeslaermen.de/2020/11/28/sieben-regeln-zum-lesen-der-schrift-in-der-bankreihe-bei-delitzsch/?fbclid=IwAR1kU9SQP_jsmcrozmakK7-V4CZ_eY9XBOArNAweSKH_ceDUIqVf1RvhdtU

Die Kunst des Schriftstudiums

Es gibt ein Studium der Schrift, durch das man nicht reicher wird. Man liest alte, längst bekannte Dinge und Gedanken und erfährt durch all sein Schriftstudium nichts Neues. Die Kunst des Schriftstudiums besteht darin, daß man liest, als läse man zum erstenmal. Man muß glauben, daß es hier etwas zu lernen gibt, was uns neu ist. Wir müssen unsere eigenen Gedanken beiseitesetzen und auf den Gedanken des Textes eingehen. Wer Gottes Gedanken fassen will, muß seine eigenen Gedanken preisgeben. Wer lernen will, muß verlernen können.
Wir müssen ferner mit Fragen an die Schrift herantreten. Wer nicht fragt, erhält auch keine Antwort. Fragen aber regt unser Leben täglich und reichlich in uns an. Gegen diese Fragen, die uns das Leben stellt, darf man sich nicht abstumpfen. Man muß sie hören. Hört das Fragen auf, so hört das Wachsen auf. Wenn das Fragen in uns erlischt, so ist das nicht minder schlimm, als wenn wir das Bitten verlernen und nichts mehr zu bitten haben. Der Reichtum Gottes wäre dann für uns umsonst da. So ist auch der Reichtum Gottes an Wahrheit für uns vergeblich da, wenn wir nicht mehr fragen, sondern uns einbilden, daß es für uns nichts mehr zu fragen und zu lernen gäbe.
Mit immer neuen Fragen an die Bibel heranzutreten, das ist der sicherste Schutz vor Verarmung. Daß es immer neue Fragen für uns gibt, dafür sorgt der Gang unseres Lebens reichlich. Doch gibt uns die Welt nur Fragen und nicht auch Antworten. Antworten, solche Antworten, die gewisse Erkenntnis geben, kann nur Gott geben. Mit dem Verlangen nach immer neuem Licht, immer reicherer Erkenntnis, immer mehr Wahrheit, müssen wir daher an die Schrift herantreten.

Wilhelm Lütgert 1905 Andacht in der Zeitschrift Die Studierstube

Die Kunst des Schriftstudiums

Es gibt ein Studium der Schrift, durch das man nicht reicher wird. Man liest alte, längst bekannte Dinge und Gedanken und erfährt durch all sein Schriftstudium nichts Neues. Die Kunst des Schriftstudiums besteht darin, daß man liest, als läse man zum erstenmal. Man muß glauben, daß es hier etwas zu lernen gibt, was uns neu ist. Wir müssen unsere eigenen Gedanken beiseitesetzen und auf den Gedanken des Textes eingehen. Wer Gottes Gedanken fassen will, muß seine eigenen Gedanken preisgeben. Wer lernen will, muß verlernen können.
Wir müssen ferner mit Fragen an die Schrift herantreten. Wer nicht fragt, erhält auch keine Antwort. Fragen aber regt unser Leben täglich und reichlich in uns an. Gegen diese Fragen, die uns das Leben stellt, darf man sich nicht abstumpfen. Man muß sie hören. Hört das Fragen auf, so hört das Wachsen auf. Wenn das Fragen in uns erlischt, so ist das nicht minder schlimm, als wenn wir das Bitten verlernen und nichts mehr zu bitten haben. Der Reichtum Gottes wäre dann für uns umsonst da. So ist auch der Reichtum Gottes an Wahrheit für uns vergeblich da, wenn wir nicht mehr fragen, sondern uns einbilden, daß es für uns nichts mehr zu fragen und zu lernen gäbe.
Mit immer neuen Fragen an die Bibel heranzutreten, das ist der sicherste Schutz vor Verarmung. Daß es immer neue Fragen für uns gibt, dafür sorgt der Gang unseres Lebens reichlich. Doch gibt uns die Welt nur Fragen und nicht auch Antworten. Antworten, solche Antworten, die gewisse Erkenntnis geben, kann nur Gott geben. Mit dem Verlangen nach immer neuem Licht, immer reicherer Erkenntnis, immer mehr Wahrheit, müssen wir daher an die Schrift herantreten.
Wilhelm Lütgert 1905 Andacht für die Zeitschrift Die Studierstube
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